D. A. de Santillan - Unser Werk der Neuschöpfung

Am 19. Juli öffneten sich auf den Im­puls Kataloniens die Tore der direkten Aktion der Arbeiterklasse. Das ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache, die so­gar von der kleinen und grossen Bour­geoisie anerkannt wird; von der einen mit Toleranz und Wohlwollen; von der anderen mit Bitterkeit; sie müssen erkennen, dass der neue Schauspieler auf der Bühne des Weltgeschehens, in­dem er privilegierte Rechte zerbricht, nur einen Akt der Gerechtigkeit voll­zieht; und dass es dagegen nur ein Mit­tel gibt: die Reaktion des nationalen und internationalen Faschismus. Die spanische Arbeiterschaft verstärkt von Tag zu Tag ihre Kontrolle über die bewaffneten Kräfte; sie kontrolliert den Regierungsapparat, die Justiz, die wirtschaftliche Organisation, alles. Und zwar unter den günstigsten Vorbedeu­tungen. Diejenigen Leute, deren Privat­interessen von der gleichmachenden Justiz des Volkes nicht berührt wur­den, haben zum mindesten begriffen, dass die blutigen Opfer der ersten Tage in den Strassen und später auf den Schlachtfeldern den Arbeitern das Recht auf einen direkten und vorherrschenden Einfluss auf die Dinge des öffentlichen Lebens gegeben haben. Innerhalb und ausserhalb Spaniens er­kannte man die Situation sofort mit aller Deutlichkeit. Deshalb die Erbitterung des Kampfes; deshalb das Interesse des internationalen Faschismus, seinen iberi­schen Parteigängern zu helfen. Die Ar­beiter führen den Krieg — den einzigen heiligen Krieg der Zeit und machen zugleich die Revolution: sie ändern die Grundlagen einer ungerechten Zivilisation und vernichten die Voraussetzungen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Wir wollen es nicht leugnen, weil es sinnlos wäre: wir führen einen Krieg - und wir machen zu gleicher Zeit eine Revolution. Und in beiden kommen wir so weit wie es uns unsere Fähigkeiten erlauben. Es gibt Schwierigkeiten; äussere — und innere, die grösser sind, weil sie in uns selbst begründet sind. Wir werden den Krieg gewinnen, wenn wir fähig dazu sind; wie wir die Revolution zum Siege führen werden, wenn wir fähig dazu sind. Und zwar nicht so sehr auf Grund unserer Tapferkeit als auf Grund der Intelligenz, der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Wir haben eine wirkliche Aktionsbasis: die Produktionszentren. Die Arbeitsstel­len, die Syndikate, die Industrieföderationen haben die wichtigste und nicht zu ersetzende Rolle innerhalb der wirt­schaftlichen Rekonstruktion Spaniens zur Gewinnung des Krieges und für den Triumph der Revolution. Wir haben viele Monate verloren. Die Militanten der Arbeiterorganisationen haben sich gezwungen gesehen, impro­visierte Posten zu bekleiden im aktiven Kampfe. Die Syndikate waren so gut wie verlassen. Sie hatten vom ersten Tage an nicht die Stellung, die ihnen bei der Organisierung der Produktion und der Verteilung zukam. Daran haben wir alle Schuld.

Aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass man zu den Syndikaten zurückkehrt und dass man begriffen hat, dass unsere wahrhafte und unverrückbare Bassis die organisierte Arbeit ist. Ohne wirksame Siege auf diesem Gebiet nützen uns auch die Siege nichts, die wir auf anderen Gebieten erkämpfen. Die Verwandlung unserer Syndikate aus Kampforganisationen gegen den Kapita­lismus, die sie früher waren, in Organe für die Verwaltung der Wirtschaft wird uns viel Arbeit kosten. Wir begreifen wie sich aus dem ein Jahrhundert dau­ernden Kampf bilden musste; wir wis­sen, dass es schwer halten wird, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Aber diese Dinge sind unvermeidlich. In ih­nen liegt der Schlüssel zu unserem Siege.

Wir beanspruchen für die Syndikate, die sich den neuen Verhältnissen angepasst haben, eine Stelle in der ersten Reihe der Organisierung der Wirtschaft. Alles, was man ohne die Syndikate tut, führt zum Staatskapitalismus oder zum privaten Kapitalismus. Die ökonomische Formel des Spanien vom 19. Juli ist gegeben in der zahlenmässigen Macht und in der historischen Verwurzelung der Arbeiterorganisationen. Sie zeigen uns den geraden Weg zur Überwindung des Schmarotzertums und der Un­gerechtigkeit.

Unsere jungen und alten Militanten mögen sich beeilen, ihren Posten ein­zunehmen und sich voll geistiger Ver­antwortung in die Linie des Sieges zu stellen: an ihren Arbeitsplatz. Auf die­sem Platz waren wir gestern unbesieg­bar; hier hielten wir gegen alle Tyran­nei stand; auf ihm müssen wir heute unbesiegbar sein in der harmonischen und wirksamen Konstruktion der neuen Welt, der neuen Wirtschaft und der neuen Kultur.

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 10, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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