Sebastian Kalicha - Anarchismus und Christentum. Plädoyer für einen differenzierten Blick

„Es wird als selbstverständlich angesehen, dass AnarchistInnen allen Religionen […] feindlich gegenüber stehen. Es wird ebenfalls als selbstverständlich angesehen, dass gläubige ChristInnen die Anarchie, als Ursprung von Chaos und als Negation etablierter Macht, verabscheuen. Es sind diese simplifizierten und unbestrittenen Annahmen, die ich beabsichtige in Frage zu stellen.“[1]

Jacques Ellul

Über einen Anarchismus zu diskutieren, der christlich ist, scheint für viele ebenso ungewohnt zu sein, wie über ein Christentum, das anarchistisch ist. Dennoch gibt es seit langer Zeit die in unterschiedlichen Ausformungen auftretende politisch-religiöse Strömung des christlichen Anarchismus. Es lassen sich viele Bewegungen und Persönlichkeiten in Geschichte und Gegenwart ausfindig machen, die die Idee eines libertären Christentums verfolgen und mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Anarchismus und Christentum keine sich gegenseitig ausschließende Ideenlehren sein müssen sondern ganz im Gegenteil – einmal einen bestimmten Zugang gefunden – sich inhaltlich eher treffen als sich von einander entfernen. Was kann man sich aber unter der Bezeichnung „christlicher Anarchismus“ genau vorstellen? Wie sieht ein Christentum, das von sich behauptet (oder von dem andere behaupten) anarchistisch zu sein, aus? Wie verträgt es sich mit dem „klassischen“ Anarchismus, von dem gemeinhin die Vorstellung vorherrscht, er sei nicht- beziehungsweise anti-religiös? Und wie mit einem Christentum, das im Ruf steht, mit Sozialismen jeglicher Art inkompatibel zu sein?

Eine prägnanten Charakterisierung des christlichen Anarchismus – wenn man sich anmaßt derartiges in wenigen Sätzen formulieren zu wollen – könnte so aussehen: Das Christentum wird in einer Art und Weise begriffen, das letztendlich in politischen und sozialen Fragen auf etwas hinausläuft, das politisch Aktive in der Arbeiterbewegung des späten 19. Jahrhunderts begannen als „Anarchismus“ oder „libertärer Sozialismus“ zu bezeichnen – und zwar nicht trotz, sondern aufgrund dessen, was in der Bibel geschrieben steht. Es ist ein Anarchismus, der sich aus der Bibel und dem Leben und Wirken Jesu herleitet. Die Bibel und die Botschaft Jesu dienen so als Grundlage dafür, zu ähnlichen oder den selben Schlüssen zu gelangen wie sie von anarchistischen TheoretikerInnen formuliert wurden: den Staat mit all seiner Institutionen und RepräsentantInnen als illegitim anzusehen, den Kapitalismus als Wirtschaftssystem abzulehnen und eine egalitäre, dezentrale und gewaltfreie Gesellschaftsordnung, frei von Unterdrückung und Ausbeutung, an deren Stelle zu verwirklichen. Der französische Soziologe und Philosoph Jacques Ellul, der viel zur christlich-anarchistischen Theoriebildung beigetragen hat, schreibt daher in diesem Sinne, dass „biblisches Gedankengut direkt zum Anarchismus“[2] führe.

Aber es muss nicht immer notgedrungen eine bestimme Exegese der Bibel im Mittelpunkt stehen oder als ausschließlicher Ausgangspunkt für ein libertäres Verständnis des Christentums dienen. Für die Catholic-Worker-Bewegung – die eines der bekanntesten Beispiele dafür ist, dass selbst katholische ChristInnen sich positiv auf den Anarchismus beziehen können – war beispielsweise neben einem libertären Verständnis der Bibel auch immer klar, dass sie sich auf zahlreiche unterschiedliche politische und philosophische Ideenlehren und Strömungen der Linken beriefen, durch deren Kombination und Vermengung schließlich diese neuartige Bewegung, die letztendlich als „christlich-anarchistisch“ bezeichnet wurde, entstand. Einer der Gründer der Catholic-Worker-Bewegung, Peter Maurin, war zum Beispiel stark durch drei Denkschulen geprägt, nämlich die der französischen PersonalistInnen (Emmanuel Mounier, Jacques Maritain), der russischen AnarchistInnen (Peter Kropotkin, Leo Tolstoi)[3] sowie der englischen DistributionistInnen (Eric Gill, G. K. Chesterton, Hilaire Belloc).[4] Die Spuren, die die Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW), bei denen z.B. die einflussreichen Catholic Workers Dorothy Day und Ammon Hennacy Mitglieder waren, in den Aktionen und den politischen Schwerpunktsetzungen der Catholic-Worker-Bewegung hinterlassen hat, ist ebenfalls evident.[5] Beschäftigt man sich näher mit dem Anarchismusverständnis der Catholic Workers, so ist das Bild wiederum eines das einer Differenzierung und Spezifizierung bedarf. Die Catholic Workers sind weder „von Stirners extremen Individualismus“ noch von „Bakunins Glaube an die schaffende und erlösende Kraft von Gewalt und Zerstörung“ beeinflusst, sehr wohl aber von „dem pazifistischen Anarchismus Tolstois, dem kommunistischen Anarchismus Kropotkins und […] vom Mutualismus Proudhons“.[6] Hier soll aber natürlich nicht die Behauptung aufgestellt werden, Anarchismus und Christentum seien im Grunde genommen das gleiche. Die historischen und ideengeschichtlichen Wurzeln des Christentums und des Anarchismus sind natürlich unterschiedliche, was jedoch einem anarchistischen Verständnis des Christentums nicht im Wege steht muss, was Ciaron O'Reilly, ebenfalls Aktivist bei der Catholic-Worker-Bewegung, meint, wenn er schreibt, dass „die Prämisse des Anarchismus dem Christentum und der Botschaft der Evangelien inhärent“[7] sei.

Zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum

Der Mainstream der christlichen Kirchen steht bekanntlich traditionell sozialistischem Gedankengut skeptisch bis ablehnend gegenüber. Oft genug haben anarchistische und sozialistische Bewegungen sich durch ihren Atheismus und Materialismus definiert; ihr aufklärerisches und fortschrittliches Selbstverständnis bezogen sie gerade aus ihrer Ablehnung von Religion und Kirche. Dennoch gibt es in beiden Gemeinschaften oft Grund genug, dieses vorgefertigte Bild in Frage stellen. Auf christlicher Seite seien – neben den sich dezidiert als christlich-anarchistisch bezeichnenden Bewegungen und Individuen – diverse  Bewegungen wie die Diggers, die Duchoborzen, die Quäker[8], die Befreiungstheologie[9] aber auch mittelalterliche religiöse Bewegungen wie die Waldenser (die von der Kirche als Ketzer gebrandmarkt und dementsprechend verfolgt wurden) genannt. Die hier Genannten waren oder sind zwar nicht anarchistisch im Sinne einer Selbstbezeichnung (oft schlicht deshalb, weil das Wort Anarchismus in Verbindung mit einer politischen und sozialen Bewegung erst im 19. Jahrhundert auftauchte), aber eine libertäre und progressive Dimension, aufgrund derer es auch AnarchistInnen nicht schwer fallen dürfte, sich positiv auf diese zu beziehen, lässt sich hier allemal finden. Auf anarchistischer Seite gab und gibt es verschiedene Individuen und Gruppen, die u.a. aufgrund ihrer Exegese der Bibel, diverser häretischer Bewegungen oder einer positiven Bezugnahme zu den christlichen Urgemeinden, eine libertäre Dimension im Christentum erkannten – auch, wenn sie selbst nicht notwendigerweise religiös oder gläubig waren.

Dennoch haben es christliche AnarchistInnen nicht immer ganz leicht, denn in jenen Gemeinschaften – anarchistischen und christlichen –, deren Ideenlehren sie versuchen in unterschiedlicher Art und Weise zusammenzuführen, ist eben dieses Vorhaben häufig von Skepsis oder im schlimmsten Fall von schlichter Ablehnung begleitet. Dave Andrews weist beispielsweise darauf hin, dass in einer zeitgenössischen Bibelübersetzung der „Antichrist“ als „Anarchist“ übersetzt wurde. Daher sei es „verständlich, weshalb so viele ChristInnen die AnarchistInnen als ihre Erzfeinde begreifen.“[10] Obwohl eine derartige Terminologie bezeichnend ist, geht das gesamte Thema doch weit darüber hinaus. Der Anarchismus begreift sich als eine revolutionäre und libertäre Form des Sozialismus und es ist gemeinhin bekannt, wie belastet das Verhältnis zwischen Christentum (bzw. der Kirche) und Sozialismus war und ist, selbst, wenn es immer wieder löbliche Ausnahmen von dieser Norm gab. In der anarchistischen Bewegung – auch das ist alles andere als ein Geheimnis – haben anti-klerikale oder anti-religiöse Überzeugungen eine starke und lange Tradition. Man kann in einen ganz beliebigen anarchistischen Klassiker des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts einen Blick werfen, Statements gegen Kirche und Religion fehlen fast nie, weshalb eine ablehnende Haltung Religion gegenüber auch gerne als ein anarchistisches „Essential“ betrachtet wird. Nehmen wir einen der bekanntesten Anarchisten, Michael Bakunin: Er warnt in Gott und der Staat davor, dass die Religion „die Völker verdummen und verderben“ würde und sie die Vernunft, „dieses Hauptwerkzeug der menschlichen Befreiung“ in den Menschen töte. Er schlussfolgert: „Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht.“[11] Oder Erich Mühsam: Er sieht Religion und Staat als miteinander verwobene Unterdrückungsinstrumente und schreibt in Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, dass „Gott und der Staat […] die beiden Pole der Macht“ seien, die „auf der Verneinung von Gleichberechtigung, Gegenseitigkeit und Selbstverantwortung“[12] beruhten. Es ist müßig, ob der ohnehin weithin bekannten anti-klerikalen und anti-religiösen Argumente in der anarchistischen Bewegung, weiter auf diverse Schriften dieser Art, die teilweise in Polemiken wie Johann Mosts Die Gottespest abdrifteten, hinzuweisen, da sie ohnehin zumeist weitaus bekannter sind als differenzierte Positionen zum Thema, denen hier Platz eingeräumt werden soll.

Denn: So starr, wie es in diesen Zitaten klingen mag und viele AnarchistInnen glauben mögen, ist die libertäre Front gegen alles Religiöse auch wieder nicht. Peter Kropotkin – einer der wichtigsten Vertreter des kommunistischen Anarchismus und sicher weit davon entfernt ein christlicher Anarchist zu sein – gesteht dem Christentum zum Beispiel zu, dass es erst durch die Institutionalisierung korrumpiert worden ist, wenn er das Christentum als „die Empörung gegen das kaiserliche Rom“ beschreibt, das „durch dasselbe Rom“ besiegt wurde, indem es „dessen Maximen, Sitten und Sprache an[nahm]“ und so „römisches Recht“[13] wurde. Er ging sogar noch weiter und schrieb, dass es „in der christlichen Bewegung […] zweifellos ernstzunehmende anarchistische Elemente“ gegeben habe. Der „anarchistische[.] Gehalt“, den er in den „Anfängen“ des Christentums verortete, verschwand für ihn aber, als „diese Bewegung [allmählich] zu einer Kirche [entartete]“.[14] Diese Argumentation unterscheidet ihn von vielen christlich-anarchistischen TheoretikerInnen de facto nicht. Kropotkin war es auch, der in seinem Anarchismus-Artikel für die Encyclopædia Britannica (eleventh ed.) die frühen Hussiten, die Anabaptisten und den Theologen Hans Denck[15] im positiven Sinne für erwähnenswert erachtete.

Ein anderer kommunistischer Anarchist, Pierre Ramus, hatte ganz offen Sympathien für den (anti-klerikalen) christlichen Anarchismus Tolstoischer Prägung, für libertäres Christentum und die Botschaft Jesu insbesondere der Bergpredigt.[16] In einem Artikel aus dem Jahre 1920, der in der Zeitschrift Erkenntnis und Befreiung erschien, schreibt Ramus: „[D]as bestehende System der Gewalt beruht in der Gewaltbetätigung der Massen auf allen individuellen und sozialen Gebieten, und diese Betätigung entstammt der irrigen, geistlosen Gewaltverehrung des Proletariats, die künstlich gezüchtet wird durch Staat, Schule, Militarismus, Kirche, Partei und demagogenhafte Machtgier. Im Augenblick, wo das Proletariat die Betätigung der von ihm geforderten Gewalt auf allen Gebieten der bestehenden Gewaltordnung verweigert – und darin besteht der Wesenskern des Christentums, wie Tolstoi es lehrt – bricht diese ganze Gewaltordnung ohnmächtig zusammen und, was vielleicht das allerwichtigste: es entsteht keine neue – Mensch wie Gesellschaft sind endlich befreit, frei.“[17]

Ein anderer Autor ergänzt in der anarchistischen Zeitschrift Wohlstand für Alle: „Leo Tolstoi ist Religion nicht ein bildlich wahrnehmbarer Gottesbegriff, auch nicht die Verehrung irgend einer Jesugestalt, eines Bibelwortes, einer Reliquie. Alles dies sind ihre Äußerlichkeiten, die die Kirche geschäftlich ausbreitet. Für Tolstoi ist Religion: ein wahres Leben im Dienste des Wohles deines Nebenmenschen, im Dienste der Erfüllung einer höheren Pflicht, sich und sein ganzes einzusetzen für die Verwirklichung des Guten. Was ihm dieses ist, weiß man, wenn man das Ideal des Anarchismus kennt […].“[18]

In einem weiteren Artikel der Zeitschrift Erkenntnis und Befreiung setzt ein Autor das Christentum und den Anarchismus gänzlich auf eine Stufe:  „[D]ie Lehre, die das Christentum in Bildern und Gleichnissen von unerhörter dichterischer Pracht verkündet, – dieselbe Lehre lehrt der kommunistische Anarchismus in der Sprache der Wissenschaft.“[19]

Gustav Landauer ist auch ein gutes Beispiel für jemanden, der zwar kein christlicher Anarchist war, sich aber dennoch durch seinen differenzierten Zugang zu unterschiedlichen Facetten des Christentums auszeichnete. Landauer bezog sich, wie so viele andere nicht-religiöse AnarchistInnen auch, positiv auf Tolstoi sowie auf mittelalterliche christliche Gemeinschaften bzw. auf den zur Zeit der Hussitenbewegung lebenden Laientheologen Peter Chelčický.[20] Zudem beschäftige er sich ausgiebig mit dem spätmittelalterlichen Theologen und Mystiker Meister Eckhart und dann und wann bezog auch er sich in kurzen Nebenkommentaren positiv auf Jesus selbst.[21]

Dass, davon ausgehend, das Verhältnis zwischen Anarchismus und Christentum in anarchistischer Literatur jüngeren Datums häufig mit der nötigen Differenzierung dargestellt wird und auf polemische Rundumschläge gegen alles Religiöse/Christliche verzichtet wird, ist deutlich zu erkennen. In vielen Standard- und Einführungswerken zum Anarchismus wird der christliche Anarchismus als Teil der anarchistischen Bewegung ganz selbstverständlich erwähnt und behandelt. In Demanding the Impossible. A History of Anarchism schreibt Peter Marshall beispielsweise, dass „trotz der Opposition vieler klassischer anarchistischer DenkerInnen des 19. Jahrhunderts dem Christentum gegenüber, und trotz der engen Bindung von Kirche und Staat, der Anarchismus […] keinesfalls seinem Wesen nach anti-religiös oder anti-christlich“ sei. „Genau so wie andere Weltreligionen“, so Marshall, habe „auch das Christentum ein uneinheitliches Vermächtnis hinterlassen, es war aber stets eine Quelle großer Inspiration sowohl für den Anarchismus, also auch für den Sozialismus und wird dies auch zweifelsohne in der Zukunft bleiben.“[22] Ähnlich argumentiert Murray Bookchin wenn er schreibt, dass das Christentum „nicht nur ein zentralisiertes, autoritäres Papsttum“ hervorgebracht habe, sondern auch „die Antithese dazu: einen quasi religiösen Anarchismus“.[23] Er schreibt von einer „gemischten Botschaft“ des Christentums, die er in zwei unterschiedliche Glaubenssysteme einteilt, wobei er eines davon als „radikale, aktivistische, kommunistische und libertäre Vision christlichen Lebens“ bezeichnet.[24] George Woodcock fasst in Anarchism. A History of Libertarian Ideas and Movements seine Ausführungen zu Tolstoi und dem christlichem Anarchismus so zusammen: „Ich denke, ich habe genug gesagt, um zu veranschaulichen, dass […] Tolstois soziale Lehre wahrhaftiger Anarchismus ist, die die autoritäre Beschaffenheit der existierenden Gesellschaft verurteilt, eine neue, libertäre Ordnung vorschlägt und auf die Mittel hinweist, durch die man sie erreichen könnte.“[25] Der Historiker James Joll geht noch einen Schritt weiter und attestierte in seinem Buch Die Anarchisten dem Anarchismus an sich gar eine religiöse Dimension, wenn er schreibt, der Anarchismus sei „sowohl ein religiöses Bekenntnis als auch eine rationale Philosophie.“[26] Ähnliches lässt sich auch in den Schriften des britischen Anarchisten und Atheisten Nicolas Walter finden.[27] Diese Liste an Beispielen, die darauf hindeuten, dass selbst in der gemeinhin als strikt anti-religiös geltenden anarchistischen Bewegung eine differenzierte Meinung zu Religion und Christentum nichts völlig neuartiges oder gar obskures ist, ließe sich fortführen.[28]

Ähnlich differenzierte Zugänge kann man aber auch auf christlicher Seite erkennen. Beispiele von Priestern, TheologInnen oder religiösen Menschen, die immer wieder eine erstaunliche (und fast vergessene) Rolle in der anarchistischen Bewegungen spielten, sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Hier gäbe es einige aufzuzählen, beispielhaft sollen an dieser Stelle aber drei in der gebotenen Kürze angeführt werden, die wohl kaum einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, aber nicht minder bemerkenswert, sind: Thomas J. Hagerty, Aita Patxi und Gresham Kirkby.[29] Der katholische Priester Thomas J. Hagerty (ca. 1862-1920) aus den USA war einflussreicher Aktivist und Gründungsmitglieder der bereits angesprochenen IWW, in der zwar nicht nur, aber auch viele AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen mitwirken. In einer der wenigen Studien zu ihm heißt es:

„Von den knapp 200 Delegierten, die sich im Juni 1905 in Chicago trafen um die Industrial Workers of the World (IWW) zu gründen, war niemand einflussreicher darin diese neue Organisation zu prägen als Thomas J. Hagerty, der Sekretär des Gründungskomitees der Versammlung. Hagerty spielte nicht nur eine führende Rolle bei dem Treffen selbst; er war auch wichtig, wenn nicht ausschlaggebend, bei den Vorbereitungen zu dem Treffen. Er war einer jener sechs Personen, die im Herbst 1904 Einladungen an eine ausgewählte Gruppe von GewerkschaftsaktivistInnen versandten, um die Möglichkeit zu diskutieren, eine revolutionäre Industriegewerkschaft zu gründen; er nahm an den Diskussionen teil als sich diese Gruppe im Januar 1905 traf; er half dabei das Industrial Union Manifesto, eine Aufforderung an alle ArbeiterInnen gegen Facharbeiterprivilegien und Kapitalismus zu revoltieren, zu formulieren; er gab der IWW das Schaubild [„Father Hagertys Glücksrad“; Anm. S.K.] für ihre industriell-gewerkschaftliche Struktur; und er war vor dieser Versammlung für sechs Monate der Herausgeber von Voice of Labor, dem offiziellen Presseorgan der American Labor Union, in der er überzeugend die Verdienste des industriellen Unionismus erörterte.“[30]

Und selbst im Spanischen Bürgerkrieg, wo die mit dem spanischen Faschismus unter Franco verbündete katholische Kirche den diversen sozialistischen, kommunistischen oder anarchistischen Milizen gegenüberstand, reihte sich der katholische Priester Aita Patxi (1910-1974) auf Seiten der republikanischen Kräfte ein – stets unbewaffnet, lediglich mit einem schweren, tragbaren Altar bei sich. Er war „kein Parteigänger Francos. Er stand, als Katholik und Baske, auf Seiten der Republik, der baskischen Milizen, Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten.“ Gefangen genommen wurde er schließlich ausgerechnet von einem auf franquistischer Seite kämpfenden katholischen Priester. „Aita Patxis Entsetzen, einen Glaubensbruder mit gezogener Waffen zu sehen, wird nur von der Wut der Franquisten übertroffen, dass ein Pfarrer sich mit den ‚Roten’ gemein machen konnte.“[31]

Auch der englische Priester Gresham Kirkby (1916-2006) ist ein beeindruckendes Beispiel für die Rolle von Priestern in der anarchistischen/sozialistischen Bewegung. Er war ein aktiver Unterstützer der Campaign for Nuclear Disarmament sowie Mitglied der antimilitaristischen, britischen Gruppe Committee of 100, die anarchistische Züge hatte und in der viele bekannte AnarchistInnen wie Nicolas Walter, Alex Comfort und Herbert Read sowie der libertäre Philosoph Bertrand Russell aktiv waren. Er war stark von Peter Kropotkin und Dorothy Day beeinflusst, bezeichnete sich als „anarchistischen Kommunisten“ (bzw. nach 1956 als „anarchistischen Sozialisten“) und bezeugte noch am Sterbebett seinen „unsterblichen Glauben an die Anarchie“.[32]

Eine zusammenfassende Betrachtung des Verhältnisses von Anarchismus und Christentum könnte also so aussehen, dass das argumentative Hauptmotiv in vielen anarchistischen Klassikern gegen das Christentum – wie wir bereits gesehen haben – zumeist jenes ist, dass die Kirche und der Staat die beiden Institution seien, die gemeinsam nach ihrem Machterhalt strebten und folglich versuchten die Menschen mit Vorschriften und diversen religiösen (Irr)Lehren in einem Zustand der Unterdrückung zu belassen. Historisch ist der Schluss, dass die Institution Kirche ihre Machtposition in unterschiedlichsten Epochen schändlichst ausgenutzt hat, durchaus zutreffend und es verwundert nicht, dass sich insbesondere AnarchistInnen vehement gegen eine derartige Machtkonzentration wandten. Gleichzeitig wird bei genauerer Betrachtung jedoch deutlich, dass sich selbst unter der gemeinhin als strikt anti-religiösen anarchistischen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts häufig Positionen finden, die dieses oft unwidersprochene Bild in einem anderen Licht erscheinen lassen.[33] Von anarchistischer Seite wurden zudem offenbar häufig Überlegungen ausgespart, wie sich die Vorzeichen ändern, wenn ChristInnen diese Symbiosen aus Kirche und Staat (wie es in vor-laizistischen Zeiten der Fall war), aus Religion und (institutionalisierter) Macht beginnen anzuzweifeln, ja gar offen zu kritisieren oder abzulehnen und sich dabei ebenso auf die Bibel berufen wie jene, die all dies mit der Bibel rechtfertigen. Beispiele gibt es dafür genug. Ein weiterer Aspekt, der häufig ins Feld geführt wird, ist die Frage nach Gott. Der Glaube an einen Gott wird in anarchistischen Kreisen als die bewusste Akzeptanz von Herrschaft und Autorität verstanden, was mit anarchistischen Werten nicht vereinbar sei. Diese Frage nach Gott steht und fällt natürlich mit der Frage, welchen Gottesbegriff man hat – und auch hier gibt es zahlreiche Ansichten, die in einschlägigen Debatten relativ selten zur Sprache kommen.[34]

Für einen differenzierten Blick

Der britische Anarchist und Atheist Nicolas Walter meinte in einer Rede zum Thema Religion und Anarchismus, nachdem er nicht weniger als 35 AnarchistInnen und ihre ablehnende Haltung gegenüber Religion aufgezählt und ihre Geschichten erläutert hatte, zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum zusammenfassend wenig überraschend, dass „es in der Tat eine starke Korrelation zwischen Anarchismus und Atheismus“ gebe. Dennoch fügte er hinzu, diese sei „aber nicht vollständig und nicht zwingend.“ Er erwähnte deshalb auch einige christliche AnarchistInnen bzw. AnarchistInnen mit einem differenzierteren Zugang zum Thema wie Leo Tolstoi, Dorothy Day[35], Paul Goodman oder Herbert Read, und ergänzt folglich: „Die meisten AnarchistInnen sind nicht-religiös oder anti-religiös – und die meisten betrachten ihren Atheismus als selbstverständlich –, manche AnarchistInnen sind jedoch religiös.“ Er schlussfolgert daher, dass es „zahlreiche legitime libertäre Ansichten zu Religion“[36] gebe. Und um genau diese zahlreichen legitimen libertären Ansichten zu Religiösem geht es hier; in diesem Fall um einen differenzierten Blick auf das Christentum, welcher sich mit Bestimmtheit lohnt, denn hier gibt es aus linker, progressiver und aus anarchistischer Sicht zweifelsohne viel zu entdecken. Dasselbe gilt auch für ChristInnen, die bislang um den Anarchismus einen großen Bogen gemacht haben.

Eine kluge Einschätzung des Verhältnisses von Anarchismus und Christentum war in einer Schwerpunktnummer der anarchistischen Zeitschrift Graswurzelrevolution zu lesen. Hier heißt es, dass „[d]ie Verweigerung der Wahrnehmung einer klar erkennbaren jesuanischen Politik des Macht- und Gewaltverzichts […] deshalb so tragische Konsequenzen“ habe, weil selbst die „allermeisten AnarchistInnen bis zum heutige Tag nicht begriffen haben, dass diese jesuanische Politik auch für ihre TrägerInnenschaft eine einzigartige Konzeption“[37] beinhalte.

Dieser Text ist eine stark gekürzte und leicht veränderte Fassung des Artikels „Dimensionen libertärer Exegese. Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum“, der in dem von Sebastian Kalicha herausgegebenen Sammelband Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung veröffentlicht wird. Der Sammelband wird im Frühjahr 2013 im Verlag Graswurzelrevolution erscheinen.

Literatur:

  • Andrews, Dave 2005: Christi-Anarchy. Discovering a Radical Spirituality of Compassion. Armidale: Tafina Press
  • Bakunin, Michael 2007 (Orig. 1871): Gott und der Staat. Berlin: Karin Kramer Verlag
  • Baxmeyer, Martin 2007: Der Priester der Milizen. Zum Seligsprechungsverfahren für den baskischen Priester Aita Patxi (1910-1974). In: Graswurzelrevolution Nr. 315, Januar 2007
  • Baxmeyer, Martin 2012: Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des Bürgerkriegs (1936-1939) und ihr Spanienbild. Berlin: edition tranvía
  • Bokenkotter, Thomas 1998: Church and Revolution. Catholics in the Struggle for Democracy and Social Justice. New York, London, Toronto, Sydney, Auckland: Image Books
  • Bookchin, Murray 2005: The Ecology of Freedom. The Emergence and Dissolusion of Hierarchy. Oakland/Edinburgh: AK Press
  • Christoyannopoulos, Alexandre J. M. E. (ed.) 2009: Religious Anarchism. New Perspectives. Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing
  • Cornell, Andrew 2011: Oppose and Propose! Lessons from Movement for a New Society. Oakland/Edinburgh: AK Press
  • Damico, Linda Hope 1987: The Anarchist Dimension of Liberation Theology. New York, Bern, Frankfurt/M.: Peter Lang Publishing, American University Studies 28
  • Doherty, Robert E. 1962: Thomas J. Hagerty, The Church, and socialism. In: Labor History, 3:1, S. 39-56
  • Ellul, Jacques 1980: Anarchism and Christianity. In: Katallagete 7, no. 3, Fall 1980, S. 14-24
  • Ellul, Jacques 2011: Anarchy and Christianity. Eugene/Oregon: Wipf and Stock Publishers
  • Haller, W. 1990: Der jesuanische Weg. Das biblische Konzept einer alternativen, herrschaftsfreien Gesellschaft. In: Graswurzelrevolution 151, Dezember 1990, S. 15-17
  • Joll, James 1966: Die Anarchisten. Berlin: Uhlstein
  • Kropotkin, Peter 1896a: Die historische Rolle des Staates. In: Peter Kropotkin: Der Staat und seine historische Rolle. Münster 2008: Unrast Verlag
  • Kropotkin, Peter 1896: Der Anarchismus: Philosophie und Ideale. Online abrufbar unter: http://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/peter-kropotkin/140-kropotkin-der-anarchismus
  • Kropotkin, Peter 1913: Moderne Wissenschaft und Anarchismus. In: Peter Kropotkin: Der Anarchismus. Ursprung, Ideal und Philosophie. Herausgegeben von Heinz Hug. Frankfurt/M. 2006: Trotzdem Verlag
  • Landauer, Gustav 2003: Die Revolution. Münster: Unrast Verlag
  • Landauer, Gustav 2010: Revolution and Other Writings: A Political Reader. Edited by Gabriel Kuhn, Oakland: PM Press
  • Leech, Kenneth 2006: Father Gresham Kirkby. Restless, radical priest who built his ministry in a remarkable church. In: The Guardian, 22. August 2006
  • Marshall, Peter 2008: Demanding the Impossible. A History of Anarchism. London, New York, Toronto, Sydney: Harper Perennial
  • Maurin, Peter 1949: Catholic Radicalism. Phrased Essays for the Green Revolution. New York: Catholic Worker Books
  • Mühsam, Erich 1973 (Orig. 1933): Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Berlin: Karin Kramer Verlag
  • Müller-Kampel, Beatrix 2005: „Krieg ist der Mord auf Kommando“. Bürgerliche und anarchistische Friedenskonzepte. Bertha von Suttner und Pierre Ramus. Nettersheim: Verlag Graswurzelrevolution
  • O'Reilly, Ciaron 1982: The Anarchist Implications of Christian Discipleship. In: Social Alternatives Vol. 2, No. 3, S. 9-12
  • Pavlic, Andreas 2009: Die soziale Revolution. Pierre Ramus und die frühe SiedlerInnenbewegung in Wien. Wien
  • Ramus, Pierre 1920: Leo Tolstoi als Denker und Revolutionär des Anarchismus. In: Erkenntnis und Befreiung, 2. Jahrgang, Nr. 51
  • Segers, Mary C. 1978: Equality and Christian Anarchism: The Political and Social Ideas of the Catholic Worker Movement. In: The Review of Politics, Vol. 40, No. 2, S. 196-230
  • Sonnenfeld, Kurt 1921: Christentum und Revolution. In: Erkenntnis und Befreiung, III. Jahrgang, Nr. 21, S. 1-2
  • Veneuse, Mohamed Jean 2009: Anarca-Islam. Ontario
  • Walter, Nicolas 2011: Damned Fools in Utopia and Other Writings on Anarchism and War Resistance. Edited by David Goodway. Oakland: PM Press
  • Weidner, Georg 1908: „Leo Tolstoi als Anarchist“. In: Wohlstand für Alle, I. Jahrgang, Nr. 18 (Beiblatt „Ohne Herrschaft“)
  • Woodcock, George 2009: Anarchism. A History of Libertarian Ideas and Movements. North York/Ontario: University of Toronto Press
  • York, Tripp 2009: Living on Hope While Living in Babylon. The Christian Anarchists of the Twentieth Century. Eugene, Oregon: Wipf and Stock Publishers


Fußnoten:
[1] Ellul 1998, S. 1.
[2] Ellul 1980, 15.
[3] An dieser Stelle sollte noch Nikolai Berdjajew angeführt werden, der sich zwar nicht als Anarchisten bezeichnete, dessen Philosophie jedoch libertäre Züge aufweist. Er gilt gemeinhin als einer der Hauptvertreter des Personalismus in Russland.
[4] Vgl. Bokenkotter 1998, 412. Aus der christlichen Geschichte gilt auch Franz von Assisi als ein wichtiger Bezugspunkt für Maurin, auf den er sich in seinen berühmten Easy Essays, die er für die Zeitung The Catholic Worker schrieb, häufig bezog (Vgl. Maurin 1949). Manche bezeichneten ihn sogar als den „Franz von Assisi des 20. Jahrhunderts“. Für Ausführungen zum Verhältnis Maurin-Franz von Assisi vgl. u.a. York 2009, 53ff.
[5] Ein gutes Beispiel dafür, wie christliche und revolutionär-sozialistische Ideen hier ineinander übergingen, ist, dass die christlichen Werke der Barmherzigkeit von den Catholic Workers als direkte Aktion begriffen werden.
[6] Segers 1978, 211.
[7] O'Reilly 1982, 9.
[8] Eine interessante Verbindung zwischen Quäkertum und Anarchismus aus jüngerer Vergangenheit stellt z.B. das Movement for a New Society (MNS) aus den USA dar, das 1971 aus der Gruppe A Quaker Action Group entstanden ist. Obwohl 1988 aufgelöst, wird das MNS für den gegenwärtigen US-Anarchismus als wichtiger Impulsgeber betrachtet. Für diese Diskussion vgl. Cornell 2011.
[9] Obwohl die Befreiungstheologie gemeinhin als eher marxistisch orientiert gilt, gibt es auch eine Untersuchung zu anarchistischen Elementen in dieser Bewegung. Vgl. Damico 1987.
[10] Andrews 2005, 55.
[11] Bakunin 2007, 51.
[12] Mühsam 1973, 38.
[13] Kropotkin 1896a.
[14] Kropotkin 1913, 30.
[15] Auf Denck geht Kropotkin auch in „Die historische Rolle des Staates“ ein. Vgl. Kropotkin 1896b, 45.
[16] Vgl. u.a. Müller-Kampel 2005, 32-37; Pavlic 2009, 30-33.
[17] Ramus 1920, 2.
[18] Weidner 1908. Kein Seitenangabe.
[19] Sonnenfeld 1921, 2.
[20] Vgl. Landauer 2003, 66f. Für genauere Ausführungen (Landauers und allgemein) zu Peter Chelčický und zur Hussitenbewegung vgl. den Artikel von Gustav Wagner und Sebastian Kalicha „Peter Chelčický und das Netz des Glaubens. Zur Ketzertradition des gewaltlosen Anarchismus“ in dem vom Autor herausgegeben Buch Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung (Verlag Graswurzelrevolution 2013, noch nicht erschienen).
[21] Vgl. Landauer 2010, 293.
[22] Marshall 2008, 85.
[23] Bookchin 2005, 266.
[24] Bookchin 2005, 274f.
[25] Woodcock 2009, 194.
[26] Joll 1966, 8.
[27] Er schreibt: „Revolutionärer Anarchismus, ebenso wie revolutionärer Sozialismus, haben quasi religiöse Züge […]“ Walter 2011, 281.
[28] Für Beispiele religiös-anarchistischer Strömungen außerhalb des Christentums vgl. u.a.: Christoyannopoulos 2009, 202-318; Veneuse 2009. Jüdischer Anarchismus ist ein umfangreiches Thema für sich, und kann ob des Umfangs dieses Themas hier nicht weiter diskutiert werden.
[29] Es muss an dieser Stelle aber darauf hingewiesen werden, dass es viele derartige Beispiel gäbe und diese selektive Auswahl lediglich darauf zurückzuführen ist, welche Personen dem Autor als passend erschienen um sie hier in der gebotenen Kürze anzuführen.
[30] Doherty 1962, 39.
[31] Baxmeyer 2007. Baxmeyer schreibt an anderer Stelle zur Frage des Christentums im Spanischen Bürgerkrieg: „Tatsächlich war das Verhältnis des historischen Anarchismus zur christlichen Religion niemals so eindeutig wie dessen Feindschaft gegenüber der Kirche. Die Versuche der Anarchisten, während des Bürgerkriegs religiöse und kirchliche Kollektivsymbole für das ‚ewige Spanien der Anarchie’ im Sinne nationaler Identitätszeichen zu beanspruchen, sind weit weniger überraschend, wenn man sich verdeutlicht, dass es praktisch seit dem Entstehen der Bewegung Berührungen zwischen der anarchistischen Ideologie und christlichen Werten und Moralvorstellungen gab, die die Anarchisten auch in Spanien weit freimütiger anerkannten als Angehörige anderer linksrevolutionärer Strömungen.“ Baxmeyer 2012, 422.
[32] Leech 2006.
[33] Selbst im spanischen Anarchosyndikalismus zu Zeiten des Bürgerkriegs finden wir hier differenzierte Zugänge: „Zwischen den Kirchen als gesellschaftlicher Machtakteur und den Anarchisten [im spanischen Bürgerkrieg; S.K.] herrschte in der Tat unversöhnliche und oft mörderische Feindschaft. Dies bedeutete jedoch nicht die ebenso radikale Ablehnung des Christentums. Ganz auf die Gegenwart, den politischen Widerstand und den Nutzen für das soziale Miteinander konzentriert, konnten sich Anarchisten durchaus positiv auf christliche Werte und Moralvorstellungen beziehen, ohne in ideologische Konflikte zu geraten.“ Baxmeyer 2012, 427. Hervorhebung S.K.
[34] Einige Ausführungen zu diesem weitreichendem Thema finden sich in der ungekürzten Fassung dieses Artikels.
[35] Walter hatte als überzeugter Atheist sogar die Größe, zu Dorothy Day einen berührenden Nachruf zu schreiben. Er bezeichnete sie als „eine der größten Anarchistinnen, Pazifistinnen, Christinnen, Amerikanerinnen, Frauen – Menschen – unserer Zeit“ und fügte hinzu, dass, als Day 1963 in London vor AnarchistInnen eine Rede hielt, sie „nichts sagte, dem wir widersprechen wollten.“ Walter 2011, 257ff; Hervorhebung im Original.
[36] Walter 2011, 284.
[37] Haller 1990, 15.

Originaltext: http://www.grundrisse.net/grundrisse44/Anarchismus_und_Christentum.htm


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