England - What is the Movement? (Leeds May Day Group)

In den letzten fünf Jahren wurden wir Zeugen eines wachsenden Zyklus internationalen Protests: 1998 gegen den G8-Gipfel in Birmingham, ein Jahr später weltweite Aktionen am J18 und N30 (hier stach Seattle besonders hervor), weitere Events auf der ganzen Welt am 1. Mai 2000, gefolgt von Demonstrationen gegen IWF und Weltbank bei ihrem Septembertreffen in Prag, weitere Demonstrationen auf dem gesamten Globus am 1. Mai 2002, im Juni Proteste gegen den Göteborger EU-Gipfel und im Juli gegen das G8-Treffen in Genua. Diese internationalen Proteste schienen die Entstehung einer neuen Bewegung gegen das Kapital anzukündigen, einer Bewegung, die unglaublich schnell zu wachsen schien (zumindest bis zum 11. September 2001).

Diese Serie von Protesten war für uns einerseits sehr inspirierend, andererseits begann sie jedoch ein unbehagliches Gefühl zu hinterlassen. Es widerstrebte uns, weite Strecken zu solchen Events wie den oben genannten zu reisen, die mehr und mehr den Charakter althergebrachter, vorhersagbarer Demonstrationen angenommen haben: mehr Polizei, mehr Hype, mehr Druck.

Weshalb zu einer Demo gegen den Kapitalismus 200 Meilen und mehr reisen, wenn das Kapitalverhältnis überall um (und in) uns ist? Vieles schien uns lediglich zusätzliche Arbeit zu sein, und wenn wir uns von unseren Jobs ein paar Tage frei nahmen, entschieden wir uns lieber, sie zu nutzen, um picknicken zu gehen oder ans Meer zu fahren. Ohnehin stellt sich uns die Frage, wie man gegen ein soziales Verhältnis demonstrieren kann? Wie kann jemand Finanzzentren wie die Londoner Innenstadt als »Herz« des Kapitals bezeichnen (was viele getan haben)? Diese Bedenken trugen zu einer englischsprachigen Debatte über das Wesen des Aktivismus bei. Ausgelöst wurde diese durch den Artikel »Give up activism«, der erstmals in der RTS-Textsammlung »Reflections on J18« erschien.

In der Diskussion mit anderen AktivistInnen / KommunstInnen / AnarchistInnen, insbesondere auf der »May Day 2000«-Konferenz, stießen wir auf Probleme mit Sprache und Annahmen anderer bezüglich der Bewegung. Wir hatten den Eindruck, dass einige der Meinung waren, »die Bewegung« konstituiere sich auf Großevents wie z.B. Konferenzen, mit dem vorrangigem Ziel der Diskussion, Zustimmung und Vereinigung. Wir andererseits argumentierten (nach Tronti), dass wir mit dem Kampf und nicht »der Bewegung« beginnen müssten, da sich die Bewegung nur durch diesen zusammenfinden und konstituieren würde.

Einige AktivistInnen schienen die Welt in Kategorien von wir, sie und sie einzuteilen: ein »sie« sind die KapitalistInnen und ihre Organisationen, sehr clever und möglicherweise allmächtig; das andere »sie« steht für die »Arbeiterklasse« oder »die gewöhnlichen Leute«, mitschuldig, ignorant, und / oder zu lethargisch, »etwas zu unternehmen«. Das »wir« dagegen ist unproblematisch und klar definiert: »wir« sind »die Erleuchteten«. Diese Sicherheit ist sicher nicht hilfreich ! Tatsächlich verläuft sie parallel zu der alten Argumentation der traditionellen Linken: weil die Arbeiterklasse nicht »politisiert« (oder »aktiv«) ist, muss sie erzogen und auf ihre historische Rolle vorbereitet werden. Wenn du nicht Teil der Lösung bist, bist du Teil des Problems. Diese Herangehensweise findet ihre Entsprechung in der umgekehrten Tendenz: die Ausübung von gnadenloser Kritik an AktivistInnen bei gleichzeitiger Idealisierung eines Proletariats »da draußen«, welches spontan all die »richtigen Schritte« macht. Wir selbst haben uns in der Vergangenheit beider Herangehensweisen schuldig gemacht. Heute sehen wir den Kampf für eine Aufhebung der Trennung zwischen »Aktivismus« und »Leben«, die Transzendierung von AktivistInnen/ Non-AktivistInnen Identitäten als Teil des Kampfes gegen das Kapital.

Diese Erfahrungen, Beobachtungen und Debatten zwangen uns zur Auseinandersetzung mit einer Frage, die schließlich fundamental für uns wurde: was ist die »antikapitalistische Bewegung« und wer ist Teil von ihr? Vermutlich schließt die antikapitalistische Bewegung jene ein, die 1999 auf dem »Carnival against capitalism« am J18 in den Straßen Londons tanzten, ebenso wie jene, die 1998 and der »May Day Anticapitalist Conference« in Bradford und 2000 in London teilnahmen, sowie jene, die 2001 in Genua auf die Straße gingen. Möglicherweise schließt sie auch die ein, die im November 1999 in Seattle protestierten, auch wenn sich diese Demonstration »gegen die Globalisierung« und nicht »gegen den Kapitalismus« richtete; ebenso diejenigen, die an diversen RTS-Aktionen in ganz Britannien teilnahmen, genauso wie die, die an einem der beiden Encuentros beteiligt waren.

Aber schließt sie auch jene ein, die z.B. versuchten, Nike-Geschäfte vor der Gewalt einiger DemonstrantInnen in Seattle zu schützen? Oder jene PazifistInnen in Genua, die angeblich AktivistInnen des schwarzen Blocks mit Knüppeln angriffen? Zählen wir die dazu, die zustimmten, sich mit Staatsoberhäuptern wie Blair oder Putin zu treffen und fotografieren zu lassen? Was ist mit denen, die sich weigern, irgendeine Rolle in diesen Treffen zu spielen und diejenigen verurteilen, die dies tun? Was ist mit denen, die nicht in Genua waren, aber die DemonstrantInnen vom Fernseher aus anfeuerten? Was ist mit denen, die keinen Fernseher haben?

Unsere Vorstellungen wurden auch von einer Reihe anderer Ereignisse der letzten Jahre in Großbritanien beeinflusst. Im Jahr 2000 wurden wir Zeugen, wie Bauern und Spediteure aus Protest gegen die Benzinpreiserhöhung Öldepots blockierten. Die durch die Benzinproteste ausgelöste Krise führte innergesellschaftlich zu einer Vielzahl interessanter Verhaltensweisen. Zahlreiche Menschen nutzten die Benzinknappheit als Ausrede und Entschuldigung, nicht zur Arbeit gehen zu müssen. Andere nutzten die Gelegenheit, sich mit ihren Nachbarn zusammenzuschließen und die zwischenmenschlichen Beziehungen auszubauen. Obwohl wir Kühe grasen sehen konnten und Weizen wachsen sahen, hatten zahlreiche Geschäfte während der Benzinknappheit keine Milch und kein Brot mehr zu verkaufen. Die Frage: »Warum leben wir so und unter solch irrationalen Bedingungen?« kam einmal mehr auf die Tagesordnung. Im darauf folgenden Jahr gab es breite Volksproteste gegen Pädophile, sie wendeten sich in einer extrem reaktionären Form. Viele Einzelpersonen wurden von selbst ernannten Lynchmobs angegriffen und verfolgt, teilweise auf Grund von Verwechslungen (in einem Fall wurde ein Kinderarzt zusammengeschlagen). Kindesmissbrauch ist ein extremes Symptom der in unserer Gesellschaft pervertierten Sexualität, dem teilweise auch aus Hilflosigkeit mit Paranoia und Hexenjagd begegnet wird. Ebenso wuchs die rechtsextreme BNP in England dramatisch an. Ihr Hintergrund ist rassistisch und reaktionär, dennoch scheint sich hier etwas zu »bewegen«. Der Ruf nach einer wie auch immer gearteten »anderen Welt« wird artikuliert. Wir sind uns darüber im Klaren, dass Bewegung nicht per se gut ist, häufig sind die vertretenen Inhalte Teil dessen, was wir bekämpfen.

Ein Großteil dieser Proteste war im Wesentlichen zwar reaktionär, dennoch interessierten sie uns ebenso wie das Entstehen der »antikapitalistischen Bewegung«. Denn wir bezweifeln, dass reaktionär gewendete Proteste ausschließlich Fanatikern und Faschisten zuzuordnen sind. Vielmehr ist es ein diffuses Unwohlsein, mit dem sich den Verhältnissen genähert wird, das permanente Unterdrücken von menschlichen Bedürfnissen und die fehlende direkte Angreifbarkeit eines politischen Systems, das sich häufig reaktionär entlädt.

Durch den Versuch, die oben erwähnten Ereignisse und Kämpfe zu verstehen, erweiterte sich unser Konzept von Bewegung noch mehr, fragmentierte sich weiter und drohte schließlich zu explodieren. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob es möglich ist, eine irgendwie geartete emanzipatorische Bewegung auszumachen. Wir denken, dass es nicht möglich ist, die Bewegung als Ding zu sehen, als definierbare Entität. Stattdessen begreifen wir die Bewegung als das bewegen von sozialen Verhältnissen. Beispiele dafür sehen wir überall.

Statt mit dem Aktivismus zu beginnen, versuchten wir, einen Blick auf das Leben und die Arbeit im Allgemeinen zu werfen. Wir bemühten uns dabei, uns besonders auf unsere eigene Arbeit und unser eigenes Leben zu konzentrieren, da wir in diesem Bereich die meisten Erfahrungen haben. Tatsächlich begannen wir nicht in erster Linie, das »Kapital« zu lesen, um ein besseres Verständnis der »Welt der Ökonomie« zu gewinnen, sondern um uns mit der Widersprüchlichkeit unserer eigenen speziellen Lebensbedingungen und Lifestyle-Entwürfe zu beschäftigen. Wir versuchten das Thema »Totalität des Kapitalismus« auf unser eigenes Leben zu übertragen. Gleichzeitig jedoch bewegten wir uns in die entgegengesetzte Richtung und versuchten zu verstehen, wie unser Leben und unsere eigenen Handlungen die Entwicklung des Kapitalismus beeinflussen können. Die Frage nach der Beziehung zwischen Arbeit, Aktivismus und Leben zeichnete sich als zentral ab, da sie unsere Aufmerksamkeit auf unser Handeln lenkte. Für jeden von uns, für jeden Menschen auf diesem Planeten ist das Leben in zwei Arten von Handeln geteilt. Einerseits Handlungen gegen das Kapital (die nur manchmal die Form des Aktivismus einnehmen) und andererseits das Kapital reproduzierende Handlungen. Die Frage nach der Verbindung zwischen diesen beiden Formen der Handlung ist komplex und hängt in vielerlei Hinsicht zusammen. Erstens ist nicht immer klar, welche Handlung welcher Kategorie zuzuordnen ist; und zweitens sind beide Kategorien oft in ein und derselben Aktivität vorhanden, die Grenzen verwischen oftmals.

Wenn eine »revolutionäre« Organisation hierarchische Strukturen reproduziert oder wenn Aktivismus die Form eines Jobs annimmt, wird das Kapital, welches letztendlich die endlose Aufbürdung von Arbeit ist, reproduziert. Wenn jedoch eigentliche Lohnarbeitszeit zum Verfolgen eigener linker Projekte genutzt wird (oder auch zum downloaden von Software, Musik, Literatur), dann wird das Kapital nicht reproduziert und seine Existenz ist ein Stück weit bedroht. Aber auch wenn wir es schaffen, den Bossen Zeit zu stehlen, während wir »bei der Arbeit« sind, ertappen wir uns oft dabei, wie wir über Arbeitsprojekte nachdenken, sprich: in unserer Freizeit zu arbeiten. Ebenso stellen wir fest, dass wir während unsrer Lohnarbeit Fertigkeiten einsetzen, die wir durch politische Aktivitäten gewonnen haben - Treffen moderieren, Dokumente entwerfen, öffentlich reden und gekonnt auftreten. Des weiteren versorgen wir das Kapital mit anderer unbezahlter Arbeit: Hausarbeit, Schularbeit etc. sind längst als Arbeit für das Kapital anerkannt worden. Zusätzlich sind wir beispielsweise gezwungen Zeit, am Telefon zu verbringen, in Warteschleifen hängend, die billigsten Tarife raussuchend und und und ... Dabei handelt es sich ganz einfach um eine weitere Form unbezahlter Arbeit, die dem Kapital auf Märkten mit starker Konkurrenz bei der Produktion von Gebrauchswert hilft. Tatsächlich haben viele KommunistInnen begonnen, sich für Call-Center ArbeiterInnen und ihre Arbeitsbedingungen zu interessieren. Dennoch gerät dieses Interesse in die Gefahr, diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die bei den Call-Centern anrufen und damit das Kapital ebenso reproduzieren - und in dem Falle unbezahlt.

Wir haben die Welt geschaffen, in der wir jetzt leben. Das Verschwimmen von Arbeit und Nichtarbeit ist Teil der Antwort des Kapitals auf unsere Kämpfe in den 60ern und 70ern, auf unsere Versuche, der Fremdbeherrschung und Unterdrückung in der Fabrik, auf dem Feld und in den Büros, in den Haushalten und in den Schulen und Unis zu entfliehen. Während uns das Kapital aus den traditionellen Arbeitsbereichen heraus verfolgte, wurde es gezwungen, Guerilla-Taktiken anzunehmen, uns einzubeziehen, uns einzuschließen und unsere Aktivitäten zu vereinnahmen. Aber während das Kapital darum kämpft, alle menschlichen Aktivitäten auf abstrakte Arbeit zu reduzieren, erweitern sich gleichzeitig die Räume, in denen es bekämpft wird. Wie Negri schrieb: »Das Proletariat ist überall, ebenso wie der Chef.«

Nur ein winziger Teil der Handlungen, die sich gegen oder »über das Kapital hinaus« richten ist bewusst antikapitalistisch oder gar »revolutionär« und wir AktivistInnen, Revolutionäre oder KommunistInnen bemerken es mit Sicherheit häufig als letzte. Dennoch existiert Widerstand und erwächst aus jeder Spalte des sozialen Lebens, wenn auch häufig auf nicht erwartete Art und Weise.

Es passiert jeden Tag und überall, dass Menschen anfangen, sich nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen zu organisieren. Das Problem ist nicht, dass das eventuell unpolitisch ist, das Problem ist vielleicht der gängige Begriff von »Politik«!?

Leeds May Day Group

Aus: arranca! - linke Zeitschrift, c/o Schwarze Risse, Gneisenaustraße 2a, 10967 Berlin. Herausgegeben von der Berliner Gruppe FelS

Originaltext: www.faubern.ch


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