Für Arbeiter-Allianz

Die sozialistische Bewegung von heute entstand aus den Bestrebungen von zahlreichen Sozialisten und Anarchisten. Der Bolschewismus, eine Richtung des Marxismus, befindet sich im Kampfe mit allen anderen marxistischen Richtungen. Die Kommunisten sind Gegner der moderaten Sozialdemokratie und aller anderen marxistischen Richtungen. Wer anderer Meinung ist, wird wie ein Klassenfeind behandelt, oft noch schlimmer. Klassenbrüder, die andere Wege und Massnahmen für das öffentliche Leben und für den Aufbau des Sozialismus vorschlagen, werden zu Konterrevolutionären gestempelt.

Dieser Geist der Intoleranz herrschte in allen Ländern mit einer Arbeiterbewegung marxistischer Mehrheit. Die Anarchisten und Syndikalisten haben stets die aroganten Machtansprüche der Marxisten von sich gewiesen. Sie waren Anhänger des revolutionären Klassenkampfes, Gegner des Oportunismus. Die Marxisten, bisher Anhänger des politischen Machtmonopols, wollten eine andere Macht nicht neben sich dulden. Selbst marxistische Bruderparteien, die nicht die gleichen Glaubensartikel in ihrem Kodex hatten, fielen der Verfolgung anheim.

Die Anarchisten haben dieses Streben auf Monopolisierung der Macht stets verworfen. Ein Glück für Spanien. Die antifaschistische Einheitsfront aller proletarischen und antifaschistischen Kräfte ist den anarchistischen Traditionen in diesem Lande zu verdanken. Am 19. und 20. Juli waren die CNT und FAI in Katalonien Herren der Lage. Dennoch verzichteten sie darauf, ihre eigene Diktatur zu proklamieren. Diese Tatsache kann man nie genug betonen; von ihr wurde die Entwicklung danach bestimmt. Toleranz zwischen den proletarischen Organisationen ist auch heute noch die Parole der CNT und FAI. Hierin liegt die gewaltige moralische Kraft der spanischen Revolution. Die CNT und FAI können sich mit Stolz als die Väter dieser Toleranz bezeichnen.

Dem Anarchosyndikalismus ist auch noch eine zweite Idee zu verdanken: die Kollektivisierung. Die Fabriken und der Grund und Boden wurden nicht verstaatlicht, sie wurden kollektivisiert. Die Arbeiter in den Betrieben und auf dem Lande übernahmen selbst die Leitung ihrer Betriebe. Sie betrachten sich keineswegs als Privateigentümer ihrer Fabrik. Sie wollen keine Profite machen wie die Aktienbesitzer vorher. Kollektivisierung bedeutet Selbstverwaltung der Arbeiter und Betriebsführung im Interesse der Allgemeinheit, des Volkes. Das will der Syndikalismus und das verwirklicht er. Katalonien hat das Beispiel gegeben. Die Syndikate nehmen die Interessen der Allgemeinheit, der ganzen Nation wahr. Die Berufsinteressen werden in den Hintergrund gestellt. Freiwillig bestimmten die Metallarbeiter in Hispano-Suiza, die Arbeitszeit zu verlängern, um die notwendigen Waffen zu schmieden für den Kampf gegen den Faschismus; freiwillig gibt die Belegschaft der Autobusse G. im Einverständnis mit dem Transportarbeitersyndikat Barcelonas ihren Überschuss für den Unterhalt der anderen Verkehrsmittel der Stadt. Freiwillig stellen die Arbeiter anderer Fabriken ihren Einkommensüberschuss dem antifaschistischen Milizkomitee zur Verfügung.

Hunderte von Massnahmen wurden getroffen, um die Koordinierung aller wirtschaftlichen Kräfte der Landes zu vereinigen. Gibt es heute noch Marxisten, die zu behaupten wagen, Syndikalismus bedeute Berufsegoismus? Die Übernahme der Fabriken, Werkstätten, des Grund und Bodens, die Organisierung der Distribution und des Handels durch die Gewerkschaften aller Werktätigen — was wir unter dem Wort Kollektivisierung zusammenfassen — führt schneller zum Sozialismus und Kommunismus als die Übernahme des Wirtschaftslebens durch den Staat.

Dieser Weg, seit dem 19. Juli vom spanischen Proletariat beschritten, ist der Weg des Syndikalismus. Die CNT und FAI nehmen die Verantwortung für diese Massnahmen auf sich, mögen die politischen Parteien die Verantwortung für ihre Handlungen tragen für die Zeit vor dem 19. Juli und nachher.

Nach dem 19. Juli musste man sich entscheiden für oder gegen den Faschismus in Spanien, etwas anderes gab es nicht. Die demokratischen Länder mussten sich an unsere Seite stellen. Hier wird der Entscheidungskampf ausgefochten gegen den internationalen Faschismus. Spät, aber noch rechtzeitig, hat Russland diese Gefahr erblickt, die ihm selbst drohte. Spät, aber noch rechtzeitig, hat es sich an unsere Seite gestellt.

Wir akzeptieren die Hilfe Russlands wie die Mexikos und aller anderen Länder. Wir schlossen einen Burgfrieden mit den demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien und Gewerkschaften in Spanien. Wir wünschen einen Burgrieden mit allen Richtungen des Proletariats ausserhalb Spaniens. Die Theorie wird heute Wirklichkeit. Starr waren die Doktrinen, elastisch im Geiste und in Taten müssen die Menschen sein, wenn sie die Dinge beherrschen wollen. Wir boten die Zusammenarbeit mit den Marxisten an, und wir haben gut gehandelt.

Es gab eine Zeit in der internationalen Arbeiterbewegung, wo Marx und Bakunin zusammenarbeiteten. Das war vor der Spaltung in der ersten Internationale. Die Spaltung kam, weil die Marxisten die Teilnahme am bürgerlichen Parlamentarismus allen Arbeiterorganisationen in allen Landern aufzwingen wollten. 70 Jahre sind seitdem verflossen. 70 Jahre des Reformismus!

Lenin versuchte nach der russischen Revolution die Wiedervereinigung der Arbeiterbewegung. Marxisten und Anarchisten sollten zusammenkommen in der kommunistischen Internationale. Die Anarchisten, begeisterte Anhänger der russischen Oktoberrevolution, gingen 1919 und 1920 nach Russland. Doch die Bolschewisten stellten dieser Einigung die grössten Hindernisse in den Weg. Die dritte Internationale wurde ein Zusammenschluss der kommunistischen Parteien. Wer mitmachen wollte, musste das Programm der russischen Kommunisten, musste die 21 Punkte anerkennen. Die nationalen Sektionen der dritten Internationale sollten die Herrschaft ausüben über die revolutionären Gewerkschaftsorganisationen. Der Syndikalismus sollte vernichtet werden, in allen Ländern. Das war das Ziel.

Als die Macht der kommunistischen Partei siegte über die Revolution, war der Traum einer Einigung in Freiheit vorbei. Syndikalisten, Anarchisten, Sozialdemokraten und später oppositionelle Parteimitglieder, Trotzkisten usw. wurden nicht mehr geduldet. Die Revolution in Spanien schuf eine neue Situation, aus der das gesamte Weltproletariat Nutzen ziehen wird. Hier sind die Gewerkschaften, die CNT und UGT, die eigentlichen Träger der Revolution. Diese Tatsachen ermöglichen neue Ausblicke, auch für die internationale Arbeiterbewegung. Eine Einigung der CNT und UGT bedeutet den Sieg der Revolution. Nicht nur der politischen, auch der sozialen. Der Kampf ist heute nicht mehr parlamentarisch, er wird geführt als Revolution, mit den Waffen des Bürgerkrieges gegen den Faschismus. Diesen Kampf fuhren die Marxisten und die Anarchisten zusammen. Bleibt er auf diesem Boden, so wird der freie Kommunismus siegen, der Kommunismus ohne Staat, in dem auch Karl Marx in seiner Jugend das Endziel sah. In Spanien wird sich das vollziehen, was Lenin in Russland nicht fertig brachte: Die Einigung des Proletariats. Und das wird sein das Werk der CNT, ihrer Toleranz, ihres politischen Weitblicks.

Nicht Opportunismus und nicht Parlamentarismus, revolutionäre Kampfallianz und sozialistischer Neuaufbau der Gesellschaft durch die Gewerkschaften! Unter diesem Zeichen steht der heutige Kampf in Spanien!

Wer steht da nicht an unserer Seite?

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 3, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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