Musik von heute, Rebellion von morgen - Ein Propaghandi-Interview

Chris Hannah von der Band Propagandhi über politische Musik, die Situation in Nordamerika und ParEcon

Sie gelten als Kanadas umstrittenste Band, ihr Sänger schaffte es im letzten Jahr bei einer Umfrage des Beaver-Magazins der Canadian Historical Society sogar auf Platz zwei der „Schlimmsten Kanadier“ - aller Zeiten, wohlgemerkt. Ohne Frage, Propagandhi scheut sich nicht, Unbequemes auszusprechen. Als bekennende Anarchisten produzieren sie seit knapp zwei Jahrzehnten politisch ambitionierte Musik und treten aktiv für Menschen- und Tierrechte und gegen Kapitalismus, Rassismus und Sexismus ein. Als die „einzige politisch korrekte Band“ bei Fat Wreck Chords, wie sie sich selbst einmal bezeichneten, sprechen sie viele Reizthemen an und sind auch in der Linken nicht unumstritten. Womöglich liegt es mitunter an ihrem Aktivismus, dass sie in 22 Jahren nur vier LPs herausgebracht haben und vor allem Fans in Übersee mit Auftritten nicht gerade verwöhnen. Nach sieben Jahren machten Propagandhi nun im August wieder einen kleinen Abstecher nach Deutschland, wo sie vier Konzerte spielten. ZNet und die Direkte Aktion nutzten die Gunst der Stunde für ein Gemeinschaftsinterview mit Sänger und Gittarist Chris Hannah im Anschluss an das abschließende Konzert in Karlsruhe.


Auf der Webseite des Rudolf Rocker Cultural Centers (R2C2) in eurer Stadt Winnipeg findet sich ein Zitat von Louis Riel, einem kanadischen Revolutionär aus dem 19. Jahrhundert: „Mein Volk wird hundert Jahre lang schlafen. Wenn es erwacht, werden es die Künstler sein, die ihm seinen Geist zurückgeben.“ Ihr habt als Künstler den Ruf einer politisch ambitionierten Band, eine Sache, die ihr gleich im ersten Lied eures ersten Albums („Anti-Manifesto“) mit Nachdruck unterstrichen habt. Bis heute geht ihr diesen Weg konsequent weiter. In Anlehnung an das Riel-Zitat, was denkst du, kann die Rolle eines Musikers im Prozess von politischer und sozialer Veränderung sein?

Chris: Ich denke, ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen und wie ich selbst von politischer Kunst beeinflusst wurde. Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, hatte ich sehr konservative Ansichten. Ich lebte in einer sehr abgeschotteten, konservativen und militärisch orientierten Welt. Ich glaubte an die atomare Abschreckungspolitik, war überzeugt von der NATO usw. Doch ich hatte nie die Möglichkeit, andere Sichtweisen kennen zu lernen. Dann, als Jord und ich ein Interesse für Musik entwickelten, stießen wir zufällig auf diese verrückt wirkenden Platten von Million Of Dead Cops (MDC) und die frühen Sachen der Dead Kennedys zum Beispiel. Die Dinge, über die sie in ihren Texten sprachen, passten einfach nicht zu der Realität, die uns von unseren Familien, Schulen, Kirchen usw. vermittelt wurde. Es brachte einfach alles zum Einsturz. Es legte die Realität bloß, die man tatsächlich sah, wenn man durch die Straßen der Stadt ging. Das war meine persönliche Erfahrung mit Musik und Politik, und ich weiß, dass die anderen Bandmitglieder dieselbe Erfahrung gemacht haben. Es sind erste Berührungen mit politisch beeinflussender Kunst. Nicht jede Art von Kunst wird Menschen beeinflussen oder überzeugen. Unsere Hoffnung ist, dass egal wie wenig Leute unsere Musik hören, es einige darunter gibt, die auf dieselbe Weise von neuen Ideen beeinflusst werden können, in der wir von Bands beeinflusst wurden. Ich denke da vor allem an MDC und wie sie meine Welt auf den Kopf gestellt haben durch das, was sie sagten. Ich denke, das ist die Rolle, die wir kennen. Und ich meine, es gibt viele weitere Arten, wie Menschen durch politische Kunst überzeugt werden können.


Ihr seid dafür bekannt, dass ihr auf Konzerten viel zwischen den Stücken redet und Ansprachen an das Publikum haltet. Früher war das jedoch häufiger der Fall, es hat deutlich abgenommen. Ist der Ansatz, ausgiebig zum Publikum zu sprechen, gescheitert?

Chris: Der Grund, warum wir Lieder und Texte machen, ist, dass wir versuchen, alles, was uns durch den Kopf geht, auszuschöpfen und in die Lieder oder zumindest in das Beiwerk der Platte einzubringen, oder es durch die Aktionen unserer Band auszudrücken, mit denen wir bestimmte Organisationen unterstützen, deren Werte in irgendeiner Form mit unseren übereinstimmen. Was die Reden zwischen den Songs betrifft: Wir sind nicht wirklich gut darin, Leuten Vorträge zu halten. Wir können nicht wirklich gut mit Wörtern, es entspricht irgendwie nicht unserem Naturell. Also haben wir es lieber sein lassen. Wenn du vor einem Song nicht das Gefühl hast, eine echt aufrüttelnde Rede halten zu können, wird es nur unecht wirken, wenn du es dennoch versuchst. Es geht also mehr um uns selbst und nicht so sehr darum, ob wir es mit dem Publikum vermasseln. Ich weiß nicht, ob den Leuten mehr direkte Ansprachen zwischen den Liedern gefallen würden, aber ich denke, wir sind eine Band, die nicht mehr wirklich das Gefühl hat, dass es zu uns passt. Und dann wird es wahrscheinlich nicht funktionieren. Die Leute merken das.


Es gibt ja viele Leute, die sagen, Propagandhi mache ziemlich coole Musik, aber was sie erzählen, sei anstrengender Mist. Gewissermaßen drückt sich darin ein Bedürfnis nach „reiner“, unpolitischer Rockmusik aus. Noel Gallagher, dieses Arschloch von Oasis, sagte einmal: „Die Leute brauchen Rockstars. Wenn du von der Schule nach Hause kommst, brauchst du die Gewissheit, dass es da draußen Leute gibt, die Champagner aus Cowboystiefeln trinken … Das gibt dir einen Grund zu leben. Du willst nicht heimkommen und darüber nachdenken, was gute Menschen wie Thom Yorke von Radiohead heute getan haben.“ Ohne euch mit Thom Yorke vergleichen zu wollen, in gewisser Weise richtet sich diese Anklage auch gegen euch und euer politisches Engagement. Was sagst du zu eurer Verteidigung?

Chris: Ich denke, er hat Recht mit dem, was die Leute wollen. Menschen finden Sinn im Leben durch andere Leute und durch ihre angeblichen Erfolge oder, in diesem Fall, durch deren Schwachsinnigkeiten. Champagner aus einem Cowboystiefel zu trinken!? Wen interessiert das? Das kann wirklich jeder. Du kannst raus gehen, einen Cowboystiefel im Müll finden und Alkohol reinschütten. Wenn das der einzige Sinn ist, den Leute in ihrem Leben haben, dann tun sie mir sehr leid, und ich empfinde großes Mitleid für diesen sehr, sehr traurigen Menschen und diese sehr, sehr schreckliche Band namens Oasis.


Es wirkt so, als wäre die Landschaft politischer Musik sehr klein heute. Man könnte fast meinen, dass die Welt sich in den letzten Jahrzehnten zum Guten verändert hat, da es wohl nichts mehr gibt, was Künstler anklagen könnten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Hast du eine Erklärung für diese gegensätzlichen Entwicklungen?

Chris: Ich glaube, das ist die Undurchlässigkeit des Marktes. Und die Undurchlässigkeit, die durch immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspannen entsteht. Wenn die Leute aufwachsen, werden sie in sehr jungem Alter sehr schnell mit Werbungen und Images gefüttert. Sie fliegen sehr schnell von einem Interesse zu einem anderen, verlieren das Interesse an Dingen und spielen kubische Videospiele. Aber ich würde sagen, diese Bands existieren immer noch, sie sind nur nicht präsent. Die Leute wissen nichts von ihnen, sie sind außerhalb des Radars. Es gibt Tonnen von Untergrund-Bands, allein in der Hardcore-Punk-Szene. Ich denke da an manche bei uns zuhause, von denen niemand jemals etwas gehört hat und die immer noch versuchen, Ideen statt Images herauszustellen. Und es gibt das auch in anderen Formen von Musik. Z.B. gibt es eine reichhaltige Hip-Hop-Subkultur, die überall gegen den Trend angeht. Das ist nichts von dem, was du auf MTV siehst, diese Art von Mist. Ich denke, das gibt es alles, auch in anderen Formen von Kunst. Es ist alles da. Es wird nur nicht neu verpackt und jetzt auf MTV verkauft. Anscheinend sind diese Dinge also einfach nur nicht fett im Geschäft.


Ihr sprecht viele Teilprobleme der Gesellschaft an: Rassismus, Sexismus, Spezieismus usw. - Phänomene, die in der Theorie einiger Linker zu Nebenwidersprüchen, zu sekundären Problemen des Kapitalismus reduziert werden. Wie wichtig ist euch die Verbindung dieser Teilprobleme und was ist ihr Stellenwert im Kontext des antikapitalistischen Kampfes?

Chris: Für mich rangiert es ganz oben. Es ist Teil des Ganzen. Weil ich Leute nicht anlügen und ihnen erzählen kann, es würde mich nicht interessieren. Schon seit ich Vegetarier wurde, habe ich zum Beispiel all diese Argumente gehört, über so viele Jahre, von Leuten, die sagen, dass dies nur Fragen des Lebensstils wären. Michael Albert nennt es „Erneuerung des persönlichen Lebensstils“. Doch ich kann es nicht leugnen. Es bedeutet alles für mich. Für mich ist es nicht zu trennen von der Art wie ich Menschen sehe, die vom kapitalistischen System nur als Einheiten der potentiellen Verwertung behandelt werden, um den Profit von jemanden zu erhöhen. Sogar jenseits einer strikt kapitalismuskritischen Betrachtungsweise finde ich es einfach nur grausam. Es entsetzt mich einfach. Ich denke ständig darüber nach, wie Menschen Tiere oder andere Menschen behandeln. Es macht mich fassungslos. Ich habe niemals ein Argument gegen Veganismus/Vegetarismus oder Tierrechte gehört, das ich irgendwie überzeugend fand. Ich traf so viele Menschen, wie Primitivisten oder Antikapitalisten, die mir versuchten zu erklären, warum es nicht wichtig wäre. Ich hörte zu: Ok, ok … nein, das ist bedeutungslos, das ist nicht überzeugend. Ich kann also nicht behaupten, dass sie mich überzeugt hätten.


Bereits in den 90ern, auf eurem Album „Less Talk, More Rock“ habt ihr den aufkommenden Neoliberalismus thematisiert, der einen „softeren“ Kapitalismus abgelöst hat, der zum Teil sozial durch den Staat reguliert wurde. In dem Song „And we thought nation states were a bad idea…“ deutet ihr an, dass Klassenkampf wieder aktuell werde. In Deutschland können wir dies bestätigen. Der Abbau sozialer Leistungen, der Abbau von Arbeiterrechten und die allgemeine Prekarisierung haben hier zu neuen und unüblichen Arbeitskämpfen geführt; Begriffe wie Klassenkampf werden wieder diskutiert. Gab es in Kanada bzw. Nordamerika auch eine Wiederbelebung von Klassenkampf und Klassenbewusstsein?

Chris: Ich denke, da kam definitiv etwas in Bewegung - bis zum 11. September. Ob Seattle oder Quebec City - man hatte wirklich das Gefühl, dass Aktivistengruppen in dieser Frage zusammen kamen und ihren Platz in einer Bewegung zu finden versuchten, um die wachsende Privatisierung in Nordamerika im allgemeinen oder den wachsenden Imperialismus von nordamerikanischen transnationalen Konzernen aufzuhalten. Aber nach dem 11. September war das alles plötzlich verschwunden, weil die entstandene Atmosphäre sich auf alles andere niederschlug. Vor dem 11. September gab es eine Zeit, in der meine Eltern, die eigentlich sehr angepasst sind, außer sich waren, als wir von den Protesten in Quebec zurück kamen, wo sie Tränengas und andere Dinge gegen uns einsetzten. Sie waren empört, dass die kanadische Regierung ihre Steuern dazu verwendet, um Tränengas auf ihren Sohn zu schießen, der nur einer Gruppe von Mitbürgern angehörte, die versuchten, gegen das bevorstehende Treffen von Staatschefs zu protestieren, wo ökonomische Entscheidungen getroffen werden, ohne dass irgendwer darauf Einfluss hat. Ihre Meinung war, dass wir das Recht hätten, dorthin zu gehen - was schon ziemlich verrückt ist, denn mein Vater war während des Kalten Krieges Kampfpilot. Aber dann kam, wie ich schon sagte, der 11. September und alles änderte sich, und man wurde zurückgeworfen auf den Status von kleinen Gruppen engagierter Menschen, die versuchten, anderen klar zu machen, dass sich nichts geändert hatte, dass die Konzerne immer noch alles und jeden platt walzen und alles privatisieren. Doch niemand wollte das hören. Sie sagten: Nein, es ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Regierung und diese Unternehmen zu kritisieren. Wir müssen jetzt zusammenhalten. So habe ich das in Nordamerika wahrgenommen. Es war eine wirklich erdrückende Decke, die einfach hernieder schwebte. Jedes Bewusstsein, das vorher existiert hat, wurde reduziert auf eine dünne Schicht, die allenfalls noch tief unten am Boden schwellt. Vielleicht steigt es ja langsam wieder hoch.


In euren Produktionen spielt das Thema USA immer wieder eine große Rolle, so groß, dass sogar viele Leute glauben, ihr selbst kommt aus den Staaten. Tatsächlich wird Kanada hier in Europa oftmals nur als verlängerter Arm der USA wahrgenommen. In eurem letzten Album gibt es ein Lied („A Speculative Fiction“), das einen fiktionalen kanadischen Aufstand gegen die USA schildert. Wie wichtig ist US-Politik für die radikale Linke in Kanada?

Chris: Es ist wichtig in demselben Sinne wie es wichtig ist für jeden auf dem Planeten aufgrund der dortigen Konzentration von militärischer Macht.


Aber vielleicht gerade dort?

Chris: Wir sind Nachbarn und zunehmend sind wir nur noch eine Verlängerung der USA. Man denke z.B. an die Zusammenarbeit unserer Regierung mit der US-Regierung. Die Trennlinie ist so verwischt. Ja, wir sind auf dem Weg, nur noch ein Satellit zu sein. Der springende Punkt des Liedes war, mit dem Identitätssinn von Leuten zu spielen. Menschen in Kanada, aber nicht alle, pflegen einen Minderwertigkeitsnationalismus, denn es gibt eine Art Minderwertigkeitskomplex: Menschen beneiden die USA und beneiden ihre Macht, und sie fühlen sich als Nichtamerikaner. Kanadier fühlen sich um etwas gebracht, weil sie nicht so chauvinistisch und patriotisch seien - was vollkommener Mist ist, es ist in Kanada wie überall. Der Song versucht also eine kleine Erzähllinie zu entwickeln, die mit der begreiflichen Entrüstung des kanadischen Volkes über eine US-Invasion in Kanada spielt. Dann gibt es Zitate. Wir verwenden tatsächlich Hitler-Zitate in der Mitte des Liedes. Damit wird Verwirrung gestiftet. Jemand der vielleicht emotional abheben möchte - in dem Sinne: „Ja, wir erheben uns!“ -, wird realisieren: „Moment mal, das sind doch Hitler-Zitate“. Das ist gewissermaßen die Pointe dieses Liedes, also dass das alles absurd ist. Ich weiß nicht, warum der Song genau geschrieben wurde, es war einfach eine Art kleines Gedankenexperiment.


Heute auf dem Konzert habt ihr über eine Demonstration von christlichen Fundamentalisten in Winnipeg gesprochen. Über G7 vertreibt ihr das Buch „American Fascists“ von Chris Hedges, in dem er die Bedrohung der US-amerikanischen Gesellschaft durch die christlich-evangelikale Bewegung beschreibt. Er schreibt in seinem Buch: „Nur noch eine weitere nationale Krise wie 9/11 ist nötig, damit die christliche Rechte eine konzertierte Aktion zur Zerstörung der amerikanischen Demokratie durchführt. Diese Bewegung wartet nur auf eine solche Krise. In diesem Moment werden sie offenbaren, was sie tatsächlich sind: die amerikanischen Erben des Faschismus.“

Chris: Das scheint der Wahrheit zu entsprechen. Man kann die Dinge nachvollziehen, die er in seinem Buch beschreibt: den Zugang zu geballter Macht, den die christliche Rechte derzeit hat. Und den hat sie wirklich, George Bush ist z.B. ein Fundamentalist.


Denkst du nicht, dass das mit der Politik von George Bush zurückgegangen ist? Aber vielleicht ist das auch nur eine europäische Sichtweise, dass der Neokonservatismus in den USA vollständig gescheitert ist. Hat die christliche Rechte trotz Bushs Amtsperiode immer noch so viel Macht in Nordamerika, in den USA?

Chris: Ja, die haben sie. Die Situation in Kanada ist nicht direkt mit der in den USA vergleichbar, aber in Kanada haben sie genauso Fuß gefasst. Ich glaube nicht, dass die Menschen, die Bush oder McCain in den Staaten unterstützen, die letzten acht Jahre als ein Scheitern des Konservatismus oder des christlichen Fundamentalismus empfinden. Sie betrachten es eher als einen Fehler des Managements. Für sie haben nicht die Werte versagt, sondern nur das Management. Wenn ihre Werte besser gemanagt werden, womöglich von jemandem Extremeren, und - davon spricht Hedges - wenn es in Amerika zu einem Machtvakuum kommt, dann ist die christliche Rechte da, um es auszufüllen. Sie haben Leute im Militär rekrutiert, sie haben Leute im Obersten Gerichtshof, sie haben Leute auf allen Ebenen des Regierungsapparates. Unabhängig davon, ob Barack Obama kommt oder nicht - was bis zu einem bestimmten Grad irrelevant ist für den Weg, den die Welt nehmen wird -, die christliche Rechte wird gerüstet und befähigt sein, die Entscheidungen, die in den USA getroffen werden, zu beeinflussen. Ich fand das Buch wirklich fesselnd und erschreckend - zum Teil weil wir, als ich es las, durch den Mittleren Westen der USA reisten, der eine der Hochburgen der extremen christlichen Rechten ist. Und man kann es sehen, es ist nicht verborgen. Man sieht überall diese Megakirchen und diese verrückten Reklametafeln. Sie haben die Macht, sie haben das Geld. Man schaue sich nur die Hecks der Geländelimousinen (SUVs) an. Du kannst sofort sehen, wer ein christlicher Fundamentalist ist, weil sie an ihren protzigen Autos dafür werben. Es ist sehr offensichtlich, dass es keine Randerscheinung der Gesellschaft ist, es ist zu einem großen Teil im Mainstream angekommen.


Auch wenn Deutschland in die Kriege in Afghanistan und im Irak und die Besatzung verwickelt ist, findet man nur wenig in den Mainstream-Medien darüber, was in diesen Ländern passiert und was dabei die Rolle Deutschlands ist. Und wenn über diese Themen berichtet wird, wird die deutsche Armee als Helfer für das afghanische oder irakische Volk porträtiert, z.B. durch die Einweisung von Polizisten etc. Sogar in der Linken werden diese Themen nicht angemessen diskutiert und behandelt. Kanada ist ebenso verwickelt in diese Kriege und Besatzungen. Wie wird dieses Thema in Kanada diskutiert? Gibt es eine Opposition zum Krieg?

Chris: Die gibt es. Sie sammelt sich unter der Devise: „Wir unterstützen die Truppen, doch wir sollten sie nach Hause holen.“


Eine „patriotische“ Opposition also?

Chris: Ziemlich. Es ist politische Verlegenheit - unser Verschnitt der Labor Party hat Angst, als unpatriotisch wahrgenommen zu werden. Sie sind aber ziemlich nahe dran, für einen unverzüglichen Rückzug einzutreten. Doch es ist selbstverständlich keine radikale Position, die sie einnehmen, ganz sicher nicht.


Ist die Mainstream-Diskussion beeinflusst von amerikanischen Soldaten, die fahnenflüchtig sind? Es gab Gerichtsentscheidungen in Kanada, ob ihnen erlaubt sein soll zu bleiben.

Chris: Sie haben einen von ihnen einfach zurückgeschickt, ich glaube, erst kurz bevor wir Kanada verlassen haben! Laut Gesetzbuch kannst du in den USA hingerichtet werden, wenn du Fahnenflucht begehst. Auch wenn sie es heute nicht mehr so oft anwenden, kann man aus Kanada ausgewiesen werden. Es sollte eigentlich niemand aus Kanada ausgewiesen werden, den die Hinrichtung erwarten könnte, aber sie schicken sie trotzdem fort. Unsere Regierung geht in dieser Hinsicht mit der Bush-Adminstration konform. Wir haben eine konservative Regierung unter Stephen Harper.


Doch es gibt Unterstützergruppen für diese Soldaten in Kanada. Es wurde darüber bei Democracy Now! berichtet.

Chris: Nur sehr kleine marginale Unterstützergruppen.


In Kanada gibt es den Fall Omar Khadr, der Guantanamos jüngster Häftling ist. Er war ein 15-jähriger Kindersoldat, als er in Afghanistan gefangen wurde. Es gab einen ähnlichen Fall mit einem deutschen Staatsbürger, Khaled el-Masri, der von der CIA gekidnappt und gefoltert wurde. Die deutsche Regierung wusste davon und unternahm nichts diesbezüglich. Hat das Einfluss auf die öffentliche Diskussion?

Chris: Ich glaube, kurz bevor wir Kanada verlassen haben, war es Thema auf der Titelseite einer der landesweiten Zeitungen, und es war auch im landesweiten Radio. … Es gibt also tatsächlich Reaktionen darauf. Ich würde aber sagen, nur eine Minderheit reagiert so darauf, dass sie sagen, dieser Bursche sollte nicht dort sein und wir sollten ihn rausholen.


Er war 15 Jahre alt, als er gefangen wurde!

Chris: Doch es gibt in Kanada dieselben konservativen Reaktionen wie in Amerika, etwa in dem Sinne: Er ist ein Terrorist und wir wollen nicht, dass er ins Land zurückkommt. Ich weiß aber nicht wirklich, wie das läuft, wie die Leute genau darüber denken.


Das war ziemlich das Gleiche in Deutschland. Die deutsche Regierung wollte el-Masri nicht zurück.

Chris: Meine persönliche Meinung - die auf keiner Wissenschaft oder Untersuchung basiert -, ist, dass es eine Menge Weiße in Kanada gibt, die dich nicht wirklich als Kanadier wahrnehmen, wenn du Omar Kadhr heißt. Ich glaube nicht, dass die Leute ihn als kanadischen Staatsbürger betrachten, wenn sie über diese Angelegenheit nachdenken. Für sie ist er ein Immigrant. Das zeugt von typisch weißem Rassismus in Kanada. Was ich sagen will, ist: Wenn Leute keinen kanadischen Namen haben - wie Wayne Gretzky, Jeff Smith oder so - dann ist das erste Impulsurteil der Durchschnittsperson, dass sie keine Kanadier seien.


Das ist dasselbe, was McCain versucht, gegen Obama im Wahlkampf auszunutzen.

Chris: Genau. Sein zweiter Vorname ist Hussein. Viele Amerikaner können einfach nicht glauben, dass dieser Kerl denselben Namen hat wie Saddam Hussein.


Kommen wir zu etwas Positivem. Zwei Mitglieder von Propagandhi (du und Jord) waren Gründungsmitglieder von G7 Welcoming Committee, eines Plattenlabels und Büchervertriebs. Das G7-Kollektiv ist auf der Basis der ParEcon-Prinzipien organisiert, die Michael Alberts und Robin Hahnels Vision einer neuen Ökonomie entspringen. ParEcon ist eine Alternative zum Kapitalismus, basierend auf vertrauten Werten wie Solidarität, Fairneß, Diversität und darauf, dass Menschen ihr eigenes Leben demokratisch kontrollieren. Kannst du uns eine kurze Einführung in die Geschichte von G7 geben und uns sagen, wie die ParEcon-Prinzipien angewendet werden?

Chris: Momentan werden die ParEcon-Prinzipien überhaupt nicht angewendet, weil sich G7 in einem Winterschlaf befindet. Wir machen gegenwärtig keine neuen Projekte. Wenn irgendeine Arbeit zu verrichten ist, ist da niemand außer mir. Doch zum aktivsten Zeitpunkt gab es fünf oder sechs Personen bei G7. Der springende Punkt, weshalb wir einen von ParEcon inspirierten Betrieb organisierten, war, dass wir alle zuvor in typischen Betrieben gearbeitet hatten. Ich z.B. habe, seitdem ich dreizehn war, immer in hierarchischen Betrieben gearbeitet, und ich hasste jeden dieser Scheißjobs, jede Person, die über mir stand und die gesamte Arbeit, die mir zugeteilt wurde. Das waren immer die Standardaufgaben, während andere Leute kreative Aufgaben hatten oder besser bezahlt wurden. Es verbiesterte mir die Aussichten auf die Arbeitswelt. Ich kam das erste Mal in Berührung mit dem ParEcon-Modell über die Leute, die den Mondragon-Buchladen in Winnipeg gegründet hatten. Es stieß bei mir ernsthaft auf Resonanz. Offensichtlich ließ sich das ParEcon-Modell nicht gänzlich in einem kleinen Betrieb, wie bei einem Plattenlabel oder einem Buchladen, umsetzen. Es ist dort nicht alles davon enthalten, wie z.B. die Iterations-Räte (Räte für kollektive Planwirtschaft) und andere Dinge, die in Michael Alberts Vision einer größeren Gesellschaft vorgesehen sind. Doch es war uns wichtig, zumindest die Kreativ- und die Durchschnittsarbeit auszubalancieren und Anstrengung und Aufopferung zu honorieren, während wir unser Bestes taten, jegliche Entwicklung von hierarchischen Strukturen zu unterbinden. Wir wollten die Struktur horizontal belassen, den Menschen die Verantwortung lassen und sie dauerhaft zufrieden stellen, so dass man das Gefühl hat, dass man Teil davon ist, dass man Teil der Kreativarbeit ist, dass man die Durchschnittsarbeit verrichten und versuchen kann, das Fundament des Betriebes zu stärken, ohne dass zu viel Spezialisierung in einer Person gebündelt wird und plötzlich Panik ausbricht, wenn einer mal abspringt. Jeder kann von allem ein bisschen tun. Das war für uns das Hauptziel, als wir nicht unbedingt das ParEcon-Modell übernahmen, sondern uns eher haben inspirieren lassen von dem, wozu Michael Albert und Robin Hahnel anregten.


Es war also eher der praktische Ansatz des Café Mondragon, der dich inspirierte und erst danach hast du Michael Alberts Buch gelesen?

Chris: Es machte einfach Sinn. Es stieß auf Anklang bei uns. Hätte sich nicht jemand die Arbeit gemacht, diese Dinge auszusprechen, ich denke, wir hätten auch so versucht, das irgendwie kollektiv zu organisieren. Es half uns einfach, da wir etwas hatten…


…um nicht bei Null anfangen zu müssen, da Michael Albert diese reichhaltige Erfahrung mit South Ende Press und Z-Magazine hat…

Chris: … und viel Erfahrung mit der Arbeit in solchen Betrieben. Und er gab den Dingen, die wir intuitiv kannten einen Namen, Dinge, von denen wir aber nicht genau wussten, wie wir sie uns gegenseitig beschreiben sollten.


Wurden die Leute gemäß den Anstrengungen einer jeden Person und der persönlichen Aufopferung bezahlt (wie bei ParEcon)? Wie messt ihr Anstrengung und Aufopferung?

Chris: Da es nur eine kleine Anzahl von Leuten in dieses Projekt eingebunden war, war es um einiges leichter, als etwas Größeres zu betreiben, das mehr Formalitäten, Aufsicht und Diskussion benötigt. Wir zahlten jedem den gleichen Geldbetrag, und jeder war in Hörweite der anderen, so dass jeder verantwortlich war, dieselbe Menge an Anstrengung und Aufopferung zu erbringen. Es war sehr einfach. G7 war nicht wirklich ein Test von ParEcon auf dem freien Markt.


G7 ist nicht das einzige Kollektiv in Winnipeg, das nach ParEcon-Prinzipien organisiert ist. Es gibt dort die A-Zone, die versucht, Aktivisten, Organisationen und ebenso alternative von Arbeitern betriebene Geschäfte zusammen unter ein Dach zu bringen, einschließlich des R2C2 und des Café Mondragon. Der Verlag Arbeiter Ring Publishing ist ein weiteres Beispiel. Gibt es irgendeine Form der Zusammenarbeit zwischen den Kollektiven oder einen Austausch von Erfahrungen?

Chris: Mit Sicherheit in der Emma Goldman Autonomous Zone, worin sich G7 und die genannten Projekte befinden. Und es gibt da auch einen Fahrradkurier im Kellergeschoss namens Natural Bicycles, den ich als „pareconesk“ bezeichnen würde. Es gibt auf jeden Fall Interaktion zwischen all diesen verschiedenen Ebenen, seit über zehn Jahren. Auf der informellen Ebene verschmelzen wir Projekte, wo es Überschneidungen gibt. 1996 kam es zu Rücksprachen, um Arbeiten zu teilen - und das ganze Gebäude wurde zu diesem ParEcon-Bienenstock. Doch das war, als wir alle noch sehr aufgeregt und töricht waren.


Hat Michael Albert jemals Winnipeg besucht?

Chris: Er hat, glaube ich, zweimal einen Vortrag im Mondragon-Buchladen unter uns gehalten. Robin Hahnel war auch einmal dort.


Als Michael Albert das letzte Mal Deutschland besuchte, sagte er, dass er sich mehr Austausch zwischen bestehenden ParEcon-Kollektiven wünschen würde.

Chris: Damals, als es losging, sagte jeder, wir sollten Buch darüber führen, wie sich alles entwickelt - eine dokumentierte Geschichte. Doch als die Arbeit aufgenommen wurde, begann unser Interesse an der Dokumentation zu schwinden. Es ist ein Arbeitsplatz, und dein Interesse an solchen Sachen schwindet, wenn du an die Arbeit gehst. Ich glaube, es gibt da einen Kerl namens Paul Burrows in Winnipeg, einer der Gründer des Mondragon-Buchladens, dem man anrechnen sollte, die meiste Arbeit diesbezüglich in Winnipeg geleistet zu haben, und der viele Anregungen für andere Betriebe gab. Das wollte ich an dieser Stelle noch gesagt haben.


Wie denkt ihr, als Vollzeitmusiker, über ParEcon, wenn es um kreative Arbeit geht. Denkst du, es ist möglich, die kreative Arbeit eines Künstlers in einer ParEcon-Gesellschaft zu bemessen?

Chris: Ich weiß nicht, ob es unmöglich ist. Ich würde beinahe sagen, dass es sicherer für mich wäre, diese Frage nicht in diesem Interview zu beantworten. Soviel ich weiß hat Michael Albert sogar vor kurzem in einem Buch, das er in Episoden auf ZNet veröffentlicht, darüber geschrieben. Eines der Kapitel handelt, glaube ich, vom Thema Kunst in ParEcon, und ich denke, dass er darin wie immer empfiehlt, die Leute sollten sich in die Foren begeben und versuchen herauszufinden, was jeder darüber denkt. Ich denke, wenn ich jetzt ausführlich etwas darüber sage, wäre es nicht durchdacht. Ich bin sicher nicht der Ansicht, es sei unmöglich. Es gibt einige sehr quantifizierbare Aspekte von Kunst. Z.B. die Stunden, die jemand investiert. Natürlich ist engagierte politische Kunst eine subjektive Angelegenheit, so dass nicht jeder denkt, das Endprodukt sei von Wert. Doch es gibt einige Dinge, die sich bemessen lassen.


G7 verkündete vor Kurzem die Veröffentlichung der letzten Platte. Heißt das, dass das Projekt zu Ende geht? Oder gibt es Pläne für die Zukunft?

Chris: Wir werden noch die nächste Propagandhi-Platte bei G7 rausbringen. Und wenn Derek, der andere Protagonist bei G7, nach Winnipeg zurückkehrt - er ist weggezogen und wohnt gerade 500 Km entfernt von mir -, was in ein oder zwei Jahren der Fall sein könnte, dann werden wir das Projekt wahrscheinlich wiederbeleben. Doch bis dahin… Wir haben es mit dieser Distanz zwischen uns ein halbes Jahr lang probiert. Das war einfach kein Spaß mehr. Gewöhnlich saßen wir uns gegenüber und rissen den ganzen Tag Witze. Es wird weitergehen, da bin ich mir sicher, doch im Moment…


Kannst du etwas sagen, wann das neue Album veröffentlicht wird?

Chris: Wir werden im Oktober aufnehmen, also wahrscheinlich im Februar oder März. Das scheint eine lange Zeit zu sein, doch die wird ziemlich schnell verfliegen. Wir sind ziemlich aufgeregt.


Danke für das Interview.

Interview: Holger Marcks (DA) & Timo Stollenwerk (ZNet)

Quelle: Siehe auch Direkte Aktion, Nr. 189 (Sept./Okt. 2008)

Originaltext: http://zmag.de/artikel/musik-von-heute-rebellion-von-morgen


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