"Das nächste Mal spalten wir dir den Schädel" - Der 22.September 1981 in Berlin

Ab ca. 9 Uhr wurde am 22.9.81 damit begonnen, acht besetzte Häuser in Berlin (West) polizeilich zu räumen. Obwohl alle Hausbesetzer*innen eindeutig gewaltfreien passiven Widerstand leisteten, kam es schon während dieser Vorgänge innerhalb der Häuser zu teilweise recht brutalen Übergriffen der Polizei

Um 14 Uhr traf der damalige Innensenator Heinrich Lummer (CDU) vor dem Haus Bülowstraße 89 ein (eines der geräumten Häuser), um in dem gerade geräumten Haus eine Pressekonferenz abzuhalten. Ungefähr 60 Leute befanden sich zu der Zeit auf dem Mittelstreifen vor dem Haus. Die nördliche Fahrbahnhälfte zwischen Frobenstraße und Potsdamer Straße war von der Polizei abgesperrt. Wenig Zeit später zeigte sich der Innensenator zuerst am Fenster um anschließend lächelnd auf einen Balkon des Hauses zu treten. Den Leuten unten verschlägt es anfangs die Sprache, dann die ersten Rufe "Lummer raus", eine einsame leere Getränkedose fliegt gegen eine Polizeiabsperrung. Leere Getränkedosen scheinen wohl Weltreiche ins Wanken und Tyrannen ins Straucheln zu bringen – jedenfalls nach Meinung einer Polizeieinheit, die daraufhin auf die Protestierenden einschlug und sie zur Flucht zwangen.

Was dann geschah schildert ein Augenzeug*in: "Ich stand nachmittags mit Freunden vor dem geräumten Haus an der Bülowstr. 89. Lummer war gerade im Haus drin. Sprechchöre ‚Lummer raus!‘ etc. Plötzlich wurde ich nach hinten gedrängt, obwohl alles noch ruhig war, sah einzelne Leute rennen, Polizei hinterher. Ich kletterte über das weiße Geländer und rannte mit einem Freund Richtung Potsdamer Straße. Dort blieb ich auf der Straße stehen, vor dem Bazar. Ich sah, dass die Menschenmenge links von mir von der Polizei zur Potsdamer Straße getrieben wurde. Ich ging wieder ein paar Schritte zurück in die Mitte der Straße. Wir schauten nach links und sahen plötzlich den Bus, der vorher vor der Kreuzung stand, voll losfahren. Ich begriff es nicht!

Die ganzen Leute wurden zur Potsdamer Straße getrieben und der Bus fuhr los. Ich konnte zur Seite springen – die Leute schrieen – Klaus-Jürgen Rattay war etwa 3 Meter von mir entfernt, aber in der Mitte der Straße! Er sah den Bus nicht rechtzeitig, weil er sich noch zur Bülowstr. 89 gewandt hatte und noch rief. Er trug eine schwarze Mütze. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden keine Scheiben des Busses eingeschlagen. K.J.R. wurde voll vom Bus erfasst, hochgehoben, wobei sein Kopf durch die Scheibe zu sehen war! Die Frontscheibe ging kaputt. Plötzlich war das Gesicht weg. Der Busfahrer fuhr weiter. Mehrere Leute rannten hinter dem Bus her, schrieen: ‚Anhalten, anhalten!‘ Einige sprangen hoch und schlugen die Scheiben ein. Der Bus fuhr, aber die Straße blieb leer. Auf der anderen Straßenseite hielt der Bus an, fuhr zurück und ich sah einen Menschenkörper liegen. Ich rannte hin – den Kopf konnte ich nicht mehr richtig sehen – ich weiß nicht, ob aus Entsetzen oder weil alles voller Blut war. Er lag auf dem Bauch. Unten floss Blut, Blut raus. Ich sah seinen Rücken, grau grün zerquetscht. Wir rannten herum und schrieen: ‚Er ist tot!‘ Wir konnten es nicht verstehen. Erst dann fingen Vermummte an, die Scheiben der Bank einzuwerfen. Ich setze mich – und konnte alles nicht begreifen…"

Der Tote war Klaus Jürgen Rattay, 19 Jahre und wenige Tage zuvor aus dem Ruhrgebiet zu eines der Häuser gekommen. Gegen den Busfahrer gab es kein Ermittlungsverfahren, er verschwand so schnell wie er gefahren war. Stattdessen steigerten sich die eingesetzten Polizist*innen in einen wahren Prügelrausch - während alle anderen eher entsetzt, wütend, verzweifelt oder traurig waren, prügelten die Polizei zweimal eine Trauerwache zusammen, schoß Tränengasgranaten in die ruhende Menge und übertraf sich gegenseitig in den Beschimpfungen, Aggressionen und Hasstiraden gegenüber jede*r, die es noch wagte, auf der Strasse zu sein – sei es um durch den Tod innezuhalten, sich gegenseitig zu halten, öffentlich zu machen, was geschah und warum.

Keine*r der immer mehr Werdenden stellte in den nächsten Tagen und Nächten die Frage nach der Legitimation der Besetzungen und Proteste (das besorgten dann weiter die Berliner Medien), aber immer mehr nach der Legitimation von Polizei und Senat.

Die nächsten zwei Jahre änderte sich die Politik des Senats, es wurden nun mit "bereitwilligen" Hausbesetzer*innen Nutzungsverträge geschlossen, mit Senatsgeldern "Instandsetzungen" durchgezogen….

Dabei zeigte sich mehr und mehr die grundlegende Verschiedenheit der Hausbesetzungen (nicht nur in Berlin). Geschahen die einen aus Wohnungsnot und oder dem Wunsch nach Freiräumen und alternativen Wohn-und Kulturformen (die "weichen " Besetzer, die sich auf Verträge einliessen), waren andere Besetzungen antikapitalistische, revolutionäre Handlungen, um dadurch und darüber revolutionäre Situationen herbeizuführen...

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2011/09/15/das-naechste-mal-spalten-wir-dir-den-schaedel-22-september-1981-in-berlin/


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