Anarchisten retten Kunstwerke. Kulturelle Arbeit durch die Syndikate

Die Sektion "Schöne Künste" vom Syndikat der freien Berufe, Barcelona, veranstaltet zur Zeit in der Calle Provenza 298 (Ecke Paseo Pi y Margall) eine Ausstellung der von ihren Militanten vor der Zerstörung bewahrten Kunswerke die noch bis zum 2.Mai täglich von 11 und von 18 Uhr geöffnet ist. Es handelt sich um Plastiken, Gemälde und wertvolle kunstgewerbliche Arbeiten (Möbel, Keramiken und Gobelins).

Der Wert dieser Ausstellung liegt in erster Linie nicht in dem Bestand der sichergestellten Kunstwerke, da es sich bei dieser Ausstellung um mehr und minder wertvolle Dinge handelt, als vielmehr darin, dass die so oft böswillig verleumdeten Anarchisten zeigen, welche kulturellen Aufgaben durch die Syndikate genau so gut, ja besser gelöst werden können, als durch irgend eine autoritäre Organisation, mag sie Staat oder Kunstverein heissen.

Die Anarchisten haben verhindert, dass mehr unersetzliche Kunstdenkmäler, Zeugnisse vergangener Kunst und Handwerksepochen, dem spanischen Volk verloren gegangen sind als unumgänglich war. Man hat hunderte von Gemälden und anderen wertvollen Kunstgegenständen erhalten für das Volk, dem diese Dinge bis heute kaum zugänglich waren, man hat dafür gesorgt, dass diese Werte nicht in die Hände von gewissenlosen Spekulanten fielen. Man macht diese Dinge dem Volke zugänglich, man plant weitere Ausstellungen, man geht daran, trotz Krieg und Revolution, trotz unerhörter Opfer, auch auf kulturellem Gebiet zu beweisen, wie alleine die Syndikate fähig sind, alle Fragen des Lebens zu lösen, auch die zur Zeit abseits liegenden.

Der zu dieser Ausstellung herausgegebene Katalog bringt einige Abbildungen von geretteten Gemälden und Skulpturen, von denen wir einige wiedergeben. Die Einleitung des Kataloges bringen wir ungekürzt, da sie aus dem Munde eines verantwortlichen Genossen des Syndikates Dinge äußert, die den Geist kennzeichnen, der in der spanischen anarchosyndikalistischen Bewegung lebendig ist. Niemand, besonders die zur Zeit in Barcelona weilenden Ausländer, sollten versäumen, diese und künftige Ausstellungen des Syndikates der "Schönen Künste" zu besuchen; man wird unter den ausgestellten Dingen Stücke von grosser Schönheit und hohem künstlerischen Wert finden, die bisher in den Privaträumen egoistischer, snobistischer "Kunstfreunde" für die Allgemeinheit unzugänglich waren.

Gustavo Cochet - Einleitung

Alle, die wir die Kunst lieben und ihren geistigen Wert zu schätzen wissen, werden zutiefst den Verlust von Kunstwerken beklagen, in denen sich Geist und Gefühl vergangener Epochen widerspiegeln. Wir werden ihren Verlust beklagen; aber wir können nie die revolutionären Massen beschuldigen, die in den Augenblicken der Gewalt, in denen sie ihr Joch abschütteln, zwangsläufig Kunstwerke zerstören. Ich habe schon bei anderen Gelegenheiten darauf hingewiesen: die herrliche Kathedrale von Reims und die nicht weniger prächtige und berühmte Bibliotek von Loewen (als kleine Beispiele für zahllose derartiger Barbareien) wurden in einem Krieg von den "zivilisiertesten und fortgeschrittensten" Regierungen der Welt vernichtet; wie können wir also ein Volk anklagen, das gegen seine masslosen Leiden und Unterdrückungen revoltiert und dabei Kirchen zerstört oder ansteckt, aus denen gegen die Massen geschossen wurde und die für die Masse stets das Symbol der Unterdrückung ihrer sozialen Sehnsüchte bedeuten. Das Volk ist in seinem Recht, und ich möchte hier mit allem Nachdruck sagen, dass es keinerlei Schuld trifft.

Andererseits: Glaubt man wirklich, dass jemad aus dem Volk ein gothisches Tafelbild zerztört, ausgerechnet um damit etwas gegen die Kunst zu unternehmen? Wer hat ihm jemals gesagt, was Kunst ist und welche Bedeutung sie hat? Das Volk weiss nicht, was Kunst ist; obwohl es dafür empfänglich wäre wie jeder andere, wenn man es nicht dazu verdammt hätte, wie die Tiere zu leben. Das Volk zerstört also nicht Kunstwerke, von denen es nichts versteht; es zerstört religiöse Bilder hinter denen es die Pfaffen und die betrügerischen Mönche sieht, die das Volk hintergangen haben; es zerstört diese Bilder, wie es die Fahnen seiner Unterdrücker herunterreisst und zertritt. Bilder und Fahnen sind ihm Sinnbilder seiner Feinde.

Die Staaten prahlen mit ihren Kunstschätzen; aber vergessen wir nicht, dass Napoleon die Pyramiden nur deshalb nicht wegschleppte, weil er nicht konnte; und dass die Engländer vom Parthenon in Athen kaum einen Stein haben liegen lassen; diese Schätze nennen sie Erbgut der Völker; warum geben sie dem Volk also die Kunstwerke nicht?

Ein Museum ist ein Mausoleum; hier haben also nur Dinge Platz, die der Vergangenheit angehören; und Kunstwerke sind ewig. Man hängte sie in Museen, für die man Eintritt bezahlen musste, und dort hingen sie wie Reliquien, Erinnerungsstücke der Vergangenheit, und wurden betrachtet, wie man Mumien und ähnliches ansieht. Das Kunstwerk bewahrt seine Aktualität, solange es an Plätzen aufgestellt wird an denen man arbeitet und wo Menschen wohnen; deshalb müssen also die in der Revolution geretteten Werke, die früher Paleste und Häuser von Banquiers und Kaufleuten schmückten, in Zukunft die Gewerkschaftshäuser, Volksbibliotheken und Versammlungshäuser der Arbeiter schmücken.

Die von den Männern der C.N.T. und der F.A.I. geretteten Werke, die in dieser Ausstellung vereinigt sind, beweisen, dass das Volk nach den ersten Gewaltakten der Revolution Kunstwerke zu respektieren gewusst hat. Diese Ausstellung ist ein sichtbarer Beweis gegen die dumme Lügenkampagne, die man in Auslande gegen uns eröffnet hat. Griechenland hinterliess uns als Wahrzeichen seiner Zivilisation die Werke seiner Kultur und seiner Kunst; die gegenwärtige Zivilisation, die im Sterben liegt, wird uns als Wahrzeichen Kanonen, Giftgase und Flugzeuge hinterlassen, die den Tod säen. Hoffen wir, dass die Epoche, die wir jetzt beginnen, uns einen neuen Panthenon schenken möge, eine neue Weisheit und vor allem die Freiheit und die gegenseitige Liebe der Menschen untereinander.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 12, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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