Referat über Anarchismus

Vorwort: Dieses Referat soll und kann keinen Gesamtüberblick über die gesamte anarchistische Bewegung geben, da diese so vielfältig und heterogen ist, dass die unzählbaren Denkansätze und Beispiele für eine funktionierende anarchistische Gesellschaft zahlreiche Bücher füllen. Somit soll dieses Referat nur die gröbsten Vorurteile gegenüber dem Anarchismus ausräumen, vielleicht etwas Interesse für diese interessante Gesellschaftsutopie wecken, sowie zum Nachdenken anregen.

Definition des Begriffes Anarchie im gesellschaftlichen Sprachgebrauch

Wenn man nun mal auf der Straße eine Umfrage unter den Leuten machen würde, was sie sich unter dem Begriff "Anarchismus" vorstellen, bekäme man wohl vom weitaus größten Teil der Befragten ein wahres Horrorszenario geschildert, in welchem Mord und Totschlag, Jeder gegen Jeden, Chaos, den gesamten Tagesablauf dominieren würde. Dass dies schlicht und ergreifend falsch ist, kann man den wenigsten Leuten nur schwer begreiflich machen, da diese zumeist nur auf das "Wissen" zurückgreifen können, was der Staat einem zu diesem Thema vorsetzt, sofern man sich nicht selber darüber informiert, was Aufgrund des negativen Beigeschmacks bei der Erwähnung dieses Wortes wohl bei den meisten Menschen nicht der Fall sein dürfte.

Versuch einer Erklärung des Ursprungs dieser fehlerhaften Definitionen

Den geschichtlichen Ursprung hat diese fehlerhafte Definition wohl in der Zeit um 1900 herum. Zu dieser Zeit machte man in zahlreichen Ländern eine regelrechte Hetzjagd auf Anarchisten und Sozialisten, die sich nicht in die Parteistruktur einfügen wollten, sondern auf die "soziale Revolution von unten" hinarbeiteten. Eines der bekanntesten Repressionsmittel im dt. Kaiserreich unter Bismarck war das sogenannte "Gesetz zur Beendigung sozialistischer Umtriebe", kurz das "Sozialistengesetz".

Dieses nahm den Anarchisten und den libertär-Sozialisten beinahe jede Möglichkeit auf legalem Wege für ihrer Ziele einzutreten. Unangekündigte und unberechtigte Hausdurchsuchungen auf Grund fadenscheiniger Argumente, Beschlagnahmung von libertärer Literatur, Verbot von Arbeiterzeitungen, Benachteiligung im gesellschaftlichen Leben, aggressives Vorgehen bei Arbeiterdemonstrationen sowie Streiks und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen führten dazu, dass sich irgendwann der Zorn der Arbeiter in einzelnen Attentaten entlud, da sie sich davon eine Verbesserung ihrer Situation versprachen. Dies nannte man "Propaganda durch die Tat" und war auch in anarchistischen Kreisen umstritten. Doch auch dadurch gab man dem Staat nur den Vorwand zu weiteren Repressionen; eine Verbesserung der Lage trat nicht ein.

Daher nimmt dieser Teil auch nur einen kurzen Zeitraum in der anarchistischen Geschichte in Anspruch; ca 5-10 Jahre mit nicht mehr als vielleicht 50 Toten. Dies ist keine Rechtfertigung für die angewendete Gewalt, jedoch soll es nur verdeutlichen, wie unbedeutend diese Phase aus "propagandistischer" Sicht war, zumal wenn man betrachtet, wie viele Arbeiter während dieser Zeit während Demos, Streiks oder Verhören ums Leben kamen.

Davon unberührt waren die Sozialdemokraten, welche sich in das parlamentarische System eingepasst hatten und von Bismarck akzeptiert wurden. Tatsächlich kam ihnen das Sozialistengesetz sogar zugute, da diese sich auf diese Weise von unliebsamen (weil zu revolutionären) Genossen auf elegante Art und Weise entledigen konnten. Einer der bekanntesten Sozialdemokraten auf die dies zutraf war Johannes Most, welcher schon immer innerhalb der SPD mit anarchistischen Mitteln für anarchistische Ziele gekämpft hatte - zur Freude der einfachen Arbeiter; zum Leid der Parteisozialisten. Nach seinem "ins Exil gehen" erkannte er, dass er wohl sein gesamtes Leben schon Anarchist gewesen war.

Obwohl sich die Gewalt der Arbeiter zumeist nur gegen die sie Unterdrückenden richtete, hat der Staat es geschafft, diese kurze Periode in der Geschichte der anarchistischen Arbeiterbewegung als das Normalverhalten eines Anarchisten darzustellen und den Bürgern vorzuspiegeln, dass die Anarchisten eine Gefahr für die Ordnung und das Zusammenleben darstellen würden. Trotz zahlreicher Beispiele, bei der die Anarchisten eine schaffende Kraft waren, d.h. sie es geschafft hatten, eine libertäre Gesellschaft nach ihren Idealen aufzubauen, und zahlreicher Literatur, in welcher fast einstimmig die Gewaltanwendung nur als letzte Lösung, oder sogar ganz abgelehnt wird, ist sogar noch heute, vielleicht durch den Zusammenbruch der revolutionären Arbeiterbewegungen mehr als je zuvor, das landläufige, vom Staat geprägte Bild eines Anarchisten, das eines das Chaos liebenden, Bomben werfenden, Kinder fressenden Mörders.

Geschichtliche Entwicklung des Begriffes "Anarchie" bzw. "Anarchismus"

Also, das erste mal erwähnt und geschichtlich belegt wurde der Begriff im antiken Griechenland. Dort bezeichnete man mit dem Wort „anarchia“ die (militärische) Führerlosigkeit. Auch in manchen Philosophenschulen finden sich anarchistisch/libertäre Ansätze z.B. Zenon, den Begründer der Stoiker oder Diogenes von den Kynikern (lat. die Hunde, da sie in völliger Abstinenz aller weltlichen Güter lebten, und keinen Wert auf gepflegte Umgangsformen oder Regeln legte und somit häufig anstößig wirkten). Danach kam der Begriff für längere Zeit in Vergessenheit - relativ gesehen.

Seinen nächsten großen Auftritt hatte die Bezeichnung „Anarchist“ während bzw. nach der franz. Revolution, in der die konservativen Kräfte die Vertreter eher reformorientierter Politik durch diese Bezeichnung in Misskredit bringen wollten.

Als Vater des Anarchismus gilt William Godwin (1756-1836), der als erster die totale Herrschaftslosigkeit, keinerlei Regierung und die gleichmäßige Verteilung des Eigentums unter alle Mitglieder der Gesellschaft forderte. Er setzte dabei auf die Vernunft des Menschen. William Godwin war gegen gemeinschaftliche Aktionen der Menschen und als einzige Organisationsform der Gesellschaft schwebten ihm Jurys auf örtlicher Ebene vor, die Streit schlichten sollen und deren Ziel der Vorteil des Einzelnen ist.

Die Geburt des „neuzeitlichen Anarchismus“ ist zeitlich wohl um 1850 kurz vor der 1. Internationalen einzuordnen, während welcher Michael Bakunin in Disput mit Karl Marx geriet, da man unterschiedlicher Ansicht war, wie das doch starke Parallelen aufweisende Ziel erreicht werden sollte. Dazu sie noch zu sagen, dass der bakunistische Flügel, also der des libertären Sozialismus bzw. des Anarchismus zunächst lange Zeit den größeren Rückhalt unter den Arbeitern hatte, denn im Gegensatz zu Marx und Engels, die nur in Deutschland auf eine gewisse Basis setzen konnten, waren deren Ideen in anderen Ländern weit verbreitet. Die libertären Ideen fielen in England, Frankreich, Italien, Spanien, gesamt Amerika auf fruchtbaren Boden und bestimmten dort auf lange Zeit die Vorgehensweise der Arbeiterbewegung. Diesen Einfluss konnte Marx nur durch einige Winkelzüge unterwandern. Dieser Disput führte letztlich auch zur Abspaltung der Anarchisten von der kommunistischen bzw. sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Anders als die Kommunisten wollten die Anarchisten nämlich keinen starken Staat, der das Volk zu seinem Glück zwingt, sondern sollte jeder Mensch durch reine Vernunft zu dem Entschluss kommen, dass es besser sei zum Wohl aller Menschen auf einen ausschweifenden Lebensstil zu verzichten. Des weiteren wollte man keinen Staat, der alles für einen regelt, sondern man war der Meinung, dass nur der einzelne selbst entscheiden könne, was er für erstrebenswert halte. Da jedoch in einem gemeinschaftlichen Zusammenleben immer Absprachen getroffen werden müssen, strebte man eine Art Basisdemokratie an, in der alle Macht auf alle Mitglieder der Gesellschaft gleichmäßig verteilt würde. Da aber niemand mehr Macht hätte, als ein anderer, gäbe es ja de facto keine Macht mehr (Keine Macht für Niemanden). Manche sehen etwa den Zusammenbruch des Realsozialismus 1989 auch als späten, unbedankten Sieg der Anarchisten, die bereits zu Zeiten der ersten Arbeiterinternationalen davor warnten, dass der Weg des Staatssozialismus für die Menschen keine Befreiung bringen, sondern in Tyrannei und Diktatur enden würde.

Die Kernideen der "großen" Vordenker des "modernen" Anarchismus

Radikal Individualistischer Anarchismus

Als Begründer und Hauptvertreter dieser Strömung kann man wohl Max Stirner(1806-1856) mit seinem Werk "Der Einzige und sein Eigentum" nennen. Von ihm stammt auch das Motto des Rad. Indiv. Anarchismus: "Mir geht nichts über Mich!"

Stirner sieht den Menschen als nicht gesellschaftliches Wesen, sondern als einzelnes Individuum. Er verwendet auch bewusst den Begriff des "Egoisten", nur ist dieser Typ Mensch bei ihm nicht der geläufige Egoist, der so Produkt der jetzigen Gesellschaft ist, sondern es ist der selbstbewusste, hilfsbereite Egoist, der sich um seine Mitmenschen und um seine Umgebung kümmert, da er erkannt hat, dass er so wie er ist nur das Produkt seiner Umwelt ist. "Denn als konkreter Mensch bin ich mit anderen verbunden, bin verbunden mit Tier- und Pflanzenwelt, kurz der gesamten Natur. Würdige ich sie nicht, so beschneide ich mich selbst in meinem konkreten Leben."

Die anarchistische Gesellschaft besteht für ihn aus einer losen Verbindung von Egoisten. "Ich kann zwar Egoist sein, aber nicht Autist und bezugslos im Verhältnis zu anderen existieren." Stirner sieht aber auch die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen an, sofern man eine Rechtfertigung für diese hervorbringen kann.

Solidarischer Anarchismus

Als wichtigsten Vertreter kann man hier wohl den Franzosen Pierre Joseph Proudhon(1809-1865) nennen. Proudhon war ein sehr widersprüchlicher Mensch, so war er in seinen Gesellschaftsutopien ein sehr fortschrittlicher Denker, in Sachen Ehe und Familien aber selbst für seine damalige Zeit erzkonservativ. "Wenige Denker haben so deutlich wie er erkannt, dass der einzelne Mensch, dem doch alles Handeln im politischen, sozialen, ökonomischen Felde dient, oder wenigstens dienen sollte, zu kurz kommt, ja unter Umständen unter die Räder gerät, wenn man dem Volk oder der Nation, dem Vaterland oder dem Staat einen zu hohen Rang einräumt."

Proudhon legte wie alle Anarchisten sehr viel Wert auf das einzelne Individuum und seine Freiheit, vertrat aber  eher eine gegenteilige Meinung als der radikale Individualismus Stirners. "Der freieste Mensch ist derjenige, der die meisten Beziehungen zu seinesgleichen unterhält." (Pierre Joseph Proudhon)

Neben den gesellschaftlichen Aspekten hat sich Proudhon auch sehr viel mit der ökonomischen Seite des Anarchismus beschäftigt, sich eigentlich sogar als erster richtig damit beschäftigt. Von ihm stammt auch der Grundsatz: Eigentum ist Diebstahl! Aber Eigentum ist hier nicht gleich Besitz! Eigentum waren für Proudhon die Produktionsmittel, Zins, Miete und Dividende. Eigener, erarbeiteter Besitz hingegen sollte gesichert werden. Er forderte die Aufteilung des Großeigentums der herrschenden Klasse auf autonome Kleineigentümer und Kleinproduzenten. Die Ober- und die Unterschicht sollten sich im Mittelstand mit massenhaften Kleinunternehmern treffen. Proudhon hatte die Vorstellung einer Volksbank, wo Produkte getauscht werden sollten (kein Geld!) und es zinslose Kredite geben sollte. Ein von ihm unternommener eigener Versuch einer solchen Volksbank schlug allerdings fehl, da er aufgrund einer seiner zahlreichen Agitationen für längere Zeit ins Gefängnis musste. Mit seinen ökonomischen Betrachtungen des Anarchismus hatte Proudhon eine große Bedeutung für den Anarchosyndikalismus.

Anarchosyndikalismus

Während im Solidarischen Anarchismus Kleinbürger, Handwerker und Landarbeiter die soziale Basis bilden, bilden diese im Anarchosyndikalismus die Industriearbeiter. Ziele des Anarchosyndikalismus waren die Ablösung des Staates und der kapitalistischen Gesellschaft und die Übernahme der Produktionsmittel durch die Gewerkschaften (franz.: syndicat). Vom Prinzip her also genau wie im Kommunismus, jedoch sollte nach der Revolution die Zukunft hier dann aber gänzlich anders aussehen als im Kommunismus. Als Mittel der Revolution galten Generalstreik, Sabotage, Blockade und Fabrikbesetzungen.

Im Gegensatz zu den anderen Strömungen des Anarchismus konnte der Anarchosyndikalismus sogar einige größere praktische Erfolge aufweisen, da es gelungen war einige Projekte auch umzusetzen. Am bedeutendsten war dabei der spanische Anarchismus: 1910 wurde in Spanien die CNT (Confederacion Nacional de Trabajo) gegründet, die bis zum spanischen Bürgerkrieg etwa 700000 Mitglieder zählte. Die CNT proklamierte den freiheitlichen Kommunismus (communismo libertario/ libertärer Kommunismus) ohne Staat und Privateigentum, gegründet auf Syndikate und Kommunen. Nach der Revolution 1936 konnte sie in den, von der gegen die Regierung putschenden Armee Francos noch nicht besetzten Gebieten, einige ihrer Ziele zeitlich und lokal begrenzt verwirklichen. Doch die Niederlage der Revolution bedeutete auch die Niederlage für den Anarchismus.

Kommunistischer Anarchismus

Als Vater dieser Anarchismus-Idee muss wohl der Russe Kropotkin gelten. Nach seiner Vorstellung sollte ein freies Zusammenleben auf Grundlage der gegenseitigen Hilfe funktionieren. Seine Gesellschaftsutopie beruht auf sozialer Vernetzung (im Gegensatz zu Stirner), Dezentralisierung, basisdemokratischer Selbstverwaltung und zeitlich begrenzten soziokulturellen Institutionen. Anstelle der staatlichen Reglementierung tritt die freie Vereinbarung, treten freie Gruppen und frei gebildete Förderationen. Diese unterteilt er in 3 Grundtypen.

  1. Territorial bestimmte Gebilde ("Ortsgemeinden")
  2. Gruppierungen aufgrund sozioökonomischer Funktionen ("Werkgemeinden")
  3. Durch persönliche Affinität gebildete Einheiten ("Wahlgemeinden")


Für Kropotkin galten die mittelalterlichen Gilden als Modellorganisationen der gegenseitigen Hilfe. Sie stellten Zusammenschlüsse dar, die aufgrund eines gemeinsamen Interesses, einer gemeinsamen Unternehmung entstanden. Oftmals waren sie zeitlich begrenzte Verbindungen. Grundlage war die Gleichheit aller Beteiligten, die in eigener Initiative eine Ordnung konstituierten. Interessant ist, dass Kropotkin radikal das Gemeineigentum forderte. Dazu zählten für ihn nicht nur die Produktionsmittel - nein, er forderte auch das Gemeineigentum der Konsummittel wie Nahrung und Kleidung. Auch die völlige Abschaffung jeglichen Lohnsystems war wie für viele andere ein seiner Hauptforderungen.

Kollektiver Anarchismus

Wie der Name schon sagt, ist die Freiheit im Kollektiven Anarchismus nicht die egoistische Freiheit des Einzelnen, sondern durch die Vereinigung der Menschen wird die Freiheit erreicht. Hauptvertreter dieser Strömung ist der Russe Michael Bakunin (1814-1876), der mehr ein Mann der Verschwörung und der revolutionären Praxis war. Auch im Kollektiven Anarchismus kommt es zur Ablösung des Staates durch eine Revolution, hier einer Revolution wie man sich eine vorstellt. Bakunin ging davon aus, dass aus der revolutionären Zerstörung der Neuaufbau einer gewaltlosen Gesellschaft erfolgt. "Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust." Hier ist unbedingte Vorsicht geboten, damit die Gewalt nicht irgendwann zum Selbstzweck wird und man nur noch um des Zerstörens Willen zerstört.

Welche Rolle spielte der Anarchismus in der Internationalen Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert?

Der Einfluss, den die libertäre Bewegung auf die Arbeiterbewegung ausgeübt hat, ist beträchtlich gewesen, auch wenn er selten als solcher anerkannt wird. Ob einem das gefällt oder nicht, die Anarchisten repräsentieren sehr wohl eine authentische Strömung der internationalen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, und ihre Äußerungen finden sich in allen revolutionären Bewegungen wieder, im 19. wie auch im 20. Jahrhundert. Angefangen bei der Pariser Kommune von 1871 oder in den Revolutionen von Russland und Spanien in den Jahren 1917 und 1936.

Es sei zum Beispiel anzuführen, dass während der 1. Internationalen der libertäre Flügel einen ungemein höheren Einfluss hatte, als der marxistisch/autoritäre Flügel. Erst im Laufe der Zeit gelang es Marx durch geschickte Manipulation dem bakunistischen Teil den Zugang zur Internationalen zu verweigern und somit den Weg frei zu machen, um diese für seine eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Einfluss der anarchistischen Ideen hat sich vor allem innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen deutlich bemerkbar gemacht, wie in der CGT in Frankreich, der USI in Italien, der CNT in Spanien, aber auch der FORA in Argentinien, der IWW in den Vereinigten Staaten, der FAUD in Deutschland oder der SAC in Schweden. Wie man sieht, die Liste ist lang. Jede dieser Organisationen vorzustellen, würde darauf hinauslaufen, für jedes dieser Länder einen Abriss der Geschichte ihrer Arbeiterbewegung an sich zu geben. Beschränken wir uns auf den Hinweis, dass 1922 der Gründungskongress einer (zweiten) Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), auf dem die anarcho-syndikalistischen Organisationen vertreten waren, die sich geweigert hatten, sich der bolschewistischen Internationale anzuschließen, mehrere Millionen Mitglieder zählte.

Das größte "Problem" des Anarchismus, sowie zugleich dessen größter Sympathiefaktor

Das größte "Problem" des Anarchismus ist, dass es keine festgeschriebene Ideologie gibt, sondern die gesamte Bewegung sehr heterogen ist, sich selbst ständig relativiert und ständig in Bewegung ist. Dies hat jedoch zugleich auch etwas positives, da man sich selbst nicht für unfehlbar hält, so wie die autoritär-Kommunisten oder auch die bürgerlichen Demokratien, sondern man auch dazu bereit ist, seine eigenen Standpunkte zu überdenken und falls dies notwendig wird, diese auch neu festzulegen.

Vor allem aber scheinen nach dem Scheitern der diversen Reform- und Revolutionsprojekte, die nacheinander von den sozialdemokratischen Parteien wie auch von den verschiedenen, sich auf den Marxismus, den Leninismus, Trotzkismus, Maoismus usw. berufenden Tendenzen, angezettelt wurden, die anarchistischen Ideen diejenigen zu sein, die der Abnutzung durch die Zeit am besten widerstehen.

Halten wir fest, dass zahlreiche von den Anarchisten begonnenen Kämpfe, sei es gegen den Militarismus, den Sexismus, den Fremdenhass oder die Religionen, der Reihe nach zum Gegenstand breiter Mobilisierungen geworden sind, die manchmal zum Erfolg geführt haben. Der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung sind gute Beispiele dafür, aber auch die Anerkennung der Rechte von Kindern und das relative Bemühen um persönliche Entfaltung, das sowohl die Eltern als auch die Schule als Institution hinsichtlich der Kinder an den Tag legen, dem noch das hinzuzufügen ist, was man gemeinhin die sozialen Errungenschaften nennt, diese kleinen Stückchen Freiheit, für die Generationen von Menschen gekämpft haben.

Diese wenigen, kleinen Siege über die säkulare Apartheid (die der Wohlgeborenen über die Armen, der Männer über die Frauen, der prügelnden Väter über die Kinder, der Chefs aller Arten über die Untergebenen, der Doktrinen und Religionen jeglicher Herkunft über das freie Denken) erinnern jeden Tag an den umfassenden Kampf der Menschheit gegen die Ungleichheit und für die Überwindung der Autorität. Die positiven Entwicklungen und die relativen Fortschritte, die wir oben erwähnt haben, sind nicht endgültig, und sie betreffen vor allem nur sehr wenige Leute, verglichen mit den sechs Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben.

Worin liegt die "Organisationsangst" der heutigen Anarchisten begründet?

Anfangs des 20. Jahrhunderts war es für Anarchisten ganz natürlich, sich in Gewerkschaften zu organisieren, oder bei einer Zeitung mitzuwirken. Während anfangs die Gewerkschaften durchweg sozialistisch geprägt waren, d.h. dazu da waren, den Arbeitern eine Organisationsplattform zu geben, um mit vereinten Kräften dem Kapitalismus entgegenzutreten. Im Laufe der Zeit haben jedoch die meisten Gewerkschaften ihre Zähne verloren, und gehen nun Hand in Hand mit der bürgerlichen Demokratie und dem Kapital. Damit will ich auf keinen Fall die Erfolge, die die Gewerkschaften erkämpft haben relativieren, diese sind immer noch beachtlich, ich will nur darauf hinweisen, dass die Gewerkschaften heutzutage nicht mehr als revolutionäre Kraft anzusehen sind.

Wovor viele Anarchisten auch noch Angst haben, ist das auftauchen von autoritären Strukturen innerhalb einer anfangs libertären Organisation. Beispiel für solche Vorkommnisse gibt es zur genüge....

  • Den marxistischen Flügel während der 1. Internationalen => Arbeiterbewegung gespalten - arbeitet sogar kontraproduktiv
  • Verbrüderung mit den Bolschewiki nach 1917 =>Bolschewiki ergriffen die Macht, Anarchisten wurden umgebracht oder ins Exil geschickt
  • Stalinisten versuchen 1937 in Spanien die Macht an sich zu reißen => scheitern der Spanischen Revolution
  • 1968 Studentenrevolten in ganz Europa => die junge Generation kommt sich verraten vor - heute sitzen diese in Führungspositionen


Tja und heutzutage suchen die Anarchisten noch nach einem Ausweg aus dieser Misere. Manche leben in kleinen Kommunen "ihren Anarchismus", jedoch unter staatlicher Kontrolle, manche gehen einer normalen Arbeit nach und versuchen danach etwas zu dem Traum beizutragen andere leben in einer Nische der Gesellschaft und wieder andere organisieren sich in zahlreichen Gruppen, die ihre Ideen am besten vertreten. Allen Gemeinsam ist jedoch, dass man es nicht schafft, gemeinsame Konzepte zu erstellen um zunächst die nationale und schließlich die Internationale Zusammenarbeit zu koordinieren. Alles in allem bietet die libertäre Bewegung heutzutage international ein schwaches Bild, da es an Solidarität und der Bereitschaft sich für etwas einzusetzen fehlt. Aber solche Tiefpunkte gab es immer mal, und ich bin zuversichtlich, dass sich dies innerhalb der nächsten 10-15 Jahre ändern wird.

Einige Beispiele für den Versuch der Errichtung einer anarchistischen Gesellschaft sowie einige Gründe für deren Scheitern

Nun, Anarchistische Tendenzen oder Realisierungsversuche im Großen hat es schon mehrfach gegeben, nämlich z.B. in:

  • der PARISER COMMUNE von 1871, niedergeschlagen von den Versailler Generälen, die, eben von Kaiserdeutschland besiegt, mit dessen massiver Unterstützung in Paris das eigene Volk abschlachteten;
  • der MEXIKANISCHEN REVOLUTION von 1912, als die "Zapatistas" mit dem Ruf "Tierra y Libertad", "Land und Freiheit", die Diktatur stürzten. Emiliano Zapata wurde vom Militär der neuen "Demokratie" heimtückisch ermordet.
  • der MÜNCHENER RÄTEREPUBLIK von 1919 (sowie einigen anderen schwarz-roten Räten z.B. der Kommune von Dortmund im Ruhrgebiet 1920), niedergeschlagen von SPD-Noske und - Hoffmann und ihrer Reichswehr.
  • der MACHNO-BEWEGUNG in der UKRAINE 1917 während der russischen Oktoberrevolution, niedergeschlagen von der "Roten Armee" Moskaus, nachdem gemeinsam die zaristisch-kapitalistischen Invasionstruppen Wrangels und Denikins besiegt worden waren, sowie andere anarchistische Republiken zu Beginn der sog. Sowjetunion
  • dem AUFSTAND VON KRONSTADT (Insel und Seefestung vor Russlands damaliger Hauptstadt St. Petersburg) 1921, dessen Beteiligte die Bolschewisten Lenin-Trotzki "abschießen" ließen "wie Rebhühner". (O-Ton!);
  • dem AUFSTAND IN PATAGONIEN (Argentinien - 1921), mit Massenerschießungen niedergemetzelt vom Militär;
  • der sogenannten "COMMUNE VON SHANGHAI" (1925), der die machthabenden russischen Bolschewisten die Hilfe verweigerten: "Lasst Schanghai brennen!";
  • der SPANISCHEN REVOLUTION von 1936-1939, der Francos Militär-Putschisten, Hitler, Mussolini und der "Verbündete" Stalin in trauter Eintracht den Garaus machten (1939 Hitler-Stalin-Pakt!), während die europäischen z.T. "sozialistischen" Demokratien und die USA "sich nicht einmischten".....sowie unbekannteren Ereignissen zu vielen anderen Zeiten und an vielen anderen Orten der Erde.


Die bürgerliche und die bolschewistisch-stalinistische Geschichtsschreibung hat die libertären Spuren oft verwischt oder bewusst ganz "bereinigt" und ausgelöscht. Die wiedererstandene anarchistische Literatur bietet hierzu ein weites Informationsfeld. Es gilt ein verschüttetes, freiheitliches Menschenbild wieder zu beleben.

Dieses Referat ist natürlich sehr auf geschichtliches beschränkt, die wirtschaftlichen Verwirklichungsideen, sowie die sozial-kritischen Ansätze blieben leider außen vor, da es mir in erster Linie darum ging, die vorherrschenden Vorurteile abzubauen....

Es gibt zahlreiche "linke" Strömungen, daher wird einem wohl nichts anderes übrigbleiben, als bei Interesse sich selbst zu informieren, da ich dir zum Beispiel nur Einblicke in anarchistische Grundlagen geben könnte.

Originaltext: http://www.drachenleben.net/vlinke/readartikel.asp?artikelid=16 (kleine Veränderungen und neue Rechtschreibung)


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS