Die Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und Kommunisten im Spanischen Bürgerkrieg

"Die KP ist heute die ausschlaggebende politische Kraft im antifaschistischen Spanien. Wenn sie auch nicht die Führung der Regierung in Händen hat, so beherrscht sie doch heute den größten Teil des Staatsapparates. Die Offiziere sind zum größten Teil bei ihr organisiert, die Polizei ist überwiegend in ihren Händen. Spanien ist in einer Entwicklung zur kommunistischen Parteidiktatur. So sind wir denn, wenn nicht auf dem Weg zu einem kommunistischen, so doch zu einem KP-Spanien..." (Willy Brandt, Juli 1937)

Ende Juli 1936, nach der Niederschlagung der aufständigen Militärs und dem Beginn der Sozialen Revolution, besaß die republikanische Regierung außerhalb von Madrid keine Entscheidungsgewalt mehr und innerhalb Madrids nur über den Gewerksschaftsapparat der sie unterstützenden Sozialisten und Kommunisten. Die eigentliche Macht lag bei den revolutionären Kräften und die sie vertretenden Organisationen CNT, POUM und Linkssozialisten, die, von der Kollektivierungsbewegung und der Spontaneität der Bevölkerung zwar sichtlich überrascht, sich doch alsbald an deren Spitze stellten.

Die Kollektivierungen verliefen überall ähnlich: in der Region, in der kollektiviert wurde, gründeten die Betroffenen ein Komitee, an dem die CNT von Beginn an auch die UGT und andere antifaschistische Organisationen beteiligte. Die Kollektivierung war im allgemeinen eine Sache spontaner lokaler Initiative. Treibende Kraft und organisatorische Basis waren die lokalen Syndikate der Arbeiterorganisationen. Sofort enteignet wurden die Ländereien all derer, die den militärischen Aufstand unterstützt hatten oder als Symphatisanten der Rechten galten. Großgrundbesitzer, die nicht geflohen waren, wurden teilweise erschlagen, Ausdruck des Hasses, der sich in Jahrhundertelanger Unterdrückung aufgestaut hatte. Der Eintritt der Landarbeiter und Kleinbauern in die Kollektiven sollte nach den Prinzipien der CNT auf Freiwilligkeit beruhen. Kam es vereinzelt zur Anwendung von Gewalt bei der Eingliederung der bäuerlichen Individualisten in die Kollektive, schlachteten dies die Kommunisten propagandistisch aus und traten als Schutzherren des bäuerlichen Eigentums auf.

Allgemein wurden in das Kollektiv Grund und Boden, Vieh und Arbeitsmaterialien eingebracht. Die Form der Güterverteilung und der Entlohnung waren unterschiedlich, teilweise wurde das Geld abgeschafft. Augustin Souchy berichtete: "Die Feldarbeiten wurden von Gruppen ausgeführt, deren Anzahl auf einer gemeinsamen Mitgliederversammlung festgestellt und bestimmt wurde. An der Spitze jeder Arbeitsgruppe stand ein Delegierter, der auf der Kollektiversammlung gewählt wurde. Die Gesammtheit der Gruppendeligierten bildeten den Arbeiterausschuß. Die Mitglieder hatten jedoch das Recht, auf einer allgemeinen Versammlung die Beschlüsse des Arbeiterausschussses zu ändern. Die Mitgliederversammlung war die höchste Instanz der Kollektive."

Die lokalen Kollektive schlossen sich auf regionaler Ebene zu Föderationen zusammen, die den Handel nach außen, also den Verkauf von Agrar - und den Ankauf von Industrieprodukten übernahmen.Zur Milderung von wirtschaftlichen Ungleichheiten der verschiedenen Kollektiven wurden regionale Ausgleichkassen gegründet. Doch die Kollektivierung der Landwirtschaft bedeutete weit mehr als eine Änderung der Produktionsverhältnisse. Sie erfaßte vielmehr eine grundlegende Umwälzung in allen Lebensbereichen. Sie befreite die Landbevölkerung von der Unterdrückung durch Kirche, Staat und Großgrundbesitzer. Die Kollektiven richteten eigene Kranken- und Altersversorgungen ein und schufen Bildungseinrichtungen für die Landbevölkerung. Im Grunde genommen war dies die Realisierung des alten "Pueblos" ohne die Einmischung von Regierung und Kirche.

Diese weitgehenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen hatten auch in den Städten ihre Entsprechung. Schon zu Beginn beklagte die CNT betriebskapitalistisches Weiterwirtschaften der einzelnen Betriebskollektive. In den Städten gab es eine Unzahl von Varianten der Kollektivierung, die Organisation der Betriebe sowie die Lohnregelung wurden unterschiedlich gehandhabt. Von den Arbeitern wurden in den ersten Wochen die städtischen Verkehrbetriebe, Elektrizitätsversorgung und Fernsprechverkehr, also fast der gesamte öffentliche Dienst übernommen.

Ausbreitung und Durchsetzung, Niedergang und Ende der Sozialen Revolution wurden durch verschiedene Rahmenbedingungen beeinflußt. Nicht nur in den übrigen Teilen Spaniens, sondern auch in Katalonien standen größere gesellschaftliche Gruppen der Kollektivierung feindlich gegenüber. Bedeutsam war auch der Zusammenhang von Krieg und Revolution. Der Krieg, der Aufstand der Militärs, der das Ausbrechen der Sozialen Revolution erst möglich gemacht hatte, verhinderte zugleich deren volle Entfaltung und Durchsetzung. Er trug dazu bei, daß sehr bald der Ruf nach hierarchischen Organisationen laut wurde, von denen man sich eine bessere Disziplin im Krieg erwartete. Die militärische Lage zwang die Republik, Hilfe aus dem Ausland anzufordern. Die Abhängigkeit von den sowjetischen Waffenlieferungen und die Rücksichtnahme auf die Kapitalinteressen der Westmächte England und Frankreich, legten der vollen Durchführung der Revolution ebenfalls Fesseln an. Begründet wurde die Rücksichtnahme mit eventuell doch noch zu erwartenden Waffenlieferungen der Westmächte bei entsprechender "guter Führung" der Republik. Als die Anarchisten in den ersten Tagen nach Ausbruch der Sozialen Revolution auf die Abschaffung des republikanischen Staatsapparates verzichteten, blieb eine weitere Voraussetzung für das Gelingen der Revolution unerfüllt. Das republikanische Lager war auf die Waffenlieferungen der Sowjetunion angewiesen, die die vorhandenen Widerstände der republikanischen Kräfte in Spanien gegen die Kollektivierung geschickt für ihre eigenen Interessen einspannte.

Die Bekämpfung der ländlichen Kollektivbewegung durch die Kommunisten

Das entscheidene Argument der PCE gegen die anarchistischen Kollektivierungen waren die angeblich gewaltsamen Umstände ihrer Durchführung. Die propagandistische Ausschlachtung vereinzelter Übergriffe und "Greuel" verhalf ihr zu einer breiten Mitgliedererweiterung aus den bäuerlichen Mittelschichten.

Anfänglich noch neutral gegenüber den Kollektivierungen eingestellt, änderte sich ihre Haltung schnell nach der Übernahme des Landwirtschaftsministeriums durch den Kommunisten Vicente Uribe am 5. September 1936. Nun begannen die Auseinandersetzungen zwischen offizieller Regierungspolitik und der bisher weitgehend autonomen kollektivistischen Bewegung. Propagandistisch wies die PCE auf die Erfolge der Volksfront in der Landwirtschaft hin, als Ergebnis und im Rahmen der "bürgerlich-demokratischen Revolution". Mit keinem Wort gingen die Kommunisten auf die "außerhalb des legalen Rahmens" entstandenen Kollektiven ein, es begann im Gegenteil ein versteckter Kampf der Kommunisten gegen die Kollektivbewegung.

Die Maßnahmen im einzelnen:

  • ab dem 15. September kontrollierten neugegründete landwirtschaftliche Komitees der Volksfront in allen Dörfern die Erntearbeiten
  • im Enteignungs- und Nationalisierungsdekret vom 7. Oktober 1936 wurde der Besitz von Großgrundbesitzern und Kaziken per Gesetz entschädigungslos enteignet. Die Bearbeitung dieser Ländereien unterlag damit staatlicher Kontrolle. Mit Hilfe von Kreditvergaben steuerte die Zentralregierung im Folgenden die landwirtschaftliche Entwicklung in Richtung "Kollektivierung von oben"
  • In einem Dekret vom 8. Juni 1937 wurden nachträglich alle Kollektiven, die nach dem Aufstand der Militärs entstanden waren, als gesetzmäßig anerkannt. Diese Maßnahme war nötig geworden, da die zunehmend schärfere Anti-Kollektivierungskampagne der PCE und der Regierung im Frühsommer 1937 die Erntearbeiten bedrohte und die Kollektivmitglieder zu weiterem Arbeiten motiviert werden mußten
  • Nach den Maiereignissen 1937 in Barcelona konnte die PCE zur offenen militärischen Zerschlagung der Kollektiven übergehen. Ab Sommer 1937 wurden Kollektiven von kommunistischen Verbänden angegriffen und zerstört. Damit konnte den "kindlichen anarchistischen Experimenten" (PCE) ein Ende gemacht werden.

Ebenso erfolgreich konnten die Kommunisten in Katalonien und der Levante schlagkräftige Gegenbewegungen gegen die Kollektiven gründen. Mittelständische Pacht- und Kleinbauernverbände wurden unterstützt. Unumwunden gab die PCE zu, daß die kleinen Bauern und der eigentumsorientierte Mittelstand ihre eigentliche Zielgruppe sei. Uribe versprach ihnen, alle Waffen der PCE und der Regierung stünden zur Verteidigung ihrer Ansprüche und Besitztümer zur Verfügung. "Jeder Versuch - von wem er auch ausgehen mag -, das Recht des Bauern zu beeinträchtigen, zum Beispiel ihn zur Kollektivierung zu zwingen, wird als konterrevolutionäres Verbrechen von den Volkstribunalen abgewiesen werden."

Immer unterstellend, daß die anarchistischen Kollektivierungen den Bauern aufgezwungen worden waren - wie in einem der vorherigen Kapitel gezeigt, bestanden die Anarchisten auf die Freiwilligkeit des Eintritts in die Kollektiven - verstand die PCE sich selbst als Partei der Kollektivierung, wobei sie allerdings nicht die spontanen Kollektivierungen der Landarbeiter, sondern die staatlich gelenkte Organisation von oben meinte.

Die erste Gegenmaßnahme der CNT war der Versuch, mit den anderen antifaschistischen Organisationen "Nichtangriffspakte" abzuschließen, in denen es um die gegenseitige Tolerierung von Privateigentum und Kollektivierung ging. Teilweise bedeutete dies der Verzicht auf die Weiterführung der Kollektivierungen durch die Anarchisten, erkannten sie damit doch den Status Quo an.

Außerdem wurden diese Versuche zunehmend von der PCE in dem Maße torpediert, wie sie durch die Waffenlieferungen der Sowjetunion faktisch die Macht in der republikanischen Zone erhielt. In erster Linie bemühte sich die CNT um eine bessere Koordinierung der einzelnen Kollektivwirtschaften, um den Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit der Kollektive zu entkräftigen. Gerade auf Grund der wirtschaftlichen Erfolge konnten die Kommunisten die Kollektive nicht völlig zerschlagen, es gelang ihnen allerdings, die Agrarkollektive, die nach Ansicht der Anarchisten zu Keimzellen der neuen Gesellschaft werden sollten, zu Überlebensmaßnahmen zu zwingen, welche eine Tendenz zu Legalisierung, Normierung und Kontrolle beinhalteten. So wurden nach und nach die landwirtschaftlichen Experimente der Anarchisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Die Bekämpfung der industriellen Kollektivierung durch die Kommunisten

Prinzipiell verfuhren hier die Kommunisten ähnlich wie bei der Zerschlagung der ländlichen Kollektivierungen. Doch wurden die Auseinandersetzungen auf dem Industriesektor zusätzlich erschwert durch die Spannungen, die zwischen Zentral- und Regionalregierung von Katalonien als industriellem Schwerpunkt Spaniens herrschten. Nachdem in Andalusien die aufständischen Militärs sehr schnell Erfolge erzielen konnten, war Katalonien die Hauptbasis des spanischen Anarchismus. Die anarchistischen Führer meinten zu erkennen, daß die begrenzte Durchführung der Revolution in Katalonien einer anarchistischen Diktatur gleichkäme, sie interpretierten deswegen den Schritt der Anarchisten in die Regionalregierung folgerichtig als Schritt der Konsolidierung und Sicherung der bisherigen revolutionären Errungenschaften.

Eine erste Anerkennung staatlicher Lenkungsorgane und das Abrücken von der Koordinierung durch die Industriekollektive selber stellte die Beteiligung der CNT an dem am 11. August gegründeten "Wirtschaftsrat von Katalonien" dar. Dieses zentrale Lenkungsorgan der katalanischen Wirtschaft entwickelte sich mit Hilfe der Kommunisten jedoch von einem Revolutionsorgan zu einem Regierungsorgan, und damit zu einer Organisation der Kommunisten. Das Programm des Wirtschaftsrates war Grundlage des Regierungsprogramms der katalanischen Landesregierung. Unter der Leitung des PSUC-Vorsitzenden Juan Comorera ab Juni 1937 wurden jegliche wirtschaftsregulierenden Kompetenzen des Wirtschaftsrates zugunsten der Regierung geopfert.

Auch zahlenmäßig änderte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Kommunisten. Neben der PSUC waren die drei kommunistischen Minister der Regionalregierung für Arbeit, Wirtschaft und Versorgung im Wirtschaftsrat vertreten. Die Unterstellung vieler kriegswichtiger Betriebe unter die Kontrolle des Staates setzten den spontanen Aktionen der Arbeiterschaft enge Grenzen. Durch die teilweise Akzeptierung der geschaffenen revolutionären Zustände und deren Legalisierung von oben sollte die kollektivistische Bewegung ebenso eingedämmt werden wie auf dem Agrarsektor. Die Zentralisierungstendenzen in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen schritten umso weiter voran, als die Kommunisten nach Zusammenfassung der Entscheidungsinstanzen und einheitlicher Wirtschaftsleitung strebten. Die steten Expansionen der Regierung in die Wirtschaft fanden ihren Niederschlag im "Dekret für besondere Eingriffe" vom 20. November 1937. Aufgrund dieser Anordnung konnte die katalanische Regierung direkt in ein Industrieunternehmen intervenieren, wenn sie dies aus wirtschaftlichen oder anderen Gründen für erforderlich hielt. Letztlich bedeutete dies Verstaatlichung, was die PCE seit Beginn des Bürgerkrieges anstrebte.
 
"17. August. Die Leute können einen manchmal wirklich verblüffen. Maßgebliche Mitglieder der PSUC äußern die Meinung daß in Spanien überhaupt keine Revolution stattfindet; und diese Männer (mit denen ich eine ziemlich lange Diskussion führte) sind nicht - wie man vermuten würde - alte katalanische Sozialisten, sondern ausländische Kommunisten. Spanien sei, erklären sie, mit einer einzigartigen Situation konfrontiert: die Regierung kämpfe gegen ihre eigene Armee. Und das sei alles. Ich verwies auf die Tatsache, daß die Arbeiter bewaffnet seinen, daß die Verwaltung in die Hände revolutionärer Komitees gefallen sei, daß Menschen zu Tausenden ohne Gerichtsverfahren hingerichtet würden, daß Fabriken wie Landgüter enteignet und von ihren früheren Arbeitern betrieben würden. Was hieße Revolution, wenn nicht das? Ich wurde belehrt, daß ich einem Irrtum unterläge, all dies habe keine politische Bedeutung; das seien alles nur Notstandsmaßnahmen ohne politischen Gehalt. Ich spielte auf die Haltung der kommunistischen Hauptquartiers in Madrid an, das die gegenwärtige Bewegung als "bürgerliche Revolution" beschrieb; zumindest ein Zeichen, daß es eine Revolution sei. Aber meine PSUC-Kommunisten zögerten nicht, ihr Hauptquartier zu verleugnen. Ich frage mich, wie es sein kann, daß Kommunisten, die seit fünfzehn Jahren auf der ganzen Welt revolutionäre Situationen entdeckt haben, wo keine waren, und damit gewaltiges Unheil angerichtet haben, jetzt keine Revolution erkennen, wenn in Europa zum erstenmal seit der russischen Revolution von 1917 wirklich eine stattfindet (...)

Ein kommunistischer Abgeordneter und Mitglied des Zentralkomitees der Partei in Madrid, Jesus Hemandez, hatte einer französischen nicht-sozialistischen Zeitung (Paris Midi, wenn ich mich nicht irre) ein Interview gegeben, in dem er mit Schimpf und Schande über die Anarchisten herzog, offen aussprach, daß die Kommunisten nach der Niederlage Francos mit den Anarchisten kurzen Prozeß machen würden (obwohl bei den gegenwärtigen Kräfteverhältnissen das genaue Gegenteil warscheinlicher ist) und sie anklagte, sich hinter der Front zu halten und unschuldige Leute umzubringen usw. usw. Einer der Anarchisten in meinem Hotel, ein Franzose, professioneller Terrorist und nicht gerade ein angenehmer Typ, begann, als er die Neuigkeit hörte, mit blutrünstiger Stimme auf einen Journalisten einzureden: "Cet homme qui a ecrit ces saloperies ne doit pas vivre, ne va pas vivre; ou qu`il aille on va savoir le trouver. Nous allons nous debarrasser de ce salaud" ("Dieser Mensch, der diese Schweinereien geschrieben hat, darf nicht mehr leben, wird nicht mehr leben. Wo immer er hingeht, wir werden ihn finden. Wir werden uns diese Schweine schon vom Halse schaffen."), und vieles mehr im selben Ton und mit einem Ausdruck in den Augen, der keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit ließ." (Franz Borkenau, Kampfplatz Spanien, Ein Augenzeugenbericht, Stuttgart 1986, S.140ff.)

Die Auseinandersetzungen auf militärischer und politischer Ebene

Der Einfluß der PCE und der Kommunisten resultierte vor allem aus den russischen Waffenlieferungen für die republikanische Zone, war doch Franco im Spätherbst 1936 an fast allen Fronten auf dem Vormarsch. Der Übergang der Militärrevolte in einen lang anhaltenden Bürgerkrieg forderte eine Neustrukturierung der Verteidigung der Republik. Bisher hatten dies die spontan nach dem Militärauftsand gebildeten Arbeiter- und Gewerkschaftsmilizen übernommen. Ohne ihren Einsatz wäre der Aufstand Francos schon im Juli erfolgreich gewesen. Die Milizen hatten aber nicht nur den Krieg gegen Franco zu führen, sondern verstanden sich gleichzeitig als Aktivisten der Sozialen Revolution. So standen zum Beispiel die militärischen Eroberungen der Milizen in Aragon in engem Zusammenhang mit den gleichzeitig dort stattfindenen Kollektivierungen. Fehlende militärische Erfahrung der Kämpfer wurden durch Einsatzbereitschaft und Begeisterung wettgemacht. Doch im Verlaufe des weiteren Krieges änderte sich das Kräfteverhältnis auf Grund ausländischer Intervention auf der Franco-Seite. Durch den damit verbundenen Einsatz von schweren Waffen und Flugzeugen konnte auf republikanischer Seite weitgehend nur noch ein Verteidigungskrieg geführt werden - und dies mit immer weniger Erfolg. Daher verwundert es nicht, wenn schon kurz nach Beginn des Bürgerkrieges von den Kommunisten die Zentralisierung der Verteidigung gefordert wurde, besonders und gerade wegen der revolutionären Aufgaben der Milizen. Sie forderten die Anpassung an die Kriegsführung Francos.

Erste Ansätze zur Restauration des traditionellen Militärapparates zeigten sich in dem Versuch, im September 1936 die allgemeine Wehrpflicht wieder einzuführen und zwei Reservistenjahrgänge zu mobilisieren. Diese kämpften aber bereits in den Milizen, so daß der Erlaß erfolglos blieb. Außerdem besaß die Regierung zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei ausreichende Machtmittel, um solch eine Verordnung durchsetzen zu können. Verstärkt durch die militärische Bedrohung Madrids durch Franco kam im Herbst die Forderung nach besserer Bewaffnung auf. Diese von der Sowjetunion gelieferten Waffen wurden vor allem an kommunistische Verbände vergeben, welche nach Vorstellung der PCE zusammen mit den internationelen Brigaden den Kern der neu zu schaffenden Volksarmee bilden sollten. Vor allem das 5. Regiment gewann die Symphatien all derjenigen, die von Beginn an die Einrichtung eines regulären Heeres als Bedingung des Sieges für unumgänglich gehalten hatten. Insbesondere waren dies die wenigen Berufsmilitärs, die der Republik die Treue gehalten hatten und nun in der PCE Zuflucht suchten. Zu den prominentesten Offizieren dieser Art gehörten der Kommandant der Verteidigungsjunta von Madrid, General Miaja, und der Chef des Generalstabs, Vicente Rojo. Beide hatten vor dem Bürgerkrieg der monarchistischen "Union Militär Espanola" angehört.

Diese ungleiche Verteilung der Waffen war einer der Gründe für den Entschluß der CNT, im November 1936 in die Zentralregierung einzutreten. Waffen bekamen nur die Einheiten, die sich nach der Weisung der Regierung vom 10. Oktober 1936 der Militarisierung nicht widersetzten. Die Anarchisten waren durchaus nicht gegen eine bessere Koordination des Milizsystems, aber sie wehrten sich gegen deren Zerschlagung. Deshalb hatte die CNT im Oktober die Bildung einer zentralen Verteidigungsjunta gefordert, die aber von den bürgerlichen Parteien und den Kommunisten abgelehnt wurde. Am 15. Oktober wurde auf Anordnung des Kriegsministers das Generalkommissariat geschaffen, welches die Aufgabe hatte, allen Einheiten der neuen Volksarmee politische Kommissare zuzuordnen. Die Kommissare sollten die Soldaten auf politischem und sozialem Gebiet kontrollieren und die Verbindung zwischen militärischem Oberkommando und Soldaten aufrecht erhalten. Die Kommunisten nutzten ihre beherrschende Rolle im politischen Kommissariat zur Erhöhung ihrer Mitgliedschaft aus. Es bestand eine Art Zwangsmitgliedschaft innerhalb der Einheiten, Ende 1937 gab es circa 50.000 neue PCE-Mitglieder. Nicht nur Offiziere, sondern auch Soldaten sahen sich genötigt, der kommunistischen Partei beizutreten, da sie sonst Gefahr liefen, von ihren Genossen als "Kanonenfutter" verwandt zu werden.

"An der Front, in den Kasernen, den Hospitälern, im Stab boten unsere Delegierten den Aufstieg gegen das Mitgliedsbuch der Partei oder der Einheitsjugend an... Wer auch nur das geringste in den Mitgliedsformularen verschwieg wußte, daß er Kandidat für die ersten Reihen der Kampfeinheiten wurde und daß seine Rangabzeichen in Gefahr waren. Die Ergebnisse waren ausgezeichnet! Zehntausend neuer Mitglieder traten in unsere Reihen ein." (Jesus Hemandez, PCE-Führer im Bürgerkrieg zit. nach Rudolf de Jong: Santiago Carillo, Vom Stalinisten zum Eurokommunisten, S. 99)

Hernadez berichtete weiter, daß sich im Frühjahr 1938 siebzig Prozent der Kommandostellen des Militärs in kommunistischer Hand befänden. Schon im November 1937 hatte Kriegsminister Prieto befürchtet, daß die Kommunisten vollständig das Militär und die Verteidigung kontrollieren wollten. Aus diesem Grund setzte er 250 kommunistische politische Kommissare ab und verlangte den Rücktritt von Generalkommissar Julio Alvarez de Vayo. Die Kommunisten drohten mit der Einstellung der ohnehin spärlicher fließenden Waffenlieferungen der Sowjetunion, so daß Prieto im April 1938 die Regierung verlassen mußte.

Die Androhung, den anarchistischen Einheiten die Waffen zu verweigern, hatte die Anarchisten in die Regierungsbeteiligung getrieben. Trotzdem konnten sie die Auflösung der Milizen nicht verhindern und mußten auch die totale ideologische Kontrolle durch die politischen Kommissare hinnehmen. Natürlich revoltierten einige Milizen gegen ihre Eingliederung in die Volksarmee, gegen die neuen autoritären Strukturen wie Rangabzeichen, Grußpflicht und unterschiedlichen Sold. Vor allem die "Eiserne Kolonne" widersetzte sich der Militarisierung und zog mit dem Slogan: "Schlagen wir die Armee nieder!" offen gegen die Regierung zu Felde.

Gleichzeitig mit der Militarisierung der Milizen sah die Zentralregierung die Notwendigkeit der Reorganisation der staatlichen Polizei, einmal um das Machtmonopol des Staates wieder herzustellen, zum anderen aber auch, um notfalls die Kollektiven mit Gewalt aufzulösen. Parallel mit der Wiedereinführung des Polizeiapparates verlief die Auflösung der unabhängigen Arbeiterpatrouillen, was einer Entwaffnung des Volkes gleichkam. Den Kommunisten gelang es sehr schnell, innerhalb der Polizei eine Vorrangstellung einzunehmen, da sie vor allem eingezogen wurden und weniger an der Front zu finden waren. Auch hier überwachten politische Kommissare die Zuverlässigkeit der Einheiten, sie wurden zumeist hinter dem Rücken von Largo Caballero vom den Kommunisten nahestehenden Außenminister Alvarez de Vajo im Einvernehmen mit dem russischen Gesandten Rosenberg benannt und mit sicheren Leuten besetzt.

Der kommunistische Terror

Die politischen Geheimdienste

Nach dem Militärputsch waren die geheimdienstlichen Stellen der Republik entweder auf die Seite Francos übergelaufen, oder aber aufgelöst worden. Ihre Aufgabe übernahmen in der Anfangszeit die Partei - oder Gewerkschaftskomitees, die allgemein die Überwachungsfunktionen ausführten. Durch den Wiederaufbau einer regulären Armee und mit Beginn des Wiedererstarkens der republikanischen Regierung fiel jedoch diese Aufgabe wieder in die Hände des Staates.

Ein dem Verteidigungsminister unterstellter Sonderdienst, dessen Aufgaben sich auf Spionage und Spionageabwehr erstreckten, begann seine Arbeit schon im August 1936 und wurde ein Jahr später durch die drei Geheimdienste SIM, SIEE und SIEP ersetzt. Die beiden letztgenannten Organisationen waren für die Spionage im Ausland und für die im von Franco besetzten Gebiet zuständig, interessieren uns hier also nicht.

Der "SIM"

Der "Servicio de Investigación Militär" (SIM) war als reiner Nachrichtendienst geplant. Er entwickelte sich allerdings schnell zu einer allmächtigen politischen Geheimpolizei, die 6000 Personen beschäftigte und eigene Gefängnisse unterhielt. Der SIM war auf Verordnung vom 15. August 1937 mit Hilfe sowjetischer Berater gegründet worden, die gleichzeitig auch für die Besetzung wichtiger Posten mit Kommunisten sorgten. Bald der Kontrolle durch Justiz- und Kriegsminister vollständig entzogen, verallgemeinerte der SIM den Terror der Kommunisten. Der SIM schuf Konzentrationslager nach deutschem und russischem Vorbild, in denen die Gefangenen systematisch gefoltert wurden.

In den SIM war auch der katalanische Geheimdienst SSI ("Servicio Secreto Inteligente") eingegliedert worden, der, im Herbst 1936 gegründet, vom katalanischen Generalkommissariat für öffentliche Ordnung personell ausgestattet worden war. Aus diesem Generalkommissariat rekrutierten sich auch die Mitglieder der später wieder reorganisierten Polizei. Die politischen Sektionen der zwei Bereiche des SSI, Nachrichten und Ausführung, bildeten die katalanische Geheimpolizei, die durchsetzt war von sowjetischen Agenten. Schon am 14. September hatte in Moskau eine Konferenz stattgefunden, einberufen vom damaligen Polizeichef Gagoda, um über das politische Engagement des sowjetischen Geheimdienstes in Spanien zu beraten. Ein Agent der GPU-Auslandsabteilung wurde mit der Errichtung eines Geheimdienstapparates in Spanien betraut. Von den rund 3000 sowjetischen Funktionären und Militärberatern, die in Spanien tätig waren, kamen rund 90% - getarnt als Diplomaten, Journalisten oder Berater - als Agenten für militärische und politische Aufgaben nach Spanien. Sie sollten die Tarnung der sowjetischen Waffenlieferungen, den Aufbau des republikanischen Heeres, der Polizei und der Nachrichtendienste übernehmen und betreuen. Sie sollten aber auch nicht zuletzt unliebsame Vertreter anderer politischer Parteien ausschalten.

"Nach Krivitsky war der eigentliche Drahtzieher Stalins in Spanien der Pole Arthur Staszewski, seiner offiziellen Funktion nach bloß Handelsattache im sowjetischen Generalkonsulat in Barcelona. Daneben wirkten in Spanien Armeekommissar Jan Berzin und als dessen Mitarbeiter Krivitsky selbst; sie waren zuständig für militärische Belange. Mit der geheimpolizeilichen Arbeit war der bereits erwähnte Orlow betraut. Die NKWD (= GPU)-Aktivitäten wurden naturgemäß von der Moskauer Zentrale gelenkt, wofür Abram Slutsky zuständig war. Orlow residierte gewöhnlich in Barcelona, hatte jedoch als Gehilfen und NKWD-Statthalter für Katalonien den Ungar Eniö Gero (auch "Pedro" oder "Singer") zur Seite, der dem PSUC-Vorsitzenden Juan Comorera assistierte und mit Hilfe katalanischer Kommunisten eine eigene Geheimpolizei aufbaute. Mitwirkende im Apparat, deren Funktion und Rang im Einzelnen nicht immer erkennbar sind, waren der sowjetische Botschafter in Madrid/Valencia, Marcel Rosenberg der sowjetische Generalkonsul in Barcelona, Wladimir Antonow-Owsejenko, der Prawda-Korrespondent Michail Kolzow sowie ein ganzes Heer weiterer dienstbarer Geister aus der UDSSR." (aus: Patrik v.z. Mühlen, Spanien war ihre Hoffnung S. 146)

Sicherlich eine der interessantesten Sektionen der GPU in Spanien war die unter dem Befehl von Ernö Gero stehende "Servicio Alfred Herz", deren Zentrale in Barcelona stand, die jedoch für Europäer in ganz Republik-Spanien zuständig war. Der Servicio Alfred Herz war mit staatlichen spanischen Institutionen sowie mit spanischen Parteien eng verbunden, mußte also selber nicht in Erscheinung treten, was übrigens allen ausländischen kommunistischen Organisationen eigen war. Mit dem Apparat der Geheimpolizei zusammengearbeit hatte das Generalkommissariat für öffentliche Ordnung in Katalonien und das Auslandsbüro der PSUC. Der Beginn dieser Organisation datierte bereits auf Juli 1936 kurz nach Ausbruch des Bürgerkrieges. Ihr Aufgabenbereich war da noch die Verhinderung der Unterwanderung der Milizen durch faschistische oder andere unzuverlässige Personen. Ein organisierter Aufbau erfolgte erst im Herbst 1936 mit der Gründung der "Grupo de Informacion", dem Nachrichtenzweig der SSI. Die politische Abteilung der Nachrichtensektion des SSI, der katalanische Ableger der GPU, dehnte sich personell rasch aus und übernahm die Überwachung der nach Spanien gereisten Ausländer. Die Verzahnung dieser rein katalanischen Dienststelle mit ausländischen Organisationen wurde deutlich, als das Generalkommissariat für öffentliche Ordnung den Kommunisten und Mitarbeiter des Auslandsbüros der PSUC, Alfred Herz, zum Hilfsagenten der Generalitat ernannte. Durch seine Doppelfunktion verband er ideal die GPU mit den einheimischen Polizeiapparaten. Seine "Arbeit" verrichtete Herz im Hotel Colon, wo die Büros der Ausländsabteilung der PSUC lagen. Ein Polizist aus dem Staatsgefängnis vertraute Julian Gorkin an:

"Die Leute kennen die vom NKWD und SIM in den "Tschekas" ausgeübten Verbrechen. Aber im allgemeinen wissen sie nicht, was täglich in der Karl-Marx-Kaserne, in der Pedrera, im Hotel Colon und anderen von den Kommunisten besetzten Gebäuden geschieht. Ich habe den Beweis, daß in den mächtigen Heizkesseln des Hotels Colon viele Leichen verbrannt wurden. Die Leichen von zahlreichen Ermordeten wird man nie wieder finden."

Und weiter Julian Gorkin selber über Alfred Herz: "Einer der unheimlichsten NKWD-Agenten ist Alfred Herz, zugleich Spion, Provokateur, Meister im Verhören und Töten. Es gelang ihm, in die Ausländerpolizei hineinzukommen, Paßamt und Grenzverkehr zu überwachen. Das hatte zahllose Verhaftungen und Entführungen zur Folge. Neben der Tagesarbeit der Spionage widmete er sich in der Nacht Folterungen und Genickschüssen. Er hat einen so üblen Ruf, daß sogar seine Kumpane sich vor ihm in acht nehmen." (Julian Gorkin, Stalins langer Arm, Über die Vernichtung der freiheitlichen Linken im Spanischen Bürgerkrieg, 1986, S.235/236)

Fanden in den ersten Monaten des Bestehens systematische Verfolgungen noch nicht statt, so änderte sich dies mit Erstarken der innenpolitischen Stellung der Kommunisten in der republikanischen Zentralregierung. Schon Ende Dezember 1936 hatte der Gefängnisdelegierte der Madrider CNT, Melchior Rodríguez, in Madrid ein Privatgefängnis der Kommunisten aufgedeckt. Personen, die von offiziellen Gerichten freigesprochen worden waren, wurden hier von den Kommunisten inhaftiert. Verantwortlich für dieses Privatgefängnis war der kommunistische Delegierte der Madrider Verteidigungsjunta, Santiago Carillo, der später Parteichef der PCE werden sollte. Gleichzeitig war von der CNT auch eine NKWD-Folterstelle in Murcia aufgedeckt worden. Ab Januar 1937 ließ sich in Spanien eine stetig steigende Hetzkampagne auf ausländische Spanienkämpfer beobachten, wovon besonders die POUM betroffen war.

Höhepunkt des Terrors der Kommunisten gegen Anarchisten und POUM sowie sonstige mißliebige Personen war die nach den Maiereignissen in Barcelona 1937 einsetzende Verhaftungswelle, der auch viele ausländische Nichtkommunisten zum Opfer fielen. Mit den Massenverhaftungen sollten vor allen Dingen europäische Anarchisten aus Spanien ferngehalten werden, getötet wurden aber nur angebliche Trotzkisten.

Der propagandistische Vernichtungsfeldzug gegen Anarchisten und die POUM begann am 17. Dezember 1936 mit einem Artikel in der Prawda. Zitat: "Was Katalonien betrifft, so hat der Reinigungsprozeß gegen Trotzkisten und Anarchosyndikalisten bereits begonnen; er wird mit derselben Energie durchgeführt werden wie in der Sowjetunion."

Und Jose Diaz, der Generalsekretär der PCE, erklärte vor dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am 5. März 1937: "Die Volksfeinde sind die Trotzkisten, die Faschisten und die unkontrollierbaren Elemente... Der Trotzkismus ist keine politische Partei, sondern eine Bande gegenrevolutionärer Elemente. Der Faschismus, der Trotzkismus und die unkontrollierbaren Elemente sind die drei Volksfeinde, die aus dem politischen Leben nicht nur in Spanien, sondern auch in allen zivilisierten Ländern verbannt werden müssen."

Der Vernichtungsfeldzug erst gegen die POUM, dann gegen die Anarchisten wurde mit der den Kommunisten eigenen Präzision durchgeführt. Kritiker der Kommunisten in Spanien schätzen, daß allein von den Internationalen Brigaden ständig 30% mit "Säuberungsaktionen im Hinterland" beschäftigt waren.

Die Ursache der Maikämpfe in Barcelona zwischen Anarchisten und POUM auf der einen, Kommunisten und von ihnen kontrollierten Staatsorganen auf der anderen Seite war das Bekanntwerden der Absicht der Regierung, die Arbeiter von Barcelona zu entwaffnen und durch unpolitische, sprich kommunistische Polizeieinheiten zu ersetzen. Äußerer Anlaß war die versuchte Besetzung der von den Anarchisten kontrollierten Telefonzentrale durch die Polizei. Mit einiger Sicherheit kann man davon ausgehen, daß diese Provokation in Barcelona seit längerem von den Kommunisten geplant gewesen war. In seinem Buch: "Ich war in Stalins Dienst", behauptet General Krivitsky, Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes in Spanien, daß er von den bevorstehenden Maiereignissen unterrichtet gewesen war. Er erhielt damals Berichte, aus denen deutlich hervorging, "...daß die GPU Pläne schmiedete, um die "unkontrollierbaren" Elemente in Barcelona zu zerschlagen und, den Interessen Stalins entsprechend, die Kontrolle an sich zu reißen... Tatsache ist, daß in Katalonien die überwiegende Mehrheit der Arbeiter überzeugte Anti-Stalinisten waren... Die GPU entfachte die Flammen der Auseinandersetzung indem sie Syndikalisten, Anarchisten und Sozialisten provozierte und gegeneinander ausspielte."

Desweiteren berichtet Krivitsky, daß schon seit Monaten der den Kommunisten unbequem gewordene Ministerpräsident Largo Caballero gegen den rechten Sozialisten Negrin ausgetauscht werden sollte. Die Maiereignisse sollten auch eine Regierungskrise im Kabinett Caballero provozieren.

In den folgenden fünf Tagen verhinderte eine Totalmobilisierung der Arbeiterschaft Barcelonas den schnellen Erfolg der Kommunisten. Gleichzeitig wurde der Generalstreik ausgerufen. Als die Zentralregierung am 7. Mai mit 5000 Bereitschaftspolizisten in Barcelona einmarschierte und die CNT-Führung ihre Leute aufforderte, die Kämpfe zu beenden, war der Bürgerkrieg im Bürgerkrieg zugunsten der Kommunisten entschieden worden. Der Autonomiestatus Kataloniens wurde aufgehoben, die Bevölkerung entwaffnet. Ebenso schritt die Auflösung der Komitees und der noch teilweise existierenden Milizen voran, die FAI wurde zu einer illegalen Organisation erklärt.

Zahlreiche Mitglieder der POUM und der Anarchisten wurden von der GPU verhaftet und verschleppt. Die nicht liquidierten Poumisten, zumeist Mitglieder der Führungsgremien, wurden im Oktober 1938 vor Gericht gestellt. Der zentrale Anklagepunkt gegen sie lautete: "Die Generallinie der Propaganda dieser Partei war die gewaltsame Beseitigung der Republik und ihrer demokratischen Regierung und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats." Eine unter kommunistischen Einfluß stehende Regierung machte einer linkskommunistischen Partei den Prozeß mit dem Vorwurf, eine Revolution angestrebt zu haben!!!

Im Sommer 1937 startete die PCE eine Kampagne gegen die letzte Bastion der Anarchisten, den Verteidigungsrat von Aragon. Sie endete erfolgreich mit dessen Zerschlagung am 11. August 1937 und den Übergriffen kommunistischer Einheiten unter General Lister auf anarchistische Kollektiven.

Im Juli 1937 wurde der "Servicio Alfred Herz" aufgelöst. In zunehmenden Maße mit Attacken und unliebsamen Berichten in der Presse konfrontiert, durch amtlichen Untersuchungen in ihrer Arbeit gestört, verlegte die GPU ihre Arbeit nach der Reorganisation der militärischen Geheimpolizei und der Zusammenfassung aller Geheimdienste auf den SIM. Da auf politischem Gebiet fast alle unliebsamen Personen bis Mitte 1937 ausgeschaltet worden waren, verblieben nur noch diejenigen in den militärischen Organisationen und die in den Internationalen Brigaden kämpfenden "Abweichler". Dafür war die militärische Geheimpolizei SIM zuständig. Der Einfluß der sowjetischen und anderen kommunistischen Agenten wuchs in zunehmenden Maße innerhalb des SIM, welcher sich der Kontrolle durch die Regierung entzogen. Die Kommunisten beherrschten damit den gesamten Unterdrückungsapparat.

Ähnlich der Kontrolle der ausländischen Zivilisten durch die politische Geheimpolizei wurden auch die ausländischen Freiwilligen in den Internationalen Brigaden und bestimmte "Elemente" in der spanischen Armee von der militärischen Geheimpolizei streng überwacht. Ein Vertrauensmann in jeder Einheit gab die Äußerungen der Mitkämpfer an die entsprechenden Stellen weiter, die Personalbögen über jede Person anlegten. Auch über die schon während der Gründungsphase der Internationalen Brigaden eingerichteten Postzensur ließen sich beträchtliche Information über die politische Einstellung der betreffenden Personen sammeln. Der Russe A. Wronski führte in Albacete die Oberaufsicht und fungierte als Verbindungsmann zur GPU. Offiziell unterstand die Geheimpolizei innerhalb der Internationalen Brigaden dem politischen Kommissariat unter der Leitung von Luigi Longo. Die Abteilung für Säuberungen wurde teilweise von Palmiro Togliatti geleitet. Zur Bekämpfung des Trotzkismus, und alles was man dafür hielt, existierte eine eigene Sonderabteilung unter Vittorio Vidale. Als "Trost" im Nachhinein kann man ansehen, daß ein Großteil der GPU-Funktionäre, nach Moskau zurückgerufen, Opfer ihrer eigenen Auftraggeber wurden, wie zum Beispiel Michail Kolzow oder Generalkonsul Antonow-Owsejenko.

Auf politischer Ebene waren am 23. Juni 1937 neu eingerichtete Sondergerichte geschaffen worden, die von der Regierung mit ihr genehmen Richtern besetzt wurden. Die Sondergerichte sollten die Strafbestände Spionage und Hochverrat verfolgen. Dabei konnte jede Äußerung, die dem Fortgang der Kriegsoperationen oder dem Ansehen der Republik schadete, mit dem Tode bestraft werden. Der Willkür der Polizei und der Anklagebehörde war damit größter Spielraum gelassen. Mit drakonischen Maßnahmen verteidigte die Regierung die Unantastbarkeit der Sowjetunion. Ein Runderlaß im August 1937 verbot jegliche Kritik an ihr. Gewerkschaftsversammlungen mußten wie vor dem Bürgerkrieg drei Tage vorher bei den zuständigen Stellen der Regierung angemeldet werden. Wie vor der Revolution befaßte sich die Zensur mit politischen Meinungsäußerungen. Einem Delegierten der französischen Regierung bestätigte Ministerpräsident Juan Negrin, daß die Unterdrückung jeglicher anti-stalinistischer Opposition der Preis für die sowjetischen Waffenlieferungen sei. Tödliche Repressionen gegen Anti-Stalinisten gab es auch in den Lazaretten und Krankenhäusern, indem ihnen die Medikamente verweigert wurden. Dies prangerte ein Protestschreiben der Nationalföderation der CNT im Juli 1938 an.

Der starke Staat unter dem Rechtssozialisten Juan Negrin, in Abhängigkeit von der Sowjetunion, ließ Opposition egal welcher Art nicht mehr zu. Großgrundbesitzer und Unternehmer tauchten wieder aus der Versenkung auf und verlangten die Rückgabe ihres enteigneten Besitzes. Sie konnten auf die Unterstützung der Regierung rechnen.

Um das spanische republikanische Gebiet von anti-stalinistischen Elementen zu säubern, hatten den Kommunisten zwei Methoden zur Auswahl gestanden: Zum Ersten die Infiltrierung staatlicher Organe wie Polizei, Justiz und Heer, zum Zweiten der Aufbau eigener Geheimpolizeidienste mit privaten Gefängnissen und Lagern. Doch es war die Vermischung von beidem, von staatlichen und parteieigenen Institutionen und Organisationen, die den Terror der Kommunisten in Spanien in diesem Ausmaß erst ermöglichten. Die Kommunisten hatten es mit Hilfe der sowjetischen Waffenlieferungen geschafft, selbst den anarchistischen Organisationen die Abkehr von ihren Prinzipien und den Beitritt in die Regierungen aufzuzwingen, Regierungen, die sie eben mit diesen Waffenlieferungen nach Belieben beherrschten. Sie hatten es geschafft, unter Hinweis auf eine einheitliche Kriegsführung die Verteidigung zu zentralisieren und die neuen wichtigen Posten mit ihren Leuten zu besetzen. Sie hatten es geschafft, mittels Propaganda einer "bürgerlich-demokratischen Revolution" ihre Mitgliederbasis in Spanien zu erweitern und zu einer der stärksten Parteien in Spanien zu werden. Sie hatten es geschafft, durch politische Intrigen die Schlüsselstellungen im Staat zu erobern und mit dessen Wiedererstarken die Soziale Revolution zu liquidieren. Sie hatten es geschafft, den Bürgerkrieg auf den Krieg gegen Franco zu reduzieren und die Begeisterung der Bevölkerung, die zu Beginn des Bürgerkrieges geherrscht hatte, zu erdrücken. Die antifaschistische Einheit unter Führung der Kommunisten führte nicht zum Sieg über Franco, sondern zur Vernichtung all dessen, was so hoffnungsvoll als spanische Soziale Revolution gestartet war.

"Alle diese Verbrechen waren von dicken erstickenden Wolken umgeben, die die kommunistische Presse verbreitete. Die POUM, die Verschwundenen, Ermordeten, Erschossenen, die eingekerkerten Revolutionäre wurden im Stil der Moskauer Prozesse unaufhörlich als "Trotzkisten, Spione, Agenten Francos, Hitlers und Mussolinis", als "Feinde des Volkes" denunziert. Dieser als ununterbrochenes Hetzgeschrei wohlorganisierte Wahnsinn in den Zeitungen, dem Rundfunk, den Versammlungen, den Büchern sogar, stand seiner psychologischen Natur nach genau auf dem selben Niveau wie die Nazi-Agitation gegen die "jüdisch-freimaurerische Plutokratie, den Marxismus, den Bolschewismus" und - manchmal - gegen die "Jesuiten". Wir wohnten der Entstehung von Kollektivpsychosen bei, wie sie das Mittelalter gekannt hat, und der Bildung einer Technik der Erstickung des kritischen Sinnes, den der moderne Intellekt so mühsam erworben hat." (aus: Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs, 1901 -1941, Frankfurt 1967)


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Julian Gorkin - "Stalins langer Arm"

Der Prozeß

Was zuerst auffällt, als wir am Gericht ankommen, ist eine lange Schlange, die sich vor dem Eingang drängt. Wir unterscheiden sofort die Freunde von den Feinden, manche sehen uns ohne besonderen Ausdruck an. Später erfahren wir, daß es Statisten sind, die für zehn Pesetas anstehen. Eine Sache ist sicher: Die Mehrzahl des Publikums ist kommunistisch.

Zuerst wird Jose Escuder, Redaktionssekretär der Batalla aufgerufen. Eine halbe Stunde später bin ich an der Reihe. Alle Augen richten sich auf die Eingangstür. Der mittelgroße Saal ist überfüllt. Auf einer der vorderen Bänke sitzt Olga Nin mit erregtem Blick, neben ihr sitzt eine ihrer Töchter. Ganz hinten ist die alte Anarchistin Emma Goldmann, aus den Vereinigten Staaten gekommen, um an allen Verhandlungen teilzunehmen. Zahlreiche Journalisten. Außer acht oder zehn amerikanischen, britischen und französischen Korrespondenten sind alle Kommunisten. Ich erkenne es an ihrem Aussehen, ihrer Haltung, ihrem Blick.

Die übliche Vernehmung des Präsidenten, dann greift der Staatsanwalt an. Er und sein Beisitzer haben vor sich einen Zettelkasten und ein Bündel numerierter Akten, der Niederschlag einer monatelangen Arbeit, methodisch von Leuten vollbracht, die aus dem Hintergrund manipulieren. Zunächst bezieht sich das Verhör auf die ersten Revolutionstage, auf Beschlagnahmung, die wir wie alle anderen Organisationen vorgenommen haben: Kaserne, Druckerei, Geld. Zum letzten Punkt möchte ich Einzelheiten darstellen: "Unsere Genossen von Gerona haben im Bischofspalast einige Millionen Pesetas, hauptsächlich Aktien, beschlagnahmt. Unsere Genossen in Vieh haben dasselbe getan. Alle Beträge wurden in den Dienst der revolutionären Sache und des Krieges gestellt. Wir Parteiführer haben uns einen Höchstlohn von fünfhundert Pesetas bewilligt, die Belegschaft unserer Druckerei bekam im allgemeinen siebenhundert."

"Diese Millionen dienten zur Organisierung der Spionage."

"Sie lügen, Herr Staatsanwalt!"

Mein Ausruf traf ihn wie eine Ohrfeige, er erbleichte und wendete sich, wie Hilfe suchend, an den Präsidenten. Dieser rügte mich milde.

"Ich bin nicht geneigt, solche Anklagen zu dulden, Herr Präsident."

"In einem Brief aus Brüssel hat Victor Serge Ihnen die Abfassung von Flugblättern für sowjetische Matrosen vorgeschlagen, die uns Lebensmittel und Waffen brachten. Ist das richtig?"

"Diesen Brief hat er an Andres Nin gerichtet, der vom NKWD ermordet wurde."

"Haben sie diese Art Literatur gedruckt?"

"Nein, aber ich bedaure es. Denn jene Matrosen hätten so erfahren, daß Stalin die spanische Revolution erdrosseln will, zur gleichen Zeit wie er sie in Rußland liquidiert."
 
"Sie haben versucht, Trotzki nach Barcelona kommen zu lassen, nicht wahr? In der Batalla gibt es dafür Belege."

"Warum würde ich denn diese Tatsache leugnen? Nach meiner Kenntnis - ich stelle dem Staatsanwalt diesbezüglich eine Frage - kann solch ein Verhalten keinen Strafbestand bilden, es sei denn in den Augen Stalins." Ich lege dar, daß die POUM keine trotzkistische Partei ist, aber daß unsere Einladung an Trotzki im Namen des Internationalismus und im Rahmen des Kampfes gegen Stalin etwas sehr Normales war.

Plötzlich verändert der Staatsanwalt seinen Ton; mit dem Finger auf mich weisend, beschuldigt er mich einer Unterredung mit Madrider Falangisten im November 1936. Ich breche in Gelächter aus:

"Sie wissen ganz genau, Herr Staatsanwalt, daß ich mit den Falangisten keine Unterredung hatte. Ich bin nach Madrid im November neunzehnhundertsechsunddreißig zusammen mit meinem Genossen Andrade gefahren. Als jene, die uns heute verleumden, im Gefolge der Regierung aus Madrid flohen, stellten wir uns der Verteidigungsjunta zur Verfügung. Die Stalinisten haben das durchkreuzt. Schon damals bereiteten sie unsere physische Ausrottung vor. Warum greifen sie auf derartige Verleumdungen zurück?"

Neuer Angriff. Warum schrieb La Batalla, daß manche amtliche Stelle die Waffenversorgung der Aragonien-Front sabotierten? Man muß präzisieren, daß an diesem Frontabschnitt hauptsächlich CNT- und POUM-Truppen standen.

"Hätte man nicht sabotiert, wären unsere Verbände nach Huesca und Saragossa gekommen, sie wären bis Jaca vorgedrungen. Man hätte die Verluste an dieser Front sowie die Trennung zwischen Katalonien und dem Mittelabschnitt vermieden. Niemand ignoriert die Absicht Stalins und seiner Agenten, die ihnen in Katalonien widerstehende Opposition zu brechen. Daher bedienten sie sich der Waffenerpressung."

"Unaufhörlich haben Sie die verschiedenen republikanischen Regierungen kritisiert. Haben sie nicht so General Franco begünstigt?"

"Ganz im Gegenteil. Wir wollten die revolutionäre Flamme, folglich die Kampfmoral der Massen erhalten. Durch das Vergessen der revolutionären Ziele haben Sie uns zur Niederlage verurteilt. Daher unsere Kritiken. Ohne Recht auf Kritik dient man nicht der Sache des Volkes."

Der Staatsanwalt wirft uns Waffenkäufe für den eigenen Gebrauch vor.

"Das bedauern wir nicht, Herr Staatsanwalt. Es ist nur schade, daß wir nicht mehr kaufen konnten. Wo wären wir denn jetzt ohne die von den Arbeitern erbeuteten und gekauften Waffen?"

Die Sitzung ist beendet. Mein Verhör hat drei Stunden gedauert und soll morgen fortgesetzt werden. Am nächsten Tag scheint der Staatsanwalt besser vorbereitet, sofort beschuldigt er die POUM, unter den Mitarbeitern des internationalen Sekretariats Gestapo-Agenten versteckt zu haben. Mühelos gelingt es mir, das auseinanderzunehmen; daneben klage ich den NKWD der Ermordung eines unserer besten Mitarbeiter, Kurt Landau, an. Je mehr das Verhör sich ausdehnt, um so mehr bricht die Anklage Stück um Stück zusammen. Zuletzt hat man nur noch die Maitage gegen uns vorzubringen; der Präsident fordert mich auf, unsere Haltung darzulegen.

"Jeder weiß, daß nicht wir die Urheber der blutigen Maiereignisse in Barcelona sind. Es ist vollkommmen erwiesen, daß die Provokation vom Stalinismus ausging. Die empörten Arbeitermassen gingen auf die Straßen, bauten Barrikaden und bewaffneten sich, so gut es ging. Als revolutionäre Arbeiterpartei war es unsere Pflicht, an der Seite der Arbeiter zu sein. Das heißt, daß die POUM sich uneingeschränkt zur Maibewegung bekennt. Wenn man will, kann man uns wegen dieser Haltung verurteilen, aber man sollte die Ehre nicht mit schändlichen Lügen angreifen."

Nach meiner Vernehmung, die fünf Stunden gedauert hat, muß Juan Andrade auf die Fragen des Staatsanwalts antworten. Diese beziehen sich im wesentlichen auf die von ihm gezeichneten Batalla-Artikel. Er erläutert sie klar, gibt bei dieser Gelegenheit eine politische Analyse der Geschehnisse sowie unseres Standpunktes. Gironella bringt den Staatsanwalt durch ironische Antworten aus der Fassung. Auf eine seiner Fragen antwortet er: "Nein, Herr Wyschinski."

Dann ist Pedro Bonet an der Reihe. Seit seiner Kindheit in der Arbeiterbewegung stets ein treuer Mitarbeiter Maurins. Er ist der Typ eines ehrlichen, beständigen und bescheidenen Arbeiters, der sich auf Gewerkschaftsfragen spezialisiert hat. Da er der Parteikassierer war, stellt ihm der Staatsanwalt Fallen im Hinblick auf Geldprobleme. Unerschütterlich, gelassen zerstört Bonet nacheinander alle Spitzfindigkeiten, Verdächtigungen.

Unsere Finanzlage ist völlig durchsichtig. Nicht einer unserer Funktionäre hat das geringste materielle Interesse; die Karrieristen haben uns schnell verlassen, um die Führungskader des Stalinismus zu verstärken. Kann der Staatsanwalt auch nur einen Beweis gegen irgendeinen POUM-Funktionär vorlegen? Natürlich legt er nichts vor.

Nach der Vernehmung Jordi Arquers ist die Verhandlung beendet. Der Staatsanwalt bemüht sich erfolglos, aus Arquer einen Organisator von Falange-Gruppen zu machen. Am nächsten Tag sagt als letzter David Rey aus. Er hat mehr als dreißig Jahre revolutionären Kampfes hinter sich, davon elf Jahre im Gefängnis. Die Fragen des Staatsanwalts beantwortet er mit würdevoller Schlichtheit. Kurz nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs besuchte er an der Spitze einer halbpolitischen, halbsportlichen Delegation Mexiko und die Vereinigten Staaten. Hat er Trotzki einen Besuch abgestattet?

"Ja, Herr Staatsanwalt, wir haben Trotzki einen Besuch abgestattet. Da er am Verlauf unseres Krieges sehr interessiert war, wollte er mit uns sprechen. Ich bin nie Trotzkist gewesen, aber dieser Besuch bei dem alten Revolutionär war für mich ein wirkliches Vergnügen. Bildet das eine Straftat?"

Der Staatsanwalt besteht nicht weiter darauf. Die Vernehmungen sind abgeschlossen, jetzt werden die Belastungszeugen aufgerufen. Der ehemalige Generalkommissar der Ostfront Virgilio Llanos wagt zu erscheinen; ein in die Politik verschlagener erfolgloser Schauspieler, der sich vom fanatischen Anhänger Caballeros zum Stalinisten mauserte. Als der Präsident ihn fragt, ob er einen der Angeklagten persönlich kenne, antwortet er: "Mit Gorkin war ich sehr befreundet."

Das ist richtig. Wir lernten uns in Madrid nach der Proklamation der Republik kennen. Einen Monat vor der Oktoberbewegung 1934 kam er sehr geheimnisvoll zu mir nach Barcelona. Er versicherte mir, daß er als verfolgter Revolutionär die Grenze illegal überschreiten müsse, um nach Frankreich zu fliehen. So half ich und empfahl ihn Pariser Freunden. Später erfuhr ich, was es mit der revolutionären Tat auf sich hatte: Mit Hilfe einer gefälschten Unterschrift hatte er bei der reichen Gräfin Villapadierna Geld entwendet. Dann lebte er in der Sowjetunion und kam nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs genauso stalinisiert zurück wie Margarita Nelken. Jetzt beruft sich dieser Mann auf unsere alte Freundschaft, wobei er zugleich eine neue Lüge gegen uns auftischt: Wir hätten an der Huesca-Front mit den Faschisten gemeinsame Sache gemacht.

Die Aussage Mantecons, der gemeinsam mit Lister die Auflösung des Rates von Aragonien vornahm und als neuernannter Gouverneur die von den Kommunisten inspirierte Regierungspolitik anwandte, bringt nichts Neues. Er kommt im Auftrag, ohne auf die ihm übertragene Rolle sehr stolz zu sein. Danach tritt Oberst Cordon auf, Staatssekretär im Rüstungsministerium. Auf die Fragen des Staatsanwalts antwortet er mit folgenden Behauptungen:

  1. Militärische POUM-Elemente haben im Lauf der Maiereignisse offizielle Vertreter der Volksfront in Aragonien ermorden lassen;
  2. es bestand ein Geheimabkommen zwischen der POUM-Division und den Franco - Truppen in Huesca;
  3. POUM-Militärs verbreiteten eine in Huesca gedruckte Franco-Zeitung.

Auf Fragen unseres Verteidigers gesteht Cordon, daß er sich im Mai in Madrid befand und von den Morden, die er uns anlastet, nur gehört habe. Es stellt sich heraus, daß die verbreitete "Franco-Zeitung" nichts anderes als La Batalla war!

Dann kommen die Entlastungszeugen. Zunächst Manuel de Irujo, der als ehemaliger Justizminister - er trat Mitte August zurück - am besten darüber Bescheid weiß, wie unser Prozeß aufgezogen ist. Er gibt eine einleitende Erklärung ab: "Die Polizei kann Menschen verhaften, sie kann sie mit Handfesseln abführen, wenn sie es für notwendig erachtet. Was sie jedoch nicht kann, ist, einen Andres Nin in ein Privathaus führen, um ihn dann verschwinden zu lassen. Sie darf auch nicht Menschen am Tor eines Strafgefängnisses freilassen, um sie mehrere Wochen illegal von neuem gefangenzuhalten."

Die Ankunft von Francisco Largo Caballero findet inmitten einer andächtigen Stille statt. Drei Richter - Sozialisten - sehen ihn respektvoll an. Er ist gealtert, fast kahl; aber sein Gesicht und seine Gesten sind energisch, seine Stimme bebt. Für ihn sind und bleiben wir Freunde, Antifaschisten wie je. Was die Artikel angeht, die wir gegen seine Regierung publizierten, so sei dies ganz normal und könne nicht als Verbrechen angesehen werden.

Unser Anwalt fragt Caballero:

"Hat man von Ihnen, als sie Regierungschef waren, verlangt, diese Leute zu verhaften und ihre Partei aufzulösen?"

"Ja, das hat man von mir verlangt. Mehrmals und auf verschiedenen Wegen. Ich habe das kategorisch abgelehnt. Ich habe nicht fünfzig Jahre lang gekämpft, damit es möglich sei, Menschen durch Regierungsbeschluß und ohne Beweise zu verhaften."

"Also wurde unter Ihrer Regierung kein gerichtliches Verfahren gegen sie eingeleitet?"

"Nein, und ich bin erstaunt, daß es möglich gewesen ist, dieses Verfahren hier einzuleiten."

"Haben Sie Virgilio Llanos den Befehl gegeben, militärische Elemente der POUM zu überwachen?"

"Ganz und gar nicht! Warum hätte ich denn solch einen Befehl geben sollen?"

Er richtet einen freundschaftlichen Gruß an uns und zieht sich lächelnd zurück. Julian Zugazagoita, der das Innenministerium aus Solidarität mit Prieto verließ, erklärt im wesentlichen: "Die Regierung ist keineswege für die Verhaftung dieser Männer verantwortlich. Alles geschah außerhalb der Regierung und gegen ihren Willen."

Der ehemalige Botschafter in Paris Luis Araquistain bemerkt: "Die Verhaftung dieser Männer hat auf das Ausland den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht. Sie hat Verwirrung und Malaise hervorgerufen. Ich kann behaupten, daß die Folgen dieser Affäre für die antifaschistische Sache nicht günstig gewesen sind, ganz im Gegenteil."

Federica Montseny, die mit drei anderen Ministern die CNT im Kabinett Caballero vertrat, erklärt, daß die Angeklagten für die blutigen Maiereignisse in Barcelona nicht verantwortlich seien. Die wirklichen Provokateure müsse man woanders suchen.

Nach der Anklagerede des Staatsanwalts, der für alle Angeklagten dreißig Jahre Gefängnis fordert, und dem Plädoyer unseres Verteidigers wird die Verhandlung unterbrochen. Der auf die Richter ausgeübte Druck war so stark, daß sie zehn Tage für ihren Urteilsspruch brauchten. Dieser ist sehr genau und konstatiert klar folgendes:

  1. daß unsere Partei vollkommen legal geleitet wurde und funktioniert hat;
  2. daß wir genauso wie andere Organisationen Beweise für unsere Leistungen im antifaschistischen Kampf in politischer und militärischer Beziehung erbracht haben;
  3. daß wir nicht die Urheber des Zusammenstoßes vom 3. Mai in Barcelona sind, der sich auf die ganze Stadt ausdehnte;
  4. daß es erwiesen ist, daß wir keine direkte oder indirekte Verbindung mit der Falange haben noch mit einer polizeilichen oder militärischen Stelle eines fremden Staates, da wir über "ein starkes und altes antifaschistisches Ansehen" verfügen;
  5. "daß die Notverordnung, die ausschließlich Spionagehandlungen definiert und verurteilt, in diesem Prozeß nicht angewendet werden kann, weil es erwiesen ist, daß diese Notverordnung hier keine Geltung hat".

Nach solchen Schlußfolgerungen wäre ein Freispruch normal. Aber die Richter müssen einen Kompromiß eingehen. Sie beschuldigen uns, die Regierung kritisiert zu haben. Wir hätten unsere Partei überall durchsetzen wollen und hätten "fälschlich in der Zeitung La Batalla behauptet, die Regierung der Republik empfange von Moskau Befehle und verfolge alle, die sich diesen Befehlen nicht beugten". Daher werden die Angeklagten zu fünfzehnjähriger Gefängnisstrafe verurteilt mit Ausnahme von Arquer (elf Jahre) und David Rey (Freispruch).

Einige Tage danach verweigerten wir unserem Verteidiger die Unterschrift unter ein Gnadengesuch. Eine Vereinbarung war getroffen worden. Gegen unseren Freispruch sollten wir bereit sein, die POUM aufzulösen und ins Exil zu gehen. Aber wir wollten keine Gnade seitens der unter Moskauer Diktat stehenden Regierung. Wir wollten eine Revision des Prozesses, denn uns ging es nicht allein darum, unsere Ehre zu retten, sondern auch die des spanischen Volkes.

Aus: H. Auweder / M. Schumann: A las barricadas. Triumph und Scheitern des Anarchismus im spanischen Bürgerkrieg. Trotzdem-Verlag, 1999. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Trotzdem-Verlags.


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