Normalität durchbrechen - Auch im Bett! 

Es ist schon einige Zeit vergangen seit dem Tag, von dem ich jetzt berichten möchte. Und obwohl ich ihn wahrscheinlich nie vergessen werde, halte ich die Ereignisse hier fest. An jenem Tag trafen wir uns zum ersten Mal ganz allein. Das heißt, zuerst war mein Bruder noch mit im Zimmer. Er ging dann aber, als ich ihn dazu aufforderte, obwohl er gerne geblieben wäre, weil ihm mein Besucher sehr sympathisch war. Mein Bruder hat ein Gefühl für wirklich liebe Menschen und zeigt ihnen seine Zuneigung, was die Meisten zum Glück verstehen, obwohl es ihnen oft etwas unangenehm ist, wenn er ihnen sehr nah kommt. Ich beneide ihn um diese Fähigkeit, offen auf Leute zu zugehen, zumal er schon zwölf ist und es nicht mehr als "kindliche Ungehemmtheit" zu deuten ist. Vielleicht liegt es daran, dass er viel langsamer lernt als die meisten Kinder und deshalb auch die gängigen Geschlechterrollen und Verhaltensweisen (noch) nicht verstanden bzw. übernommen hat (er hat Down-Syndrom).
 
Aber eigentlich wollte ich nicht über ihn berichten, sondern über den Typen, der mich an diesem Tag besucht hat (und übrigens auch über das Verhalten meines Bruders erfreut war). Nachdem also mein Bruder weg war, legten wir beide uns ins Bett und begannen uns gegenseitig zu streicheln. Zuvor hatten wir ein Gespräch über unsere Erfahrungen mit Beziehungen und Freundschaften geführt, so dass für uns beide einigermaßen klar war, was der/die Andere jeweils erwartete. Ich war also recht entspannt, obwohl es für mich eine ungewohnte Situation war, denn ich war seit etwa 2 Jahren nicht mehr mit einem Typen im Bett. Vorher bin ich mehrmals ziemlich enttäuscht worden. Mein erster Freund war ein richtiger Macho (ich weiß bis heute nicht, wieso ich mit ihm zusammen war) und ich hab auch noch den Fehler gemacht mit ihm Sex gehabt zu haben. Das heißt, es lässt sich besser mit dem Wort "Steckkontakt" ausdrücken. Es war ziemlich schmerzhaft für mich und somit konnte ich nicht verstehen, wie ein Mädchen/eine Frau Sex überhaupt genießen kann. Danach hatte ich mehrmals Sex mit Mädchen, was ich viel angenehmer fand. Auch wenn ich manche Typen echt sympathisch fand, konnte ich mir doch nie vorstellen mit ihnen ins Bett zu gehen, denn für mich gehörte immer "Steckkontakt" dazu.
 
Nun war es aber anders. Ich wusste, dass es nicht darauf hinauslaufen würde. Das Streicheln und Schmusen war kein "Vorspiel" auf einen Orgasmus. Mit dieser Gewissheit war ich viel gelassener und meine Angst reduzierte sich mächtig. Der einzige Grund für mich Angst zu haben war, seinen Penis zu berühren. Doch es bestand kein Zwang und wir gingen auch gar nicht soweit, obwohl wir bestimmt über 3 Stunden im Bett gelegen haben. Ich vergaß die Zeit und alles, was mich sonst beschäftigt. Trotzdem konnte ich währenddessen und anschließend nicht problemlos über meine Gefühle, Wünsche und Ängste reden. Die Wörter "fehlten" mir, denn es ist doch immer noch ein Tabuthema und die meisten Wörter werden eher als Schimpfwörter gebraucht. Ich denke es gehört einfach viel Übung dazu, freier über dieses Thema zu sprechen. Eine andere Sache, die mich an diesem Tag störte war, dass meine Eltern zu hause waren und ich meine Tür nicht abschließen kann. Zum Einen hätte also jeder Zeit jemensch reinkommen können (ich glaube, meine Mutter hat auch einmal kurz die Tür geöffnet, ist aber sofort wieder gegangen) und außerdem finde ich es unangenehm zu stöhnen, wenn jemensch (der/die nicht beteiligt ist) es hört.
 
Am nächsten Tag trafen wir uns erneut, diesmal bei ihm. Es war noch schöner als beim ersten Mal und diesmal haben wir uns, anders als am vorigen Tag, ganz ausgezogen. Die lustigen Bemerkungen zwischendurch haben die Stimmung gelockert und diesmal konnte ich auch zwischendurch mein Empfinden äußern, wenn auch noch nicht genug. Nach einiger Zeit fragte er mich, was los sei, denn ich war etwas ins Nachdenken gekommen. Ich antwortete: "Nichts!" Aber in Wirklichkeit ging es um das Problem, das ich schon am Tag zuvor hatte: Die Angst seinen Penis zu berühren. Vielleicht war es in dieser Situation besser, dass ich ihm nichts davon sagte, denn ich glaube, es hätte ihn verunsichert. So überwand ich mich. Und ich bin sehr froh darüber, denn letztendlich genossen wir beide es.
 
Die Stellung im Bett, die ich gewohnt war, nämlich unten zu liegen (zumindest bei meinem "Ex-Freund"), wurde natürlich nicht beibehalten und so lagen/saßen wir meistens nebeneinander oder ich lag oben. Es wäre für mich genauso angenehm gewesen, wenn wir uns abgewechselt hätten, aber er wollte nicht oben liegen und das respektiere ich selbstverständlich. Schön war auch, dass überhaupt kein Zwang des "Gebens" bestand, nach dem Motto: Wenn du mich streichelst, muss ich dich genauso lange und ausgiebig streicheln.
 
Ich bin sehr froh diesen Menschen getroffen zu haben, denn er hat mir gezeigt, wie wichtig es ist über alles zu Reden und er hat mir geholfen meine eigenen sexuellen Wünsche besser kennen zulernen und umzusetzen. Lustig ist, dass ich ihm begegnet bin, nachdem ich gesagt habe: "Der nächste Typ, mit dem ich sexuellen Kontakt habe, entscheidet ob ich lesbisch werde oder bisexuell bleibe." Ich habe mich entschieden: Ich habe die Wahlmöglichkeit, jeder Zeit!
 
An den Typen, mit dem ich es zum ersten (und bisher einzigen) Mal richtig im Bett genossen habe. Ich hoffe, es wird sich wiederholen!
 
Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/pirat/story/bett01.html


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