Pierre Besnard - Föderalismus

Das Gesetz der Zahl ist das einzige, welches eine Organisation annehmen kann. Jene, die dieses Gesetz nicht annehmen, können an der gemeinsamen Arbeit nicht teilnehmen. Besagt dies nun, dass das Individuum jeglicher Freiheit beraubt sei, jeder eigenen Initiative entsagen soll? Nein, im Gegenteil! Dem Individuum steht es vollkommen frei, die Fragen des Lebens und der Organisation zu diskutieren, es hat das Recht, seinen Gesichtspunkt darzulegen, seine Meinung über alle Fragen zu umreissen und zu versuchen, diese Meinung, seinen Gesichtspunkt durchzudrücken. Aber wenn alle Organisationsglieder von diesem Rechte — das zu gleicher Zeit eine Pflicht ist! — Gebrauch gemacht haben, müssen sie sich nach der Diskussion entscheiden und zu einem Entschluss kommen. Durch den Beschluss wird die Disziplin die Beherrscherin aller. Der Beschluss muss angewandt werden. Die Entscheidung der Mehrheit duldet keine Diskussion mehr. Mit vollem Selbstbestimmungsrecht hat die Organisation diskutiert und entschieden, doch es fehlt noch die Anwendung des Beschlusses, die Umsetzung der Entscheidung in die Praxis.

Alle Organisationsglieder müssen jetzt die Beschlüsse ausführen, in erster Linie innerhalb des Rahmens ihrer Prinzipien und dann erst nach den Entscheidungen ihrer Entschlüsse. Diskussion, Entscheidung und Aktion charakterisieren die aufeinanderfolgenden Stadien, wodurch sich jede Idee, deren praktische Notwendigkeit die Organisation sorgfältig untersucht hat, durchsetzen kann. In dem ersten Stadium herrscht das Recht, in dem zweiten der Ausdruck dieses Rechtes und im dritten die Pflicht!

Es ist für die Organisation fördernd, die Diskussion zu gebrauchen, im Beschluss auszudrücken, was man will, um in der Ausführung zu zeigen, wie die Glieder in der Organisation leben wollen, welche Ziele sie verfolgen und wie sie diese Ziele erreichen. Dadurch schreitet die Organisation dauernd und natürlich auf ihr selbstgestecktes Ziel zu. Die moralische Basis der Gesellschaft: die Solidarität und gegenseitige Hilfe werden dem Individuum erlauben, dasjenige zu erhalten, was es nötig hat. Man kann sagen, dass die Gesellschaft das fundamentale Gesetz ist, weil sie natürlich und weil sie für diejenigen Menschen, die leben wollen, nötig ist. Jener, welcher der Gesellschaff nichts geben will, darf auch nichts von ihr fordern.

Die Gesellschaft erzeugt automatisch die Vereinigung, den Föderalismus. Eine Anzahl von Personen können gemeinsame materielle oder moralische, unmittelbare oder zukünftige Ziele und Absichten besitzen. Dies verpflichtet sie, sich zu vereinen, das Wesen ihrer Ziele zu fixieren; die Mittel um sie zu erreichen, zu bestimmen; sich eine gemeinsame weltanschauliche Lehre zu geben, ein Statut zu verfassen, um organisch arbeiten zu können. In diesem Moment ist der Föderalismus geboren. Jede Epoche birgt gewisse wirtschaftliche Notwendigkeiten in sich, welche die übereinstimmende Form der föderalen Organisation bestimmend bezeichnet. Vor der Ökonomie hat sich die Politik mehr und mehr unterzuordnen. Der Tag ist nicht mehr fern, an welchem die Parteien, bürgerliche oder Arbeiterparteien, genau wie die Regierungen, deren Ursache sie sind, zu verschwinden haben vor derjenigen Klasse, die all ihre ökonomischen, politischen und sozialen Kräfte in breiten, föderalen Organisationen in sich birgt.

Heute ist es nicht übertrieben zu sagen, dass der revolutionäre und antistaatliche Syndikalismus die Synthese der Kraft des Proletariats darstellt, genau wie er die Synthese des sozialen Mechanismus in sich vereinigt. Deshalb hat er sich die organische Struktur der Arbeit, die er zu verwirklichen denkt, gegeben; deshalb hat er sich jenen Organismus angeeignet, der es ihm erlaubt, die gestellten Aufgaben zu erreichen und durchzuführen. Diese Organismen sind: Die Gewerkschaft (Syndikat), die auf dem Fundament der Betriebskomitees und Räte funktioniert; die lokale und regionale Föderation, die nationale Konföderation der Arbeit und die Gewerkschaftsinternationale. Um den technischen Teil seines Programms zu entwickeln, hat man nationale und internationale Föderationen der Industrien errichtet, die ein ökonomisches Komitee der Arbeit nach einem nationalen und internationalen Plan konstituieren.

In diesem grossen organisatorischen Prozess findet man überall die drei Prinzipien, welche von Föderalismus entwickelt werden: Dieser Organisationsmechanismus arbeitet gemäss den föderalen Prinzipien von unten nach oben und dann von oben wieder zur Basis. Durch den hinaufsteigenden und hinunterfliessenden Strom wird ein vollständig organischer Kreislauf geschlossen. Der hinaufsteigende Strom geht vom Individuum über die Einheit der Zahl zur Internationale, vom einfachen Rädchen zum komplizierten Räderwerk der Uhr. Dieser Lauf von unten nach oben entpersönlicht mehr und mehr das individuelle Interesse, um es nach und nach zu einem kollektiven, sozialen Interesse umzuformen. Der zweite Strom, der von der Internationale zum Individuum, vom komplizierten zum einfachen, fliesst, gibt dem Individuum wieder die Freiheit der Aktion. Diese Freiheit ist vollständig im besonderen Rahmen der individuellen Aktivität vorhanden, in völliger Übereinstimmung mit den Prinzipien und Zielen der Organisation sowohl der Gesellschaft im besonderen wie in ihren verschiedenen Stufen.

Diskussion, Entscheidung und Tat

Damit die vereinigten Individuen an dem Leben der Organisation teilnehmen können, hat sich folgender Modus entwickelt: In den Gewerkschaftsversammlungen diskutieren alle Mitglieder die Probleme und Aufgaben, die zu einer Lösung drängen. Nach einer ausgiebigen Diskussion fasst die Versammlung mittels Einstimmigkeit oder Mayorität einen Beschluss. Die Beschlüsse selbst werden in Übereinstimmung mit den weltanschaulichen Grundsätzen der Organisation gehalten. Sobald der Beschluss gefasst worden ist, setzen die Mitglieder ihn gemäss ihren Aktivkräften in die Tat um, damit die gestellten Ziele erreicht werden. In der Ausführung der Beschlüsse gibt es weder eine Mayorität noch eine Minorität, sondern nur einen einzigen Organismus, der nach Diskussion und Entschluss arbeitet.

Die Entscheidungen der Lokalföderationen werden durch Delegierte mit gebundenen Mandat auf der Generalversammlung und dem Kongress vorgetragen und vertreten. An dem Leben der Konföderation nehmen die Lokal- und Regionalföderationen direkten Anteil, indem sie in Generalversammlungen die direkten Repräsentanten in diesem Organismus ernennt, sowie das konföderale Leben von hieraus kontrolliert. So baut sich ein natürlicher Organismus auf, der sämtliche Initiativkräfte umfasst und fähig ist, die gestellten Ziele zu erkämpfen und zu erreichen. Dieser Organismus ist in seinem Kern das befruchtete Embryo des Sozialismus. Er stellt den einzigen Evolutionsfaktor zur Erreichung des Sozialismus dar.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 12, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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