Upton Sinclair - Ein Aufruf gegen den Krieg

Dieser flammende Aufruf an die internationale, revolutionäre Arbeiterbewegung zur Verhütung der größten Schande und ärgsten Gefahr der Menschheit: des Krieges, wurde von unserem Genossen, dem amerikanischen Schriststeller Upton Sinclair (dem weltberühmten Verfasser des Romans: "Der Sumpf", in welchem er die entsetzlichen Zustände der Chikagoer Schlachthäuser bloßlegt) an die sozialdemokratischen Blätter der zwölf im Aufruf genannten Länder zur Veröffentlichung gesandt. Leider scheint sich der Verfasser nicht bewußt zu sein, daß er sich mit seinen überzeugungsstarken, begeisterten Worten an die unrichtige Adresse gewandt hat, da die Sozialdemokratie aller Länder längst allen Sozialismus und jeden internationalen revolutionären Geist verloren hat und zur blossen politisch - oppositionellen Regierungsstreberpartei geworden ist. Jene, die sich an sie wenden, werden von ihr höchstens Reden und Resolutionen, aber niemals revolutionäre Prinzipien zu hören bekommen; wie sie auch natürlicherweise nachfolgenden herrlichen Aufruf international unterdrückte.

Glücklicherweise beginnen aber die Arbeiter — sogar in Deutschland und Österreich — selbständiger zu denken und, sich von der selbstgeschaffenen neuen Herrschaft der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer befreiend, ihre Sache in eigene Hände zu nehmen. In uns Anarchisten wird der Ruf unseres Genossen Sinclair — denn er ist durch diesen Aufruf unser Genosse, obgleich er sich dessen selber noch nicht klar bewußt ist — den Widerhall sinden, den er im Herzen aller denkenden Menschen sinden muß. Wir Anarchisten werden es sein, die immer alles, was in unserer Macht steht, aufwenden werden, um den Krieg unmöglich zu machen und die endgültige Befreiung der solidarisch vereinten Arbeiterschaft der ganzen Welt von jeder staatlichen und kapitalistischen Knechtschaft vorzubereiten! Wir hoffen, mit der Veröffentlichung und der möglichst weiten Verbreitung dieses Aufrufes die internationale antimilitaristische Association tatkräftigst gefördert zu haben, diejenige Bewegung, deren Zweck es ist, jeden Krieg, den die regierenden und ausbeuterischen Klassen wann immer, wo immer und unter was immer für einem Vorwande heraufzubeschwören trachten, unmöglich zu machen. Wir wenden uns deshalb an sämtliche Organisationen und Pressorgane der Arbeiterklasse und revolutionären Bewegungen aller Länder, diesen Aufruf ihrerseits zu veröffentlichen und zu verbreiten und sich mit obgenannter Association in Verbindung zu setzen, (1) damit unverzüglich und vereint organisiert die tatsächlich zu ergreifenden Maßnahmen zur Verhütung der Kriege festgestellt werden können.

Mit Brudergruß

Die Redaktion des "W. f. A."

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Upton Sinclair - Ein Aufruf gegen den Krieg

Der heutige Kapitalismus ist eine über die ganze Welt verbreitete Erscheinung, und der heutige Sozialismus ist in seinem innersten Wesen und unvermeidlich international. Es ist nicht denkbar, dass irgend eine Nation ihre wirtschaftliche Befreiung verwirklichen könnte, wenn die sie umgebenden Nationen in der Reaktion versunken bleiben. Die soziale Revolution bedeutet den Sturz der militärischen Klasse und die Verwerfung des militärischen Ideals. Und wir können nur deshalb unsere Sache verfechten, weil wir wissen, daß wenn die Revolution einmal anfängt, sie sich wie Wildfeuer über das ganze Gebiet des Kapitalismus verbreiten wird; daß, wenn wir die Waffen niederwerfen und unsere brüderliche Hand unseren Nachbarn entgegenstrecken, wir unsere Nachbarn bereit sinden werden, dasselbe zu tun. Der Ruf des Sozialismus ist also der Aufruf an die Arbeiterklasse der ganzen Welt, ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Rasse oder die Grenzen der Nationen. Er ist eine Bekräftigung, durch die Arbeiterklasse jeder Nation, nicht nur von ihrem eigenen Recht zu Freiheit und Selbstbestimmung, sondern auch von ihrem Willen, dieses Recht der Arbeiterklasse jeder anderen Nation gleichfalls zu gewähren. Diese Propaganda der Solidarität und allgemeinen Brüderlichkeit ist die eigentliche wahre Seele unserer Bewegung. Wir können derselben nicht in der kleinsten Einzelheit und unter gar keinen Umständen untreu werden ohne aufzuhören, Sozialisten zu sein und ohne unsere Sache dranzugehen.

Wir selbst sind Erzeugnisse des Kapitalismus und sind von Gefahren und Versuchungen umgeben. Es wäre seltsam, wenn das Mißtrauen und die Genauigkeiten des bestehenden barbarischen Systems, unter welchem wir leben und für unser Leben arbeiten müssen, uns nicht oft irreführen würden. Es wäre seltsam, wenn wir nicht hie und da geneigt wären, uns die Übel einer fremden Tyrannei lebhafter vorzustellen als die Übel der Tyrannei im eigenen Lande. Unsere herrschenden Klassen sind wohl bereit, mit dieser Versuchung an uns heranzutreten, denn sie wissen, daß der Haß gegen die herrschenden Klassen anderer Nationen das einzige Gefühl ist, welches ihnen und uns gemeinsam ist; und daß das Rühren der Kriegstrommeln und die Einschüchterung durch die Kriegsgefahr das Einzige ist, womit sie sich in ihrer Machtstellung erhalten können. Unter dem Drucke dieser Versuchung haben sich hier und dort Zeichen von Schwäche in der parlamentarisch-sozialistischen Bewegung gezeigt. Und dieser teilweise Erfolg unserer schlauen seinde scheint mir die beunruhigendste Erscheinung unserer Zeit zu sein. Denn was würde es uns nützen, wenn wir nationale Sicherheit gewinnen und dafür den Geist der Brüderlichkeit verlieren würden — welcher der wahre Sinn unseres Lebens ist, unser Banner im Kampfe und die Versicherung unseres Sieges?

Was ist der Sinn dieses Geredes über "Angriffskriege" unter Sozialisten? Gibt es einen Angriffskrieg des Proletariats einer Nation gegen das Proletariat einer anderen Nation? Wie ist so etwas möglich, wenn das Proletariat keiner Nation irgend einen Anteil am Hervorbringen der Kriege hat? Die Rivalitäten und Eifersüchtelein, welche zu Angriffskriegen führen, bestehen zwischen den Militaristen und Geldmaklern der verschiedenen Länder.

Sollen wir uns als deren Werkzeuge hergeben? Sollen wir uns in ihrem Dienste zur Schlacht treiben lassen? Wenn ja — wenn die Führer des demokratischen Sozialismus durch die Macht der herrschenden Klassen eingeschüchtert, die sozialistischen Massen durch die Leidenschaften der Herrschenden irregeführt werden können, dann wäre es einfacher, den Kampf von Anfang an aufzugeben. Denn zu was nutzt es, das Volk aufzurütteln, wenn, sobald sein Drohen gefährlicher wird, es genügt, auswärts einen Streit anzufangen? Ihr könnt sicher sein, daß die Herrschenden nicht blind sind, um dieses Mittel zu ergreifen, und daß es ihnen nicht an Gelegenheit dazu fehlen wird?

Sicherlich, Genossen, liegt die Entscheidung dieser Frage in unseren Händen. Wenn unsere Bewegung nicht in einem Meer unseres eigenen Blutes erstickt werden soll, so muß dies sein, weil wir diese Gefahr vorhergesehen und uns zum Kampfe gegen dieselbe gerüstet haben. Es muß sein, weil wir, das Volk aller Nationen — wir, die wir die Kriege auskämpfen und dieselben mit unseren Tränen und unserem Elend bezahlen — weil wir uns verständigt und beschlossen haben, daß wir es unter keinen Umständen zugeben werden, daß wir unter keinen Umständen uns zum Hinmorden unserer Mitmenschen gebrauchen lassen werden; daß, mag was immer kommen, mag es was immer kosten, wir nicht ruhig zusehen werden, daß der blutige Fluch des Krieges über die Welt fegt!

Ich sage es als eine unumstößliche Wahrheit, daß die heutigen Kulturvölker keinen Krieg wollen. Ich sage, daß nirgends zwischen vorangeschrittenen Nationen genügend internationaler Haß besteht, um nur zu ernstlichem Gerede über Krieg zu führen. Ich sage, daß, wo immer es den Anschein hat, daß das Proletariat nach Krieg verlangt, es sich immer herausstellen wird, daß die Ursache, die das Volk dazu aufwiegelt, im Geldinteresse von sensationellen Tagesblättern, gewissenlosen Politikern und ausbeuterischen Aktiengesellschaften liegt. Es sind die Kapitalisten und Aristokraten, die die Kriege herbeiwünschen und aus denselben Nutzen ziehen; und jene des In- und Auslandes sind gleicherweise unsere Unterdrücker. Wenn diese Kapitalisten versuchen, ihre Lohnsklaven gegen uns in den Krieg zu führen, sollen wir als Antwort darauf uns mit Waffen in der Hand auf die letzteren stürzen? Sollen wir diesen Verschwörern gegen das Wohl der Menschheit nicht antworten: "Wir wissen, daß euere Lohnsklaven es nicht dulden werden, daß ihr sie zu diesen Greueltaten treibt. Die Lohnsklaven eueres Landes sind unsere Brüder; wir haben uns mit ihnen verständigt und ein Treubündnis mit ihnen geschlossen. Und wir vertrauen ihnen; wir werden sie auffordern, im Namen der menschlichen Brüderlichkeit und unserer heiligen Sache ihre Waffen nicht gegen ihre eigenen Brüder zu kehren."

Lasst uns dieser Frage offen ins Antlitz schauen. Entweder wir glauben an die Verbrüderung der arbeitenden Klassen, oder wir glauben nicht daran. Wenn wir daran glauben, so müssen wir danach handeln und unsere Überzeugung bis ans Ende logisch durchführen. In dieser Sache kann es keinen Mittelweg geben; wir können nicht in einer Hand das blutige Schwert des Krieges und in der anderen die Botschaft der menschlichen Solidarität tragen. Wir müssen uns vorbereiten, entweder andere Menschen zu töten oder sie zu unserer Überzeugung zu bekehren. Und ihr könnt sicher sein, daß in der Stunde der Not uns blos unser Bereitsein retten kann. In dieser Stunde werden die Höllenhunde des Krieges losgelassen und ein blutiger Wahnsinn das Volk ergreifen; und wenn wir uns retten wollen, dürfen wir nicht zögern und beraten, Einwendungen erheben und auf halbem Wege stehen bleiben. Wenn es uns überhaupt gelingt, unserer Stimme Gehör zu verschaffen, wird es nur sein, weil wir lange vorher den Weg bestimmt haben, den wir gehen wollen; weil wir unser Volk für gerade diesen Notfall erzogen und vorbereitet haben; weil wir uns entschlossen und unseren Weg klar erkannt und uns für Leben und Tod demselben geweiht haben; weil wir bereit sind, mit allen Fähigkeiten, die wir besitzen, sofort zur Tat und zur Arbeit zu greifen, um diese ärgste Greueltat des Kapitalismus zu verhindern.

Der höhnische Vorwurf der Vaterlandsloslgkeit darf uns nicht anfechten. Unsere Antwort ist, daß wir ein Vaterland haben, dessen Grenzen sich überallhin ausdehnen, wo immer Menschen für Gerechtigkeit und Licht kämpfen. Und so sind wir ein für allemal fertig mit der Hyäne des Militarismus. Wir wollen nichts über eine Angriffsgefahr durch Kulturvölker hören. Wir erklären ein für allemal, daß es nie einen Angriffskrieg auf uns Proletarier durch ein solches Volk geben kann. Der Krieg, wenn ein solcher kommt, wird stets ein Streit zwischen unseren wirtschaftlichen Ausbeutern sein, und wir wollen an diesem Streit nicht teilnehmen — weder mit Reden, Schreiben, noch mit Gewehren und Bajonetten. Im Gegenteil, wir werden mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, dagegen ankämpfen von der Rednertribüne, in der Presse, in Volksversammlungen und Straßendemonstrationen; und in den Staaten, wo die Herrschenden sich anmassen, dies zu verbieten, mit dem Generalstreik in allen seinen Äußerungen! Wir werden im Namen der Menschheit Manifeste und Aufrufe an das Volk beider Nationen richten. Wir selbst werden uns weigern, den Militarismus irgendwie zu stützen; und wir werden alles tun, was wir tun können, um andere zu gleichem Handeln zu bewegen. Denn wir erklären, daß ein Krieg zwischen Kulturvölkern das Verbrechen aller Verbrechen ist, und daß keine Tat schlecht sein kann, welche dazu beiträgt, denselben zu verhindern, und kein Gehorsam gut ist, durchwelchen man sich demselben fügt.

Gegenwärtig ist jede große Nation damit beschäftigt, Mordinstrumente aufzuhäufen. Jedes Jahr wird die Last der Steuern größer, jedes Jahr nimmt die Arbeitslosigkeit und die Unzufriedenheit zu. Und was wird das Ergebnis von all dem sein? Jedermann kann sehen, daß das nicht für immer weiter gehen kann. Es ist wie eine Seifenblase; früher oder später muß sie platzen. Und können wir uns dem Glauben hingeben, daß die militärische Klasse irgend einer Nation ihre eigene Vernichtung zulassen wird, ohne einen Versuch zu machen, die alten Götter des Nationalismus anzurufen; ohne zu versuchen, die Mordmaschinen, die sie geschaffen, in Tätigkeit zu setzen?

Genossen! So sicher, wie unsere Bewegung besteht, so sicher ist es, daß diese heutige Situation sich zu einer derartigen Krise zuspitzen und im Aneinanderprallen der Waffen ihre Lösung finden muß. Sogar wenn wir es anders beschließen, wird die Kraft der Ereignisse zu Stark für uns sein: Wir werden gezwungen sein, gegen das Hinmorden unserer Brüder, unsere Stimme zu erheben und unsere Ausbeuter werden gezwungen sein, sich gegen uns zu kehren und unsere Stimme zu ersticken. Wir werden dann der ganzen Grausamkeit der Reaktion gegenüberstehen; und wenn je der Krieg nach dem weiter geht, wird er nur über die Leichen der proletarischen Empörungsrevolte vorangehen können. So erblicken wir die Zukunst mit unserer Voraussicht! Wir haben also nichts anderes vor uns als das: Wie wollen wir dieser Notlage begegnen? Vorbereitet und einig, oder unentschlossen und zersplittert?

Vor etwas mehr als einem Jahrhundert wurde das Volk von Frankreich zum Verkünder einer neuen Freiheit, und sofort machten sich alle Mächte der Reaktion im ganzen übrigen Europa an die Arbeit, um es niederzuwerfen. In England wurde die Opposition erstickt; die paar vereinzelten Stimmen der Freiheit wurden eingekerkert und verfolgt, und die Nation stürzte sich in den Krieg. So wurden die Menschlichkeitsideen Rosseau's in den Militarismus Napoleons verwandelt, und die Menschheit wurde zwanzig Jahre lang durch die entsetzlichsten Metzeleien zerrissen, deren Folgen noch heute in jeder Nation, die daran teilnahm, bemerkbar sind.

Unsere Bewegung besteht, um die Menschheit vor der Wiederkehr eines solchen Unglücks zu bewahren. Und der ärgste Feind, gegen den wir uns zum Kampfe rüsten müssen, ist der Krieg. So lange der Frieden aufrechterhalten werden kann, sind wir sicher. Unaufhaltsam verbreitet sich das Licht; das Volk wacht auf, unsere Bewegung wächst von Tag zu Tag. Aber wenn wir zulassen, daß der blinde Wahnsinn des Krieges die Völker ergreift, dann wird die Reaktion siegreich vordringen. Es ist der Krieg, der den betrügerischen Reichtum des Kapitalismus am Leben erhält und die für die Kapitalisten überflüssige und unbequeme Bevölkerung vermindert. Es ist durch den Krieg, daß all unser Elend verewigt und all unsere Hoffnungen vernichtet werden. Und wir haben unsere Aufgabe nicht vollauf begriffen bis wir nicht die Wahrheit zum Mittelpunkt unserer Propaganda gemacht haben, daß der Krieg der Feind des Sozialismus und der Sozialismus der Feind des Krieges ist.

Manche Kameraden werden mir antworten: "Unsere Bewegung hat all dies erkannt; unsere Kongreßbeschlüsse sind voll der radikalsten Proteste gegen den Krieg!" Ich weiß es. Aber es sind nicht Worte, die wir jetzt brauchen; es sind Taten! Und der Grund meines Aufrufes ist, daß in manchen Ländern die demokratisch-sozialistische Bewegung nicht willens war, sich zur gegebenen Zeit zu durchgreifenden Taten in dieser Sache zu entschließen. Die Führer der deutschen Sozialdemokratie haben auf dem internationalen Kongreß zu Stuttgart erklärt, daß die deutschen Sozialdemokraten mit den Waffen in der Hand "ihr Vaterland" verteidigen würden. Einige der ältesten Vertreter unserer Sache in England haben die Gefahr einer deutschen Invasion und die Notwendigkeit eines bewaffneten Widerstandes dagegen besprochen! Und seitdem hat ein förmlicher Wahnsinnsanfall von Militarismus England zu wahren Orgien im Kriegschiffbauen getrieben und dies Scheint wie ein Fieber alle übrigen Nationen angesteckt zu haben.

Genossen! Nichts als antimilitaristische Aktionen können uns in dieser Krise helfen; nur eine mutige Entschlossenheit zu Taten wird auf unsere Feinde einen Eindruck machen. Der Sozialismus ist keine Regierungstheorie, sondern ein Willensakt. Wenn derselbe verwirklicht wird, so wird dies geschehen, weil wir ihn schaffen; und wenn wir uns in Zögern und Zweifeln gehenlassen, dann werden wir die Fähigkeit verlieren, ihn zu schaffen. Diese Überzeugung ist es, die mich bedrückt — die mich nicht zur Ruhe kommen läßt: Daß unsere Bewegung zu dieser Stunde die Macht hat, den Krieg zwischen Kulturvölkern zu verhüten, wenn sie nur den Entschluß sagt, ihn verhüten zu wollen. Ein jeder von euch, der sich sagt: Ja, wir könnten es tun, wenn andere es täten — ein jeder, der so spricht, ist mitschuldig am Krieg! Kriege werden geführt, weil Menschen bereit sind, in ihnen zu Sterben; und Kriege werden geführt werden, so lange nicht Menschen bereit sind zu sterben, um sie zu verhüten. Gerade wie die Gladiatorenkampfspiele im alten Rom aufhörten, als christliche Märtyrer bereit waren, sich in die Arena zwischen die Kämpfenden zu stürzen, so wird das blutige Schauspiel des Militarismus weitergehen, bis nicht Menschen aus Menschenliebe bereit sind, sich vor die Hufe der Kavallerie zu werfen.

Man sagt uns, daß unsere Bewegung noch zu Schwach ist — daß wir den Lauf der Entwicklung abwarten müssen. Aber die Entwicklung geht im Herzen der Menschen vor sich; wir sind ihr Werkzeug, und wenn wir nicht streben und kämpfen, gibt es keine Entwicklung. Man sagt uns, daß unsere Bewegung vernichtet würde; doch es ist meine heiligste Überzeugung, daß die Niederwerfung einer Rebellion, welche aus edelstem Menschlichkeitsgefühl die Verhinderung der Kriege anstrebt, der größte Sieg wäre, den unsere Bewegung je errungen hat — daß dies das Gewissen der Menschheit mehr wachrütteln und die Arbeiter der ganzen Welt mehr anspornen würde, als es je irgend etwas hat tun können. Laßt uns nicht zu ängstlich um unsere Bewegung sein, noch der bloßen Anzahl unserer Kämpfer und dem äußerlichen Anschein der Macht allzu großen Wert beilegen. Tausend begeisterte überzeugungstreue, entschlossene Menschen sind Stärker als eine Million, die vorsichtig und ehrbar geworden sind; und es gibt keine größere Gefahr für die sozialistische Bewegung, als die Gefahr zu einer bestehenden Einrichtung zu werden. (2)

Es ist nicht meine Absicht, in diesem Aufruf jeden Krieg zu verdammen oder für irgend eine Theorie des Nicht-Widerstrebens Propaganda zu machen. Ich habe das Verhalten von unterworfenen Rassen und Nationen gegen ihre Eroberer, von Kulturvölkern gegen rückständige barbarische Staaten nicht in Betracht gezogen. Ich gebe zu, daß es notwendig sein mag, gegen die herrschenden Klassen solcher Staaten, wo das Volk unwissend und ein hilfloses Werkzeug der Herrschenden ist, zu bewaffneter Verteidigung zu rüsten. Aber ich wiederhole es, daß gegen irgend eine Nation, wo das Volk im Denken vorangeschritten ist und seinem Willen Ausdruck geben kann, unser sozialistisches Ideal die einzige Waffe sein darf. Ohne andere Länder auszuschließen, will ich die Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Österreich-Ungarn, Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen und Schweden als solche Länder anführen; und ich sage, daß ein Krieg zwischen irgend welchen dieser Nationen ein Verbrechen gegen die Menschheit wäre. Ich fordere, daß die Sozialisten dieser Länder feierliche Bündnisse und Vereinbarungen untereinander schließen sollen, in denen sie sich — mit ihrem Wohl und wenn nötig ihrem Leben — verpflichten, daß sie dieses Verbrechen verhindern werden. Wenn wir Sozialisten in solcher Krise mit kräftigem Handeln eingreifen wollen, muß es auf Grund einer gegenseitigen Verständigung und Vereinbarung geschehen; und wir dürfen mit dem Schaffen einer Maschinerie für solch eine Vereinbarung nicht so lange warten, bis die Kriegsgefahr tatsächlich da ist — ebensowenig wie die herrschenden Klassen mit dem Bau von Kriegsschiffen und dem Einüben ihrer Armeen bis zur Kriegserklärung warten würden!

Fußnoten:
1.) Man adressiere alle Briefe an den internationalen Sekretär: Domela Nieuwenbuis, Schooklaan 20, Hilversum, Holland.
2.) Wie wir bereits in unserer Einleitung bemerkt haben, übersieht Upton Sinclair, daß die Partei, der er vorzugsweise ins Gewissen redet und die sich anmaßt, sich als die einzige Vertreterin der sozialistischen Bewegung hinzustellen, die Sozialdemokratie, bereits so ehrbar, gesetzlich und mäßig geworden ist, wie eine Partei überhaupt sein kann. Darin liegt eben die Kraft unserer anarchistisch-sozialistischen Bewegung, daß dieselbe den Kampf gegen jede Autorität, die immerwährende Anpassung an jedes menschliche Bedürfnis darstellt und nie zu einer "bestehenden Einrichtung" werden kann.
Anm. d. Redaktion.

Aus: "Wohlstand für Alle", 2. Jahrgang, Nr. 20 (1909). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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