Bettina Meier - Deutsche Frauen im spanischen Exil (Teil 1)

Als im März 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, setzte eine massenhafte Fluchtbewegung aus Deutschland ein. Nach dem Reichstagsbrand und dem Verbot der KPD erfolgten die ersten Verhaftungswellen. Die Auflösung der Parteien im Sommer 1933, die Zerschlagung der Gewerkschaften und der Erlaß des »Arierparagraphen » stellten weitere Abschnitte dieser Entwicklung dar. [1]

»Der Personenkreis, aus dem sich die Emigration zusammensetzte, war ungeachtet des gemeinsamen Gegners und der von ihm ausgehenden Verfolgung ein recht vielfältiger und keineswegs homogen«. [2] Evelyn Lacina definiert die Person als Emigrant, »die sich aus politischen, weltanschaulichen, rassischen oder religiösen Gründen oder wegen dadurch bedingter wirtschaftlicher Schwierigkeiten gezwungen sah, den Machtbereich des Nationalsozialismus zu verlassen«. [3]

Diese Definition läßt außer acht, daß sich die Emigrationsgründe vielfach überschnitten haben, und es erfolgt eine Gleichsetzung der Emigrationsgründe. »Verfolgung aus weltanschaulichen, rassischen und religiösen Gründen gilt als politisch bedingte Verfolgung und evozierte entsprechenden politischen und politisierenden Widerstand.« [4] Außerdem vernachlässigt diese Definition einen für meine Thematik wichtigen Aspekt, daß besonders Frauen aus emotionaler Gebundenheit mit ihren Lebenspartnern Deutschland verließen, ohne daß sie gezwungen wurden, aus den genannten Verfolgungsgründen ins Exil zu gehen. Zu ihnen gehörte z.B. Klara Richter aus Köln, katholisch, Beruf: Kassiererin. Sie verließ Deutschland 1934 mit ihrem jüdischen Lebenspartner Hugo Cahn. Ihr wurde die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, da sie »durch ihr Zusammenleben mit dem Juden Cahn und durch ihre Flucht mit ihm ins Ausland bekundet, daß sie sich selbst aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließen wollte (...), auch wenn gegen sie kein Strafverfahren vorlag.« [5] Ebenso folgte Luise Traunwieser, »deutsch-blutig«, aus Hannover dem jüdischen Arzt Dr. Arnold Heymann im April 1937 nach Spanien. [6]

Weiterhin leidet diese Definition unter »der Vernachlässigung der Dauer des Emigrationsvorgangs: Emigration der dreißiger Jahre erscheint als langfristiger dauerhafter Vorgang. Dies macht die Emigranten anfällig für politische Wandlungen und führt zur ständigen Bewegung, zur Flucht als Dauerzustand.« [7] Eine von ihnen war z.B. Antonie Stemmler, Lehrerin aus Hilterfingen. Seit 1932 gehörte sie der KPD an. 1933 emigrierte sie nach Prag. 1936 wurde sie in Prag verhaftet und verlor das Aufenthaltsrecht. Sie gelangte nach Frankreich und ging 1937 nach Spanien. In Spanien arbeitete sie als Krankenpflegerin bei den Internationalen Brigaden im Sanitätszentrum von Murcia. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg emigrierte sie nach Frankreich und kam ins Internierungslager Gurs. 1941 wurde sie an die Gestapo ausgeliefert und dem KZ-Ravensbrück überstellt. [8]

Die von mir thematisierte Gruppe verließ Deutschland zu einem großen Teil 1933. Von den 163 erfaßten Frauen lebten seit 1933 bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges 45 Frauen (28 %) in Spanien. 18 Frauen (11 %) verteilten sich auf die Emigrationsländer Frankreich, Tschechoslowakei, Dänemark, UdSSR, Holland, Schweiz und das Saarland. Wobei die Länder, je nach Ausweitung des nationalsozialistischen Regimes, wechselten. Aufgrund der Quellenlage läßt sich bei den übrigen Frauen kein genaues Emigrationsjahr feststellen. Unbeantwortet bleibt, wieviele Frauen direkt aus Deutschland kamen, um die Spanische Republik zu unterstützen.

Die Gründe für die Emigration

Die Frauen, die ab 1933 Deutschland verließen, kamen aus allen sozialen Schichten und gehörten den unterschiedlichsten Berufsgruppen an. [9] Die Gründe, die sie ins Exil zwangen, waren vielfältig. Es waren politische und/oder rassische, weltanschauliche, emotionale und soziale Gründe. Ein Teil der Frauen, (30, 18%) emigrierte mit ihren Ehemännern oder Lebenspartnern. Eine von ihnen war Jeanne Stern, gebürtige Französin. Sie lebte seit ihrem 18. Lebensjahr in Deutschland und war mit Kurt Stern verheiratet. Ihr Mann kam aus einer deutschjüdischen Familie und war Leiter der kommunistischen Studentenfraktion in Berlin. Jeanne Stern ging im Mai 1933 mit ihrem Mann ins Exil nach Paris. Sie selbst wurde 1934 KPD-Mitglied. [10]

Der Antisemitismus der Nationalsozialisten zwang viele Menschen jüdischer Herkunft in die Emigration. Viele von ihnen hätten vielleicht das »Dritte Reich« vollkommen unpolitisch hingenommen, wenn ihnen nicht durch die antisemitische Propaganda und Politik und die im öffentlichen Leben einsetzenden Pogrome die Flucht ins Ausland aufgezwungen worden wäre.

Beispielsweise Leonie Sachs, geb. 1908 in Berlin. Sie kam aus einer jüdischen Familie und war Professorin für Spanisch. Ihr Mann arbeitete als Botschaftssekretär der Spanischen Republik in Berlin. 1933 emigrierte sie mit ihrem Mann nach Spanien. Ihr Mann arbeitete als Dozent für deutsche Sprache an der Universität von Madrid. Sie arbeitete im Centro de Estudios Históricos von Madrid. 1937 wird die Familie gezwungen, Spanien aufgrund des Bürgerkriegs zu verlassen. Sie emigrierte nach Frankreich und im August 1937 mit Hilfe des nationalen Flüchtlingskomitees und der Vereinigung jüdischer Frauen in die USA. In Spanien engagierte sich Leonie Sachs in der jüdischen Vereinigung und in der Flüchtlingsorganisation von Madrid. [11] Ebenso emigrierte Hilde Friedmann (Cahn-Lohner), geb. 1909 in Rixdorf (heute Berlin-Neukölln) 1933 mit ihrem Mann Moschek Friedmann auf Anraten der jüdischen Gemeinde von Berlin, nach Spanien, nachdem sie eine Auseinandersetzung mit einem NSDAP-Mitglied hatte und eine Hausdurchsuchung stattfand. In Barcelona arbeitete sie zunächst in der Textilbranche und hatte Kontakt zu Deutschen, die in Barcelona den jüdischen Kulturbund gegründet hatten. [12]

Als »politisch Exilierte« bezeichnet H.-A. Walter alle Personen, »die, gleichgültig welcher Nationalität und Rasse, Deutschland und die später von diesem annektierten Staaten wegen des drohenden oder an die Macht gelangten Faschismus verließen oder deshalb nicht mehr dahin zurückkehren konnten oder wollten, und die im Ausland in irgendeiner politischen, publizistischen oder künstlerischen Form, direkt oder indirekt, gegen den deutschen Faschismus Stellung genommen haben.« [13]

Nach dieser Definition gehört die von mir erfaßte Personengruppe zu den »politisch Exilierten«, da sie durch ihr unterschiedliches Engagement auf der Iberischen Halbinsel direkt und indirekt gegen die deutsche Intervention in Spanien Stellung bezogen haben. Eine Definition, die sich stärker auf die Gründe für eine politische Emigration bezieht und nicht die Tätigkeiten im Exil berücksichtigt, gibt Peter Steinbach. »Aus politischen Gründen mußte mithin jemand emigrieren, der sich 1) in einem auf Konsequenzen drängenden Gegensatz zum Regime befand und keine Möglichkeit zur Partialübereinstimmung sah, 2) eindeutig politische Ziele besaß, die von außen weiter verfolgt und befördert werden sollten, und 3) sich bewußt war, daß die auf Feindschaftsverhältnissen aufgebaute Politikvorstellung der Nationalsozialisten sich auch ganz individuell auswirken mußte.« [14]

Nach diesen Kriterien erfolgte für die überwiegende Anzahl der Frauen eine Emigration aus politischen Gründen. Besonders, weil ein Teil der Frauen politisch organisiert war.

Die Mehrheit der Frauen gehörte der KPD (16) an, ein Teil der SPD (4) oder anderen linksorientierten Organisationen (10). [15]

Aus politischen Gründen emigrierte z.B. Golda Friedemann, Büroangestellte, später freischaffende Modezeichnerin. Sie war seit 1931 KPD-Mitglied, später trat sie in den »Kampfbund gegen Faschismus« ein. Golda Friedemann arbeitete aktiv in der Straßenzelle der KPD in Hallensee und war 1933 die Leiterin der illegalen Fünfergruppe Hallensee-Eichkamp, welche unter anderem die illegale Zeitschrift »Rote Fahne« vertrieb. Nachdem die Gestapo zwei Hausdurchsuchungen bei ihr durchführte, ging sie 1934 mit ihrem Ehemann Max Friedemann in die Emigration nach Spanien. [16]

Gees Helberg, eine gebürtige Holländerin, lernte auf einem internationalen anarchistischen Jugendtreffen in Leipzig ihren späteren Ehemann Paul Helberg kennen. Nach der Heirat 1930 zog sie nach Deutschland und trat 1932 in die KPD ein. Am 17.6.1933 wurde sie verhaftet und von Juli bis September 1933 war sie in »Schutzhaft«. Sie gelangte illegal über die Grenze bei Aachen, über Lille nach Paris, dann nach Spanien. [17] Marietta (Etta) Federn-Kohlhaas hatte in Berlin Kontakt zur anarchistischen Bewegung und engagierte sich im »Syndikalistischen Frauenbund« (SFB). Sie verließ bereits 1932 Deutschland, da sie Morddrohungen aufgrund ihrer Rathenau-Biographie [18] erhielt. Außerdem hatte sie nach und nach ihre Einnahmequellen verloren, da sich ihre Verleger und Redakteure vom Druck reaktionärer, antisemitischer Kräfte einschüchtern ließen und ihr keine Aufträge mehr erteilten. 1932 emigrierte sie nach Spanien, 49jährig, als Alleinerziehende mit zwei Söhnen. [19]

Olga Ewert aus Königsberg, Bibliothekarin, war seit 1925 KPD-Mitglied. 1933 ging sie im Auftrag der KPD nach Dänemark. Dort war sie Sekretärin in der Emigrationsleitung der KPD. 1937 ging sie nach Spanien. [20]

Die Gründe, die deutsche Frauen in die Emigration zwangen, waren nicht nur vielfältig, sondern es gab viele Überschneidungen. Ein Beispiel dafür ist Lisa Freud, die aus einer jüdischen Familie in Hamburg stammte. Sie studierte Medizin und legte ihre Staats- und Doktorarbeit in Freiburg/Breisgau an der dortigen Universität ab. Anschließend arbeitete sie als Ärztin im Krankenhaus von Bamberg. Sie war Mitglied der KPD. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie 1933 aus ihrer Tätigkeit als Ärztin entlassen. Sie emigrierte gemeinsam mit C. Coutelle, ihrem späteren Ehemann, in die UdSSR. In einem sowjetischen Krankenhaus spezialisierte sie sich als Laborärztin. 1937 begab sich Lisa Freud mit ihrem Mann C. Coutelle nach Spanien. (...) [21]

Das Exil schützte zwar die Emigranten vor dem direkten Zugriff der Gestapo, aber nicht vor weiteren Schikanen und Verfolgungen, was Hilda Adler und ihr Bruder Arthur erfahren mußten. Hilda Adler emigrierte aus rassischen und politischen Gründen 1933 mit ihrem Bruder nach Spanien. Von Spanien aus zogen sie weiter nach Lissabon. Im Dezember 1933 wurden sie aus Portugal nach Spanien ausgewiesen »wegen Verbreitung des 'Braunbuches' über den Reichstagsbrand und anderen politischen Schriften.« [22] In Madrid versuchten sie ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, indem sie antifaschistische Literatur vor und in deutschen Buchhandlungen, Clubs oder Restaurants verkauften. Die deutsche Botschaft intervenierte, so daß ihnen ein Haus- und Verkaufsverbot erteilt wurde. [23]

Die Gruppe DAS in Barcelona

Spanien war das einzige Land Europas, in dem die Anarchisten eine dominierende Kraft in der Arbeiterbewegung waren. Im Gegensatz zur westeuropäischen Arbeiterbewegung fand die Theorie des Anarchismus in Spanien einen fruchtbaren Boden.

Die Gruppe DAS in Barcelona gründete sich wie andere Emigrantengruppen in Stockholm, Amsterdam und Paris, nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Sie setzte sich aus den von Hitler verfolgten anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Militanten zusammen. Die Gruppe DAS von Barcelona befand sich seit ihrer Gründung 1933 in einer sehr schwierigen Lage, da die Verfolgung der anarchistischen Bewegung in Spanien einen Aufbau der Gruppe und die Kontaktaufnahme erschwerte. Die spanischen Anarchisten befanden sich in der Illegalität nach den Januar-Dezember Aufständen. Die hohe Anzahl der politischen Gefangenen, besonders nach der Niederschlagung des Bergarbeiteraufstandes 1934 in Asturien, stürzte die Familien in Hunger und Elend. [24] Dazu kam die generelle ökonomische Situation. Schon vor 1933 gab es eine hohe Arbeitslosigkeit in Barcelona. Der Staat zahlte kein Arbeitslosengeld und die CNT hatte kaum finanzielle Mittel, um ihre Mitglieder zu unterstützen. Die wachsende Zahl der Emigranten in Barcelona hatte trotz legaler Einreise Probleme, eine Arbeit zu finden.

Schwierig gestaltete sich auch der Neuanfang für Arthur Lewin und seine Frau Martha (Wüstemann) aus Leipzig, in Barcelona. Arthur Lewin emigrierte 1933 nach Barcelona. In Barcelona arbeitete er für eine Firma, die Firmenschilder und Werbematerial herstellte, als Schriftenzeichner. [25] Ein Jahr nach seiner Emigration folgte ihm seine Frau Martha mit ihrem gemeinsamen Kind. Als Anlaufstelle diente die Wohnung von Helmuth Rüdiger, einem der wichtigsten Theoretiker des deutschen Anarchosyndikalismus und seiner Frau Dorothea Rüdiger. 1933 emigrierten die Rüdigers nach Spanien, beide waren FAUD-Mitglieder, und Dorothea gehörte dem syndikalistischen Frauenbund an. Ihre Schwägerin Irma Götze und ihr Mann Ferdinand Götze folgten ihnen Anfang 1935. [26]

Martha Wüstemann (Lewin) trug zum Lebensunterhalt der Familie bei, indem sie zunächst bei deutsch-jüdischen Familien Wäsche wusch; kurzzeitig konnte sie auch, gedeckt durch ein spanisches Dienstmädchen, als deren Gehilfin bei reichen Spaniern unterkommen. Später fand sie eine Anstellung in der Textilbranche in Barcelona. Ihr Mann ging nach Madrid, nachdem die Firma, in der er beschäftigt war, seinen Lohn kürzte. Er sah seine Familie in Barcelona nur selten und kehrte erst kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs dorthin zurück. [27] Martha Wüstemann (Lewin) erinnert sich an diese Zeit: »Man hatte wirtschaftlich schwer zu kämpfen, jeder mußte auf seine Art durchkommen. Man habe sich Solidarität erwiesen, aber nicht 'schmarotzt'.» [28]

Für die deutschen Anarchisten erwiesen sich nicht nur die sprachlichen Barrieren als schwierig, sondern auch die praktischen Beziehungen zu den Syndikaten. Nach den FAUD-Statuten schlossen sich die arbeitenden Emigranten den entsprechenden Berufssyndikaten der CNT an, aber für die meisten Emigranten war es ein rein formaler Akt, ohne einen praktischen Bezug zu der Organisation. [29]

Aber es gab auch andere, wie Martha Wüstemann (Lewin), die es als ihre Chance sah, sich zu integrieren und Kontakt zu einheimischen Gesinnungsgenossen zu suchen. Sie hatte Kontakt zu »Juventudes Libertarias«, der Jugendorganisation der CNT. Ihre Tochter schulte sie in die katalanische Staatsschule »Esquella Industrial« ein. Sie nahm an den gesellig-politischen Ausflügen der Jugendorganisation der CNT teil. Durch ihre Kontakte war sie bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs in die revolutionären Aktivitäten der CNT und ihrer Jugendorganisationen voll integriert. [30]

Doch der größte Teil der Gruppe DAS lebte sein eigenes Leben und im Vordergrund stand die eigene Existenzsicherung. Auch die Herausgabe der Zeitschrift »Die Internationale«, Anarchosyndikalistisches Organ, herausgegeben vom Sekretariat der I.A.A, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es an gemeinsamen politischen Aufgaben mangelte und fast alle DAS Mitglieder isoliert voneinander ihr Leben bestritten. Erschwerend kam das Fehlen einer Zusammenarbeit zwischen CNT und der Gruppe DAS hinzu. [31]

H. Rüdiger schreibt in einem Brief an R. Rocker und Mollie Steimer: »Unser einer fühlt sich hier oft als 'unerwünschter Ausländer' (...) Tragisch ist, daß man selbst als Flüchtling von der spanischen Bewegung als Organisation nicht die geringste materielle Hilfe oder auch nur Beistand bei der Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten erhalten kann. In diesem Punkt besteht 100% Desinteresse.« [32]

Auch als im August 1934 eine Versammlung gegen den deutschen Faschismus stattfand, zeigten die spanischen Genossen keinerlei Interesse für die Veranstaltung. [33]

Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild über den sozialen Zusammenhalt der Mitglieder der Gruppe DAS: »Recht und schlecht existierte also die Gruppe DAS bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs, ein Zentrum der Kommunikation und doch zerrissen durch persönliche Streitereien und endlos-fruchtlose Diskussionen über die spanischen Vorgänge, die sie nicht beeinflussen konnten, und die Schreckensnachrichten über die Verfolgung der Gesinnungsgenossen in Deutschland, bei denen sie ebenso ohnmächtige Zuschauer blieben.« [34]

Die anderen politischen Gruppierungen

Bereits im Sommer 1933 gab es zumindest in Barcelona einen kleinen linken Zirkel. Am 1. Juni 1933 erschien die Zeitschrift »Der Antifaschist«. Diese Zeitschrift erschien 14-tägig in spanischer und deutscher Sprache. Parteipolitisch war die Zeitschrift nicht festgelegt, obwohl die Tendenz zu kommunistischen und linkssozialistischen Positionen erkennbar war. Die Themen in dieser Zeitschrift behandelten überwiegend das »Dritte Reich«, die Aktivitäten der Nationalsozialisten im Ausland und beschäftigten sich mit der auslandsdeutschen Kolonie in Spanien. [35] Der Herausgeber war Ludwig Stautz. [36] Die Emigranten, die politisch organisiert waren und über die entsprechenden Kontakte verfügten, wurden von den spanischen Parteien, Gewerkschaften und Verbänden unterstützt.

Vor Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 lebten etwa 40 bis 60 deutsche Kommunisten in Barcelona. Kleinere Gruppen von Kommunisten gab es auch in Madrid, wahrscheinlich auch in anderen größeren Städten. [37]

Die deutschen Kommunisten lebten in einem eher unauffälligen Emigrantenmilieu. Dies hing damit zusammen, daß bis zum Beginn des Spanischen Bürgerkriegs die spanische KP (PCE) völlig unbedeutend war. Im Gegensatz zu Deutschland fehlte der spanischen kommunistischen Partei eine Massenbasis. Sie war zwar Teil der kommunistischen Komintern und ähnlich im organisatorischen Aufbau gegliedert, aber sie hatte keinen nennenswerten politischen Einfluß bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, auch wenn die Komintern zum Aufbau der kommunistischen Partei Spaniens Mitglieder der KPD nach Spanien schickte. Zum Beispiel sollte die Publizistin Magarete Buber-Neumann aus Potsdam im Februar 1933 unter dem Decknamen Else Henk für die Komintern in Madrid tätig sein. [38]

Die Zusammensetzung der Kommunisten war heterogen und bildete in Barcelona ein relativ geschlossenes Milieu mit eigenen Strukturen von Beziehungen und einer gleichfalls charakteristischen Subkultur. [39] Die kommunistischen Emigranten setzten sich aus Kommunisten zusammen, die offen zu ihrer Parteizugehörigkeit standen und die, soweit es das Umfeld ermöglichte, politisch aktiv waren. Eine Gruppe von organisierten Kommunisten bildete das 1935 gegründete »Thälmann-Befreiungskomitee«. [40] Dieses Komitee organisierte Demonstrationen vor der deutschen Botschaft in Madrid und Barcelona. [41] Zur KP-Gruppe Barcelona gehörte auch Golda Friedemann, die, wie bereits erwähnt, aus rassischen und politischen Gründen 1934 nach Barcelona emigrierte. Sie beteiligte sich aktiv an den Vorbereitungen für die Volksolympiade. [42] Die Volksolympiade war als Gegenveranstaltung für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin geplant.

Es gab aber auch Kommunisten, die ihre Parteizugehörigkeit nicht zugaben und konspirativ arbeiteten, indem sie Kundschafter für die Komintern oder andere kommunistische Stellen waren. Es waren Spitzel, die das Emigrantenmilieu observieren sollten. [43]

Bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs hatten sie eine unbedeutende Rolle. Im Verlauf des Spanischen Bürgerkriegs etablierten sie sich aufgrund ihrer Sprach- u. Landeskenntnisse zu Funktionseliten. Zu einem der bedeutendsten NKWD-Agenten wurde Alfred Herz. Alfred Herz emigrierte von Amsterdam 1934 nach Barcelona. In Barcelona hatte er wahrscheinlich eine Buchhandlung für deutsche und ausländische Literatur, die ihm ermöglichte, Kontakt zu den verschiedenen Emigrantenmilieus aufzubauen. Aufgrund seines Wissens erlangte er die Funktion eines Polizeichefs, Vernehmungs- und Folterspezialisten. Er war verantwortlich für die Verfolgungen aller nicht »linientreuen« Kommunisten vom Herbst 1936 bis zum Sommer 1937. Ihm oblag die Aufgabe, Trotzkisten, Anarchisten, Sozialdemokraten und »abtrünnige« Kommunisten auszuschalten. Bei dieser Aufgabe war ihm seine Frau Käthe Herz behilflich. Sie arbeitete mit ihrem Mann zusammen bei der Verfolgung von Deutschen, die auf der »Schwarzen Liste« standen. Auch Gertrud Schildbach avancierte zur NKVD-Agentin. [44]

Ein Teil der Emigranten gehörte den deutschen Splitterparteien wie der Sozialistischen Arbeiterpartei und der kommunistischen Opposition an, oder es waren Trotzkisten. Beispielsweise Auguste Marx. Sie war Mitglied der sozialistischen Arbeiterjugend und der SAP. [45] Eva Sittig-Laufer war Mitglied der KPO. [46] Die Mitglieder dieser Splittergruppen organisierten sich in der spanischen POUM, wie z.B. die beiden oben genannten Frauen.

Schließlich gab es noch Emigranten, die der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) angehörten und nach der Machtübernahme der NSDAP ebenfalls ins Exil gezwungen wurden. Eine von ihnen war die Journalistin Ilse Wolf de Reviera. Sie emigrierte 1935 nach Spanien. Die spanische Schwesterpartei PSOE hatte ihre eigentliche Machtbasis in dem von ihr kontrollierten Gewerkschaftsverband UGT. Die internen Streitigkeiten zwischen PSOE und UGT führten zu einer tiefen Spaltung und Handlungsunfähigkeit bei Ausbruch des Bürgerkriegs. Historische und national bedingte Unterschiede lassen einen Vergleich kaum zu. Die PSOE war nicht nur viel jünger als die SPD, sie hatte auch niemals eine annähernde Anhängerschaft wie die Deutsche Sozialdemokratische Partei Deutschlands. [47]

Es ist anzunehmen, daß die historisch nationalen Unterschiede der PSOE und SPD, das Desinteresse der Exil-SPD und die internen Konflikte zwischen PSOE und UGT den Aufbau bzw. die Existenz eines sozialdemokratischen Emigrantenmilieus verhinderten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mühlen : Spanien war ihre Hoffnung, S. 35-36.
[2] Ebenda, S. 36.
[3] Lacina, Evelyn: Emigration 1933-1945. Sozialhistorische Darstellung der deutschsprachigen Emigration und einige ihrer Asylländer aufgrund ausgewählter zeitgenössischer Selbstzeugnisse, Stuttgart 1982, S. 26.
[4] Steinbach, Peter: Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, Paderborn, München, Wien, Zürich 1994, S. 126.
[5] Schreiben der Gestapoleitstelle Düsseldorf vom 3.12.1937, zur Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit; HStAD: RW58-47767.
[6] Schreiben der Gestapoleitstelle Düsseldorf vom 8.6.1939, zur Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit; ebenda: RW58-64581.
[7] Steinbach: Widerstand im Widerstreit, S.126.
[8] Undatierter Lebenslauf von Antonie Stemmler; Privatarchiv: Kormes.
[9] Vgl. Kurzbiographien im Anhang.
[10] Vgl. Lataster-Czisch: Eigentlich rede ich nicht gern über mich, S. 228 ff.
[11] Vgl. Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration, Bd. 2, S. 107.
[12] Undatierter Lebenslauf von Hilde Friedmann (Cahn-Lohner); Privatarchiv: Kormes.
[13] Walter, Hans-Albert: Deutsche Exilliteratur, Bd. 1, Darmstadt 1972, S. 199.
[14] Steinbach: Widerstand im Widerstreit, S. 127.
[15] Vgl. Kurzbiographien im Anhang.
[16] Abschrift des Lebenslaufes von Golda Friedemann vom 26.5.1972, Berlin; SAMPO-Barch: NL 72/176. - Kader-Akte; ebenda: I 2/3/86 Bl. 164.
[17] Vgl. Degen, Hans-Jürgen / Haug, Wolfgang / Linse,Ulrich / Nelles, Dieter: Kurzbiographien von deutschen bzw. deutschsprachigen Anarchisten und Sympathisanten im Spanischen Bürgerkrieg 1936 (Mskr.).
[18] Walther Rathenau, geb. 29.9.1867 in Berlin Anfang 1922 wurde er Reichsaußenminister und schloß im April 1922 den Rapollo-Vertrag mit Sowejtrußland. Als sogenannter »Erfüllungspolitiker« wurde er von der Deutschnationalen Volkspartei angegriffen, und schließlich von jungen rechtsradikalen Offizieren am 24.6.1922 in Berlin erschossen, vgl. Das große Universal-Lexikon in vier Bänden, München 1964, Bd. 3, S. 671.
[19] Vgl. Kroger, Marianne: »Ich nehme an, dass ich und meine Arbeit Ihnen nicht ganz unbekannt sein dürften« - Lebenswerk und Lebenslauf der österreichischen-jüdischen Schriftstellerin Etta Federn-Kohlhaas 1883-1951 (Mskr.).
[20] Undatierter Lebenslauf von Olga Ewert; SAMPO-Barch: EA 1306 Bl. 1-2.
[21] Undatierter Lebenslauf von Lisa Freud; Privatarchiv: Kormes.
[22] Vgl. Schlenstedt: Exil und antifaschistischer Kampf in Spanien, S. 191.
[23] »Die Zahlenangaben liegen zwischen 2000 und 3000 für Barcelona und für ganz Spanien ungefähr bei 4000 Personen.«, zit nach Mühlen: Fluchtweg Spanien-Portugal, S. 59.
[24] Ebenda, S. 62. - Ders.: Spanien war ihre Hoffnung, S. 42.
[25] Vgl. ebenda.
[26] Vgl. Schuhmann / Auweder: Triumph und Scheitern des Anarchismus im Spanischen Bürgerkrieg, S. 131.
[27] Vgl. Linse, Ulrich: Die Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS) in Spanien (Mskr.), S. 3.
[28] Vgl. Degen / Haug / Linse / Nelles: Kurzbiographien von deutschen bzw. deutschsprachigen Anarchisten (Mskr.). Ferdinand Götze war Delegierter der FAUD für Leipzig beim 18. Kongreß der FAUD 1932 in Erfurt, vgl. ebenda. - Sowie undatiertes Schreiben über aktive einflußreiche DAS-Mitglieder; AHN: Seccion P.S. Barcelona, carpeta 13.
[29] Vgl. Linse: Die Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS) in Spanien (Mskr.), S. 3.
[30] Vgl. Alino (Wüstemann, Lewin): Als Frau in der Spanischen Revolution, S. 35.
[31] Vgl. Linse: Die Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS) in Spanien (Mskr.), S. 8.
[32] Zit. nach ebenda, S. 10.
[33] Vgl. ebenda.
[34] Ebenda, S. 12-13.
[35] Vgl. Mühlen: Fluchtweg Spanien-Portugal, S. 60. - »Es regt sich auch hier«, in: Der Antifaschist Nr.6 vom 16.7.1933. - »Für den Antifaschist«, in: Der Antifaschist Nr. 5 vom 31.7.1933.
[36] »Ludwig Stautz lebte schon seit 1930 in Barcelona, vorher lebte er in Mailand, wurde aber 'wegen kommunistischer Umtriebe' abgeschoben«, zit. nach Mühlen: Spanien war ihre Hoffnung, S. 60.
[37] Vgl. ebenda, S. 61.
[38] Vgl. Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration, Bd. 1, S. 101.
[39] Vgl. Mühlen: Fluchtweg-Spanien-Portugal, S. 61.
[40] Ernst Thälmann, geb. 16.4.1886 in Hamburg. 1924 war er kommunistisches Mitglied im Reichstag. 1925 war er Vorsitzender der KPD. Ab 1933 befand er sich im KZ-Buchenwald, wo er am 28.8.1944 ermordet wurde, vgl. Das große Universial-Lexikon Bd. 4, S. 353.
[41] Vgl. Mühlen: Fluchtweg Spanien-Portugal, S. 61.
[42] Lebenslauf von Golda Friedemann,vom 26.5.1972; SAMPO-Barch: NL 72/176.
[43] Vgl. Mühlen: Spanien war ihre Hoffnung, S. 171.
[44] Die Bedeutung, die Alfred Herz für das Schicksal vieler Emigranten hatte, wird ausführlich behandelt ebenda, S. 168-177.
[45] Vgl. Degen / Haug / Linse / Nelles: Kurzbiographien von deutschen bzw. deutschsprachiger Anarchisten (Mskr).
[46] Vgl. Sittig-Laufer: An den Fronten des Spanischen Bürgerkriegs, S. 30-31.
[47] Vgl. Mühlen: Spanien war ihre Hoffnung, S. 112, in dieser Studie werden die verschiedenen deutschen Parteien und die Verbindungen zu den spanischen Schwesternparteien detailliert dargestellt.

Aus:
Schwarzer Faden Nr. 69 (3/1999)

Gescannt von anarchismus.at


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