Anarr - Libertärer Kommunalismus versus Anarchosyndikalismus

Leserbrief und Diskussionsansatz aus dem Schwarzen Faden

Bezugnehmend auf die (nunmehr verschärften) Auseinandersetzungen, die es zwischen der anarchosyndikalistischen IAA und den Libertären KommunalistInnen im zurückliegenden Jahr gegeben hat, möchte ich zunächst klarstellen, dass mir der diffamatorische Stil, der streckenweise die Auseinandersetzung bestimmt, nicht gerade wie der einer solidarischen Streitkultur anmutet, sondern dass er vielmehr wie die Verteidigung von Dogmen in der Art zweier ZK's geführt wird, einer Art und Weise, der ich mich als Kind eines diktatorischen Systems lange genug verweigern musste. Den LK als »bürgerlich« zu verleumden halte ich erstmal für eine völlige Verkennung seiner tatsächlichen Inhalte. Wenn Bookchin u.a. dagegen meinen, der AS sei »tot«, dann kann ich diese Meinungen als subjektiv akzeptieren. Dass ich sie nicht teile, muss ich nicht erst betonen, weil ich mich selbst anarchosyndikalistisch organisiert habe.

Die Betrachtungsweise der IAA, Bookchins Standpunkt als dogmatische Lehre zu behandeln, weise ich als falsch zurück (auch wenn M. Bookchin/J. Biehl mittlerweile dahingehende Tendenzen aufweisen - siehe NLK 2/3 1999 und SF 69). Es steht, denke ich, frei zur Debatte, Vorgehensweisen und Schwerpunkte selbst zu bestimmen. Libertäre KommunalistInnen betonen genauso wie AnarchosyndikalistInnen diese nach den Bedingungen vor Ort auszurichten. Bekanntlich gibt es regionale Unterschiede. Zudem begreife ich Bookchins Anschauung auch erstmal nur als Thematisierung und nicht als schematische Praxisanleitung. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass alle Libertären KommunalistInnen die Beteiligung an kommunalen Wahlen (was ich selbst strikt ablehne) zur Bedingung machen. Die Frage der Beteiligung an solchen steht wohl auch diesen offen und es liegt in der freien Entscheidung einer Gruppe bzw. Person diese zu verwerfen.

Deshalb wende ich mich nochmals gegen Pauschalisierungen seitens der portugiesischen IAA-Sektion und des Internationalen Sekretariats der IAA in ihrer anmaßenden Definitionsallmacht, was Sozialrevolutionär sei und was als bürgerlich verfemt gelten soll. Ich plädiere für punktuelle Zusammenarbeit und solidarischen Streit.

Zusammen streiten

Der LK geht davon aus, der Schwerpunkt der politischen Ebene liege in den Bürgerversammlungen der Kommunen, die kommunale und betriebliche Belange zu entscheiden hätten. Das deckt sich mit meinen Wurzeln, die im Rätekommunismus, später Anarchokommunismus liegen. Diese Betrachtungsweise des LK ist demnach Bestandteil meiner Utopie. Ich will deshalb kurz umreißen, wo die Gemeinsamkeiten zwischen AS und LK liegen:

Sowohl der AS als auch der LK geben sich basisdemokratische und föderalistische Prinzipien. Beide verfolgen einen anderen Weg, der letztendlich aber auf dasselbe Ziel hinausläuft. Der AS und der LK messen der Kommune als konkretem Lebens-, Wohn- und Arbeitsumfeld dieselbe Relevanz bei, was die jeweiligen Praxen unter Beweis stellen. Ich sehe zwischen beiden lediglich eine Verschiebung vom Ansatzschwerpunkt her, die der LK in der Kommune (Bürgerversammlung) sieht, die für den AS aber im betrieblichen Bereich (Syndikate) besteht, die auf lokaler Ebene (in den Kommunen) Lokalföderationen bilden, die den Bürgerversammlungen ähnlich scheinen. Der AS hebt zudem den Klassenstandpunkt deutlich hervor.

Eine grundsätzliche Übereinstimmung der Zielsetzungen kann ich dort verorten, wo sich LK und AS auf der Ebene der gesellschaftlichen/sozialen Organisation treffen: Die solidarische Diskussionsform wieder »erlernbar« machen, Interessen am lokalen Geschehen als tatsächlichen Handlungsspielraum und Sphäre kreativen Einmischens offerieren, den Austausch, die Gestaltung und die Entwicklung zum Terrain der aktiven Wahrnehmung und Vertretung der Interessen durch jede/n Einzelne/n forcieren, Isolation und Individualisierung auflösen, die Menschen auf lebendige Weise an basisdemokratische Prinzipien heranführen und damit schlußendlich aufzeigen, wie sich eine Gesellschaft frei aufbauen kann, so die Menschen es einfach tun.

Eine Kritik am Libertären Kommunalismus

Ich halte es allerdings für einen grundlegenden Fehler des LK, ein dahingehendes Wirken in den Betrieben aller Bereiche zu vernachlässigen, selbst wenn ein solches erst (wieder) in den Kinderschuhen stecken sollte. Denn: »Der Klassenkampf von oben« tobt ungemindert weiter, während es den Lohnabhängigen kaum noch gelingt, in offensiven statt Abwehrkämpfen zu streiten. Zu ersteren wird es nur dort kommen, wo sich solidarische Strukturen entwickeln, die bereits im Kern realisieren, was wir bislang nur in unseren utopistischen Ansätzen formulieren bzw. in selbstverwalteten Projekten praktiziert wird. Diese Problemstellung kann unter den gegebenen Bedingungen nicht vom Libertären Kommunalismus gelöst und umgesetzt werden. Allein wenn ich davon ausgehe, in welcher Relation sich heute Einzugsbereiche lohnabhängig Beschäftigter nur eines Betriebes gestalten. Wie wollte sich beispielsweise eine Kommune darin versteigen, die Belange eines solchen zu bestimmen, wo die Beschäftigten vielleicht aus 30,40 oder 50 Kommunen kommen, von denen eventuell 99 % solche sind, in denen die Ziele des LK nicht umgesetzt werden konnten?

Und wie will sie Regulativ sein, wenn sie von außen versucht, Einflußnahme auf privatwirtschaftlich geführte Unternehmen zu gewinnen (das mag ja bei kommunalen gehen). Und wie verhält es sich, wenn der entsprechenden Kommune der Steuertopf auf Landes- oder Bundesebene verschlossen wird? Der LK bewegt sich ja immer noch im Jetzt!

Zudem hieße es, die Entwicklung in den Betrieben ausschließlich an die der kommunalen binden zu wollen, der Willkür in denselben Tür und Tor zu öffnen und die prekäre Lage lohnabhängig Beschäftigter noch weiter zu forcieren. Die Zeit für derartige Entwicklungen dauert für die direkt und indirekt Betroffenen zu lang, als dass sie auf die Selbstorganisation in den Betrieben verzichten könnten (und sollten). Und selbst unter anderen (herrschaftslosen) Verhältnissen: Wie will die Bürgerversammlung neben der Planung auch die Organisierung und Aufrechterhaltung der Abläufe in den Betrieben bewerkstelligen, ohne Strukturen zu entwickeln, die denen des AS ähneln (egal, ob sie Syndikate oder sonstwie heißen)? Wie geht der LK vor, wenn es beispielsweise zu gravierenden Problemen in einem Krankenhaus kommt oder bei Stromversorgern? - Eine Bürgerversammlung einberufen? Ich denke, es wird naturwüchsige Strukturen geben, die denen des AS irgendwo ähneln werden.

Eine Verteidigung der Idee des Anarchosyndikalismus

Ob wir uns in der betrieblichen Organisierung den Stempel »Anarchosyndikalismus« geben oder nicht, sei bei der Betrachtung mal dahingestellt. Ich bin auch nicht so organisationsfixiert, dass ich alle Lohnabhängigen dazu auffordern würde, sich unter einen Namen oder einem Dach zu assoziieren. Ich sehe allerdings in dessen grundlegenden Prinzipien zumindest immer noch den Ansatz einer Struktur, die im Kern bereits Utopistisches vorwegnimmt. Er ist deshalb auch nicht »tot«, wie Bookchin unkt, sondern bedarf nur einer Neubelebung. Wie oft wurde schon die libertäre Idee zu Grabe getragen - und doch lebt sie bis heute. Dass für mich die Zeit nicht stehengeblieben ist, muss ich wohl auch nicht erst erwähnen. Wer den AS als »veraltet und überlebt« betrachtet, macht es sich dagegen nur einfach. Diesen mit seinen Inhalten und Formen, die er im Laufe seiner Geschichte angenommen bzw. hervorgebracht hat, als Dogma zu begreifen, liegt an jedem selbst. Bewegung entsteht nur dort, wo Reibung ist. Ich sehe in ihm noch viele Reibungsflächen und Bewegungsmöglichkeiten und damit Erneuerung.

Dass unserer aller Chance allein im Internationalismus zu suchen und zu finden ist, ist die Erkenntnis von LK und AS. Denn es geht nicht nur um unseren Anspruch oder unser Bedürfnis, gar unsere Utopie, nationalstaatliche Schranken zu überwinden, sondern der Kapitalismus/Neoliberalismus selbst zwingt uns die Assoziierung und die Entwicklung auf internationaler Ebene auf. Die Gründe muß ich wohl nicht näher erläutern.

Den Fehler, den die sogenannte »Linke« (im Umkehrschluß zu den Ansätzen es LK und AS) macht, ist, sich fast ausschließlich auf internationale Aspekte zu konzentrieren, dabei die Probleme vor Ort aber fast völlig auszublenden, zu ignorieren und wegzuschieben. Dass dies alles andere als Sozialrevolutionär ist, ist uns wohl allen klar. Das Verständnis, irgendwo doch noch verlängerter Arm diverser Befreiungsbewegungen zu sein oder auch, sich gezielt im Kampf mit und an Institutionen abzuarbeiten, die stellvertretend für das angegriffen werden, was im System begründet ist (z.B. Ausbeutung im Trikont), halte ich deshalb für falsch. Ein Kampf dafür, »Ursachen in den Metropolen anzugreifen«, kann uns nur dort ansetzen lassen, wo wir selbst stehen und - wie alle anderen - betroffen sind. Nicht nur auf Demonstrationen, Kundgebungen und Blockaden, sondern vielmehr in den alltäglichen Abläufen.

Einen Ansatz haben wir dabei mit dem Aufbau solidarischer Gegenstrukturen, mit den Projekten in den Kommunen, aber auch in den Betrieben durch die Organisierung von Kämpfen seitens entsprechender Teile der Lohnabhängigen. Dass es eine Assoziierung und Föderierung von unten auf bis hin zur internationalen Ebene bedarf, um Ansätze zu streuen, solidarisch zu streiten und Kämpfe auf kommunaler und betrieblicher Ebene erst erfolgreich gestalten zu können, ist eine Erfordernis jeder Zeit.

Aus: Schwarzer Faden Nr. 70 (Sommer 1/2000)

Gescannt von anarchismus.at


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