Carlos Ossorio / Gisela Hänel-Ossorio - Spanien im Vorfeld des Bürgerkriegs

Wenn man sich nach fünfzig Jahren noch an den spanischen Bürgerkrieg erinnert, stellt sich vielleicht die Frage, wieso einzelne Ereignisse eine größere Resonanz haben als andere. Ich denke an Beispiele. Die russische Revolution wurde oft als Meilenstein in der Geschichte betrachtet, die mexikanische Revolution dagegen weitgehend ignoriert. Der Indochina- und später Vietnamkrieg haben in der ganzen Welt eine Studentenbewegung hervorgerufen, der Algerienkrieg verursachte praktisch nur in den beteiligten Ländern ein schreckliches Trauma. Wir erleben die nicht endende, furchtbare Unterdrückung in Chile. Wieweit haben wir die Ermordung von Oppositionellen in Peru wahrgenommen? Die Liste der Vergleiche könnte ad infinitum verlängert werden.

Es ist eine erstaunliche Tatsache, daß man noch nach fünfzig Jahren ein aktuelles Interesse an dem spanischen Bürgerkrieg haben kann. Eine Hilfe, diese Tatsache zu erklären, ist, daß noch heute dieser Krieg mit Topoi in Verbindung gebracht wird, die für sehr verschiedene politische Gruppierungen wichtig sind. Um nur einige zu nennen: Internationale Solidarität, Agrarrevolution, Regionalismus, antifaschistischer Kampf, Anarchosyndikalismus. Ich will versuchen, die historischen, sozialen und ökonomischen Wurzeln der sozialen Bewegungen, für die diese Begriffe stehen, nachzuzeichnen und über die gegenwärtige Bedeutung dieser Bewegungen nachzudenken. Meine Absicht ist nicht, jene Begriffe und ihre Deutungen zu diskutieren, obwohl der Wunsch, Ideologisches zu entlarven, groß ist. Ich verfolge eine andere Absicht die zentralen Begriffe systematisch darzustellen und ihre Deutungen historisch zu erarbeiten, um vielleicht einige gegenwärtige politische Auseinandersetzungen leichter zu verstehen.

Spanien vor der Industrialisierung

Man kann Spanien nach sozialstrukturellen, politischen aber auch räumlichen Gesichtspunkten in drei unterschiedliche Zonen einteilen: die Industriezentren, die Landgebiete, in denen Latifundien vorherrschen, und die Gebiete, in denen die kleinbürgerlichen Betriebe überwiegen. Die Grenzen dieser drei großen Zonen sind schon im Mittelalter in Kämpfen zwischen Christen und Moslems gezogen worden.

Während im Norden Spaniens das kleinbürgerliche Familieneigentum überwog, haben sich im Süden bis zum Ende des 15. Jahrhunderts durch die Vertreibung der Araber große Latifundien gebildet. Das kleinbäuerlich geprägte Spanien bildete 500 Jahre später die soziale Basis für den faschistischen Aufstand. Es stellt heute immer noch das Hauptwählerpotential für die konservative und zum Teil reaktionäre "Alianza Popular". Im Süden Spaniens kommt es noch heute oft zu blutigen Auseinandersetzungen wegen der krassen sozialen Gegensätze. Sie gehen nur selten zuungunsten der Oligarchie aus.

1492 wurde in doppelter Hinsicht ein für die Zukunft der spanischen Gesellschaft sehr entscheidendes Jahr:

  • Der Krieg zwischen Christen und Moslems endete.
  • Das imperialistische Abenteuer in Amerika begann.

Zu beiden Punkten einige Anmerkungen. Am Ende des Krieges wurde die arabische und die jüdische Bevölkerung aus Spanien vertrieben. Ihr Eigentum wurde von der Krone konfisziert. Die Vertreibung hatte auch im Gefolge, daß nicht nur ein großer Teil der Wissenschaftler, Philosophen und Techniker das Land verlassen mußte, sondern auch, daß eine alte Tradition der Aufklärung in Spanien zu Ende ging und zerstört wurde. Ich möchte nur einige Beispiele anführen: An Stelle der ersten Ansätze einer öffentlichen Armenunterstützung wurde das christliche Almosenwesen eingeführt. Die öffentlichen Bäder und die hygienischen Normen der arabischen Bevölkerung wurden in Spanien verurteilt als dekadent, unmoralisch und verweichlichend. Allerdings kann man auch ein gutes Beispiel aus der Landwirtschaft für das Fortbestehen arabischer Einflüsse anführen. Die Felder im Osten und Südosten Spaniens werden noch heutzutage mit Hilfe von komplizierten Anlagen bewässert, die bereits von den Arabern konstruiert wurden.

Die spanische Krone erbeutete 1492 ein großes Geldvermögen. Zum gleichen Zeitpunkt wurden die Soldaten, die gegen die Araber gekämpft hatten, nicht mehr gebraucht. Die vorhandenen finanziellen Mittel und die unbeschäftigten Soldaten waren gleichzeitig Voraussetzungen dafür, daß das imperialistische Abenteuer in Amerika beginnen konnte. Das Leid und die Ermordung der Indianer, die Zerstörung der autochtonen Kulturen Lateinamerikas, sind nicht Themen dieses Referats, wenn auch Völkermord, Unrecht und Barbarei untrennbar mit der modernen Geschichte Spaniens verbunden sind. Im folgenden soll es jedoch um die Frage gehen, welche sozialen Folgen die spanische Lateinamerikapolitik für das Mutterland hatte.

Was Lateinamerika für die Konquistadoren bedeutete, vergegenwärtigt man sich am besten, wenn man daran erinnert, daß die Konquistadoren in Lateinamerika das "Eldorado", das ist die spanische Bezeichnung für ein sagenhaftes Goldland, gesucht haben. An der Landwirtschaft oder dem Handel hatten sie im besten Fall nur sekundäres Interesse. Sie waren keine Kolonisatoren. Die erdrückenden, versilberten und vergoldeten Barockaltäre der Kirchen in Spanien und in den Kolonialstädten sind wichtige Zeugnisse dieser Vergangenheit. Das Gold und Silber aus Lateinamerika hat die Manufakturentwicklung in Europa zudem Stimuliert. Stark beeinflußt vom Merkantilismus bemühten sich die Herrscherhäuser besonders in Frankreich und England, Edelmetalle durch die Förderung von Industrie und Handel zu erwerben. Die Ideen des Merkantilismus wurden auch in Spanien rezipiert aber man wollte sich das Gold nicht durch den Handel oder die Industrie beschaffen, sondern brachte ohne Umwege die Edelmetalle in seinen Besitz durch Plünderung und Ausbeutung von Mensch und Natur in den Kolonien.

Die Mittel, die durch Unterdrückung und Ausbeutung in Lateinamerika erpreßt wurden, reichten aber nicht aus, um das Imperium Philipps des Zweiten und seiner Nachfahren, "in dem die Sonne nie unterging", zu finanzieren und zu verteidigen. Auch in Spanien mußte ein hoher Preis bezahlt werden, damit die Machtansprüche der Herrschenden befriedigt wurden. Der Bau der spanischen "Armada", der mächtigsten Flotte ihrer Zeit, erforderte die Rodung großer spanischer Wälder. Geographische Namen von heute öden und versteppten Flächen des Landes zeugen von der früheren Bewaldung dieser Gebiete. Die imperialistische Politik hatte nicht nur diese schlimmen ökologischen Folgen; schwerer wog, daß diese Politik einen sehr hohen Preis an menschlichem Leben verlangte und daß sie mit Stillstand und Verfall der wirtschaftlichen Entwicklung bezahlt wurde.

Bisher habe ich wichtige Seiten der materiellen Verhältnisse in Spanien zur Zeit der amerikanischen Eroberungszüge thematisiert. Im folgenden sollen gesellschaftliche Einstellungen und Verhaltensweisen an Beispielen aus der klassischen Literatur Spaniens rekonstruiert werden, weil sich auch das gesellschaftliche Bewußtsein und die Formen der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Spanien mit dem Wandel der materiellen Verhältnisse veränderten.

Im sechzehnten Jahrhundert gab es noch große Bauernaufstände in Spanien gegen die Erhöhung von Steuern und Abgaben und gegen den Abbau von Privilegien und den Verlust von Rechten. Der "Fuenteovejuna" von Lope de Vega ist die literarische Bearbeitung dieser sozialen Konflikte für die Bühne. In dem Schauspiel ist lediglich ein korrupter Beamter die Ursache der Auseinandersetzungen zwischen den Bauern und der Obrigkeit. Der König begnadigt die Aufständischen in dem Theaterstück, aber das entsprach nicht der historischen Realität.

Andere Eindrücke der herrschenden Ideologie in Spanien wurden in der Literatur hundert Jahre später widergegeben. Der Widerspruch zwischen der Macht und dem Reichtum der Herrschenden und der Armut der Bürger und Bauern wurde und wird oft - nicht nur in Spanien - dadurch verdeckt, daß man das "nationale Gefühl" und die nationale Zugehörigkeit aller Spanier, auch der Armen, betont.

Eine andere Seite der herrschenden Ideologie war die große Bedeutung des Scheins: Der Anschein wurde für wichtiger gehalten als das Sein. Quevedo hat dm Gelehrten beschrieben, der vor dem Nachmittagsspaziergang auf seinem Mantel Brotkrümel verstreut, weil die Nachbarn glauben sollen, er habe ein richtiges Mittagessen eingenommen. Im Spanischen gibt es dafür einen eigenen Begriff: "honra" im Unterschied zu "honor". Beides heißt ins Deutsche übersetzt Ehre. Bei der "honra" geht es allein um die Meinung, die andere von einem haben, dagegen bei dem "honor" nur darum, daß die eigenen Handlungen mit der göttlichen Ordnung übereinstimmen. Jener erste, außen-orientierte Ehrbegriff leitet auch die Handlungen des Arztes, den Calderón de la Barca beschreibt: Der Arzt tötet seine Frau, weil die Nachbarn glauben, daß sie ihm untreu sei. Er handelt so, obwohl er weiß, daß sie im Unrecht sind, nur um seiner "Ehre" willen. Diese Auffassung der Rolle, die die öffentliche Meinung spielt, führte direkt zu den Schafotts der Inquisition: Der Inquisitor verkörperte die öffentliche Meinung oder vertrat sie. Das verhalf gewiß nicht dazu, die staatliche Macht durch die öffentliche Meinung unter Kontrolle zu bringen, so wie es sich Condorcet und die Enzyklopädisten vorgestellt haben. Es sind jedoch jene reaktionären Traditionen, die heute noch, wie Buñuel in seinen Filmen zu zeigen versucht, in Spanien lebendig sind.

Man muß dazu sagen, daß es neben diesen reaktionären Traditionen im 17. und 18. Jahrhundert auch eine aufklärerische Tradition in Spanien gegeben hat. Zum Beispiel ist Jovellanos hier als Aufklärer zu nennen. Der Einmarsch der napoleonischen Truppen in Spanien und der folgende Unabhängigkeitskrieg haben dieser Tradition sehr geschadet. Der von Goya porträtierte brutale Mönch ist das Symbol des gleichzeitigen Kampfes gegen "den Franzosen" und gegen die Losungen der Französischen Revolution, gegen Aufklärung und kritische Vernunft. Trotzdem ist die aufklärerische Tradition vor allem in Kunst und Literatur in Spanien bis in die Gegenwart lebendig geblieben.

Die ökonomische Basis der Gruppen, die Träger der reaktionären Ideologie waren - aristokratische Großgrundbesitzer, das Militär, Klerus und Teile des staatlichen Verwaltungsapparats -, ist im Grunde mit den Kolonien verloren gegangen. Trotzdem behaupteten diese Gruppen ihre politische Machtstellung. Die spanische Republik der dreißiger Jahre schien, als die ersten Reformen programmatisch verkündet wurden, diese Vormachtstellung beseitigen zu können. In diesem Augenblick wurden Privilegien gefährdet. Damit hat der spanische Bürgerkrieg zu tun. Wie der Goyasche Mönch wüteten seine Nachfahren in diesem Krieg; sie beherrschen heute noch das rechte Spektrum der politischen Szenerie Spaniens. 

Industrialisierung

Aufgrund der Industrialisierung Spaniens konnte sich das aufgeklärte Bürgertum eine solide ökonomische Grundlage schaffen. Die Vertreter des liberalen Konservativismus rekrutierten sich aus diesem Bürgertum. Es konzentrierte sich räumlich, insbesondere auf die Industrieregionen Kataloniens und des Baskenlands. In den vom Bergbau beherrschten Industriezentren, zum Beispiel in Asturien, entstand kein nationales Industriebürgertum, weil Kapitalvertreter aus dem Ausland die Lizenzen für die Ausbeutung der Gruben bekamen.

Im nächsten Abschnitt will ich Katalonien als anschauliches Beispiel für die sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse im neunzehnten Jahrhundert anführen.

Anfang des 19. Jahrhunderts war in Barcelona sehr viel Handelskapital vorhanden. Die Quellen dieses Kapitals lagen einerseits im Überseehandel und andererseits in den Kapitaltransfers aus der Plantagenwirtschaft einiger Kolonien. Dieses Kapital sowie die Anwendung neuer Techniken und Maschinen aus England (von 1832 an) und billige Arbeitskräfte begünstigten den Aufbau der katalanischen Textilindustrie, die in ganz Spanien sofort das Monopol auf Baumwollprodukte hatte. Außerdem gelang es der katalanischen Textilindustrie durch eine sehr aggressive Verkaufsstrategie praktisch auch ein Monopol auf Wollprodukte zu errichten, weil die handwerkliche Wollwarenherstellung nicht mehr konkurrenzfähig war. Die Kolonien wurden zu weiteren Absatzmärkten der gut florierenden katalanischen Textilbetriebe.

Die Interessen des aufstrebenden katalanischen Industriebürgertums und des Madrider Blocks an der Macht aus adligem Großgrundbesitz, Kirche und Militär waren miteinander unvereinbar, nachdem die Wirtschaft Kataloniens Aufschwung nahm. Das zeigte sich am Streit über die Schutzzollfrage. Zollfreier Import von Rohstoffen (Baumwolle), aber Schutzzölle für den Import von Fertigprodukten (Textilien aus England) und Kapital waren im Interesse der katalanischen Industriellen, die dies von Madrid verlangten. Der traditionelle Block an der Macht aber hatte Interesse für die Durchsetzung der Forderungen des Wirtschaftsliberalismus: Die Reproduktionskosten niedrig zu halten durch den Import von billigen Waren und die Staatsfinanzen zu sanieren durch die Einfuhr von ausländischem Kapital, für das Steuern zu zahlen waren.

Dieser Konflikt wurde als eine Frage des Regionalismus ausgetragen. Die Behauptung soll im folgenden begründet werden. Zunächst aber einige Anmerkungen zum katalanischen Regionalismusproblem und seinen Wurzeln: Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hatte Katalonien seine Selbständigkeit als unabhängiges Königreich eingebüßt. Das hatte vor allem für die Verwaltung und die oberen Schichten Folgen. Die katalanische Sprache wurde als Amtssprache verboten; als Sprache von Adel und Bürgertum ging sie immer stärker verloren. Nur auf dem Land und in den städtischen Unterschichten blieb das Katalanische lebendig. Hundert Jahre später, zur Zeit der Industrialisierung Kataloniens, fand jedoch mit Unterstützung des katalanischen Großbürgertums eine Wiederbelebung der Sprache statt. Diese soziale Bewegung wurde "Renaixenga" (Wiedergeburt) genannt. Das Bündnis zwischen Geld und "Kultur" legte den Grundstein für eine politische Organisation, die "Lliga", die die Interessen der Industriebourgeoisie vertrat, sich aber auch als regionale, kulturelle Bewegung verstand. Als schließlich in allen Gruppen des katalanischen Bürgertums die regionale Bewegung Erfolg hatte, wurde der enge politische Rahmen der "Lliga" gesprengt Die "Esquerra Republicana" wurde gegründet, eine linksliberale Partei mit Verbindungen zu den Gewerkschaften und der politischen Arbeiterbewegung.

Nicht nur die regionale Bewegung und das liberale Industriebürgertum, sondern auch die politischen Organisationen der Arbeiterbewegung sind mit der Industrialisierung entstanden. Die Anarchosyndikalisten gewannen die Oberhand in Katalonien, während in anderen Regionen, wie zum Beispiel in Madrid, Asturien und dem Baskenland, sich die Sozialisten durchsetzten. Einerseits ist es bloß eine Anekdote, daß sich Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Marx, in Madrid lange aufhielt und ein Gesandter von Bakunin, Fanelli, seine politischen Beziehungen in Barcelona aufnahm. Andererseits wird der Aufbau der politischen Organisationen in den Anfangsjahren der Arbeiterbewegung tatsächlich von Zufällen beeinflußt worden sein.

Die entscheidenen Differenzen zwischen den Grundauffassungen von Sozialisten und Anarchosyndikalisten waren ihr unterschiedliches Verhältnis zur Gewalt und ihr unterschiedlicher Bezug zur Strategie des Klassenkampfs. Die Sozialisten legten in ihrer Arbeit den Schwerpunkt auf die Parteipolitik mit der programmatischen Absicht, die Regierung zu bilden und die Staatsmacht auszuüben, sei es auf dem Weg von Wahlen oder durch Revolution. Die Anarchosyndikalisten waren dagegen der festen Überzeugung, daß die Anteilnahme an staatlichen Machtentscheidungen korrumpiert, weil beim Ausüben von Macht Korruption notwendig ist. Die Anarchosyndikalisten konzentrierten sich mit letzter Konsequenz auf die gewerkschaftliche Arbeit, die nicht nur den Betrieb, sondern auch den ganzen Reproduktionsbereich (Wohnen, Freizeit, Alphabetisierung, politische Bildung etc.) beachtete, so daß ihnen eine beispiellose Arbeiterbildung gelang. Dagegen weigerten sich die Anarchosyndikalisten, zu Wahlen zu gehen oder offizielle Ämter zu bekleiden. Diese Strategie war solange erfolgreich, wie nur Kritik an den Verhältnissen geübt wurde oder nur solche Aufgaben zu erledigen waren, für die Freiwillige sich stets fanden und die keine Gegner herausforderten. Darin lag aber ein nicht gelöstes Problem; Die Anarchisten waren gegen staatliche Lösungen gesellschaftlicher Probleme, aber nicht alle Probleme können auf der Ebene freiwilliger Mitwirkung gelöst werden.

Der Sommer 1909 in Barcelona bot ein anschauliches Beispiel dafür. Im Hafen von Barcelona sollten Rekruten eingeschifft werden, um einen Aufstand in Marokko zu unterdrücken. Die Soldaten baten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter um Hilfe, die auch am 25. Juli in Barcelona den Generalstreik ausriefen. Schon nach vierundzwanzig Stunden war, fast ohne Gewaltanwendung, die gesamte Stadt in den Händen der Streikenden und der revoltierenden Soldaten. Die Aufständischen bauten nur Barrikaden und warteten im übrigen ab: Die Großstadt sollte nach dem Wunsch der Aufständischen sich frei und auf freiwilliger Basis selbst verwalten, Totengräber hervorbringen wie Straßenbahnschaffner. Die Anarchisten boten Stadtverordneten an, das "Kommando der Revolution" zu übernehmen; aber selbst diejenigen Abgeordneten, die mit der Revolution sympathisierten, weigerten sich, sie öffentlich zu unterstützen, geschweige denn anzuführen. Als die Armee nach einer Woche in Barcelona einmarschierte, wurde kein nennenswerter Widerstand geleistet. Mit den vier Führern der Anarchisten, die hingerichtet wurden, starb auch Francisco Ferrer, dem kein Delikt nachgewiesen wurde, der nur der wichtigste Mitarbeiter der "Modernen Schule" war.

Die Frage der Beteiligung an oder sogar Übernahme der Regierung stellte sich erneut den Anarchosyndikalisten nach dem faschistischen Aufstand im Jahr 1936.

Spanische Republik

Fünf Jahre zuvor, am 4. April 1931, wurde in Spanien die Republik proklamiert. Eine Koalition aus Sozialisten, Links- und Rechtsliberalen, die aus den ersten Wahlen hervorging, verfügte über 90% der Parlamentssitze. Ziel ihrer Politik war die Demokratisierung der Machtstrukturen im Land. Die Agrarreform sollte ein Prüfstein für dieses Vorhaben sein.

Als nach zwei Jahren die Agrarreform immer noch nur auf dem Papier stand, reagierten die Wähler mit verständlicher Enttäuschung. Weitergehende Hoffnungen auf Reformen in anderen Bereichen wurden durch die unverändert schlechte wirtschaftliche Lage Spaniens zerstört. Nach den Wahlen von 1934 besaßen alle Linksparteien zusammen nur noch rund 15% der Sitze, die konservativen Parteien aber, die offen gegen eine Republik waren, bekamen 45% der Sitze. Daraufhin schlossen sie ein Regierungsbündnis mit den Rechtsliberalen.

Nach den Wahlen von 1936 konnte eine Linkskoalition die Regierung erneut bilden, sogar ohne auf die Unterstützung der Rechtsliberalen angewiesen zu sein. Die Agrarreform stand erneut an erster Stelle des Regierungsprogramms, das an anderer Stelle auch die zwangsweise Frühpensionierung für reaktionäre Offiziere und den Aufbau einer republiktreuen Armee vorsah. Ob diesmal die "Reform von Oben" möglich gewesen wäre, ist nicht mehr zu entscheiden, weil der Aufstand von vier Generälen gegen die Republik bereits fünf Monate nach der Konstituierung der neuen Regierung stattfand.

Im republikanischen Lager war die Einigkeit über die beste Strategie, den faschistischen Aufstand niederzuschlagen, nicht zu erreichen. Für die Parteien der Madrider Zentralregierung hatte der antifaschistische Kampf absolute Priorität: Ein möglichst breites antifaschistisches Bündnis solle geschlossen werden, dafür müsse man bis zur Beendigung des Aufstandes auf soziale Reformen verzichten. Die Anarchosyndikalisten argumentierten genau umgekehrt (sie wurden von den Trotzkisten dabei unterstützt), daß der Krieg nur dann zu gewinnen sei, wenn gleichzeitig auch die soziale Revolution stattfinde, denn allein diese Verbindung könne die Menschen zum bewußten Handeln motivieren und die Frustration vermeiden, die aus den nicht realisierten politischen Versprechungen entstanden war.

Die Kommunisten haben den antifaschistischen Kampf am konsequentesten vertreten. Sie hatten bei den Wahlen von 1936 nicht einmal 5% der Parlamentssitze erhalten, aber ihr Einfluß innerhalb der Regierungskoalition war relativ groß, was auf zwei Faktoren zurückzuführen ist: Die Sowjetunion war eines der wenigen Länder, das bereit war, die spanische Republik mit Waffen zu beliefern, und die kampfstarken Internationalen Brigaden bestanden zum Teil aus politisch gut gebildeten Kommunisten. Diesen Kommunisten, die teilweise wie viele andere Brigadisten vor dem Nationalsozialismus hatten fliehen müssen, war der Zusammenhang zwischen spanischem, deutschem und italienischem Faschismus augenscheinlich; sie erkannten in dem spanischen Bürgerkrieg einen Vorboten des zu erwartenden Zweiten Weltkriegs. Diese Interpretation der historischen Lage erklärt viele Aktionen, die von kommunistischer Seite begangen wurden (ob sie sie rechtfertigt, ist eine weitere Frage), aber sie war nicht ohne weiteres allgemein zu vermitteln. Viele Spanier - auch Mitglieder der Regierung - glaubten, daß der Krieg nichts anderes sei, als einer der vielen Militärputsche in der Geschichte Spaniens, eine Auseinandersetzung, die auch durch Verhandlungen zu lösen wäre.

Am 29. Oktober 1938 wurden die Internationalen Brigaden zurückgezogen, was einer Kapitulation der Regierung de facto gleichkam. Am 1. April 1939 war der Krieg zu Ende: Franco, und mit ihm die Putschisten, übernahm die Macht. Noch in dem selben Jahr begann der Zweite Weltkrieg.

Auch die politische Strategie der Anarchosyndikalisten war gewiß nicht leicht zu vermitteln: Sie propagierten die Abschaffung des bürgerlichen Staates und waren bereit, in diesem Staat Ministerposten und Verantwortung zu übernehmen, um den Kampf gegen das aufständische Militär effizienter zu machen; sie wollten die libertäre Revolution durchführen und mußten Funktionen der Polizei, der Spionageabwehr und sonstige verhaßten Rollen und Positionen übernehmen.

Man kann lange darüber diskutieren, was geschehen wäre, wenn eine der beiden Strategien sich uneingeschränkt hätte durchsetzen können. Ich bin fest überzeugt, daß aufgrund der internationalen Konstellation der Bürgerkrieg auf jeden Fall verloren gegangen wäre.

Faschistische Diktatur

Als der Zweite Weltkrieg begann, befanden sich in Südfrankreich die teilweise noch bewaffneten, restlichen Truppen der republikanischen Armee Spaniens. Sie schlossen sich zum großen Teil dem französischen Maquis an und beherrschten weitgehend die Pyrenäenpässe für viele Jahre. Sie waren nicht nur an spektakulären Sabotageakten beteiligt, sondern sie sicherten auch die Fluchtwege über die Pyrenäen Richtung Lissabon, auf denen viele dem Naziterror entkommen konnten, ein Weg, den viele, unter anderen Benjamin, nicht mehr gehen durften.

Alle spanischen Antifaschisten waren zu jener Zeit davon überzeugt, daß das Schicksal Francos mit dem Hitlers und Mussolinis zusammenhing. Deswegen entstanden auch in mehreren Regionen (vor allem in Andalusien) weitere Gruppen, die aus den Bergen einen bewaffneten Kampf gegen die Usurpatoren zu führen versuchten. Aber das Franco-Regime überdauerte das Ende des Zweiten Weltkrieges mit ungebrochener Macht. Um die Allierten daran zu erinnern, daß der Faschismus in Europa nicht beseitigt war, erhoben sich Ende 1945 die Textilarbeiter und -arbeiterinnen Kataloniens. Der - wegen des seit 1939 herrschenden Streikverbots - erste, illegale Streik in Spanien wurde auch in Madrid und Valencia unterstützt. Dafür waren die Reaktionen auf den Streik enttäuschend, denn es wurden nur einige der ökonomischen Forderungen der Streikenden vorübergehend erfüllt. Eine internationale Sanktion gegen das Franco-Regime erfolgte dann aber am 9. Februar 1946 mit dem UNO-Ausschluß Spaniens. Am 22. Februar desselben Jahres wurde Cristino Garcia, ein führendes Mitglied des Maquis, in Spanien hingerichtet; viele Streikende landeten in Polizeikellern und im Gefängnis.

Durch den "kalten Krieg" verlor der bewaffnete Widerstand jede Erfolgsaussicht, wenn auch nicht seine moralische Rechtfertigung. Der Maquis überlebte in Spanien mit schwindender Kraft und Unterstützung von seiten der Bevölkerung bis Mitte der fünfziger Jahre. In diesen Jahren bildeten sich auch in den Industrie- und Universitätsstädten Widerstandsgruppen, von denen viele mit den im Exil arbeitenden Organisationen in Verbindung standen, was mehrere Gründe hatte:

  1. In diesen Gruppen waren oft und maßgeblich Personen engagiert, die bewußt und aktiv den Bürgerkrieg und/oder den Maquis erlebt hatten und die den Exilorganisationen angehörten;
  2. Das Exil bot Chancen auf Kontinuität und Koordination, die im Inneren Spaniens nicht gegeben waren, weil die Pression der Polizei zu groß war.
  3. Auch die Finanzierung war - zumindest was Sozialisten und Kommunisten anging - über die Exilorganisationen, die international anerkannt waren, am einfachsten und effektivsten.

Zudem entstanden in Barcelona - ich wähle erneut diese Stadt als exemplarisch aus - neue katalanistische Gruppen mit christdemokratischer oder rechtsliberaler Grundrichtung, die von dem Bürgertum finanziell unterstützt wurden. Es ist erstaunlich, daß die Anarchisten in dieser Phase keine neue Organisation in Barcelona und Umgebung aufbauten. Ob dafür finanzielle Schwierigkeiten, die Konzentration auf den bewaffneten Widerstand oder andere Ursachen verantwortlich waren, weiß ich nicht einzuschätzen.

Die in Barcelona tätigen illegalen Parteien und Gewerkschaften hielten untereinander Verbindung. Sie teilten zwei Gemeinsamkeiten: Den Antifaschismus und die Bejahung der katalanischen Nationalität. Das erste sichtbare Ergebnis dieser Kooperation war der Straßenbahnboykott von 1951, der von Goytisolo beschrieben wurde: Die Bewohner der Zweimillionenstadt haben gemeinsam - und zwar eindeutig aus politischen Gründen - über viele Schranken hinweg, zehn Tage lang die öffentlichen Verkehrsmittel boykottiert. Die Regierung wurde zum Nachgeben gezwungen und der Straßenbahnpreis herabgesetzt.

Diese politische Koalition der verschiedenen verbotenen Gruppen hielt in Barcelona bis zum Ende der faschistischen Diktatur. Die letzte gemeinsame Aktion im Namen der Demokratie und der katalanischen Nation war die Demonstration vom 11. September 1977: Über fünf Millionen Menschen feierten auf den Straßen Barcelonas das Ende der faschistischen Dikatatur.

Daß Franco sich so lange an der Macht halten konnte, ist ohne die tatkräftige finanzielle Unterstützung der USA kaum vorstellbar. So wurde zum Beispiel 1953 ein militärisches Stützpunktabkommen geschlossen, für das die spanische Regierung bis 1959 rund eine Milliarde Dollar Honorar bekam. 1945 hatte man in Spanien auf den Einmarsch der Amerikaner gehofft. Eisenhower und seine Soldaten kamen aber erst acht Jahre später nach Madrid, jedoch nicht um den Tyrannen zu verfolgen, sondern Hand in Hand mit ihm.

1959 wurde unter dem Druck des internationalen Währungsfonds ein Stabilisierungsgesetz in Madrid verabschiedet das ausländische Direktinvestitionen in Spanien ermöglichte, dafür erhielt die Spanische Regierung neue Kredite im Wert von fast einer halben Milliarde Dollar. Mit diesem Stabilisierungsgesetz wurde in Spanien ein starkes wirtschaftliches Wachstum gefördert, das auf dem Zufluß ausländischen Kapitals in die Industrie und in den Bausektor beruhte.

Die Industrialisierung Spaniens in den sechziger Jahren hat ungewollt auch die demokratischen illegalen Organisationen der Arbeiterbewegung gefördert. In allen Großbetrieben entstanden illegale "Comisiones Obreras", die auf Konfrontation mit der offiziellen Gewerkschaft des Franco Regimes ausgingen. In den "Comisiones Obreras" waren alle demokratischen antifaschistischen politischen Richtungen vertreten. Sie wurden mit der Zeit immer häufiger zum Gesprächspartner der Unternehmensleitungen, da allein sie im Unterschied zur offiziellen Gewerkschaft in der Lage waren, Beschlüsse zu fassen und Abmachungen einzugehen, die von der Belegschaft eingehalten wurden. Bereits wie im vorigen Jahrhundert stießen die Interessen des Industriekapitals mit den reaktionären politischen Verhältnisse zusammen. Es ist deswegen kein Zufall, daß die Abschaffung der faschistischen Diktatur in Spanien nicht aus einer revolutionären Aktion des illegalen Widerstands erfolgte, sondern daß sie durch Dekret eines bis dahin faschistischen Ministerpräsidenten proklamiert wurde, der eines Tages beschloß, die parlamentarische Demokratie einzuführen: Die verbotenen und verfolgten Parteien wurden nur noch legalisiert, dann folgten Wahlen.

Demokratie

Der Übergang zur Demokratie in Spanien war reichlich kommentarlos: keine offiziellen Verurteilungen oder Anklagen der Schuldigen, nichts der Entnazifizierung Vergleichbares, keine Debatte über die Folter etc. Dies ist auch auf eine tiefenpsychologische Ursache zurückzuführen: Der Bürgerkrieg ist Tabu in Spanien. Dieses Tabu ist mächtig, so daß selbst das Rühren an den 40 Jahren Franco-Zeit, die dem Bürgerkrieg folgten, einer Tabuverletzung gleichkommt. Das Fehlen der Auseinandersetzung mit dem faschistischen Spanien hat sich als gefährlich erwiesen. Das zeigte der von Tejero inszenierte operettenhafte Putschversuch. Nicht weniger bedrohlich ist, daß Polizei und Guardia Civil weiterhin foltern. Trotzdem gibt es einen qualitativen Unterschied zur Franco-Ära: Heute werden einzelne Fälle von Folter in den Massenmedien oder sogar vor Gericht behandelt; es gibt auch Beispiele, in denen Beamte aus dem Dienst entfernt oder zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, was unter Franco undenkbar gewesen wäre (ob die verhängten Strafen dem erwiesenen Tatbestand des Mordes angemessen waren, bleibt aber offen).

Die unerwartete demokratische Öffnung durch das Regime selbst hat für die Widerstandsorganisationen auch Probleme gebracht. Zuvor wurden schon einige Gründe erwähnt, die erklären können, wieso die politische Führung der Sozialisten und der Kommunisten zunächst im Exil blieben. Die Entscheidung hat Probleme mit sich gebracht. Die Aktivisten im Inneren hatten oft den Eindruck, daß die Exilpolitiker nicht in der Lage seien, sich ein objektives Bild von den tatsächlichen Verhältnissen in Spanien, den Aktionsmöglichkeiten, aber auch von deren Grenzen zu machen, weil im Exil Veränderungen in Spanien schwer wahrzunehmen seien; dort bestehe doch eine gewisse Tendenz, in der Vergangenheit zu leben und zu denken. Dagegen waren die Exilpolitiker der Meinung, daß man, um langfristige Strategien entwickeln zu können, Distanz zum faschistischen Spanien haben müsse; nur im neutralen Ausland und aufgrund von Erfahrungen, die vor der Francozeit in Spanien gemacht wurden, sei man in der Lage, langfristige Strategien zu formulieren; in Spanien sei man durch die langjährige faschistische Propaganda schon verformt; die Aktivisten im inneren, denen der "Weitblick" fehle, könnten sich deswegen nur mit den tagtäglichen Problemen auseinandersetzen.

Diese verschiedenen Auffassungen konkretisierten sich in der Frage der Bündnispolitik. Im Inneren bestand in allen Organisationen eine weitgehende Bereitschaft, mit allen antifaschistischen Kräften zusammenzuarbeiten; im Exil waren die Kämpfe, der Haß, die Schuldzuweisungen, die während des Krieges entstanden waren, immer noch lebendig.

Die Einheitsgewerkschaft zerbrach: Die Sozialisten, nicht nur durch internationale Geldgeber ermuntert, bauten eine eigene Gewerkschaft auf, während die "Comisiones Obreras" immer stärker durch die Kommunisten beherrscht wurden. Eine Folge der Auseinandersetzungen innerhalb der proletarischen Organisationen ist, daß der Organisationsgrad der Beschäftigten seit Francos Tod stark zurückgegangen ist. Die Auseinandersetzungen innerhalb der kommunistischen Partei haben diese Partei zudem bis fast zur Bedeutungslosigkeit geführt.

Auch die Einstimmigkeit der katalanischen antifaschistischen Kräfte im Hinblick auf die nationale Frage hat inzwischen Risse bekommen. Mit der Einführung der Demokratie wurden nicht alle katalanischen Autonomiewünsche erfüllt aber doch die krassesten Ungerechtigkeiten abgeschafft. Das Katalanische ist heute - neben dem Spanischen - offizielle Sprache Kataloniens. Inzwischen ist allerdings rund die Hälfte der Bevölkerung, die in Katalonien wohnt, dieser Sprache nicht mächtig: Mit der Industrialisierung sind viele Arbeiter aus anderen Regionen Spaniens nach Katalonien zugewandert und unter Franco war die katalanische Sprache verboten. Der Anteil der Katalanen, die ihre Sprache nicht nur sprechen, sondern auch Katalanisch lesen und schreiben können, ist noch viel geringer. Damit finden heute auf einmal soziale Ausleseprozesse statt. Wenn zum Beispiel in Stellenausschreibungen verlangt wird, "der katalanischen Sprache mächtig" zu sein, oder wenn in den beiden Universitäten Barcelonas Hochschullehrer von ihrem Recht Gebrauch machen, Lehrveranstaltungen nur in Katalanisch anzubieten. Ich sehe darin eine Gefahr, daß in Katalonien die Sprache, die zu sprechen Symbol des Kampfes für Freiheit und Demokratie war, unter veränderten soziostrukturellen und politischen Verhältnissen zu einem Diskriminierungsfaktor werden könnte.

Auch für die Sozialisten gestaltet sich die Überwindung der Probleme der Nach-Franco-Zeit nicht leicht. Sie haben bei den Wahlen eine bequeme Mehrheit im Parlament errungen und bilden eine unangefochtene Regierung, aber sie trauen sich die offene Konfrontation mit den alten Oligarchien, Kirche, Großgrundbesitzer, Militär und - jetzt neu hinzugekommen - Industriekapital, nicht zu. So durften die katholischen Privatschulen ihre Vorrechte im Bildungsbereich behaupten, und so wurden die Möglichkeiten der Abtreibung sehr restriktiv ausgelegt. Die Agrarreform erfaßt nur Latifundien, die erwiesenermaßen brachliegen.

Noch problematischer ist die Auseinandersetzung der Sozialisten - oder besser gesagt, das Vermeiden einer Auseinandersetzung - mit dem Industriekapital und mit dem Militär, zu dem auch die "Guardia Civil" und Teile der Polizei zu rechnen sind.

In Spanien gibt es heute rund 20% Arbeitslose. Die sozialistische Regierung setzt bei der Bekämpfung dieses Problems ausschließlich auf die Initiative des Privatkapitals, auf die sogenannten "Kräfte des Marktes". Dementsprechend werden staatliche Industriebetriebe privatisiert und die Erosion des Arbeitsmarktes gefördert. Das bedeutet konkret, daß die unter Franco eingeführten Hindernisse gegen die Kündigung von Arbeitsverträgen durch die Unternehmer abgebaut werden sollen. Eine solche Politik wird sicherlich nicht ausreichen, um sich das Wohlwollen der Unternehmer zu sichern, wohl aber, um den Ruf "unter Franco ging es uns besser" laut werden zu lassen.

Auch die Politik der sozialistischen Regierung zu Fragen, die für das Militär wichtig sind, ist auf Konfrontationsvermeidung gerichtet. Vor den Wahlen haben die Sozialisten lauthals proklamiert, daß sie Spanien aus der NATO holen wollten, was nach allen demoskopischen Untersuchungen mit einer starken Unterstützung durch die öffentliche Meinung hätte rechnen können. An die Regierung gelangt, ließen die Sozialisten diesen Plan fallen. Inoffiziell wurde argumentiert, daß der NATO-Austritt vitale Interessen des spanischen Militärs treffen würde und somit die Gefahr eines Militärputsches herbeiriefe (die Frage, ob diese Gefahr tatsächlich bestand oder besteht, ist nur hypothetisch zu beantworten und kann nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen werden). So wurde von der Regierung beschlossen, in der NATO zu bleiben und dafür die ungeliebten US-Militärbasen in Spanien wesentlich zu verkleinern. Mit Ach und Krach konnte die neue Konzeption an die Wähler "verkauft" werden, die sich in einem Referendum dafür aussprachen, aber nicht an die US-Regierung, die sich strikt weigert, darüber überhaupt zu verhandeln. Was tun? Es ist kaum denkbar, daß die spanischen Militärs mit der Aufgabe betraut werden, die Amerikaner aus Spanien zu vertreiben!

Das neue Problem besteht darin, daß die Sozialisten heute in Spanien keine numerisch ernsthafte demokratische Opposition vor und gegen sich haben. Die zweitstärkste Partei, die "Alianza Popular", vereinigt unbelehrbare Faschisten und eine vorsintflutliche Rechte, die Erben des Mönchs von Goya. Die sozialistische Partei ist heute staatstragend, der Garant einer parlamentarischen Demokratie, was mit reformistischen oder gar revolutionären Bestrebungen anscheinend unvereinbar ist. Das tragische und traurige Vorbild einer solchen Doppelrolle ist die mexikanische "Partei der Institutionalisierten Revolution", die irgendwie auch ein Erbe der spanischen Tradition ist.

In diesem Referat war ich bewußt und gewollt parteiisch; ich weiß, daß ich nur über Tatsachen berichtet habe, die meine Argumentation unterstützen, daß es auch andere Fakten gibt, die meiner Argumentation zuwiderlaufen oder ihr zuwiderzulaufen scheinen. Bei der Bearbeitung meines Themas konnte ich wegen der Zeitbegrenzung zu wenig die Feinheiten darstellen, so ist manches leider zu plakativ geraten. Andere Gesichtspunkte wären zu ergänzen, Widersprüche anzumelden.

Literatur:

  • Baroja y Nessi, Pió, Memorias de un hombre de acción, Barcelona 1967 Cela, Camilo José, La colmena, Barcelona *1955
  • Enzensberger, Hans Magnus, Der kurze Sommer der Anarchie, Frankfurt 1972
  • Girondella, José María, Los cipreses creen en Dios, Barcelona 1961
  • Goytisolo, Juan, ídentitátszeichen, Frankfurt 1978
  • Orwell, Georg, Mein Katalonien, Zürich 1975
  • Francisco de Quevedo, El Buscón, o.0.1626, NA Salamanca 1965
  • Vicens Vives, Juan, Historia economica de España, 2 Bde., Barcelona 1959


Aus: Thomas Kleinspehn / Gottfried Mergner (Hg.): Mythen des Spanischen Bürgerkriegs. Trotzdem-Verlag, 1996. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Trotzdem-Verlags.


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