Ein langes Leben der Anarchie. Doris Ensinger im Gespräch

Einer der vielen Pluspunkte der Linken Literaturmesse in Nürnberg liegt in der seit nunmehr 20 Jahren gewachsenen Tradition, keine politischen Auswahl- oder Ausschlußkriterien seitens der Veranstaltenden vorzugeben. Linke Literatur erfüllt in einem solchen Rahmen - die Literaturmesse im Nürnberger Komm fand vom 30. Oktober bis 1. November 2015 statt - ihre wohl vornehmste und originärste Aufgabe, indem sie grenzüberschreitende Berührungsflächen und Begnungsstätten bot und mit nicht weniger als 60 Einzelveranstaltungen Gelegenheiten zu persönlichen Kontakten, Nachfragen und Diskussionen zwischen Verlegerinnen und Verlegern, Autorinnen und Autoren und einem interessierten wie engagierten Publikum schuf - und das kreuz und quer durch die thematische Vielfalt rund um Theoriebildung und politische Praxis einer radikalen Linken.

Der Spanische Bürgerkrieg konnte und durfte da nicht fehlen, gilt er doch vielen Engagierten als eine aus linker Sicht wichtige historische Epoche, weil sich am Vorabend des mit ihm, wie viele glauben, eingeleiteten Zweiten Weltkriegs Fragen beispielsweise der Bündnispolitik oder der praktischen Konsequenzen im antifaschistischen Kampf nicht mehr theoretisch beantworten ließen. Aus Sicht anarchistisch interessierter Menschen gilt dies um so mehr, hatte sich doch im Spanien des frühen 20. Jahrhunderts eine anarcho-syndikalistische Bewegung entwickelt, die für eine Sozialpartnerschaft mit den Unternehmen ebensowenig zu gewinnen war wie für die Politik der Kommunistischen Internationalen mit Moskauer Epizentrum.

Auf der Nürnberger Messe legte mit Doris Ensinger, 71, eine Anarchistin und Übersetzerin, die seit langem in Barcelona lebt, Zeugnis ab über die Kämpfe der anarcho-syndikalistischen Bewegung gegen die Diktatur Francos, aber auch die jüngere Geschichte des spanischen Anarcho-Syndikalismus. Ihre Lebenserinnerungen waren im Juni vergangenen Jahres unter dem Titel "Quer denken, gerade leben - Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo" [1] erschienen. Wie sie bei der Präsentation dieser Autobiographie auf der Messe erläuterte, ist ihre persönliche Lebensgeschichte mit der anarcho-syndikalistischen Bewegung eng verwoben, so wie sie sie, vermittelt durch ihre Gefährtenschaft mit dem in der CNT [2] aktiven Anarchisten Edo, nicht nur kennenlernte, sondern ebenfalls zu ihrem Lebensinhalt machte.

Im Anschluß an die Präsentation ihres Buches und die Diskussion mit den Veranstaltungsteilnehmenden erklärte Frau Ensinger sich bereit, dem Schattenblick einige Fragen zu ihrem Anarchie-Verständnis, dem Spanischen Bürgerkrieg und der heutigen Situation in Spanien zu beantworten.


Schattenblick (SB): Begriffe wie Anarchie oder Anarchismus werden heutzutage in Presse und gesellschaftlichen Diskussionen häufig negativ dargestellt und bewertet. Wie würden Sie Anarchie definieren?

Doris Ensinger (DE): Ich habe ein Konzept vorbereitet, in dem es um diese Frage geht. Dafür habe ich den Titel der Rezension meines Buches von Martin Veith gewählt - Anarchie und Liebe -, denn das ist genau das, was ich in dem Kontext eigentlich sagen wollte. Liebe ist tatsächlich ein Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht. Sie ist ein Wesenselement der Anarchie beziehungsweise des Anarchismus, ebenso wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit, kurzum Humanismus. Deshalb habe ich am Anfang meines Vortrags gesagt, daß ich mich freue, mein Buch hier in Nürnberg, der Stadt Albrecht Dürers und des Humanismus, vorzustellen. Gleichwohl setzen allzu viele, Unwissende und Verleumder, Anarchie mit Gewalt und Terror gleich. Nie haben jedoch Anarchisten willkürlich Terrorismus, das heißt Attentate gegen völlig Unbeteiligte, verübt. Wenn sie das Mittel der Gewalt gegen die Unterdrücker einsetzten - sei es gegen einen Zaren, Monarchen oder Diktator -, dann immer, weil es auf Grund der brutalen Unterdrückung kein anderes Mittel mehr gab. Das ist kurz gesagt die Definition.


SB: Sie sind in gewisser Weise auch eine Zeitzeugin des Spanischen Bürgerkrieges, obwohl Sie erst viel später nach Spanien gegangen sind. In der Veranstaltung haben Sie vom "sogenannten" Spanischen Bürgerkrieg gesprochen. Wie haben Sie das gemeint?

DE: Eine Zeitzeugin bin ich vielleicht in dem Sinne, daß Luis Andrés Edo eine unerschöpfliche Quelle von Informationen war. Er hat den Bürgerkrieg als Kind miterlebt und war dann ab Ende der 40er Jahre im antifaschistischen oder antifranquistischen Widerstand tätig. Dadurch, daß er immer wieder erzählt hat von den Menschen und den Genossen, die mit ihm zusammen gekämpft haben oder die noch früher gelebt und eine Bedeutung für den spanischen Anarchismus hatten, habe ich doch einiges Wissen über den Spanischen Bürgerkrieg und all das, was den spanischer Anarchismus betrifft und danach noch passiert ist.


SB: Was wären denn - wenn man das überhaupt sagen kann - Ihrer Meinung nach die größten Irrtümer in der vorherrschenden Geschichtsschreibung zum Spanischen Bürgerkrieg?

DE: Ich weiß nicht, was in Deutschland alles drüber geschrieben wurde, aber es gibt zwei Seiten, die die Geschichte bewerten. Auf der einen Seite die franquistische, faschistische Seite und auf der anderen Seite die antifaschistische, also die beiden Seiten, die im Bürgerkrieg gegeneinander gekämpft haben. Ich weiß nicht, ob man den Anarchisten irgendwelche Fehler wirklich zuschreiben kann. Es war ja so, daß Franco den Putsch machte und sofort Hilfe von Nazi-Deutschland bekam. Die Truppen, die in Marokko stationiert waren, wurden mit Hilfe deutscher Schiffe aufs Festland gebracht, wodurch Franco den Putsch, der sonst vermutlich zusammengebrochen wäre, aufrechterhalten konnte. Die Deutschen - die deutsche Luftwaffe, die Legion Condor, hat bis zum Ende des Bürgerkrieges Städte bombardiert - haben genauso wie das faschistische Italien unter Mussolini das faschistische Spanien unterstützt.

Auf der anderen Seite gab es nur ein Land, daß die Verteidiger der Republik unterstützt hat, und das war die Sowjetunion. Die war nicht daran interessiert, daß die Anarchisten oder Anarcho-Syndikalisten die Revolution machen, sondern wollte den Kommunismus durchsetzen, und das führte dazu, daß schließlich die Kommunisten, die im ersten Jahr des Bürgerkriegs erstarkt sind, gegen die Anarchisten vorgegangen sind. Dadurch fiel praktisch der Kampfeswillen zusammen, weil die Anarchisten boykottiert wurden und sahen, daß sie irgendwie auf verlorenem Posten stehen.


SB: Es heißt, die anarcho-syndikalistischen Kämpfer Barcelonas wären innerhalb der Volksfront mit schlechten Waffen ausgerüstet worden. Wissen Sie, wann das war? Läßt sich das belegen?

DE: Ja, das läßt sich belegen. Die Anarchisten haben am 19. Juli 1936 die Kasernen gestürmt und die Waffen der Armee erbeutet. Doch dann kamen mit Fortdauer des Krieges Waffen aus der Sowjetunion, aber nicht in die Hände der Anarchisten, sondern wurden praktisch der Regierung übergeben. Ab einem gewissen Zeitpunkt - 1937 oder 1938 - war es ein Kommunist, der an der Regierung stand, und alles, was aus der Sowjetunion kam, wurde dann eben an die Kommunisten gegeben und nicht an die Anarcho-Syndikalisten oder Anarchisten. Es ist auch bekannt und belegt, daß Juan Negrín, der damals Ministerpräsident war, mehr oder weniger das gesamte Gold, das in der spanischen Bank war, nach Moskau gegeben hat und dafür die Waffen bekam.


SB: Was war denn, von der Sowjetunion einmal abgesehen, mit den anderen Staaten? Es gab ja eine Absprache zwischen den europäischen Staaten, sich nicht in den sogenannten Bürgerkrieg in Spanien einzumischen, an den sich manche gehalten haben und andere nicht.

DE: Vor allem Frankreich und Großbritannien waren schlicht für die Nichtintervention. Das hat die spanische Republik diesen beiden Ländern sehr übel genommen, weil sie dadurch den Faschisten mehr oder weniger dazu verholfen haben, überhaupt ihren Putsch weiterzuführen. Wenn diese Länder eingeschritten wären und Hilfe geleistet hätten, dann wäre das vielleicht anders ausgegangen. Aber sie haben gesagt, wir wollen das nicht, um, glaube ich, Hitler nicht zu reizen. Aber Hitler hatte ja seine eigenen Pläne, da brauchte niemand zu kommen, um ihn zu reizen. Doch kommen wir noch einmal auf die Frage zurück: War das ein Bürgerkrieg oder was war das eigentlich? Viele Historiker gehen davon aus, daß es der Beginn des Zweiten Weltkrieges war.


SB: Wie stark waren denn linke Bewegungen in den übrigen europäischen Staaten, für die das republikanische Spanien als demokratisches oder vielleicht auch sozialistisches Beispiel von besonderem Interesse war?

DE: Die einzige linke Regierung, die es damals gab, glaube ich, war die Léon Blums in Frankreich. Ab 1936, mit Beginn des Bürgerkriegs oder wie immer man das nennen möchte, kamen dann Linke aus ganz Europa und aus den Vereinigten Staaten nach Spanien. Das waren aber keine linken Bewegungen, sondern, soweit ich weiß, mehr oder weniger Individuen, die dort für die Freiheit und gegen den Faschismus kämpfen wollten. Das war 1936, als Hitler schon drei Jahre an der Macht war. Ich denke, auch wenn viele Deutsche vielleicht immer noch behaupten, sie hätten nicht gewußt, was Hitler wollte, daß viele doch gesehen haben, daß das alles Kriegsvorbereitungen waren. Es war ja auch nicht nur die Luftwaffe. Die Legion Condor hat natürlich Waffen getestet, Brandbomben und Phosphorbomben, die schon damals völkerrechtlich verboten waren und die sie auf die Zivilbevölkerung, also auf Städte und Dörfer, abgeworfen und eben ausprobiert hat, was dann passiert.


SB: In Spanien gibt es viele tragische Schicksale von Menschen, die in diesem Krieg ihr Leben verloren haben und deren Leichname für eine sehr lange Zeit nicht geborgen wurden. Soweit ich weiß, wurde erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, die Bergung dieser Opfer einzufordern. Können Sie etwas zum aktuellen Stand dieser Bemühungen sagen?

DE: Das war eine Forderung, die schon etwa 1976/77 aufkam, allerdings noch nicht in dem Maße verbreitet war, wie sich das dann mit der Zeit entwickelte. Die Opfer beziehungsweise ihre Familien mußten ja praktisch 40 Jahre schweigen. Die durften gar nicht sagen: Unser Mann oder Bruder oder wer auch immer ist von den Faschisten ermordet worden. Das lag alles unter einem Mantel des Schweigens, und es dauerte eine gewisse Zeit in der Demokratie oder wie man das System nennen möchte, bis sich da was getan hat. Das ist, glaube ich, auch das große Versagen der Sozialistischen Partei, die 8 oder sogar 12 Jahre die absolute Mehrheit hatte, aber nichts gemacht hat. Wahrscheinlich hat auch dieser Pakt, den sie mit den Franquisten geschlossen haben, nämlich alles ruhen zu lassen, eine Rolle gespielt. Das Amnestiegesetz, das erlassen wurde, bedeutete zwar auf der einen Seite die Freilassung der politischen Gefangenen, aber auf der anderen Seite auch Straflosigkeit für die Täter. Deswegen ist bis heute noch niemand vor Gericht gebracht worden, obwohl manche Täter noch leben.

In den 1990er Jahren wurde diese Strömung immer stärker. Überall wurden Vereinigungen gegründet, um die spanische Geschichte aufzuarbeiten, und innerhalb dieser Bewegung entstanden dann Gruppen, die konkret nach ihren Angehörigen suchten. Der Stand ist, daß Gräber gefunden, sterbliche Überreste ausgegraben und DNA-Analysen gemacht wurden, um feststellen zu können, wer da eigentlich drin liegt. Aber es gibt immer noch ca. 100.000 oder 120.000 dieser Opfer, die irgendwo an den Straßenrändern verscharrt sind, und die Regierung will kein Geld dafür geben.


SB: In der Veranstaltung heute morgen haben Sie gesagt, daß Sie in Barcelona leben, sich aber nicht als Katalanin verstehen. Wie stehen Sie denn zur Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens?

DE: Wenn ich mich als Anarchistin oder Libertäre definiere, dann will ich natürlich keinen Staat und auch nicht einen neuen Staat. Für mich gilt das förderalistische Prinzip, und deshalb finde ich es wichtig, daß man eben auf gleicher Augenhöhe miteinander diskutiert und sich abspricht. Und so würde ich es unterstützen, wenn - was viele inzwischen wollen - in Spanien die Verfassung neu diskutiert und darüber gesprochen wird, ob man die parlamentarische Monarchie weiter beibehält oder vielleicht eine andere Staatsform, nämlich einen förderalistischen Staat wie in der Bundesrepublik oder sonstwo, als neues System wählt.


SB: Könnte es eine Lösung sein, mit der sich zumindest ein gewisser politischer und sozialer Fortschritt auch für Katalonien oder das Baskenland realisieren ließe, wenn Spanien sich eine neue Verfassung gäbe ähnlich dem deutschen Grundgesetz, in dem das föderale Staatsprinzip festgeschrieben wurde?

DE: Ich glaube, das würde viele Gemüter beruhigen, die zur Zeit sehr aufgebracht sind, und die Menschen kämen wieder dazu, miteinander zu sprechen. Wenn das nicht geschieht, wird der spanische Staat wahrscheinlich weiter implodieren und erodieren, wie auch immer das aussehen mag, und wird schließlich aufhören zu existieren.


SB: Welche Optionen gäbe es Ihrer Einschätzung nach seitens der EU oder auch der NATO, sollte in Spanien tatsächlich die staatliche Ordnung zusammenbrechen? Wäre das für diese Institutionen irgendwie noch akzeptabel oder würden sie womöglich Maßnahmen ergreifen, um den Status Quo zu erhalten?

DE: Das kann ich nicht sagen. Zumindest die Katalanen wollen ja, daß der neue katalanische Staat in der EU und in der NATO bleibt. Aber in der NATO zu bleiben bedeutet doch, soweit ich weiß, eine eigene Armee zu haben. Da taucht doch die Frage auf, woher würde dieser neue Staat das Geld für eine Armee nehmen? Und würden die Katalanen überhaupt eine Armee wollen?


SB: Wenn Sie Ihre Lebenserfahrungen zusammenbündeln wollten, wenn vielleicht jüngere Menschen danach fragen, was die Quintessenz dessen sei, was Sie in Ihrem Leben gelernt und erfahren haben, was würden Sie wohl antworten?

DE: Ich bin dem Leben sehr dankbar, weil ich so erzogen worden bin, daß ich kritisch denken lernte. Sicherlich haben auch meine Eltern dazu beigetragen. Diesen Lernprozeß habe ich dann auf der Universität weiter fortgesetzt. Damals waren die Universitäten noch ein bißchen anders als vielleicht in den letzten 15 Jahren. Damals hat man auf kritisches Denken und die Analyse von Texten unheimlich viel Wert gelegt, was, wie ich glaube, inzwischen verlorengegangen ist. Das Wichtigste ist doch auch hier die Selbstbestimmung, die ja auch ein anarchistisches Prinzip ist. Die ist im Grundgesetz verankert, aber meiner Meinung nach darf sich hier eigentlich niemand wirklich selbst verwirklichen.

SB: Vielen Dank, Frau Ensinger, für das Gespräch.

Fußnoten:
[1] Quer denken, gerade leben - Erinnerungen an mein Leben mit Luis Andrés Edo. Von Doris Ensinger (Barcelona), erschienen im Juni 2015 in der Reihe "Anarchistische Erinnerungen" im verlag barrikade. ISBN 978-3-921404-01-0
[2] Die CNT (Confederación Nacional del Trabajo) ist eine Föderation anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften, die 1910 in Barcelona gegründet wurde. Mit rund zwei Millionen Mitgliedern nahm sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Franco-Diktatur ein. 1939 wurde sie zwar zerschlagen, setzte ihren Widerstandskampf jedoch aus dem französischen Exil fort. Nach dem Tod Francos versuchte die CNT, sich in Spanien zu reorganisieren, konnte jedoch nicht an ihre frühere Größe anknüpfen.

Originaltext: http://www.schattenblick.de/infopool/d-brille/report/dbri0040.html


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