Mujeres Libres - Die Arbeit

Bis vor einigen Jahren, nicht vielen im Verhältnis zur Geschichte, sah man in der Frau kaum mehr als einen sozialen Schmarotzer. Es lohnt sich nicht, das hier und jetzt zu diskutieren. Während vieler Jahrhunderte hat man in den Ländern, die wir progressiv nennen könnten, versucht, glauben zu machen, daß die Frau arbeitsscheu sei.

Das kapitalistische Zeitalter, das der Frau die Tore der Fabriken öffnete, bewies, daß das Schmarotzertum der Frau eine reine Erfindung war; denn sehr bald mußten die Männer ihre Fabriken gegenüber der Invasion der Frauen verteidigen. Die Frauen, begierig und sehnsüchtig danach, sich lebendig fühlen zu können, geistige Unabhängigkeit zu erreichen, überfluteten die Produktionsstätten. Kaum hatte sich eine Gelegenheit ergeben, zögerten sie nicht, sich in den Arbeitsprozeß einzugliedern. Die männliche Opposition verstand aber die Bedeutung dieses Ereignisses nicht und schob es ungeschickterweise auf die antisoziale Wettbewerbsebene, womit sich jenes Eingliederungsprinzip in eine Waffe der Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse verwandelte.

Heute beginnt man wieder mit Nachdruck über die Eingliederung der Frau in den Arbeitsprozeß zu sprechen, und man gibt vor oder hat es "vorsichtshalber" vergessen, daß sich die Frau bereits spontan am 19. Juli eingegliedert hat. Tausende von Frauen kamen aus ihren Häusern und übernahmen die härtesten und wenig weiblichen Arbeiten, vom Gewehr bedienen, bis hin zum Pflug schieben. Ein brennender Wunsch, nützlich zu sein, zu dienen, sich verantwortlich zu fühlen, trieb ihre Taten an.

Aber das dauerte nicht lange; denn bald ließ die männliche "Klugheit" die Frauen zurückweichen. Lediglich die mutigsten hielten trotz Unwillens ihre Plätze. Und - wie immer - waren die Frauen die großzügigsten und die opferwilligsten. In den ersten Monaten des Krieges übernahmen sie freiwillig aufreibende Arbeiten, ohne etwas dafür zu verlangen. Die Arbeit war für sie kein Mittel zum Leben, sondern eine große soziale Aufgabe, deren Bedeutung ihnen plötzlich klar wurde und eine Verpflichtung, die sie selbstlos und heroisch übernahmen.

Man soll jetzt nicht von der Eingliederung der Frau in den Arbeitsprozeß als einer Gnade oder einem Bedürfnis sprechen. Die Arbeit ist ein von ihr in den blutigsten Tagen des Kampfes errungenes Recht. Die Frau hat ihren ganzen Glauben in die Revolution gesetzt. Auf daß sie durch längst überholte Egoismen nicht enttäuscht werde!

Aus: Mujeres Libres, Nr. 13

Originaltext: Mary Nash: Mujeres Libres. Die freien Frauen in Spanien 1936 - 1978. Karin Kramer Verlag, Berlin 1979. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Freundeskreis Karin Kramer Verlag. Das Copyright des Textes liegt weiterhin beim Karin Kramer Verlag, der Text darf ohne Rückfrage nicht weiter kopiert oder gedruckt werden. Im Karin Kramer Verlag sind zahlreiche Bücher zum Anarchismus erhältlich.


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