"Oft steckt der Teufel im Detail". Ein paar Worte zur Wichtigkeit von Verantwortung und Transparenz in anarchistischen Organisationen

Claudia, Szene 1: Puh, vor ner Stunde wurde ich an der Netto-Kasse endlich entlassen. Steffi erinnerte mich in der Straßenbahn daran, dass heut Versammlung ist. Also fix nach Hause, Kaffee gekocht, nen Brötchen hinuntergewürgt und dabei Notizen gemacht, was heut für mich die Schwerpunkte sind. Fertig und ab ins Zentrum. Das Treffen zieht sich eine ganze Weile, viele Aktionen nach- und vorzubereiten in der letzten Zeit. Unsere Lokalföderation leistet gute Arbeit und erregt gerade jetzt viel Aufmerksamkeit, aber das Ganze geht schon ordentlich in die Knochen. "Glücklicherweise" bin ich nur vier Tage in der Woche auf der Lohnarbeit. Kurz vor Ende meint Krausi unter dem Punkt "Sonstiges", dass er ́s wichtig fände, dass unsere lokale Föderation einen antikapitalistischen Aufruf eines westdeutschen Krisenbündnisses unterzeichnet. Der Ausdruck geht rum, die ersten fangen schon an zu diskutieren. Nach einer Viertelstunde gibt es einen Konsens, vier Leute sind schon eine Raucherpause eher weg. Jetzt drängt ́´auch mich. Noch ein fixes Feierabendbier am Tresen und wieder nach Hause. Mails checken, pennen.

Simone, Szene 2: Ich könnt mich schon wieder aufregen. Zwei Tage vorher kommt die Einladung zur Vollversammlung. Anbei fünf kryptische Tagesordnungspunktvorschläge. Pf* hab mir da jetzt schon ne Schicht reingeknallt, Pech. Zu zwei Themen schicke ich noch mal meinen Senf rum, der Rest erschließt sich mir nicht. Weit über eine Woche nach dem Treffen bekomme ich endlich mal das Protokoll über die Kanäle. Behandelt wurden 15 Tagesordnungspunkte, na danke. Haben "die" nach Gutdünken entschieden, von Abstimmung keine Spur. Naja, muss zur Arbeit, später. Bevor ich ins Bett geh, kann ich mich nochmal durchringen, das formlose, unübersichtliche Ding durchzugehen, das hierzulande Protokoll geschimpft wird. Beim letzten Punkt werde ich stutzig: Welchen Aufruf haben "wir" unterschrieben? Nach 10 Minuten Google finde ich das kleine Manifest im Netz und bin nach kurzem Durchlesen mittelschwer entsetzt: Unter diesem verkürzten und populistischen Text hat unsere Föderation ihren Namen gesetzt? Toll, zum Schlafengehen richtig satt. Treffen scheiße angekündigt, Tagesordnungspunkte muss ja vorher auch kein mensch wissen und dann gebe ich meinen Namen und meine politische Arbeitskraft her, damit ich dann mit unter so einem Scheiß stehe? Frag ich mich mal wieder, warum ich so was eigentlich mache, kann ich ja fast schon zur Partei gehen.

Die geschilderten Szenen sind zwar fiktiv, von erlebter Praxis aber leider nicht so weit entfernt und von dieser gar nicht mal die schlimmsten Vorkommnisse. Dabei sind die beispielhaften Probleme keinesfalls anarchistischer Organisation immanent und könnten leicht vermieden werden.

Anarchismus - eine Jugendbewegung?

Die meisten Leser*innen werden es wohl kennen, das Klischee, dass Anarchismus eine Jugendbewegung sei. Dass sich dieses Klischee nur allzu oft bestätigt, hat etwas mit der Organisationskultur im deutschsprachigen Gebiet zu tun. Nicht selten sind anarchistische Treffen chaotisch, schlecht organisiert, die Strukturen intransparent, die Anzahl und Uhrzeit der Treffen an junge Menschen mit viel Zeit ausgerichtet. Das führt dazu, dass sich neue Interessierte entweder gleich kopfschüttelnd wieder verflüchtigen (vor allem ältere Menschen, die an verbindliches Arbeiten gewöhnt sind) oder Menschen nach ein paar Jahren einfach keine Lust mehr haben, so viel Kraft und Zeit an die Schludrigkeit anderer Menschen zu vergeuden.

Nicht nur in der eigenen sozialen Situation denken

Grundlegend ist z.B. die Frage, wann treffen wir uns und wie lange gehen diese Treffen. Sind unsere Treffen überhaupt machbar für Leute, die früh auf Arbeit gehen müssen oder die schon einen achtstündigen Arbeitstag hinter sich haben? Wie hoch ist die Möglichkeit für Leute mit Kindern sich zu beteiligen? Das setzt sich fort, wenn es um die Frage der Pünktlichkeit geht. Warten wir standardmäßig eine 1⁄2 bis 3⁄4 Stunde bis zum Beginn eines Treffens? Nehmen wir dabei in Kauf, dass viele andere Leute früher wieder wegmüssen und dadurch gegenüber den Zuspätkommenden benachteiligt werden? Oder dass sie aus genau diesem Grund schon gar nicht mehr kommen?

Wie konzentriert findet das Plenum dann statt? Albern wir vielleicht die Hälfte der Zeit in jugendlicher Leichtigkeit rum ohne zu bemerken, dass wir damit diejenigen einschränken, für die die Zeit knapp ist und denen es Mühe bereitet, im Alltag noch Zeit und Nerven für politische Tätigkeit freizuschaufeln? Betreffen wirklich alle 20 Tagesordnungspunkte (TOPs) die gesamte Runde oder ließen sich nicht noch Dinge auslagern?

Richtig interessant ist die Frage, wie viel der inhaltlichen Vorbereitung und Diskurse denn überhaupt über die politische Struktur läuft und wie viel in festen Freundeskreisen und Peergroups entsteht.

Um die angestoßenen Probleme überspitzt in Stereotypen beispielhaft deutlich zu machen: Ist es vielleicht auch in eurer politischen Struktur so, dass da eine Clique von 5-15 Jugendlichen (v. a. Studierende) ist, die sich jeden Tag sehen, auf den VoKüs und in den WGs miteinander die politischen Themen vordiskutieren, den größten Teil der politischen Tagesarbeit auf kurzem Dienstweg leisten und dann Treffen für 19 Uhr unter der Woche ansetzen, die bis 1 Uhr in der Nacht dauern? Und gibt es auf der anderen Seite vielleicht vollzeitarbeitende Mitdreißiger*innen, z. T. mit Nachwuchs, die mensch seltenst zu Gesicht bekommt und die nach 1 1⁄2 Stunden (das Plenum fing ja eine halbe Stunde später an) wieder gehen? Oder gab es solche Menschen nie in eurer Struktur?

Undurchsichtige Transparenz und mangelnde Verantwortung

Wenn sich politische Struktur und Clique mischen, dann leidet auch die Transparenz. Da politische Gruppen und soziale Zusammenhänge oft zu großen Teilen miteinander verwoben sind, erscheint es in gewissem Maße widersinnig, alles allzu bürokratisch zu gestalten. TOPs werden erst auf dem Treffen gesammelt oder kurz vorher rumgeschickt. Die Peergroup weiß ja eh, was gerade ansteht.

Gleichzeitig herrscht ein mangelndes Bewusstsein für Verbindlichkeiten. Übernommene Aufgaben werden regelmäßig vergessen, Protokolle mit riesigem zeitlichen Abstand nachgereicht, Tätigkeitsberichte oder ausführliche Beschreibungen für die Übernahme von Tätigkeiten kommen oft gar nicht zu Stande. Mensch kann ja Fragen, sich informieren, es wissen ja eh schon alle. Da mensch in einer anarchistischen Struktur ist, fühlt mensch sich oft per se offen und transparent. Neue Leute sehen sich meist nicht in der Pflicht, dieses Bild gerade zu rücken, in der Tat werden sie meistens entweder schnell selbst Teil der Peergroup und sind damit auch auf dem Stand oder sie gehen einfach wieder. Abgeschreckt oder verwirrt von der Arbeitsweise.

Den meisten kleineren Gruppen mangelt es an festen Regelungen und Fristen, bis wann in welcher Art Vorgänge transparent gemacht, Treffen und Tagesordnung angekündigt und Aufgaben erledigt werden müssen. Aufgrund von Personalmangel ist an mehrmalige unzureichende Erfüllung von übernommener Verantwortung in der Regel auch kein Mandatsverlust gekoppelt. Gleichzeitig ist dies wohl einer der Gründe, warum viele Zusammenhänge überhaupt erst so klein bleiben.

Stellvertreter*innenkonsens?

Schließlich ist die Neigung vieler anarchistischer Strukturen sehr bemerkenswert, unter möglichst viele Texte und Resolutionen den Namen der ganzen Organisation setzen zu wollen. Wie kann es z.B. sein, dass auf einem internationalen Delegiertentreffen eine vor Ort ausgearbeitete Resolution mit dem Namen einer gesamten Föderation unterschrieben wird?

Haben die Delegierten schnell jedes Föderationsmitglied angerufen und nach seiner/ihrer Meinung gefragt? Wenig wahrscheinlich. Umso größer die Struktur, desto weniger ist es möglich, einen gemeinsamen Konsens zu konstatieren. In jeder Organisation gibt es Mitglieder, die wenig oder nur sporadisch aktiv teilnehmen können. Umso schneller auf einem Treffen entschieden wird, dass sich für einen Text oder eine Entscheidung die Gesamtorganisation kenntlich zeigt, desto mehr gerät ein angebliches Konsensprinzip zur Augenwischerei.

Ein Kompromiss können Einspruchsfristen per IT-Struktur sein (vorausgesetzt die Organisation verfügt über eine von allen genutzte). Ehrlicher wäre es aber, die Entscheidungsfindungsgremien jeweils beim Namen zu nennen. D.h. "Versammlung des XY am 01.01.2013" oder "AG XY des Z". Andernfalls handelt es sich um nichts anderes als zum Konsens hochstilisierte Fremdbestimmung. Vor diesem Schritt scheinen viele anarchistische Strukturen allerdings Scheu zu haben, da dies weniger Stärke und Geschlossenheit nach außen trägt.

Nicht nur anarchistisch labeln, auch handeln!

Keine Organisation kann zu 100 % eine soziale Gleichheit herstellen oder die unterschiedliche Verteilung von Zeit und Interessen ganz kompensieren. Wie hier kurz umrissen gibt es allerdings einige Baustellen, die in der Praxis leicht angegangen werden könnten. Zusammengefasst könnten die Forderungen an eine tatsächlich anarchistische Organisationsarbeit wie folgt lauten:

  • Verbindlichkeit: Realistische Einschätzung der eigenen Interessen und Ressourcen. Ehrliche Kommunikation dessen und in jedem Fall verbindliche Erfüllung angekündigter Leistung oder frühzeitige Kommunikation darüber, wenn die Leistung doch nicht erfüllbar ist.
  • Soziale Verträglichkeit: Treffen ausreichend früh z. B. 1-2 Wochen vorher ankündigen, Antragsfristen setzen, Anträge und Tagesordnung mit Erklärungen im Vorfeld zugänglich machen, Zeitbegrenzung für Treffen, verträgliche Uhrzeiten, wenn machbar und nötig Kinderbetreuung organisieren.
  • Transparenz: Vorfelddebatten zusammenfassen, Beschlüsse und Protokolle übersichtlich und zeitnah zur Verfügung stellen, lieber viele offizielle Mandate als informelle, Mandate- und Arbeitsabläufe leicht verständlich dokumentieren, damit sie von anderen übernommen werden können, bewusst um Leute kümmern, die nicht in Peergroups sind und wenig Zeit für Informierung haben.
  • Konsens: Keinen falschen Konsens zulassen. Einspruch erheben, wenn Entscheidungen nicht allen Beteiligten zugänglich sind, Entscheidungen ggf. auf AGs auslagern oder die Entscheidungsträger*innen deutlich machen, schnellstmöglich den Rest über Entscheidungen und Folgen informieren. Besser: ausreichend Zeit für Rücksprache und schriftliche Statements bei Entscheidungen lassen.

Beitrag von w.m.

Originaltext: Gai Dao Nr. 26, Februar 2013 (PDF)


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