John Holloway - Krise und Kritik

Übersetzt von Lars Stubbe

Ich bin in einer Mission unterwegs, präsentiere eine Herausforderung, starte einen Angriff. Ich komme, das Atom zu spalten.

Kritik ist die Spaltung eines Atoms, die Öffnung geschlossener Kategorien um die in ihnen enthaltenen Antagonismen zu enthüllen. (In diesem Sinne ist der Begriff „offener Marxismus“ (geprägt von Bonefeld, Gunn und Psychopedis) eine (hilfreiche) Tautologie).

Nehmen wir eine Kategorie und spalten sie auf. Was sehen wir? Vielleicht weitere Kategorien. Nehmen wir zum Beispiel die Ware, wie Marx dies tat. Wenn wir sie aufspalten entdecken wir die antagonistische Einheit von Wert und Gebrauchswert. Aber das reicht nicht aus. Wir müssen zum Kern kommen, wir müssen ad hominem gehen (wie Marx wiederholt formuliert hat), wir müssen die Kategorie in Bezug auf das menschliche Handeln verstehen und uns, falls nötig, Schicht um Schicht durch die Begriffsbildung hindurcharbeiten. Warum? Weil wir nur dann die Frage nach der erforderlichen Beschaffenheit des menschlichen Handelns zur Veränderung der Welt stellen können, wenn wir die soziale Welt als von menschlichem Handeln erschaffen begreifen.

Nehmen wir also die antagonistische Einheit von Wert und Gebrauchswert, spalten sie auf, dann kommen wir zum Kern, zum Dreh- und Angelpunkt, einem Begriff, der sich direkt auf die antagonistische Organisation menschlicher Aktivität bezieht, den Doppelcharakter der Arbeit als abstrakte Arbeit und nützliche oder konkrete Arbeit. „[…D]ieser Punkt“ sagt Marx auf den ersten Seiten des Kapitals, „[ist] der Springpunkt […], um den sich das Verständnis der Politischen Ökonomie dreht“ (1867/1984: 56). (Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes schrieb er an Engels (Marx, 1867/1987, 407): „Das Beste an meinem Buch ist 1. (darauf beruht alles Verständnis der facts) der gleich im Ersten Kapitel hervorgehobne Doppelcharakter der Arbeit, je nachdem sie sich in Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt“ (Marx, 1867/1965: 326).[1]

Aus Gründen der Vertrautheit nehmen wir die Ware, aber wir hätten überall anfangen können. Wenn Du magst, nimm den Staat, spalte ihn auf und früher oder später gelangst Du an denselben Punkt, zur selben Kritik ad hominem: es handelt sich um dieselbe selbstantagonistische Einheit von abstrakter und konkreter Arbeit, die die Existenz des Staates erklärt. Das Kapital ist eine Kritik der Kategorien der politischen Ökonomie, aber dieselben Prinzipien sind auf die Kritik der Religion, der Politik, der Soziologie der Geschlechterstudien oder sonstwas anzuwenden: die Frage ist immer, wie wir die Existenz der Kategorien ad hominem verstehen, auf der Grundlage der Art und Weise, wie die menschliche Aktivität organisiert ist.

Wir öffnen die Kategorie und erkennen die Art und Weise, in der die menschliche Aktivität organisiert ist. Die Kategorien des Denkens sind Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihnen zugrundeliegen. („Es sind gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen für die Produktionsverhältnisse dieser historisch bestimmten gesellschaftlichen Produktionsweise, der Warenproduktion“, (Marx 1867/1984: 90)). Wenn wir die Kategorien kritisieren, kritisieren wir die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zur Entstehung dieser Kategorien führen. Wir öffnen beide. Wir sehen die Ware und den Wert als gesellschaftliche Verhältnisse und öffnen sie, um dahinter den Doppelcharakter der Arbeit zu entdecken, der die Wurzel sowohl der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch ihres begrifflichen Ausdrucks bildet.

Was sehen wir also? Wir öffnen die Ware und wir sehen den Wert und den Gebrauchswert, aber anfangs ist dies nicht das, was wir wirklich sehen. Unser Blick konzentriert sich auf den Wert. Wir öffnen den Wert und den Gebrauchswert und sehen den Doppelcharakter der Arbeit als abstrakte und konkrete Arbeit, aber hier geschieht dasselbe. In Wirklichkeit konzentriert sich unser Blick auf abstrakte Arbeit. Das ist der Grund dafür, dass in der jüngst wieder aufgegriffenen Diskussion um den Doppelcharakter der Arbeit, sich fast alles um die eine Seite des Doppelcharakters, nämlich abstrakte Arbeit, dreht.

Wir sehen also als Erstes das dominante Moment der antagonistischen Einheit. Und etwas Schreckliches geschieht. Unsere Kritik verflacht zu einer Theorie der Herrschaft. Der Marxismus wird zu einer Theorie der kapitalistischen Herrschaft. Mit anderen Worten, reaktionäres Gewäsch, eine Theorie, die uns in die Einhegung einschließt, die sie zu kritisieren vorgibt. Eine Kassandratheorie, eine Theorie, die die Analyse des Kapitalismus von der Bewegung des Kampfes trennt, eine Theorie, die den Marxismus als Analyse des Rahmens versteht, innerhalb dessen sich der Klassenkampf entwickelt. Wir wollen keine Theorie der Herrschaft, wir wollen eine Theorie des Kampfes. Wir wollen nicht jammern, wir wollen die Welt verändern.

Öffne die Kategorie und sieh erneut hin, sieh genauer hin. Unterhalb und über das dominante Moment des Antagonismus hinaus, sehen wir das untergeordnete Moment und es bewegt sich, es kämpft. Hinter dem Wert sehen wir den Gebrauchswert, hinter dem Staat sehen wir antistaatliche Formen gesellschaftlicher Organisation, hinter der abstrakten Arbeit sehen wir konkrete Arbeit (oder konkretes Tun). Wir sehen sie nicht sehr klar, wir verfügen häufig nicht über klare Worte, um auszudrücken, was wir sehen, denn sie alle existieren in der Form von etwas Anderem. Der Gebrauchswert existiert in der Form der abstrakten Arbeit, gesellschaftliche oder kommunale Organisation existiert in der Form des Staats. Anders ausgedrückt existieren sie alle in der Form des Negiertwerdens, wie Richard Gunn dies formuliert.

Negiert, aber nicht vernichtet. Gezügelt, jedoch überschwallend. Identifiziert, definiert, klassifiziert, diese Identität, Definition, Klasse brechend. Kritik ad hominem, Kritik, die uns zu den menschlichen Wurzeln gesellschaftlicher Phänomene treibt, ist unvermeidlich anti-identitär, denn sie führt uns zu einer Rastlosigkeit, die nicht hinzunehmen bereit ist. Kritik ad hominem führt uns zu uns selbst, zur Quelle unserer eigenen Kritik, zu unserer Verweigerung, unserer Wut, unserer Würde, unserer Untauglichkeit, unserer Kreativität, unserer unvermeidbaren Schizophrenie. Das was in der Form der Negation existiert, kämpft gegen seine eigene Negation, es existiert nicht nur in sondern auch gegen und jenseits der Form des Negiertseins. Die Kraft unserer Kritik liegt in dem was wir kritisieren, oder besser gesagt, sie liegt in-gegen-und-jenseits seiner eigenen Negation. Der kritische Theoretiker ist nicht der privilegierte Intellektuelle, wie Adorno und Horkheimer dachten, sondern das Subjekt, der Tuende, die konkret Arbeitenden, die nicht nur in der Form des Negiertwerdens existiert, sondern auch dagegen und jenseits davon.

Nimm eine Kategorie, spalte sie auf und was wir entdecken ist kein philosophischer Widerspruch, sondern ein lebendiger Antagonismus, ein Konstanter Kampf, ein Zusammenstoß zwischen sich widersprechenden Bewegenden. Abstrakte Arbeit ist ein ständiger Angriff, ein dauerhaftes Auferlegen der sich ständig verschärfenden Zwänge gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit auf die menschliche Aktivität. Und konkrete Arbeit ist ein konstantes Sich-Bewegen in die entgegengesetzte Richtung, ein Sich-Bewegen hin zur gesellschaftlichen Selbstbestimmung unserer eigenen Aktivität, der Schub menschlicher Kreativität, die treibende Kraft menschlicher Produktion.

Wir enthüllen einen Antagonismus und unser Enthüllen ist Teil des von uns enthüllten Antagonismus. Unser Öffnen ist Teil eines gesellschaftlichen Kampfes zum Öffnen. Die konzeptionelle Aufspaltung des antagonistischen Begriffs Arbeit ist nur möglich, weil die Kämpfe von 1968 die Arbeit in praktischer Weise aufgespalten haben. Und die andere Seite, das Sich-Bewegen der abstrakten Arbeit, die Abstrahierung unseres Tuns in Arbeit, stellt eine Schließung dar. Die Abstrahierung des Tuns zur Arbeit ist eine Schließung von Konzepten und von gesellschaftlichen Verhältnissen, das Greifen nach anderen Konzepten im Prozess der Schließung, ein soziales Verschmelzen von Verhältnissen zwischen Menschen, ein Schub hin zur Formierung eines Systems mit eigenen Entwicklungsgesetzen, mit eigener identitärer Logik, eigener homogener Zeit. Der Schub hin zu formaler Rationalität, der Schub hin zur Aufklärung. Ein Verschmelzen, das Ihnen Selbstvertrauen, Autorität verleiht, das alles sich so anhören lässt, als wäre es der einzig gangbare Weg.

Folglich ist genealogische Kritik, die Ableitung der Genese verschiedener Begriffe (von Marx in der Einleitung zu den Grundrissen als Rückfahrt bezeichnet) keine Darstellung dessen, wie der Kapitalismus ist. Vielmehr folgt sie der Bewegung dieses Schließens, des Sich-Bewegens hin zu einer Gesellschaft, die Gesetzen unterliegt. Wir verfolgen nicht nur die Bewegung vergangener Prozesse, sondern gegenwärtigen Kampfes.

Aber die Schließung ist niemals vollständig, kann niemals vollständig sein (denn wäre sie es, würden wir sie hier nicht kritisieren). Es ist die Schließung einer Decke über unserem Kopf, von Wänden um uns herum, aber wir können immer noch über die Decke hinaus, über die Wände hinaus sehen. Die Welt abstrakter Arbeit ist eine geschlossene Welt, eine Welt, in der alles tauglich ist. Aber wir sind nicht tauglich. Wir sind Teil einer Welt, die nicht tauglich ist. Wir murmeln, wir murren, wir sind häufig inkohärent, es fehlt uns an Selbstvertrauen, aber wir wissen, dass wir nicht tauglich sind. Konkretes Tun ist untauglich für abstrakte Arbeit. Unsere Stimme ist die der Untauglichkeit, die Stimme des konkreten Tuns.

Wir öffnen eine Kategorie und entdecken die sich dahinter verbergende Untauglichkeit. Wir öffnen eine Kategorie und entdecken die sich dahinter verbergende eigene Krise. Kritische Theorie ist Krisentheorie und Krisentheorie ist kritische Theorie[2]. Eine Geißel für die Kostbarkeit eines großen Teils der „kritischen Theorie“, die glaubt, sie kann die Distanz zur Krise und dem gesellschaftlichen Antagonismus, den diese anzeigt, wahren. Ebenfalls eine Geißel für die abtötende Leere der Krisentheorie, die sich selbst als Wirtschaftswissenschaft versteht, die nicht durch das Kopfzerbrechen der Kritischen Theorie belastet ist.

Im Zentrum der Kritik steht das Öffnen des wichtigsten Atoms überhaupt: Arbeit. Konkrete Arbeit (potenziell bewusste Lebensaktivität) existiert in der Form abstrakter Arbeit, existiert jedoch in-gegen-und-jenseits-von abstrakter Arbeit, existiert als Krise der abstrakten Arbeit. Die Krise ist das Sich-Bewegen konkreten Tuns in-gegen-und-jenseits-von abstrakter Arbeit, die Revolution ist die Emanzipation der konkreten von abstrakter Arbeit, der kreativen Stärke menschlicher Aktivität (Produktionskraft) von der dynamischen gesellschaftlichen Kohäsion, die von abstrakter Arbeit gewoben wurde.

Die Kraft der Bewegung des Tuns gegen die Arbeit, das heißt, wie schwierig es der abstrakten Arbeit fällt, sich die menschliche Aktivität unterzuordnen, manifestiert sich in der explosionsartigen Vermehrung des Kredits, der für die gegenwärtige Krise von entscheidender Bedeutung ist. Es manifestiert sich auch in den mannigfaltigen Sprüngen, Fissuren oder Brüchen in der Struktur der kapitalistischen Herrschaft, andere Formen gesellschaftlicher Beziehungen, erschaffende Aktivitäten, die es darauf anlegen, mit der kapitalistischen Rationalität zu brechen. Diese Bewegungen stehen im Zentrum der neuen Reflektion über die Bedeutung der Revolution heutzutage.

Wir spalten das Atom, das zentrale Atom der Arbeit, den Angelpunkt und wir enthüllen eine grundlegende Veränderung in der Grammatik des Antikapitalismus. Sobald wir einmal die Arbeit offen gespalten haben, können wir die Revolution oder den Klassenkampf nicht länger in Begriffen des Kampfes zwischen Arbeit und Kapital fassen. Arbeit (zumindest, wenn wir sie als abstrakte Arbeit verstehen) ist, tagein, tagaus, die Erschafferin des Kapitals. Die Arbeit steht auf derselben Seite wie das Kapital. Unser Kampf ist der Kampf des konkreten Tuns, der Antrieb hin zur bewussten Lebensaktivität, gegen Arbeit und Kapital.

Dies ist es, was die Kämpfe in den Fabriken und außerhalb der Fabriken aussagen: wir sind nicht Arbeit, wir lieben die Arbeit nicht, wir kämpfen gegen die Arbeit, wir kämpfen, um unser Tun von der Arbeit zu emanzipieren. Wir wollen unser dem widmen, was wir tun wollen, dem, was wir als wichtig erachten. Dies ist die politische Wette, die heute im Zentrum der Krise steht.

Ich sagte, ich komme mit einer Mission. Dies ist meine Mission: dafür zu sorgen, dass die Arbeit unmöglich als einheitliche Kategorie behandelt werden kann, dafür zu sorgen, dass es unmöglich ist, den Kapitalismus als Kampf der Arbeit gegen das Kapital zu analysieren, ohne die Kategorie der Arbeit zu öffnen.

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Bibliographie:

  • Marx, Karl (1867/1984), Das Kapital, Bd. 1 (MEW 23) (Berlin: Dietz Verlag).
  • Marx, Karl (1867/1987), „Marx an Engels, in Manchester, 24.8.1867“, in: MEW 31 (Berlin: Dietz Verlag), S. 326-327.


Fußnoten:
[1] Marx fährt unmittelbar fort: „2. die Behandlung des Mehrwerts unabhängig von seinen besondren Formen als Profit, Zins, Grundrente etc.“, aber dies ist für uns hier nicht von Belang. Es sei erwähnt, dass Marx dies auch als seinen besonderen Beitrag ansah: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden“ (1867/1984: 56).
[2] Über die Kritische Theorie der „Frankfurter Schule“ hinausgehend ist damit vor allem Theorie gemeint, die im Marxschen Sinne radikal, d.h. an die Wurzel gehend, ist; Anm.d.Ü.

Originaltext: http://www.grundrisse.net/grundrisse39/krise_und_kritik.htm


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