Krieg und Revolution. Für ein Spanien der Arbeiter

Die antifaschistischen spanischen Arbei­ter und Bauern stehen auf ihrem Posten. Die Hoffnungen auf einen Sieg der Fa­schisten nach dem Fall von Malaga sind wieder einmal zusammengebrochen. Der Vormarsch der Invasionsarmee im Süden wurde schnell aufgehalten. Die ge­waltige Offensive der Truppen Mussoli­nis im Guadalajara-Gebirge wurde nicht nur zum Stehen gebracht, sondern die antifaschistischen Truppen gingen zum Gegenangriff über und errangen den grössten militärischen Sieg, den das Volk bisher zu verzeichnen hat. Über 1.300 Italiener wurden gefangen, unge­heures Kriegsmaterial erbeutet, die ita­lienischen Divisionen kamen erst nach tagelangem fluchtartigen Rueckzug wie­der zum Stehen. Gleichzeitig begann eine neue Offensive der antifaschistischen Truppen im Süden. In Oviedo sind die Positionen der asturischen Bergarbeiter besser denn je. An der Front von Ara­gon wird fieberhaft militärische Reorganisationsarbeit geleistet und wurden bereits neue Positionen genommen. Das alles kann keinen Anlass zu leicht­fertigem Optimismus geben. Wir wis­sen, das die faschistischen Staaten neue Truppen, neue Waffenladungen nach Spanien bringen werden, während durch die "demokratischen" Imperialisten ein strenger Boykott des antifaschistischen Territoriums mittels deutscher und ita­lienischer Kriegsschiffe organisiert wird, der vielleicht zu faschistischen Angriffen auf die katalonische und levantinische Küste führen wird. Madrid ist weiter bedroht. Aber die letzten Wochen haben bewiesen, dass Spanien kein Abessinien ist. Das spanische Volk hat noch riesige Menschenreserven, die mobili­siert werden können, und Tag für Tag werden sich die Arbeiter der CNT und der UGT klarer darüber, dass die Wirt­schaft so organisiert werden muss, dass sie das letzte hergibt für den Krieg ge­gen den Faschismus, der nichts anderes ist als der Verteidigungskampf der So­zialen Revolution gegen den Weltkapita­lismus aller Schattierungen.

Die spani­sche Revolution ist auf dem Marsch und kann nicht aufgehalten werden. Figols, der Januaraufstand 1933, der Dezember­aufstand des gleichen Jahres, der asturische Oktober, der 19. Juli sind die Etap­pen einer aufsteigenden Entwicklung immer umfassenderer, immer tiefer grei­fender Kämpfe, die nur mit dem Siege der proletarischen Revolution enden können und eine neue epoche sozialrevolutionärer Erschütterungen in ganz Europa einleiten.

Für die CNT und die FAI kommt es darauf an, dass der sozialrevolutionäre Charakter des Kampfes in Spanien nicht verwässert wird. Das arbeitende Spa­nien führt seinen Krieg heute gegen ausländische Invasionsheere — aber nicht gegen fremde Völker. Gegen Hitler und Mussolini, gegen das Dritte Reich und das faschistische Italien, aber im Namen des revolutionären Internationalismus der Arbeiterklasse aller Länder. Die deutschen und italienischen Arbeiter sind unsere Bundesgenossen, auch wenn sie heute noch nicht in offenem Kampfe auf unsere Seite treten, ja selbst wenn sie es noch garnicht begriffen haben, wohin sie gehören.

Die Passivität der europäischen Arbei­terschaft ist der Grund dafür, dass die Revolution in Spanien noch nicht gesiegt hat. Durch die II. ebenso wie durch die III. Internationale seit Jahrzehnten zu blossem Stimmvieh parlamentarischer Parteien erniedrigt, in den reformistischen Millionengewerkschaften als blos­se Beitragszahler der Bonzokratie zu jeder Form der direkten revolutionären Aktion unfähig gemacht, ohne Ahnung von den konstruktiven, sozialistischen Aufgaben der Arbeiterorganisation, ste­hen die europäischen Massen dem heroischen Kampfe Spaniens noch immer passiv gegenüber.

Das revolutionäre Spanien aber lässt sich trotzdem nicht entmutigen — nicht durch die faschistische Intervention, nicht durch den Verrat der sogenannte Demokratien und nicht durch die Passi­vität der Arbeiter anderer Länder. Spanien weiss, dass eines Tages diese Arbeiter erkennen werden, was ihre Aufgabe ist. Sie werden das erkennen, wenn es der CNT gelingt, den revolu­tionären Gehalt der spanischen Volks­bewegung vor den Augen der Welt im­mer deutlicher hervorzuheben. Diese Bestrebung der CNT und der FAI kommt zum Ausdruck in ihrem zähen Kampfe für die Arbeiter-Allianz zwi­schen CNT und UGT, deren definitiver Abschluss immer näher rückt. In den letzten Wochen haben die spanischen politischen Parteien, die bürgerliche Privilegien repräsentieren oder diktatorische Bestrebungen verfolgen — von den Republikanern bis zu den Kommu­nisten — alles getan, um den "drohenden" Abschluss der Arbeiter-Allianz zu ver­hindern. Die Komitees und Organisa­tionen der UGT jedoch haben an vielen Orten Verhandlungen mit der CNT ein­geleitet. Die Forderungen der CNT nach Einigung von unten, von Fabrik zu Fa­brik und Syndikat zu Syndikat, fallen auf günstigen Boden. Die Leitung der UGT selbst beginnt aus Interesse an der Erhaltung ihrer Organisation Front zu machen gegen das Eindringen politischer Parteien in die Syndikate, gegen die Beherrschung der Gewerkschaften durch Politiker, die sich ihrer nur für ihre Zwecke bedienen wollen. Die Exekutiv­kommission der UGT hat sich zum Beispiel genötigt gesehen, dagegen zu protestieren, dass die katalonische UGT nur als politisches Instrument der Vereinig­ten sozialistischen Partei (III. Interna­tionale) benutzt wird und kein Eigenle­ben führt. Es sind also Symptome dafür vorhanden, dass die Syndikate der UGT sich darauf besinnen, dass sie Syn­dikate und keine Rekrutendepots für politische Parteien sind. Die CNT tut alles, um die Syndikate der UGT zur konstruktiven sozialistischen Aufbauar­beit zu gewinnen, wie die Situation es erfordert.

Die Verstärkung der militärischen Verteidigung gegen die faschistische Invasion, die Vorbereitung einer Offen­sive gegen die Truppen internatioaler Konterrevolution auf iberischem Boden und der Abschluss der Arbeiter-Allianz — das sind die Ziele, für die die CNT und die FAI in diesem Augenblick alles einsetzen. Die Verwirklichung diese Zie­les würde zahlreiche Einzelfragen lösen, deren Inangriffnahme im Interesse einer Fortentwicklung der Revolution unaufschiebbar ist. Aus der Zusammenar­beit zwischen revolutionären Arbeitern und dem bürgerlichen Republikanismus im antifaschistischen Spanien ergeben sich zahlreiche Widersprüche und Hem­mungen einer fortschreitenden sozialen Entwicklung, die mit dem festen Zusammenschluss der Wirklichen Arbeiter-Or­ganisationen, d.h. der Syndikate beider Richtungen, verschwinden würden. Man kann diese Fragen, in denen die Inte­ressen der Arbeiter und des Kleinbürgertums auseinandergehen, nicht einzeln lösen, sondern nur, wenn eine soziale und politische Massenbasis gefunden wird, die eine Entwicklung im Interes­se der Gesamtarbeiter- und Bauern­schaft, also der absoluten Mehrheit des Volkes, trägt und sichert. Wir wollen keinerlei Diktatur. Deshalb erstreben wir die revolutionäre, sozialistische Ar­beiter-Allianz, die eine zugleich sozialrevolutionäre und im wahren Sinne des Wortes "demokratische" Entwicklung garantiert.

Auf dieses grosse Ziel richten die CNT und die FAI alle ihre Aufmerksamkeit. Gelingt seine Verwirklichung, dann be­deutet das für die sozialistische Bewegung der ganzen Welt einen neuen, schöpferischen Impuls, der die Epoche unfruchtbarer Partei-Politik und Zerris­senheit der Arbeiter beenden und grosse konstruktiv-sozialistische Massenbestre­bungen auch in anderen Ländern einlei­ten wird.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 10, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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