Die Ziele und Wege des "Catholic Worker"

Am 1. Mai 1933 erschien die erste Ausgabe der Zeitung „The Catholic Worker“ in New York. Peter Maurin und Dorothy Day starteten damit eine Bewegung, zu der heute etwa 170 „Häuser der Gastfreundschaft“ und Landgemeinschaften gehören. Die meisten Gemeinschaften befinden sich in den USA, einige in Europa, Kanada, Australien und Neuseeland. Wir nehmen das 75-jährige Jubiläum zum Anlass, im Laufe des Jahres einige grundlegende Aspekte unserer Bewegung vorzustellen.

Diese philosophische Grundsatzerklärung der Catholic Worker-Bewegung, heute würde mensch es ein “Leitbild” nennen, wurde erstmals in den 30er Jahren verfasst und war ursprünglich nur wenige Textabschnitte lang. Sie wurde in der Folgezeit immer wieder aktualisiert und erweitert. Diese Fassung erschien unter dem Titel „Aims and Means of the Catholic Worker“ zuletzt in der Mai-Ausgabe 2007 der Zeitung „The Catholic Worker“.

Das Ziel der Catholic Worker-Bewegung ist ein Leben im Einklang mit der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Jesu Christi. Unsere Quellen sind die hebräischen und griechischen Schriften der Bibel, wie sie uns durch die Lehre der römisch-katholischen Kirche weitergegeben wird. Unsere Inspiration kommt vom Leben der Heiligen, "Männer und Frauen von herausragender Heiligkeit, lebende Zeugen für Deine unwandelbare Liebe." (Eucharistisches Gebet)

Dieses Ziel fordert uns heraus, damit zu beginnen anders zu leben. Wir erinnern an die Worte unserer GründerInnen Dorothy Day, die sagte: „Gott hat die Dinge viel einfacher gemeint, als wir sie gemacht haben“, und Peter Maurin, der eine Gesellschaft aufbauen wollte, „wo es einfacher ist für die Menschen, gut zu sein.“


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Wenn wir unsere Gesellschaft, die im allgemeinen kapitalistisch genannt wird (wegen ihrer Art, Reichtum zu produzieren und zu kontrollieren) und bürgerlich (wegen der vorherrschenden Sorge um den Gewinn und die materiellen Interessen, und wegen ihrer Betonung des Ansehens und der Mittelmäßigkeit), genau ansehen, dann finden wir heraus, dass sie weit von Gottes Gerechtigkeit entfernt ist.

In der Wirtschaft führt der private und staatliche Kapitalismus zu einer ungerechten Verteilung des Wohlstands, da das Profitstreben alle Entscheidungen leitet. Die Mächtigen leben auf Kosten anderer, während die Machtlosen einer gerechten Gegenleistung für ihre Arbeit beraubt werden. Wucher (d.h. die Berechnung von Zinsen über die tatsächlichen Verwaltungskosten hinaus) ist ein Hauptbestandteil dieses Systems. Wir stellen besonders fest, dass die Weltschuldenkrise die armen Länder in immer größere Verarmung und eine Abhängigkeit führt, aus der kein Entrinnen möglich scheint. Hier im eigenen Lande, steigt die Zahl hungriger, obdachloser und arbeitsloser Menschen inmitten wachsenden Reichtums.

In der Arbeitswelt ist die Deckung der menschlichen Bedürfnisse nicht mehr der Grund für menschliche Arbeit. Stattdessen wird alles von der ungezügelten Ausbreitung der Technologie, notwendig für den Kapitalismus und als "Fortschritt" bezeichnet, beherrscht. Arbeitsplätze konzentrieren sich in der Produktion und in der Verwaltung einer "High-Tech"- und auf den Krieg bezogenen Konsum-Gesellschaft der Wegwerf-Produkte. So sind die ArbeitnehmerInnen in einer Arbeit gefangen, die nicht zur menschlichen Wohlfahrt beiträgt. Wenn darüber hinaus die Arbeit immer mehr spezialisiert wird, sind viele Menschen von der Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung ausgeschlossen oder werden den Ergebnissen ihrer Arbeit entfremdet. Selbst bei den Bauern ersetzt die industrielle Landwirtschaft („agribusiness“) immer mehr die traditionelle Landwirtschaft („agriculture“), und in allen Bereichen werden moralische Bedenken rücksichtslos beiseite geschoben, und eine Missachtung der Naturgesetze bedroht den ganzen Planeten.

In der Politik ist es die Funktion des Staates, das Leben zu kontrollieren und zu regulieren. Seine Macht hat sich Hand in Hand mit dem Wachstum der Technologie erweitert. Wo konkrete Politik gemacht wird, haben militärische und wissenschaftliche Interessen sowie die Interessen der Unternehmen die höchste Priorität. Aufgrund der schieren Größe der Institutionen steuern wir auf eine Regierung der Bürokratie zu, d.h. eine Regierung durch niemanden. Die Bürokratie ist in allen Bereichen unseres Lebens nicht nur unpersönlich, sondern sie macht auch die Verantwortlichkeit, und daher ein wirksames politisches Forum für die Beseitigung von Missständen, fast unmöglich.

Im Bereich der Moral sind die Beziehungen zwischen den Menschen durch verzerrte Bilder der menschlichen Person geschädigt. Klasse, Rasse und Geschlecht bestimmen oft den persönlichen Wert und die Position innerhalb der Gesellschaft, was zu Strukturen führt, die Unterdrückung fördern. Der Kapitalismus entzweit darüber hinaus die Gesellschaft, indem er die EigentümerInnen gegen die ArbeitnehmerInnen ausspielt im ständigen Konflikt um den Reichtum und die Kontrolle darüber. Diejenigen, die nicht „produzieren“, werden fallen gelassen, und werden, im besten Fall, durch die Einrichtungen der soziale Fürsorge geschleust. Die spirituelle Armut nimmt überhand und zeigt sich in Isolation, Verrücktheit, Bindungslosigkeit und Gewalt.

Das Wettrüsten steht als ein deutliches Zeichen für die Richtung und den Geist unserer Zeit. Es hat das Reich der Zerstörung und die Angst vor der Vernichtung ausgeweitet, und es verweigert das Grundrecht auf Leben. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen dem Wettrüsten und dem Elend. "Das Wettrüsten ist eine äußerst tückische Falle, und zwar eine, welche die Armen in einem unerträglichen Maß schädigt." (Vatikan II)


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Im Gegensatz zu dem, was wir um uns herum sehen, wie auch in uns selbst, steht die Lehre des Hlg. Thomas von Aquin vom gemeinsamen Gut, die Vision von einer Gesellschaft, in der das Wohl jedes einzelnen Mitglieds verbunden ist mit dem Wohl des Ganzen im Dienste Gottes.

In diesem Sinne treten wir ein für:

Personalismus, eine Philosophie, welche die Freiheit und die Würde jeder Person als die Basis, das Zentrum und das Ziel aller Metaphysik und Moral betrachtet. Wenn wir dieser Weisheit folgen, bewegen wir uns weg von einem egozentrischen Individualismus hin auf das Wohl der Anderen. Wir selbst sollen persönliche Verantwortung für die Veränderung der Verhältnisse übernehmen, anstatt vom Staat oder anderen Institutionen zu erwarten, dass sie unpersönliche “Fürsorge“ gewährleisten. Wir beten für eine Kirche, die von dieser Philosophie erneuert wird, und für eine Zeit, in der alle, die den Eindruck haben, von der Mitgestaltung ausgeschlossen zu sein, mit Liebe willkommen geheißen werden, angezogen vom sanften Personalismus, den Peter Maurin gelehrt hat.

Eine dezentrale Gesellschaft, im Gegensatz zur heutigen Größe von Regierung, Industrie, Bildungs- und Gesundheitswesen und Landwirtschaft. Wir ermutigen Versuche wie Familienbetriebe in der Landwirtschaft, treuhänderische Verwaltung ländlicher und städtischer Grundstücke, Arbeiter-Unternehmer-Modelle von kleinen Fabriken, Selbstversorgunsprojekte, Lebensmittel-, Wohnungs- und andere Genossenschaften – alle Versuche, bei denen Geld nur noch als Tauschmittel gilt und bei denen die Menschen nicht mehr wie Waren behandelt werden.

Eine "grüne Revolution" (Peter Maurin), so dass es möglich ist, die wirkliche Bedeutung unserer Arbeit und unsere wahre Verbundenheit mit dem Land wieder entdecken zu können, ein distributivistischer Kommunitarismus mit Selbstversorgung durch Landwirtschaft, Handwerk und angepasste Technologie; eine radikal neue Gesellschaft, in der sich die Menschen auf die Früchte ihrer eigenen Mühe und Arbeit verlassen werden; Vereinigungen auf Gegenseitigkeit und einen Sinn für Fairness beim Konflikte lösen.


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Wir glauben, dass diese notwendige persönliche und gesellschaftliche Veränderung auf die Art angestrebt werden sollte, wie es uns Jesus mit seiner aufopferungsvollen Liebe offenbart hat. Mit Christus als unserem Vorbild, durch das Gebet und die Gemeinschaft mit Seinem Leib und Blut, streben wir nach der Verwirklichung von:

Gewaltfreiheit. "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden." (Matthäus 5:9) Nur durch gewaltfreie Aktion kann eine personalistische Revolution erreicht werden, in der man nicht das eine Übel einfach durch ein anderes ersetzt. Darum sind wir gegen jede absichtliche Tötung menschlichen Lebens aus welchem Grunde auch immer, und wir sehen jede Unterdrückung als Gotteslästerung an. Jesus lehrte uns, lieber Leiden auf uns zu nehmen, anstatt es anderen zuzufügen. Und Er ruft uns auf, Gewalt mit den geistlichen Waffen des Gebets, des Fastens und der Nichtzusammenarbeit mit dem Bösen zu bekämpfen. Hervorragende Mittel zur Schaffung des Friedens sind:

- Wir weigern uns, Steuern für den Krieg zu zahlen, uns für den Kriegsdienst erfassen zu lassen oder ungerechten Gesetzen zu gehorchen.
- Wir nehmen an gewaltfreien Streiks und Boykotts, Protesten und Mahnwachen teil.
- Wir entziehen den herrschenden Systemen, der Finanzierung der Wirtschaftsunternehmen und der Anwendung von Zinswucher jegliche Unterstützung.

Die Werke der Barmherzigkeit (wie in Matthäus 25:31-46 beschrieben) stehen im Herzen des Evangeliums, und sie sind klare Aufträge für unsere Antwort auf die "geringsten unserer Brüder und Schwestern." Häuser der Gastfreundschaft sind Zentren des Lernens, um die Taten der Liebe zu tun, so dass die Armen bekommen können, was ihnen gerechterweise zusteht, der zweite Mantel in unserem Kleiderschrank, das extra Zimmer in unserem Haus, einen Platz in unserem Tisch. Alles außer dem, was wir selbst unmittelbar brauchen, gehört denen, die nichts haben.

Handarbeit, in einer Gesellschaft, welche diese als würdelos und minderwertig ablehnt. "Neben der Förderung von Zusammenarbeit, neben der Überwindung von Grenzen und der Herstellung eines Geistes der Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit (neben der Tatsache, dass Dinge einfach erledigt werden), ermöglicht es uns die Handarbeit, dass wir unseren Körper genauso wie unsere Hände und unseren Verstand nutzen" (Dorothy Day). Das benediktinische Motto Ora et Labora (Bete und arbeite) erinnert uns daran, dass die Arbeit mit den menschlichen Händen ein Geschenk ist zur Erbauung der Welt und zur Ehre Gottes.

Freiwillige Armut. "Das Geheimnis der Armut besteht darin, dass wir die Erkenntnis und den Glauben an die Liebe vergrößern, wenn wir sie teilen, wenn wir uns selbst arm machen, indem wir anderen geben." (Dorothy Day) Indem wir die freiwillige Armut annehmen, das heißt, indem wir in Freiheit unser Los mit jenen teilen, deren Verarmung nicht freiwillig ist, bitten wir um die Gnade, uns selbst auf die Liebe Gottes zu verlassen. Dies kann uns auf den Weg führen, die Kirche in ihrer "vorrangigen Option für die Armen" zu verwirklichen.


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Wir müssen damit rechnen, im Blick auf diese Ziele einen scheinbaren Misserfolg hinzunehmen, denn Opfer und Leiden gehören zum christlichen Leben. Erfolg, wie die Welt ihn versteht, ist nicht das letzte Kriterium für ein Urteil. Das Wichtigste ist die Liebe Jesu Christi und wie wir Seine Wahrheit leben.

Übersetzung: Dietrich Gerstner

Originaltext: http://www.brot-und-rosen.de/detail.details+M5192b38214d.0.html


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