Solidarität hilft siegen

Wie ein Abwehrstreik im Jahr 1919 zum Achtstundentag in Spanien führte und die Weichen stellte zur sozialen Revolution 1936

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich die soziale Lage auch im neutralen Spanien extrem verschlechtert. Immer mehr ArbeiterInnen schlossen sich der 1910 gegründeten Gewerkschaft CNT an. Beispielhaft für die Vitalität der jungen Organisation war der – trotz Militäreinsatzes letztlich erfolgreiche – Streik beim Stromversorger La Canadiense in Barcelona, der sich 1919 zum Generalstreik ausweitete und 70 % der Industrieproduktion Kataloniens zum Erliegen brachte.

Der Erste Weltkrieg, der im Jahr 1914 ausbrach, überraschte ein auf sich selbst fixiertes Spanien, das weit abseits der Konflikte der europäischen Geschichte stand. Ein Spanien mit einer Operettenarmee, das 1898 nicht in der Lage gewesen war, die letzten Reste seines Kolonialreichs zu halten, und das es seit 1906 nicht geschafft hatte, die Eroberung des Rif (Marokko) zu Ende zu bringen. Die spanische Außenpolitik war zwar traditionell eng an die französische gekoppelt. Aber Spanien hatte aufgrund seiner Schwäche weder in dem von Bismarck aufgebauten System der militärischen Blöcke mitgewirkt, noch wurde es vom Frankreich der III. Republik als wichtiger Verbündeter betrachtet. Daher war Spanien nicht den Automatismen militärischer Bündnisse unterworfen und sah sich nicht gezwungen, im Jahr 1914 unverzüglich den Krieg zu erklären. In den Folgejahren sollte die Debatte über die Notwendigkeit an der Seite der Entente oder der Mittelmächte in den Krieg einzutreten, das Land tief in zwei Lager spalten, ohne dass eine der beiden Strömungen in der Lage gewesen wäre, das Land in den Krieg zu ziehen. Die Anarchisten hingegen vertraten, wie schon in den spanischen Kolonialkriegen eine pazifistische Haltung, die sie im April 1915 auf dem Internationalen Friedenskongress in Ferrol neu formulierten.

Der rasante Aufstieg der CNT

Die anarchosyndikalistische Confederación Nacional del Trabajo (CNT), die im Gründungsjahr 1910 schon 30.000 Mitglieder zählte, rief bereits ein Jahr später zum Generalstreik auf. In dessen Folge wurde die CNT 1911 illegalisiert.

Im Jahr 1914 kehrte die CNT in die Legalität zurück und gewann breite Unterstützung unter den ArbeiterInnen. Zu der ständigen Arbeit der Organisierung und Propaganda der anarchistischen Arbeiterbewegung, wie sie seit den Zeiten der Ersten Internationale betrieben wurde, kam der schwierige Alltag der spanischen ArbeiterInnen in diesen Jahren des Weltkriegs hinzu. Das war der Nährboden, auf dem die CNT zur wichtigsten Organisation der spanischen Gewerkschaftslandschaft wurde – 1919 zählte sie 750.000 Mitglieder. Damit lag sie weit vor der sozialistischen Unión General de Trabajadores (UGT), die getreu einer orthodoxen Auslegung des Marxismus, die Bauern im agrarisch geprägten Spanien außer Acht ließ.

Die Verelendung im Boom

Während der Rest Europas in Flammen stand, war Spanien durch seine Neutralität eine Oase des Friedens. Das spanische Bürgertum entdeckte sehr schnell die Vorteile der einsetzenden erhöhten Auslandsnachfrage. Die spanischen Rohstoffe und Fertigwaren, die bisher nicht gegen die Konkurrenz der europäischen Fabriken hatten bestehen können, waren auf einmal gefragt, um die Kriegsindustrien mit Rohstoffen zu versorgen oder zu ergänzen. Während die Preise – auch im Inland – explodierten, wuchsen die Profite der Land- und Industriebourgeoisie exponentiell an. Auf der anderen Seite aber wurden die Reallöhne durch eine rasende Inflation immer weiter abgewertet. Dies stürzte auch die Mittelschicht, die ohne unternehmerischen Profit verblieb und sich nicht auf wirksame soziale Kampfformen stützte, in extreme Armut. Im Jahr 1917 hatte sich die soziale Lage in Spanien extrem verschlechtert. Der konstante Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel, deren Ankauf sich die kriegsführenden Mächte gegenseitig streitig machten, und die uferlose Gier eines Bürgertums, das seine gewaltigen Gewinne weder verteilte noch sie zur Modernisierung der Industrie des Landes einsetzte, stürzten die Arbeiterklasse und Teile der Mittelschicht, die sich nun zögerlich organisierte, ins Elend.

Kein Vertrauen in die Regierung

Die spanische Bevölkerung fühlte sich immer weniger durch das Parlament und den Ministerrat vertreten. Das politische System der konstitutionellen Monarchie, das 1874 eingeführt worden war, lag 1917 am Boden. Bei den Wahlen kam es zu heftigen Eingriffen und Fälschungen, und ohnehin waren die Frauen vom Wahlrecht ausgeschlossen. Zudem waren die Parteien von Korruption durchdrungen.

Abseits der populären Hoffnungen, erstarkte in der Armee die korporatistische Bewegung hoher Militärs und Offiziere, die sog. Verteidigungsräte (Juntas de defensa). Sie forderten für eine größere Unabhängigkeit des Militärs von der Zivilregierung, eine bessere materielle Ausstattung und wandten sich gegen den Antimilitarismus der anarchistischen Bewegung. Der im Jahr in 1917 amtierende ultrakonservative Kriegsminister Juan de la Cierva sympathisierte mit den reaktionären Militärs und ihren Forderungen. Das führte zu einem zunehmenden Kontrollverlust über die Armee sowie letztlich zum Rücktritt der liberalen Regierung unter García Prieto. Die konservative Nachfolgeregierung Dato legalisierte schließlich die nationalistischen Verteidigungsräte, die bis 1923 noch mehrere Regierungen stürzten und dann die Militärdiktatur Primo de Riveras unterstützten.

Gescheitert: Generalstreik als Geburtshelfer der Republik

Die Gewerkschaftsverbände CNT und UGT traten 1916 in eine Phase der Kooperation ein, um nicht nur die Arbeits- und Lebensbedingungen der unteren Klassen zu verbessern, sondern vor allem um die spanische Gesellschaft zu erneuern und ihre Institutionen zu demokratisieren. Im Sommer 1917 riefen Anarchisten und Sozialisten gemeinsam zu einem Generalstreik auf, der mit einer Versammlung von Parlamentsabgeordneten der demokratischen Parteien (Republikaner, Reformisten, katalanische Nationalisten und Sozialisten) zusammenfiel und auf die Unterstützung der Verteidigungsräte hoffte. Aber in der Stunde der Wahrheit lösten die Parlamentarier die Versammlung auf, bevor das anrückende Militär dies hätte erzwingen können. Die Verteidigungsräte stellten sich auf die Seite der Monarchie, während das Militär die Streikbewegung mit Gewalt unterdrückte.

Die Gewerkschaften waren alleine geblieben. Das Scheitern des Generalstreiks von 1917 überzeugte die ArbeiterInnen davon, dass sie nichts von der Bourgeoisie erhoffen durften. In diesem Sommer hatten die von der russischen Februarrevolution verschreckten Mittelschichten Spaniens ihren eminent konservativen Charakter ebenso offenbart wie ihre panische Furcht vor einer sozialen Revolution. Der Verlauf der Ereignisse in Spanien hätte eine deutliche Warnung sein können für das, was das deutsche Proletariat im Januar 1919 und das ungarische im März desselben Jahres erwarten sollte.

Die Neuorganisierung in Branchensyndikaten

Die CNT verstand eher als alle anderen, dass eine neue Etappe begonnen hatte, und erneuerte unter der Führung einer neuen Generation von Gewerkschaftern – darunter Salvador Seguí, Ángel Pestaña und Juan Peiró – den Syndikalismus tiefgreifend. Auf dem katalanischen Regionalkongress in Barcelona wurde 1918 die Organisierung der CNT-Mitglieder in Branchensyndikaten (Bau, Metallurgie, Textil ...) beschlossen, die die alten Berufsverbände (Maurer, Maler, Tischler ...) überwanden.

Das Funktionieren des neuen Syndikalismus und die Treue der ArbeiterInnen zur anarchistischen Arbeiterbewegung wurden 1919 anlässlich des Streiks bei der Barcelona Traction, einem aufgrund der Nationalität seines Mehrheitseigners allgemein als La Canadiense bekannten Energieunternehmen, auf die Probe gestellt: Eine Gruppe Angestellter der Rechnungsabteilung hatte eine unabhängige Gewerkschaft gegründet, die vom Unternehmen nicht anerkannt wurde. Acht ihrer Vertreter wurde der Lohn gekürzt – und die Betroffenen wurden gefeuert, nachdem sie gegen diese Ungerechtigkeit protestiert hatten. Am 5. Februar erklärten sich alle Angestellten der Rechnungsabteilung, über 100 an der Zahl, mit ihren Kollegen solidarisch und begannen einen Streik. Sie traten an die Zivilregierung heran, um diese zum Einschreiten zugunsten der Beschäftigten zu bewegen; aber anstatt den Ausgleich zu suchen, entließ die Firma alle Streikenden und die Regierung schickte die Polizei zum Schutz der Fabrik.

... und die Feuertaufe

Die gefeuerten ArbeiterInnen wandten sich auf der Suche nach Unterstützung an die CNT. Die Anarchosyndikalisten gründeten ein Streikkomitee unter Beteiligung der Angestellten und einiger CNT-Mitglieder. Der Streikaufruf bei La Canadiense wurde auf die Beschäftigten anderer Abteilungen ausgeweitet, um die Unternehmensleitung zu Verhandlungen zu zwingen. Aber die Leitung, die es nun doch akzeptiert hätte, mit ihren Angestellten zu verhandeln, wollte sich mit CNT-Vertretern nicht zusammensetzen.

In der dritten Woche radikalisierte sich der Streik: Die Stromversorgung Barcelonas durch La Canadiense wurde von den ArbeiterInnen unterbrochen und die Armee besetzte die Straßen. Am 23. Februar streikten schließlich die Beschäftigten aller Stromversorgungsunternehmen der Stadt und zwei Tage später schlossen sich die ArbeiterInnen an, die die Stadt mit Wasser und Gas versorgten. Die neue Branchengewerkschaft der CNT für Wasser, Gas und Elektrizität stellte ihr Funktionieren unter Beweis.

Der Armeekommandant von Katalonien, der den Streik nicht brechen konnte, wollte alle Elektrizitätsarbeiter zur Armee einziehen, aber die organisierten Setzer boykottierten die Veröffentlichung des Dekrets, das daher nur in einer Zeitung der Stadt erschien. Die CNT-Mitglieder missachteten den Befehl zur Mobilisierung und wurden in das Gefängnis von Montjuïc gesperrt – das Schicksal war herausgefordert.

Am 14. März stimmte La Canadiense auf Druck der Madrider Regierung schließlich der Beendigung des Konfliktes zu, indem das Unternehmen die Forderungen der Streikenden – Wiedereinstellung der Entlassenen und Anerkennung der Gewerkschaft – bedingungslos erfüllte. Die CNT hatte gewonnen.

Allerdings blieben fünf Anarchisten im Gefängnis und die ArbeiterInnen riefen für den 23. März zu einem erneuten Streik auf, um deren Freilassung zu fordern. Die Armee rückte wieder aus. Die Regierung verfügte die zeitlich begrenzte Aufhebung der verfassungsmäßigen Grundrechte, was jegliche Willkür zuließ und die Freiheit der Bürger stark einschränkte: In diesen Tagen wurden gegen ein CNT-Mitglied, Miguel Burgos, erstmals das sog. „Fluchtgesetz“ angewandt, eine Form außergerichtlicher Hinrichtung. Dieser zweite Streik sah sich also mit einer stärkeren Repression konfrontiert als der Kampf gegen La Canadiense und musste Mitte April beendet werden.

Der Auftakt eines unerbittlichen Kampfes

Aber der CNT war es nicht nur gelungen, die Forderungen der ArbeiterInnen von La Canadiense zu durchzusetzen und sich das Existenzrecht als Gewerkschaft zu erobern. Denn in Reaktion auf die Auseinandersetzungen in Barcelona hatte die Regierung in Madrid Anfang April 1919 den Achtstundentag für ganz Spanien eingeführt – ein historischer Sieg, den die CNT mit enormen Opfern errungen hat.

Der katalanische Unternehmerverband gab jedoch nicht auf: Im Dezember 1919 holte er zum Gegenschlag aus und organisierte eine Aussperrung, die 150.000 katalanische Beschäftigte auf die Straße setzte – wer wieder arbeiten wollte, sollte seinen CNT-Ausweis vernichten. Die Mitglieder weigerten sich einmal mehr, und am 26. Januar 1920 musste der Verband nachgeben und alle ArbeiterInnen wieder einstellen, ohne dass auch nur einer den Gewerkschaftsausweis abgegeben hätte.

Bereits vor dem Barceloner Generalstreik hatten Unternehmer einen gewissen Bravo Portillo beauftragt, eine Söldnertruppe zur Ermordung von führenden CNT-Gewerkschaftern aufzubauen. Wichtige Vertreter der CNT, darunter Salvador Seguí, wurden in den folgenden Monaten und Jahren von diesen Handlangern der Unternehmer ermordet. Auf staatlicher Seite machte die Polizei exzessiven Gebrauch von dem „Fluchtgesetz“; hunderte Gewerkschaftsmitglieder kamen so ums Leben. Dagegen organisierten sich in den Reihen der CNT geheime bewaffnete Gruppen – der vielleicht berühmtesten Gruppe, Los Solidarios, gehörten u.a. Durruti, Ascaso und García Oliver an –, die später zum leuchtenden Vertretern der Federación anarquista ibérica (FAI) werden sollten. Sie gingen zum Gegenangriff auf bekannte Reaktionäre über und verübten auch Banküberfälle, um die Streikkassen der CNT zu füllen. Seit 1919 war die gesellschaftliche Lage aufs Äußerste gespannt, die Revolution war unausweichlich.

Juan Pablo Calero, Historiker, Publizist und Mitglied der CNT

Originaltext: http://www.direkteaktion.org/199/solidaritaet-hilft-siegen


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