Wayne Price - Was ist anarchistischer Kommunismus?

Die widersprüchlichen Bedeutungen von Kommunismus

Die widersprüchlichen Bedeutungen von „Kommunismus”: sowohl eine Gesellschaft basierend auf Freiheit als auch eine basierend auf Totalitarismus. Was Bakunin, Kropotkin und Marx mit Kommunismus meinten und wie dieser Begriff von den LeninistInnen verändert wurde.

Es gab eine Vision, “Kommunismus” genannt, die von Kropotkin und anderen anarchistischen KommunistInnen (oder Anarcho-KommunistInnen) im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertreten wurde. Marx und Engels teilten im Wesentlichen das gleiche Ziel. In der staatenlosen, klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus, würden sich die Produktionsmittel in den Händen der Gemeinschaft befinden, Arbeit würde aufgrund sozialer Motive anstelle von Löhnen verrichtet werden und Konsumgüterindustrie würden für alle nach deren Bedürfnissen zur Verfügung gestellt werden.

Aber während des Kalten Krieges fing der Begriff “Kommunismus” an etwas ganz anderes zu bedeuten. Große Nationen wurden von selbsternannten Kommunistischen Parteien beherrscht. Ihre Volkswirtschaften wurden von totalitären Staaten gemanagt, ihre machtlosen ArbeiterInnen produzierten Waren für den internen und internationalen Markt und sie arbeiteten für Löhne (das heißt, sie verkauften ihre Arbeitskraft als Waren an ihre Chefs).

In dieser Ära waren “KommunistInnen” vor allem Menschen, die diese Art von staatskapitalistischer Tyrannei unterstützten. Dazu gehörten Pro-Moskau Kommunistische Parteien, MaoistInnen, andere StalinistInnen und die meisten Trotzkisten. Sie nannten sich selbst “KommunistInnen”, und das taten auch die meisten ihrer GegnerInnen. Auf der anderen Seite waren “Anti-KommunistInnen” nicht nur jene, die gegen solche Regime waren, sondern auch jene, welche den westlichen Imperialismus unterstützten - eine Gruppe die von Liberalen bis zu gestörten FaschistInnen reichte. Zur gleichen Zeit denunzierten die Pro-Moskau Richtungen libertäre SozialistInnen als “anti-kommunistisch” und als “anti-Sowjetisch”. Einige Menschen fingen an sich “Anti-Anti-KommunistInnen” zu nennen, um zu sagen, dass sie nicht den KommunistInnen zustimmen, aber auch gegen die Hexenjagd unter McCarthy waren.

Jetzt leben wir in einer neuen Zeit. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, mit der regierenden Kommunistischen Partei. Es stimmt, solche Staaten gibt es noch immer, mit Veränderungen, in China, Kuba und anderswo. Leider sind viele Menschen von ihnen begeistert. Aber insgesamt hat die Zahl und das Gewicht der kommunistischen Parteien abgenommen. Im Gegensatz dazu hat ein Aufschwung der Zahl der Menschen, die sich mit Anarchismus identifizieren, stattgefunden, der Großteil in der anarchistisch kommunistischen Tradition. Andere Leute bleiben beeindruckt von Marx, aber schauen sich libertäre und humanistische Interpretationen seiner Arbeit an. Wie sollen wir dann den Begriff “Kommunismus” heute verwenden? Hat er die gleiche Bedeutung wie in früheren Zeiten? Ich werde im folgenden die Geschichte des Begriffs und seine Bedeutungen untersuchen.

Die Gründer der anarchistischen Bewegung, Proudhon und Bakunin, nannten sich “Sozialisten” aber denunzierten den Begriff “Kommunismus”. Eine typische Erklärung von Proudhon ist, dass der Kommunismus ein “diktatorisches, autoritäres, doktrinäres System [ist, welches] mit dem Axiom beginnt, dass das Individuum … der Kollektivität unterstellt ist; der Bürger gehört dem Staat… “(zitiert in Buber, 1958, S. 30-31). Bakunin schrieb: “Ich hasse Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist…. Ich bin kein Kommunist, weil der Kommunismus … notwendigerweise mit der Konzentration des Eigentums in den Händen des Staates endet” (zitiert in Leier, 2006, S. 191). Proudhon nannte sich selbst eine “Mutualisten”; Bakunin nannte sich einen “Kollektivisten”.

Wenn wir an ein Kloster oder an eine Armee denken (wo alle Soldaten ihre Nahrung, Kleidung und Wohnraum erhalten), ist es einfach, zu sehen, wie man sich “Kommunismus” (einer Art) als unvereinbar mit Demokratie, Freiheit und Gleichheit vorstellen kann. In seinen frühen Schriften verurteilte Marx das Programm des “rohen Kommunismus”, in dem “die Gemeinschaft nur eine Gemeinschaft der Arbeit und der gleichen Löhne ist, die von der Gemeinschaft … als universelle Kapitalisten ausgezahlt werden” (Marx, 1961, S. 125-126). Marx und Engels hingegen nannten sich Kommunisten, einen Ausdruck, den sie dem nicht eindeutigen Ausdruck “Sozialisten” vorzogen, obwohl sie diesen auch verwendeten. (Allerdings hassten sie besonders den Begriff “Sozialdemokratie”, der von den deutschen MarxistInnen verwendet wurde.)

Marx’ Konzept des Kommunismus ist sehr deutlich in seiner “Kritik des Gothaer Programms” erklärt. Kommunismus wäre “die kooperative Gesellschaft auf der Grundlage des gemeinsamen Besitzes der Produktionsmittel…” (Marx, 1974, S. 345). In “der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft” (S. 347) wird Knappheit und Notwendigkeit für Arbeit bleiben. “Wir haben es hier mit einer kommunistischen Gesellschaft zu tun … wie sie sich aus der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt … noch mit den Geburtsmalen der alten Gesellschaft versehen…” (S. 346). In dieser niedrigen Phase des Kommunismus, spekulierte Marx, würden Einzelpersonen Zertifikate erhalten, welche angeben wie viel Arbeit sie beigetragen haben (abzüglich eines Betrags für den Gemeinschaftsfonds). Mit diesen Zertifikaten können sie sich Konsummittel nehmen, welche die gleiche Menge an Arbeit brauchten; das ist nicht Geld, denn es kann nicht angesammelt werden. Allerdings ist es immer noch ein System der bürgerlichen Rechte und Gleichheit, in der gleiche Einheiten von Arbeit ausgetauscht werden. Angesichts der Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Bedürfnisse haben, resultiert diese Gleichheit in einem gewissen Maß an Ungleichheit.

Marx schrieb: “In einem fortgeschritteneren Stadium der kommunistischen Gesellschaft, wenn die versklavende Unterwerfung der Einzelnen unter die Arbeitsteilung und damit die Antithese zwischen der geistigen und körperlichen Arbeit, verschwunden sind; wenn Arbeit nicht mehr nur ein Mittel am Leben zu bleiben ist, sondern zu einer wichtigen Notwendigkeit wurde; wenn die rundum Entwicklung der Einzelnen ebenfalls ihre produktiven Kräfte gesteigert hat und alle Quellen von kooperativem Reichtum reichlicher fließen - erst dann kann die Gesellschaft ganz den engen Horizont des bürgerlichen Rechts überqueren und über ihre Banner schreiben: Von jedem entsprechend seiner Fähigkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse!”(S. 347)

(Aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind, benannte Lenin Marx’ “erste Phase der kommunistischen Gesellschaft” Sozialismus und das “weiter fortgeschrittene Stadium der kommunistischen Gesellschaft” Kommunismus. Die meisten Linken folgten dieser verwirrenden Nutzung.)

Trotz seiner Ablehnung des Begriffs Kommunismus vertrat Bakunin auch eine zweistufige Entwicklung der Wirtschaft nach der Revolution, im Sinne seines engen Freundes James Guillame. Guillame schrieb im Jahr 1874 einen Essay, in dem er Bakunin´s Sichtweise zusammenfasste. “Wir sollten … von dem Grundsatz geleitet werden: Von jedem entsprechend seiner Fähigkeiten, für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse. Wenn, dank des Fortschrittes der Wissenschaft und Landwirtschaft, die Produktion den Verbrauch überholt, und dies wird einige Jahre nach der Revolution erreicht, wird es nicht mehr erforderlich sein, geizig den Anteil der einzelnen Arbeitnehmer an der Ware zu verteilen. Jeder wird sich was er benötigt von der reichlich vorhandenen sozialen Reserve an Waren nehmen…. In der Zwischenzeit wird jede Gemeinde für sich selbst entscheiden, welche Methode der Verteilung der Produkte mit der damit verbundenen Arbeit während der Übergangszeit für sie am besten ist. “(Bakunin, 1980, S. 361-362) Er erwähnt verschiedene alternative Systeme der Vergütung für die Übergangszeit; “… Es wird mit Systemen experimentiert, um zu sehen, wie sie funktionieren” (S. 361).

Die heutigen Vorschläge für Parecon (steht für participatory economics, zu Deutsch “partizipative Ökonomie”), in denen die ArbeitnehmerInnen für die Intensität und Dauer ihrer Arbeit in einer kooperativen Wirtschaft belohnt werden, würden in Bakunin´s oder Marx’ Konzept einer übergehenden, beginnenden Phase einer freien Gesellschaft passen. Aber im Gegensatz zu den VertreterInnen von Parecon, erkannten Marx und Bakunin, dass dies noch sehr begrenzt war. Für Marx als auch Bakunin erfordert voller Kommunismus eine sehr hohe Produktivität und potenziellen Wohlstand, eine Wirtschaft, welche die Idee der Knappheit überwunden hat, wenn es genug Freizeit für die Menschen zur Teilnahme an der Entscheidungsfindung gibt, bei der Arbeit und in der Gemeinschaft, die Unterscheidung zwischen BefehlsgeberInnen und BefehlsnehmerInnen zu beenden. Doch weder Marx noch Bakunin beschriebenen einen sozialen Mechanismus für den Übergang von einer Phase zur anderen.

Kropotkin lehnte den zweistufigen Ansatz der MarxistInnen und der anarchistischen KollektivistInnen ab. Stattdessen schlug er vor, dass eine revolutionäre Gesellschaft “sich sofort in eine kommunistische Gesellschaft verwandeln” (1975, S. 98) sollte, das heißt, sofort in das was Marx als die “fortgeschrittenere”, abgeschlossene Phase des Kommunismus gesehen hatte. Kropotkin und diejenigen, die mit ihm übereinstimmten, nannten sich “Anarchistische KommunistInnen” („Anarcho-KommunistInnen” oder auch “kommunistische AnarchistInnen”), obwohl sie sich selbst weiterhin als Teil der breiteren sozialistischen Bewegung betrachteten.

Es war nicht möglich, argumentierte Kropotkin, eine Wirtschaft zu organisieren, die teilweise auf kapitalistischen Prinzipien und teilweise auf kommunistischen Prinzipien beruht. HerstellerInnen unterschiedlich zu belohnen, je nachdem wie viel Ausbildung sie haben, oder sogar wie hart sie arbeiten, würde die Aufteilung in Klassen wieder aufleben lassen und die Notwendigkeit eines Staat, um dies alles zu überwachen. Auch ist es nicht wirklich möglich zu entscheiden, wie viele Personen zu einem komplexen, kooperativen Produktionssystem beigetragen haben, um sie gemäß ihrer Arbeit zu belohnen.

Stattdessen schlug Kropotkin vor, dass sich eine große Stadt, während der Revolution, “auf der Grundlage des freien Kommunismus organisieren könnte; die Stadt garantiert für jeden Einwohner Wohnung, Nahrung und Kleidung…… im Austausch für … fünf Stunden Arbeit; und … alle Dinge, die als Luxus betrachtet werden können, können von jedem erlangt werden, wenn er sich für die andere Hälfte des Tages allen Arten von freien Verbänden anschließt….”(S. 118-119) Dies würde die Integration der Landwirtschaft mit industrieller Arbeit, und die körperliche mit geistiger Arbeit voraussetzen. Es blieb ein Element des Zwangs in Kropotkin´s Vorschlag. Vermutlich würden gut gebaute (gesunde) Erwachsene, die nicht fünf Stunden Arbeit beitragen würden, nicht das “garantierte” Minimum bekommen.

Anarchistischer Kommunismus wurde die dominante Strömung unter AnarchistInnen, so dass es selten wurde AnarchistInnen (mit Ausnahme der individualistischen AnarchistInnen) zu finden, die Kommunismus nicht akzeptieren, egal welche anderen Meinungsverschiedenheiten sie untereinander hatten. Mittlerweile nannten sich die MarxistInnen schon seit langem SozialdemokratInnen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach befürworteten die wichtigsten sozialdemokratischen Parteien den kapitalistischen Krieg. Lenin forderte den revolutionären Flügel der internationalen Sozialdemokratie auf, sich von den VerräterInnen zu spalten und SozialistInnen zu werden. Als Teil dessen forderte er, dass seine bolschewistische Partei und ähnliche Parteien sich Kommunistische Parteien nennen, auf Marx zurückgehend. Einige seiner AnhängerInnen beschwerten sich, dass dies die ArbeiterInnen verwirren würde, dass die Bolschewiken wie die Anarcho-KommunistInnen klingen würden. Lenin erklärte, dass es wichtiger sei, nicht mit den reformistischen SozialdemokratInnen verwechselt zu werden. Lenin setzte sich durch (wie üblicherweise in seiner Partei). Die MarxistInnen nahmen sich den Begriff “Kommunismus” zurück. Mit der Ausnahme der russischen Revolution wandten sich die meisten revolutionär gesinnten Menschen an die LeninistInnen; die AnarchistInnen wurden zunehmend marginalisiert. Der Begriff “Kommunismus” wurde vor allem das Label für LeninistInnen.

Es geht nicht um die Bezeichnung, sondern um den Inhalt

Wir haben das industrielle Potenzial zu vollständigen Kommunismus, aber es gibt nach wie vor Schwierigkeiten, wie zum Beispiel die Notwendigkeit Technologie zu reorganisieren und die so genannte “Dritte Welt” entsprechend zu industrialisieren. Dies wirft die Frage der Notwendigkeit einer Art Phasengleichheit des Kommunismus auf.

Im Laufe des Jahrhunderts seitdem Kropotkin und Marx über Kommunismus geschrieben haben, gab es eine enorme Steigerung der Produktivität. Jahrtausende lang mussten zwischen 95 und 98% der Menschheit in die Herstellung von Lebensmitteln miteinbezogen werden. Heute sind die Verhältnisse umgekehrt, in den Vereinigten Staaten arbeiten nur 2 bis 3% in der Landwirtschaft. Es wird argumentiert, dass wir mit den automatisierten Fabriken ein bequemes Leben für alle produzieren könnten. Mehr Menschen würden freiwillig arbeiten als es nötigwendige Arbeitsplätze gäbe. Eine industrialisierte und kooperative, demokratisch geplante Wirtschaft könnte viel Freizeit für alle bieten. Dies ist von wesentlicher Bedeutung für jede Gesellschaft, die auf der Grundlage einer Basisdemokratie basiert. In allen bisherigen Revolutionen gingen die Massen wieder zu ihrem Alltag zurück, sobald die Umwälzungen vorbei waren, während nur wenige die Zeit hatten, die Dinge am Laufen zu halten. Wenn alle Freizeit hätten, dann wären alle frei, ihre Gemeinden, Baustellen, und die Gesellschaft als Ganzes selbst zu verwalten.

Kurzum, es gibt alle technologischen Voraussetzungen für vollständigen, libertären, Kommunismus, was Marx als die “höhere Phase des Kommunismus” bezeichnete. Deshalb argumentierten einige, dass es möglich ist, sofort zum vollständigen Kommunismus überzugehen, sobald die sozialen und politischen Bedingungen erfüllt seien. Ich allerdings glaube nicht, dass dies wahr ist.

Erstens ist die produktive Technologie, die wir haben, eine Technologie, die aus dem Kapitalismus für den Kapitalismus entstanden ist. Sie ist nur “produktiv” im Hinblick auf die Erreichung der kapitalistischen Ziele, das heißt, auf die Akkumulation von Kapital. Mit anderen Worten, sie ist enorm verschwenderisch und zerstörerisch, verschmutzt die Umwelt, rottet natürliche Arten aus, verbraucht nicht-erneuerbare Ressourcen, lagert nukleare Bomben und verursacht globale Erwärmung. In menschlicher Hinsicht wurde sie bewusst entwickelt, um ArbeiterInnen zu unterdrücken, uns vom Denken abzuhalten und soziale Hierarchien aufrecht zu erhalten. Nach einer Revolution würden die ArbeiterInnen diese industrielle Technologie völlig zu überholen beginnen, sie nachhaltig zu machen und die Trennung zwischen Auftrag-GeberInnen und Auftrag-NehmerInnen zu beenden. Wir würden eine neue Technologie entwickeln, welche “produktiv” menschliche Kreativität und ökologische Harmonie fördert.

Die Notwendigkeit einer verstärkten weltweiten Produktion

Auch wenn Nordamerika, Westeuropa, Japan und einige andere Orte viel moderne Technologien haben, trifft dies nicht auf den Großteil der Welt zu. Die so genannte Dritte Welt ist zur Zeit unterindustrialisiert oder ungleichmäßig industrialisiert. Diese verarmten und ausgebeuteten Länder verfügen nicht über den notwendigen Reichtum oder die Industrie, um auch nur die untere Phase des Kommunismus (von Lenin als die Phase des Sozialismus bezeichnet) zu erreichen, geschweige denn vollständigen Kommunismus. Die ArbeiterInnen und Bauern/Bäurinnen sind in der Lage, in ihren Ländern an die Macht zu gelangen und ein System von Betriebsräten und Volksversammlungen einzuführen. Um ihren Weg zum Kommunismus jedoch zu festigen, müssten sie Revolutionen in den industrialisierten, imperialistischen Nationen entfachen, damit sie Hilfe erhalten.

Ich stimme einigen RätekommunistInnen und anderen MarxistInnen nicht zu, wenn sie behaupten, dass die unterdrückten Nationen nur bourgeoise Revolutionen beginnen können. Im Gegenteil, die ArbeiterInnen und Bauern/Bäurinnen dieser Staaten können die nationale Bourgeoisie stürzen und danach die Revolution auf die industrialisierten Länder verbreiten, was ihnen helfen wird, sich in Richtung Kommunismus zu entwickeln. Diese Sichtweise ist gegen Stalin’s Konzept, Sozialismus in einem Land zu errichten. Es wird viel Hilfe aus den industrialisierten Teilen der Erde erforderlich sein, um Afrika, Asien und Lateinamerika in einer humanen, demokratischen und ökologisch ausgewogenen Weise zu entwickeln.

Wenn also gesagt wird, dass es alle technologischen Voraussetzungen für vollständigen Kommunismus gibt, ist dies sicherlich richtig, aber nur potenziell. Die Menschheit hat das technische Wissen und die Fähigkeiten, die notwendig sind, um eine Welt des Wohlstands aller zu errichten, mit Freizeit für alle, in Harmonie mit der Umwelt, aber es wird viel Arbeit erfordern, diese Welt nach einer Revolution zu erschaffen.

Phasen des Kommunismus

Aus diesen Gründen haben libertäre KommunistInnen den Wechsel zu einer vollständig kommunistischen Gesellschaft oft als einen Prozess präsentiert, der nach der Revolution in Phasen aufgeteilt ist. Marx schlug eine höhere und untere Phase des Kommunismus vor. Bakunin implizierte das gleiche. Sogar Kropotkin schlug eine Art Aufteilung in Phasen zu vollem Kommunismus vor. Unmittelbar nach einer Revolution, deutete Kropotkin an, würden leistungs- und erwerbsfähige Erwachsene einen halben Tag arbeiten (5 Stunden) müssen, um eine ausreichende Menge von Nahrung, Kleidung und Obdach zu erhalten. Die meisten Güter würden immer noch knapp sein und müssten von der Gemeinde rationiert werden. Im Laufe der Zeit, in der sich die Produktivität verbessert, würde sich die Wirtschaft zu vollständigem Kommunismus entwickeln. Die meisten Güter wären in ausreichender Zahl verfügbar und die Menschen könnten sich diese frei aus den Regalen des Gemeindelagers nehmen. Arbeit würde aufgrund des sozialen Gewissens getan werden und dem Wunsch, aktiv zu bleiben. Aber das wäre nicht sofort möglich.

Es gibt einen weiteren Faktor. Eine Revolution wird wahrscheinlich durch eine vereinigte Front anti-kapitalistischer politischer Gruppierungen ausgeführt werden. Nordamerika oder Europa, zum Beispiel, sind so groß und komplex, dass keine einzelne revolutionäre Organisation alle besten Ideen und alle besten AktivistInnen haben wird. Sie werden zusammen arbeiten müssen. Einige werden Anarcho-KommunistInnen sein, andere nicht. Abgesehen von durch und durch autoritären StaatskommunistInnen, werden wir wahrscheinlich in einer Koalition mit anderen, nicht kommunistischen AnarchistInnen, revolutionär-demokratischen SozialistInnen, verschiedenen Arten von Grünen und so weiter sein. Wir können nicht alle diese Menschen dazu zwingen, unter anarchistischem Kommunismus zu leben. Obligatorischer libertärer Kommunismus ist ein Widerspruch in sich! Die Mehrheit einer Region kann sich entscheiden, unter anarchistischem Kommunismus zu leben, während eine benachbarte Region beschließt, nach Prinzipien von Parecon (“partizipativer Ökonomie”) zu leben. So lange ArbeiterInnen nicht ausgebeutet werden, werden die Anarcho-KommunistInnen keinen Bürgerkrieg innerhalb der Revolution starten. In einer experimentellen Art und Weise, können verschiedene Ansätze in verschiedenen Regionen ausprobiert werden, und wir werden voneinander lernen.

Malatesta (1984) schrieb, “Auferlegter Kommunismus wäre die am meisten verabscheuungswürdige Tyrannei, die der menschliche Verstand begreifen könnte. Und freier und freiwillig Kommunismus ist ironisch, wenn man nicht das Recht und die Möglichkeit hat in verschiedenen Regimen zu leben, kollektivistisch, mutualistisch, individualistisch - je nachdem wie man es sich wünscht, immer unter der Bedingung, dass es keine Unterdrückung oder Ausbeutung anderer gibt”(S. 103 ). Er erwartete, dass eine Art von anarchistischem Kommunismus schlussendlich gewinnen würde, aber war der Ansicht, dass die Erreichung dessen überall möglicherweise einige Zeit in Anspruch nehmen würde.

Sollen wir uns KommunistInnen nennen?

Aufgrund von moderner Technik ist anarchistischer Kommunismus ein praktisches Ziel, unabhängig davon, ob wir durch verschiedene Phasen oder Kompromisse müssen. Dies beantwortet jedoch nicht die Frage: Sollen wir uns KommunistInnen nennen? Immerhin sind wir ja GegnerInnen jedes kommunistischen Staates, der besteht oder bestanden hat, und jeder Kommunistischen Partei. Dennoch können wir uns nicht Anti-KommunistInnen nennen, da dies in der Regel die Unterstützung des westlichen Imperialismus bedeutet, dessen (bestenfalls) begrenzter Demokratie, und dessen Herrschaft einer Minderheitsklasse. Wir sind gegen die Herrschaft dieser Klasse, viel mehr noch als die kommunistischen Parteien. Aber wir unterstützen die Ziele von Kropotkin und Karl Marx einer klassenlosen, staatenlosen Gesellschaft, welche nach dem Prinzip “ Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen” organisiert ist. In diesem Sinne sind wir wirklich authentische KommunistInnen.

Der Mainstream des historischen Anarchismus war anarchistischer Kommunismus. Wir können, und ich glaube wir sollten, uns mit der kommunistischen Tradition des Anarchismus identifizieren, die von Bakunin (als Ziel) zu Kropotkin (als Bezeichnung), zu Malatesta, Goldman und fast allen AnarchistInnen ihrer Zeit reicht. Es gab Konflikte zwischen jenen AnarchistInnen, die sich selbst Anarcho-KommunistInnen nannten und jenen, die sich selbst Anarcho-Syndikalisten nannten, aber sie hatten keine Unterschiede in ihren Prinzipien. Die Anarcho-KommunistInnen hatten Angst, dass die Anarcho-SyndikalistInnen sich in der Gewerkschaftsbewegung (“Syndikalismus”) auflösen würden; die Anarcho-SyndikalistInnen hatten Angst, dass die KommunistInnen die zentrale Bedeutung und Macht der organisierten ArbeiterInnen herunterspielen würden. Allerdings waren sich die Anarcho-KommunistInnen meistens über die Notwendigkeit der Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse einig, vor allem über die Notwendigkeit von Gewerkschaften, während die Anarcho-SyndikalistInnen das Ziel eines libertären Kommunismus teilten.

Unser modernes Einverständnis mit dem historischen Ziel eines anarchistischen Kommunismus getrieben von der ArbeiterInnenklasse sollte mit Sicherheit in unseren Dokumenten und Programmen angeführt werden. Aber sollte es noch mehr in unseren Prospekten und im Namen unserer Organisationen erwähnt werden?

Meine Antwort ist: es kommt darauf an. In einigen Ländern hat das Wort Kommunismus bei den meisten militanten ArbeiterInnen eine positive Konnotation. Dies liegt vor allem an der historischen Selbstaufopferung und dem Kampf von Kommunistischen Parteien, ungeachtet ihrer Schwächen. Offenbar ist dies zum Beispiel in Südafrika der Fall, wo unsere Co-DenkerInnen die Zabalaza Anarcho-Kommunistische Front bildeten.

Aber in anderen Ländern hat Kommunismus eine sehr negative Konnotation. Dies hat nicht nur mit der negativen bourgeoisen Propaganda, sondern auch mit seiner 75 Jahre langen Identifikation mit der totalitären Realität der Sowjetunion zu tun. Jenes Regime nannte sich kommunistisch, wie auch seine Marionetten und Nachahmer in Osteuropa, China, etc. In anderen Ländern waren die KommunistInnen für ihre sklavenartige Anbetung der UdSSR bekannt, für die starke Herrschaft über ihre AnhängerInnen, und für ihren Reformismus. Aufgrund dessen glaube ich, änderte die Anarcho-Kommunistische Föderation (Anarchist Communist Federation) in Großbritannien ihren Namen zu Anarchistischer Föderation (Anarchist Federation). Das irische Workers Solidarity Movement inkludiert offensichtlich nicht das wort Kommunismus in seinem Namen. Aber der Verzicht auf das Wort Kommunismus in unserem Namen bedeutet nicht unbedingt die kommunistische Tradition aufzugeben.

Ich glaube, dass die Vereinigten Staaten in die zweite Kategorie fallen. Das Wort Kommunismus in unseren Namen zu setzen schafft nur unnötige Barrieren zwischen uns und den meisten US-ArbeiterInnen. Es macht es schwierig uns von staatlichen Tendenzen zu unterscheiden, die sich auch als kommunistisch bezeichnen. Deshalb rate ich davon ab, vor allem falls wir jemals einen Nordamerika-weiten Verband bilden.

Der Begriff “Sozialer Anarchismus” wird üblicherweise unter AnarchistInnen verwendet, um uns von IndividualistInnen und “libertären” UnterstützerInnen des Kapitalismus zu unterscheiden. Ich bevorzuge den Begriff “Sozialistische/r AnarchistIn”. Malatesta stimmt zu: “Wir … haben uns immer sozialistische Anarchisten genannt” (S. 143). Sozialist ist ein undeutlicherer Begriff als Kommunist. Für manche bedeutet er Reformismus, weil er viel von SozialdemokratInnen (“demokratischen SozialistInnen”) verwendet wird, sowie von KommunistInnen. Aber zumindest impliziert er nicht totalitären Massenmord, was das eigentliche Problem ist. Die Trotskyisten nannten sich “revolutionäre Sozialisten”, um sich von den Stalinisten zu unterscheiden, und nicht-Trotskyisten haben sich auch als revolutionäre Sozialisten bezeichnet. Generationen lang wurde der Begriff “libertäre/r SozialistIn” auch zur Bezeichnung von AnarchistInnen verwendet.

Meinen Vorzug für “sozialistische/r AnarchistIn” und “libertäre/r SozialistIn” über “Anarcho-KommunistIn” ist meine persönliche Meinung, die möglicherweise eine Minderheitsmeinung innerhalb der US-Anarcho-KommunistInnen ist. In jedem Fall ist es nicht eine Frage des Prinzips. Es ist nicht das Etikett, sondern der Inhalt, der am wichtigsten ist.

Literatur:

  • Bakunin, Michael (1980). Bakunin on Anarchism. (Sam Dolgoff, ed.). Montreal: Black Rose Books.
  • Malatesta, Errico (1984). Errico Malatesta: His life and Ideas (Vernon Richards, ed.). London: Freedom Press.
  • Buber, Martin (1958). Paths in Utopia. Boston: Beacon Hill/Macmillan
  • Kropotkin, Peter (1975). The Essential Kropotkin. (E. Capouya & K. Tomkins, eds.). NY: Liveright.
  • Leier, Mark (2006). Bakunin: A Biography. NY: Thomas Dunne Books/St. Martin’s Press.
  • Marx, Karl (1961). Economic and Philosophical Manuscripts. In Eric Fromm, Marx’s Concept of Man. NY: Frederick Ungar.
  • Marx, Karl (1974). The First International and After; Political writings, vol. III. (David Fernbach, ed.). NY: Vintage Books/Random House.


Originaltext: http://www.solivonunten.org/disko_texte/was_ist_anarchistischer_kommunismus.htm


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