Augustin Souchy - Warum? (Antimilitaristisches Flugblatt, 1915)

Ein Jahr hat der große europäische Krieg gedauert. Bis jetzt ist die Lage im großen und ganzen so, daß wir noch nicht sagen können, wann Friede geschlossen wird. Tausende, Millionen von Menschenleben: junge, blühende, hoffnungsvolle Menschen, samt Millionen und abermals Millionen materiellen Wertes sind im jetzigen Kriege vernichtet worden.

Unzählige Opfer sind dem Krieg gebracht worden. Unaussprechliche Trauer legt sich schwer und drückend über tausende Familien. Mütter, Frauen und Töchter, denen der Krieg noch mehr Elend und Entbehrungen auferlegt als sonst, fragen sich: warum müssen unsere Väter, Söhne und Männer sich töten lassen?

Das Elend wird größer, die Staatsschulden der verschiedenen Länder steigen mehr und mehr, und bald wird Europa in einem Abhängigkeitsverhältnisse zu Amerika stehen. Jetzt ist es Zeit zu fragen: warum all dies? Warum dieses grenzenlose Vernichten von Menschenleben und materiellen Werten? Jetzt ist es an der Zeit, daß wir, deutsche Arbeiter und Bauern, diese Frage an uns richten. Denn wir sind es, die während des Krieges und nach dem Kriege die größten und schwersten Lasten tragen müssen. Das Geld, um die ungeheuren Schulden der Länder, die Zinsen, den Unterhalt für Invaliden und Witwen zu zahlen, muß aus den Steuern herausgeschlagen werden. Und das arbeitende Volk, die Arbeiter und Bauern, sind es, die all dies bezahlen müssen. Ja, man kann ruhig sagen: Alles bestreiten müssen, denn es gibt in unserem Lande Leute, die Geld und sogar viel Geld durch den Krieg verdienen.

Im Jahre 1912 hatte Bertha Krupp-Bohlen, eine Hauptinteressentin in der Firma Krupp, nicht weniger als ein Jahreseinkommen von - 21 Millionen Mark. Kaiser Wilhelm II., der größte Aktieneigentümer der Firma Krupp, hat folglich eine noch größere Dividende. Hat er vielleicht deshalb vor dem Krieg so oft kriegerische Reden gehalten? Ist es vielleicht, um ihre Gewinne zu vergrößern, daß die Firma Krupp der französischen Presse große Summen zahlte, um kriegerische Artikel erscheinen zu lassen?

Es sieht auch sehr bedenklich und merkwürdig aus mit der Vaterlandsliebe, wenn man weiß, daß die "Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin" auch in Frankreich Fabriken, wenigstens vor dem Kriege, besaß ("Société Française pour la fabrication de roule-ment à billes") um dort Waffen für den "Erbfeind", den Franzosen, zu verfertigen! Dieselbe Firma lieferte von Waffen, die in Berlin erzeugt wurden, nicht weniger als 50% ans Ausland. Im April lieferte die Firma zweihunderttausend Gewehre an Serbien. In dem jetzigen Kriege werden also wir deutschen Arbeiter und Bauern mit von Deutschen verfertigten Waffen erschossen.

Ist es wahr, was der große Eisenindustrielle Thyssen sagte, als über die kaiserlichen Kriegsreden gesprochen wurde, daß diese dazu dienen, das Parlament zu bewegen, neue Aufträge an die Kruppschen Fabriken zu bewilligen? Je größer die Kriegsrüstungen, desto größer werden selbstverständlich die Profite. Während des Krieges hat die Firma Krupp ihr Aktienkapital erhöht von 180 auf 250 Millionen Mark. Es ist teuer, zu töten. Jeder Soldat, der im jetzigen Kriege getötet wird, kostet über 50.000 Mark.

Aber was wird mit uns eigentumslosen Arbeitern und Bauern geschehen? Nach, wie vor dem Kriege werden wir für einen geringen Verdienst arbeiten müssen, wenn wir Arbeit bekommen und nicht arbeitslos werden. Nach wie vor werden wir uns mit einem ganz geringen Lohne begnügen müssen und dazu müssen wir erhöhte direkte und indirekte Steuern bezahlen. Wenn wir bessere Lebensbedingungen verlangen, wird man wie früher unsere Forderungen nicht bewilligen. Und wenn wir, um unsere Rechte zu erlangen, streiken, werden die Herrschaften die Gewehre, die wir jetzt in der Hand haben, gegen uns kehren, und diese Waffen werden dazu dienen, auch ferner ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten.

Man sagt uns, daß der jetzige Krieg ein Verteidigungskrieg ist. Aber alle Staaten behaupten ihrerseits dasselbe. Alle sind angegriffen, niemand ist der Angreifende. Wem soll man glauben?

Wenn wir armen Bauern und eigentumslosen Arbeiter in den verschiedenen Ländern Europas uns fortwährend gegenseitig töten müssen, um uns alle gegeneinander zu "verteidigen", so müssen wir uns doch einmal fragen: sind wir denn Feinde? Wollten und wollen wir nicht alle in Frieden leben? Wollte nicht der französische und russische Arbeiter und Bauer ebenso wie der englische Arbeiter und Bauer ihre Arbeit auf dem Felde und in der Werkstatt fortsetzen?

Sind wir, die arbeitenden Klassen, in den verschiedenen Ländern Feinde? Nein, müssen wir uns sagen! Wir sind keine Feinde! Wenn es auf uns ankommen würde, so wäre ein Krieg gänzlich ausgeschlossen.

Wir haben trotz alledem alles geopfert und haben jetzt das Recht, daß unsere Stimme gehört wird. Wir fragen uns: was ist die Absicht der Regierung? Die Grenzen des Landes sind ja frei von Feinden. Ist es die Absicht der Regierung einen Eroberungskrieg zu proklamieren? Wir verlangen, Bescheid zu bekommen, warum der Krieg fortgesetzt wird! Wenn irgend ein Land ein Friedensangebot machen kann, so ist die Lage Deutschlands so günstig, da es im Lande keine Feinde gibt.

Es ist höchste Zeit, daß das sinnlose Menschenschlachten aufhört! Arbeiter aller Länder sehnen sich nach Frieden. Alle fangen jetzt an einzusehen, daß sie Opfer einer verbrecherischen Politik, daß wir alle Material für Geld, Ehre und Ruhm der Herrschenden sind.

Wir, die Arbeitenden in Europa und in der ganzen Welt sind keine Feinde, sondern Freunde, wir sind nicht die Schuldtragenden an dem Kriege, dem großen Verbrechen gegen Menschheit und Kultur.

Wir wollten und wollen Friede, Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die wir im Sozialismus und einer freien sozialistischen staatslosen Gesellschaftsordnung finden.

Auf zum Kampf für Friede und Freiheit!
Krieg dem Kriege!

Eine Gruppe deutscher Arbeiter
Durch die Partei der Jungsozialisten Schwedens
Stockholm 1915

Aus: Medienwerkstatt Freiburg (Hg.): Die lange Hoffnung. Erinnerungen an ein anderes Spanien. Trotzdem-Verlag 1985 (1. Auflage). Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Trotzdem-Verlags.


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