Somewhere Over the Rainbow - 30 Jahre Stonewall

Geschichte der amerikanischen Schwulenbewegung in 5 Teilen

Somewhere Over the Rainbow - 30 Jahre Stonewall. Teil I

Judy Garland war bis in die späten 60er Jahre hinein das Idol der New Yorker Schwulen- und Transen-Szene. Die Trauer um den fünf Tage zuvor in einer öffentlichen Toilette verstorbenen Filmstar, dem das Leben übel mitgespielt hatte, schlug am 28. Juni 1969 anläßlich einer Polizei-Razzia gegen die Stonewall-Bar in einen Aufstand um, der alles veränderte. Er wurde zum Auslöser für eine neue militante Bewegung, die sich mit dem Namen "Gay Liberation" schmückte. Innerhalb kurzer Zeit breitete sie sich von ihrem Zentrum New York weltweit aus. Eine Hommage an Judy

The day she died the neighbours came to snigger: Well, that’s what comes from too much pills and liquor. But when I saw her lay down like a queen she was the happiest corpse I’ve ever seen. – In dem, was Liza Minelli 1972 im Titelsong des Musicals "Cabaret" über "a girlfriend known as Elsie" sang, konnte, wer sich auskannte und wollte, gut und gern eine Hommage an Minellis eigene Mutter erkennen. Drei Jahre zuvor, am 22. Juni 1969, hatte sich Judy Garland, der einstige Backfisch im weiß-blauen Kleiderrock und mit braver Schleife im Haar, das Mädchen mit den großen, leuchtenden Augen, in einem Londoner Hotel mit einer Überdosis Schlaftabletten ins Jenseits verabschiedet. Nur war "MGM’s Amphetamine Annie" keineswegs jene "fröhlichste Leiche, die ich je gesehen habe". Und noch weniger starb sie einen Tod, der zu dem Glamour-Image unbescholtener Reinheit gepaßt hätte, das Metro Goldwyn Mayer von ihr gepflegt hatte, seit sie 1939 mit "The Wizzard of OZ" berühmt wurde.

"Dorothy" wie man sie in Hollywood auch nannte, "starb auf dem Klo sitzend, aber das war kein Over-the-Rainbow-Trip. Voll angezogen, dahockend wie in Meditation versunken, war ihr Gesicht ein Klumpen Blut, eine Aztekenmaske. Sie war Hunderte von Jahren alt, der älteste Star aller Zeiten ..." So drastisch beschrieb es Kenneth Anger 1975 in seinem Buch Hollywood Babylon. Judy Garland hatte fünf Ehen, drei mehr oder weniger erfolgreiche Comebacks sowie diverse Psychotherapien und Entgiftungskuren hinter sich. Sie war exakt 47 Jahre und 12 Tage alt.

But when I saw her lay down like a queen she was the happiest corpse I’ve ever seen. – Der Satz ist als Metapher durchaus geeignet, um den Zustand dessen zu fassen, was einst den stolzen Namen Gay Liberation führte und mit einem Aufstand unterprivilegierter Tunten, Transen, obdachloser schwuler Latinos sowie wehrhafter Lesben begann.

Warum das Stonewall?

Der Ort: eine Kneipe in der Christopher Street in Greenwich Village, Downtown Manhattan. Es ist keine der ganz "normalen" Lesben- und Schwulenkneipen in New York, in denen sich, wie im Julius‘, das mittelständische Homo-Publikum trifft (welches das Wochenende des Aufstands größtenteils außerhalb der Stadt verbrachte, um sich die Schenkel bräunen zu lassen). Das Stonewall Inn gehört zu jenen Schmuddellokalen, die wie das Sewer (Kloake) oder das Snake Pit (Schlangengrube) illegal geführt werden - ohne Alkohollizenz, die Kneipen mit eindeutig lesbischem oder schwulem Zuschnitt noch immer häufig verwehrt wird. Wie viele andere Lesben- und Schwulenkneipen jener Zeit ist das Stonewall deshalb fest in den Händen der Mafia und hält sich mit Schmiergeldern an die Polizei über Wasser. Noch ein Jahr zuvor ist es ein ausgebrannter Heteroladen gewesen, der nun unter völliger Mißachtung aller Brandschutzbestimmungen neu herausgeputzt und mit schwarzer Farbe über den verkohlten Wänden wieder flott gemacht worden ist.

"Warum das Stonewall?", fragte sich alsbald auch die altehrwürdige Mattachine Society in einem Flugblatt und gibt die Antwort, indem sie auf die "einzigartige Natur des Stonewall"; verweist: "Dieser Club war mehr als eine Tanzbar, mehr als nur ein schwuler Treffpunkt. Er bediente im wesentlichen eine Gruppe von Leuten, die an anderen Plätzen homosexueller Geselligkeit nicht erwünscht sind oder sie sich nicht leisten können ... Außer dem Goldbug und dem One Two Three hatten Transen und Tunten keinen anderen Ort als das Stonewall ... Eine zweite Gruppe war sogar noch abhängiger vom Stonewall: die sehr jungen Homosexuellen ... Man muß 18 sein, um in einer Bar einen Drink kaufen zu können, und schwules Leben kreist um Bars. Wohin gehst du, wenn du 17 oder 16 und schwul bist? Die ‘anerkannten’ Bars werden dich nicht hineinlassen, und schwule Restaurants oder die Straße sind nicht besonders gesellig. Und dann sind da noch Hunderte von jungen Homosexuellen in New York, die buchstäblich kein Zuhause haben. Die meisten von ihnen sind zwischen 16 und 25 und kamen von anderswo hierher - ohne Jobs, Geld oder Kontakte. Viele von ihnen laufen von einem unglücklichen Zuhause davon."

Für drei Dollar Eintritt können sie sich eine ganze Nacht, geschützt vor Kälte oder Hitze, im Stonewall aufhalten und müssen nicht in einem Türeingang übernachten oder damit rechnen, als Vagabunden festgenommen zu werden. Für die Straßenkinder, die Tunten, Transen, für all die, die von der bürgerlichen Kleinfamilie und der kommerziellen Homoszene gleichermaßen ausgespuckt wurden, ist das Stonewall eine Heimat, die sie mit Zähnen und Klauen gegen "die Schweine" verteidigen.

Hello there, fella

Die "Schweine", damit meinen sie die Bullen, die mit einer großangelegten Aktion, die zuvor schon das Snake Pit getroffen hat, die illegalen Spelunken vor allem von Schwarzen, Latinos und Homos ausheben wollen. Razzien gehören zwar unter der liberalen John Lindsay-Administration nicht mehr zum unmittelbaren Alltag in New York. Doch in einem am 10. Juli 1969 veröffentlichten Brief an die Lokalzeitung Village Voice, die bis dahin als einzige - aus erster Hand - über den Stonewall-Aufstand berichtet hat, schreibt Kevan Liscoe, er wisse allein von fünf Razzien in den letzten drei Wochen. Jerry Hoose, späteres Mitglied in der Gay Liberation Front, kann sich in einem Interview ca. zwei Jahre später an einen Überfall der Polizei mit 15 Mannschaftswagen auf ein "homosexuelles Rendezvous" in Hafennähe erinnern, bei dem die "Cops die Leute zu Boden schlugen".

Am Freitag, den 27. Juni, ist schließlich das Stonewall dran. Wie immer am Wochenende treffen sich dort mehrere hundert Leute. Man ehrt, man trauert um die fünf Tage zuvor verstorbene und am selben Tag zu Grabe getragene Judy Garland, deren ganzes Leben eine solche Lüge, ein Versteckspiel, eine Provokation, ein Skandal war wie das eigene. Zwei Wochen zuvor noch, am 15. Juni 1969, hat Judy Garland im Half Note Club, sozusagen gleich um die Ecke vom Stonewall Inn, ihren letzten öffentlichen Auftritt gehabt. Und plötzlich rollt ein Kommando der Polizei zu einer Razzia an. Truscott und Smith, Reporter der einen halben Block entfernten Village Voice, beschreiben die Vorgänge in ihren bald darauf erscheinenden Artikeln: "Als die Gäste, die drinnen in der Falle saßen, einer nach dem andern freigelassen wurden, begann sich eine Menge auf der Straße zu bilden ... anfangs eine festliche Versammlung, zum größten Teil zusammengesetzt aus Stonewall-Jungs, die auf ihre Freunde warteten, welche noch immer drinnen waren, oder die sehen wollten, was passierte." (Truscott) Ein Camp-Spektakel setzt ein, als bekannte Gesichter an der Tür erscheinen, posieren und den Detective mit "Hello there, fella" anzischen. "Die Stars waren in ihrem Element", schreibt Truscott über die Jungs, die ihre Handgelenke anwinkeln und Tunte spielen.

Unvermittelt fährt eine Grüne Minna vor und die Stimmung der Menge schlägt um. Drei aufgefummelte Drag Queens werden zusammen mit dem Bartender und dem Türsteher unter einem Chor von Buhrufen eingeladen. Die Drag Queens hat es erwischt, weil sie gegen ein Gesetz verstoßen, das vorschreibt, man müsse wenigstens drei Kleidungsstücke tragen, die das Geschlecht der tragenden Person eindeutig kennzeichnen. Danach tritt eine Dyke heraus und liefert sich zwischen Türangeln und Auto ein kleineres Gefecht. Chief Detective Pine befiehlt den drei Wagen und der Grünen Minna wegzufahren, bevor die Menge gewalttätig wird. "Kommt schnell wieder!", fügt er hinzu, weil er ahnt, daß die Situation aus dem Ruder laufen könnte. "Setzt sie auf dem Sechsten Revier aus und kommt gleich wieder!" In diesem Moment wird die Stimmung explosiv. "Schweine!", "Homobullen!", tönt es, während kleinere, dann größere Münzen auf die Polizisten einprasseln. Aus Münzen werden Flaschen. Die acht Polizisten, darunter zwei Frauen, und Chief Detective Pine verbarrikadieren sich in der Kneipe. Unter ihnen befindet sich auch Howard Smith, Reporter der Village Voice.

Fensterscheiben klirren, Ziegelsteine knallen gegen die Tür. Die Polizisten hören gellende Stimmen. Der Boden bebt bei jedem Stoß, bis schließlich die Tür aufkracht und Bierdosen und Flaschen hereinfliegen. Pine und seine Truppe versuchen die Tür wieder zu schließen, als der einzige uniformierte Cop unterhalb des Auges getroffen wird und blutet. Wütend rennen die Polizisten nach draußen, versuchen die Menge einzuschüchtern. Pine springt in das Gewühle, packt sich jemanden am Handgelenk und zieht ihn, nach kurzem Stolpern, unterstützt von den anderen Bullen an den Haaren in das Gebäude. Die Tür fällt wieder zu, und die wütenden Polizisten entladen ihren Zorn auf den Unglücklichen, Dave Van Ronk, der nach einigen sehr harten Schlägen ins Gesicht schließlich in Handschellen gelegt wird und fast bewußtlos niedersinkt.

Die Menge tobt weiter, mit Flaschen und Pflastersteinen. Eine aus der Verankerung gerissene Parkuhr wird als Rammbock an der Tür eingesetzt, bis diese abermals aufschmettert. Wieder fliegen Gegenstände ins Kneipeninnere. Ein Versuch, die Menge mit einem angeschlossenen Wasserschlauch unter Kontrolle zu halten, bis Verstärkung eingetroffen ist, scheitert kläglich. Der Schlauch verklemmt sich in einem Türriß und verursacht eine Lache, die für die Polizisten zur rutschigen Angelegenheit wird. Das bedrohliche Rütteln an einer Seitentür wird durch die Drohung eines Polizisten beendet, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Während die Vordertür bereits komplett offensteht, gibt jetzt eines der großen, mit Sperrholz vernagelten Fenster nach. Nun kontrollieren die Polizisten, die das Eindringen des wütenden "Mobs" fürchten, ihre Pistolen; ein Detective bewaffnet sich mit einem Schraubenschlüssel, den er wie einen Säbel am Gürtel trägt. "We’ll shoot the first motherfucker that comes through the door." Ein Arm ragt durch das Fenster und schüttet Flüssigkeit in den Raum, danach ein brennendes Streichholz. Das "Swusch" der Flammen, die sich entlang der Flüssigkeit ausbreiten, vermischt sich mit dem Hall der Sirenen: Die Polizeiverstärkung ist nun mit mehreren Wagen eingetroffen. Die Schlacht hat 45 Minuten gedauert.

Schweinshaxe im Bullenlook

Reporter Smith, der nach Eintreffen der Verstärkung die Kneipe verläßt, findet nach seiner Rückkehr die gesamte Einrichtung - Spiegel, Jukeboxes, Plattenspieler, Lautsprecher, Zigarettenautomaten, Toiletten - verwüstet vor. Die Ordnungshüter haben ganze Arbeit geleistet. Sein Kollege Truscott berichtet: "Als der letzte Polizist am Samstag morgen von der Straße war, wurde ein Schild aufgehängt, das die Wiederöffnung des Stonewall am selben Abend ankündigte. So war es." Samstag nacht kehrt die Menge zurück und wird von einer schwulen Cheerleader-Gruppe angeführt, die "Gay Power" ruft und einen Song intoniert: "We are the Stonewall girls/We wear our hair in curls/We have no underwear/We show our pubic hairs!"

Auf der Straße kommt es zu weiteren Auseinandersetzungen mit der Tactical Patrol Force (TPF), die versucht, die Menge auseinanderzutreiben. Einzelne Gruppen formieren sich neu, besetzen die Straßen und halten vorbeifahrende Autos an, um zu prüfen, ob die Insassen heterosexuell sind. Dazu Chöre: "Christopher Street belongs to the queens!" und "Liberate Christopher Street!" Eine Karosse mit Neuvermählten wird von der Seite in die Höhe gewuchtet, einzelne Polizisten werden gejagt: "Catch them! Fuck them!" Um halb vier Uhr morgens hat die TPF die Oberhand zurückgewonnen, und die Menge löst sich auf.

Am Sonntag sind die Ausschreitungen zunächst an ein Ende gelangt; geblieben ist jedoch die Stimmung, sich nicht mehr verstecken zu müssen, sondern die Straßen zurückerobert zu haben: "Stufen, Randsteine und der Park boten die Requisiten für das, was auf die Sonntags-Schwuchtelrevue hinauslief, als zurückkehrende Stars der Vorstellungen in den vergangenen Nächte vorbeischauten, um die Show für das Wochenende zu beenden", so Truscott in einem seiner Artikel.

Auch Montag und Dienstag verlaufen, mit Ausnahme kleinerer Vorfälle und Gewaltausbrüche, ruhig. Die Mattachine Newsletter verzeichnet einige von ihnen. So versucht einer der Polizisten zu provozieren, weil er den Schock, fast von den Perversen "erwischt" worden zu sein, noch nicht verdaut hat: "Start something, faggot, just start something. I’d like to break your ass wide open." Als er dies zu mehreren Dutzend Leuten gesagt hat, dreht sich ein Mann um und antwortet: "What a Freudian comment, officer!" Der Polizist holt aus ... Ein anderer steht an der Ecke der Christopher Street und schwenkt herausfordernd seinen Schlagstock. Eine Tunte schleicht sich von hinten an ihn heran, hält das Feuer an die Zündschnur eines Knallkörpers und läßt ihn zwischen seine Füßen fallen. Als der explodiert, macht der Polizist einen Sprung und landet unsanft. In einem sich abzeichnenden Handgemenge verliert er auch noch sein Abzeichen, das am nächsten Morgen im Washington Square Park vom Baum hängt: an einer gepökelten Schweinshaxe befestigt.

Als am Mittwoch die Reportage von Smith und Truscott in der Village Voice erscheint, kommt es in der Nacht zum Showdown. Die Tactical Patrol Force ist bereit, in dem bis dahin schlimmsten Gefecht zwischen Polizisten und Straßenkämpfern bis zum äußersten zu gehen. Die Mattachine Newsletter New York berichtet: "Auf einmal sah die 7th Avenue von der Christopher bis zur West 10th wie ein Schlachtfeld in Vietnam aus. Junge Leute, viele von ihnen Tunten, lagen auf dem Bürgersteig, bluteten am Kopf, im Gesicht, Mund und sogar aus den Augen. Andere kümmerten sich um gequetschte und oft blutende Arme, Beine, Rücken und Hälse". Die Zusammensetzung der Kämpfenden hat sich indes geändert. Die Tunten haben Verstärkung gefunden durch Black Panthers, Yippies (radikale Hippies) und jugendliche Straßengangs, die durch die Zeitungsberichte aus anderen Stadtteilen angelockt worden sind. Am Abend setzen Plünderungen ein.

Nach dem Höhepunkt der Ausschreitungen ist Mattachine Society die erste Organisation, die in Flugblättern eine Analyse versucht. Doch schon bald taucht ein kurzgefaßtes Flugblatt unbekannter Herkunft auf, das den Geist der darauffolgenden Zeit besser zusammenfaßt: "DO YOU THINK HOMOSEXUALS ARE REVOLTING? YOU BET YOUR SWEET ASS WE ARE / We’re going to make a place for ourselves in the revolutionary movement. We challenge the myths that are screwing up this society. MEETING: Thursday, July 24, 6:30 PM."

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"Must the Individual Homosexual be Rejected in Our Time?" - 30 Jahre Stonewall. Teil II

Die Vorgeschichte des Stonewall-Aufstands führt zurück auf die US-Homophilenbewegung der 50er und 60er Jahre.

Nach ihrer Zerschlagung durch die Nazis spielte die Lesben-, Schwulen- und Transvestitenbewegung zunächst keine Rolle mehr. Die progressive Tradition der 20er Jahre, als sie und andere sexualemanzipatorische Bewegungen in voller Blüte standen, in der Sowjetunion sogar zeitweilig zur Entprivilegierung der Ehe und zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch und gleichgeschlechtlicher Liebe führten, war verschütt gegangen, und es überdauerte international während der 30er und 40er Jahre nur eine in der Schweiz erscheinende dreisprachige Homophilen-Zeitschrift, die in sexualpolitischer Hinsicht sicher nicht die "Avantgarde" repräsentierte. Die sexualemanzipatorische Bewegung wie die Weltliga für Sexualreform löste sich bereits Anfang der 30er Jahre in Bedeutungslosigkeit auf; die progressiven Entwicklungen in der Sowjetunion wurden von Stalin samt und sonders revidiert. Mit dem Ende der europäischen Hegemonie im kapitalistischen Weltsystem wurde auch die Stafette sexualpolitischer Debatten und Bewegungen an die neue Hegemonialmacht USA weitergereicht. Doch statt Kontinuität ist allein ein deutlicher Bruch zu verzeichnen.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die mit ihm verbundene Erschütterung sozialer Bindungen führte in den USA Mitte der 40er Jahre erstmals zur Entstehung einer Lesben-, Schwulen- und Transvestitenszene in den liberalen Großstädten wie San Francisco. Von Anfang an war diese Entwicklung jedoch von einem repressiven innenpolitischen Klima begleitet, das die infektiöse Ausbreitung der "homosexuellen Bedrohung" im US-amerikanischen Staatskörper thematisierte und damit einen bis heute für die "Neue Rechte" identitätsbildenden Topos prägte. In der spezifisch paranoiden Weltsicht der McCarthy-Ära verweichlichten Homosexuelle die amerikanische Gesellschaft und erleichterten damit eine "kommunistische Übernahme". 1952 verabschiedete deshalb der Kongreß ein Einwanderungsgesetz, das "sexuell Abartigen" die Einreise ins Land verbot. Einen Blick auf die Dimensionen alltäglicher Unterdrückung durch Polizei-Gewalt in der lesbisch-schwulen Barszene wirft der autobiographisch geprägte Roman von Leslie Feinberg: Träume in den erwachenden Morgen (engl. Stonebutch Blues).

Angesichts der Verknüpfung von antihomosexueller und antikommunistischer Hysterie verwundert es nicht, daß 1951 der erste Organisationsversuch von Homosexuellen in den USA von einigen Mitgliedern der KPUSA, unter anderem dem Kommunisten Harry Hay ausging. In einer Anwendung des marxistischen Konzepts des falschen Bewußtseins versuchte die Mattachine Society unter Homosexuellen ein kritisches Verständnis ihrer kollektiven Unterdrückung durch die Mehrheitsgesellschaft zu vermitteln. Doch als die Organisation wuchs, vollzog Mattachine einen dramatischen Schwenk in ihrer Politik und Identität. Spätestens 1953 wurden die Kommunisten aus der Organisation gedrängt, und Mattachine übernahm eine politische Linie, die auf die gesellschaftliche Integration des einzelnen Homosexuellen in den US-amerikanischen Mainstream zielte. In ihren Veranstaltungen lauschten deren Mitglieder Vorträgen von sogenannten Experten: Psychologen und Psychotherapeuten, zu Fragen wie "Muß der einzelne Homosexuelle in unserer Epoche zurückgewiesen werden?", die dem geronnen Selbstverständnis des Homosexuellen als eines reinen Objekts äußerer gesellschaftlicher Bewertung und "bedauernswerten Einzelnen" Ausdruck verliehen. 1955 gründeten sich in Anlehnung an diese Konzeption unter Führung von Del Martin und Phyllis Lyon die Töchter der Bilitis (DOB). Zusammen mit der 1953 erstmals erschienen Zeitschrift One stellten beide Organisationen den Kern der Homophilenbewegung der 50er und 60er Jahre.

Mit Dick Leitsch (New York) und Frank Kameny (Washington) bildete sich jedoch Mitte der 60er eine neue Generation von Mattachine-Aktivisten heraus, die sich gegen den Debattierclub-Charakter der Homophilenbewegung wandten und sich in ihren Aktionen statt dessen am konzeptionellen Rahmen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung orientierten. Das Interesse an dieser blieb jedoch äußerlich, war das Konzept der civil rights doch monomanisch auf die eigene Sache gerichtet. Doch die neue Strategie zeitigte sichtbare Folgen, etwa als 1965 eine kleine Gruppe von Mattachine- und DOB-Mitgliedern, adrett in Kleid oder mit Krawatte, im nationalen Fernsehen auftauchten und vor dem Weißen Haus geduldig im Kreis auf und ab marschierten. Die Sprüche auf ihren Schilderten forderten das Bürgerrecht für homosexuelle Amerikaner. Anschließende Aktionen, etwa die Provokation von Klagen, sollten diesen Anspruch in die Tat umsetzen.

1966 organisierte Leitsch, Präsident der Mattachine Society New York (MSNY), ein "Sip-In", um die staatliche Alkoholaufsichtsbehörde vor Gericht zu bringen. Diese hatte willkürlich entschieden, daß eine Ansammlung von drei oder mehr Homosexuellen in einer Bar dieser die Konzession kosten würde. Leitsch und zwei andere Mitgliedern von Mattachine begaben sich deshalb in Anwesenheit eingeladener Journalisten in eine entsprechende Lokalität, um dort zu verkünden: "Wir sind Homosexuelle und möchten gerne bedient werden." Sobald der Besitzer nein sagte, hatte man einen Klagegrund. Zunehmend nervös wurden die Journalisten jedoch, als ihnen nirgendwo die Bedienung verweigert wurde: "Es würde mich einen Dreck interessieren, und wenn Ihr Orang-Utans wärt!", bekamen sie zu hören. Erst im Julius', einer New Yorker Schwulenbar, entschuldigte sich der Besitzer, der schon vorher Ärger mit der Aufsichtsbehörde hatte: "Tut mir leid, dann kann ich Sie nicht bedienen." Zur Klage gegen die Behörde kam es jedoch nicht. Deren Rechtsanwälte belehrten sie, daß keine Chance bestünde, den Fall, der eine klare Verletzung des verfassungsmäßigen Rechts auf Versammlungsfreiheit darstellte, zu gewinnen.

Eine weitere diskriminierende Praxis, die Infiltrierung schwuler Kneipen durch die Polizei, wurde eingestellt, weil ein Geistlicher sich an höherer Stelle über ein unappetitliches Erlebnis beschwert hatte. Er war Zeuge der Täuschung und anschließenden Festnahme eines jungen Mannes im Hinterzimmer eines New Yorker Lokals geworden. Daß solche Polizeifallen künftig nicht mehr möglich waren, ist auch der Ersetzung von Bürgermeister Wagner durch den liberalen Republikaner John Lindsay zu verdanken. Dieser erlaubte fürderhin nur noch Privatpersonen, wegen eines unerwünschten sexuellen Antrags Klage vor Gericht zu erheben. Damit war, so Leitsch mit einem verschmitzten Lächeln, wenigstens eine Gruppe heterosexueller Männer offen für unverfrorene Anträge und zugleich unfähig, dagegen etwas zu unternehmen: die New Yorker Uniformierten in Blau.

Ende der 60er Jahre, als sich viele der neuen sozialen Bewegungen, die gegen die Widersprüche des Nachkriegsfordismus rebellierten, weiter radikalisiert hatten, verlor auch die vermeintlich radikalere Generation von Frank Kameny und Dick Leitsch innerhalb der Mattachine Society an Anziehungskraft. Wie die "Negro civil rights movement" von Martin Luther King zum Vorbild vieler anderer Bewegungen geworden war, so wurden es jetzt Black Power und Black Nationalism. Die Black Panther Party unter ihrem Supreme Commander Huey P. Newton rief zur bewaffneten Selbstverteidigung der schwarzen Community auf. Unter der Losung "All Power to the People" wurde der revolutionäre Umsturz und die weltweite Überwindung des Kapitalismus propagiert.

Unter diesen politischen Vorzeichen, die mit einer breiten kulturellen Infragestellung der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft verbunden waren, bildete sich auch im Schoß von DOB und MSNY eine Generation von radikalen Aktivisten heraus, die sich nicht mehr der assimilatorischen Politik ihrer VorgängerInnen unterordnen wollten.

Eine davon war die jüdische Lesbe Martha Shelley. Sie berichtet von DOB, wo sie Ende der 60er Sprecherin geworden war, als einer winzigen Organisation in New York, die weitgehend unpolitischen Charakter hatte. Der Stonewall-Aufstand am 28. August 1969 wurde für sie zum Initialfunken. Mattachine reagierte noch am selben Abend mit der Entscheidung, einen Protestmarsch zu organisieren. Das hierfür eingesetzte Komitee, das von den Linken innerhalb der Homophilenorganisationen MSNY und DOB dominiert wurde, spaltete sich schon bald von diesen ab und gab sich den Namen Gay Liberation Front (GLF). Eine Anspielung auf die "National Liberation Front of North Vietnam" (Vietkong). Mit zunächst zwei Dutzend Mitgliedern organisierte es ein Treffen an der Alternate U, wo auf einem gutbeleuchteten Industriegeschoß Kurse in Marxismus, Karate, Druck und Grafik angeboten wurden. Die dort hauptsächlich beschäftigten 'closeted gays' - versteckte Lesben und Schwule, die in der politischen Linken involviert waren - teilten ihre Kräfte und Infrastruktur mit den 'closeted leftists', den in den homophilen Organisationen marginalisierten Linken. Marsha Shelley erzählt rückblickend: "Bei Mattachine und DOB konnten wir nicht offen sagen, daß wir gegen den Vietnamkrieg waren, weil sie glaubten, daß es eine schlechte Strategie wäre, in andere Kämpfe verwickelt zu werden. Sie glaubten, daß es schwierig genug sei, für lesbisch-schwule Rechte zu kämpfen, ohne all diese anderen Kämpfe zu übernehmen. Aber diejenigen von uns, die bei GLF waren, fühlten, daß die Kämpfe vereinigt werden sollten: die schwarze Bürgerrechtsbewegung, der Kampf gegen den Vietnamkrieg, die Frauenbewegung, feministische Politik, sozialistische Politik. Jede ethnische Gruppe hatte ihre eigene Bürgerrechtsfrage. Und natürlich die lesbisch-schwule Frage."

Literatur:

  • Barry D. Adam et al. (Ed.): The Global Emergence of Gay and Lesbian Politics. Philadelphia 1999
  • Robert Amsel: A Walk on the Wild Side of Stonewall. In: Advocate, 15. 9. 87
  • Eric Marcus: The Struggle for Gay and Lesbian Equal Rights. An Oral History. New York 1992

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Sweet! Bullshit! - 30 Jahre Stonewall. Teil III

Nach dem Stonewall-Aufstand am 28. Juni 1969 bildete sich aus der Homophilenbewegung unter dem Einfluß der Black Panthers und der Neuen Linken die Gay Liberation Front heraus. Doch es dauerte nicht lange, bis sich ein bürgerrechtlicher Flügel von ihr abspaltete.

Der Kampf mit Mattachine

In den community meetings nach dem Stonewall-Aufstand wurde klar, daß die alte Generation von Mattachine-Aktivisten und die sich neu formierende Gay Liberation Front nicht mehr zusammenpaßten. Schon am ersten Treffen, wo Bob Kohler, später einer der prominenten Wortführer der GLF, auf die Situation von Tunten und street people aufmerksam machen wollte, schlug ihm der Haß der Homophilen entgegen. Eine Person drückte ihm einen Vierteldollar in die Hand, ein anderer stand auf und sagte, er solle die Klappe halten und sich setzen; die Tunten seien irrelevant.

Auf dem zweiten community meeting am 16. Juli 1969 kam es zur endgültigen Trennung. Dick Leitsch, in einem gestärkten braunen Anzug, trat nach vorne: Man müsse gegen Polizeibrutalität und heterosexuelle Indifferenz protestieren; gleichzeitig müsse aber die lesbisch-schwule Welt die Gunst der Etablierten bewahren, besonders derer, die die Gesetze machten und veränderten. Die Akzeptanz der Homosexuellen komme langsam, indem man die heterosexuelle Gesellschaft mit Würde und Humor erziehe ... Er wurde von Rufen unterbrochen, bis sich schließlich James Fouratt, ein damals prominenter Vertreter der Neuen Linken zu Wort meldete: "Süßer! Absolute Scheiße! Da ist der stereotype Homo wieder, Mann! Das ist die Rolle, die Tunten in dieser Gesellschaft spielen müssen, und sie sitzen nur da und akzeptieren es. Wir müssen uns radikalisieren, Mann! ... Sei stolz auf das, was du bist! Und wenn dazu Krawalle nötig sind oder sogar Gewehre, um ihnen zu zeigen, wer wir sind, nun ... dann ist das eben die einzige Sprache, die die Schweine verstehen!" Wilder Applaus, Dick Leitsch versucht zu antworten, doch Fouratt übertönt ihn: "Alle Unterdrückten müssen sich vereinigen! Das System hält uns alle schwach, indem es uns auseinander hält. ... Wir müssen mit der gesamten Neuen Linken zusammenarbeiten!" Wieder und wieder zieht Dick Leitsch an seiner sauberen weißen Krawatte, schreit ins Publikum, doch seine Rufe nach Ordnung verhallen ungehört.

Ähnlich erging es den verschiedenen regionalen und nationalen Konferenzen, auf denen der Konflikt zwischen Liberalen und Radikalen weiter eskalierte. Am ersten und zweiten November 1969 hatte die GLF die Eastern Regional Conference of Homophile Organizations (ERCHO) so weit unter Druck gesetzt, daß sie als erste Homosexuellenorganisation Stellung zu nicht-homosexuellen Themen bezog. Am Ende stimmten die restlichen KonferenzteilnehmerInnen dafür, die Geschäfte für ein Jahr ruhen zu lassen, ein Schritt, der von Schatzmeister Foster Gunnison als "seltsamer Winkelzug" bezeichnet wurde, "so wie wenn man sich selbst in den Kopf schießt, bevor es der nächste Kerl für dich tut. Auf diese Weise verhinderten wir aber eine Übernahme unserer Organisation durch die Extremisten, und wenn der Staub sich wieder legt, kann die homophile Sache als eine gesunde und rationale Bewegung neu errichtet werden." Doch der Staub legte sich erst nach zwei Jahrzehnten so weit, daß die homophile Sache wieder eine Chance hatte.

Der Konflikt in der GLF

Die GLF war eine offene Bewegung, ohne Strukturen, Hierarchien, SprecherInnen und Mitgliedschaften. Jede Lesbe und jeder Schwule, aber natürlich auch Transsexuelle und Transvestiten war willkommen, an den Versammlungen jeden Sonntagabend teilzunehmen. Jedoch gab es keine Abstimmungen, die Entscheidungen wurden nach ausreichender Diskussion durch Konsens erzielt. Auch die RepräsentantInnen von GLF, so sie z. B. für die Medien erforderlich waren, wurden nicht gewählt, sondern gelost. Ein Ziel war das Erlernen nicht-sexistischer Umgangsweisen. Im Frühherbst 1969 hatten Teile begonnen, sich in Zellen zu formieren. Dieser Schritt hatte in New York, dem organisatorischen Herzen der GLF, Unbehagen und lange Diskussionen ausgelöst, während er später von anderen Neugründungen in Los Angeles und San Francisco mit gleichem Namen ohne Zögern nachvollzogen wurde. Die Zellen sollten eine engere Kommunikation innerhalb der GLF ermöglichen, ohne in irgendeiner Weise einer Abspaltung gleichzukommen. Nach einem Jahr umfaßte GLF bereits 15 Zellen, die sich unterschiedlichen Aufgaben widmeten. So übernahm die erste Zelle, die 28th of June cell, die Herausgabe der zweimonatlich erscheinenden GLF-Zeitung Come Out!, während die zweite Zelle, Aquarius, sich um die Planung von Tanzveranstaltungen kümmerte. Im November organisierte sich The Red Butterfly, um die marxistische Theorie auf die Unterdrückung von Lesben und Schwulen anzuwenden.

Nicht nur in den Diskussionen zwischen Konservativen und Radikalen, sondern auch innerhalb der GLF war die Frage der Zusammenarbeit mit linken revolutionären Organisationen - vor allem der Black Panther Party - die Hauptquelle erbitterter Auseinandersetzungen. Am 21. August 1969 erschien in der Zeitschrift The Black Panther ein lange ersehnter Brief "an die revolutionären Brüder und Schwestern über die Frauenbewegung und die Lesben- und Schwulenbewegung", der das Thema für die GLF noch einmal real auf die Tagesordnung brachte:

"Während der vergangenen letzten Jahre haben sich starke Bewegungen unter Frauen und unter Homosexuellen entwickelt, die ihre Befreiung suchen. Es hat einige Verunsicherung darüber gegeben, wie man sich zu diesen Bewegungen zu stellen habe. Was immer Eure persönliche Meinungen und Eure Unsicherheiten über Homosexualität und die verschiedenen Befreiungsbewegungen unter Homosexuellen und Frauen ... sind, wir sollten versuchen, uns mit ihnen in revolutionärer Weise zu vereinen. ... Wir dürfen nicht die rassismus-typische Haltung einnehmen wie die weißen Rassisten ... Ich weiß durch Lektüre und durch meine Lebenserfahrungen, meine Beobachtungen, daß Homosexuellen keine Freiheit gegeben wird, von niemandem in der Gesellschaft. Vielleicht sind Homosexuelle diejenigen, die am meisten unterdrückt sind ... Wir sollten versuchen, eine Arbeitskoalition mit den Gruppen der Lesben- und Schwulenbewegung und der Frauenbewegung einzugehen. ALL POWER TO THE PEOPLE! Huey P. Newton, SUPREME COMMANDER, Black Panther Party".

Angesichts dieses Briefs wurde die Frage, wie man sich zu den Black Panthers verhielt, akut. Erstmals kam es zu einem Massenauszug von Aktivisten wie Jim Owles und Marty Robinson, als sich die Mehrheit der GLF dafür entschieden hatte, die Panthers zu unterstützen, die den bewaffneten Kampf propagierten und sich dabei - anders als die Black Nationalists und die Black Muslims - als Avantgarde einer umfassenden Revolution betrachteten. Die Entscheidung für die Panthers war vor allem den Frauen zu verdanken, die geschlossen für die Unterstützung stimmten. Im Juni 1970 detaillierte Owles indes die Gründe für seinen Auszug: "In ihren Anfängen widmete sich die GLF, abseits davon, revolutionär zu sein, tatsächlich Dingen, die mit der homosexuellen Sache zu tun hatten. ... Aber die Mehrheit ... hielt sich selbst für Revolutionäre, und sie wollten, daß die Gruppe sich mit anderen Gruppen ihrer Art identifizierte und sich mit ihnen in eine Reihe stellte. Es gab sehr früh Anfänge einer Spaltung. ... Ich persönlich verließ die Gruppe, weil ich fühlte, daß viele dieser anderen Organisationen in schlimmster Weise antihomosexuell waren, daß viele der Führer, denen sie folgten, gewiß keine Gnade gegenüber den Homosexuellen kannten, die sie mit hereingeholt hatten. ... Für mich bettelten sie um dieselbe Art Akzeptanz, die zu wollen sie einigen der älteren Homosexuellen vorwarfen. Sie wissen schon, 'Hier, ich werde einen Anzug und eine Krawatte anziehen. Bitte akzeptiert mich. Ich bin einer von Euch.' Und immer noch wurde auf sie gespuckt."

Die Gründung der GAA

Jim Owles und Marty Robinson gründeten deshalb nach der Entscheidung für die Panthers außerhalb der GLF eine neue Organisation: die Gay Activists Alliance (GAA), die eine neue Richtung des conservative bzw. middle-of-the-road radicalism verkörperte. In einer Broschüre für Neulinge stellte sie sich so dar: "Die Gay Activists Alliance ist eine militante (obwohl gewaltfreie) homosexuelle Bürgerrechtsorganisation. ... Die GAA hat sich ausschließlich der Befreiung der Homosexuellen verschrieben und vermeidet jede Beteiligung an einem Aktionsprogramm, das keinen offensichtlichen Bezug zu Homosexuellen hat. ... Die GAA hat diese Politik gewählt, um die Unterstützung einer großen Zahl von Homosexuellen zu gewinnen ... und eine interne politische Debatte zu vermeiden. Diese Politik wurde in der GAA-Verfassung festgeschrieben. ... Die GAA gebraucht die Taktik einer konfrontativen Politik. Politiker und Personen in gesellschaftlicher Autorität, die zur Unterdrückung von Homosexuellen beitragen, werden öffentlich bloßgestellt durch Massendemonstrationen, das Sprengen von Versammlungen sowie Sit-ins. Die GAA hat diese Politik gewählt, weil die erste Phase homosexueller Befreiung die Entwicklung eines klaren Gefühls öffentlicher Identität in der gay community und ein korrespondierendes Gefühl der Furcht und Verlegenheit bei den Regierenden bedeutet."

Die GAA pendelte also zwischen Liberalismus auf der politischen, Radikalismus auf der taktischen und Konservatismus auf der organisatorischen Ebene. Besonders jedoch die One-issue-Doktrin der GAA hatte in ihrer unerschütterlichen Prinzipienhaftigkeit eine gar zynische Seite. Anläßlich der Mahnwache für einen Homosexuellen, der sich nach seiner Festnahme bei einer Razzia in der Schwulenkneipe Snake Pit aus dem Fenster des Polizeireviers gestürzt hatte, weigerten sich die Aktivisten der GAA, mit den anderen Demonstranten anschließend vor das Frauengefängnis zu ziehen. Es sei unfair, rechtfertigte Jim Owles ihr Verhalten, diejenigen, die gekommen seien, um in ihrem Protest ein einziges Gefühl und ein einziges Ziel auszudrücken, zu fragen, ob sie noch an einem anderen Protest teilnehmen wollten.

Die GAA führte im Gegensatz zur GLF wieder Hierarchien und formale Positionen in ihre Organisationsstruktur ein. Diskussionen gab es kaum mehr, und Entscheidungen fielen, trotz des angewandten Mehrheitsprinzips, fast nur einstimmig. Ein "prima Klima" also.

Nach der Spaltung

Nach dem Auszug der liberalen Politaktivisten verstand sich die GLF offen als revolutionäre Organisation. In einem Interview mit Mitgliedern der GLF New York, das in der San Francisco Free Press veröffentlicht wurde, heißt es auf die Frage, was die Gay Liberation Front sei: "Wir sind eine revolutionäre homosexuelle Gruppe von Männern und Frauen, die sich mit der Erkenntnis gebildet hat, daß komplette sexuelle Befreiung für alle Menschen nicht verwirklicht werden kann, wenn nicht die existierenden sozialen Institutionen abgeschafft werden. Wir lehnen den Versuch der Gesellschaft ab, uns sexuelle Rollen und Definitionen unserer Natur aufzuerlegen. Wir treten aus diesen Rollen und simplistischen Mythen heraus. Wir werden sein, wer wir sind. Zur gleichen Zeit schaffen wir neue soziale Formen und Beziehungen, das bedeutet Beziehungen, die auf Brüderlichkeit, Kooperation, menschlicher Liebe und ungehinderter Sexualität basieren. Babylon hat uns gezwungen, uns einer Sache zu verpflichten ... der Revolution."

Im Spätsommer und Herbst 1970 war, so Donn Teal in seinem Buch The GAY MILITANTS, die GLF New York mehr denn je eher eine "Front" statt einer Organisation. Ein Jahr alt, umfaßte sie neben den Vollversammlungen am Sonntagabend, die nur etwa siebzig bis achtzig Personen besuchten, 19 Zellen (oder Aktionsgruppen), zwölf consciousness-raising groups, ein Treffen am Mittwochabend für Männer, ein Frauentreffen am Sonntagabend vor der Vollversammlung, drei Wohn-Kommunen (eine weibliche und zwei männliche), eine Radical Study Group, die verschiedene Bücher las und diskutierte, sowie von Zeit zu Zeit sich bildende Diskussionsgruppen zu Themen lesbisch-schwuler Befreiung. Darüber hinaus gab es die GLF-Zeitung Come Out! und die Zeitschrift der GLF-Kommune in der 17. Straße Gay Flames. Im Mai 1971 bildete sich gar eine Plattform von 200 GLFlern, die in acht "Marathongruppen" verschiedene Themen behandelten. Gleichzeitig war man eng mit der Gegenuniversität Alternate U verflochten, die an jedem Freitag für Lesben und Schwule Workshops zu Themen wie Hausbesetzung, Rassismus, Sexismus, Erforschung von Rollen und Identitäten, Marxismus und Politik, Transvestismus und Selbstverteidigung anbot.

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Sisterhood is blooming - 30 Jahre Stonewall. Teil IV

Entstehung und Entwicklung des lesbischen Feminismus

Die lila Gefahr

Die Lichter erlöschen: Schreie, Unruhe. Einige Momente später geht das Licht in dem Schulsaal, in dem sich der zweite Jahreskongreß zur Vereinigung der Frauen zusammengefunden hat, ebenso plötzlich wieder an. An den Wänden prangen Poster mit Parolen wie "Die Frauenbewegung ist eine lesbische Verschwörung". Siebzehn Frauen, die um das verblüffte Publikum herum stehen, tragen T-Shirts mit der Aufschrift "LAVENDER MENACE", ein Zitat, das auf die Mitbegründerin der National Organization for Women (NOW) und Autorin von "The Feminine Mystique" verweist: Betty Friedan warnte davor, daß die "lila Gefahr" das Bild der Frauenbewegung trüben und "normale Frauen" verschrecken könnte. Die lesbische Aktivistin Rita Mae Brown und zwei ihrer Kolleginnen bei NOW formulierten es treffend: "Lesbianismus ist das eine Wort, das im Vorstand der New Yorker N.O.W. eine kollektive Herzattacke auslöst." Auf dem Kongreß am 1. Mai 1970 wird von den Organisatorinnen des Happenings, die es offenbar darauf angelegt haben, den Satz von Brown in die Wirklichkeit umzusetzen, das Manifest der "Frauenidentifizierten Frau" verteilt. In ihm ist der berühmte Satz zu lesen: "Was ist eine Lesbe? Eine Lesbe ist die Wut aller Frauen, verdichtet bis zum Punkt der Explosion." Und weiter heißt es: "Lesbisch ist das Wort, das Etikett, der Zustand, der Frauen auf Linie hält. ... Lesbisch ist ein Label, das vom Mann erfunden wurde, um es auf jede Frau zu werfen, die es wagt, seinesgleichen zu sein, seine Vorrechte in Frage zu stellen ... das Primat ihrer eigenen Bedürfnisse zu behaupten. Es ist das Primat von Frauen, die sich auf Frauen beziehen ... die Basis für die Kulturrevolution."

Goodbye to Gay Liberation

Die lesbischen Frauen, die das Abschlußplenum mit einer Reihe von Resolutionen konfrontierten, gaben sich im Anschluß an den Kongreß und in Absetzung von der Gay Liberation Front, aus der sie zum größten Teil hervorgegangen waren, den Namen "Radicalesbians". Zum Probierstein des neuen lesbischen Feminismus wurde ein Artikel im Time Magazine, in dem das Bekenntnis der radikalen Feministin Kate Millett, sie sei bisexuell, angeführt wurde, um sie als Sprecherin der Frauenbewegung unmöglich zu machen. Der Denunziationsversuch von Time wurde zum Ausgangspunkt einer Reihe von internen Kämpfen, in denen die New Yorker NOW ihre gewählten Positionen von Lesben säuberte. Dennoch fand der lesbische Feminismus schnell Anhängerinnen, so daß sich bald auch Heteras als "politische Lesben" definierten. Währenddessen setzten sich die bei der Gay Liberation Front verbliebenen Frauen vom Konzept des lesbischen Feminismus ab:

"Unser stärkster gemeinsamer Nenner und unsere größte Unterdrückung liegen im gesellschaftlichen Unrecht gegen uns als Homosexuelle. Wir werden als Frauen diskriminiert, aber Lesben, die offen leben, werden von ihren Jobs gefeuert, von den Schulen ausgeschlossen, aus ihren Elternhäusern verbannt und sogar geschlagen. Lesben, die sich verstecken und offener Feindseligkeit entgehen, erleiden die gleiche Unterdrückung durch den seelischen Schaden, der durch ihre Furcht und ihr Schuldgefühl verursacht wird. Mit diesem Verständnis konzentrieren wir uns auf Lesbisch-Schwule Befreiung, indem wir lesbisch-schwulen Fragen und lesbisch-schwulen Problemen Priorität einräumen. Wir sind Teil der Revolution aller unterdrückten Menschen, aber wir können es nicht zulassen, daß die lesbische Sache ein bloßer Nebengedanke ist."

Doch die Unsichtbarkeit von Lesben in der GLF - gerade bei Tanzveranstaltungen kamen sich Frauen wie verloren in einem Meer von Männern vor -, am Ende der Vorwurf des Sexismus, der Ignoranz gegenüber den Problemen von Frauen führten schließlich zum Auszug der Frauen. Nicht nur in der GLF, sondern in allen homosexuellen Organisationen. Del Martin, eine der Gründerinnen der Daughters of Bilitis (DOB), schockierte die homosexuelle "Gemeinschaft" an der Westküste mit einem Artikel in der auflagenstärksten Homosexuellenzeitschrift The Advocate, in dem sie das Erlebnis der Trennung von den Männern beschrieb: "Nach 15 Jahren Arbeit für die homophile Bewegung - 15 Jahre der Vermittlung, Beratung, Beschwichtigung, der Arbeit für Koalition und Einheit - sehe ich mich einer sehr realen Identitätskrise gegenüber. Wie NACHO wurde ich zerrissen. Ich fühle mich beraubt. Denn ich wurde während dieser Woche des Kampfes zwischen den Männern und den Frauen, den Konservativen und den Gay Liberationists, zur Einsicht gezwungen, daß ich keine Brüder in der homophilen Bewegung habe." Del Martin fuhr fort, indem sie die Organisationen aufzählte, durch die der Riß verlief:

"Ein Adieu, nicht nur an SIR, sondern an all jene Homophilenorganisationen überall im Land mit einer Politik der offenen Tür gegenüber Frauen. Es ist nur Schaufensterdekoration für die Öffentlichkeit und in den kleinen Vorstädten für den gegenseitigen Schutz. Es bedeutet nicht wirklich irgend etwas, und es riecht nach Paternalismus. ... Adieu an all die 'repräsentativen' homophilen Publikationen, die mehr nach Magazinen für männliche Nudistenkolonien aussehen. Adieu an die Schwulenbars, die Frauen diskriminieren. Adieu an jene, die sie nur 'zulassen', wenn sie sich im Rock kleiden, während Männer in ihren 'andersartigen' Kostümen herumlaufen. ... Adieu an die Halloween-Bälle, die Drag Shows und Parties. Es hat Spaß gemacht, solange es andauerte. Aber der Witz hat sich aus dem Spiel verflüchtigt. Adieu auch an Gay Liberation. Sie applaudierten den Lesben, die eine gemeinsame Sache mit ihnen und den anderen Männern auf dem NACHO-Treffen errichten wollten. Aber irgendwie bleibt das Gefühl zurück, ihr Applaus galt der Unterbrechung des Treffens, nicht ihrem Zweck. Adieu an die männliche homophile Gemeinschaft. 'Schwul ist gut', aber nicht gut genug - solange es auf weiße Männer allein beschränkt bleibt."

Die GLF-Frauen gründeten bereits 1970 in San Francisco die Gay Women's Liberation. Und 1973 ging schließlich aus der Gay Activists Alliance, der bürgerlichen Abspaltung der GLF, die Lesbian Feminist Liberation hervor. Die lesbisch-feministische Bewegung verabschiedete sich vom Begriff gay und legte sich die Bezeichnungen lesbian und dyke zu. In gleicher Weise wurde von einigen Frauen die Schreibung von "women" in "womyn", "womon" oder "wimmin" geändert, um den Begriff "Mann" aus dem Wortstamm zu eliminieren.

Der lesbische Feminismus formiert sich

Im Unterschied zur Gay Liberation Front, die spätestens 1973 zusammen mit ihrem "subhegemonialen" Anhängsel, der Gay Activists Alliance, vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, dem Schwinden eines liberalen Reformblocks und dem Übergang der Black Panther Party zum bewaffneten Kampf gegen die Staatsmacht in völlige Bedeutungslosigkeit versank, schaffte es der lesbische Feminismus, sich zu institutionalisieren und in Form von Frauenbuchläden, Restaurants, Verlagen und Sportvereinen eine kulturelle Infrastruktur zu errichten. Gerade die Einhegung in "Frauenräume", die sich, anders als die Einrichtungen von Schwulen, nicht gegen die kommerzielle Szene behaupten mußten, bildete den Grund dafür, daß sich der lesbische Feminismus trotz der verlorenen Revolutionserwartung bis in die 90er Jahre gleichsam künstlich konservieren konnte. Dies bezahlte er jedoch mit eindeutig regressiven Tendenzen. 1974 faßte eine radikale Lesbe diese bündig zusammen: "Irgendwo auf dem Weg hörten wir auf, uns eine Bewegung zu nennen, und nennen uns jetzt eine Community ... Zu Gemeinschaften zu gehören, ist vielleicht eine klasse Sache ... aber Gemeinschaften machen keine Revolution."

1971 gründeten sich mit Basis in Washington, D. C., die "Furien", die das Programm des lesbischen Separatismus weiterentwickelten und auf die Organisation des privaten Lebens übertrugen. "Heterosexuelle Frauen werden durch Männer verwirrt, setzen Frauen nicht an erste Stelle", schrieb Rita Mae Brown, eine der Gründerinnen. "Sie verraten Lesben und zuletzt verraten sie auch sich selbst. Man kann keine starke Bewegung aufbauen, wenn Deine Schwestern draußen mit dem Unterdrücker ficken." In der ersten Nummer ihrer gleichnamigen Zeitschrift hieß es schließlich: "Der Lesbianismus bedroht die männliche Herrschaft in ihrem Kern. In politisch bewußter und organisierter Form hat er eine zentrale Funktion dabei, unser sexistisches, rassistisches, kapitalistisches und imperialistisches System zu zerstören. ... Lesben müssen Feministinnen werden und gegen die Unterdrückung von Frauen kämpfen, genau wie Feministinnen Lesben werden müssen, wenn sie männliche Herrschaft zu beenden hoffen."

Die Sex Wars

Als "organische Intellektuelle" (Gramsci) entwickelten avantgardistische Gruppen wie die Radicalesbians einen neuen Ethos der Sexualität, der als kollektiv geteilter Lebensstil schon bald zur erforderlichen Eintrittskarte in eine separatistisch eingehegte Lesben-Nation wurde. So schrieb Sue Katz Anfang der 70er Jahre in ihrem Aufsatz "Smash Phallic Imperialism": "Sex bedeutet Unterdrückung, er bedeutet Ausbeutung ... Physischer Kontakt und Gefühle haben eine neue befreiende Form angenommen. Und wir nennen sie SINNLICHKEIT ... Sie bedeutet Berührung und Reibung und Kuscheln und Zärtlichkeit. Sie bedeutet Halten und Schaukeln und Küssen und Lecken. Ihr einzige Ziel ist Nähe und Freude. Sie existiert nicht für den Großen Orgasmus ... Die Sinnlichkeit, die ich fühle, hat meine Politik transformiert ... weil die Energien für unsere feministische Revolution dieselben sind wie die Energien unserer Liebe zu Frauen."

Mit diesem neuen Nachdruck auf eine entsexualisierte Sinnlichkeit verband sich die Zurückweisung von Monogamie als einem Zwang, der seine Wurzeln im patriarchalen System und damit in der Ausbeutung von Frauen hatte. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre entwickelten sich daraus explosive Debatten - die sogenannten Sex-Kriege - zwischen den lesbischen Feministinnen und den Sex-Radikalen. Es ging um Fragen wie Pornographie, Sadomasochismus sowie die übrig gebliebenen Spuren der von den lesbischen Feministinnen exorzierten Butch- und Femme-Kultur der 50er und 60er Jahre. Janice Raymond formulierte die autoritäre Konsequenz, mit der der lesbische Feminismus zuletzt seine Normen und Werte verteidigte, so: "Und die, die denken, daß es [nämlich lesbische Erotica, d. Verf.] in der Privatsphäre ihrer Schlafzimmer, wo sie es genießen, wo sie - insbesondere sexuell - darauf abfahren, akzeptierbar ist, sind keine lesbischen Feministinnen." Kritische Stimmen gegen eine "voreilige Orthodoxie", wie sie auf einer feministischen Konferenz 1982 laut wurden, konnten noch durch Zensur und Boykott zum Schweigen gebracht werden. Tiefer aber wurde der lesbische Feminismus von Diskussionen erschüttert, die die Tauglichkeit seiner separatistischen Konzepte für schwarze Frauen in Frage stellten. Diese hatten nicht vor, sich in eine weiße lesbische Kultur einschließen zu lassen, die ihre rassistische Marginalisierung nicht zum Thema machte.

Die Kämpfe innerhalb des lesbischen Ghettos vollzogen sich zu einer Zeit, als die konservativen Kampagnen der Moral Majority, die "unsere Kinder" vor den Homosexuellen schützen wollten, einen Höhepunkt erreichten und die Öffentlichkeit bis zum Mord am schwulen Bürgerrechtler Harvey Milk aufhetzten. Vor dem Hintergrund der marodierenden Homophobie einer gesellschaftlich wieder dominant gewordenen Rechten wurde die Selbstbezüglichkeit des lesbischen Ghettos, das sich zur gleichen Zeit um eine angemessene "Stilistik der Existenz" (Foucault) bemühte, tendenziell lebensgefährlich.

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Hommage an Sylvia Ray Rivera - 30 Jahre Stonewall. Teil V

Eine Aktivistin der ersten Stunde

"Einige Monate, nachdem ich einen Selbstmordversuch unternommen hatte, ging ich von daheim fort. Ich war erwachsen geworden. Jedenfalls dachte ich das. Ich wußte: ich muß weg, wegen meines Lebens und dem, was mein Schwulsein meiner Großmutter zufügte. Sie kam eines Tags weinend nach Hause. Sie sagte mir, mit Tränen in den Augen: 'Sie nennen dich pato.' Das ist spanisch und heißt 'Schwuchtel'. Sie war so verletzt, weil sie mir das antaten." Sylvia (Ray) Rivera, die von sich behauptet, als "effiminiertes Kind" geboren zu sein, verließ mit zehn Jahren ihr Zuhause, um ihr Geld als Stricher zu verdienen: "Jeder schmutzige alte Mann, der sich selbst hetero nannte, las mich auf. Ich erinnere mich, daß ich Psychiater für eine Menge von ihnen spielte. 'Wenn meine Frau wüßte, daß ich mit einem Mann zusammenliege. ...' Pause bitte! Ich will das nicht hören. Bezahlst du mich? Gut. Dann muß ich damit fertig werden. Das war, als ich mich noch als Junge anzog. Ein oder zwei Jahre später begann ich, im Fummel zu leben. Die Leute, die mich auflasen, waren krank. Sie pflegten zu sagen: 'Meine Frau würde niemals die Tatsache schätzen, daß ich mit einem Mann zusammenliege, der Frauenkleidung trägt.' Und ich erwiderte: 'Gib mir nur das Geld. Mach Dir keine Sorgen darüber.'"

Rivera gehörte zu den Straßentransvestiten, die sich am 28. Juni 1969 und danach an den Straßenkrawallen beteiligten, die als "Stonewall Riots" zur Gründungslegende der Lesben- und Schwulenbewegung wurden. Doch obwohl die Tunten und Butches als erste und am lautesten aufbegehrten, hatten sie es am schwersten, sich in der daraufhin entstehenden Lesben- und Schwulenbewegung Gehör zu verschaffen. Ray engagierte sich als Puertoricaner, aus "Wut über die Welt, wie sie war", schon vor dem Stonewallaufstand in der Bewegung der Schwarzen und der Friedensbewegung. Doch wie Martin Duberman bemerkte: "Das grenzüberschreitende Wesen einer lateinamerikanischen Straßentunte verursachte automatischen Alarm: Sylvia hatte die falsche Hautfarbe, war falsch herum gepolt und trug die falschen Klamotten – so schaffte sie es mit links und zur gleichen Zeit verschiedene ängstigende und sich überlappende Kategorien der Andersheit zu verkörpern. Durch ihre bloße Anwesenheit war es wahrscheinlich, daß sie einige unausgesprochene Regeln des weißen Mittelstands übertrat. So konnte sie damit rechnen, ständig paternalisiert, wenn nicht sogar ganz ausgeschlossen zu werden." Ständig erging es ihr in genau dieser Weise, als sie sich abwechselnd bei den Black Panthers, den Young Lords, der Gay Liberation Front (GLF) und der Gay Activists Alliance (GAA) engagierte.

Im Herbst 1970 gründete sie zusammen mit der schwarzen Straßentunte Marsha P. Johnson aus Protest dagegen, daß Drag Queens in den lesbisch-schwulen Organisationen nur benutzt wurden, um das nötige Aufsehen zu erregen, die Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR). Selbst erst 19 Jahre alt, wollte Sylvia eine Zuflucht für die Jüngeren schaffen, die mit zehn oder elf Jahren begannen, auf den Strich zu gehen, und vielleicht in einigen Jahren tot waren, weil sie in eine Messerstecherei gerieten oder an einer Überdosis starben. So entstand das STAR-Haus. Die finanzielle, vor allem aber praktische Unterstützung, die von GLF-Aktivisten kam, war zwar geringer als versprochen, ermöglichte aber einen ersten Start. Die GAA, in der Sylvia Ray Rivera sich immer wieder an konfrontationstaktischen Aktionen beteiligt hatte und für die sie sogar einmal im Gefängnis saß, war so borniert, daß sie für eine Soliparty noch nicht einmal ihre Stereoanlage zur Verfügung stellte. Als das von der Mafia vermietete STAR-Haus wegen Mietzahlungsrückstand von der Schließung bedroht war, verweigerte die GAA aus prinzipiellen Gründen einen Kredit. Innerhalb kürzester Zeit saßen so die etwa zwei Dutzend STAR House Kids wieder auf der Straße. "Die Community hatte nicht vor, uns zu helfen. Sie war peinlich von den Tunten berührt, weil die Heterogesellschaft der Ansicht ist: 'Ein Schwuler kleidet sich im Fummel oder ist weibisch.' Aber du mußt sein, wer du bist. Als hetero durchgehen, ist, wie wenn eine hellhäutige schwarze Frau oder ein Mann als weiß durchgeht. Ich möchte nicht als jemand anders durchgehen. Ich hätte das nicht geschafft, nicht in diesem Leben. Außer GLF, die uns zur Vorhut der Revolution machten, ließ uns jeder andere im Dunkeln zurück. Sie schoben uns zur Seite. In Wirklichkeit waren es nicht einmal die Männer, die die Drag Queens an den Rand drückten. Es waren die schwulen Frauen von dieser radikalen Gruppe [Lesbian Feminist Liberation]. Eine von ihnen war Jean O'Leary." Die Auseinandersetzung mit O'Leary, die auf der Gay-Pride-Versammlung im Jahr 1973 Sylvia das Wort abschnitt und sie dafür angriff, daß sie Frauen "parodierte", führte zu einem Selbstmordversuch Riveras. Seit 1973 hat sie sich für immer aus der Lesben- und Schwulenbewegung zurückgezogen. Jean O'Leary, die in den 70er Jahren im nationalen Lobby- und Bürgerrechtsverein National Gay Task Force Karriere machte, bedauerte viele Jahre später ihr Verhalten: "Im Rückblick finde ich es peinlich, weil sich meine Ansichten seit damals so sehr verändert haben. Ich würde heute nie mehr auf einem Transvestiten herumhacken."

Originaltexte: http://gigi.x-berg.de/texte/rainbow, http://gigi.x-berg.de/texte/homophile, http://gigi.x-berg.de/texte/bullshit, http://gigi.x-berg.de/texte/sistership, http://gigi.x-berg.de/texte/sylvia


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