Kapitalismus oder Sozialismus

Der Faschismus ist die letzte Karte des Kapitalismus. Diese Form menschlichen Zusammenlebens ist nichts weiter als die vollendete Unordnung, die die Völker an den Rand des Abgrundes geführt hat. Im 19. Jahrhundert schien der Kapitalismus ein Faktor des Fortschrittes. Die magische Kraft der Dampfmaschine wurde als Retterin der Menschheit angepriesen, sie versprach eine Zukunft des Glückes und des Wohlstandes für die grossen Massen der Werktätigen, die mit diesen Maschinen arbeiteten. Im Marxismus findet man Spuren dieses schrankenlosen und enthusiastischen Glaubens an die befreienden Energien der modernen Technik. Die Arbeiterklasse überliess sich willig dem oberflächlichen Optimismus des liberalen Kapitalismus. Die Entwicklung des Kapitalismus selbst, so glaubten sie, werde zum Sozialismus als der Blüte der kapitalistischen Entwicklung führen.

Aber 1914 wachte die Welt auf aus diesem Traum. Die kapitalistischen Grossmächte hetzten die Völker dreier Kontinente auf den Schlachtfeldern gegeneinander. Und die Massen hatten zum ersten Male Gelegenheit, die Kehrseite der Medaille zu betrachten, die andere Seite der modernen Technik, die sie bedingungslos für einen Faktor des Fortschrittes gehalten hatten: sie sahen die Kriegstechnik als raffiniertes Zerstörungsmittel. Aber auch der Krieg verschlimmerte nur noch die latente Krisis des Kapitalismus, und zeigte eindeutig den schreienden Widerspruch der gesamten kapitalistischen Wirtschaftsordnung, deren Grundprinzipien der Privatbesitz und der freie Wettbewerb sind.

Nach diesem Kriege hatte sich die Welt geändert. In den rückständigsten Ländern, die durch die vier Jahre Krieg ohne Verbindung mit den kapitalistischen Ländern gewesen waren, hatte sich ein neuer, selbständiger Kapitalismus entwickelt. Die Weltmärkte Europas waren so gut wie verschwunden.

Und während die werktätigen Massen in den bedeutendsten kapitalistischen Ländern wie immer hungerten, begann der Kapitalismus einen grossen Teil des von ihm selbst geschaffenen Produktionsapparates stillzulegen. Die teuersten und modernsten Anlagen wurden ausser Betrieb gesetzt, als hätten sie nichts gekostet, und nur ein kleiner Teil der maschinellen Anlagen wurde weiter für die Produktion verwendet. In Zentraleuropa zerfielen die modernsten Fabriken, genau wie die Burgen des Mittelalters, deren Ruinen noch in allen Ländern unseres Kontinents stehen als Zeugen einer gestorbenen gesellschaftlichen Epoche.

Der Kapitalismus zerstörte die Produktionsapparate, die er mit Hilfe der modernen Wissenschaft geschaffen hatte und die ein Mittel schienen, allen Arbeitenden zu Wohlstand zu verhelfen. Aber von neuem begann eine Periode der Blüte des Kapitalismus, eine neue Epoche der Prosperität, die besonders die Länder traf, die am meisten unter der Krise und der Arbeitslosigkeit gelitten hatten. Die Maschinen zahlloser Fabriken begannen von neuem zu arbeiten und zu produzieren... sie produzierten Zerstörungsmaschinen.

Die faschistischen Länder gefährdeten den Frieden der Welt und es begann ein Wettrüsten, wie man es nie vorher gesehen hatte noch sich je hatte vorstellen können. Noch nicht zwanzig Jahre nach dem letzten Weltkrieg befinden wir uns schon wieder mitten in den Vorbereitungen zu einem neuen, der noch viel fürchterlicher und grauenhafter sein wird als der vergangene. Wenn dieser Krieg wirklich zum Ausbruch kommt, wird er wie ein höllisches Feuer die gesamte menschliche Zivilisation verschlingen. Der erste Funke zeigte sich in Abessinien. Der zweite hier in Spanien, wo die faschistischen Mächte auf den kommenden Krieg "trainieren".

Aber in Spanien geschah etwas Neues und Grosses. Als die Rebellengeneräle sich erhoben, reagierten die Arbeitermassen, die sich ihrer Verantwortung bewusst waren und die die direkte Aktion kannten, auf eine würdige Art. In der Hälfte des Landes wurde der Faschismus geschlagen. Aber die Arbeiter gaben sich damit nicht zufrieden. Als sie in ihre Werkstätten und Fabriken zurückkehrten, liquidierten sie zum allergrössten Teil das Privateigentum. Sie schufen eine neue, kollektive Wirtschaft, die die Grundlage sein wird für eine neue soziale Entwicklung, die nur mit der Verwirklichung der völligen sozialen Gerechtigkeit und mit der Errichtung einer Wirtschaftsform enden kann, in der das Privateigentum an Land und Produktionsmitteln völlig ausgeschaltet ist.

Dies ist die erste europäische Revolution, bei der die Arbeiterschaft durch die direkte Aktion in die wirtschaftliche Ordnung eingriff und so die Grundlagen für ein antikapitalistisches Regime schuf. Wir wissen, dass das bisher Geschaffene unvollkommen ist. Wir sind uns klar darüber, dass man viele Irrtümer begangen hat und noch weiter solche begeht; und dass die meiste Arbeit noch zu leisten ist. Es ist keine einfache Aufgabe, die soziale Struktur eines Regimes zu ändern, das bestimmend für das Leben von Generationen gewesen ist und die Gefühle und Ideen der Massen ungünstig beeinflusst hat.

Aber wenn die spanische antifaschistische Bewegung einen historischen Sinn haben soll, wenn das Blut unserer Gefallenen nicht umsonst geflossen sein soll, dann muss man anerkennen, dass diese antifaschistische Bewegung nur einen wahrhaft antikapitalistischen Charakter haben kann. Hier ist die einzige Möglichkeit, die Welt zu retten. Der Kapitalismus bewegt sich auf einer Bahn, die zwangsläufig von einer Katastrophe zur anderen führen muss. Der Kapitalismus produziert Mittel, mit denen er seine eigene Produktion vernichtet; und mit dem Fortschritt der Produktionsmittel und der daraus entstehenden Produkte schreiten auch die Mittel zu ihrer Zerstörung vorwärts.

Wenn das spanische Volk den nationalen und internationalen Faschismus nur besiegte, um danach wieder zu den kapitalistischen Formen der bürgerlichen Republik von vorher zurückzukehren, so wäre damit garnichts gewonnen. Das Land wäre dann nichts weiter als ein Glied in den Kombinationen der internationalen Grossmächte im Kampfe um die Vorherrschaft der Welt; und der Kampf, den diese Grossmächte vorbereiten, bedeutet das Ende der Zivilisation und den Ruin aller Völker. Wenn dagegen das spanische Volk den Faschismus nicht nur militärisch vernichtet sondern auch die Grundlagen der Gesellschaft zu liquidieren weiss, die ihn logisch hervorgebracht hat, wenn Spanien die Fundamente eines gerechteren und menschenwürdigeren Lebens für alle Arbeitenden zu schaffen weiss, dann wird das spanische Beispiel über die Pyrenäen hinauswirken, und das Vorbild eines vom kapitalistischen Joch befreiten Volkes wird ein Ansporn sein für alle Völker, die leiden und von einer schöneren Zukunft träumen. Und dann wird in allen Ländern der einzige Kampf beginnen, der das Opfer aller verdient, der Kampf gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der zum Ziele hat den Aufbau der Gesellschaft auf den festen Fundamenten der sozialen Gerechtigkeit und der Freiheit für Alle.

Deshalb sagen wir, dass der Krieg und die Revolution untrennbar sind.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 12, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS