Rezension: CrimethInc. “Work”

Das sogenannte CrimethInc. Kollektiv hat sich seit seiner Entstehung Mitte der ’90er stark verändert, hat sicherlich einiges hinzugelernt, womöglich aber manches verloren. Ihr neuestes Buch “Work” ist eindeutig eine Abkehr von alten Ansichten, ein suchender Blick nach neuer Orientierung und eine Einführung in den neuen alten Kapitalismus.

Der Aspekt der Abkehr wird besonders deutlich in der Distanz die CrimethInc. zu der Idee des Aussteigens einnimmt. Ließ sich CrimethInc. vor noch nicht einmal zehn Jahren dazu hinreißen “Evasion”, in welchem das Aussteigertum des Punk zur Spitze getrieben und verherrlicht wurde, zu veröffentlichen, so liegt in “Work” nun eine explizite Kritik solcher Vorstellung dar: “[…] [T]hose who drop out don’t find themselves in another world - they remain in this one, plunging downward.” (S. 312)

War in “Evasion”, das deswegen viel Kritik auf sich gezogen hat, Aussteigen zumindest noch eine Möglichkeit mit dem Kapitalismus subversiv umzugehen, so ist in “Work” dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der subversive Charakter des Aussteigens wird gewogen und für zu leicht befunden, stattdessen empfiehlt CrimethInc. den Job zu behalten in diesem aber offensiv zu agieren (vgl. S. 349). Gefeuert zu werden scheint dabei kalkuliertes Risiko zu sein.

Mit der Abwendungen von solchen Positionen, die einst als typisch für CrimethInc. galten, kommt es gleichzeitig zu einer Hinwendung zu tendenziell marxistischen Positionen. Begriffe wie “Alienation” (Entfremdung) und “Exploitation” (Ausbeutung), die eindeutig aus der marxschen Tradition stammen, spielen bedeutende Rollen. Nun möchte ich CrimethInc. nicht vorwerfen sich am Marxismus zu bedienen, denn trotz allem gibt es etwas von diesem zu lernen, gerade, was ökonomische Analysen betrifft. (Nicht, dass es im Marxismus nicht mehr als genug gäbe, an dem mensch sich konfrontativ abarbeiten sollte.) Aber es ist auffällig das CrimethInc.’s Bezüge auf den Marxismus dann am produktivsten scheinen, wenn die marxschen Kategorien herangezogen werden um sogleich verdreht und neu gedeutet zu werden. An diesen Stellen hilft CrimethInc. alte Begriffe neu zu verstehen und produktiv zu machen.

Schlussendlich muss CrimethInc. aber in der Analyse, soweit sie marxistisch ist, selbst hinter den marxistischen Analysen zurückbleiben. Es gelingt den Autor_innen nicht das Spielfeld des Marxismus, die Ökonomie so zu drehen, dass sie selbst wieder einen Vorteil gegenüber eben diesem hätten.

Ein Unterschied zum Marxismus mag im starken Bezug auf den Poststrukturalismus liegen, so taucht der von Baudrillard geprägte Begriff des Simulacrums mehrmals auf (insbesondere S. 185f.), aber spätestens seit der Hyperpopularität von Slavoj Žižek sind derartige Bezüge auch von marxistischer Seite ein aufgenommener Punkt. Wir könnten selbstredend die Frage stellen, ob denn eine Abgrenzung notwendig sei.

Gerade CrimethInc. scheint dies her durch den Kontrast zu ihren früheren Büchern zu beweisen. Bisweilen fehlt Work das spezifisch Anarchistische, welches sonst beim Kollektiv deutlich zu Tage tritt. Eine anarchistische Perspektivität, ein Blick aus dem Selbst heraus, der dem Marxismus immer suspekt war und es vermutlich auch bleiben wird. An manchen Stellen, insbesondere den persönlichen Erzählungen wird dies noch deutlich, als roter Faden fehlt es jedoch und tritt hinter einen systematisierenden Blick zurück.

Weitgehend gelungen ist “Work” als eine Einführung in antikapitalistische Theorien. Dabei werden, wie schon deutlich wurde, eklektisch die unterschiedlichsten Theorieelemente zusammengewürfelt und kurz beschrieben. Dieser Einleitungscharakter geht auf Kosten der Argumentationsschärfe. So finden sich immer wieder funktionalistische Argumentationsweisen, etwa wenn Gefängnisse durch ihre Funktion im Kapitalismus erklärt werden (S. 144). Solche funktionalistische Muster haben in den Sozialwissenschaften ihren heuristischen Wert, werden aber nicht umsonst oft kritisch beäugt. Schlussendlich ist das Erkennen einer Funktion noch keine Erklärung, diese müsste auf die historische Entwicklung eingehen, die hinter einem Phänomen wie dem Gefängnis stehen, eingehen. Dafür sind die Auseinandersetzungen mit diesen Themen aber schlichtweg zu knapp.

Der Einleitungscharakter, der Anspruch alles zu erklären, fordert seinen Preis. Wer den gesamten Kapitalismus auf 369 Seiten, von denen ein guter Teil auch noch mit Bildern gefüllt ist, erklären will wird oft ungenügende Argumentationen bemühen müssen. Vielleicht wäre das Buch besser geworden, wenn es bei dem geblieben wäre, was der Titel verspricht: Work. Statt sich aber nur dem Arbeitsprozess und den Widerstandsformen und -möglichkeiten in diesem zu widmen, versucht CrimethInc. gleich eine Analyse des gesamten Kapitalismus. Eine Mission, die an Grenzen stoßen muss.

Mit “Work” legt CrimethInc. eine “state of the art” antikapitalistische Analyse des Kapitalismus vor. Hier und da scheinen noch die alten CrimethInc. Perspektivedn durch, doch sie sind eindeutig in den Hintergrund geraten. Die vielleicht etwas naive Unverfrorenheit mit der CrimethInc. noch “Days of War – Nights of Love” schrieb ist dahin, sie ist einer reiferen, aber auch gewöhnlicheren Wendung der Theorie gewichen. CrimethInc. droht seine Besonderheit zu verlieren. Doch bleibt zu hoffen, dass das CrimethInc.-Kollektiv eine Fähigkeit nicht verloren hat, die es bisher immer wieder unter Beweis gestellt hat: Die Fähigkeit sich neu zu erfinden.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei systempunkte.org

Originaltext: http://yaab.noblogs.org/post/2012/12/21/rezension-crimethinc-work/


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