J. Frank Harrison – Bookchin und Kropotkin. Gemeinsame Ideen und Organisationsvorstellungen

J.Frank Harrison, St. Francis Xavier University, Canada; Vortrag, gehalten auf der "CONFERENCIA INTERNACIONAL SOBREECOLOGIA SOCIALE SUAS PERSPECTIVAS POLITICAS" Lissabon, 26. -28. August 1998 - übersetzt von Helmut Richter

Vorbemerkung

Ich gehe davon aus, dass beide - Kropotkin und Bookchin - sich am wissenschaftlichen Rationalismus orientieren, und möchte erörtern, wie weit in Kropotkins Schriften aus den zentralen Fragestellungen Vorschläge für ein analytisches Vorgehen im revolutionären Projekt folgen, mit denen sich viele Aspekte des Bookchinschen Denkens decken. Zwar war die ökologisch orientierte Analyse, die hinter Bookchins Lehre von der Sozialökologie und vom Libertären Kommunalismus steht, nicht Kropotkins Sache, doch stellen - wie ich zeigen werde - beide mit ihrer anarchistischen Analyse nicht nur die organisatorischen Wurzeln von Wirtschaft und Gesellschaft in Frage, sondern sie erblicken gemeinsam in der Umgestaltung der Stadt den Ausweg aus der kapitalistischen Dehumanisierung. Weit davon entfernt, Bookchins großartige gedankliche Beiträge zur Moderne anzuzweifeln, möchte ich doch demonstrieren, wie sehr er den Anarchismus gerade dadurch bereichert hat, dass er sein eigenes innovatives Denken in den Rahmen der vorhandenen Denkansätze stellte - deren bester Vertreter eben Peter Kropotkin war.

"Der Anarchismus ist eine Weltanschauung, die auf einer mechanischen Erklärung der Phänomene beruht, welche die gesamte Natur umfasst, mit eingeschlossen das Leben der Gesellschaften. Seine Methode ist diejenige der Naturwissenschaften, bei welcher jede wissenschaftliche Schlussfolgerung verifiziert werden muss. Sein Ziel ist die Schaffung einer synthetischen Philosophie, welche alle Tatsachen der Natur, samt dem Leben der menschlichen Gesellschaften und ihren ökonomischen, politischen und sozialen Problemen, [einbezieht]."

Dies schrieb Kropotkin im Jahre 1901. Ich leite meinen Beitrag damit ein, weil er hier bereits die Hauptorientierung aller anarchistischen Denker des 20. Jahrhunderts definiert, und damit wohl auch diejenige Murray Bookchins. Natürlich sah sich Kropotkin in seiner Zeit noch nicht jener tiefgreifenden ökologischen Zerstörung gegenüber, die im Zentrum der gesamten Sozialökologie Bookchins steht. Wir finden aber bereits den Hinweis auf die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge und Lebensformen in der Natur - einer Natur, die der Mensch nicht etwa beherrscht, sondern in der er allenfalls eine Partnerrolle spielt. Kropotkin betont auch die wissenschaftliche Rationalität des Anarchismus. Er will sich nicht mit der simplen Forderung nach Freiheit und Gleichheit begnügen. Für ihn müssen ernstzunehmende anarchistische Argumente in ihrer Komplexität den gewaltigen Veränderungen gewachsen sein, die die sozialen und ökonomischen Aktivitäten des Menschen in seiner Umwelt bewirken, wobei er vor allem an diejenigen Aktivitäten denkt, die mit dem Aufstieg des bürgerlichen Kapitalismus und seiner Herrschaft über das politische und das Wirtschaftsleben des modernen Staates verbunden sind.

Ich werde die thematischen Parallelen verfolgen, die sich bei Kropotkin und Bookchin finden. Dabei muss ich mich natürlich auf eine kleine Auswahl beschränken. Zunächst werde ich kurz auf Bookchins Schrift Reenchanting Humanity eingehen. (Nicht übersetzt, Anm. d. SF-Red.) Es geht dabei um die "Verwurzelung" in der Wirklichkeit, um rationales und empirisches Verhalten und um die Vermeidung einer Phantasie, die auf Kosten technischer und praktischer Denk- und Verhaltensmuster die Flucht antreten möchte. Bookchin greift in diesem Buch den "Antihumanismus" an; er versteht darunter diverse ökologische Ansätze, denen er vorwirft, die seit der Aufklärung existierenden rationalen und humanistischen Zielsetzungen beiseite zu schieben.

"In krassem Gegensatz zu den humanistischen Lehren des Rationalismus sowie verschiedener Richtungen des Sozialismus und des Liberalismus sind in der Weltsicht des Antihumanismus gesellschaftliche Belange so gut wie bedeutungslos. Dessen Botschaft zielt auf geistige Hygiene, den Rückzug auf die eigene Person und eine allgemeine Verachtung gegenüber einer humanistisch - nämlich rational und innovativ - geprägten Bewertung unserer Einwirkungen auf Natur und Gesellschaft."

Antihumanisten - das sind die Neo-Malthusianer, die kaltblütig vorschlagen, einige Milliarden Menschen dem Hungertod zu überantworten, um "das Gleichgewicht wieder herzustellen"; das sind die Leute, die jedweder Technik misstrauen, weil sie darin die eigentliche Ursache unserer Probleme sehen; das sind schließlich diejenigen, die aus der Natur - anstatt unser Verhältnis zu ihr auf eine neue, gesündere Basis zu stellen - unter dem Namen "Gaia" ein Objekt mystischer Anbetung machen.

Damit will ich nicht abstreiten, dass auch Bookchin eine leidenschaftliche Feder führt. Leidenschaft durchzieht seine sämtlichen Schriften - man denke nur an Hör zu, Marxist! Mit steter Leidenschaft hat er, um der Beherrschung und Zerstörung der Natur ein Ende zu setzen, die Grundursache dieses Prozesses attackiert - die gesellschaftlich bedingte Beherrschung und Zerstörung der Menschen. Handeln - d.h. kommunizieren und sich organisieren - ist eine psychologische Notwendigkeit; Janet Biehl hat das wieder und wieder in ihrem Buch Libertärer Kommunalismus: Die politische Praxis der Sozialökologie verdeutlicht. Für sie besitzt der "Libertäre Kommunalismus" vor allem den Charakter einer "Politik als Bewegung", bei der es auf Schulung, Mobilisierung, Organisation und Führung ankommt, um durch eine neue politische Kultur gesellschaftliche Alternativen zu entwickeln .Wir können also schon jetzt festhalten, dass Bookchin nicht einfach nur ein Kind der Moderne ist. Er schreibt selbst:

"Das Wichtigste an diesem neuartigen Ansatz, dessen Wurzeln in den Schriften Kropotkins zu finden sind, ist der darin herausgearbeitete Zusammenhang zwischen Hierarchie und Naturbeherrschung. Oder einfacher gesagt: Schon der Gedanke einer Beherrschung der Natur (...) leitet sich von der Beherrschung des Menschen durch den Menschen ab. (...)Diese Interpretation [kehrt] völlig die traditionell liberale und marxistische Ansicht um, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen von einem gemeinsamen historischen Projekt stamme, nämlich die Beherrschung der Natur (...) zu erreichen, um einer scheinbar "rauhen", ungebärdigen natürlichen Welt ihre "Geheimnisse" zu entreißen (...), um so eine für alle ergiebige Gesellschaft zu schaffen."

Er führt in seiner Argumentation zusammen, was stets in der Vergangenheit den Anarchismus ausgemacht hat: Vernunft und Engagement im Kampf gegen die vielen Hierarchien, denen die Freiheit des Individuums zum Opfer fällt. Die Freiheit kann innerhalb der Gesellschaft gefunden werden, sofern nur diese Gesellschaft sich zu ihrer Organisation der modernen Technik bedient. So hatten Bakunin, Faure und Kropotkin argumentiert - und so argumentiert auch Bookchin. Bei ihm kommt es jedoch darauf an, dass er diese Argumente in neue Worte gekleidet hat - dass er sie, ohne die Tradition zu verlassen, der Vielfalt der im 20. Jahrhundert bedeutsamen theoretisch-praktischen Alternativen gegenübergestellt hat. Wichtiger noch als seine Kritik an den Marxisten, die noch bis vor kurzem die europäische und nordamerikanische "Linke" spürbar beeinflussten, waren seine Neuformulierungen, sowohl der Argumente gegen den Kapitalismus im Licht der ökologischen Krise, der modernen Organisationsformen in der Wirtschaft und des explosiven (und menschenfeindlichen) Wachstums der Städte als auch der anarchistischen Alternative unter vielfachem Rückgriff auf geschichtliche Erfahrungen mit einer volksverbundenen Stadtpolitik.

Diese Einbettung Bookchins in die anarchistische Tradition will ich vor allem im Hinblick auf Kropotkin (1842-1921) untersuchen. Diesem - Geograph, also naturwissenschaftlich denkend - widerstrebte der Individualanarchismus von Stirner, Tucker und ihresgleichen aufs heftigste. Vielmehr suchte er zu zeigen, dass die Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse unter Einsatz moderner Produktionsverfahren zu erfolgen habe - dies aber im produktiven Überfluss einer anarchistischen Föderation, die auch ohne zermürbende Schwerarbeit und ohne Machtausübung über andere die Bedürfnisse aller Mitglieder befriedigen würde. "Nach und nach erkannte ich, dass der Anarchismus mehr darstellt als nur eine neue Handlungsweise und eine neue Idee einer freien Gesellschaft. Er ist vielmehr Teil einer Natur- und Sozialphilosophie, die durchaus anders gestaltet werden muss als die metaphysischen und dialektischen Methoden der Humanwissenschaften. Mir wurde klar, dass hier naturwissenschaftlich vorgegangen werden musste, aber nicht aufgrund bloßer Analogien, wie Herbert Spencer meint, sondern mittels solider induktiver Schlussfolgerungen in Bezug auf menschliche Institutionen."

Sein bekanntestes Buch ist wohl Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, eine Widerlegung von Herbert Spencers "Sozialdarwinismus". Spencer hatte Darwins Argumente verdreht, indem er behauptete, aus der Konkurrenz der Individuen innerhalb einer Art würden "die Besten" als Sieger hervorgehen und zu einer Herrschaft der Fähigsten führen. Später sollten die Faschisten noch größeren Missbrauch mit diesem Gedanken treiben, da er angeblich nicht nur den Kapitalismus, sondern sogar die von einer selbsternannten Elite ausgeübte revolutionäre Diktatur bestätige. Kropotkin zerpflückt dieses Argument systematisch durch den Hinweis auf zahllose Beispiele einer erfolgreichen Anwendung des kooperativen Prinzips sowohl bei verschiedenen Tieren als auch unter Menschen. In seinen Augen gibt die Natur allen den folgenden Rat: "'Streitet nicht! -Streit und Konkurrenz ist der Art immer schädlich, und ihr habt reichlich die Mittel, sie zu vermeiden!' Das ist die Tendenz der Natur, die nicht immer völlig verwirklicht wird, aber immer wirksam ist. (...) 'Daher vereinigt euch - übt gegenseitige Hilfe!' (...) Das ist es, was die Natur uns lehrt, und das ist es, was alle die Tiere, die die höchste Stufe in ihren Klassen erreicht haben, getan haben."

Hier wird also der Sozialdarwinismus ebenso widerlegt wie der aktuelle "Sieg" eines Kapitalismus, in dem Konkurrenz und Ausbeutung als effizienteste Methode zur Bedürfnisbefriedigung der Menschheit gelten. "Gier ist gut" war in England unter Margaret Thatcher ein gängiger Spruch; doch damit wird eine Psychologie der Ausbeutung gefördert, aus der persönliches Elend und der Zusammenbruch gesellschaftlicher Bindungen erwachsen. Ob bei den Bienen oder Ameisen, bei Ratten oder Tigern - jede Beobachtung führt auf dieses Grundprinzip. Doch beim Menschen nahm Kropotkin auch den anthropologischen Blickwinkel ein. Dieser lehrt, dass es für das Überleben der Menschen stets am vorteilhaftesten war, dem Ruf der Natur nach kooperativem Verhalten zu folgen. So zitiert er in seiner Ethik von 1906 häufig den 3. Earl von Shaftesbury (1671-1713), demzufolge ein "Moralischer Sinn" uns angeboren ist und der Vernunft zu Gebote steht. Diese Kritik richtete sich hauptsächlich gegen den eingefleischten Pessimisten Hobbes, für die Natur des Menschen den Absolutismus zwingend erforderlich machte. Im Gegensatz zu Pessimisten wie Hobbes, Augustinus oder Huxley erwartete Kropotkin blühende Gesellschaften - bei Mensch und Tier gleichermaßen - am ehesten von gegenseitiger Hilfsbereitschaft. In der Natur herrscht nicht die "Erbsünde", sie verdammt uns nicht zu einem "schrecklichen, brutalen und kurzen Leben", noch lässt sie die Mitglieder einer Art zwecks "Überleben der Tüchtigsten" gegeneinander konkurrieren. Es war vielmehr die gegenseitige Hilfe, als Moralgesetz wie als Naturprinzip ganz bewusst von den unterschiedlichsten Menschengemeinschaften praktiziert, die sich als Lebensgrundlage bewährt und überlegen gezeigt hat.

Eine dieser Gemeinschaften war die mittelalterliche Stadt, wie sie sich von der Herrschaft des Adels und des Klerus befreite, Gilden entwickelte, Unabhängigkeit errang, sich mit anderen Städten verbündete, Volksversammlungen und Bürgerfreiheiten einrichtete. Für beide, Bookchin wie Kropotkin, stellen die Städte des Mittelalters ein Gegenbild zum Staat dar. So stellt Kropotkin die Gilden als neuartige Organisationsform heraus, in welche die dörfliche Tradition gegenseitiger Hilfe mündete. Sie durften ihr eigenes Recht sprechen und waren keinem Zentralstaat unterworfen, sondern selbstverwaltet.

"Kurz, [die mittelalterliche Stadt war] nicht bloß eine politische Organisation zum Schutz gewisser politischer Freiheiten. Sie war ein Versuch, in viel großartigerem Maße als in der Dorfmark, einen engen Verband zu gegenseitiger Hilfe und Beistand zu organisieren, für Konsum und Produktion und für das gesamte soziale Leben, ohne den Menschen die Fesseln des Staates aufzulegen, sondern unter völliger Wahrung der Freiheit für die Äußerungen des schöpferischen Geistes einer jeden besonderen Gruppe von Individuen in der Kunst, dem Handwerk, der Wissenschaft, dem Handel und der politischen Organisation."

Wir reden hier nicht von einem fernen goldenen Zeitalter oder von Utopia. Immerhin war dies - bei aller Ungleichheit, allem Patriarchalismus, aller Ausbeutung - eine funktionierende Alternative zum Staat. Sie zeigte, dass sich der Staat nicht zwangsläufig herausbilden musste. Sie weist auf eine "naturgegebene" Fähigkeit hin. Auch Bookchin richtet seinen Blick darauf, wie auch auf andere historische Vorbilder. In Bezug auf die Communen und Gilden der mittelalterlichen Städte gibt er Kropotkins Gedanken wieder:

"Die mittelalterlichen Gilden spielten (...) eine besondere Rolle, die es vorher in den Städten nie gegeben hatte: Sie hatten einen so erheblichen Einfluss auf die Regierung und Gesetzgebung, dass sie in vielen Gemeinden die wichtigste kommunale Institution darstellten. Auch wenn uns europäische Kleinstädte heute manchmal eher kleinkariert anmuten, so hatten doch in jener Zeit Tausende von ihnen ein Maß an Autonomie erreicht, das man bei den wenigsten Gemeinden vorher oder nachher vorgefunden hätte. (...) Die Kontrolle von unten setzte sich gegen eine schon institutionell schwache Feudalgesellschaft durch."

Wie Kropotkin vertraut auch Bookchin auf das Beispiel der Vergangenheit: Autoritäre Systeme sind kein unausweichliches Schicksal; es gibt Alternativen zum Staat. Es war nicht zwangsläufig, dass dieser sich durchgesetzt hat; dass er verschwinden wird, ist allerdings auch nicht garantiert.

Für Kropotkin ist das Ende der Autonomie der mittelalterlichen Städte nicht einfach auf die Entstehung des Kapitalismus zurückzuführen. Er sieht vielmehr eine Vielzahl von Ursachen, so etwa die Ausweitung des Handels und den Aufstieg der Bürgertums, "vor allem" jedoch neue Ideen und Prinzipien".

"Selbstvertrauen und Föderalismus, die Souveränität jeder Gruppe und der Aufbau der politischen Körperschaft vom Einfachen zum Zusammengesetzten, das waren die Grundgedanken im 11. Jahrhundert. [Diese Vorstellungen wandelten sich bis zum 15. und 16. Jahrhundert vollständig.] Den Römisch-rechtsgelehrten und den Prälaten der Kirche, die seit den Zeiten Innozenz' III. eng verbunden waren, war es gelungen, die Idee (...) zu lähmen (...) [Sie lehrten] (...), dass das Heil in einem stark organisierten Staat, der unter einer halbgöttlichen Gewalt stehe, zu suchen sei; dass ein Mann der Lenker der Gesellschaft sein kann und muss (...) [So] schwand das alte föderalistische Prinzip dahin und der Schöpfergeist der Massen ging verloren. Die römische Idee war siegreich und unter solchen Umständen fand der zentralisierte Staat in den Städten eine fertige Beute."

Dem politischen Bewusstsein und der politischen Kultur wurde eine neue Struktur aufgeprägt. Nur bedeutete diese keinen Fortschritt, sondern eine Schwächung, lag ihr doch die Theorie zugrunde, "die Menschen könnten und müssten ihr eigenes Glück suchen, ohne sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern (...) - im Recht, in der Wissenschaft, in der Religion." Es ist dies die Philosophie des liberalen Utilitarismus, ursprünglich von Bentham aufgestellt und von Huxley als Sozialdarwinismus umformuliert, und bei unseren heutigen Neoliberalen sehr populär.

Auch bei Bookchin finden sich die Frustration und der Abscheu angesichts einer politischen Leitkultur, die als stärkstes Hemmnis gegenüber Veränderungen in unserer Zeit empfunden wird.

Weder hat der Kapitalismus die Herrschaft erfunden, noch die kapitalistische Technik die Naturzerstörung: "Es kam den Menschen nicht in den Sinn, die Natur zu beherrschen, solange sie noch nicht die Jugend, die Frauen, und schließlich sich gegenseitig beherrschten. Und deshalb wird es keine rationale und ökologische Gesellschaft geben, solange wir Herrschaft in all ihren Erscheinungen (...) nicht eliminieren." Die Kultur liefert zentrale - auch heilbringende - Triebkräfte (was nicht heißen soll, sie sei die alleinige Wurzel all unserer Übel). So klassifiziert er die USA mit ihrer politischen Kultur als das "unbelesenste, uniformierteste und kulturell analphabetischste Land der Erde" (was sich übrigens auch über Europa sagen lässt). Jedes revolutionäre Projekt sieht sich vor die Aufgabe gestellt, diesen Damm der Unwissenheit erst einmal zu durchbrechen.

In diesen Zusammenhang gestellt, richtet sich das revolutionäre Projekt auch nicht auf die eine Klasse des Industrieproletariats allein. Kropotkin hat das Potential des Menschen an sich im Auge, die conditio humana, nicht die Entwicklung einer bestimmten industriellen Technik. Denn die Fähigkeit, mittels gegenseitiger Hilfe ihre Handlungen zusammenzuführen, ging "in den Massen nicht verloren. (...) Sie fließt auch jetzt noch und geht ihren Weg auf der Suche nach einem neuen Gebilde, das nicht Staat und nicht mittelalterliche Stadt und nicht die Dorfmark der Barbaren und nicht der Clan der Wilden sein soll, aber doch aus diesen allen sich ergeben, ihnen jedoch überlegen sein soll in seinem umfassenderen und tiefer menschlichen Gehalt."

Mit seinen anthropologischen und historischen Analysen wollte er zeigen, dass dem Verhalten der Menschen zu allen Zeiten eine mutualistische Komponente eigen war, dass sie Teil unseres Alltags ist, dass sie das Fundament stabiler Gesellschaften, moralischen Verhaltens und rationaler Handlungen bildet, wie wir sie immer finden, wenn irgendwo revoltiert wird oder wenn eine auf Solidarität gegründete alternative Gesellschaftsordnung aufgebaut werden soll. Die anarchistische Gesellschaft ist also nichts, was sich mit teleologischer Notwendigkeit automatisch ergeben wird, sondern sie setzt einen ethischen Wahlakt voraus.

"Es ist nicht Liebe und auch nicht Sympathie, worauf die menschliche Gesellschaft beruht. Es ist das Bewusstsein - und sei es nur in dem Entwicklungsstadium eines Instinkts - von der menschlichen Solidarität."

In keiner Weise wird suggeriert, an die Stelle dieser Entwicklung könnte etwa a la Marx die Entstehung einer Klasse mit kommunistischem Bewusstsein treten. Kropotkin spricht nicht vom Proletariat, sondern von "den Massen" und davon, dass diese ihr - nie ganz verloren gegangenes - Potential für gegenseitige Hilfe in einer kommunistischen Gesellschaft wieder entdecken müssten. Bookchin wiederum geht in seiner Einschätzung des revolutionären Potentials der Proletarier noch weiter: "Die Arbeiterklasse ist jetzt völlig industrialisiert und nicht etwa radikalisiert, wie es die Sozialisten und Anarchosyndikalisten so inbrünstig hofften. Sie hat kein Gespür mehr für das Missverhältnis, für das Aufeinanderprallen der Traditionen. (...) Nicht nur haben die Massenmedien das Kommando über sie übernommen und ihre Erwartungen neu geprägt, (...) sondern das Proletariat als Klasse wandelte sich aus dem unnachgiebigen Todfeind der Bourgeoisie als Klasse zu deren Vertragspartner, (...) zu einem Organ innerhalb des kapitalistischen Systems."

Diese Aufdeckung der Verbürgerlichung des Proletariats reicht zumindest bis zu Bakunins Untersuchung der Chancen für eine Revolution in Italien, Mitteleuropa und Russland zurück, in der er seine Hoffnungen auf das in der Landbevölkerung vorhandene revolutionäre und anarchistische Potential setzt, besitzt diese doch noch keine Übung in der Handhabung der begrenzten Mitwirkungsmöglichkeiten in einer repräsentativen Demokratie. Nicht die Klassenzugehörigkeit setzt dem möglichen Wechsel eine Grenze, sondern die menschliche Natur. Wer für Veränderungen eintritt, kann überall auf Verbündete hoffen. In einem mit Janet Biehl geführten Interview sagt Bookchin: "Es würde mir doch keine Gewissensbisse bereiten, an Orten ohne demokratische Traditionen (sei es in der Ideologie oder in den Institutionen) aufzutreten, um dort für die Vorzüge einer wirklich demokratischen Gesellschaft zu werben. Ich sähe mich als Propagandist, als Agitator. (...) Ich hätte ihnen nicht die traditionellen, sondern die rationalen Gründe dafür klarzumachen, ein neues System an die Stelle des alten zu setzen. Die bisherige Unterdrückung kann sich bis in das Denken der Menschen auswirken, und dem wirke ich entgegen, wenn ich so vorgehe."

Auch wenn er sich mit einer solchen Äußerung sicher nicht bei den "Kulturrelativisten" anbiedern will, so bezieht Bookchin sich hier ausdrücklich auf die Möglichkeit, Menschen der unterschiedlichsten kulturellen und ökonomischen Herkunft die Werte "Rationalismus" und" Solidarität" zu vermitteln. Für ihn gibt es keine Abhängigkeit von irgendeinem Fachwissen, das uns von oben herab beglückt - vom Staat, der Weltbank, dem IWF oder einem anderen Vertreter dieses Ämterdschungels staatlicher und überstaatlicher Hierarchien, die in den Entwicklungsländern vor allem die politischen und ökonomischen Hierarchien fördern, die eigentliche Entwicklung aber massiv behindern.

Hiervon handelt auch der Hauptteil des Buches von Janet Biehl. In ihren Erläuterungen ist von "Klassen" kaum die Rede. Sie weist auf den mit der Moderne verbundenen Verlust an bürgerlicher Lebensqualität hin. beschränkt sich doch unser politisches Engagement darauf, Stimmzettel abzugeben und Steuern zu bezahlen, nachdem das Reich der Politik fast völlig dem Staat anheimgefallen ist. Aus diesem Grunde fordert sie in ihrem Programm eines "Libertären Kommunalismus" die Dezentralisierung der Städte, in denen sich ein Großteil der Weltbevölkerung zusammenballt und die Gemeinschaft atomisiert auf der Strecke bleibt. "Das aktive, gereifte Bürgerwesen, dessen eine direkte Demokratie bedarf, hat gerade von einer derartig atomisierten Gesellschaft absolut nichts zu erwarten." Ziel muss es sein, ein authentisches Reich partizipatorischer Politik zu schaffen, mehr Menschen einzubeziehen. Die neuen Werte und Verhaltensmuster, derer es dazu bedarf, können durch die Worte "Solidarität" und "Vernunft" gekennzeichnet werden. Im "Charakter reifer, zur politischen Teilnahme befähigter Bürger" müssen sich bestimmte Tugenden finden:

"Die wichtigsten Tugenden sind Solidarität und Vernunft. (...) Wie auch immer man den Bürger definieren mag - stets muss er dem Gemeinwohl, also der Solidarität verpflichtet sein. Ganz im Gegensatz zu dem heute verbreiteten Zynismus wird den reifen und aktiven Citoyens klar sein, dass ihre politische Gemeinschaft ohne aktive Unterstützung und Teilnahme nicht überdauern kann. (...) Eine direkte Demokratie bedarf aber auch unbedingt der - heute so geschmähten - Vernunft, (...) um trotz persönlicher Animositäten (...) Fairness walten zu lassen. (...) Sie werden überhaupt nur dank ihrer Vernunft stark genug sein, das Gemeinwohl zu bewahren, und sie müssen ebenso über Vernunft verfügen wie über starke Charaktere und Persönlichkeiten."

Und damit kommen wir zu der Frage, welchen Charakter die anzustrebende Gesellschaft aufweisen soll. Technik ist gut - aber nur, wenn sie menschengerecht eingesetzt wird. Seit seinem Buch Post-Scarcity Anarchism verkündet Bookchin unablässig die Botschaft von der Fähigkeit der Menschen, ihre Bedürfnisse weltweit zu befriedigen - woran sie allerdings von unserer derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Ordnung gehindert werden. Die Eigentumsverhältnisse und Organisation der Technik unter dem Kapitalismus machen ihr Potential zunichte. Wenn die Verheißung einer Nachmangel-Gesellschaft "noch unerfüllt ist, dann liegt das (...) nicht am verderblichen Wesen der Technik, sondern an der über sie herrschenden Gesellschaft."

Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Ursache für technische Unzulänglichkeiten sind; für die Zerstörung des Gemeinschaftslebens in hochzentralisierten Städten, in denen jeder ein "Fremder" ist; für die Entmachtung des Individuums innerhalb einer immer stärker zentralisierten und hierarchisierten Staats- und Wirtschaftsstruktur. Das Herrschaftssystem sorgt dafür, dass die Technik den Interessen der Mächtigen dient - denen, die sie besitzen und/oder kontrollieren. Untrennbar damit verbunden sind die Verweigerung jeglicher authentischen Politik, bei der alle ein Mitspracherecht in der Gemeinschaft haben, und ein Wirtschaftsprozess, der in der Natur - statt eines schützenswerten Gutes - nur eine auszubeutende Ressource sieht.

Die Beherrschung und Zerstörung der Umwelt steht nun in einem direkten Zusammenhang mit der Herrschaftsmentalität der Menschen untereinander. Männer herrschen über Frauen (die in den Entwicklungsländern immer noch überwiegend für die "Feldarbeit" zuständig sind), und Bookchin stellt daher die Sozialökologie ausdrücklich in einen Zusammenhang mit feministischen Forderungen. Ganz gleich, wie die Menschen lebten, sie standen stets unter der Herrschaft von Sklavenhaltern, Grundbesitzern, Priestern und Staatskapitalisten (oder auch Staatssozialisten). Unter dem Kapitalismus wurde die angeblich notwendige Hierarchie zum Dogma. Man war sich darüber einig, dass mit der zentral gesteuerten Ausbeutung der sich entwickelnden ökonomischen und technischen Kräfte ein zentralisiertes gesellschaftliches Herrschaftssystem in Staat und Kirche Hand in Hand gehen müsse. Naturbeherrschung war unumgänglich, Reichtum - die Güter zur Bedürfnisbefriedigung - wurde geschaffen wie nie zuvor. Somit war für Marx, Robert Owen und andere Sozialisten alles nur eine Frage der Umverteilung. Indem Owen - für Marx ein "utopischer Sozialist" - mit den reichen Erträgen seiner Baumwollfabriken utopische Gemeinschaften aufbaute, kam er wahrscheinlich einer umweltorientierten Lösung etwas näher. (Dass es Landkommunen waren, bedeutet allerdings, dass er wohl nicht verstanden hatte, um was es eigentlich ging). Da Marx - worauf Bookchin zuerst in seinem aufrüttelnden Hör zu, Marxist! und seitdem immer wieder hingewiesen hat - eine hierarchisch aufgebaute Produktionsstruktur akzeptierte, beruhte auch die von ihm verfolgte Lösung auf hierarchischen Prinzipien. Und als dann schließlich Marxisten die Macht eroberten (und das in Ländern, wo Marx es nie erwartet hätte), suchten sie einfach die kapitalistischen Strukturen unter staatlichen Eigentumsverhältnissen nachzuahmen. Wie wir in den vergangenen 20 Jahren erlebt haben, führte das dann zu Umweltzerstörungen, die noch schrecklicher und rücksichtsloser waren als die des westlichen Kapitalismus.

Aus dieser Erkenntnis lassen sich zahlreiche Konsequenzen ableiten. Erstens haben weder Theorie noch Praxis des Marxismus die Lage der Menschen jemals verbessert; für Bookchin ist Marx ein bürgerlicher Denker. Zweitens hat mit dem Liberalismus nur ein weiteres Monster gesiegt. Drittens ist unser Wirtschaftssystem, lokal wie global, immer noch eine reine Ausbeutungsstruktur; die Ausbeutung der Menschen führt aber zur Zerstörung alles pflanzlichen und tierischen Lebens (es klingt leider pessimistisch, aber die Natur dürfte bereits unheilbar aus dem Gleichgewicht geraten sein). Viertens zeugt die Annahme, wir könnten unsere Lage mittels zentraler Planung privater oder öffentlicher Unternehmen irgendwie verbessern, von nichts als Dummheit. Aus hierarchischen Prämissen ergeben sich hierarchische Konklusionen, nämlich riesige Projekte, in denen die Herrschaft der Privilegierten über die Massen in Stadt und Land perpetuiert wird. Die Hoffnung, eine höhere Macht (Gott, der Staat oder 'ökologisch aufgeschlossene Konzerne') würde uns zu Hilfe eilen, schließt doch nur an frühere theologische Einstellungen an.

Diese Hoffnung auf eine "Rettung von oben" war stets die Psychologie der Hilflosen, war Voraussetzung für Selbstverleugnung und Unterwerfung unter eine Autorität. Gott hat schon einmal so gehandelt, meinte Hegel, als er den Verlust bürgerlicher Identität bedauerte, der sich in den Stadtstaaten der Antike vollzogen hatte:

"Die Christen schrieben diesem Unendlichen Wesen ein Ziel zu, das geradezu einen Gegenpol zu den moralischen Zielen der Welt darstellte (...) Die weltlichen Vergnügungen und irdischen Freuden, die sie sich versagen mussten, verachteten sie, würden sie doch im Himmelreich mehr als genug dafür entschädigt werden. Die Idee der Kirche trat an die Stelle eines Mutterlandes und freien Gemeinwesens; der Unterschied zwischen beiden lag darin, dass die Idee von der Kirche für Freiheit keinen Raum ließ und dass, während der Staat völlig der Erde verhaftet war, ein enges Band die Kirche mit dem Himmel vereinigte. (...) Somit hatte der Despotismus der Römischen Kaiser den Geist des Humanen von der Erde vertilgt und Elend verbreitet, wodurch die Menschen sich gezwungen sahen, ihr Glück vom Himmel zu erwarten. Seiner Freiheit beraubt, musste ihr Geist, ihr ewiges und absolutes Eigentum, Zuflucht bei der Gottheit suchen."

Wenn sich die Menschen von der Politik abwandten, so wegen ihrer Hilflosigkeit und ihrer Unfähigkeit, in ihrem Alltag zur Selbsterfüllung zu gelangen. Ich will gar nicht behaupten, Kropotkin oder Bookchin seien Hegelianer, doch scheinen auch sie Hegels Sichtweise zu teilen, dass wir nämlich unser Leben in der Gemeinschaft ganz direkt selbst organisieren müssen und nur darin Erfüllung erlangen, zu einem Ziel finden und unser eigenes Leben und das unserer Gruppe vernunftgemäß führen können.

In Kropotkins Ausführungen über Gegenseitigkeit finden sich zahllose Alltagsbelege für den naturgegebenen Wert der Solidarität. Mit Verachtung spricht er von der Religion und einem Klerus, der ohne Rücksicht auf die Tatsachen den Menschen einreden möchte, die menschliche Natur sei reine Sünde und das Gute in ihnen käme allein von Gott. Zu ihrer Religion gehört der Herrschaftsstaat, gehören Menschen, die der Herrschaft bedürfen, die in Isolation voneinander existieren und zur umfassenden Umgestaltung der Gesellschaft - und der Natur - schon rein psychologisch unfähig sind. Am deutlichsten trete uns das in der modernen Großstadt entgegen, wo das Fehlen gemeinsamer Interessen Gleichgültigkeit hervorrufe, während Energie und Mut mangels Gelegenheit dahinschwänden oder sich auf anderen Gebieten zeigten. (1)

Nun liegt aber in der Großstadt der Brennpunkt unserer heutigen Existenz. Eine anarchistische Alternative für Veränderungen kann es also nur geben, wenn auch die Großstadt verändert werden kann. Wir müssen erkennen, dass ihre negativen Züge - Millionen isolierter Individuen, die sich nicht in die Augen sehen - die Antithese zum authentischen Stadtleben darstellen. Die Lösung dieses Problems liegt für Kropotkin wie für Bookchin in ökonomischer und politischer Dezentralisierung, in einem System kommunalen Eigentums an den Produktionsmitteln und in direkter Demokratie als Mittel der Entscheidungsfindung. Dazu müssen aber Bürgertugenden wieder gefunden werden, die infolge der modernen städtischen Lebensweise der überwiegenden Mehrheit der Menschen verloren gegangen sind. (2) Es ist zwangsläufig ein auf Dauer angelegtes Projekt, denn um die Menschen weiterzubilden, bedarf es alternativer Institutionen. Bookchin und Biehl rufen nach Bürgerversammlungen im Rahmen bestehender staatlicher Strukturen (sie nennen das "Duale Macht"). Um den staatlichen Aktivitäten entgegenzuwirken, bedarf es vor allem des Engagements möglichst vieler Menschen, schreibt doch schon Kropotkin: "Für uns ist die soziale Revolution keinesfalls eine jakobinische Diktatur, aber auch keinesfalls eine institutionelle Reform der Gesellschaft mittels Gesetzgebung durch einen Konvent, Senat oder Diktator. (...) Die Massen müssen den Neubau der Gesellschaft selbst in die Hand nehmen - diesen Aufbau auf kommunistischer Grundlage - und dürfen nicht auf Befehle oder Anweisungen von oben warten."

Wunschziel ist die neue dezentrale Stadt, ist die dezentrale Gesellschaft. Ermöglicht werden beide durch technische Entwicklungen, die den Menschen in den "föderierten" Gemeinden ein reicheres und weniger hartes Leben ermöglichen. Noch einmal Janet Biehl: "Glücklicherweise muss eine ökologisch vertretbare dezentrale Gesellschaftsordnung nicht zwangsläufig mit einer Wiederkehr endloser Plackerei verbunden sein. Die Sozialökologie (das ist die theoretische Grundlage der libertär-kommunalistischen Politik) hat erkannt, dass sich mit dem enormen Zuwachs an Produktivität, den wir erlebt haben, das uralte Problem des materiellen Mangels von selbst erledigt hat. Durch den inzwischen erreichten Stand der Automatisierung menschlicher Tätigkeiten haben wir ein riesiges Maß an freier Zeit gewonnen, (...) um sicher und angenehm zu leben und in rationaler und ökologischer Weise uns über die privaten Dinge hinaus stärker gesellschaftlichen Belangen zu widmen."

In demselben Geist breitet Kropotkin seine Beweise in dickleibigen Werken aus, vor allem in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk und in Die Eroberung des Brotes. Er liefert eine Flut technischer Details aus Industrie und Landwirtschaft, um zu zeigen, wie in einem Komplex föderierter Kommunen die Arbeit abwechslungsreicher gestaltet, der Arbeitstag verkürzt und Überfluss, Gleichheit und direkte Demokratie herbeigeführt werden können. Vor allem beschäftigt ihn der Fortschritt in der Landwirtschaft, der den Agrarsektor fast überall hoch produktiv machen könne. Die historisch gewachsene Kluft zwischen Stadt und Land würde sich schließen. Seine Vorschläge zur Arbeitsteilung erinnern stark an die des Utopisten Charles Fourier; auch dieser - wenngleich kein Kommunist - betonte die Bedeutung der Industrieproduktion. (Dass beide, Bookchin wie auch Kropotkin, gelegentlich Fourier zitieren, ist angesichts ihrer Übereinstimmungen nicht überraschend). Es folgen zwei zusammenfassende Aussagen von Kropotkin, in denen er die Richtung weist, die seine Gesellschaft und ihr Produktionssystem - wir könnten es "anarchistischer Umbau" nennen - einschlagen sollten.

"Die Landwirtschaft kann sich ohne Hilfe von Maschinen nicht entwickeln. Und die Einführung vollkommener Maschinen kann ohne eine industrielle Umgebung nicht verallgemeinert werden: ohne mechanische Werkstätten, die dem Bebauer des Bodens leicht erreichbar sind, ist der Gebrauch landwirtschaftlicher Maschinen unmöglich. (...) Aber dieses ist noch nicht alles. Die Landwirtschaft braucht soviele von jenen Menschen, die die großen Städte bewohnen, dass [seiner Zeit, J.F.H.] in jedem Sommer Tausende von Männern ihre Mietskasernen in den Städten verlassen und zur Erntezeit aufs Land gehen. (...) Was die Arbeiter anbelangt, die die wirklichen Leiter der Industrien sein sollten, so würden sie es [künftig, J.F.H.] sicherlich für sehr gesundheitfördernd betrachten, nicht während des ganzen Jahres die gleiche eintönige Arbeit zu verrichten. Und sie werden sie während des Sommers aufgeben, wenn sie tatsächlich dadurch, dass sie einander gruppenweise ablösen, nicht das Mittel finden würden, die Fabrik in Gang zu halten."

"Unter einem System, das die Massen dazu verdammt hat, den ganzen Tag hindurch und ein ganzes Leben lang sich mit einer ermüdenden Arbeit abzuquälen, ist die sogenannte 'Arbeitsteilung' geworden. (...) Fünf Stunden täglicher Arbeit [würden aber] genügen, alle Mitglieder eines zivilisierten Volkes mit jenen Erfordernissen des Lebens zu versorgen, die heute nur einige wenige genießen. (...) Wenn jedermann seinen Anteil an der Produktion übernimmt und die Produktion sozialisiert würde (...), dann würde mehr als ein halber Arbeitstag für jedermann übrig bleiben, den er den Bestrebungen der Kunst, Wissenschaft oder irgendeiner Liebhaberei, die er vorzieht, widmen könnte. (...) Überdies wäre eine nach diesen Grundsätzen organisierte Gemeinschaft reich genug, um zu schließen, dass jeder Mann und jede Frau, nachdem sie ein gewisses Alter erreicht haben, z.B. 40 Jahre oder mehr, von der moralischen Verpflichtung, direkten Anteil an der notwendigen Handarbeit zu nehmen, entlassen werden sollten (...) Und eine derartige Gemeinschaft würde kein Elend mitten unter Reichtum kennen."

Eine Revolution besteht nicht darin, die politische und bürokratische Elite, die Oligarchien und Monopolisten, welche die Früchte der Ressourcen und der Produktion ernten, zu erschießen (auch wenn wir keine Träne nachweinen würden). Das Wesen der Revolution liegt darin, das Bewusstsein von dem der Technik innewohnenden Potential zum Segen der Menschheit und der Erde zu erweitern und nach Möglichkeiten der Umsetzung zu suchen. Lokale Autonomie, direkte Demokratie, lokale Kontrolle bei politischer und ökonomischer Dezentralisierung - all dies propagiert Kropotkin ebenso wie Bookchin und Biehl mit ihrem "Libertären Kommunalismus".

Abschließend möchte ich noch etwas zum Begriff der "Evolution" anfügen. Es war Kropotkins Überzeugung, die Menschheit würde sich in Richtung auf einen Kommunismus ohne Staat entwickeln. Auch Bookchin hat sich mit der Evolutionstheorie beschäftigt, in der er der Entwicklung des Menschen eine besondere Rolle zuweist. Nach Bookchins Vorstellungen durchläuft die menschliche Entwicklung drei Phasen:

  1. die Erste (ursprüngliche) Natur
  2. die Zweite Natur, d.h. die bisherige Gesellschaft und Kultur der Menschen, überwiegend hierarchisch strukturiert und umweltfeindlich
  3. die Dritte Natur, die von der Erkenntnis ausgeht, dass die Menschen in die Umwelt eingreifen, und die diesen Eingriffen einen - sagen wir - "ethischen" Charakter zu sichern sucht.


Debby Bookchin findet die folgenden knappen Formulierungen dafür: "Bookchin drängt auf die Entwicklung einer rationalen und ökologischen Gesellschaft, die er als Dritte Natur bezeichnet - eine befreite Natur, in der die Menschen in Harmonie miteinander und mit ihrer Umwelt leben. In dieser Gesellschaft trägt die vom Menschen geprägte Natur das Zeichen der Vernunft, denn diese ist selbst aus der Evolution hervorgegangen. Gleichzeitig verleiht die Menschheit der rationalen, sich selbst bewusst gewordenen Natur eine Stimme. (...) Mit dem Aufstieg der Menschheit ist die Chance darauf verknüpft, dass die Evolution durch ihr eigenes Geschöpf - den Menschen - in eine rationale und ethische Richtung gelenkt werden kann."

Damit aus dieser großartigen philosophischen Position der sozialökologischen Bewegung praktische Realität werden kann, muss die Gesellschaft im Sinne Kropotkins umgestaltet werden. Lokaler Bedarf muss durch lokale Produkte gedeckt werden (Kropotkin spricht vom Ersatz der Arbeitsteilung durch "Arbeitsergänzung"); die Wirtschaft muss dezentralisiert und im menschlichen Maß gestaltet werden; man benötigt Basisdemokratie und eine reichhaltige Lebensqualität für alle. Um dies und nichts anderes geht es beim "Libertären Kommunalismus"; all dies ist möglich, aber auch notwendig. Er stellt die jüngste Ausdrucksform anarchistischer Praxis dar, denn in ihm widerspiegeln sich die Bedingungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Erwähnte Literatur:

  • Peter Kropotkin, "Moderne Wissenschaft und Anarchismus", in: ders. (Hrsg. Heinz Hug), "Der Anarchismus - Ursprung, Ideal und Philosophie", Monte Verita/Trotzdem Verlag (Wien/Grafenau 1993) (Original russ. 1901) Murray Bookchin, "Re-enchanting Humanity: A Defense of the Human Spirit Against Antihumanism, Misanthropy, Mysticism, and Primitivism", Cassell (London / New York 1995)
  • Murray Bookchin, "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem Verlag (Grafenau 1992)
  • Peter Kropotkin, (Hrsg. Roger N. Baldwin) "Revolutionary Pamphlets", Dover Publications (New York 1970) Peter Kropotkin, "Gegenseitige Hilfe in der Tier-und Menschenwelt", Monte Verita / Trotzdem Verlag (Wien/Grafenau 1989)
  • Murray Bookchin, "Die Agonie der Stadt", Trotzdem Verlag (Grafenau 1996) Janet Biehl, "Der Libertäre Kommunalismus - Die politische Praxis der Sozialökologie", Trotzdem Verlag (Grafenau 1998)
  • G.W.Friedrich Hegel, "On Christianity: Early Theological Writings", Harper & Bros. (New York 1961) S.162-163 (rückübersetzt)
  • Peter Kropotkin, "Landwirtschaft, Industrie und Handwerk", Verlag "Der Syndikalist" (Berlin 1921) S.161-162
  • Debby Bookchin, "Thinking Ecologically: The Ideas of Murray Bookchin" (1989, unveröfftl.). Die Passage entstammt einem Buchexpose, das mir während meiner Tätigkeit im Black Rose Verlag in Montreal zu Gesicht kam. Debby wird mir gewiss das Zitat gestatten.


Fußnoten:
(1) "Indem wir wieder zu Fremden werden, verwandelt sich "Die einsame Masse" (...) in eine furchterregende Masse, in der jeder sich mit gespannter Wachsamkeit durch die moderne Stadt bewegt, mißtrauisch gegenüber den Menschen neben sich und angstgepeinigt in unvertrauter Umgebung. Zusammen mit der Verstädterung breitet sich auch der für ihre Verwaltung erforderliche Staatsapparat immer weiter aus. Der Nationalstaat mag sich in verschiedener Form zeigen, er nähert sich doch immer stärker einem totalitären System an. Der auf sein Privatleben reduzierte Einzelmensch andererseits verwandelt sich, von Egoismus und Furcht geplagt, vom aktiven Verbraucher zu einer Ware unter anderen. (...) Wenn die Stunde des Totalitarismus wirklich anbricht, wird wahrscheinlich das in sich gefestigte Selbst, dessen es zur Abwehr so dringend bedarf, derartig erodiert sein, daß seine psychologischen Reserven nicht einmal mehr zur Erkenntnis der Gefahr ausreichen, geschweige denn zu ihrer Bekämpfung." Bookchin, "Agonie" S.246
(2) "Der Erfolg des revolutionären Projekts hängt nun davon ab, dass es den Blick wieder (...) auf den Menschen selbst richtet. (...) Und wenn dieses allgemeine Interesse in eine nichthierarchische Forderung eingebettet werden kann, dann wird es die von Frauen erhobene Forderung einer substantiellen Gleichheit von Ungleichen sein - und dies ist das erweiterte Freiheitsideal. Wir stehen jetzt vor der Frage, ob die feministische und die ökologische Bewegung sich dieser historischen Herausforderung stellen können. Das heißt, ob diese Bewegungen in eine lebendige soziale Bewegung ausgeweitet werden können." Bookchin, "Neugestaltung" S.167-168

Aus: Schwarzer Faden Nr. 68 (2/1999)

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