Murray Bookchin - Anarchismus und Macht in der Spanischen Revolution

In der heutigen Zeit, in der Anarchismus in radikalen Kreisen zum "mot du jour" geworden ist, ist eine eindeutige Unterscheidung zwischen einer auf Anarchie basierenden Gesellschaft und einer, die auf den Prinzipien der sozialen Ökologie beruht, von Nöten. Der wahre Anarchismus strebt vor allem die Emanzipation des Individuums von allen ethischen, politischen und gesellschaftlichen Zwängen an. Dabei versäumt er, die sehr wichtige und konkrete Frage der Macht zu thematisieren, mit der alle Revolutionäre in Zeiten sozialen Wandels konfrontiert werden. Anstatt sich damit zu beschäftigen, wie Menschen, die in föderativen Volksversammlungen organisiert sind, Macht übernehmen und somit eine vollständig entwickelte, libertäre Gesellschaft erschaffen können, sehen Anarchisten Macht als das Böse schlechthin an, das es zu zerstören gilt. Proudhon hat beispielsweise einmal gesagt, dass er Macht so lange immer weiter aufteilen würde, bis sie nicht mehr existiere. Proudhons Intention dieser Aussage mag gewesen sein, jede Regierung soweit abzubauen, bis keine Instanz, die in der Lage wäre, Gewalt über den Einzelnen auszuüben, mehr existiere. Seine Aussage festigt jedoch die Illusion, dass Macht tatsächlich abgeschafft werden könne – eine Ansicht, die ebenso absurd ist wie die Idee, die Schwerkraft abzuschaffen.

Die tragischen Konsequenzen dieser Illusion, die den Anarchismus seit seiner Anfänge belastet, lassen sich am besten verstehen, indem man ein entscheidendes Ereignis der Spanischen Revolution aus dem Jahre 1936 näher untersucht. Am 21. Juli besiegten die katalanischen Arbeiter, insbesondere die der Hauptstadt Barcelona, General Francisco Francos Truppen und erhielten somit die vollständige Kontrolle über eine der größten und industrialisiertesten Provinzen Spaniens, viele wichtige Städte entlang der Mittelmeerküste sowie wichtige Agrarflächen eingeschlossen. Das katalanische Proletariat begann, teilweise aus einer überlieferten libertären Tradition heraus, teilweise durch den Einfluss der größten revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaft Spaniens, der CNT-FAI, ein großes Netzwerk von Verteidigungs-, Nachbarschafts-, Versorgungs- und Transportwesenskomitees zu bilden und Versammlungen diesbezüglich einzuberufen, während im ländlichen Raum die wesentlich radikaleren Bauern (die einen großen Teil des Landvolks ausmachten) die Macht übernahmen und das Land kollektivierten. Katalonien sowie seine Bevölkerung wurden durch eine revolutionäre Miliz, die trotz ihrer meist veralteten Waffen dennoch so ausreichend bewaffnet war, dass sie eine gut trainierte und ausgerüstete Rebellenarmee und Polizei besiegt hatten, gegen mögliche Gegenangriffe geschützt. Die katalanischen Arbeiter und Bauern hatten in der Tat die bourgeoise Staatsmaschinerie zerstört und eine von Grund auf neue Regierung beziehungsweise politische Ordnung erschaffen, in welcher sie selbst die direkte Kontrolle über öffentliche sowie wirtschaftliche Angelegenheiten durch Institutionen, die sie selbst geschaffen hatten, ausüben konnten. Kurz gesagt: Sie hatten die Macht übernommen – und das nicht durch bloßes Ändern der Bezeichnungen existierender und unterdrückender Einrichtungen, sondern durch die buchstäbliche Zerstörung dieser alten Institutionen und die Erschaffung neuer, radikaler Einrichtungen, welche durch ihre Form und ihrem Wesen nach dem Volk das Recht gaben, über politische und wirtschaftliche Belange ihrer Region selbst zu entscheiden. (1)

Fast selbstverständlich gaben die militanten Mitglieder des CNT ihre Autorität zur Errichtung einer revolutionären Regierung an ihre Gewerkschaft ab und übergaben ihnen somit die politische Führung. Trotz ihres Rufs, keine Disziplin zu besitzen, war die Mehrheit der CNT-Mitglieder, auch cenetistas genannt, eher dem libertären Syndikalismus als dem Anarchismus zugeneigt und befürwortete eine gut strukturierte, demokratische, disziplinierte und koordinierte Organisation. Im Juli 1936 handelten sie nicht nur ihrer Ideologie entsprechend, sondern zeigten oft auch Eigeninitiative, wenn es um die Errichtung eigener libertärer Formen wie beispielsweise Nachbarschaftsräte und –versammlungen sowie Betriebsversammlungen ging. Mit einer großen Bandbreite an äußerst ungebundenen Komitees durchbrachen sie die vorbestimmten Formen, die der revolutionären Bewegung durch dogmatische Ideologen auferlegt worden waren.

Am 23. Juli, zwei Tage nach dem Sieg der Arbeiter über den örtlichen frankistischen Aufstand, trat in Barcelona ein regionales katalanisches Plenum der CNT zusammen, um über die politische Ordnung, deren Ausarbeitung die Arbeiter in die Hände der Gewerkschaft gelegt hatten, zu beraten. Einige Abgeordnete der militanten Region Bajo de Llobregat (ein Randbezirk Barcelonas) forderten mit Nachdruck die Ausrufung des libertären Kommunismus durch das Plenum und somit das Ende der alten politischen und sozialen Ordnung. Die Arbeiter, die angeblich durch die CNT vertreten wurden, boten folglich dem Plenum an, ihnen die Macht zu übergeben, die sie erobert hatten und welche durch die kämpfenden Mitglieder der Gesellschaft bereits verändert worden war.

Durch die Annahme der Macht, die ihr angeboten wurde, wäre das Plenum verpflichtet gewesen, die gesamte gesellschaftliche Ordnung in einem sehr bedeutenden und strategisch wichtigen Gebiet Spaniens, welches nun de facto unter der Kontrolle der CNT stand, zu verändern. Auch wenn diese, ebenso wie die "Pariser Kommune", nicht von langer Dauer gewesen wäre, hätte ein solcher Schritt eine "Barcelona Kommune" hervorrufen können, die längerfristig in Erinnerung geblieben wäre. Aber zum Erstaunen vieler militanter Mitglieder der Gewerkschaft waren die Mitglieder des Plenums abgeneigt, diesen entscheidenden Schritt zu gehen. Die Vertreter der Region Bajo de Llobregat sowie das militante CNT-Mitglied Juan García Olivier versuchten, das Plenum davon zu überzeugen, die Macht, die sie bereits besaßen, zu behalten. Federica Montseny und Diego Abad de Santillán (zwei Anführer der CNT) überredeten jedoch das Plenum mit ihrer Redekunst und ihren Argumenten, diesen Schritt nicht zu unternehmen, indem sie ihn als "bolschewistische Machtübernahme" denunzierten.

Der erheblichen Bedeutung dieses Fehlers sollte volle Beachtung geschenkt werden, da diese den inneren Widerspruch der anarchistischen Ideologie aufzeigt. Durch die fehlende Unterscheidung zwischen politischer Ordnung und Staat sahen die Anführer der CNT (die zum Großteil von den Anarchisten Abad de Santillán und Montseny geleitet wurde) eine Arbeiterregierung fälschlicherweise als kapitalistischen Staat an und verzichteten somit zu einer Zeit auf die politische Macht in Katalonien, zu der sie bereits über sie verfügten. Durch die Ablehnung der Ausübung der Macht, die sie bereits erlangt hatten, schaffte das Plenum nicht die Macht als solche ab – es gab sie vielmehr aus den eigenen Händen in die ihrer heimtückischen "Verbündeten". Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass die alten herrschenden Klassen diese fatale Entscheidung bejubelten und im Herbst 1936 langsam damit begannen, eine Arbeiterregierung in einen "bourgeoisen demokratischen" Staat umzugestalten. Dadurch wurden die Türen für ein immer autoritärer werdendes, stalinistisches System geöffnet.

Es sollte noch darauf hingewiesen werden, dass das historische Plenum der CNT nicht einfach nur die Macht, welche die eigenen Gewerkschaftsmitglieder unter erheblichen menschlichen Verlusten errungen hatten, zurückwies. Durch die Ablehnung der Mitbestimmung an wesentlichen Bestandteilen des sozialen und politischen Lebens versuchte es, die Realität durch einen Tagtraum zu ersetzen – nicht nur durch die Ablehnung der Macht, welche die Arbeiter bereits in die Hände der CNT gelegt hatten, sondern auch durch die Leugnung der Legitimität von Macht und die Verdammung der Macht als solche, sogar in einer libertären, demokratischen Form, zu einem unverminderten Bösen, das vernichtet werden muss. Weder das Plenum noch die CNT-Führung wussten im Einzelnen oder Allgemeinen, was es "nach der Revolution", um den Titel einer utopischen Abhandlung von Abad de Santillán als Widerspruch zu seinem eigenen Verhalten im Plenum zu verwenden, zu tun galt. Die CNT hatte viele Jahre lang Revolutionen und Aufstände propagiert. In den frühen 1930er Jahren hatte sie immer wieder zu den Waffen gegriffen, ohne jedoch jemals in der Lage gewesen zu sein, die spanische Gesellschaft tatsächlich zu verändern. Aber als sie dann letztendlich die Möglichkeit hatte, einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben, war sie so verblüfft über den Erfolg ihrer proletarischen Mitglieder, ihre rhetorischen Ziele auch wirklich erreicht zu haben, dass Verwirrung und Ratlosigkeit überhandnahmen. Diese Reaktion war jedoch kein Nervenversagen, es war ein Versagen des theoretischen Verständnisses der CNT-FAI bezüglich der Maßnahmen, die nötig gewesen wären, um die Macht, die sie bereits innehatten, zu behalten – ja, die sie sogar fürchteten zu behalten (und welche sie gemäß dem logischen Konzept des Anarchismus niemals hätten erhalten dürfen), da das Ziel die Abschaffung der Macht war und nicht ihre Aneignung durch das Proletariat und das Landvolk.

Wenn wir etwas aus diesem entscheidenden Fehler der CNT-Führung lernen können, dann ist es die Tatsache, dass Macht nicht abgeschafft werden kann – sie wird immer ein Bestandteil des sozialen und politischen Lebens sein. Macht, die sich nicht in den Händen der Massen befindet, muss unweigerlich in die ihrer Unterdrücker fallen. Es gibt keinen geheimen Ort, an den man sie verbannen kann, keinen Zauber, der sie verschwinden lässt, keinen übermenschlichen Bereich, in dem sie verwahrt werden könnte – und keine simplifizierende Ideologie, die sie mit Hilfe von moralischen und mystischen Beschwörungsformeln in Luft auflösen kann. Selbsternannte Radikale können versuchen diese Tatsache zu ignorieren, so wie es die Anführer der CNT im Juli 1936 taten, jedoch wird sie bei jeder Versammlung und jeder öffentlichen Aktivität im Verborgenen vorhanden sein und bei jeder Massenversammlung wieder und wieder auftreten.

Auch wenn ich Gefahr laufe mich zu wiederholen, möchte ich dennoch erneut betonen, dass das wahrhaftig entscheidende Problem, mit dem der Anarchismus konfrontiert wird, nicht die Frage ist, ob Macht weiterhin existiert, sondern, ob sie sich in den Händen einer Elite oder in denen des Volkes befindet und ob sie fortschrittlichen libertären Idealen entspricht oder den reaktionären Kräften dient. Anstatt die Macht, die der CNT durch ihre eigenen Mitglieder angeboten wurde, zurückzuweisen, hätte das Plenum diese akzeptieren und somit die von ihren Mitgliedern bereits geschaffenen, neuen Institutionen legitimieren und befürworten sollen, um somit die wirtschaftliche und politische Macht des spanischen Proletariats und Landvolks aufrecht erhalten zu können.Stattdessen wurden die Spannungen zwischen metaphorischen Forderungen und schmerzhafter Realität letztendlich so unerträglich, dass im Mai 1937 resolute Arbeiter der CNT in Barcelona in einen offenen Kampf mit dem bourgeoisen Staat verwickelt wurden – einen kurzen, aber blutigen Krieg innerhalb des Bürgerkriegs. (2) Dieser endete schließlich mit der Niederschlagung des letzten großen Aufstands der syndikalistischen Bewegung durch den bourgeoisen Staat und forderte Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Opfer unter den Kämpfern der CNT. Wie viele Menschen dabei getötet wurden, werden wir wohl niemals erfahren – wir wissen allerdings, dass die in sich widersprüchliche Ideologie, die Anarchosyndikalismus genannt wird, anschließend große Teile ihrer Errungenschaften, welche sie im Sommer 1936 erreicht hatten, verlor.

Sozialrevolutionäre, die das Macht-Problem nicht einfach von sich weisen, müssen die Fragestellung, wie man der Macht eine konkrete institutionelle und emanzipatorische Form geben kann, aufgreifen. In Bezug auf diese Frage zu schweigen oder sich hinter längst veralteten Ideologien, die in Bezug auf die heutige kapitalistische Entwicklung bedeutungslos geworden sind, zu verstecken, bedeutet, Revolution nur als Spiel anzusehen und die unzähligen Kämpfer, die bereit waren, alles zu opfern, um diese zu erreichen, zu verhöhnen.

Copyright "The Murray Bookchin Trust"

Übersetzung von Petra Hammacher und Clifford Jones

Anmerkungen:
1.) Diese revolutionären Syndikalisten konzipierten die Mittel, mit denen sie diese Transformation als eine Form der direkten Aktion verwirklichen konnten. Im Gegensatz zu den Ausschreitungen, dem Steine werfen und der Gewalt, die viele Anarchisten heutzutage als "direkte Aktion" ansehen, verstanden sie unter diesem Begriff gut organisierte und konstruktive Aktivitäten, welche direkt mit der Regelung der öffentlichen Angelegenheiten verbunden waren. Für sie bedeutete der Begriff der direkten Aktion die Bildung einer politischen Ordnung, die Errichtung öffentlicher Institutionen sowie die Ausarbeitung und Inkraftsetzung von Gesetzen, Verordnungen und Ähnlichem – Dinge, die wahre Anarchisten als eine Beschneidung des persönlichen "Willens" beziehungsweise der persönlichen "Autonomie" ansahen.
2.) Im Laufe des Jahres hatten die Anführer der CNT erkannt, dass ihre Zurückweisung der Machtübernahme im Auftrag des katalanischen Proletariats und Landvolks nicht zugleich einen Machtverlust für sie als Individuen bedeutete. Etliche Führungskräfte der CNT-FAI waren sogar bereit, sich an dem bourgeoisen Staat als Minister zu beteiligen und hatten im Mai 1937, als die Mitglieder ihrer Gewerkschaft im Kampf von Barcelona unterdrückt wurden, ein Amt inne.

Literatur zum Thema "Libertärer Kommunalismus" von Murray Bookchin:

  • Die Grenzen der Stadt, Berlin: Verlag Eduard Jakobsohn 1977 [Engl. u. d. T.: The Limits of the City, 1974]
  • Hierarchie und Herrschaft. Hrsg. von Bernd Leineweber und Karl-Ludwig Schiebel, Berlin: Verlag Karin Kramer 1981
  • Thesen zum Kommunalismus, in: Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit, H. 19 (1985), S. 15-22
  • Die Ökologie der Freiheit. Wir brauchen keine Hierarchien, Weinheim und Basel: Beltz Verlag 1985
  • Die Neugestaltung der Gesellschaft. Pfade in eine ökologische Zukunft, Grafenau: Trotzdem Verlag 1992 [Engl. u. d. T.: Remaking Society, 1990]
  • Die Agonie der Stadt. Städte ohne Bürger oder Aufstieg und Niedergang des freien Bürgers, Grafenau: Trotzdem Verlag 1996 [Engl. u. d. T.: From Urbanization to Cities. Toward a New Politics of Citizenship, 1996]
  • The Third Revolution. Popular Movements in the Revolutionary Era, London und New York: Cassell 1996
  • Social Ecology and Communalism, Oakland, CA: AK Press 2007


Originaltext: http://berlinerkommunalismusprojekt.blogspot.com/


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