Mujeres Libres - Aktionen gegen die Prostitution

Mujeres Libres - Aktionen gegen die Prostitution (1)

Die meisten Menschen haben eine beschränkte und einseitige Vorstellung von der Prostitution. Sie kennen nur die sexuelle Prostitution und die der Frau, vor allem den Verkauf des weiblichen Körpers auf der Straße oder in geeigneten Etablissements.

Wie gesagt, die Vorstellung ist beschränkt, außerordentlich beschränkt, aber zugleich auch tröstlich. Denn wenn wir dem Wort seine ganze tatsächliche Bedeutung geben, werden wir plötzlich merken, daß es auch sehr angesehene Personen erniedrigt, und daß es manche mehr oder minder geachtete Institutionen an den Pranger stellt. Wenn man es in seiner ganzen Ausbreitung nimmt, wäre das Thema auch voller Material, und allein schon eine Übersicht würde sehr viel Raum einnehmen. Bleiben wir also bei der vulgären und gehemmten Vorstellung von Prostitution: Austausch von Zärtlichkeiten, die nur der Liebe gebühren, gegen jede andere Sache, die nicht Liebe ist.

Wie gegen die Prostitution gekämpft worden ist

Mit der Prostitution hat man auf Tausend verschiedene Arten versucht, fertig zu werden: im Grunde aber auf eine unwirksame und unnütze Art und Weise; denn die Wurzeln des Übels wurden nicht erreicht.

Man hat es manche Male mit Polizeimethoden versucht ... Bei anderen Gelegenheiten nahm der Kampf eher die Form einer kriminellen und widerrechtlichen Nachgiebigkeit an, reglementierte und schuf besser oder schlechter ausgenutzte Steuern. Und schließlich blieb die Prostitution bestehen, wurde ignoriert oder sollte ignoriert werden. …

Wirkungsvolle Aktionen gegen die Prostitution

Die Aktionen gegen die Prostitution müssen auf verschiedenen Ebenen stattfinden, wo man sie nicht vermutet: bei Gefühlen, bei Personen und an Orten, die üblicherweise nichts mit dem Problem zu tun haben. Wir bestehen darauf, was schon in zahlreichen Fällen gesagt worden ist: Die Frau muß wirtschaftlich frei sein. Man hat das schon sehr oft gesagt, aber man muß es ohne Unterlaß wiederholen. Nur die wirtschaftliche Befreiung macht die anderen Freiheiten erst möglich, sowohl die der einzelnen als auch die der Völker. Freiheit und wirtschaftliche Gleichheit sind notwendig, Lohngleichheit, Gleichheit der Gehälter, des Zugangs zu den Arbeitsmitteln aller Klassen. Hier wird das so oft Wiederholte, so oft Gehörte als Grundlage für die Aktionen gegen die Prostitution gesagt, weil die in wirtschaftlicher Abhängigkeit lebende Frau immer bezahlt wird - und sei es auch nur von ihrem legitimen Mann. Denn die einzige Arbeit, die es erlaubt, alle körperlichen und geistigen Bedürfnisse zu erfüllen, ist die gesellschaftliche Arbeit. Es ist nicht jene Arbeit, die vielleicht sehr schön, aber privat ist, die für ein Individuum ausgeführt wird und von den übrigen Menschen durch die Mauern des Heimes getrennt ist. Deshalb halten alle Propaganda, alle Aktionen für die Familie, für dieses fiktive warme Heim, die Frau in ihrer schon immer eingenommenen Position fest: von der Produktion getrennt und ohne jedes Recht. Es ist unbestreitbar, daß sich die Pflichten der Arbeiterin mit denen der "Hausherrin" gegenseitig ausschließen.

Aus: "Mujeres Libres", Nr. 11


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Mujeres Libres - Aktionen gegen die Prostitution (2)

Die Musik-Hallen und die Häuser der Prostituierten sind nach wie vor vollgestopft mit roten, mit schwarz-roten Tüchern und mit aller Art antifaschistischer Zeichen. Es ist eine moralisch unverständliche Verwirrtheit, daß unsere Milizangehörigen - wunderbare Kämpfer an der Front, von so liebenswerter Freiheit - in der Nachhut den sittlich, bourgeoisen Verfall auf einer der leidvollsten Ebenen der Sklaverei unterstützen und sogar noch weiter ausbreiten: auf der Ebene der Prostitution der Frau. Man kann sich nicht erklären, warum Menschen in den Schützengräben zu allen Opfern bereit sind, im Kampf bis auf den Tod zu siegen, aber in den Städten weiterhin niederträchtig das Fleisch der Klassenschwester kaufen, die unter den gleichen Bedingungen wie sie lebt.

Kämpfer! Die Frauen und Männer, die noch nicht den Sinn für menschliche Verantwortung verloren haben, die ein Ideal verteidigen - welcher politischen Schattierung auch immer -, treffen sich in der Aufgabe der Umerziehung der Frau, die die Gruppe "Mujeres Libres" vom Beginn des Kampfes an ins Leben gerufen hat - in aller Harmlosigkeit und mit der Beständigkeit, die nötig ist.

Kämpfer! Behindert nicht, Ihr, unsere Genossen, eine Arbeit, die schon an sich schwierig ist? Helft uns, damit alle Frauen frei werden, ihre menschliche Würde erhalten und für sich selbst verantwortlich werden. Sucht bei Euren sexuellen Beziehungen den vollständigen gegenseitigen Austausch, haltet Körper und Seele rein. Löst das Problem auf gesunde Art und Weise, mit "sauberen" und bewußten Frauen. Helft uns, damit bald alle Frauen so sind. Behandelt nicht weiterhin jene Frauen rücksichtslos, denen als einziges Mittel zum Leben nur übrigbleibt, Eure Tyrannei als Käufer zu ertragen, während wir selbst uns damit abmühen, das beste Mittel zu finden, um diese Frauen zu befreien.

Die Gruppe "Mujeres Libres" hat die Schaffung von "Liberatorios de Prostitucion" auf folgender Grundlage vorgeschlagen:

a) Ärztliche Beobachtung und Behandlung;
b) wirtschaftliche und moralische Genesung, um bei den aufgenommenen Frauen ein Verantwortungsgefühl zu fördern;
c) berufliche Anleitung und Schulung;
d) moralische und materielle Hilfe, wenn sie nötig ist, auch dann, wenn sie wieder von den "Liberatorios" unabhängig geworden sind.

Unsere Genossen aus dem Gesundheitsbereich sind bereit, schnell diese Initiative in die Tat umzusetzen. Aber diese Arbeit wäre unwirksam, wenn Ihr, Kämpfer, Euch daran nicht in einer entschieden emanzipatorischen Haltung beteiligen würdet.

Aus: "Ruta", 21. Januar 1937

Originaltext: Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.


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