Interview mit dem anarchosyndikalistischen “Institut für Wirtschaftswissenschaft und Selbstverwaltung” (ICEA)

Das Institut der Wirtschafts- und Selbstverwaltungswissenschaften (Instituto de Ciencias Ecónomicas y de la Autogestión, kurz ICEA) ist nun seit einigen Monaten in Betrieb. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Leuten, die sich in Wirtschaftskreisen bewegen und die die Absicht haben, sich in einen anarchistischen Wirtschafts-Think Tank (1) zu entwickeln. Wir glauben, dass es notwendig ist, auf Genossen und Genossinnen zählen zu können, die sich der Ausarbeitung von Analysen und theoretischen sowie praktischen Studien verschrieben haben. Zudem wird diese Arbeit nützlich sein, mit guten Argumenten die Tendenzen des „Anarchokapitalismus“ zurückzuweisen, welche den Sprung aus den USA überLateinamerika geschafft hat, genauso wie sie brauchbar dazu ist, unsere weltanschauliche Aufstellung zu verbessern … und um zu wissen, wie die zukünftige libertäre Gesellschaft gestaltet werden kann. Wir wünschen uns, soweit wir das bisher sagen können, dass dieses Beispiel sich in anderen Kreisen fortsetzt. Nachdem wir ihre Arbeit über alasbarricadas.org kennen lernten, haben wir ihnen diese Fragen gestellt:


ALB Noticias: Wie entstand die Idee zur Gründung des ICEA?

ICEA: Im Laufe der Jahre, zwischen den studentischen wirtschaftswissenschaftlichen Projekten, die solch einer Materie mit einer kritischen bis ablehnenden Haltung gegenüberstanden, trafen wir mit einigen Personen zusammen, deren anarchistische Positionen wir teilten. Das ließ uns über die Notwendigkeit nachdenken, die Dinge von unserem Wirkungskreis aus anzugehen: Wirtschaft und Anarchismus. Zuerst dachten wir an den Wirtschaftsteil der Zeitung der CNT.

Nachher, zusammen mit mehr Leuten, entwickelten wir uns zu einem noch weiter auf wirtschaftliche Fragen spezialisierten Zusammenschluss des Zentrums libertärer Studien von Terrassa (in Barcelona). Schließlich, in Anbetracht dessen, dass wir Leute aus unterschiedlichsten Orten der Halbinsel waren und Material zusammentragen mussten, sahen wir den Vorteil in der Schaffung eines eigenen Zentrums, zwar virtuell für den Moment, aber mit der Absicht, es auch physisch Wirklichkeit werden zu lassen. Solch ein Zentrum musste sich, gemäß unserer politischen Position, mit der Selbstverwaltung auseinandersetzen, dem wichtigsten Beitrag des Anarchismus zum wirtschaftlichen Denken; darüber hinaus jedoch glauben wir, dass wir ein ökonomisches Bewusstsein in die anarchistischen und anarchosyndikalistischen Bewegungen hineintragen könnten, und umgekehrt so eine libertäre Perspektive unter den anderen Bewegungen im Kreis der kritischen Ökonomie verbreitet werden kann. Schließlich, und das ist ein wichtiger Aspekt, haben diejenigen von uns, die ICEA von Anfang an aufgebaut haben, unterschiedliche Interessen und Hintergründe hinsichtlich dem, was sich an die verschiedenen Zweige der politischen Ökonomie richtet. Daher haben wir die Möglichkeit, Gruppen in unterschiedlichen Feldern zu fördern: ökonomischem Denken und ökonomischer Theorie, politischer Ökonomie, Arbeit und Sozialem, Weltwirtschaft, wirtschaftliche Entwicklung, Ökonomie und Arbeitssoziologie, regionale Ökonomie, ökologische Ökonomie etc. Was uns letztendlich vereint ist die Motivation, in unseren Studien die theoretischen, historischen und praktischen Aspekte zu fundieren, die mit der Sozialen und Arbeiterselbstverwaltung als Alternative zum Kapitalismus zusammenhängen.


ALB Noticias: Mit dem Wissen im Kopf, dass es sich um ein sehr junges Projekt handelt, wie nehmt ihr die Resonanz wahr, die ihr bekommt?

ICEA: Die Resonanz wird mit jedem Mal positiver. Während die Website im Aufbau war, gab es viele Personen und Gruppen innerhalb und außerhalb des spanischen Staatsgebietes (z.B. aus ganz Lateinamerika), die sich mit uns in Verbindung setzten und ihr Interesse bekundet haben. Auf der anderen Seite wird das alles in unseren eigenen Organisationen als etwas sehr Positives angesehen, weshalb wir äußerst zuversichtlich hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung sind.


ALB Noticias: In dem Kommunique, dass ihr in Umlauf gebracht habt heißt es, dass ihr auch Beratung anbietet. Welcher Art ist die Beratung, glaubt ihr, der ihr angefragt werden werdet, und welche bietet ihr an?

ICEA: Wie wir in dem Präsentationstext schreiben, ist es unsere Intention, jede syndikalistische Sektion, jedes Syndikat, genauso wie jedes libertäre Kollektiv oder andere den sozialen Bewegungen Zugehörige zu unterstützen, die sich für unsere Beratung interessieren. Da dass Projekt in seinen Anfängen steckt, beginnen wir damit, unsere Beratung auf die sozialen Kämpfe der CNT zu stützen. So können wir erstmal noch selbst studieren, wie wir auf die uns erreichenden Anfragen mit Hilfe reagieren können, ebenso wie die Beratung von einigen konkreten Kämpfen im Bereich der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, die die andere Seite des uns antreibenden Anspruches ausmacht. In dieser Hinsicht würde es uns z.B. gefallen, im Fall von Fabrik- oder Unternehmensbesetzungen in Krisenzeiten eine nützliche Kapazität im Zentrum der Unterstützung zu sein. Die Idee in solch einem Szenario wäre Studien über die Lebensfähigkeit der Unternehmen anzufertigen, um so unser Körnchen im Verlauf dieser Kämpfe beizutragen. Im Moment, wie gesagt, bezieht sich die von uns angebotene Beratung auf die Unterstützung des syndikalistischen Kampfes der CNT, in der Form der Analyse der Firmenmärchen über ihre Resultate, der sozioökonomischen Struktur dieser Firmen, ihrer Situation im wirtschaftlichen Sektor usw. Die besser organisierten und strukturierten Gewerkschaften im spanischen Staat fordern technisch geschulten Beistand bei Rechtsanwälten, Ökonomen und Soziologen an, und fassen sie zu einer für gewerkschaftliche Konflikte integralen Beratungstechnik zusammen, die darüber hinaus noch dem Zentrum der Ideenentwicklung dient. Die Arbeit des ICEA ist es also – zumindest für die Mitglieder, die auch in der CNT sind – solch einen Aspekt der Beratung in unserer Gewerkschaft zu etablieren.


ALB Noticias: Es heißt, der Anarchismus habe gegenüber dem Marxismus ein Minderwertigkeitskomplex, zumindest in ökonomischer Hinsicht. Was könnt ihr als eine Art libertärer Kulturverein dem entgegenhalten?

ICEA: Wir glauben, dass es wissenschaftlich unredlich ist, die Urheberschaft all der »guten« Verbindungen in der ökonomischen Theorie nur einem Theoriekörper wie dem Marxismus zuzuteilen. Der ökonomische Marxismus hatte einen vorhergehenden Einfluss französischer Sozialist/innen, deutscher Philosophen und englischer Ökonomen, vor allem David Ricardos. Näher an unserer Zeit wurden mehrere marxistische Autoren von den gedanklichen Ansätzen von Institutionalisten wie Veblen, Postkeynesianist/innen wie Kalecki in der Makroökonomie beeinflusst, oder in der Mikroökonomie von Neoricardoist/innen wie etwa Sraffa. Wenn wir daher – hinsichtlich dem, was uns angeht – die Einschätzung, keine entwickelten Werkzeuge für die korrekte Analyse ökonomischer Veränderung in jeder Etappe der Geschichte zu haben, als Minderwertigkeitskomplex begreifen, hat oder hatte auch der Marxismus Minderwertigkeitskomplexe gegenüber anderen geläufigen ökonomischen und sozialen Denkweisen der verschiedenen historischen Epochen. Jedenfalls ist es angebracht anzuerkennen, dass der ökonomische Marxismus und Neomarxismus das heute vielleicht stärkste Werkzeug für die Analyse des Kapitalismus aus antikapitalistischer Sicht ist. Auf der anderen Seite lässt sich die vorherrschende Präsens des Marxismus auch auf die Möglichkeiten, die er zu seiner Ausbreitung hatte, zurückführen, welche in gutem Maße durch das Werk von nicht wenigen Regierungen begünstigt wurden, die die Expansion der ideologischen Richtung des Marxismus mit den Apparaten der Propaganda und Unterdrückung jeglichen Dissens förderten. So ist es sehr verständlich, dass innerhalb der Akademien die ökonomischen Abteilungen dicht besiedelt von MarxistInnen eines bestimmten Typs sind, während die AnarchistInnen mehr in den historischen zu finden sind. Diese gewissermaßen historisierte Spezialisierung muss so gesehen werden, als dass sich hier etwas frei gemacht wird von der Analyse der ökonomischen Dynamik, während die politischen Beiträge in anderen Bereichen einen Wert des Unbestreitbaren erlangen. Während die Marxist/innen sich also, und in einigen Fällen auf sehr gute Weise, der Kritik der kapitalistischen Dynamik verpflichtet haben, hat sich der Anarchismus eher in konstruktiven Aspekten zentriert. Dass hat dazu geführt, dass hinsichtlich der Beiträge in der kritischen Ökonomie die anarchistischen Lösungsvorschläge als „utopisch“ oder einfach verfehlt angesehen wurden, weil die Debatte nun einmal in der Kritik und Analyse des Kapitalismus steckte. Gleichzeitig hat sich der Anarchismus aber sehr viel besser bezüglich philosophischer und soziologischer Aspekte entwickelt, so dass sich viele neomarxistische Strömungen der 60’er gewisse anarchistische Ansätze aneigneten, wie etwa die anarchistische Kritik der Macht, der Autorität, die Infragestellung des Staatsbürgertums etc. In diesem Sinn begannen die sozialen Bewegungen seit den 60’ern unsere Perspektiven zurückzuholen, und die Selbstverwaltung nahm ihre zentrale Stellung als politisches Projektil wieder ein. Dass ist es, was Phillipe Oyhamburu dazu bewegte, von der »Revanche Bakunins« in dem berühmten von España Campo Abierto herausgegebenen Buch zu sprechen. Darüber hinaus hat der Anarchismus im Feld der Ökonomie mehr und besser als der Marxismus im Bereich des Praktischen agiert, ebenso in Syndikaten wie in Kooperativen, daher fundierter eine Alternative der Transformation angeboten, genauso wie bessere Handlungsmöglichkeiten für die Schaffung einer Gesellschaft ohne Klassen. Wie etwa die, die aus dem Manifest der Spanischen Revolution von 1936 gezogen werden können. In diesem Fall sind die marxistischen Autoren, inklusive der Alternativen, gewöhnlich in der Defensive, wie auch die Märchenerzähler bzw. Autoren des ehemaligen Jugoslawien und ihre Nachfolger. Das alles führt dazu, dass es uns doch sehr schwer fällt zu sagen, es gäbe einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Marxismus im Terrain der Ökonomie. Vielleicht ist es korrekter von gewissen Zusatzlösungen im Feld der Untersuchung zu sprechen.


ALB Noticia: Hat sich der Marxismus innerhalb der anarchistischen ökonomischen Theorie nutzbar machen lassen?

ICEA: Ohne Zweifel: Ja. Es ist äußerst bekannt, dass Bakunin angefangen hatte, Das Kapital ins Russische zu übersetzten, und das Malatesta seiner Zeit kommentiert hatte, dass das, was die Anarchisten über die Ökonomie schreiben, vom Marxismus befruchtet ist. Die Position von Carlo Cafiero in Das Kapital in Reichweite aller ist ebenfalls ein gutes Beispiel. Zu einem gewissen Maß basiert die gesamte antikapitalistische Analyse der Ökonomie auf Marx, einschließlich der anarchistischen, natürlich. Es ist allerdings so, dass die marxistische Kritik gut ist, nur einige dogmatische Positionen ihre Anwendung verdrängen. Eine andere Sache ist die, dass die exklusive Verwendung der ökonomischen Analyse von Marx unmittelbar zur Übernahme seiner politischen Vorstellung führt (etwa seiner Praxis während der 1. Internationalen, um nur ein Beispiel zu nennen), oder noch schlimmer, die einiger seiner Nachfolger. Doch das ist es nun mal, dass das eine nicht zum anderen passt.

Wie gesagt, das ökonomische Denken des Marxismus und Neomarxismus ist das vielleicht am weitesten und besten entwickelte, um das kapitalistische System zu analysieren. In all seinen Formen ist es notwendig abzustufen und Klarheit darüber zu haben, dass der Marxismus nicht spontan auf den Plan tritt, dass sein Gebiet die korrekte Analyse des kapitalistischen Systems in der jeweiligen historischen Etappe ist, innerhalb derer es sehr unterschiedliche interessante Autor/innen und Strömungen gibt, sowohl zeitgenössische als auch vergangene. Wir können zum Beispiel zwei Konzepte nehmen, die der Anarchismus genutzt hat, welche die Wertarbeit und der Mehrwert sind. Die Idee der Wertarbeit beginnt vor Marx, konkret mit Adam Smith und danach David Ricardo, und entwickelt sich danach über streng marxistische Autoren wie Rubin oder Neoricardonisten wie Sraffa. Das Selbe passiert mit der Idee des Mehrwerts, damals bei Proudhon und anderen Autoren vor Marx. Auch die Schriften zu Eigentum und Staat in der Ökonomie, eine fundamental wichtige Analyse, hat viel besser Proudhon vor Marx und anderen Marxisten erstellt. Die Anarchist/innen können große Teile des marxistischen Ansatzes benutzten, um die ökonomische Realität zu beschreiben, und so einen Beitrag zur Vollendung einer eigenen ökonomischen Theorie zur Analyse des Kapitalismus leisten.


ALB Noticias: Welches sind die Bezugspunkte, von denen ihr euch etwas für eine libertäre Ökonomie abschneidet?

ICEA: Als AnarchistInnen und Anarchosyndikalist/innen bewegt uns die Praxis vor der Theorie, und so ziehen zu erst die historischen Bezüge unsere Aufmerksamkeit auf sich (die Pariser Kommune, Deutschland 1919, Italien 1920, Spanien 1936- 1939, etc). Im Hinblick auf AutorInnen sind die Bezugspunkte hinsichtlich einer Analyse des Kapitalismus wenige: Proudhon und Hodgskin, oder Cornélissen aufgrund seiner syndikalistischen und libertären Haltung, genauso, wenn es um den Aufbau von Alternativen zum Kapitalismus geht, Kropotkin, Besnard, Gesell, Puente, Abdad de Santillan, Gaston Leval oder Abraham Guillén, und etwas moderner Michael Albert. Abraham Guillén ist ein Bezugspunkt hinsichtlich der Selbstverwaltung wie auch der Bildung, auch wenn wir glauben, dass noch eine gute und definierende Veröffentlichung zu seinen ökonomischen Überlegungen fehlt. Die Debatte um den libertären Kommunismus, die den Positionen von Isaac Puente und Abdad de Santillan auf dem 4. Kongress der CNT entgegengestellt wurde (im Mai 1936) erscheint uns gleichfalls interessant, doch noch interessanter gestaltet sich für uns die Analyse der praktischen Erfahrungen in der revolutionären Phase, die gefundenen Lösungen, die angewandt wurden, und welche davon sich als erfolgreich und welche sich als Fehler herausstellten.


ALB Noticias: Welche Kritik übt ihr am herrschenden Neoliberalismus? Glaubt ihr, dass es der Neoliberalismus war, der uns in die aktuelle Krise geführt hat?

ICEA: Der Neoliberalismus hat es zu verantworten, dass die Krise die Form angenommen hat, die sie ausmacht, keine Frage. Der Prozess der Deregulierung der achtziger und neunziger Jahre, der erfolgte um die in den Siebzigern bemerkenswert gesunkene Rentabilität wieder herzustellen, hat zu dieser Überdimensionalität an finanziellem Kapital geführt, die – einmal mehr – die Stabilität des System ins »Schach« gesetzt hat. Es gab eine Ausrichtung der politischen Ökonomie hin zu einem Frontalangriff auf die Arbeiter/innenklasse, von dem, vor allen anderen, ein Segment der Kapitalistenklasse profitierte: das Finanzielle. Heute allerdings ist es der Kapitalismus, und nicht der Neoliberalismus, der in der Krise ist (ein Neoliberalismus, der wissenschaftlich gesehen niemals aufgehört hat, Kapitalismus zu sein: nur das akademische Mittelmaß und die Mächtigen können rechtfertigen, was sich in den Büchern und Texten, die sie geschrieben haben, ausbreitet). Der Neoliberalismus ist zur konkreten Form geworden, in der sich die politische Ökonomie quasi aller Länder der Welt gestaltet. Aber diese Politik hat keine andere Intention als die historischen Errungenschaften der ArbeiterInnen zurückzuschrauben, damit das Kapital sich neu platzieren kann. Wenn man etwas reformistischere Positionen mit einbezieht, ist es offensichtlich: Wer wird die Produkte, die die Kapitalisten verkaufen, bei diesen Scheißlöhnen konsumieren? Wir wissen alle, dass wir uns in einem ökonomischen kapitalistischen System bewegen, dass auf Ausbeutung, Autorität und der Suche nach Akkumulation und Profit basiert. Dass alles impliziert, dass die kapitalistische Ökonomie per Definition instabil ist, und daher regelmäßig Krisen durchläuft. Wir glauben, dass es wichtig ist, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass in den verarmten Ländern eine permanente Krise des Hungers und der Armut herrscht, und sich diese mit dem Imperialismus hält, unterschiedslos der politischen Form des Neoliberalismus oder der Sozialdemokratie. Das Problem ist der Kapitalismus, nicht der Neoliberalismus.


ALB Noticias: Seit ihr eher auf Seiten des »Die Krise bezahlen die Reichen« oder der ökonomischen Intervention mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln?

ICEA: Wir glauben dass ein »Die Krise bezahlen die Reichen« ohne ökonomische Intervention nicht zu erreichen ist. Abgesehen davon, klar: Die Krise sollen diejenigen zahlen, die sie verursacht haben: die Reichen. So wie alle kapitalistischen Krisen. Dass Problem ist, dass, um sich zu schützen, mit den gleichen Risiken interveniert wird, finanziellen nämlich, und das Resultat ist eine Vergesellschaftlichung der Verluste. Tatsächlich ist das seit immer die Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie, nur im Moment komplett ungeschminkt – das ist der einzige Unterschied. Die aktuelle Krise wird in der Form, die sie annimmt, und der Plumpheit derjenigen, die sie vorantreiben, zu einer offensichtlichen Legitimationskrise der Demokratie gesteigert. Die ökonomischen Krisen bezahlen immer und mehrheitlich die Arbeiter/innen. Der Leiter eines kleinen Unternehmen, der nun dazu gezwungen ist, dieses zu schließen, hat immer noch die Option, als Lohnabhängiger oder Selbstständiger zu arbeiten, im Unterschied zu einem seiner ehemaligen Angestellten, der dem Ruin überlassen wird, der als Ersatz nur die Arbeitslosigkeit hat. Ein größerer Unternehmer hat immer die Option, seine Aktivitäten zu verkaufen, und daher immer eine Matratze, auf der er sich ausruhen kann. Den Arbeiter/innen bleibt lediglich der Ruin und deshalb sind ökonomische Krisen niemals etwas Wünschenswertes.


ALB Noticias: In eurer Vision als Ökonomen: Glaubt ihr, dass das Finanzsystem zerstört werden könnte, oder zumindest zu seinem Genickschuß beigetragen werden kann, in dem man jetzt einfach das Konto überzieht – wie es Enric Durán (ein im Wesentlichen auf Banken konzentrierter Aktivist, Anm. d. Ü.) gemacht hat?

ICEA: Das Finanzsystem erlegt der Vergabe von Krediten schon seit einigen Monaten viele Restriktionen auf, um der Anhäufung von Risiken auszuweichen. Die Option, die Enric Durán gewählt hat, ist ohne Zweifel bewundernswert aufgrund der persönlichen Kosten, die er auf sich nimmt, und weil er einen für alle interessanten Gegenstand in das Zentrum der Debatte gebracht hat (auch wenn die wirtschaftliche Krise dieser nur das dritte oder vierte Feld überlässt …). Das Problem aber ist, dass es sich hier um eine individuelle Option handelt, die niemals gesellschaftlich sein kann. Es steht keine für einen Todes-Stoß gegen das Finanzsystem ausreichende Mehrheit zur Verfügung, die sich dafür entscheidet, durch dass Land zu marschieren und das alles mitzumachen. Wie auch immer es laufen würde, in dem Moment, in dem die Aktion anfängt aufzufallen (und der Regulator, die Banco de España, würde die Anhäufung von Einschränkungen in den Banken bemerken) würden Maßnahmen ergriffen werden, welche immer zum Nutzen der Banken laufen würden (was in Wirklichkeit die Aufgabe der Banco de España ist: Die Vorteile des Sektors sichern, auch wenn sie es pompöser und technischer ausgedrückt in andere Worte packen). So bleibt uns der Zweifel, was passieren würde, wenn Enric mehrere hunderttausende Personen überzeugen würde, es ihm gleich zu tun (welch kleine Aufgabe!), gleichzeitig an verschiedenen Punkten im Land, und noch besser, den Überraschungsfaktor hinzugerechnet (mit dem wir schon einmal nicht rechnen), ob dass dem Finanzsystem irgendeinen Schaden zufügt, abgesehen von kleinen Banken und Sparkassen, die von solchen Einschränkungen mehr betroffen sind. Das ökonomische kapitalistische System ist in sich selbst zerbrechlich, doch seit dem der so genannte Prozess der »Finanzisierung« begann, also ein Prozess der Überdimensionalität und Hypertrophie des Finanzsystems, hat sich diese Zerbrechlichkeit noch vergrößert. Das impliziert ein hohes Maß an Instabilität für die Ökonomien, aufgrund des Volumens der Geldströme und der Schnelligkeit, mit der sie sich bewegen, was eine Zeitverzögerung bei der produktiven Wirtschaft auslöst. Die gesamte finanzielle Ingenieurswissenschaft, die finanzielle Produkte und Subprodukte kreiert, befördert diese Blase. Die prinzipielle Frage, die immer mitschwingt, ist die folgende: Wenn es uns gelingen würde, das Finanzsystem zu ruinieren, und so den Kollaps des Kapitalismus herbei zu führen, hätten wir dann die Kapazitäten, eine fähige sozioökonomische Alternative zu entwerfen und zu errichten? Die Krise zu verstärken, ohne einen alternativen Plan für die Bevölkerung zu haben, ist keine gute Idee. Wir glauben nicht an das maoistische Credo »je schlechter desto besser«.


ALB Noticias: Was würde die libertäre Ökonomie als Lösung vorschlagen, um diese kapitalistischen Krisen zu überwinden?

ICEA: Die Krisen sind für den Kapitalismus konstituierend. Als Anarchosyndikalist/innen glauben wir, dass die Einstellung eine zweifache sein sollte: Zuerst einmal Widerstand gegen die Angriffe des Kapitals und Verteidigung der zuvor genannten historischen Errungenschaften (wie etwa des öffentlichen Gesundheitswesen, um nicht allzu weit zu gehen), aber als Zweites, und das ist das Wichtigste, ohne dabei eine antikapitalistische und libertäre Perspektive zu verlieren: Nur eine ausreichend stark organisierte Bewegung wird genug Druck ausüben können, um z.B. zu beanspruchen, dass die bankrotten Unternehmen in die Hände der Arbeiter/innen überführt werden, welche sie in Selbstverwaltung organisieren. Und dass die Unternehmen für ihre Maßnahmen und die Verluste in die Pflicht genommen werden, inklusive ihres privaten Vermögens. Es ist nicht hinnehmbar, dass der Staat, mit dem Geld der Arbeiter/innen, die den Staat mehrheitlich finanzieren, zur Rettung dieser Unternehmen herbeigeeilt kommt, während diejenigen, die zu dem Bankrott beigetragen haben, auf ein Vermögen zählen können, welches, gut verteilt, sehr viel sozialen Reichtum generieren könnte. So könnten wir kurzfristig einen Mechanismus implementieren, der die Vermehrung der Arbeitslosigkeit verhindert, was den Arbeiter/innen mehr Kraft zur Durchsetzung weiterer Forderungen bringen würde. Der Kampf und die Mobilisierung sind unsere einzigen Waffen um zu verhindern, dass der Krise eine weitere Verschlechterung von dem, wo wir schon sind, folgt, und um vor allem um eine grundlegende Transformation des Systems einzuleiten, unter dem wir leiden.

Als organisierte Arbeiter/innen müssen wir vor allen anderen Dingen durchsetzten, dass diejenigen die Wirtschaftskrise bezahlen, die sie verursacht haben. Dass vor allem die großen Finanzunternehmen, nationale und internationale, angebracht politisch bezahlen. So glauben wir, dass es Vorschläge gibt, die in drei Gruppen klassifiziert werden können: Reformistische, Progressive und Progressiv-Revolutionäre. Das reformistische Mittel würde sich so gestalten, als dass der Staat ins »Schach« gesetzt wird, um so Maßnahmen durchsetzen zu können, die nach den vielen Jahren gegen die Arbeiter/ innen nun zu ihrem Vorteil sind. Offensichtlich ist es unsere Meinung, dass mit solch einem staatlichen Ansatz hauptsächlich die Interessen der Unternehmen beibehalten werden. Ein Beispiel für reformistische Führung von Unternehmens- und Reichensteuern, genauso wie die Erhöhung des Mindestlohnes und Zuschüsse zum Arbeitslosengeld. Der progressive Weg würde mit der Einläutung der Anarchosyndikalisierung der Wirtschaft einhergehen, also der Übernahme der Macht durch revolutionäre Gewerkschaften in konkreten Bereichen. Ein Beispiel für progressive Maßnahmen wäre die Auflösung der Zeitarbeitsfirmen, und ihre Ersetzung durch von den klasseneigenen Gewerkschaften kontrollierte Jobbörsen. Der progressiv-revolutionäre Weg schließlich läuft darauf hinaus, die ökonomische und soziale Führungsgewalt in den Händen der Kapitalisten und des Staates zu beseitigen, und sie den Arbeiter/ innen und der Gesellschaft zu übergeben. Dieser Typus der Möglichkeiten geht von der Besetzung und Selbstverwaltung von Unternehmen vor ihrer Schließung aus, oder der Inbesitznahme von nicht kultiviertem Land durch die Gewerkschaften der LandarbeiterInnen. An dieser Stelle muss sich bewusst gemacht werden, dass die einzige Form, mit der Ausbeutung, den sozialen Klassen und den ökonomischen Krisen Schluss zu machen die ist, mit dem Kapitalismus Schluss zu machen. Alle Maßnahmen müssen konstant sein und dürfen nie das letztendliche Ziel aus dem Blick verlieren, den Kapitalismus durch ein ökonomisches System zu ersetzten, das auf der sozialen und Arbeiterselbstverwaltung basiert. Auf die vorherige Klarstellung bezogen, wollen wir uns trotzdem so verstanden wissen, dass diese drei Typen der Maßnahmen auf ihre Umsetzung drängen, um die aktuelle Krise zu lösen, um zu verhindern, dass sie nicht noch weiter die Arbeiter/innen trifft. Auf diese Aspekte gehen wir in unserer nächsten Veröffentlichung der ICEA Broschüren detaillierter ein, in der wir die Wirtschaftskrise und mögliche Lösungen behandeln.


ALB Noticias: Was fehlt, damit die Arbeiter/innen die Wirtschaft selbst verwalten können? Wäre hier und jetzt möglich?

ICEA: Wir glauben, auf der Ebene der Unternehmen, ja. Niemand kann die Fabriken besser führen als diejenigen, die in ihnen arbeiten, welche diejenigen sind, die den größten Einsatz für die Kontinuität ihres Arbeitsplatzes erbringen. Ohne Zweifel, wenn die Fabriken von den Aktionären (ihren Wirtsleuten) geleitet werden, werden sich die Bemühungen den Bedürfnissen der Aktien unterordnen, was in einem Anstieg der Prekarität und einigen schlechten Bedingungen resultiert (und wie ersichtlich ist, weiterer Instabilität bis zur Errichtung des richtigen Systems…). Auf einem allgemeinen wirtschaftlichen Niveau muss alles Stück für Stück gehen. Aber gerade die Übernahme der Fabriken in der Krise ist eine große revolutionäre Ausübung, und so hat auch die Revolution von 1936 angefangen. Walter L. Bernecker hat immer betont, dass dies der prinzipielle Unterschied zwischen der spanischen Selbstverwaltung und den deutschen Räten in der Revolution 1918 ist, und deshalb sollte hier noch viel weiter gegangen werden. In diesem Zusammenhang ist es heut noch nicht genauso möglich, weil zuvor eine Untersuchung und Verbreitung der Modelle der ökonomischen Selbstverwaltung vorgenommen werden muss, damit sie anwendbar, bekannt und ausgearbeitet wird. Das ist eins der Ziele, die uns zur Gründung des ICEA bewogen, und in dieser Hinsicht hoffen wir eine signifikante Rolle zu spielen: es gibt viel zu tun, ja, aber dazu sind wir da. Etwas anderes ist die Frage, auf die schon viele libertäre Autor/innen hingewiesen haben, ob wir alle Unternehmen selbst verwalten wollen. Wir müssen genauso das Produktionsmodell in Frage stellen, sowohl hinsichtlich des Energieverbrauchs, wie auch der Produktivität. Auf diese Weise könnte, vor allem in Metropolen wie Madrid oder Barcelona, die Fülle der Firmen bis hin in den produktiven Sektor verschwinden. Auf der anderen Seite müssen wir darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, der Konzentration der Population in den Metropolen und großen Städten, mit all den Folgen nicht nur für die Umwelt, sondern auch den sozioökonomischen, politischen und denen für die Lebensqualität, aus einem anarchistischen und humanen Blickwinkel nicht sozial einen landwirtschaftlichen Prozess entgegensetzen sollten. Aus einer anderen Perspektive, fundamentaler noch vielleicht, würde es die Möglichkeit zur Selbstverwaltung der Ökonomie geben, wenn eine anarchosyndikalistische Organisation massive Beitritte hätte, denn sie würde einen Fortschritt in genau diese revolutionäre Ausübung voraussetzen. Es wäre notwendig, eine starke anarchosyndikalistische Präsenz in den ausschlaggebenden ökonomischen Sektoren zu haben, genauso wie in der Mehrheit des öffentlichen Dienstes, welche heute alle von den offiziellen und paktierenden Gewerkschaften besetzt sind. So lässt sich folgern, da wir nicht in dieser Situation sind, es uns deshalb nicht möglich erscheint, die Selbstverwaltung ohne diese Vorraussetzungen zu verwirklichen. Um die Ökonomie selbst zu verwalten ist es unumgänglich, präsent zu sein und die Selbstorganisation der Arbeiter/innen voranzutreiben, bis die Unternehmen durch die gewerkschaftlichen Maßnahmen auf das Maß einer Föderation implodieren, sowohl auf sektoraler wie territorialer Ebene. Das impliziert genauso einen Wechsel in der Mentalität und eine kulturelle Entwicklung zwischen den Arbeiter/innen, in ökonomischen wie auch sozialen Werten. Nur in dieser Aufstellung lässt sich eine soziale Planbarkeit der Ökonomie durchführen, von und für die Arbeiterklasse. Der Anarchismus und die durch ihn ermöglichte libertäre Ökonomie sind Prozesse, die sich nicht von einem auf den anderen Tag entwickeln, sondern Jahre der Praxis erfordern. Um sich entwickeln zu können, muss sie in den sich heute bildenden Formen enthalten sein, als Keimzelle der zukünftigen Gesellschaft. Letztendlich glauben wir, dass die »Selbstverwaltung von oben«, vom Staat aus, wie im jugoslawischen oder dem aktuellen venezolanischen Modell in Wirklichkeit Modelle der Selbstausbeutung sind, da sich gezeigt hat dass dort nicht die Probleme gelöst werden konnten, die der Erreichung einer Gesellschaft ohne Klassen und einer ausbeuterischen Wirtschaftsform entgegenstehen.

Übersetzung: Marcus (Kiel)

Aus: BARRIKADE, Nr.2 - Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2010/03/02/interview-mit-dem-anarchosyndikalistischen-institut-fur-wirtschaftswissenschaft-und-selbstverwaltung-icea


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS