Ulrich Bröckling - Von der Schwierigkeit des Antimilitarismus in Deutschland

I.

Antimilitaristen sind rar in Deutschland. Hier ist das Nein-sagen allemal suspekter als dumpfes Mitmachen, und noch die Kritik an der deutschen Misere gibt sich konstruktiv. Hier gründen Staatsfeinde munter neue Parteien, um parlamentarisch einen besseren Staat zu erstreiten, und deutsche Pazifisten ersinnen alternative Verteidigungskonzepte, statt die Wehrkraft zu zersetzen. Hier demonstrierte man für den Frieden stets so disziplinlert, wie man in den Krieg zog - und präsentierte obendrein beides noch als Dienst am Vaterland. Über die seltenen Ausnahmen, denen der vorauseilende Gehorsam nicht zur zweiten Natur geworden war, wachten streng die Organe der Obrigkeit, um jede Unbotmäßigkeit zu unterbinden. Wer "das Ansehen der Streitkräfte in der Gesellschaft" herabsetzte, indem er etwa Militärdienst als Ausbildung zum Massenmord denunzierte oder Rekrutenschinderei anprangerte, wer gar zu Dienstverweigerung, Fahnenflucht oder militärischer Sabotage aufstachelte, dem waren Zensur, Gefängnis, Exilierung, wenn nicht schlimmeres gewiß. Damit nicht genug: Was man erfolgreich bekämpft hatte, wurde auch aus dem Gedächtnis getilgt. Es gibt zwar eine Geschichtsschreibung des Pazifismus (1) in Deutschland, doch keine des Antimilitarismus und erst recht keine Geschichte des militärischen Ungehorsams. Allein Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurde das zweifelhafte Glück zuteil, nach ihrem Tod als Märtyrer des proletarischen Friedenskampfes verehrt zu werden. Als Heiligenbilder auf den Ahnenaltären der Parteikommunisten finden sie noch immer vielseitige Verwendung. Immerhin legte man ihre Schriften neu auf. Vergessen wurde dagegen die anarchistische und anarchosyndikalistische Tradition des Antimilitarismus. (2) Eine Tradition, die mit ihrer kompromißlosen Kritik jeglicher militärischen Organisation das Attribut antimilitaristisch weit eher verdient als Sozialdemokraten auch luxemburg-liebknechtscher Prägung mit ihren Milizkonzepten und dem Ratschlag an Rekruten, sich in den Kasernen mustergültig aufzuführen.

Wenn mit diesem Band nun einige Dokumente anarchistischer und syndikalistischer Soldatenagitation aus der Zeit zwischen 1880 und 1907 neu publiziert werden, dann zunächst einmal, um einfach daran zu erinnern: Es gab auch noch anderes, als in den Partei- und Militärgeschichten zu lesen steht. Wer den Siegern der Geschichte noch die Erinnerung kampflos überläßt, wird auch in Zukunft verlieren. (3) Sind die Texte dieses Buches heute nurmehr historische Dokumente? Vieles spricht dafür: Die Arbeiterbewegung, aus der sie hervorgingen, ist längst verschwunden. Der sozialdemokratische Antimilitarismus hat hüben wie drüben sein Ziel erreicht: den Staatsbürger in Uniform. Die Imperialismen haben inzwischen Wege gefunden, die Akkumulation zu sichern, ohne gegeneinander Kriege vom Zaun zu brechen. Auch die Produktion von Toten ist in der Dritten Welt billiger. Die Armee schießt bei uns nicht mehr auf Streikende, die Tarifpartner einigen sich friedlich. (In Planspielen der Militärs wird dergleichen allerdings noch geübt.) Kriegsdienstverweigerung wurde legalisiert; nach den Greueltaten deutscher Uniformträger war dieses Zugeständnis wohl unumgänglich, und schließlich braucht der Staat ja auch zivile Diener. Geblieben ist jedoch durch alle Umbrüche dieses Jahrhunderts hindurch das Prinzip der Drohung mit militärischer Gewalt nach innen wie außen. Ohne diese Drohung kommt staatliche Politik nicht aus. Geblieben sind ferner die Disziplinierungsrituale, die das zivile Menschenmaterial in eine schlagkräftige Truppe verwandeln. Trotz "Innerer Führung" und Technisierung des Dienstes funktioniert die Produktion zuverlässiger Soldaten heute nach dem gleichen Grundschema wie vor hundert Jahren. (4) Befehl und Gehorsam lassen sich nunmal nicht demokratisieren. Geblieben ist damit für jede radikale Opposition auch die Notwendigkeit antimilitaristischer Arbeit.

Da die Zentralen der Herrschaft zweifellos ihre Armee in Marsch setzen würden - selbstverständlich nur "zur Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung" - sollte sie sozialer Widerstand ernstlich bedrohen, hat dieser nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es gelingt, die Disziplin der Truppe zu unterminieren. Falls nicht Meutereien, Massendesertionen und Sabotage das Militär lähmen, wird ernsthafter Opposition letztlich nur die Alternative freiwilliger Kapitulation oder aufgezwungener Niederlage bleiben. "Militärisch" ist das Militär allemal überlegen. Das wurde noch gewußt, als die Texte dieses Bandes geschrieben wurden, - wurde gewußt wohl, weil soziale Revolution in greifbarer Nähe schien. Heute dagegen fungieren die "neuen sozialen Bewegungen" als gesellschaftliche Frühwarnsysteme und ihr Widerstand reduziert sich auf "symbolische Regelverletzungen". Die Friedensbewegung protestierte gegen Waffensysteme und vergaß darüber diejenigen, die sie bedienen (und herstellen). Soziale Revolution gilt dieser Linken bestenfalls noch als schöner Mythos des 19. Jahrhunderts; mit ihrer Möglichkeit verschwand auch die Überzeugung von ihrer Notwendigkeit. So liegen denn die hier versammelten Pamphlete quer zu den Diskussionen jener Linken, die inzwischen nichts sehnlicher wünscht, als endlich mitmachen zu dürfen im politischen Geschäft. Ob da eine Strategie der Destruktion, ob Wehrkraftzersetzung und Antipatriotismus noch mehr als nostalgisches Schmunzeln provozieren können, ist fraglich. Es wäre zu wünschen.

Da diese Texte bislang entweder völlig vergessen oder nicht zugänglich waren, bedarf ihre Dokumentation der Ergänzung durch einige Anmerkungen. Anmerkungen zum System des preußisch-deutschen Militarismus, zu den Auseinandersetzungen in der deutschen Arbeiterbewegung, die sich über den Kampf gegen Krieg und Militarismus alles andere als einig war, sowie nicht zuletzt Anmerkungen zu den Texten selbst und zu ihren Autoren.

II.

Am Anfang des Deutschen Reiches von 1871 stand ein siegreich beendeter Krieg. Das sicherte dem Militär nicht nur ein enormes gesellschaftliches Prestige, sondern auch eine privilegierte Machtposition innerhalb des politischen Systems. Es ermöglichte die Fortsetzung preußisch-absolutistischer Heerespolitik trotz mächtig gewordenem Bürgertum und sich organisierender Arbeiterbewegung. (5) Die preußische Monarchie hatte seit dem 18. Jahrhundert ihr Offizierskorps mit dem Landadel besetzt, den sie auf diese Weise zur Loyalität verpflichtete, während die Mannschaften vorwiegend aus den hörigen Bauern dieser Rittergutsbesitzer rekrutiert worden waren. Diese Grundstruktur rettete das Militär ins neue Reich hinüber: das aktive Offizierskorps blieb weitgehend frei von Bürgerlichen, die Landbevölkerung stellte weiter den Großteil der Gemeinen, und das gesamte Heer unterstand direkt dem kaiserlichen "obersten Kriegsherrn". Dazu mußte freilich die militärische Subordination auch zum bestimmenden Prinzip des zivilen Lebens gemacht werden, und Bürgertum wie zumindest Teile des Proletariats Ideologie und Macht der Armee unterworfen werden.

Anders als in Frankreich, wo im Anschluß an die Revolution die Armee nationalisiert, d.h. in die bürgerliche Gesellschaft eingeschmolzen worden war, wurde im Deutschen Reich die Nation militarisiert. (6) Das deutsche Bürgertum ließ sich die Feudalisierung ohne größere Widerstände gefallen, garantierte ihm doch der Militärstaat politische Verhältnisse, die einer forcierten Kapita1akkumulation äußerst günstig waren. Das Sozialprestige des Bürgers maß sich am militärischen Rang; wer es nicht zum I. Reserveoffizier gebracht hatte, blieb Mensch zweiter Klasse. Zum Reserveoffizier konnten Angehörige der "gebildeten Stände" aufrücken, nachdem sie als "Einjährig-Freiwillige" aktiv gedient hatten. Ständige Inszenierungen nationaler- Symbolik, die Besetzung niederer Beamtenstellen mit ehemaligen Unteroffizieren, das Kriegervereinswesen sowie die allgemeine Flotten- und Kolonialbegeisterung untermauerten und verstärkten die Allgegenwart des Militärischen in der wilhelminischen Gesellschaft.

Richtete sich die äußere Frontstellung von Militärmonarchie und militarisiertem Bürgertum vor allem gegen Rußland und Frankreich, so hieß der innere Feind Sozialdemokratie. Die sozialistische Arbeiterbewegung avancierte zum Staatsfeind schlechthin. Der Militärführung war der Pariser Kommuneaufstand, der sich unmittelbar vor ihren Augen abgespielt hatte, zum Schlüsselerlebnis geworden. Bebel hatte sich dazu noch im Reichstag leidenschaftlich zur Kommune bekannt. Auch in Deutschland schienen vom schnell anwachsenden Industrieproletariat, das der Sozialdemokratie offenbar unaufhaltsam neue Mitglieder zuführte, ernsthafte Angriffe auf die bestehende Ordnung zu drohen. Deshalb setzten die verantwortlichen Militärs alles daran, das Heer von "unzuverlässigen Elementen" freizuhalten oder, sofern das nicht möglich war, diese strengster Kontrolle und Disziplinierung zu unterwerfen.

In den Führungsrängen des Heeres gab es zeitweise starke Kräfte, die sich gegen Truppenvergrößerungen aussprachen, um eine Zunahme sozialdemokratisch gesinnter Rekruten zu verhindern. Zwar bestand allgemeine Wehrpflicht - sie war in Preußen 1814 eingeführt worden - , doch wurde nur ein Teil der Dienstpflichtigen auch wirklich eingezogen. Aus dem gleichen Grund hielt man bis 1893 auch an der dreijährigen Dienstzeit fest. Wer so lange dem "erzieherischen Wirken" von Unteroffizieren und Offizieren, sprich Kasernenhofdrill und oft genug brutalen Quälereien ausgesetzt war, dem, so hoffte man, dürften alle staatsfeindlichen Flausen vergangen sein. Gegen die lange Dienstzeit hatte es jedoch erheblichen Widerstand gegeben; im konjunkturellen Aufschwung waren die jungen Männer auch als Arbeitskräfte gesucht. Außerdem war mit Industrialisierung und Urbanisierung das Bildungsniveau allgemein gestiegen und man glaubte, aus dem Rekrutenmaterial auch in kürzerer Zeit technisch brauchbare Soldaten formen zu können. Mit der nunmehr zweijährigen Dienstzeit stieg die Zahl der ausgebildeten Mannschaften und die Wehrpflicht wurde konsequenter durchgeführt.

Die Militärführung sah sich auch weiterhin in doppelter Frontstellung, gegen den inneren Feind und die äußeren Feinde, doch die Gewichtung verlagerte sich: Je mehr Weltmachtambitionen und eine Konfrontationsstrategie hart am Rande des Krieges die Außenpolitik bestimmten, desto mehr drängte rein quantitatives Effektivitätsdenken Vorstellungen einer kleinen, aber absolut zuverlässigen Truppe zurück. Da somit auch immer mehr sozialistische Kräfte in die Armee gelangten, wurde es umso dringlicher, ihren Einfluß durch Überwachung und Repression zu neutralisieren. Diesem Ziel dienten noch vor allen Sondermaßnahmen gegen Sozialdemokraten oder solche, die man dafür hielt, die regulären Techniken der Disziplinierung.

Diese waren seit dem 18. Jahrhundert kaum verändert, sondern allenfalls ausgefeilt worden. Militärische Disziplin hieß nach der denkbar einfachen Formel des Obermilitärstrategen Moltke: Autorität von oben, Gehorsam von unten. (7) Der Drill, die trotz formellem Verbot der Prügelstrafe alltäglichen Mißhandlungen (8), sowie das System der zahllosen Kleidungs-, Sauberkeits- und Grußvorschriften, die, da heillose Überforderung auch der Pflichteifrigsten, für die Rekruten einen Zustand permanenter Bestrafbarkeit bedeuteten, sollten nur eines bewirken: bedingungslose Unterwerfung unter die Vorgesetzten. (9) Die Armeeführung glaubte zwar, ihre Erziehung werde die Mannschaften schon gegen sozialistische Ideen immunisieren, doch traf sie darüberhinaus noch spezielle Vorkehrungen, um eine Infizierung der Truppe in jedem Fall auszuschließen (10): Sozialdemokratischen Soldaten blieben alle Aufstiegschancen, selbst die zum Unteroffizler, verwehrt. Wiederholte Durchsuchungen von Schlafräumen und Spinden, Postüberwachung sowie Kontrolle ziviler Kasernenbesucher sollten staatsfeindliche Literatur zutage fördern. Die Ergebnisse solcher Fahndungen waren allerdings mager.

Umso härter traf es aber Rekruten, bei denen etwas gefunden wurde: So gab es 14 Tage Arrest für den Besitz einer sozialdemokratischen Broschüre und ebenfalls Arrest für die Abschrift eines "Arbeiter-Soldaten-Liedes" im Notizbuch - von den Dauerschikanen, die solche Rekruten dann trafen, ganz zu schweigen. Die Kontrolle erstreckte sich auch auf die Freizeit; für Wirtshäuser, in denen man sozialdemokratische Gäste vermutete, verhängten die Garnisonskommandeure spezielle Militärverbote, die allerdings aufgrund gemeinsamer Proteste von SPD-Reichstagsfraktion und Gastwirtsverbänden wieder gelockert werden mußten. In manchen Städten wurden die Militärverbote zeitweise auch auf sozialdemokratische Handwerker, Ärzte und Rechtsanwälte ausgedehnt. Ab 1885 versuchte man, zum Dienst einberufene Sozialdemokraten in Schwarzen Listen zu erfassen. Die Polizeibehörden in den Heimatorten waren angehalten, profilierte Parteimitglieder oder Sympathisanten an die Garnisonen zu melden. Eine "leidenschaftslose Behandlung und der erziehende Ernst des Dienstes" sollten sie dann zu "patriotischem Denken und Fühlen" zurückführen; falls das nichts fruchtete, sahen entsprechende Erlasse scharfe Bestrafungsmaßnahmen vor.

Als weniger sinnvoll erwies sich die Verteilung sozialdemokratischer Rekruten auf ländliche Garnisonen, die man vor allem in der Zeit des Sozialistengesetzes zwischen 1878 und 1890 praktizierte. Allzu oft führte das statt der beabsichtigten Isolierung zur Ausbreitung der zersetzenden Lehren in bis dahin "sozialistenfreien" Orten. Das Anwachsen der SPD nach Aufhebung des Sozialistengesetzes veranlasste die Militärführung, ihren Repressionsapparat noch auszubauen. Kaum verdeckt sprach man in höheren Offizierskreisen über einen Präventiv-Bürgerkrieg gegen die organisierte Arbeiterbewegung; in den Generalstabsschubladen lagen die entsprechenden Operationspläne. (11)

Sie kamen nicht zur Anwendung. Der Kampf gegen den "inneren Feind des Vaterlandes" zeitigte auch Wirkung, ohne ihn zum offenen Krieg zu eskalieren. Er schweißte Bürgertum und militarisierten Staat noch fester zusammen. Die SPD schwor von sich aus revolutionärer Gewalt ab und schlug nationalere Töne an, um der Rede von den "vaterlandslosen Gesellen" die Grundlage zu entziehen. Das fiel ihr umso leichter, als Staats- und Militärführung bei der Begründung ihrer Repressionen Anarchisten und Sozialdemokraten gleichsetzten und auf diese Weise die Partei und ihre Anhänger offensichtlich für Aktionen bestraft wurden, mit denen sie nun wirklich nichts zu schaffen hatten.

Schon 1878 hatten zwei Anschläge auf den Kaiser, die allerdings nicht von anarchistlschen Propagandisten der Tat, sondern von Einzelgängern verübt worden waren, zur Rechtfertigung des Sozialistengesetzes herhalten müssen. 1895 scheiterte das Kriegsministerium dann im Reichstag mit einer "Umsturzvorlage", weil es als Belege angeblicher Zersetzungsarbeit der Sozialdemokratie im Heer fast nur anarchistische Flugschriften vorweisen konnte - darunter einige, die dieser Band dokumentiert.

III.

Daß Sozialdemokraten nationaler Wehrhaftigkeit das Wort redeten, stand durchaus im Einklang mit ihrem Parteiprogramm und vermutlich auch - genauere Untersuchungen liegen dazu allerdings nicht vor - mit den vorherrschenden Einstellungen ihrer Anhängerschaft. (12) Die SPD lehnte über alle internen Gegensätze hinweg das Militär nicht grundsätzlich ab, sondern nur seine quasi-absolutistische Form.

Die Grundzüge sozialdemokratischer Wehrpolitik faßte 1908 der Politikwissenschaftler Walther Borgius in der neugegründeten "Zeitschrift für Politik" zusammen: "Sie bekämpfen die Klassenscheidung im Heere, die in dem Institut der Einjährig-Freiwilligen, in der prinzipiellen Trennung des Offizierskorps vom Unteroffizierskorps liegt. Sie bekämpfen das System der Berufssoldatenschaft, wie sie diese beiden Vorgesetzten-Gruppen darstellen. Sie bekämpfen die Verwendung des Heeres als Unterstützungstruppe der Polizei gegen den "inneren Feind". Sie bekämpfen die lange Dienstzeit, das geheime Militärstrafverfahren, die Härten der Disziplin, die künstliche Trennung des Heeres vom Volke (durch Kasernen und Kasinos etc.). Sie bekämpfen endlich das Prinzip, daß die Entscheidung über Krieg und Frieden in Händen des Fürsten oder einiger weniger leitender Staatsmänner liegt, statt bei der Volksvertretung, sowie überhaupt, daß die Militärverwaltung - die Entscheidung über Versetzungen, Ernennungen und Verabschiedungen etc. - in bürokratischer Form gehandhabt wird, statt in vollster Öffentlichkeit unter Mitwirkung der beteiligten Truppen selbst. Sie bekämpfen endlich die Form des stehenden Heeres mit der darin liegenden Brachlegung zahlloser Menschenkräfte und seiner von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigenden Kostenlast, treten also ein für eine Volksmiliz, etwa des Genres, wie es die Schweiz heute schon durchgeführt hat, nur noch etwas mehr gereinigt von Klassenherrschaft und kapitalistischem Geiste. Da sie im übrigen aber, gleich den übrigen politischen Parteien, die Eroberung der politischen Macht erhoffen und erstreben, diese jedoch identisch ist mit der militärischen Gewalt, so können sie gar nicht Gegner des Militärs als solchen sein, sondern nur das Bestreben haben, es ihrer Partei und ihren Ideen dienstbar zu machen." (13)

Ihre Grundlage hatte diese Politik in der Annahme, die kapitalistische Gesellschaft werde zwangsläufig an ihrer eigenen Dynamik zugrundegehen, und auf ihr Ende folge dann der sozialistische Volksstaat. Strittig war dabei allein, ob sich der Übergang als großer "Kladderadatsch", als Zusammenbruch und revolutionäre Machtergreifung, so die Marxisten von Kautsky bis Luxemburg, oder als friedliches Hineinwachsen in die neue Ordnung, so die Revisionisten, vollziehen werde. Der Geschichtsautomatismus sollte für alle Bereiche der Gesellschaft gelten; wie der Kapitalismus und mit diesem sollte auch der Militarismus untergehen an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung. Was für den Kapitalismus die Entfaltung der Produktivkräfte, war für den Militarismus die allgemeine Wehrpflicht: Ihre konsequente Durchführung brachte immer mehr Proletarier in die Armee, die sich dadurch nach und nach in ein Volksheer verwandeln sollte. Optimistisch blickt Friedrich Engels 1891 in die Zukunft: "Heute haben wir einen Soldaten auf fünf, in wenigen Jahren werden wir einen auf drei haben, und gegen 1900 wird die Armee, früher das preußischste Element des Landes, in ihrer Majorität sozialistisch sein. Das rückt heran, unaufhaltsam wie ein Schicksalsschluß." (14)

Wer die Geschichte so sicher auf seiner Seite wußte, konnte getrost darauf verzichten, ihr durch eigene Aktion nachzuhelfen. Ja, jeder Aktionismus war gefährlich, da er die Gegenseite zu Krieg oder Bürgerkrieg provozieren konnte, was den Sieg der Sozialdemokratie um Jahre verzögern, ihr in jedem Fall aber hohen Blutzoll abverlangen würde. Sozialdemokraten hatten daher die Aufgabe, außenpolitisch alle Friedensanstrengungen zu unterstützen und im Innern die eigene Organisation zu stärken sowie mit ihr - auf legalem Wege - für gesellschaftliche Demokratisierung einzutreten. In der reformistischen Praxis trafen sich Revisionisten und Marxisten, auch wenn letztere noch an revolutionärer Rhetorik festhielten. Das stimmte durchaus auch mit den praktischen Interessen der organisierten Arbeiter überein: Mit dem konjunkturellen Aufschwung seit den 90er Jahren waren die Reallöhne und damit auch Hoffnungen auf Verbesserung der Lebensbedingungen innerhalb der kapitalistischen Ordnung gestiegen. Der Kampf um höhere Löhne brachte die Arbeiter aber auch in partielle Interessenidentität mit Kapital und bürgerlichem Staat. Materielle Verbesserungen waren für die Arbeiter eher zu erkämpfen, wenn auch die Akkumulationsbedingungen günstig waren. Diese hingen aber von der Position des national organisierten Kapitals auf dem Weltmarkt sowie von seinem Anteil an der kolonialen Ausbeutung ab. Die wiederum sicherte der Nationalstaat mit seinem Militär. Das schuf den Nährboden für die Wirksamkeit nationaler Ideologien auch in der Arbeiterbewegung und verfestigte Organisationsfetischismus wie Legalismus. Proletarischen Internationalismus demonstrierte man vorwiegend noch bei festlichen Reden zum Ersten Mai. Und die Strategie eines politischen Massenstreiks, die eine radikale Minderheit in der Partei vehement verfocht, stieß bei der Mehrheit auf wenig Gegenliebe.

Tribüne sozialdemokratischer Politik war der Reichstag, wo die SPD-Fraktion insbesondere die zunächst alle sieben, später alle fünf Jahre anstehenden Debatten über den Militärhaushalt nutzte, um den Militarismus zu geißeln und die allgemeine Volksbewaffnung zu fordern. Die entschiedenste antimilitaristische "Tat" der Sozialdemokraten blieb denn auch ihre regelmäßige Ablehnung des Militäretats.

Ihre Parole, "diesem System keinen Mann und keinen Groschen" war daher auch keine Aufforderung zur Kriegsdienstverweigerung und zum Steuerboykott, sondern Abstimmungsanweisung für die Abgeordneten. Doch selbst der parlamentarische Antimilitarismus blieb in der Partei nicht unbestritten und schließlich stimmte man 1912 einer Heeresvermehrung zu, weil ihre Finanzierung zu Lasten der Wohlhabenden ging, was man als politischen Erfolg verbuchte. Von da war es nicht mehr weit bis zum August 1914, als der SPD ein noch größerer Triumph zuteil wurde. Der Kaiser höchstpersönlich kannte nun "keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche" und nahm damit die vormaligen vaterlandslosen Gesellen in die Volksgemeinschaft auf.

Die sozialdemokratische Militarismuskritik in den Jahrzehnten davor entzündete sich häufig an den brutalen Praktiken der Rekrutenausbildung. In dieser Frage war sich die Partei auch einig. Regelmäßig machte die sozialdemokratische Presse neue Fälle von Soldatenmißhandlungen publik, und auch im Reichstag kam die Rekrutenschinderei wiederholt zur Sprache. Das zog zwar zahlreiche Verfahren wegen "Armeebeleidigung" nach sich - den Höhepunkt bildete ein Prozeß gegen Rosa Luxemburg im Juli 1914, bei dem die Verteidigung in der Lage war, mehr als 900 Zeugen zu benennen, die über Mißhandlungen auszusagen bereit waren - doch schützte die Öffentlichkeit, für die die Partei sorgte, zumindest sozialdemokratische Rekruten einigermaßen vor Übergriffen.

Rosa Luxemburg gehörte zur Gruppe der Linksradikalen in der SPD, die vor allem in den letzten Vorkriegsjahren hartnäckig die blinden Flecken des parteioffiziellen Antimilitarismus bloßlegten. Im Zentrum standen dabei die Frage, wie die Arbeiterbewegung auf einen möglichen Kriegsausbruch reagieren solle, sowie Pro und Contra einer speziellen antimilitaristischen Agitation. Für die Linksradikalen, zu deren Wortführern neben Luxemburg noch Karl Liebknecht, Karl Radek, Anton Pannekoek, Franz Mehring und Clara Zetkin zählten, waren Kriegsverhinderung und Revolution untrennbar miteinander verbunden. Einigkeit herrschte mit der Parteiführung noch darüber, daß ein Krieg binnen kürzester Zeit eine ökonomische und soziale Katastrophe nach sich ziehen werde. Nur postulierten die Linksradikalen das Zusammenfallen von Kriegsausbruch und revolutionärer Situation, die dann durch Massenaktionen bis zur Revolution gesteigert werden sollte, was auch den Krieg verhindern würde. (16)

Für die Parteiführung um Bebel und Kautsky und erst recht für die Revisionisten eine halsbrecherische Strategie, die nur in einer verhängsvollen Niederlage der Arbeiterbewegung enden konnte. "Da für Parteiführung und Parteimehrheit Kriegsausbruch und Ausbruch der Revolution nicht wie für die Linksradikalen zusammenfielen, kam es für sie auf zwei Dinge an: Erstens die Basis für die Errichtung der künftigen sozialistischen Gesellschaft, das Deutsche Reich zu erhalten, woraus sie die Notwendigkeit der Landesverteidigung herleiteten. Zweitens die sozialdemokratischen Organisationen vor der Vernichtung zu bewahren, um die Macht nach dem großen 'Kladderadatsch' zu übernehmen, woraus sich die Notwendigkeit ergab, alles zu vermeiden, was die Militär- und Zivilbehörden dazu veranlassen könnte, die sozialdemokratischen Führer zu verhaften und die Organisation zu zerschlagen." (17)

Unterstützung erhielten die deutschen Linksradikalen durch französische und britische Sozialisten, die die Zweite Internationale darauf festlegen wollten, eine Kriegserklärung mit staatenübergreifenden Streikmaßnahmen zu beantworten - die Vorschläge variierten von Soldatenstreiks, über Arbeitsniederlegungen in Rüstungs- und kriegswichtigen Industrien, bis zum Generalstreik und allgemeiner Volkserhebung. Ihre Anträge auf den internationalen Sozialistenkongressen 1907 in Stuttgart und 1910 in Kopenhagen scheiterten jedoch am Widerstand der deutschen Sozialdemokratie, die zwar die Behandlung der Frage nicht völlig verhindern, aber in den Abstimmungen doch äußerst unverbindliche Resolutionen durchdrücken konnte. Es ist jedoch auch zweifelhaft, ob die Zweite Internationale als relativ loser Zusammenschluß eigenständiger, nationaler Parteien überhaupt in der Lage gewesen wäre, direkte Aktionen zur Abwehr eines Krieges oder zu seiner Umwandlung in eine Revolution zu organisieren. Diese Schwäche lieferte der deutschen Parteiführung denn auch die Argumente, um die aktivistischen Linken des Illusionismus zu bezichtigen. (18)

Fraglich war auch die Streikbereitschaft der deutschen Arbeiter. Ihr Einschwenken in nationalen Taumel und Kriegseuphorie des August 1914 straft zumindest jene dumpf marxistisch-leninistische Verratsthese Lügen, nach der "die Opportunisten mit Hilfe des Parteivorstandes in den Jahren 1913 und 1914 Massen der Arbeiter vom aktiven Kampf gegen den Krieg abzuhalten vermochten." (19) Nicht minder töricht wäre es allerdings, den tatsächlichen Verlauf der Geschichte für ihren einzig möglichen zu halten und aus der praktischen Folgenlosigkeit antimilitaristischer Agitation zu schließen, sie sei von vornherein unsinnig gewesen.

Für eine solche Agitation hatte sich schon sehr früh Karl Liebknecht eingesetzt. Bereits 1904 hatte er auf dem Bremer Parteitag der SPD beantragt, die Partei solle "unter den Proletariern, die zur Armee einberufen werden, vor dem Eintritt in dieselbe in geeigneter Weise Propaganda für die Ideen des Sozialismus" (20) machen und zu diesem Zwecke eine Broschüre zusammenstellen, welche zukünftige Soldaten über ihre Rechte aufkläre. Liebknecht nahm auch Kontakt zu sozialdemokratisch ausgerichteten Jugendverbänden auf und bemühte sich ab 1906 um den Aufbau einer internationalen Jugendorganisation, deren Hauptaufgabe er darin sah, den sozialistischen Nachwuchs gegen den Militarismus zu immunisieren.

1907 erschien seine Broschüre "Militarismus und Antimilitarlsmus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung" (21), in der Liebknecht seine Militarismuskritik ausführte und die antimilitaristische Agitation, für die er in der Partei Raum schaffen wollte, gegen syndikalistische und anarchistische Vorstellungen abgrenzte. Die Broschüre brachte ihm nicht nur einen Hochverratsprozeß und anderthalb Jahre Festungshaft ein, sondern vor allem herbe Kritik aus den Reihen der eigenen Partei. Obwohl sich Liebknecht strikt gegen Agitation in Kasernen, gegen individuelle Dienstverweigerung und erst recht gegen Aufforderungen zu Wehrstreik und Befehlsverweigerung ausgesprochen hatte, fürchteten seine Parteifreunde, die Agitation könne unter Rekruten auf fruchtbaren Boden fallen und die "friedliche Koexistenz" von Partei und Militärstaat aus dem Gleichgewicht bringen.

Für den Revisionisten Wolfgang Heine etwa schien es kaum gefährlicheres geben zu können als ein Bröckeln der Disziplin: "Der berechtigte Widerwille gegen den Militarismus, das heißt gegen die unsittlichen und verkehrten Seiten des deutschen Heerwesens, kann von jungen, unreifen Leuten nur gar zu leicht als Abscheu vor dem Militärdienst und vor den Pflichten der nationalen Wehrhaftigkeit verstanden werden. In diesem Alter neigt man dazu, Gefühle auf die Spitze zu treiben und sich in volltönenden Phrasen zu bewegen, die man freilich ebenso schnell wieder vergißt, wie man sie angenommen hat. Immerhin ist zu befürchten, daß einige junge Leute in jugendlicher Demonstrationslust und falsch verstandenem Opfermut draußen angenommene Redensarten in der Kaserne anwenden und dadurch nicht nur sich selbst zu Grunde richten, sondern auch die Partei schädigen könnten." (22)

Dabei bewegte sich Liebknecht durchaus im Rahmen der parteioffiziellen Lehren. Gegen Bebels Verhaltensregel für sozialdemokratische Rekruten, sie sollten, solange sie in Kaisers Rock steckten, den Mund halten und sich nicht anmerken lassen, daß sie Sozialdemokraten seien, da ihnen das schlecht bekommen möchte (23), hatte er womöglich gar nichts einzuwenden. Liebknecht ging es darum, den Reichstags-Antimilitarismus seiner Partei durch außerparlamentarische Agitation zu ergänzen. Doch seine Aufklärung über den Militarismus, diesen "brutalen Exekutor" und "blutig-eisernen Schutzwall des Kapitalismus", mündete nicht in die Organisierung praktischen Ungehorsams.

Erkennen, Durchhalten, Abwarten lautete auch Liebknechts Devise: "Nehmt diese Erkenntnis (des Militarismus, UB) in euch auf, ihr Proletarier, die ihr zu den Waffen gerufen werdet, und alle Versuche, euch in der Kaserne der großen Sache des proletarischen Befreiungskampfes abspenstig zu machen, müssen nicht nur zuschande werden, sondern die Begeisterung eurer Überzeugung, eurer Idee, nur umso höher und heißer entfachen. Als doppelt gestählte Streiter werdet ihr aus dem Heere des Kapitalismus in die Reihen der proletarischen Armee zurückkehren." (24)

So vielsagend schließt sein Artikel zum "Rekrutenabschied", in dem es an eindeutigen Worten gegen das Militär sonst nicht fehlt. Solche Vorsicht hatte ihren Grund sicher in der massiven Repression durch Polizei und Justiz. Wenn schon antimilitaristische Agitation so rigide verfolgt wurde, wie Liebknecht es am eigenen Leibe erfahren mußte, mit welchen Maßnahmen würden die Staatsorgane dann erst gegen antimilitaristische Aktionen vorgehen?

Aus seiner Zurückhaltung klingt aber auch die Loyalität gegenüber einer Partei, der Wählerstimmen wenn nicht alles, so doch in jedem Fall mehr bedeuteten als praktischer Widerstand. Gegen den Plan des französischen Syndikalisten und militanten Antipatrioten Gustave Hervé, auf Kriegsgefahr oder Mobilmachung mit Militärstreik und allgemeiner Insurrektion zu antworten, argumentierte Liebknecht ganz "realpolitisch" mit Kautsky: "Zum Generalstreik und Militärstreik gegen jeden der Arbeiterklasse schädlichen Krieg ist die Zeit noch nicht reif. (...) - Das Proletariat ist in seiner überwiegenden Mehrheit noch nicht klassenbewußt, noch nicht demokratisch aufgeklärt, geschweige denn in jedem Fall für jene antipatriotische Aktion zu haben, die eben soviel Opferwilligkeit und kalten Mut wie Besonnenheit im Strudel der leidenschaftlichsten chauvinistischen Brandung heischt. Ein voller Erfolg ist nicht zu erzielen; das Maß des Erfolges, der Wehrlosmachung, wird in direktem Verhältnis zu dem Maße an Schulung und Bildung stehen, deren die Arbeiterklasse jedes Landes teilhaftig ist: Das rückständigste Land bleibt am wehrhaftesten. Eine Aktion dieser Art wäre so lange eine Prämie auf kulturelle Rückständlgkeit, als nicht die Schulung und Kampfbereitschaft der großen Masse des Proletariats in den vom Krieg betroffenen Ländern fast gleichmäßig aufs höchste gesteigert ist." (25)

Bei aller Nüchternheit und klaren Voraussicht argumentiert Liebknecht hier doch nach dem Motto: Abrüstung von unten? Ja, aber auf keinen Fall einseitig; dann lieber gleich gar nicht.

In einem eigenen Abschnitt seiner Militarismus-Antimi1itarismus-Schrift geht er der Unterscheidung von sozialdemokratischem und anarchistischem Antimilitarismus nach. Dabei wiederholt er jedoch nur die gängigen Attacken der "wissenschaftlichen Sozialisten": Die anarchistische Auffassung sei utopisch; Anarchisten hielten die Beeinflussung des Willens für die einzig wesentliche Voraussetzung des Erfolgs und jene bei gehöriger Anstrengung jederzeit für möglich; sie verkennten den "organisch-kapitalistischen Charakter des Militarismus" und begriffen daher seine isolierte Beseitigung als ihr Endziel. Die moralisierende Menschentümelei ihrer Propaganda ignoriere "die Klassenkampfinteressen des Proletariats" und gleiche so "in sehr diskreditierender Weise den pathetischen Deklarationen der Tolstoianer und den ohnmächtigen Kriegsbeschwörungen jener Weltfriedensfreunde vom Schlage der Bertha von Suttner". (26) Konsequenterweise argumentiert Liebknecht für eine besondere antimilitaristische Agitation der SPD auch mit dem Vereinsinteresse: Sie schien ihm geboten, "schon um den anarchistischen Antimilitarismus, der sich auch in Deutschland bereits zu regen beginnt, im Keime zu ersticken." (27)

IV.

Im Vergleich zum mächtigen Apparat der SPD nahmen sich die anarchistischen Keime, die Liebknecht zu ersticken gedachte, freilich recht bescheiden aus: Lokale Zirkel in vielen, wenn auch längst nicht allen größeren Städten, einige - untereinander zum Teil heftig konkurrierende - Zeitungsprojekte mit angegliederten Broschürenverlagen sowie die "Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften", die sich in Opposition zu den zentralistisch aufgebauten, sozialdemokratisch ausgerichteten Freien Gewerkschaften dem revolutionären Syndikalismus zugewandt hatte. (28) Die anarchistischen und syndikalistischen Gruppen im Deutschen Reich dürften um 1907, dem Jahr, in dem Liebknechts Antimilitarismus-Broschüre erschien, kaum mehr als 10.000 Mitglieder gehabt haben. (29) Ständige Bespitzelung und massive Verfolgung durch die Staatsorgane zwangen sie häufig zu konspirativem Vorgehen und behinderten die Ausbreitung ihrer Ideen. Gefängnis und Beschlagnahmungen waren an der Tagesordnung. So mußte allein in der anarchistischen Wochenzeitschrift "Der freie Arbeiter" zwischen 1904 und 1914 fünfzigmal der verantwortliche Redakteur wechseln, da er verhaftet worden war oder ihm dieses drohte. (30)

Antimilitaristische Agitation nahm in der anarchistischen Presse einen festen Platz ein; "Der freie Arbeiter" widmete ihr zeitweise sogar eine besondere Monatsbeilage. (31) Anarchistischer Antimilitarismus richtete sich nicht allein gegen das stehende Heer preußisch-deutscher Provenienz mit adeliger Offizierskaste, Rekrutenschinderei und langer Dienstzeit. Vielmehr bekämpften die Anarchisten das Militär als Fundament eines jeden Staates. Ohne Militär kein Gewaltmonopol, ohne dieses kein Staat. Da sie die politische Macht nicht erobern, sondern zerstören wollten, lag ihnen nichts an Demokratisierung, umso mehr aber an Zersetzung und Abschaffung der Organe dieser Macht. Zudem ist kaum ein schärferer Gegensatz denkbar als der zwischen militärischer Disziplin und anarchistischem Pathos der Freiheit. Praktisch standen den Anarchisten und Syndikalisten die staatlichen Truppen immer dann gegenüber, wenn diese eingesetzt wurden, um Streiks oder Aufstände niederzuschlagen. Gelang es nicht, das militärische Gewaltpotential zu neutralisieren, war die Strategie direkter Aktionen und damit jede revolutionäre Praxis im anarchistisch-syndikalistischen Sinne zum Scheitern verurteilt.

Das zeigte sich zunächst in den romanischen Ländern, wo starke Gewerkschaften eine Allianz mit politischen Parteien kategorisch abgelehnt hatten und Streiks, Sabotage und Boykott mit der Perspektive des revolutionären Generalstreiks propagierten. Ausschließlich der siegreiche Generalstreik sollte ihrer Auffassung nach den Kapitalismus stürzen und die freie Assoziation der Produzenten aufrichten können, während Wählerstimmen, auch wenn sie die Mehrheit im Parlament erreichten, ohne soziale Machtmittel wirkungslos blieben. Um ihre Mission zu erfüllen, hatten die Gewerkschaften sich daher als reine Kampfvereinigungen zu verstehen und unbeirrbar auf den Generalstreik hinzuarbeiten. Jeder Streik war bereits verkleinertes Abbild und praktische Vorbereitung des endgültigen Aufstands. An Häufigkeit und Elan der Arbeitsniederlegungen zeigte sich das wachsende revolutionäre Potential; die spontanen ökonomischen Kämpfe zur Verbesserung der Lebensbedingungen sollten eskalieren zur Abschaffung von Staat und Privateigentum und zugleich die Vorstufen zukünftiger gesellschaftlicher Organisation ausbilden. (32)

Antiparlamentarismus und Aktivismus führten Anarchisten und Syndikalisten zusammen; ihre Zusammenarbeit, die bis zur Verschmelzung der beiden Strömungen führte, geschah zunächst jedoch nicht ohne wechselseitige Vorbehalte: Warfen die Syndikalisten den Anarchisten Individualismus, Organisationsfeindlichkeit sowie fehlende Verankerung im Proletariat vor, so befürchteten diese, über den ökonomischen Tageskämpfen könnten die Syndikalisten das revolutionäre Ziel aus dem Auge verlieren. Zudem bestehe die Gefahr, daß sich in den Syndikaten eine Bürokratie herausbilde und so die antiautoritäre Bewegung selbst in autoritäre Bahnen gerate. (33)

Anstöße zu einer gezielten antimilitaristischen Agitation auch in Deutschland kamen zum einen von den Syndikalisten Frankreichs, wo die Armee wiederholt gegen Streikende vorgegangen war, zum anderen von zum Teil christlich motivierten Anarchisten, die im Anschluß an Tolstois Lehre des passiven Widerstands individuelle Dienstverweigerung und Fahnenflucht propagierten. (34) In Frankreich hatte der frühere Gymnasialprofessor und Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstands Gustave Hervé eine Kampagne zur systematischen Agitation unter Rekruten initiiert. Hervé gab zunächst im vorwiegend ländlichen Departement von Yonne die Soldatenzeitung "Pioupiou de l'Yonne" (Der Rekrut von Yonne) heraus, in der er frisch eingezogene Rekruten zu Desertion und Ungehorsam aufrief. Die Auflage des "Pioupiou" stieg bis auf 20.000 Exemplare pro Nummer. In den Arbeiterzentren verbreiteten syndikalistische Sozialisten andere Soldatenzeitungen, ebenfalls konsequent antipatriotisch und antimilitaristisch. Die lokalen Gewerkschaftszusammenschlüsse, die Arbeiterbörsen, hielten engen Kontakt zu ihren eingezogenen Mitgliedern und den Rekruten der örtlichen Garnisonen. Bereits 1902 hatte der nationale Kongreß der Arbeiterbörsen die Zusammenstellung eines Soldatenhandbuchs beschlossen, das innerhalb zweier Jahre in einer Auflage von über 200.000 Exemplaren verbreitet wurde. Dieses "Manuel du Soldat" dürfte auch dem in diesem Band dokumentierten "Soldaten-Brevier" als Vorbild gedient haben.

Die antimilitaristische Agitation in Frankreich blieb nicht ohne Wirkung: Im Stahlrevier von Montceau-les-Mines fraternisierten Truppen offen mit Streikenden; bei einer Arbeitsniederlegung in Limoges schossen Soldaten statt auf die Arbeiter über deren Köpfe hinweg; in Südfrankreich meuterte bei Winzerunruhen ein ganzes Regiment; die Zahl der Desertionen stieg beträchtlich. Aufsehen erregte ein großer Prozeß gegen Hervé und andere, die zur Rekruteneinziehung im Herbst 1905 antimilitaristische Plakate angeschlagen hatten. Gegen die 26 Angeklagten wurden insgesamt 36 Jahre Gefängnis verhängt, die Arbelterbörse wurde geschlossen.

Auch solche Strafen vermochten der Bewegung keinen Abbruch zu tun. Neue Plakate wurden angeschlagen, die mit nahezu 2.000 Unterschriften versehen waren, nebst der Anmerkung, daß alle Unterzeichner sich der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellten.

Zur Agitation kam die praktische Solidaritätsarbeit. Viele Syndikate richteten einen "Soldatenpfennig" ein; die durch monatliche Abzüge von den Gewerkschaftsbeiträgen oder durch Sonderumlagen aufgebrachten Summen schickte man mit entsprechenden Begleitbriefen an die eingezogenen Genossen. Die Gewerkschaftshäuser veranstalteten regelmäßig Soldatenabende, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Arbeitern in der Fabrik und Arbeitern in der Kaserne zu stärken. Planmäßig unterstützte man Deserteure und Dienstverweigerer. (35)

Außer in Frankreich existierten nennenswerte antimilitaristische Bewegungen noch in Italien, Belgien, Schweden und den Niederlanden. Getragen wurden sie von Syndikalisten und Anarchisten, in Belgien und Schweden auch von den Jugendorganisationen der sozialistischen Parteien. In Deutschland kamen antimilitaristische Aktivitäten über vereinzelte, von der Polizei bald vereitelte Versuche nicht hinaus. Die "Antimilitarismus"-Bei1age des "freien Arbeiters" existierte nur über zwölf Monate. In dieser Zeit veröffentlichte sie Auseinandersetzungen mit dem sozialdemokratischen Antimilitarismus, Tolstoi—Nachdrucke sowie zum Teil schwülstig-pathetische Lyrik und Prosa gegen Krieg wie Militär; eine regelmäßige Sparte berichtete über antimilitaristische Aktionen, doch handelte es sich dabei - sieht man ab vom unfreiwilligen Antimilitarismus des Hauptmanns von Köpenick, über den sich "Der freie Arbeiter" weidlich amüsierte - ausnahmslos um Aktionen in anderen Ländern. 1907 erschien eine deutsche Übersetzung von Hervés Kampfschrift "Leur Patrie" mit einem Vorwort des Arztes Raphael Friedeberg, der wegen seiner Generalstreiks- und Anti-Parlamentarismusagitation aus der SPD ausgeschlossen worden war. (36)

Wieviele Exemplare des als offizielle Propagandaschrift des Kriegsministeriums getarnten "Soldaten-Breviers" wirklich in die Hände von Rekruten gelangten, ist nicht mehr festzustellen. Klar ist, daß die Tarnschrift Anfang 1907 in Berlin verteilt wurde. Dort fielen einige Exemplare in die Hände der Polizei und veranlaßten den preußischen Kriegsminister, in einem Brief an alle Generalkommandos vor dieser Broschüre zu warnen, die "nicht allein dazu bestimmt und in hohem Maße geeignet ist, Widerwillen gegen die Erfüllung der militärischen Pflichten zu erzeugen, sondern auch zu Fahnenflucht, Gehorsamsverweigerung und Meuterei auffordert." (37)

Die Ermittlungen nach Verteilern und Urhebern sowie die Suche nach weiteren Exemplaren blieben jedoch im gesamten Reich zunächst erfolglos. Erst ein Jahr später wurden bei einer Hausdurchsuchung gegenüber einer Kaserne zwei weitere "Soldaten-Breviere" gefunden. Diesmal vermutete der Kriegsminister eine besonders listige Verteilungsstrategie: Die Anarchisten beabsichtigten nach polizeilichen Ermittlungen, "daß den abends in die Kaserne zurückkehrenden Mannschaften von weiblichen Personen diese Drucksachen zugesteckt werden." (38)

Doch auch diesmal blieb das Ergebnis weiterer Nachforschungen negativ. Gedruckt worden war das "Soldaten-Brevier" in Holland, möglicherweise auch in London, wo sein Verfasser, Siegfried Nacht, seit 1906 lebte. (39) Nacht, 1878 in Wien geboren, in Ostgalizien aufgewachsen, von Beruf Elektrotechniker, hatte seit seinem 18. Lebensjahr in anarchistischen und syndikalistischen Bewegungen verschiedener europäischer Länder gearbeitet. Nach einem Aufenthalt in Berlin lebte er einige Jahre in Paris, dann kurz in London; 1902/1903 durchwanderte er Spanien, wurde auf Gibraltar verhaftet, reiste bald darauf nach Italien, wurde ausgewiesen; auf dem internationalen antimilitaristischen Kongreß 1904 in Amsterdam trat er als Delegierter für Portugal und Spanien auf. Kurz darauf gab er in Böhmen die Zeitschrift "Generalstreik" heraus, die allerdings nur sechs Ausgaben erlebte. Es folgten Aufenthalte in Zürich, Österreich und Frankreich, die jeweils mit Ausweisungen endeten. Anschließend hielt er sich in England auf, bis er 1910 nach Italien ging, wo er bis zu seinem Tod lebte. (40)

Große Verbreitung fanden seine Broschüren "Die direkte Aktion" und "Der Soziale Generalstreik", die unter dem Pseudonym Arnold Roller erschienen. (41) Sie machten die Taktik des revolutionären Syndikalismus im deutschen Sprachraum bekannt - freilich nicht nur dort: "Der Soziale Generalstreik" wurde in 17 Sprachen übersetzt! - und beeinflußte die Vorstellungen deutscher Anarchosyndikalisten bis in die Weimarer Republik.

Nachts Schriften zeigen einen ungebrochenen Aktivismus sowie einen fast religiösen Glauben an die revolutionäre Kraft des Generalstreiks. Seine nur allzu berechtigte Kritik am sozialdemokratischen Geschichtsdeterminismus, aus dem in der Praxis nichts als Abwarten und Integration in die kapitalistische Gesellschaft folgte, schlug um in voluntaristische Revolutionsmechanik, die dann so klingt: "So steuert nun die Entwicklung der revolutionären ökonomischen Kämpfe der Gegenwart, gleichzeitig mit den fortwährenden Gegenwarts-Erfolgen, mit fortwährendem Gewinn immer größerer Freiheit für das Proletariat - geradezu von selbst endlich zum siegreichen ökonomischen Generalstreik als Entwicklungsresultat der vielen kleineren revolutionären Streiks zum Ziele hin." (42)

Solche Gewißheit ist von heute aus kaum mehr nachvollziehbar. Das Gegenteil gilt von Nachts Demontage der Staatssozialisten. Als diese nach dem Ersten Weltkrieg dazu kamen, ihren Staat zu machen, bewahrheitete sich das, was - nicht allein - Nacht befürchtet hatte: Die deutschen Sozialdemokraten waren, als sie in Weimar mitregieren durften, längst zum funktionalen Teil der kapitalistischen Ordnung geworden; und ihre jakobinischen Brüder in Rußland, die Bolschewisten, verwandelten die Diktatur des Proletariats in eine der Partei über das Proletariat. Für Nacht konnte die Befreiung der Arbeiter nur ihr eigenes Werk sein; sozialistische Staatspolitik hieß Fortsetzung der Unfreiheit mit anderen Mitteln.

Bedeutsamer ist vielleicht Nachts Ruf nach direkter Aktion. Die deutsche Arbeiterbewegung versagte 1914 nicht zuletzt deshalb, weil sie in den Jahren zuvor ihre Macht allein an der Mitgliederstärke ihrer Vereine gemessen hatte. Von Leuten wie Nacht hätte sie lernen können, was die gemeinsamen Gegner längst wußten: Daß Macht nur der besitzt, der sie, wenn es darauf ankommt, auch einsetzt. Nachts Antimilitarismus war alles andere als friedlich; er war auch kein Verfechter bloß gewaltlosen Widerstands. Für ebenso legitim wie notwendig gegen die Mordmaschine Militär hielt er alle Aktionen, die ihre Einsatzfähigkeit behindern und zugleich die Loyalität der Mannschaften zerstören.

Das "Soldaten-Brevier" stellte nicht den ersten Versuch anarchistischer Kasernenagitation in Deutschland dar. Bereits 1880 war die aus London eingeschmuggelte Flugschrift "An unsere Brüder in der Kaserne" per Post an Soldaten einer Berliner Garnison geschickt worden. In anderen Garnisonsstädten war sie von Zivilisten verteilt, auf Fensterbänken oder Kasernengängen abgelegt, in einigen Fällen sogar durch die Fenster in Mannschaftsstuben geworfen worden. Als Absender gab das Flugblatt die "Freiheit" an, jene seit 1879 in London erscheinende, von Johann Most herausgegebene Zeitschrift, die einen zunächst sozialrevolutionären, später explizit anarchistischen Kurs verfolgte.

Johann Most, der, 1846 geboren, nach sozialistischer Betätigung und Kerkerhaft in Österreich sozialdemokratische Zeitungen in Chemnitz und Mainz redigiert hatte und von 1874 bis 1878 auch ein Reichstagsmandat der SPD besaß, war kurz nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes ins britische Exil gegangen, das er 1886 dann in Richtung USA verlassen mußte. (43) Er war vielleicht das größte Rednertalent, das die deutsche Arbeiterbewegung hervorgebracht hat, ein wortgewaltiger Polemiker und Satiriker sonderg1eichen. Sein vehementer Antiparlamentarismus, die Propaganda der sozialen Revolution sowie seine Begeisterung für Sprengstoffanschläge und Attentate mußten ihn in Konflikt mit der biederen, unterm Sozialistengesetz erst recht auf Vorsicht bedachten Sozialdemokratie bringen, die ihn im August 1880 dann auch ausschloß. Bei vielen Anhängern der Sozialdemokratie stand die "Freiheit" in den ersten Jahren des Sozialistengesetzes jedoch gerade wegen ihrer markigen Sprache in höherem Ansehen als das im Züricher Exil herausgegebene Parteiorgan "Der Sozialdemokrat". Beschränkt wurde die Verbreitung der "Freiheit" eher durch die Schwierigkeit, sie unentdeckt ins Land zu schmuggeln und zu verteilen.

Mosts Antimilitarismus war weniger vom Anliegen der Kriegsverhinderung motiviert; im Gegenteil: er proklamierte den sozialen Krieg und reizte die Soldaten zum "Umdrehen der Gewehre", zur offenen Rebellion auf. Da letztlich die Macht der Waffen über Sieg oder Niederlage der sozialen Revolution entscheiden würde, hing alles daran, auf welche Seite sich die Waffenträger schlugen. Klassenkampf in der Armee hieß daher Kampf der Kommandierten gegen die Kommandierenden, hieß Aufstand der proletarischen Mannschaften gegen die adligen Offiziere. Mosts Revolutionspropaganda lebte vom Bild der großen Insurrektion, gleichsam einer potenzierten Pariser Kommune. Es war die Vorstellung der proletarisch radikalisierten bürgerlichen Revolution; Kapitalismus und Staat begriff Most entsprechend auch eindimensional als Ausbeutung und Tyrannei. Warum die Arbeiter sich nicht erhoben und die Soldaten brav ihren Dienst versahen, blieb ihm daher letztlich unverständlich. So mußte das Pathos seiner Sprache oft ausgleichen, was an Bezug zur Realität der Arbeiterbewegung fehlte. Most verkörpert so die Ohnmacht ihres aktivistischen Flügels, eine Ohnmacht, die in gleichem Maße zunahm wie die Entradikalisierung der Sozialdemokratie mit ihrem Zuwachs an Macht.

Die offizielle Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung stellte Most in der Abteilung Urviecher des historischen Kuriositätenkabinetts ab, wenn sie ihn nicht sogar völlig ignorierte. Was bedeutete schon eine unbändige, aber in Deutschland kaum erhältliche Zeitung aus London? Was vereinzelte Flugblattaktionen vor den Kasernen gegen die Machtfülle des preußisch-deutschen Militärstaats? Es wäre auch aussichtslos, die radikalen Unterströmungen, die Sozialrevolutionäre, Anarchisten und Syndikalisten, gegen den Hauptstrom der Arbeiterbewegung ausspielen zu wollen. Aussichtslos, weil radikale Opposition in diesem Lande darauf beschränkt blieb, ihre Kritik der Wirklichkeit entgegenzuhalten, ohne in die Geschichte wirklich eingreifen zu können. Die Auseinandersetzung mit sozialdemokratischer Opposition gegen Militär und Krieg nahm in dieser Einleitung nicht zuletzt deshalb einen so breiten Raum ein, weil der anarchistisch-syndikalistische Antimilitarismus nur in seiner Abgrenzung zum "großen Bruder" zu begreifen ist. Darin zeigt sich seine Bedeutung wie seine Schwäche. Seine Bedeutung: die kompromißlose Propaganda des Ungehorsams; seine Schwäche: daß es nicht gelang, ihn praktisch zu organisieren.

Die Flugschrift der "Freiheit" wie auch das hier ebenfalls neben dem "Soldaten-Brevier" wieder veröffentlichte Flugblatt-Gedicht "Wie man's macht" wären wohl kaum über ein Jahrhundert lang erhalten geblieben, wenn nicht der Kriegsminister sie 1895 dem Reichstag als Belege staatsgefährdender Umtriebe der Sozialdemokratie vorgelegt hätte. Auf diese Weise überlebten sie als Anlagen zur sogenannten Umsturzvorlage ausgerechnet in den Reichstagsprotokollen. (44) Ihre erneute Publikation erfolgt nicht nur in der Absicht, diese raren Grabungsfunde einer Archäologie des Antimilitarismus in Deutschland zu präsentieren, sondern auch mit der leisen Hoffnung, sie könnten noch immer als "ätzende Aufklärungssäuren", um mit Most zu sprechen, wirken. An Wehrkraftzersetzung mangelt es in diesem Land heute nicht weniger als vor hundert Jahren. Es entbehrte nicht der Ironie, wenn auf diese Weise ein Kriegsminister des wilhelminischen Deutschlands dazu beitragen könnte, seinen bundesrepublikanischen Nachfolgern Ärger zu bereiten.

Anmerkungen:
1.) So neuerdings: Karl Holl: Pazifismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1988
2.) Ausnahmen bilden das Sonderheft über "Sozialgeschichte des Antimilitarismus" der Zeitschrift "graswurzelrevolution" (Nr. 117/118, Hamburg 1987), das vor allem Texte aus den zwanziger Jahren dokumentiert, sowie die umfassende Studie von Gernot Jochheim: Antimilitaristische Aktionstheorie, Soziale Revolution und soziale Verteidigung, Frankfurt/M. 1977, die sich jedoch weitgehend auf niederländische Quellen beschränkt. Bei den zahlreichen Reprints anarchistischer Literatur in den letzten zwanzig Jahren blieben antimilitaristische Texte weitgehend ausgespart. Meines Wissens wurde außer Tolstoi-Flugschrlften (zuletzt: Rede gegen den Krieg, Frankfurt/M 1983) einzig Gustav Landauers Schrift "Die Abschaffung des Krieges durch die Selbstbestimmung des Volkes" neu aufgelegt (Reutlingen 1980). 
3.) Zum Kampf um die Gegenwart der Vergangenheit vgl. Bemamins "Geschichtsphilosophische Thesen", u.a. in: ders.: Illuminationen, Frankfurt/M. 1974
4.) Vgl. dazu die Untersuchung von Hubert Treiber zur Sozialisation in der Bundeswehr: Wie man Soldaten macht, Düsseldorf 1973
5.) Vgl. dazu wie zum folgenden insbesondere Eckart Kehr: Zur Genesis des Königlich Preußischen Reserveoffiziers, in: Ders.: Das Primat der Innenpolitik, Berlin 1970, S.53-63; ferner: Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1983; Manfred Messerschmidt: Die politische Geschichte der preußisch-deutschen Armee, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Deutsche Militärgeschichte, Band 2, Abschnitt IV; ders.: Militär und Politik in der Bismarckzeit und im wilhelminischen Deutschland, Darmstadt 1975; Stig Förster: Alter und neuer Militarismus im Kaiserreich, in: Jost Dülffer/Karl Holl (Hrsg.): Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im wilhelminischen Deutschland 1890-1914, Göttingen 1986, S.122-145
6.) Kehr, a.a.O., S.53/54
7.) Gesammelte Schriften und Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls Grafen Helmuth von Moltke, Berlin 1892, Bd.7, S.69
8.) Vgl. dazu die materialreiche Zusammenstellung von Hartmut Wiedner: Soldatenmißhandlungen im Wilhelminischen Kaiserreich (1890-1914), in: Archiv für Sozialgeschichte XXII (1982), S.159-197
9.) Einen Eindruck vom Rekrutenalltag vermittelt die zeitgenössische Autobiographie (von Franz Rehbein: Das Leben eines Landarbeiters, zuerst: Jena 1911, neu: Darmstadt/Neuwied 1973, insbesondere S.168-197 
10.) Vgl. zum folgenden Reinhard Höhn: Sozialismusund Heer, Bd.3, Bad Harzburg 1969. Diese voluminöse Arbeit ist allerdings nur als Quellensammlung brauchbar; zu Höhns Darstellung sind einige kritische Anmerkungen nötig: Höhn wirft der Armee in ihrem Verhalten gegenüber der Sozialdemokratie vor, "daß sie die Möglichkeiten, die sich ihr zur Steigerung der Wehrkraft durch die Sozialdemokratie boten, nicht ausnutzte." (ebd., S.XII) Ihr habe ein "sachlich differenziertes Bild" der Lage gefehlt, um die wehrpolitische Situation im Innern richtig einschätzen zu können." (ebd.) Auf Seiten der SPD habe nämlich durchaus die Bereitschaft bestanden, "das Vaterland zu verteidigen" und der Armee sogar eine militärische Erziehung der Jugend bei Verkürzung der allgemeinen Militärdienstzeit zuzugestehen. Hätte die Armee ihre antisozialdemokratische Frontstellung aufgegeben, so "wäre ihre Situation im Jahre 1914 eine ganz andere gewesen. Sie hätte auf beiden Kriegsschauplätzen mit zahlenmäßiger Überlegenheit und einer erheblich größeren Kampfkraft antreten können." (ebd.) Deutlicher gesagt: Hätte das Militär die organisierte Arbeiterschaft integriert statt bekämpft, wäre der Krieg zu gewinnen gewesen. Der ehemalige hochrangige SS-Offizier
und spätere Leiter der Akademie für Führungskräfte in Bad Harzburg vertritt hier, kaum verbrämt, die Ideologie einer Volks- und Leistungsgemeinschaft; - Überlegungen eines Experten für "Menschenführung und Betriebsorganisation", wie imperialistische Politik erfolgreicher durchzusetzen gewesen wäre.
11.) Höhn, a.a.O., S.87-106; Wehler, a.a.O., S.159/160
12.) Zum Verhältnis der Sozialdemokratie zu Krieg und Militär vgl. vor allem Günter W. Dill: Krieg dem Kriege?, in: antimilitarismus information, VIII. Jg., Heft 7, Juli 1978, (Themenheft: Antimilitarismus in der Sozialdemokratie vor 1914), S.49-60; Friedhelm Boll: Die deutsche Sozialdemokratie zwischen Resignation und Revolution: Zur Friedensstrategie 1890-1919, in: Wolfgang Huber/Johannes Schwerdtfeger: Frieden, Gewalt, Sozialismus, Stuttgart 1976, S.179-281; ders.: Frieden ohne Revolution?, Bonn 1980; Karl-Heinz Rambke: Diesem System: keinen Mann und keinen Groschen? Sozialdemokratische Wehrpolitik 1907-1914, Phil.Diss., Würzburg 1983; allgemein zur Sozialdemokratie in der Endphase des Kaiserreiches v.a.: Dieter Groh: Negative Integration und revolutionärer Attentismus, Frankfurt/Berlin/Wien 1974
13.) Walther Borgius: Die neuere Entwicklung des Anarchismus, in: Zeitschrift für Politik, 1.Bd., Berlin 1908, S.532
14.) Friedrich Engels: Der Sozialismus in Deutschland, in: MEW 22, S.251
15.) Vgl. dazu Wiedner, a.a.O.; Rambke a.a.O., S.200-208
16.) Groh, a.a.O., S.293
17.) ebd.
18.) Vgl. antimilitarismus information, a.a.O., S.98-106; Groh, a.a.O., S.210-223
19.) Walter Wittwer: Streit um Schicksalsfragen, Berlin (DDR) 1964. S.94
20.) zitiert nach: Helmut Trotnow: Karl Liebknecht, Köln 1980, S.73
21.) in: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Bd. 1,  Berlin (DDR) 1958, S.247-456
22.) Wolfgang Heine: Wie bekämpfen wir den Militarismus?, in: Sozialistische Monatshefte, 11.Jg. (1907), 2.Bd., S.917
23.) August Bebel im Reichstag am 28.11.189l, zitiert nach: antimilitarismus information, a.a.O., S.75
24.) Karl Liebknecht: Rekrutenabschied, a.a.O. S.189
25.) ders.: Militarismus und Antimilitarismus ..., a.a.O., S.423/24
26.) ebd., S.427-438
27.) ebd., S.450
28.) Vgl. dazu Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1871, Berlin 1969; Borgius, a.a.O.; Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918-1923, Meisenheim am Glan 1969, S.13
29.) Bock gibt für die "Freie Vereinigung" nach ihrer endgültigen Wende zum Syndikalismus 1907 eine Mitgliederzahl von 9.000 an, sie sank bis 1914 auf etwa 6.000 (a.a.o., s.66)
30.) nach: Linse, a.a.0., S.164
31.) Sie erschien unter dem Titel "Antimilitarismus" zwischen 1905 und 1906. Anfang 1907 wurde ihr Redakteur, Rudolf Oestreich wegen zweier Artikel über den Hauptmann von Köpenick zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Er hatte geschrieben, beim Militär werde in den vielfach so ideellen jungen Männern der Mensch gemordet und nur ein willenloses Tier bleibe übrig - bereit, auf Kommando seine Menschenbrüder rücksichtslos niederzuschlagen, ("Menschenmord", in: Antimilitarismus, 2.Jg., Oktober 1906; vgl. dazu auch Linse, a.a.O. S.36-38). Da nach der inkriminierten Nummer keine weiteren mehr erschienen (zumindest sind bibliographisch keine weiteren nachzuweisen), liegt die Vermutung nahe, daß das Ende der Beilage mit der Verurteilung Oestreichs zusammenfiel.
32.) Vgl. zum Syndikalismus v.a. Georges Sorel: Über die Gewalt, Frankfurt/M. 1969, sowie Hubert Lagardelle: Die syndikalistische Bewegung in Frankreich, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, 26.Bd., Tübingen 1908, S.96-143 und S.606-648
33.) Vgl. zum Verhältnis von Syndikalisten und Anarchisten aus anarchistischer Sicht u.a. Errico Malatesta: Anarchismus - Syndikalismus, Berlin 1978 (anarchistische texte 9)
34.) Vgl. dazu Borgius, a.a.0.; Max Nettlau: Geschichte der Anarchie, Bd.5, Anarchisten und Syndikalisten Teil 1, Vaduz 1984; Jochheim, a.a.O.
35.) Borgius, a.a.0., S.533/534
36.) Gustave Hervé: Das Vaterland der Reichen, Zürich o.J. (1907). Hervé rückte schon vor dem Ersten Weltkrieg von seinem Antlmilitarismus ab, wurde im Krieg zum fanatischen Patrioten und näherte sich in der Folgezeit den Positionen der rechtsradikalen "Action Francaise" an.
37.) Brief des preußischen Kriegsministers von Einem vom 16.2.1907, zitiert nach: Höhn, a.a.O., S.161
38.) Brief vom 23.1.1908, ebd., S.162
39.) Nettlau gibt als Druckort Holland an (a.a.0., 8.269), während ein handschriftlicher Zusatz auf einem im Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte erhaltenen Exemplar London nennt.
40.) nach: Nettlau, a.a.O., S.269 und Bock, a.a.O., S.17
41.) Arnold Roller: Die direkte Aktion, zuerst New York 1903, neu: u.a. Berlin 1970; ders.: Der Soziale Generalstreik, zuerst: Berlin 1905, neu: o.O.o.J. (Texte zur Theorie und Praxis des Anarchismus und Syndikalismus Bd.2) Ohne Pseudonym war bereits vorher erschienen: Der Generalstreik und die soziale Revolution, London 1902. Nacht arbeitete außerdem für die Zeitschrift "Neues Leben" und ihre Nachfolgerin, den "freien Arbeiter". 1908 übersetzte er von London aus Hector Zoccolis "Die Anarchie" ins Deutsche und stellte dem Buch ein kritisches Vorwort voran (zuerst: Leipzig/Amsterdam 1909, neu: Berlin 1976). Etwa zur gleichen Zeit wie das "Soldaten—Brevier" stellte er zusammen mit seinem Bruder Max auch ein "internationales Rebellen-Liederbuch" (London 1906) zusammen.
42.) Arnold Roller: Die direkte Aktion, a.a.O., S.60 
43.) Zur Biographie Mosts vgl. Rudolf Rocker: Johann Most. Ein Leben als Revolte, zuerst: Berlin 1924, neu: Berlin 1984; Dieter Kühn: Johann Most. Ein Sozialist in Deutschland, München 1974 (enthält ausführliche Auszüge aus Mosts Autobiographie)
44.) Stenographierte Berichte des Deutschen Reichstages 1894/95, 2. Anlagenband, Aktenstück Nr.273, S.1188-1196; dort finden sich auch Auszüge aus weiteren Flugschriften sowie aus Gerichtsurteilen gegen Verteiler antimilitaristischer Agitation.

Aus: Ulrich Bröckling (Hg.), Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion! Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich, Harald Kater Verlag 1988. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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