Junge Linke - Arbeit, Arbeit über alles

Wie aus der Schande eine Tugend wurde

“Zeit ist Geld”. Diese bürgerliche Lebensweisheit heißt nicht etwa, daß mensch von beidem möglichst viel haben sollte, um das Leben zu genießen. Sondern im Gegenteil: Die eigene Lebenszeit möglichst gut zu nutzen, um Geld zu verdienen – und aus dem Geld mehr Geld werden zu lassen. Nicht das antike Ideal der Muße, also Zeit zum Nachdenken, nicht das feudale Ideal von Ehre und Verzückung, sondern Sparsamkeit, ökonomische Vernünftigkeit und Fleiß sind die Leitsterne des Bürgertums. Ihren ersten Ausdruck finden sie in der Reformation, und hier im Calvinismus: Ob ein Mensch für Himmel oder Hölle vorherbestimmt ist, zeigt sich bereits an seinem Erfolg hienieden. Weil sich im Erfolg aber nur der feststehende Wille Gottes ausdrückt, der nicht beeinflußt werden kann, kann viel Zeit und Geld gespart werden: Nicht länger muß man jeden Tag in die Kirche rennen, Rosenkränze beten, Reliquien kaufen und hunderte von Kerzen vor Heiligenbildern anzünden oder gar teure Ablässe kaufen.

Daß diese Vorstellungen und ihre politischen und ökonomischen Konsequenzen vom erstarkenden Stadtbürgertum aufgegriffen wurden, läßt sich vorstellen: In den Niederlanden, Großbritannien und den USA war diese Religion von Sparsamkeit, Alltagsvernünftigkeit und Erfolg eine kulturelle Voraussetzung für eine erfolgreiche kapitalistische Entwicklung. Statt die Arbeit als Mühsal und Plage zu begreifen, wird die Anstrengung zum Weg, zu überprüfen, was aus der unsterblichen Seele einmal wird – und der Hinweis, diese/r oder jene/r habe ein “arbeitsreiches Leben” geführt, ganz ohne Mitleid, sondern mit Bewunderung ausgesprochen. Protestantische Arbeitsethik und der Verzicht auf irdische Genüsse passen hervorragend zum bibellesenden Gewissensfummler, der auf sich selbst als Erbsünder höllisch aufpassen muß, weil ihm kein geweihter Priester Absolution erteilen kann.

Die passende religiöse Innen-Ausstattung, die Welt als Arbeitsfeld, sprich Geschäftsgelegenheit anzusehen. Und das heißt eben auch: An den Verhältnissen und Traditionen vorkapitalistischer Zustände das Messer der Kritik der kapitalistischen Vernunft zu wetzen.

Arbeitsmythos und Bürgertum

Kurz vor Beginn der französischen Revolution schreibt der Abbe Emanuel Joseph Sièyes in seinem berühmten Traktat “Was ist der Dritte Stand?”: “Er [der dritte Stand - Anm. v.A.] ist der starke und kräftige Mensch, dessen einer Arm noch in Ketten liegt [...] Was wäre er ohne den privilegierten Stand? Alles, jedoch ein freies und blühendes Ganzes. Nichts kann ohne ihn geschehen, alles würde ohne die anderen unendlich besser vor sich gehen (…) Der Dritte Stand umfaßt mithin alles, was zur Nation gehört, und alles was nicht Dritter Stand ist, kann nicht als Teil der Nation betrachtet werden.”

Vom Standpunkt der Nation aus urteilte der Weltgeistliche über den ersten (Geistlichkeit) und den zweiten (Adel) Stand und kommt zu dem Urteil, sie seien überflüssig. Diese als parasitär ausgemachten Gruppen, die nicht arbeiten, sondern “beten” oder “kämpfen” sind die Fessel, die Bürger, Bauern und Handwerker am Arbeiten hindert bzw. sie um die Früchte ihrer Tätigkeit bringt. Bürgerlicher Spott über die Unfähigkeit des Adels, sich selbst zu ernähren, findet sich auch im Märchen vom König Drosselbart, wo die eitle und stolze Prinzessin, von ihrem Vater verstoßen, versuchen muß, sich eine eigene Existenz aufzubauen, was ihr durch Hochmut, Dummheit und Tolpatschigkeit mißlingt. Erst am Ende lernt sie Bescheidenheit.

Der Frühsozialist Saint-Simon faßt diese Kritik am Feudalsystem am radikalsten zusammen, in dem er den Klassenwiderspruch als den Widerspruch zwischen den produktiven und den müßiggehenden Klassen, den Arbeitern und Bürgern auf der einen, und den Großgrundbesitzern, Beamten und Klerikern auf der anderen Seite, auffaßt. Er proklamiert die Verwandlung der Nation zu einer großen Produktivgenossenschaft, in der der Kampf der Menschen gegeneinander sich in einen Kampf mit der Natur verwandelt, sich die Herrschaft von Menschen über Menschen in die Herrschaft von Menschen über Sachen verwandelt.(1)

Das Bürgertum in Frankreich also, daß seinen Respekt vor der Heiligkeit und vor den “wohlerworbenen Rechten” des Adels und des Klerus verloren hat, sagt den unnützen Parasiten den Kampf an, kritisiert ihre Nutzlosigkeit, Verschwendungssucht, ihren Luxus und entwindet ihnen durch Revolution (oder wie in Deutschland: durch Bündnis) die Macht. Das Selbstbildnis des Bourgeois als produktiv Tätigem, das Loblied auf Mäßigkeit, Sparsamkeit, Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, der Calvinismus und seinen protestantische Arbeitsethik, die Leistungsideologie, ist eben nicht nur Ideologie, sondern wirklich gelebte bürgerliche Moral – oft auch sicherlich Doppelmoral.

Diese bürgerliche Moral erklärte auch die Armut und das Elend zum individuellen Problem. Der Großteil der Menschen sei faul – ein permanenter Lernerfolg des schulischen Zwangsdienstes -, wer reich werden wolle, habe auch die Chance dazu. Auch die liberalen Philanthropen, die sich liebevoll der Arbeiterbewegung widmeten, waren der Überzeugung, Wissen sei Macht und mit viel Bildung, Geburtenkontrolle oder Schrebergärten käme die Arbeiterklasse schon aus den unerquicklichen Zuständen heraus. Die Bourgeoisie war wärmster Befürworter von Arbeitshäusern, weniger warm war die Befürwortung von Sozialmaßnahmen. Über die hieß es schon vor 150 Jahren, sie demoralisierten die Armen und ermunterten nicht zur produktiven Tätigkeit. Da hat sich nur wenig geändert.

Arbeiterbewegung und Arbeit

Nun möchte mensch denken, diejenigen, die direkt vom System der Lohnarbeit betroffen sind, seien – zumindest in der Zeit, als sie noch einen Bewegung waren – zu klugen Schlüssen gekommen. Aber weit gefehlt!

Marx hat zwar in aller Unschuld von der nichtarbeitenden Klasse gesprochen, er und Engels manch böses Bonmot über die Verlogenheit, Prunksucht und Gier der englischen Bourgeoisie erzählt. Beide aber sahen in der kapitalistischen Lohnarbeit die Erniedrigung des Menschen. Beide wußten noch, daß der Reichtum, den die Proleten durch ihre Arbeit erzeugen, ihr Feind ist, das Mittel zu ihrer Unterdrückung und die Bedingung ihrer Armut; daß die Lohnarbeiter an das entgegengesetzte Interesse des Kapitalisten gefesselt sind und darum die Schädigung ihrer Interessen garantiert ist. Nur wenig von diesen Ansichten findet sich in den Programmen der Sozialdemokraten: “Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsmitgliedern. (…) Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind.”

Böses ahnend entgegnete Marx: “Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn gerade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein anderes Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der anderen Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben. Er kann nur mit ihrer Erlaubnis arbeiten, also nur mit ihrer Erlaubnis leben.”

Und auch von der Befreiung der Arbeit hält er wenig: “Die erste Strophe ist aus den Eingangsworten der internationalen Statuten, aber ‘verbessert’. Dort heißt es: ‘Die Befreiung der Arbeiterklasse muß die Tat der Arbeiter selbst sein’; hier hat dagegen ‘die Arbeiterklasse’ zu befreien – was? ‘die Arbeit’. Begreife, wer kann.” (2)

Von der Vergötzung der Arbeit, dem Lob der Produktivität hält Marx nichts, wohl aber jene, die sich auf ihn berufen. Nicht die Wirtschaft, sondern die Mißwirtschaft halten die Sozialdemokraten für das Kritikable am Kapitalismus. Joseph Dietzgen, Autor der “Sozialdemokratischen Philosophie” verkündete: “Arbeit heißt der Heiland der neuen Zeit”. Das Loblied auf die Arbeit und der Stolz auf das Geschaffene – “die alte protestantische Werksmoral feierte in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arteitern ihre Auferstehung” (3) – gehen Hand in Hand mit einer moralischen Kritik des Kapitalismus.

Moralisch verlangt das Gothaer Programm “den vollen Arbeitsertrag” und argumentiert, das die Gesellschaft ein Anrecht auf die Produkte habe. Anstelle von guten Gründen gegen die Lohnarbeit rückt ein Lob der Produktion, das sich die Armut der Lohnarbeiter(innen) nur als bösen Betrug der unterdrückten Klasse durch ihre Unterdrücker erklären kann. Statt Analyse und Kritik betet die Arbeiterbewegung den bürgerlichen Wertekanon herunter und denunziert das Bürgertum: “durchgefallen”. Sie wärmt die bürgerliche Kritik am Feudalismus auf und übt sie an der Bourgeoisie, will alleine die Nation sein und ist überhaupt moralisch besser.

Die Ersetzung des revolutionären Kampfes durch die Propaganda für eine neue Sittlichkeit zog auch Bürgerliche an, die z.T. zu ideologischen Führern wurden: “Der ehemals bürgerliche Intellektuelle, der seine Klasse im Haß verlassen hat, neigt dazu, vom Proletarier zu fordern, dem Herrschenden seine Legitimation der Herrschaft dadurch streitig zu machen, daß er ein besserer Mensch sei.”(4)

Das wirkt bis heute nach. Moralische Legitimation der Kritik bleibt dabei die Arbeit, das harte entbehrungsreiche Leben in der Tretmühle – arm, aber ehrlich und anständig, und damit zur Kritik berechtigt. In der ‘revolutionären’ Zeit der Sozialdemokratie schlummerte darin noch die Idee der Überproduktion, der Entfaltung der Produktivkräfte – oder, wie Adorno kritisch anmerkte, “das Wunschbild des ungehemmten, kraftstrotzenden, schöpferischen Menschen (…) die Vorstellung von fessellosem Tun, das ununterbrochene Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb”.(5)

Später blieb von der Sehnsucht nach Reichtum und befreitem Leben bloß noch der Gerechtigkeitsfanatismus übrig: “Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein”, verheißt Lenin in “Staat und Revolution”. In Lenins Schriften merkt mensch die Schadenfreude, daß auch die Bourgeoisie nun arbeiten gehen muß. Das Lob der Disziplin, die sich die Arbeiter durch die Fabrikarbeit aneignen müssen und die auch Hitler immer so an der Arbeiterbewegung faszinierte – ist Propaganda für einen Sozialismus, der eine gerechte, disziplinierte, planvolle Arbeitsarmee unter wissenschaftlichem Kommando ist. Kommunismus – das ist das Ziel auf dem langen Marsch der Sozialisten, die sich – Lenin gemäß – die deutsche Kriegswirtschaft und die preußische Post als Vorbilder genommen haben und damit genau jene Logik in den Sozialismus hineintrugen, die Marx noch ausrufen ließ: “Nieder mit dem Lohnsystem!”(6)

Als die Sozialdemokraten erst einmal ihren Frieden mit Staat und Kapital gemacht hatten, blieb vom revolutionären Pathos nur wenig übrig – außer des Schulterklopfens für die berühmten kleinen Leute, denen zu ihrem Recht und bescheidenem Wohlstand zu verhelfen sich Sozialdemokratinnen jeder Couleur zu ihrer Aufgabe gemacht haben: “Die Sozialdemokratische Partei ist die Partei des arbeitenden Volkes in Stadt und Land. Sie erstrebt die Zusammenfassung aller körperlich und geistig Schaffenden, die auf den Ertrag eigener Arbeit angewiesen sind, zu gemeinsamen Erkenntnissen und Zielen, zur Kampfgemeinschaft für Demokratie und Sozialismus.” (Görlitzer Programm, 1921)

Heute haben die Sozis längst vor der Kapitallogik kapituliert. Die großsprecherischen Ankündigungen, man könne den Kapitalismus so managen, daß genug Sozialprodukt zum Verteilen dabei rausspringe, haben sich an der Wirklichkeit blamiert. Hat man sich aber erstmal auf den Standpunkt des Standortes Deutschland gestellt, so ist es nicht verwunderlich, daß die Sozis nach dem Scheitern ihres Reformismus keineswegs zur Revolution aufrufen, sondern daß ihnen anstatt dessen Gerechtigkeit und Solidarität einfallen. Teilen sollen die “arbeitenden Menschen” mit ihren arbeitslosen Freundinnen, Verzicht üben für die gute Sache. Gleichzeitig ist die SPD engagiert kritisch. Auch “die da oben” sollen moralisch sein. Schluß mit den Verlust von Steuereinnahmen durch Schluderei im Finanzamt, Schluß mit dem Absetzen vor Bestechungsgeldern von der Steuer! Was soll eine solche Partei auch noch gegen die Sozialschmarotzer-Debatte einwenden?

Es paßt dazu, daß allenthalben Arbeit nicht als bittere kapitalistische Notwendigkeit betrachte wird, sondern als moralische Auszeichnung. Arbeit wird als Teil des Lebens verhandelt, aus der mensch sein Selbstwertgefühl bezieht, und deren Verlust als tragisches Ereignis. Hin und wieder wird noch die “Humanisierung der Arbeitswelt” (DGB) gefordert, um die Tretmühle in dieses Paradies der Werktätigen zu verwandeln.

Klar, daß unproduktives Kapital und böse Verbrecher, die sich durch Verletzung der Spielregeln ein gutes Leben machen, hart rangenommen gehören. Und, mal ehrlich, gerechtigkeitshalber: Wenn eine/r wirklich nicht arbeiten will – sollte mensch ihn dann einfach unterhalten und ihm erlauben, öffentlich rumzufaulenzen?

Fußnoten:
(1) vgl. dazu: Holzer, Horst: Sozialwissenschaften/ Soziologie. In: Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Manfred Buhr. Köln 1988, S. 236.
(2) Marx, Karl: Randglossen zum Programm der deut sehen Arbeiterpartei. MEW Bd.19. Berlin (DDR) 1962, S. 15 und S. 22.
(3) Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte. GS1/2, FfM 1974, S.699.
(4) Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd. 1 FfM 1978, S.465.
(5) Adorno, Theodor W.: Sur l’Eau: Minima Moralia FfM 1951, S.206.
(6) Marx, Karl: Lohn, Preis, Profit. MEW Bd.16. Berlin (DDR) 1962, S. 152.

Dieser Text wurde 1998 in der vergriffenen Sondertendenz “Das Joch als inneres Erlebnis” veröffentlicht.

Originaltext: http://www.junge-linke.org/de/arbeit_arbeit_uber_alles


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