Das A im Halbmond - Anarchismus in der Türkei

Dieser Beitrag stammt aus dem Jahre 1997, einzelne Passagen wie etwa zur PKK entsprechen nicht mehr der aktuellen Situation. Trotzdem ist der Artikel sehr interessant und lesenswert und bietet einen guten Überblick über die Geschichte der anarchistischen Bewegung in der Türkei. Ergänzt wird er durch zwei neuere Beiträge aus den Jahren 2000 und 2003. Die Originalbeiträge wurden rechtschreibmäßig überarbeitet und stammen von der Seite: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a03.html

"Leben einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht" (Nazim Hilmet)

Die Türkei, hauptsächlich auf dem halbinselartigen Kleinasien (Anatolien -- der europäische Teil ist Thrakien) gelegen, ist ein Land der Gegensätze. Die über sechzig Millionen Menschen, die in ihr leben, sind ein buntes Gemisch von Sprachen, Kulturen und Religionen. Dies liegt in der Geschichte der Region und des Osmanischen Reiches begründet, das auf dem Höhepunkt seiner Macht bis weit nach Westeuropa hineinreichte und dort tiefe kulturelle Spuren hinterließ. Eines der Beispiele dafür ist der Alcazar in Spaniens Granada. Während in Westeuropa das römisch-christliche Mittelalter vor sich hin dumpfte, hatten die Mauren das Erbe des Römischen, Griechischen und Persischen Reiches aufgegriffen, und die Wissenschaften blühten. Für ketzerische Anwandlungen solcher Art gab es im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" Folter, Kerker und Scheiterhaufen. Erst die Kreuzritter reimportierten vor 900 Jahren klammheimlich verlorengegangenes und neues Wissen von ihren Morgenlandfahrten, diesen imperialistischen Raub- und Metzgerzügen im Namen der und DES Herren.

Die Hauptstadt des Türkenreiches war das alte Konstantinopel (Byzanz), dessen Verballhornung der Stadt Istanbul ihren heutigen Namen gab. Konstantinopel (die "Stadt Kaiser Konstantins") bzw. Ost-Rom, war die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, die ihren Marmor schon auf die Reste anderer Kulturen getürmt hatte. Hier, an der Durchfahrt zum Schwarzen Meer, verlief einer der wichtigsten Handelswege der alten Welt. Hier endet Europa und beginnt Asien. Diese Gegend war mehr als ein Jahrtausend in ihrem westlichen Teil von den Griechen besiedelt worden, und wurde so ein ständiger Zankapfel zwischen den Persern und ihnen. Schon in der Zeit des 7. bis 6. Jh. vor Christus etablierten sich im östlichen Kleinasien die indogermanischen ArmenierInnen. Sie bildeten eine zunächst schamanische Gesellschaft, die sich mit der Hochkultur der ansässigen Urartäern (biblisches Land Ur) vermischte, um dann eine der ältesten eigenständigen christlichen Kulturen zu werden (zwischen 200 und 300 n.Chr.). Diese wurde nach eineinhalb wechselvollen Jahrtausenden im ersten Weltkrieg von den Türken (und Kurden) durch einen Holocaust vernichtet (1915-18), in dem etwa eineinhalb Millionen christliche und schamanische ArmenierInnen in einem bis dahin beispiellos grausamen Gemetzel ausgelöscht wurden (lies dazu: Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh). Im Gegenzug wurden 1915-18 allerdings 600.000 KurdInnen in Russisch-Armenien ermordet. Aber auch verschiedene Araberstämme, JüdInnen und anatolische Bergvölker, PerserInnen, GeorgierInnen, GriechInnen und KurdInnen etc. gab und gibt es im türkischen Staatsgebiet. Es sollen heute noch um die 35 Sprachgruppen dort vorhanden sein.

Nach dem Zerfall des alten osmanischen Staatsgebietes (Balkankriege 1912/13) vor dem Ersten Weltkrieg (nach der Jungtürkischen Revolution 1908/09, Abschaffung des Sultanats) kam in der Zeit ab 1919-21 der von den "Jungtürken" stark beeinflusste "Kemal Atatürk" (Mustafa - Ehrentitel: "der Vortreffliche, Vater der Türken") an die Macht, der als faschistoider "Erziehungs-Diktator" die heutige westwärts gewandte Türkei formte. Um ihn bildete sich ein immenser Führer-Kult. Seine laizistische "Kemalistische" Bewegung, die aus europäisch gebildeten Militärs bestand, war zwar nationalchauvinistisch und rassistisch eingestellt, hatte aber auch progressive, in Teilen sogar sozialistische Züge (Zusammenarbeit mit der SU in den 20ern und Einführung von z.T. Staatswirtschaft). So setzte sie die Trennung von Religion und Staat durch (10.4.1928), säkularisierte das geistliche Vermögen (3.3.1924), führte gar das Frauenwahlrecht ein (1930 und 1934: 17 Frauen ziehen ins Parlament), organisierte ein europäisch ausgerichtetes Bildungs- und Rechtssystem nach schweizerisch-italienisch- (faschistischem)-deutschem Muster und eine in ihren Grundzügen moderne, republikanische Verwaltung, die allerdings völlig auf dem Militär fußte und daher von diesem abhängig war und es bis auf den heutigen Tag ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die oberste Führung der Jungtürken fast ausschließlich aus "Ausländern" bestand: Männern, die aus den Randbereichen türkischer Herrschaft, wie z.B. Bosnien und Griechenland, stammten. Unter diesem Aspekt sind die Pogrome der Jungtürken gegen andere Ethnien besonders erstaunlich. Der kemalistischen Führung ging es aber weniger, wie den Nazis in Deutschland, um die physische Auslöschung anderer Völker, als um deren Nivellierung und Unterwerfung unter das Konstrukt "Türke", "der" in jeder Beziehung der Beste, die Wurzel aller Kultur, Sprache und allen Fortschritts sein sollte: das klassische Produkt nationalen Größenwahns.

Die heutige Hauptstadt der Türkei, Ankara (ernannt: 13.10.1923), ist eine Kunstgründung der neuen Herrscher. Kemal Atatürk suchte eine zentrale Stelle des Reiches aus und baute die neue Metropole um das ehemals winzige Städtchen Ankara. Als fast kurios ist die Tatsache zu bezeichnen, dass in der Türkei Kommunisten seit 1921 gnadenlos verfolgt wurden (obwohl die SU vorher und danach die Kemalisten unterstützte), dennoch aber ab 1933 eine große Zahl von deutschen Antifaschisten in der Türkei Zuflucht fand - u.a. Ernst Reuter und Bruno Taut).

Eine wichtige Rolle für die religiöse Auseinandersetzung in der Türkei spielen die sogenannten "Aleviten", eine Gruppe islamischer "Sekten", die nach dem Kriegshelden und Cousin des Propheten Mohammed, nämlich Scheik (Hazret-i = "Heiliger") "Ali" benannt wird. Jener wird von den Schiiten, zu denen die Aleviten gehören, als legitimer Nachfolger Mohammeds angesehen, wurde aber, wie auch seine beiden Söhne, von der Konkurrenz ermordet. Und zwar in einer Moschee. Bei den Aleviten, so sagt man ihnen nach, mischen sich verschiedene Religionselemente: islamische, christliche, und schamanische. Sie gelten als eine Art islamischer "Protestanten" und sind weniger orthodox und weltzugewandter als die Sunniten. So glauben sie als Pantheisten an eine Aligegenwart und das Allesumfassende Allahs (= Gottes) und halten es nicht für nötig, bestimmte Rituale zu vollziehen und Gebetsräumlichkeiten wie Moscheen aufzusuchen. Da Gott überall und in allem ist, kann man überall beten. Der Koran ist für die Aleviten auch kein "heiliges Buch", da die Sunniten diesen durch Hinzufügungen geändert haben.

Die Glaubensrichtung der Aleviten umfasst ca. 20 Millionen Menschen in der Türkei und somit ein Drittel der Bevölkerung. Dennoch waren und sind die Aleviten wegen ihres Glaubens noch heute schweren Verfolgungen ausgesetzt. Als Alevit darf man sich nur hinter vorgehaltener Hand bekennen. Die Aufgeschlossenheit der alevitischen Menschen läßt viele Linke denken, dass bei ihnen ein gegen die bestehenden Machtverhältnisse mobilisierbares Potential vorhanden ist, zumal die Aleviten in der Vergangenheit immer die Linke unterstützt haben.

Eine weitere "Minderheit" in der Türkei stellen die KurdInnen / Zaza dar. Sie umfassen die Kleinigkeit von weiteren rund 20 Millionen Menschen im türkischen Staatsgebiet, von denen regierungsoffiziell noch 1975 nur 2-8 Mio. zugegeben wurden. Die KurdInnen (zu "Bergtürken" umdeklariert) siedelten schon mindestens 1.500 Jahre vor den Turkvölkern im heutigen türkischen Staatsgebiet und gehören auch zur indogermanischen Sprachfamilie. Alle drei Schritte "stolpert" mensch über einEn von ihnen. Seit 1924 ist die kurdische Sprache offiziell verboten und wird in ihrer Existenz geleugnet, ebenso wie lange Zeit die pure Existenz eines kurdischen Volkes. Wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage Kurdistans sind viele arbeitslose Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in anderen Teilen der Türkei zu miserablen Konditionen oder im Ausland zu arbeiten. Schon in den 20er und 30er Jahren kam es zu großen Kurdenaufständen um vorher versprochene Autonomie mit z.T. islamisch-restaurativem Charakter. In den Kämpfen und Massakern, bei denen 1930 massiv Giftgas eingesetzt wurde, kamen nach Schätzungen bis zu 1.5 Millionen KurdInnen um, weitere 1.5 Millionen wurden nach Zentral-Anatolien und anderen Gebieten "umgesiedelt" (Atatürk: "Wir werden die Kurden wie die Armenier wegmachen"). Ein interessanter Aspekt von Seiten des Anarchismus ist übrigens die traditionelle Stammesorganisation der KurdInnen, die von dem Wissenschaftler Christian Sigrist als "regulierte Anarchie" (Walter Verlag, Freibg./Brsg. 1967) bezeichnet wurde. Ähnlich anderer Dorfstrukturen in anderen Teilen der Welt, war auch bei den KurdInnen die gemeinsame Bewirtschaftung des Bodens und gemeinsamer Besitz desselben Sitte. Die traditionelle politische Organisation könnte vielleicht als patriarchal- basisdemokratisches Stammesräte-System bezeichnet werden. Reste solcher Strukturen müssen noch vorhanden sein wie ich aus den Andeutungen von Genossen aus Istanbul entnehme, und in denen diese gewisse Hoffnungsträger für die Verbreitung anarchistischer Ideen sehen.

Bekanntlich befindet sich auch heute ein großer Teil des kurdischen Volkes im Freiheitskampf um Autonomie gegen den türkischen Staat. Auch dies ist ein sehr nachvollziehbarer Grund zum Weggehen. Da in der Türkei Wehrpflicht herrscht, ist jeder junge Mann früher oder später vor die Frage gestellt, gegen die aufständischen Kurden zu kämpfen, auch wenn er selbst Kurde ist (Kurden werden allerdings heute wegen vielfacher Desertion zur PKK i.d.R nicht mehr "an die Front" geschickt). Daher fliehen Tausende von jungen Männern vor dem Kriegsdienst aus der Türkei. Wem das nicht gelingt, der hat nur eine Wahl: entweder die türkische Armee oder die PKK. Ohne die PKK zu lieben wählen viele junge Männer diese Seite, denn es wäre schlimmer, in der türkischen Armee dienen zu müssen, gegen die ein preußischer Kasernenhof sich wie ein Jungmädcheninternat ausnehmen muß. Demütigung, Folter und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Kaum einer übersteht diese und die unmenschlichen Bedingungen des Bürgerkrieges ohne ernsthafte psychische Schäden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich der türkische Staat eine zeitlang wegen der Wehrunwilligkeit vieler seiner jungen Männer gezwungen sah, gegen Freikauf von 2-10,000 DM Wehrpflichtigen eine ultrakurze Wehrdienstzeit von 1-2 Monaten anzubieten. So konnten (Kriegs)Gelder kassiert, dem Gesetz genüge getan werden und eine unschöne Statistik von tausenden Deserteuren mehr vermieden werden - sehr pragmatisch!

Anfänglich sah es für mich aus, als sei Anarchismus in der Türkei ein exotisches neues Pflänzchen, das durch wundersame Umstände während der letzten hundert Jahre in der Türkei und in ihrem Vorläufer, dem Osmanischen Reich kein Vorkommen gehabt hätte. Daran tut auch die Beteiligung zumindest eines Türken an der Pariser Commune von 1871 keinen Abbruch. Oberflächlich betrachtet ist der Anarchismus in der Türkischen Republik etwa zehn Jahre alt. Bei meiner Vor-Ort-Recherche in Istanbul begann dieses Bild schon einen Sprung zu zeigen: Wie ich erfuhr, war schon 1935 in der Türkei Kropotkins "Ethik" erschienen. Der Übersetzer hieß Ahmed Agaoglu. Sein Enkel hat vor kurzem das mittlerweile wieder aufgelegte Werk überarbeitet. Eine weitere Überraschung war der Fund eines Buches "Socialisme et Anarchie" von Osman Bey, Kibrizi-Zadé (eig: Kibrissi Zade), Sophia 1895 (Bulgarien), in der Bibliographie des Buches von E.V. Zenker, "Der Anarchismus", Jena 1895. Das Original dieses Buches konnte bisher allerdings nicht aufgespürt werden.

So lange also gab es schon erste libertäre Impulse in Kleinasien. Als weiterer Vorläufer des Anarchismus hatte ein aus Izmir, Westtürkei, stammender Intellektueller namens Baha Tevfik um 1913 ein Buch mit dem Titel "Philosophie des Individuums" veröffentlicht. Er nannte sich "Anarchist". Ein (historisch) bekannter Marxist namens Celal Nuri (ileri) fühlte sich übrigens bemüßigt, eine Broschüre mit dem Titel "Anarchismus, eine philosophische Lehre der Regierungslosigkeit" gegen Baha Tevfik zu veröffentlichen. Da dieser und dessen Freunde etliche Werke aus dem Deutschen übersetzt hatten -- vor allem naturwissenschaftliche, aber auch Nietzsche -- ist die Annahme nicht ganz unbegründet, dass seine libertären Ideen aus dem deutschen Sprachraum kamen. Zu dieser Zeit gab es schon intensive Kontakte und Kooperationen zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich, die in einer militärischen Koalition unter deutschem Kommando im Ersten Weltkrieg (Geheimvertrag vom 2.8.1914) ihren vorläufigen Höhepunkt finden sollten. Mitten in Istanbul findet sich vor der Hagia-Sophia-Moschee (seit Mai 1934 Museum) der "Brunnen der Deutschen", von kaiserlichen Architekten mit den Reichsinsignien versehen, der diese Verbindung sinnfällig macht.

Baha Tevfik, der von dem Anarchismus-Forscher Burhan Sayli als "naiver Anarchist" bezeichnet wird, hat neunzehn Bücher veröffentlicht und mit seinen Freunden unter anderen eine mehrfach verbotene satirische Zeitschrift Esek ("Der Esel") herausgegeben. Seine Überzeugung "Die Zukunft gehört dem Anarchismus", ist heute im Begriff, ihre Bewährungsprobe zu erfahren. Tevfiks Schriften sind aller Wahrscheinlichkeit nach vergessen worden, da ab 3.11.1928 das Alphabet, das bis dahin arabisch war, europäisiert wurde (Gesetz zur Einführung der lateinischen Schrift, Verbot des arabischen Alphabets!).

Ähnlich muß es der Zeitschrift Istirak (sprich: Ischtiraq) ergangen sein, die sich im Untertitel als "Journal Socialiste" bezeichnete. Der Herausgeber trug den Spitznamen "Sosyalist" Hilmi. In der um 1910 erschienen Zeitschrift traten verschiedene Positionen des Sozialismus auf. Diskussionen über Marxismus, Anarchismus und Anarchosyndikalismus fanden statt. Außerdem wurden in Istirak anarchistische Gedichte wie z.B. "Bakunin" von einem Dichter namens Hayati gebracht, ebenso wie Nachrichten über Proteste gegen die Hinrichtung des libertären spanischen Pädagogen Franzisco Ferrer und ein Gedicht für denselben. Aufgrund der weiten Verbreitung der französischen Sprache bei den Gebildeten, überwog damals der Einfluss des französischen Sozialismus. Die Opposition befand sich meist in Frankreich oder in der Schweiz (!) im Exil, und der Import revolutionärer Ideen erfolgte von eben dort.

Als Anmerkung sei hier erwähnt, dass es 1920 eine "Grüne Armee", eine selbstorganisierte bäuerliche Partisanenarmee gegen ausländische Interventionisten und die eigenen Unterdrücker gab. Wenn auch im großen und ganzen konservativ und islamistisch (grün!) orientiert, gab es in ihr doch deutliche sozialistische, teils libertäre Ansätze, wie die Anstrebung eines Rätestaates. Selbstverständlich wurde diese Armee von den Kemalisten zerschlagen, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatte.

Auch die oben erwähnte Kropotkin-Übersetzung von 1935 scheint keine größeren Wirkungen gezeitigt zu haben. Dennoch muß es seit damals gewisse libertäre Impulse bei verschiedenen Intellektuellen gegeben haben, die jedoch aufgrund der erzautoritären Gesellschaftsstruktur der Türkei unter den Osmanen sowie den "Jungtürken" Atatürks und deren Militärherrschaft nie eine Chance hatten, zum Mainstream politischer Veränderung zu werden. Wie auch in Deutschtand trafen der Marxismus-Leninismus ebenso wie der darauffolgende Stalinismus und Maoismus mehr den Zeitgeist. Dennoch erschienen vereinzelt weitere libertäre Bücher. Zum Beispiel 1961 das Buch des französischen Anarchisten Pierre Joseph Proudhon "Was ist das Eigentum?". Seine provokative Antwort kennen wir: "Diebstahl!". Ein anderes, in den 60er Jahren erschienenes Buch ist "Staatlichkeit und Anarchie" von Bakunin (Verlag: Kavram Yayinevi).

Die ganzen 60er Jahre waren gekennzeichnet von einem Gemisch verschiedenster linker Gruppen und Tendenzen in allen Rotschattierungen, von denen die autoritären Richtungen am stärksten Fuß fassten. Es gab etwa 150 Fraktionen. Die Hauptströmungen waren kemalistische KommunistInnen, MaoistInnen und GuevaristInnen, von denen letztere eher antistalinistisch eingestellt waren. Alle Gruppierungen hatten eine große Anhängerschaft und bewaffnete Kampfgruppen. Auflagen von Wochenblättern in Höhe von 50.000 bis 100.000 waren keine Seltenheit. Alleine bei den GuevaristInnen existierten mehrere solcher Blätter nebeneinander. Antiautoritäre Tendenzen waren eher marginal. Im Jahre 1960 erschien eine Zeitschrift mit dem Namen "Yeni Ufuklar" (Neue Horizonte), in der mehrere Artikel über Anarchismus auftauchten. Der Autor war ein Trotzkist namens Masis Kürkçügil. Im Jahr 1967 erschien eine gekürzte Fassung von George Woodcocks Buch "Anarchismus" sowie ein Aufsatz Kropotkins "Anarchismus - seine Philosophie und sein Ideal" (Vortrag vom 6.3.1896, Paris, Tivoli).

Mit den beiden Militärputschen in der Türkei (1971 und 1980), die jeweils eine blutige Repressionswelle und die Liquidation aller bewaffneten Gruppen der Linken nach sich zogen, stellte sich eine Zeitlang eine trügerische Friedhofsruhe ein. Anfang 1980 hatte der türkische Generalstabschef Kenan Evren erklärt, man müsse: "angesichts von Anarchismus, Terrorismus und Separatismus die nationale Einheit wiederherstellen.", nachdem er vorher vor einem "Generalaufstand von Anarchisten und Separatisten" gewarnt hatte. Zu dieser Zeit konnte allerdings keine Rede von irgendwelchen relevanten anarchistischen Bestrebungen in der Türkei sein. Sofort nach dem Ende der Militärdiktaturen schossen die linken Parteien und Strömungen wieder wie Pilze in einer feuchtwarmen Spätsommernacht aus dem Boden. Auf dem größten Platz Istanbuls demonstrierten am 1 Mai 1977 rund 500.000 Menschen. Nach einer Provokation schoss die Polizei in die Menge - Folge: 36 Tote. (Auch 1994 gab es an gleicher Stelle 17, und 1996 drei Erschossene.)

In einer antistalinistischen marxistischen Zeitschrift namens "Birikim" (zwischen 1973 und 1980 und wieder nach der Militärdiktatur) erschien 1994 ein Artikel über den US-Ökoanarchisten Murray Bookchin und über Hans Magnus Enzensberger, für dessen Buch (Der kurze Sommer...) ein antistalinistischer Theoretiker, Ömer Laçiner, ein ausgezeichnetes Vorwort schrieb. Aber erst Mitte der 80er Jahre begann sich so etwas wie eine türkische anarchistische Bewegung um die Zeitschrift „Kara“ (Schwarz) zu bilden.

Warum aber tauchte der Anarchismus als neues Phänomen erst in den 80er Jahren in der Türkei auf? Als Erklärung bietet sich an, dass sowohl die westliche Fortschrittsideologie mit ihren offensichtlichen Defiziten im Sozialen und mit ihrer fortschreitenden Ausbeutung und Zerstörung der (Um)Welt, als auch die sich als diktatorisch, korrupt und unwirtschaftlich entpuppenden Systeme marxistischer Weltsicht keine positive Identifikation für eine lebbare Utopie mehr boten. Dankbar wurde von kritisch suchenden Geistern die Botschaft des Anarchismus vom grundlegenden Wert des Individuums als freiem und zu befreienden Menschen ebenso wie der Angriff gegen hierarchische Denkmuster aufgegriffen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass als erstes Buch eines anarchistischen Verlages "Kronstadt 1921" von Ida Mett erschien (Sokak Yayinlari). Der Wert des Buches lag vor allem darin, dass es den weitgehend dogmatisch orientierten Linken in der Türkei eine fundamental kritische Sicht des Leninismus, der Sowjetunion und der Bolschewistischen Partei vorlegte.

Vorläufer der anarchistischen Initiativen sind in der Zeitschrift. "Yeni Olgu" ("Tatsache" - in ihr erschien eine ironisierende Kritik marxistischer Geschichtsphilosophie), die nur kurze Zeit während der zweiten Militärdiktatur existierte und der kritischen Jugend als Plattform diente, und dem Monatsmagazin "Akintiya Karsi" als eindeutig antiautoritärem Blatt zu sehen. Aus letzterem war der Sokak-Verlag hervorgegangen. Neben Feminismus, Ökologie und Antimilitarismus fingen einige Menschen an, sich mit den Ideen des Anarchismus näher zu befassen. In marxistischen Kreisen wurden diese Anstöße z.T. mit Interesse registriert und intern mit einigem Wohlwollen diskutiert. Dennoch wurde der Anarchismus als utopischer Edelsozialismus verworfen, der eben nicht zu realisieren sei.

Zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte des türkischen Anarchismus gehört es, dass im März 1981 die vermutlich erste anarchistische Zeitschrift auf Türkisch in Deutschland erschien: „Isyan“. Sie wurde in einer einzigen Ausgabe in Zusammen arbeit mit dem ADZ (Anarchistisches Dokumentations Zentrum) Wetzlar (heute in Neustadt/W. als „Anarchiv“) in einer Auflage von 1.000 Stück einmalig herausgebracht. Aus dem vereinzelten Kontakt mit türkischen Menschen im damaligen anarchistischen Laden in Wetzlar, entstand aber keine feste Gruppe.

1986 begannen einige jüngere Mitglieder des Sokak-Verlages mit der Herausgabe von „Kara“ (Schwarz), dem ersten regelmäßig erscheinenden anarchistischen Magazin in der türkischen Geschichte. Kara stellte (natürlich) das allgemeine Staatsverständnis in Frage und beschäftigte sich u.a. mit Themen wie Erziehung und Schulwesen. Gleichzeitig wurde das Individuum zu selbstverantwortlichem Handeln und zur Beendigung bequemer Passivität und Autoritätshörigkeit aufgefordert. Kara machte Schluß mit der Idealisierung der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt mit historischer Mission und attackierte die grundlegenden Glaubenssätze von Staat, Gesellschaft und vermeintlichen RevolutionärInnen radikal. So notwendig diese Haltung war, so wenig trug sie jedoch den tagespolitischen Bedürfnissen Rechnung. Den desorientierten Ex-MarxistInnen-LeninistInnen bot die anarchistische Bewegung keine alternative Organisationsmöglichkeit, und die wichtige Frage des kurdischen Befreiungskampfes blieb ohne perspektivische Idee und konkreten Gegenentwurf. So wurde Kara nach der zwölften Ausgabe im November 1987 eingestellt, derweil sich auch eine mächtige Konfusion und Zersplitterung unter ihren größtenteils studentischen UnterstützerInnen eingestellt hatte. (Als Ausleger von Kara waren noch zwei Ausgaben von "kara sanat", einer künstlerisch ambitionierten Zeitschrift mit den Schwerpunkten Ökologie und Pädagogik erschienen.) Vier autonome Gruppen bildeten sich aus den Überresten Karas, von denen eine das nächste Zeitschriftenprojekt „Efendisiz“ (herrschaftslos) startete, das an Kara anknüpfte. Auch die anderen Gruppen initiierten weiter Dinge, und eine von ihnen begann das "Atölye A-Projekt", das später die Zeitschrift „Amargi“ (sumerisch: Freiheit) herausgab.

Im Jahr 1989 wurde auch Efendisiz eingestellt und bis 1991 gab es keine eigene anarchistische Zeitschrift mehr in der Türkei. Dennoch ging die anarchistische Publizistik weiter. Das Interesse am Thema war geweckt, und vergleichbar der Nach-68er-Zeit in Deutschland begannen einige nicht-anarchistische Verlage, anarchistische Bücher zu produzieren. So erschien im "Metis-Verlag" das zweibändige Buch des US-Historikers Paul Avrich mit Portraits von AnarchistInnen in der Russischen Revolution.

Zusammen mit der „Vereinigung gegen den Krieg" bildete das "Atölye A-Projekt" 1992 die "Amargi-Gemeinschaft" und brachte als solche die unregelmäßig erscheinende Monatszeitschrift Amargi heraus. Im folgenden Jahr wurde ein neues anarchistisches Zeitschriftenprojekt in Istanbul ins Leben gerufen: „Ates Hirsizi“ ("Feuerdieb", eine Namensadaption jenes Halbgottes aus der Prometheus-Sage, der den Menschen das Feuer brachte, dafür aus dem Götterhimmel Olymp verstoßen, und zu ewigen Qualen an eine Felswand gekettet wurde). Gleichzeitig gründete eine andere Gruppe den anarchistischen Verlag "Birey Yayinlari". Amargi und Ates Hirsizi unterschieden sich aber von Anfang an grundlegend. Erstere beschäftigte sich vor allem mit Pazifismus und Antimilitarismus sowie dem Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft, während die "Feuerdiebe" das Problem der sozialen Revolution, die kurdische Nationalfrage und das Organisationsproblem in den Mittelpunkt stellten und sich grundsätzlich gegen den Pazifismus wandten.

Dennoch schlug Amargi im Sommer 1994 die gemeinsame Herausgabe einer neuen Zeitschrift zu tagespolitischen Themen von allen anarchistischen Richtungen vor. Obwohl die Amargi-Gemeinschaft die GründerInnenrunde, zu der auch eine Gruppe aus Ankara gehörte, verließ, nahm das Projekt in dem Magazin „A-Politika“ (@-politisch) Gestalt an, das heute noch existiert (letzte Ausgabe: Mai 1996). Fatalerweise wurde die neue Zeitschrift aber kein an tagespolitischen Fragen orientiertes Organ, sondern wiederum eine Theorieschrift, die sich mit den Fragen von Organisation und Kampfrichtung beschäftigte.

Am 1. Mai 1993 traten die AnarchistInnen zum ersten Mal massiv mit schwarzen Fahnen und Transparenten auf den Demonstrationen in Istanbul, Ankara und Izmir auf, und stießen auf einhellig großes Interesse. Dies, zumal die neue Gruppe, die niemand so richtig einordnen konnte, mit selbstgedichtetem Singen, Tanzen auf der Straße, Hüpfen, frechen Parolen und witzigen Sprüchen im Kontrastprogramm zu den hölzern wirkenden dogmatischen Gruppen stand und die LacherInnen auf ihrer Seite hatte. Der Aufmerksamkeitswert des neuen Phänomens war so groß, dass eine Reihe bürgerlicher Medien breit berichteten und so ein weiterer Propagandaeffekt für die Präsenz von AnarchistInnen in der Türkei zustande kam. Tatsächlich berichten bis jetzt immer wieder bürgerliche Blätter oder Sender in großer Aufmachung über anarchistische Aktivitäten.

Selbst die Repression des für seine Brutalität und Rechtsmissachtung bekannten türkischen Polizeiapparates hielt sich bisher in Grenzen. Die anarchistische Gruppe in Ankara wurde zwar einmal drei Tage in Haft genommen und intensiv verhört, aber im großen und ganzen "fair" behandelt. Natürlich muß mensch mit der Generalisierung solcher Äußerungen vorsichtig sein, da Leute, die in der Haft misshandelt wurden, oft aus Furcht in der Öffentlichkeit darüber schweigen.

Interessant ist, dass sich auch einige Personen des öffentlichen Lebens mittlerweile als Anarchisten bezeichnen. So beispielsweise ein bekannter Sänger und mindestens ein Philosophieprofessor der Uni Mimar Sinan, Istanbul, Ömer Naci Soykan, der sogar schon für "Ates Hirsizi" geschrieben hat. Es gibt auch eine Reihe anarchistischer Musiker, wie den Lead-Sänger der Laz-Rockband, Zugasi Berepe (Alt-Laz ist eine georgisch-griechisch-u.a.m. Mischsprache, Sprache der Volksgruppe der "Lasen", heute türkischer Dialekt mit Laz-Einsprengseln). In Deutschland lebt der anarchistische Liedermacher Yasar Kurt.

Sogar die Entsprechung zu den christlichen AnarchistInnen des Abendlandes gibt es in der Türkei: "Islamische AnarchistInnen". Diese machten Ende der 90er Jahre mit Happenings wie Ankettungen auf sich aufmerksam. Ihr Motto ist: "Es gibt nur eine Autorität: Allah!" Ob Religiöse jedoch tatsächlich als "AnarchistInnen" angesehen werden können, darüber werden sich die Geister wohl noch die nächsten drei Ewigkeiten streiten. Einer der prominentesten Mitglieder besagter Gruppe ist übrigens ein bekannter Schriftsteller, Nihat Genç, der in Deutschland aufgewachsen sein soll. Er hat drei bis vier Romane veröffentlicht. Außerdem gab es in Ankara ein bis zwei Ausgaben einer Zeitschrift der Gruppe mit Namen "Çete" (etwa: Bande, Banditen).

Als zwei weitere Zeitschriften mit stark libertärem Einschlag sind die Literaturzeitschriften Beyaz (seit 1982) und göçebe (seit 1995) zu nennen. Mittlerweile sind weitere libertäre Verlage gegründet worden, wie z.B. "Kaos Yayinlari", der Verlag der "Feuerdiebe". Eine beachtliche Anzahl anarchistischer Bücher sind erschienen oder stehen im Begriff veröffentlicht zu werden. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, seien hier beispielhaft einige der wichtigsten genannt.

"Der kurze Sommer der Anarchie" von Hans Magnus Enzensberger hat in der Türkei eine ähnlich bedeutende Wirkung, wie ehedem und immer noch im deutschen Sprachraum. Viele Menschen erfahren über ihn zum ersten Mal von relevanten revolutionären Massenaktionen der AnarchistInnen und beginnen, Interesse an weiteren Informationen zu zeigen, insbesondere über Verlauf und Wirkung der Spanischen Revolution. So ist gerade eben auch das Werk von Abel Paz "Durruti, Ein Volk in Waffen" erschienen. Aber auch Emma Goldmanns Lebenserinnerungen, "Die Machnowtschina" von Arshinov und das aktuelle "Manifest des Unabombers" aus den USA stehen oben auf der Hitliste. Zudem sind eine Reihe Bücher und Broschüren von türkischen Autoren zu verschiedenen Themen erschienen, einige davon im Karambol-Verlag in London, dem wichtigsten türkischen A-Exilverlag. Eine vollständige Liste der zur Zeit erhältlichen Bücher aus anarchistischen türkischen Verlagen mit Preisen und Bestellmöglichkeiten findet sich am Ende dieses Artikels. Dennoch ist das nicht alles. Auch in einigen bürgerlichen, liberalen und linken Verlagen sind anarchistische Titel erschienen so z.B. drei Bücher von Murray Bookchin und Werke des libertären Wissenschaftskritikers Prof. Paul Feyerabend, der 1995 gestorben ist. Hier geht die Rezeption sogar bis in rechte Kreise, wie Veröffentlichungen konservativer Blätter über den Autor beweisen. Eine genaue Auflistung der erschienen libertären Bücher muß einer weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung vorbehalten bleiben.

Festzustellen bleibt jedenfalls, dass zur Zeit auf allen Ebenen ein ungeheurer Ideentransfer in die Türkei stattfindet und man allen Ernstes von einem "Rezeptionsrausch" sprechen kann. Selbstredend ist dies nicht auf anarchistische Themen begrenzt, sondern umfasst nahezu alle Gebiete sozialer, philosophischer, kultureller und technischer Diskussion. Dies deutet darauf hin, dass sich die türkische Gesellschaft in einer äußerst dynamischen Phase ihrer Entwicklung befindet und für die Zukunft große Umwälzungen zu erwarten sind. Besonders spannend dürfte an dieser Stelle die neuerliche gegenseitige Befruchtung morgenländischen und abendländischen Denkens sein.

Die Lage der AnarchistInnen in der Türkei Ende 1996 ist davon gekennzeichnet, dass sie in einem Land leben, in dem ein erbarmungsloser Bürgerkrieg mit völkermörderischen Tendenzen tobt, der von den NATO-Partnern der Regierung toleriert und mit modernen Massenvernichtungswaffen unterstützt wird. Der männliche Teil der Bevölkerung wird als Kanonenfutter für diesen Krieg missbraucht, an dem vor allem die USA und die BRD als die größten Waffenlieferanten profitieren. Abgesehen von den krassen Menschenrechtsverletzungen in der kurdischen Kriegsregion müssen türkische Menschen das Militär- und Polizeisystem einer Pseudodemokratie ertragen, in dem Verhaftungen ohne Anklage, manipulierte Gerichtsverfahren, Folter und "Verschwindenlassen" an der Tagesordnung sind. Heer, Polizei, Verwaltung und Politik sind zudem korrupt bis auf die Knochen und, wie ein Verkehrsunfall Anfang November 1996 zeigte (ein Abgeordneter der islamistischen Refah-Partei, ein Polizeichef und ein seit 18 Jahren durch Interpol gesuchter rechtsradikaler Terrorkiller verunglückten im selben PKW, der mit Waffen und Abhörgeräten beladen war, nach einem fidelen Hotelbesuch, wo sie anscheinend auch mit dem Innenminister ein Date hatten), mit dem organisierten Verbrechen und Rechts-Terrorismus aufs Engste verflochten. Unter der demokratischen Fassade hält nach wie vor das Militär die Zügel in der Hand das in seiner Machtfülle zumindest solange nicht reduziert werden wird, wie der Krieg gegen die Kurden dauert. Gleichzeitig existieren nach wie vor mit dem Staat verquickte, faschistische Mörderbanden, die ebenso wie fanatisierte Muslime der sog. Fundamentalisten Jagd auf Andersdenkende machen. Linksradikal sein ist in der Türkei mit Gefahr für Leib und Leben verbunden.

An der Oberfläche erblicken wir eine anscheinend mit demokratischen Institutionen ausgestattete Gesellschaft und ein in den Metropolen westeuropäisch geprägtes Leben mit orientalischen Einsprengseln. Das Leben ist geschäftig und läßt im Alltag kaum etwas von den Konflikten unter der Oberfläche oder dem nur wenige hundert Kilometer entfernten Kriegsschauplatz ahnen. Das Vorbild der Polizei ist offenbar der US-Sheriff, wie auch das städtische Umfeld starke Merkmale eines US-orientierten Konsum- und Kulturlebens aufweist. Riesige Reklametafeln, Fastfoodtempel mit McUniformierten, Mall`s und Einkaufsstraßen, Regale mit auffallend vielen Produkten aus dem Westen, vor allem der BRD, lassen den Eindruck aufkommen, dass das öffentliche Leben vor allem an westlichen Normen orientiert ist. Dazwischen immer wieder das Rufen der Muezzins zum Gebet das nachhaltig an den religiösen Hintergrund der Gesellschaft erinnert. Auffallend ist auch, dass die Refah-Partei als islamistische Protestpartei geschickt mit sozialistischer Symbolik hantiert (Halbmond statt Sichel, Ähren statt Hammer), was mich als Deutschen an ein entsprechendes Vorgehen der Nazis erinnert.

In der Türkei gibt es Ende '96 nur zwei namentlich bekannte anarchistische Gruppen: eine in Istanbul und eine andere in Ankara. Dennoch ist die Idee des Anarchismus anscheinend sehr populär, vor allem unter jungen Leuten. In allen Landesteilen soll es SympathisantInnen und lockere Gruppen auf Freundschaftsbasis geben. Allerdings hatten die GenossInnen auch einige kritische Bemerkungen zu einem "Lifestyle-Anarchismus" parat, der von vielen Leuten, vor allem von (Macho-)Typen so interpretiert werde: "sich um nichts kümmern, viel saufen, kiffen, Musik hören und möglichst viele Frau vögeln." Diese Kategorie "Anarchist" sei weitverbreitet.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass einer der Schwerpunkte anarchistischer Politik in der Türkei die Bekämpfung des Patriarchalismus in allen seinen Formen ist. Bemerkenswert ist, dass die Zusammensetzung der beiden organisierten Gruppen zu 50% weiblich sein soll. Das Interesse an anarchafeministischen Positionen ist stark, aber bekanntlich ist das Angebot an Literatur ja auf diesem Gebiet eher schwach, so dass eher auf allgemeinen Positionen des Feminismus differenziert zurückgegriffen werden muss. Wenn auch in Istanbul der Eindruck vorherrscht, dass Männer die (?) Wortführer sind, ist doch zumindest deren Bereitschaft ausdrücklich vorhanden, gegen patriarchales Verhalten und patriarchale Strukturen anzugehen. Immerhin kamen mir während meines kurzen Aufenthaltes bei unseren Freunden doch mehrere Frauen zu Gesicht, jedoch hatte ich aus Zeitgründen und z.T. auch wegen Sprachbarrieren nur wenig Gelegenheit, mit mehreren von ihnen zu reden.

Nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte mit illegalen, bewaffneten Bewegungen in der Türkei, ist die Strategie der jetzt existierenden Gruppen strikte Legalität - natürlich soweit mensch nicht künstlich kriminalisiert wird. Die Gruppen begreifen sich in erster Linie als Propagandagruppen zur Popularisierung der anarchistischen Ideen. Sie sind der Überzeugung, dass eine illegale Arbeit nur zu staatlicher Paranoia und zu Überreaktionen dieser Seite führen würde. Das heißt nicht, sich publizistisch das Maul verbieten zu lassen. Hier werden unvermeidliche Risiken in Kauf genommen. Die Türkei ist ja bekanntlich nicht gerade ein Hort der Pressefreiheit.

Ein Grundprinzip der Arbeit ist absolute Drogenfreiheit im weiteren Sinne. Alltagsdrogen wie Alkohol oder Tabak schließt das nicht ein (leider: hust!). Durch Drogen würden die Leute schlapp, unzuverlässig und von der Polizei verfolg- und erpressbar. Das hat was für sich. Und zum Glück wirkt sich das offenbar nicht so aus, dass wir es hier mit klostergleichen AsketInnen zu tun hätten. Dennoch konnte ich sogar harte verbale Auseinandersetzungen wegen Cannabisgenuss registrieren.

Unisono war eine für mich überraschende Grundhaltung der Technik gegenüber: sie wird von beiden Gruppen als notwendiges Übel angesehen, das in lichterer Zukunft abzuschaffen sei. Industrie und Städte sollten geschleift und der Weg zurück aufs Land und in die Natur gehen. Das dörfliche Idyll wird als utopische Wohnform angesehen, natürlich befreit von der heutigen Engstirnigkeit und jeder anachronistischen Moral. Als Zwischenschritt müsse mensch zumindest Teile der Stadt einfach abreißen. Computer und ähnliches Teufelszeug des Kapitalismus würden in Zukunft überflüssig, wenn die Menschen wieder von der eigenen, unentfremdeten Hände Arbeit leben würden. Eine solch direkte Produktion schließe jeglichen Konsumismus aus. Wie mensch an der ironischen Wortwahl des Autors merkt kann sich dieser jener Sicht der Dinge nicht ganz anschließen. Auch in den USA kursiert zur Zeit eine Diskussion über einen positiven anarchistischen "Primitivismus" der Zukunft. Dies ist also durchaus kein Spezifikum der Türkei, und ich kann mich entsinnen, dass wir vor fünfzehn Jahren eine ähnliche Diskussion in deutschen und anderen europäischen Ländern führten - mit dem Ergebnis dass heute nahezu alle Projekte mit Computern arbeiten, wie ja auch die türkischen GenossInnen. Dabei will ich nicht ausschließen, dass es gute Argumente für eine solche Lebensform geben könnte. Ob sie allerdings von allen mach- oder auch wünschenswert ist, halte ich für durchaus ungeklärt. Nicht wenig wird zu dieser Utopie der Sience Fiction Roman der US-Anarch@feministin Ursula K. Leguin, "Planet der Habenichtse" (Heyne SF 3505) beigetragen haben, der nicht nur bei uns vielgelesen und motivierend (gewesen) ist.

Eine große Hoffnung ist für viele AnarchistInnen in der Türkei auch der Freiheitskampf des kurdischen Volkes. Als lange vernachlässigte Provinz der Türkei sind viele autoritäre Strukturen bei den KurdInnen nicht so ausgeprägt vorhanden. Außerdem ist noch einiges vom traditionellen Erbe und Leben erhalten. Eine große Anzahl von kurdischen Menschen ist mittlerweile mit anarchistischen Ideen in Berührung gekommen und steht ihnen aufgeschlossen gegenüber. Viele AnarchistInnen in der Türkei und außerhalb sind KurdInnen. Es existiert die Erwartung, dass der Konflikt um Kurdistan über kurz oder lang in der einen oder anderen Art von Kompromiss enden wird. Die nationale Befreiung wird dabei durchaus kritisch gesehen: die stalinistische PKK ist nicht gerade an der Spitze der Beliebtheitsskala unter den KurdInnen und wird vielerseits nur als das "kleinere Übel" angesehen, aber eben als Übel. Es gibt zu ihr keine Alternative. Gewisse Anzeichen sprechen überdies dafür, dass sich die PKK infolge der Breite der Bewegung ebenso wie aufgrund der tagespolitischen Anforderungen in einem Wandel zu mehr Demokratie und Mitsprache befindet. Es wird die Einschätzung vertreten, dass eine stalinistische PKK nicht friedensvertragsfähig und verhandlungsfähig ist. Für den Fall eines wie auch immer gearteten Friedensschlusses erhoffen sich die AnarchistInnen eine fast schlagartige Verbreitung ihrer Ideen in Kurdistan, die zur Zeit unter den Kriegsbedingungen nicht möglich ist. Der Optimismus im Bezug auf eine starke kurdische anarchistische Bewegung und einen möglichen Einfluss auf die Neuformierung einer autonomen kurdischen Region ist groß.

Groß ist auch der Optimismus im allgemeinen: "Du wirst sehen, die Türkei wird ein neues Spanien! Ja mehr als das! Ich bin da ganz zuversichtlich." sagte mir einer der Genossen in Istanbul. Wenn ich auch mit der Zumessung meines Optimismus etwas vorsichtiger bin, so bin ich doch der Meinung, dass diese Vision vielleicht nicht ganz aller Grundlagen entbehrt. Wenn wir heute die Situation der türkischen AnarchistInnen betrachten, so ist sie eng mit der unseren verwoben. Millionen von türkischen und kurdischen Menschen leben in diesem Land, viele von ihnen aus politischen Gründen. Wahrscheinlich gibt es in und aus keinem anderen Land als der Bundesrepublik Deutschland eine derartig große Chance und besondere Möglichkeiten, unsere türkischen Genossinnen zu unterstützen. Durch die Entfaltung unserer eigenen Aktivität hierzulande können wir auch viele türkische Menschen mit unseren Ideen in Berührung bringen, und diese zur Disposition stellen. Durch die immer noch starke wirtschaftliche Lage der BRD und das daraus folgende Währungsgefälle sind wir in der Lage, auch geringe materielle Mittel in der Türkei mit den dort lebenden Genossinnen effektiv einzusetzen (Bücher kosten dort nur einen Bruchteil des hiesigen Herstellungspreises). Diese Unterstützung ist um so wichtiger, da sich nationalchauvinistische, faschistische und islamisch-fundamentalistische Kreise diesen Umstand schon lange zu Nutze machen Als AntimilitaristInnen sollten wir an erster Stelle Männern türkischer Staatsangehörigkeit behilflich sein, sich dem Zugriff der völkermörderischen Militärkamarilla zu entziehen.

Und nicht zuletzt gilt es, zusammen mit unseren türkischen GenossInnen, eben jenen nationalen und internationalen Faschismus und Rassismus zu bekämpfen, der uns täglich hier wie dort ins Haus steht und dessen Ziel hier oft genug Menschen türkischer Herkunft sind. Wenn wir dem gemeinsam unseren Entwurf einer gewaltlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft entgegensetzen können, werden internationale Solidarität und die Auflösung patriarchaler Strukturen von der Phrase zur konkreten Utopie.

Verwendete Literatur:

  • HORROR VACAUI, Libertäre Zeitschrift, Berlin 1979/1980, Ausgaben 2,3,4 und 6
  • Kemal Atatürk und Minderheiten in der Türkei, Teil 1-3 von Christian Meyer
  • Verschiedene türkische anarchistische Zeitschriften, die im Artikel Erwähnung finden.

Besonderer Dank gilt dem Anarchismus-Forscher (...) aus der Türkei und den anarchistischen GenossInnen aus Istanbul und Ankara für ihre Hilfe und Gastfreundschaft. (Anmerkung: der Name des Anarchismus-Forschers fehlt wegen der Repression in der Türkei hier ganz bewusst.)


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Ein kurzer Bericht über "Anarchismus in der Türkei 2000"

Die Wurzeln des türkischen Anarchismus liegen sowohl in der Punkbewegung, die irgendwie aus dem Westen "importiert" wird und dem ideologischen Wechsel früherer Marxisten vom autoritären Sozialismus bis hin zu libertären kommunistischen Vorstellungen. Derzeit wächst die anarchistische Bewegung zahlenmäßig, ist aber trotzdem nicht so erfolgreich, eine solide gesellschaftliche Basis zum Kampf zu finden.

Die Gruppen

Zusätzlich zu vielen im ganzen Land verteilten anarchistischen Einzelpersonen, kommen die AnarchistInnen in einigen größeren Städten in der Türkei auch in Gruppen und Organisationen vor.

In Istanbul ist die effektivste und größte Gruppe die "AGF" (Anarsist Genclik Federasyonu - Anarchistische Jugendföderation). Sie wurde im April 1998 gegründet; ihre grundlegenden Prinzipien sind Antikapitalismus, Ökologie, Antisexismus, Anti-Gerontokratismus, Anti-Hierarchismus und Anarchismus. Die AGF ist für die direkte Aktion, sie haben Demos und Protestaktionen an den Unis von Istanbul und Ankara organisiert und sie haben an anderen Demos mit eigenen Transparenten teilgenommen. Zuletzt nahmen sie an Demos gegen den Bau des AKW in Akkuyu teil. In Übereinstimmung mit dem Namen sind die Mitglieder junge/jüngere anarchistische Autonome und Einzelpersonen aus Istanbul; sie haben einige Mitglieder in anderen Städten wie Izmir und Ankara, aber in anderen Orten sind sie nicht so organisiert.

Im August 1999 organisierten die AnarchistInnen in Ankara sich als "Kultur- Kooperative". Die Idee einer Kulturkooperative entstand nach monatelangen Diskussionen, die ab Anfang 1999 geführt wurden. Die Gruppe versteht sich selbst als "Diskussionsplattform von AnarchistInnen" und besteht nicht nur aus jungen AnarchistInnen, StudentInnen etc., sondern auch aus ArbeiterInnen, Angestellten und Arbeitslosen. Sie haben ca. 35-40 aktive Mitglieder (40% davon Frauen), die sich teils als anarcho-kommunistisch, anarcho-syndikalistisch, anarcha-feministisch, pan-anarchistisch etc. verstehen. Sie haben an einem Produktionsprojekt gearbeitet und diskutieren gerade, wie sie in der sogenannten "politischen" Arena effektiver werden können - insbesondere wollen sie den Anarcho- Syndikalismus studieren.

"ISKD" (Izmir Savap Karpitlari Dernedi - Verband der Kriegsdienstgegner Izmir) arbeitet immer noch aktiv an antimilitaristischen und pazifistischen Projekten. Der Verband besteht aus Antimilitaristen, von denen die meisten den Kriegsdienst verweigert haben. Die Gruppe hat eine internationale Kampagne zur Unterstützung für ihr Mitglied, den Kriegdienstverweigerer "Ossi" (Osman Murat Ülke) organisiert, der im März 1999 freikam. In Zukunft wird der Verband viel Arbeit haben mit weiteren Verweigerungsfällen und neuen Initiativen im Bereich Antimilitarismus.

In Istanbul gibt es kleinere anarchistische und libertäre Gruppen, von denen einige eigene Zeitungen herausgeben und es gibt auch viele Gruppen in Izmir, Ankara, Antalya, Iskenderun, Adana, Mersin, Canakkale, Konya und Diyarbakir (meist an Universitäten und mit jüngeren Mitgliedern). Eine Gruppe von AnarchistInnen aus der Mittelmeerregion hat kürzlich ein öko- anarchistisches Projekt angefangen/durchgeführt.

Antimilitarismus

In der Türkei ist der Wehrdienst Pflicht für alle Männer, die älter als 20 Jahre sind. Die türkische Armee ist "historisch" stolz darauf, eine der autoritärsten und diszipliniertesten Armeen zu sein. In den letzten Jahren gab es einige Dutzend Anarchisten und Antimilitaristen, die den Wehrdienst verweigert haben. Im Oktober 1996 wurde einer von ihnen, Ossi (Osman Murat Ülke), verhaftet und nach einer internationalen Kampagne im März 1999 wieder freigelassen.

Derzeit sieht es so aus, dass der Krieg in Kurdistan beendet ist und das Militär hat Deserteuren die Chance eingeräumt, bei gleichzeitiger Zahlung einer hohen Geldsumme einen Kurzzeitwehrdienst abzuleisten. Trotz der für antimilitaristische Propaganda ungünstigen Atmosphäre, werden Anarchisten und Antimilitaristen weiter den Wehrdienst verweigern. Für Mai ist ein antimilitaristisches Festival geplant, wenn die örtlichen Behörden die Genehmigung dafür erteilen, aber auf jeden Fall wird es eine Verweigerungsdemo geben. Die "AMI" (Istanbul Anti-Militarist Inisiyatif - Antimilitaristische Initiative Istanbul), ISKD und andere anarchistische/ antimilitaristische Gruppen und Personen kümmern sich um dieses Projekt. Nach der Verweigerung kann der Verweigerer verhaftet werden, also kann eine antimilitaristische Kampagne notwendig sein, die die Unterstützung von AnarchistInnen, AntimilitaristInnen und PazifistInnen braucht.

Zusätzlich zu ISKD und IAMI (aus Istanbul) haben AntimilitaristInnen aus Ankara beschlossen, unter dem Namen ASKD (Ankara Savap Karpitlari Dernedi - Verband der Kriegsdienstverweigerer Ankara) eine neue Initiative zu starten.

Ökologie

Das erste AKW der Türkei soll in Akkuyu in der Nähe des Dorfes Büyükeceli an der Mittelmeerküste gebaut werden. AnarchistInnen kämpfen aktiv gegen den Bau des AKW und arbeiten in Anti-AKW-Plattformen und örtlichen Initiativen mit, nehmen an Demonstrationen teil etc. Die AnarchistInnen der AGF waren nach der KESK (Angestellten-Gewerkschaft) die größte Gruppe, die an der in Mersin organisierten Demo teilnahmen; sie haben auch an anderen Demonstrationen in Istanbul und anderen Orten teilgenommen. Einige AnarchistInnen arbeiten mit Greenpeace zusammen, die gewaltlose direkte Aktionen organisieren.

"Kara Toprak" (Schwarzes Land) ist ein Projekt, das zwischen Orten wie Akkuyu-Büyükeceli, Bergama, Camlihepin-Firtina Vadisi und Camköy, in denen es ökologische Probleme gibt, koordinieren wollte, ist fehlgeschlagen, aber die AktivistInnen arbeiten immer noch auf lokaler Basis.

Anti-Sexismus

Die erste homosexuelle/anti-heterosexistische Zeitung der Türkei, "Kaos GL", wurde von anarchistischen Schwulen und Lesben im September 1994 in Ankara gestartet und erscheint seitdem monatlich. Die Gruppe ist gewachsen, "populärer" geworden, aber hat ihren libertären Charakter nicht verloren und die Zeitung ist die einzige Zeitung von türkischen Schwulen und Lesben. Vor einigen Jahren gründeten Lesben eine eigene Gruppe namens "Sapphonun Kizlari" (Sapphos Mädchen), aber sie arbeiten weiter mit den Schwulen an der Zeitung.

Die Anarchafeministinnen haben von Zeit zu Zeit eigene Treffen, aber haben es bisher nicht geschafft, langfristige "stabile" Gruppen zu organisieren. Eine der ersten anarcha-feministischen Gruppen, die das Zine "Dokunduran Cüksüzler" herausgab, hat sich vor einigen Jahren aufgelöst, aber seit kurzem gibt es neue Initiativen.

Anarchistische Gefangene

Derzeit gibt es keine "anarchistischen Gefangenen" in türkischen Gefängnissen - was heißt, niemensch ist im Gefängnis wegen anarchistischer Aktionen oder weil er/sie Mitglied einer anarchistischen Organisation ist. In der Türkei gibt es über 10.000 "politische" Gefangene, die meisten von der PKK (Partiya Karkaren Kurdistan - Kurdische Arbeiterpartei), an zweiter Stelle von illegalen bewaffneten linken Gruppen und wenige Islamisten. Aber einige Gefangene, die als Mitglieder der PKK oder illegaler linker Organisationen verhaftet wurden, haben ihren ideologischen Standpunkt vom Sozialismus zum Anarchismus geändert und angefangen, sich als "Anarchisten" zu verstehen. Sie schreiben Briefe an anarchistische/libertäre Zeitungen - auf diese Weise erfahren die "freien" AnarchistInnen von ihrer Existenz.

Ein "anarchistischer Gefangener" hat viel mehr Probleme als ein politischer oder Strafgefangener. Der Druck kommt nicht nur von der Gefängnisverwaltung, sondern auch von seiner/ihrer früheren politischen Gruppe. Im Jahr 1998 wurde ein Antimilitarist/Pazifist (ein früheres Mitglied von TIKKO, eine bewaffnete maoistische Gruppe) von der TIKKO im Gefängnis von Bursa getötet unter dem Vorwand, er kooperiere mit Regierungsstellen, aber der tatsächliche Grund war politischer / ideologischer Dissens. Anarchistische Gefangene werden sogar von Linken wegen unsinniger Beschuldigungen "bestraft" und geschlagen, etwa weil sie langes Haar hätten oder Rockmusik hören. Die genaue Zahl der Anarchisten im Gefängnis ist unbekannt, aber es können ca. 20% sein; trotzdem gibt es kein ABC, sondern nur mehrere kleinere Initiativen, die sich um die Probleme der Gefangenen kümmern.

Zeitungen, Zeitschriften, Verlage

Der einzige aktive anarchistische Verlag in der Türkei ist "Kaos Yayinlari" (Chaos-Verlag). Bisher haben sie Bücher zu den verschiedenen anarchistischen Strömungen und Bewegungen veröffentlicht - Bücher von und über Bakunin, Malatesta, Rocker, Tolstoi, Makhno (Makhno-Bewegung), Durruti, Bookchin, Woodcock, Unabomber etc. In den letzten Jahren haben einige linke Verlage auch anarchistische Bücher veröffentlicht: "Airinti Yayinlari" (Airinti-Verlag), die Bücher über Anarchismus und libertäre Ideen herausgeben, sind ein bedeutendes Beispiel.

Derzeit gibt es noch einige anarchistische Zeitungen/Zeitschriften. Die erste Ausgabe der anarchistischen Zeitung "Efendesizler" (Herrenlos) war sehr erfolgreich; über 5.000 Exemplare wurden verkauft und seither sind 13 Ausgaben erschienen. Eine weitere ist "Anarsi" (Anarchie), deren erste Ausgabe im November 1999 erschien; sie steht den Vorstellungen der AGF nahe. "Ates Hirsizi" (Feuerdieb) erscheint nicht mehr so häufig wie früher - sie können nur noch einmal pro Jahr herauskommen. "Apolitika" war eine der wichtigsten türkischen anarchistischen theoretischen Zeitschriften und scheint eingegangen zu sein. "Nisyan" hat zwar den Inhalt für ihre vierte Ausgabe festgelegt, aber es sieht nicht so aus, als würde diese Ausgabe bald erscheinen. Die Gruppe, die die "Karapin" herausgab, plant jetzt eine neue Zeitschrift, die auch Artikel über anarchistische Kultur bringen soll - es wird erwartet, dass sie in einigen Monaten erscheint.

Alle oben genannten Zeitungen/Zeitschriften erscheinen in Istanbul; es gibt außerdem noch viele anarchistische und Anarcho-punk-Zines, die in Istanbul und anderen Orten unregelmäßig erscheinen. AnarchistInnen (oder besser gesagt, anarchistische "Intellektuelle") schreiben auch in bekannten türkischen Zeitschriften wie Varlik, Birikim etc. über Politik, Literatur, Kunst und Philosophie.

Übersetzung: AFD Hamburg Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! (Artikel aus: Anarchistischer Taschenkalender 1997, Ergänzung März 2000)


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"Black Bloc" - ein aktueller Bericht aus dem April 2003

Die weltweiten Proteste in den letzten Jahren gegen Globalisierung des Kapitalismus, begibt die alt/neu AnarchistInnen und AnarchokommunistInnen in Istanbul in eine neue Diskussions-Phase über die Situation unserer Bewegung in der Türkei. Parallel zu den Diskussion finden immer mehr Aktionen und Proteste statt.

Dem Aufruf des "Kara Blok" (schwarzer Block) sind am 6.April über 150 AnarchistInnen, Anti-Autoritäre und AnarchokommunistInnen gefolgt. Die Menge, die sich vor Darülaceze versammelt hatte, und durch die Strassen von Istanbul zog, machte sich mit Sprechkören wie u.a. "Alle Staaten sind Mörder" "Geh nicht zum Militär" "gegen Krieg und Kapitalismus, Anarchistischer Widerstand" "Kapitalisten vergesst nicht Spanien" "Ohne Partei und ohne Führer, Schulter an Schulter" "Nicht die Homosexuellen, sondern das Militär ist untauglich" und Transparenten wie u.a. "Wir werden niemals und von niemanden Soldaten sein" "Nieder mit Staat" "Widerstand gegen Krieg" "Nein" "Tötet Kapitalismus" "Verbrennt die Fahnen, nieder mit den Staaten", und jede Menge schwarzer und schwarz/roten Fahnen. Ohne größere Zwischenfälle löste sich der "Kara Block" bei Sisli, um sich wieder zu treffen.

Eine andere Nachricht kommt von "der Front der StudentInnen" (wie sie sich selber nennen). Eine dezentrale Actiongruppe die in den letzten Tagen in Istanbul (Avcilar, Beyoglu, Beyazit, Bogazici, Taksim, Nisantasi, Beylikdüzü, Macka,..) mit mehreren Direkt-Aktionen gegen McDonalds, BurgerKing, Shell, BP und anderen Konzerne für Aufregung/Diskussionen sorgte. Bei den Aktionen wurden Geschäfte und Gebäude mit Farbe und Eiern beschmissen und Transparente aufgehängt, wo das mörderische Treiben der Konzerne plakativ gemacht wurden. McDonalds und BurgerKing Konsumenten wurden mit Rauchbomben aus den Restaurant vertrieben, wo sie dann draussen ein inhaltliches Transparent zur Aktion zu lesen war. Anders wo reichte es das sie Flugblätter verteilten und die KonsumentInnen verließen die Läden freiwillig. Zu den Aktionen gab es eine Menge von Wandmalerein quer durch Istanbul.

Die Polizei die über die Aktionen aufgebracht war, ging mit extremer Gewalt gegen eine friedliche Protestkundgebung von StudentInnen bei der Universität vor. Dabei wurde vor laufender Kamera eine Studentin mit dem Kopf mehrmals gegen den Asphaltboden geschlagen, einem anderer Student wurden die Finger gebrochen. Es kam zu mehreren Verletzungen unter den DemonstranInnen. Die Studentin machte bei einer Reportage bekannt, das die Repressionen ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmten und freiem Leben nicht brechen wird.

Von den Protesten unabhängig explodierten heute in drei Filialen von McDonalds Bomben. Darunter einer der größten McDonalds Filiale in Istanbul/Sirkeci, die grossen Schaden beklagt. Zwei der Bomben explodierten zu einer Zeit, wo sich keine Menschen im Gebäude befanden, die letzte heute Nachmittag (ebenfalls ohne Schaden an Menschen), auf dem WC einer Filiale, wo zu lesen war "wegen Erneuerung der Anlagen kein Betrieb".

Originaltext: http://www.austria.indymedia.org/front.php3?article_id=23431&group=webcast

Originaltext:
http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a03.html (überarbeitet)


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