Clara Wichmann - Antimilitarismus und Gewalt (1919)

»Wir sind weit davon entfernt, aus der Gewaltlosigkeit wieder ein Dogma zu machen. «

(Dieser Artikel wurde als eine Polemik gegen X. geschrieben, der die Gewalt als Aktionsmittel im revolutionären Kampf verteidigt hatte.)

Gewiss: kein einziger Grundsatz in der Welt kann bis in seine äußersten Konsequenzen durchgeführt werden; weder Vegetarismus. noch freie Erziehung, noch Gewaltlosigkeit. Aber was soll nun die Folgerung daraus für die Praxis unseres Lebens sein? Sollen wir daher nun auch jeden Versuch in dieser Richtung unterlassen, oder im Gegenteil den neuen Grundsatz anerkennen, um bald zu erkennen, dass mit jedem Versuch in dieser Richtung unsere Kraft dazu wachsen wird?

Die gewöhnliche Redensart ist die: „Ich werde kein(e) Vegetarier(in), denn dann dürfte ich auch eigentlich keine Pflanze ums Leben bringen; ich strebe nicht nach Gewaltlosigkeit, denn, wenn ich sehe, wie ein Kind ermordet wird, werde ich Gewalt anwenden. um dies zu verhindern.“ Diese Redensart ist sehr einfach, und hätten wir sie immer angewendet, so wäre die Menschheit nicht einen Schritt vorwärts gekommen. Ein Fortschritt ist nur dann möglich, wenn es „Toren“ gibt, die glauben gut daran zu tun, wenigstens so weit nach ihren Grundsätzen zu leben, als es ihnen möglich ist… Und die „äußerste Konsequenz“ der Auseinandersetzung von X. würde sein, dass die Menschen bis in alle Ewigkeit hätten Kannibalen bleiben sollen, weil sie die Grundsätze vom Nicht-Töten und Nicht - Verschlingen ja doch nicht konsequent durchführen können.

Mit allen diesen Redensarten über unmögliche, äußerste Konsequenzen verdunkelt mensch die wesentliche Frage; und das ist sowohl das Bequeme, wie das Gefährliche dieser Redensart. Wenn wir heutzutage die Frage der Gewaltlosigkeit besprechen, dann handelt es sich nicht darum, ob wir im äußersten Falle — einem Tiger oder einem Kindermörder gegenüber – Gewalt anwenden werden, sondern darum: ob wir die Gewalt zu einem steten Bestandteil unserer Propaganda und unserer Kampfmethoden machen wollen?

Wenn X. letzteres auf Grund der Tatsache vertritt, dass wir Menschen des 20. Jahrhunderts den Gedanken der Gewaltlosigkeit doch nicht völlig auswirken können, so ist dieser Gedankengang – wie sehr dieser bei ihm auch hervorgeht aus Hingabe an die Menschheit und an den Sozialismus – in dieser Hinsicht derselbe, wie der einer jeden Konservativen neuen Grundsätzen gegenüber. Zu jedem Prinzip müssen die Menschen heranwachsen, keines kann sofort völlig ins Leben umgesetzt werden, und wenn wir uns auch wohl manchmal einbilden, Kultur zu besitzen, so stehen wir dennoch mit einem Fuße im Reich der Tiere.

Deshalb ist schon dies wichtig und in hohem Maße erfreulich: wenn Menschen – Einzelne, kleine Gruppen sind es bis jetzt noch – eingesehen haben, dass es eine höhere Kampfmethode als die des Zwanges gibt, nämlich „das Geistesschwert der Freiheitsscharen“. Wenn wir diese Waffe als die Höhere erkannt haben und als die Erstrebenswerteste, dann sind wir ja schon auf dem besten Weg.

Dies habe ich in der Auseinandersetzung von X vermisst: die Einsicht, dass es etwas anderes gibt, als entweder das bewusste und wissentliche Annehmen und Anerkennen der Gewalt oder die Gewaltlosigkeit eines Buddha, nämlich die Einsicht, dass die Gewaltlosigkeit, so gut wie alle anderen Kräfte, sich entwickeln muss und teilweise sich bereits entwickelt hat, denn zumindest die Zeit der primitivsten Reaktionen, als jeder Meinungsunterschied durch sofortige Gewalt geschlichtet wurde, wo jedes menschliche Verhältnis (auch dasjenige von Mann und Frau, Eltern und Kindern) eines von Macht und Autorität war, ist bereits überwunden.

Auf diesem Wege müssen wir weitergehen, „weil wir bis zur völligen Gewaltlosigkeit noch nicht gekommen sind“, und jede(r) die wieder Gewalt predigt, diese Entwicklung hemmt und in dieser Hinsicht – ich kann es nicht anders sagen – reaktionär handelt. Wenn wir die Dinge so sehen, dann folgt daraus von selbst, dass wir die Gewalt wohl als einen historischen Faktor anerkennen, dass wir wissen, dass allerlei relativ Gutes in der Geschichte durch die Gewalt zustande gebracht worden und dass sogar allerlei edler Heldenmut mit Gewalt verbunden ist.

Deshalb aber brauchen wir doch nicht ewig bei dieser Methode bleiben! Es kommt auf eine Weiterentwicklung an, auf eine Steigerung, somit nicht auf ein Ersetzen dieser alten, rauen Heldenhaftigkeit durch eine Art universeller Weichherzigkeit und Gelassenheit. sondern durch eine neue Heldenhaftigkeit, die im Anfang an Schwierigkeit die alte weit übertreffen wird. Unsere alten Instinkte wollen noch gerne die Sache, der wir dienen, mit Gewalt verteidigen und mensch braucht Mut dazu, um der Überzeugung treu zu bleiben, dass wir ihr mit Gewalt schlecht dienen würden.

So einfach, wie X. es hinstellt, ist es nicht. Alle Vorkämpfer*innen der Gewalt stellen das Problem so hin, als ob wir zwischen zweierlei die Wahl hätten: entweder einen heiligen Zweck mit allen Mitteln zu verwirklichen, oder – auf diesen heiligen Zweck zu verzichten. Gerade diese Gegenüberstellung ist falsch, so ist es in der Wirklichkeit nicht.

Wer schonungslose oder unehrliche Mittel anwendet, verspielt damit seinen heiligen Zweck. Alles hat ja seine Folgen: auch die Gewalt. Sie ruft aufs neue Gewalt hervor, wie die ganze Geschichte es beweist.

X. selber wird es erkennen müssen, dass es sich so in der Wirklichkeit nicht verhält,— auf der einen Seite nur die Kräfte des Lichtes und auf der anderen nur die Kräfte der Dunkelheit.“Wenn jetzt ein Volk.. sich befreit, und es baut sich eine neue Erde, aber eine Erde des Friedens, und es gibt keine Waffen mehr, sondern nur Liebe und Weisheit, — und es kommen reaktionäre Mächte, um dieses Volk zu überfallen, und diese Mächte haben Waffen – was dann müssen wir dann nicht auch zu den Waffen greifen?“

So ist es ja gar nicht. Auch in uns sind dunkle, reaktionäre Elemente, und wenn mensch den bewaffneten Kampf predigt, so macht sie nur diese Gewaltkräfte in uns frei! Wenn Jahre hindurch die Menschen für die oder jene Armee erzogen werden, so hat mensch in ihnen Instinkte erzogen und verstärkt, die sie für ein kameradschaftliches Zusammenleben untauglich machen. Dann weicht das Ideal schon wieder in die Ferne – und es wird nie erreicht – gerade weil die Menschen dafür nichts übrig haben, um im gegebenen Fall auf das greifbare, gewalttätige Kampfmittel verzichten in können.

Wenn es anders wäre: Wenn wirklich auf der revolutionären Seite nur die Kräfte des Lichts, der Liebe und der Weisheit wären — dann freilich wäre die Sache sehr einfach. Dann würden wir sowieso keine Waffen gebrauchen, weil wir sie nicht gebrauchen wollten — und weil wir andere Kampfmethoden zu unserer Verfügung hätten und sie auch anwenden würden. Denn der Kampf ist ewig auf der Erde und ohne Kampf kein Wachsen – aber der Kampf kann veredelt werden.

Deshalb ist es immer ein Zeichen von Unvermögen, von Unreife, wenn wir zum Zwang, zur Gewalt und Strafe unsere Zuflucht nehmen müssen. Wenn eine(r) die Kinder nicht ohne Gewalt erziehen kann, dann kann das teilweise an den Kindern liegen, aber ganz gewiss auch an den Erzieher*innen. Es ist immer unser Fehler - und dies gilt sogar den Kindesmördern gegenüber — wenn wir kein anderes Mittel mehr wissen, als die Gewalt. Es bedeutet auch meistenteils, dass uns ein äußerer Erfolg, der eine innerliche Niederlage bedeutet, schließlich doch lieber ist, als das Umgekehrte.

X. sieht nur noch zwei Möglichkeiten: Wehrlosigkeit und Gewalt. Haben wir aber nicht schon seit längerer Zeit mit dem Begriff „Wehrlosigkeit“ gebrochen und die geistige Streitbarkeit über ihn gestellt?

Aber das Falsche ist, dass wir diese Dinge meistens nur im Abstrakten erörtern, während die neue Kampfmethode erfordert, dass wir immer wieder versuchen, die entsprechende Kampfmethode ausfindig zu machen, in allen Konflikten, denen wir gegenüberstehen. Bei einzelnen (wenn einer irgend ein Unrecht oder vermeintliches Unrecht angetan worden ist) und bei der Gesamtheit (wenn es gilt, die Mittel des revolutionären Kampfes ausfindig zu machen). Vom Dürfen oder Sollen ist also keine Rede. Kein(e) Anhänger*in der Gewaltlosigkeit, der ihren Grundsatz begriffen hat, wird jemals eine(r) anderen sagen, dass er/sie keine Gewalt gebrauchen darf. Wir sind weit davon entfernt, aus der Gewaltlosigkeit wieder ein Dogma zu machen.

Sie kann nur wirklich angewendet werden, insoweit sie innerlich erlebt ist, Äußerung einer innerlichen Erregung oder allgemeinen Geistesverfassung ist, sonst wäre sie „tönend Erz und eine klingende Schelle“ geworden.

Wenn es sich als wahr erweisen wird, dass die Entwicklung der Menschheit in der Richtung eines Immermehrüberwindens von Gewalt und Zwang geht, so wird mensch, wenn sie nach vielen Jahrhunderten auf die Entstehungsgeschichte der Gewaltlosigkeit zurückschaut, dann wahrscheinlich erkennen müssen, dass auch dieser neue Lebensgrundsatz nur in Leid und Kampf, mit Umfall und Wiederaufrichten gereift ist. Es hat seine tiefe Bedeutung, dass die Gewaltlosigkeit heute für uns alle ein Problem ist, denn dies ist ein Zeichen, dass wenigstens unter vielen Revolutionär*innen — für die anderen ist es noch kaum eine Frage— das soziale Gewissen in diesem Punkt feinfühliger geworden ist. Dieses gilt sowohl für diejenigen, die für die Gewalt, als für diejenigen, die gegen die Gewalt schreiben und sprechen. Für sie alle ist es ein Problem geworden! Sie alle würden ohne Gewalt kämpfen wollen - während für die früheren Menschen – und jetzt noch für die Mehrheit – die Gewalt eine Selbstverständlichkeit war und ist.

Auch X. gehört zu denen. Für die die Anwendung der Gewalt nicht selbstverständlich ist. Aber zweierlei sieht er meine ich, nicht deutlich genug:

  1. Dass es wohl besser sein kann – obgleich nicht immer ist – Gewalt gegen Unrecht anzuwenden, als gar nichts dagegen zu tun; aber dass es jedenfalls noch viel besser ist, das Unrecht auf eine andere Weise zu überwinden.
  2. Dass Gewalt selbst wieder gewalttätige Kräfte weckt.


X. stellt sich die Gewaltlosigkeit nur passiv vor „als ein wehrloses Untergehen in den alten Elementen“. Und er meint, dass die, die versuchen wollen, die Gewalt zu überwinden, leugnen, dass alle Aufwärtsbewegung nur in Kampf, Not und Leid erworben wird. Aber wie es einen anderen Kampf als den der Waffen gibt, so gibt es auch noch ein anderes Leid als Tod und Wunden. Übrigens, vorläufig werden die Gewaltlosen – wenigstens für sich selbst – dieses letztere auch noch auf sich nehmen.

X. ist Antimilitarist unter dem Kapitalismus, denn einer schlechten Sache will er nicht mit Gewalt dienen. Wenn wir das unlösliche Band zwischen Mittel und Zweck fühlen, wenn wir wissen, dass wir eine gute Sache unwiderruflich nieder ziehen, dadurch, dass wir sie mit schlechten Mitteln verteidigen, dann glaube ich, dass wir weitergehen werden als X. und versuchen werden, endgültig und auf immer Antimilitaristen, also Gegner*in jeder Gewalt zu sein.

Veröffentlicht 1919 „Antimilitarisme en Geweld“

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2012/06/01/antimilitarismus-und-gewalt/


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