Axel Berger - Trüffelschwein der Neuen Linken (Buchbesprechung)

Vor 60 Jahren erschien die erste SouB – eine der wichtigsten Zeitschriften für die APO

Sie war nicht nur in Frankreich ein Mythos: Vor 60 Jahren, im März 1949, erschien die erste Nummer der Zeitschrift »Socialisme ou Barbarie« (SouB) der gleichnamigen politischen Gruppe. Wie keine andere Gruppierung prägte das Redaktionskollektiv um Cornelius Castoriadis den Übergang von einer traditionellen zu einer neuen radikalen Linken. Einige neue Veröffentlichungen rufen in Erinnerung, wofür die Gruppe stand.

Viele Jahre nach der Auflösung der Gruppe und ihrer Zeitschrift im Jahr 1967 bemerkte Cornelius Castoriadis spöttisch: Angesichts der Prahlerei vieler Pariser Intellektueller, bei »Socialisme ou Barbarie« mitgearbeitet zu haben, müsse man sich im Nachhinein wundern, warum die Gruppe nicht 1957, auf dem Höhepunkt ihrer organisatorischen Stärke, die Macht in Frankreich übernehmen konnte. Seine Bemerkung gibt sehr treffend die Bedeutung von SouB für die neue Linke in Frankreich und ihre gleichzeitige Erstarrung zur Legende wider. Basis dieser politischen Modeerscheinung war die ungeahnte Wirkung, die die in der Zeitschrift vertretenen Thesen im Pariser Mai entfalteten. Dabei überstieg ihre Auflage nie die 1000.

Vor allem die führende studentische Bewegung des 22. März bezeichnete sich in den Worten Daniel Cohn-Bendits selbst als »Plagiator der revolutionären Theorie und Praxis« von SouB. Diese Mode war allerdings schneller vorbei als die von SouB inspirierten Parolen vom »bürokratischen Kapitalismus« und der »Autonomie« von den Hauswänden getilgt werden konnten. Die Revoltierenden hatten sich lediglich aus einem begrifflichen Steinbruch bedient. In der Phase der größten Resonanz von SouB lag so auch ihre größte Niederlage: Aufgelöst am Vorabend ihrer Massenwirksamkeit verkam sie nach und nach zum Graffiti.

Die Gruppe um Castoriadis, Claude Lefort, Jean-Francois Lyotard und Claude Mothé hatte entscheidenden Anteil an der Herausbildung einer Neuen Linken. Dies lag neben den Fähigkeiten ihrer Mitglieder vor allem an ihrer langfristig angelegten theoretischen Auseinandersetzung mit dem Nachkriegskapitalismus. Die Gruppe, die zu keinem Zeitpunkt mehr als 100 Mitglieder hatte, produzierte in den 20 Jahren ihres Bestehens immerhin 40 im Buchformat gedruckte Nummern ihrer Zeitschrift. Entstanden aus einer Fraktion der französischen Sektion der trotzkistischen IV. Internationale, der Parti Communiste Internationaliste, gelang es SouB, eine über den orthodoxen Marxismus hinausweisende Radikalität zu begründen.

Die Macht der Bürokratie

Wie bei so vielen Gruppen und Theoretikern stand am Anfang dieser Entwicklung die Auseinandersetzung mit dem realen Sozialismus. Die SouB ging von einem neuen Stadium eines »bürokratischen Kapitalismus« aus, der in unterschiedlicher Form sowohl im Westen wie auch im sich herausbildenden Ostblock existiere. Dieses Stadium zeichne sich dadurch aus, dass »die Bürokratie voll die Machtbefugnisse und Funktionen der ausbeutenden Klasse« wahrnehme, wie SouB in ihrer Gründungserklärung darstellte. Es genüge insofern nicht, auf ein »ökonomistisch verengtes Modell der kapitalistischen Gesellschaftsform« zurückzugreifen, so Castoriadis. Ins Zentrum müsse viel mehr die Herrschaft der Institutionen, die sich auf alle Sphären der Gesellschaft ausdehne. Eine Mitarbeit in Partei- oder Gewerkschaftsapparaten, die in ihren Augen die Arbeiter von oben lenken, kam deshalb für die Gruppe nicht in Frage.

Das war die analytische Seite. Der »Inhalt des Sozialismus« bestand für SouB in der Autonomie der Arbeiter, die sich im Widerstand zum »bürokratischen Kapitalismus« entwickele. Mit den »témoignages« – den authentischen Selbstzeugnissen der Arbeitenden – begründete »Socialisme ou Barbarie« eine eigene Form von Aktionsforschung mit dem Ziel, die entfremdeten Arbeitsverhältnisse zu artikulieren, um sie verändern zu können. In Bezug auf die Rätebewegung und in Auseinandersetzung mit den antiautoritären Kommunisten, vor allem Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek, definierte Castoriadis Sozialismus als Entwicklung der Autonomie sowohl gegen die Ausbeutung als auch die Entfremdung. »Sozialismus heißt Autonomie«, schrieb er in einer programmatischen Schrift, »heißt, dass die Menschen die bewussten Lenker ihres eigenen Lebens sind.«

Diese inhaltliche Konzentration leitete auch die Abkehr vom Marxismus ein, die wie so vieles andere bei SouB von Castoriadis angestoßen wurde. Der bis zu seinem Tod 1997 in Paris lebende Philosoph und Psychoanalytiker stellte fest, dass es neben den Klassen- noch andere gesellschaftliche Widersprüche gibt. Entscheidend jedoch war seine Aufwertung des subjektiven Elements, das aus seiner Sicht im historischen Materialismus unterschätzt wird. Im Gegensatz zu zahllosen anderen ehemaligen Marxisten brach Castoriadis zwar mit dem Marxismus, nicht aber mit der Revolution. »Ausgehend vom revolutionären Marxismus sind wir an einen Punkt gelangt«, schrieb er später, »an dem man sich entscheiden musste, entweder Marxist oder Revolutionär zu bleiben.«

Tragischerweise war es gerade diese innovative Seite, die das Ende der Gruppe einleitete. Bereits in den 50er Jahren hatte SouB zwei Spaltungen erlebt, die mit dem Austritt einer spontaneistischen Tendenz um Lefort und Henri Simon endeten. Zu Beginn der 60er Jahre verließ auch noch eine traditionalistischere Strömung SouB. Danach verharrte die Gruppe in Apathie, die in ihrer Auflösung am Vorabend des Pariser Mai kulminierte.

So erschien SouB seit dem endgültigen Ende der 1968er-Revolte eher als Lehrwerkstatt später zu Ruhm und Ehren gekommener Ex-Mitglieder. Guy Debord und seine Situationistische Internationale übernahmen immerhin einige Analysen von SouB. Dagegen ist Lefort heute eher für totalitarismustheoretische Diskussionen bekannt und Lyotard machte als Begründer der Theorien der Postmoderne von sich Reden. Auch im Falle von Castoriadis wurden vor allem seine späteren psychoanalytischen und philosophischen Arbeiten rezipiert.

Castoriadis lesen

Galt dieses Vergessen schon für Frankreich, so existierten im deutschen Sprachraum außer kleineren Auszügen, die bei Wagenbach 1980 erschienen, keinerlei Zeugnisse der Gruppe. Andrea Gabler hat gerade die erste deutschsprachige Monographie über SouB unter dem Titel »Antizipierte Autonomie« veröffentlicht. Ihr ist zuzustimmen, dass hierzulande »SouB selbst in der undogmatischen Linken nur rudimentär wahrgenommen worden« ist. Das könnte sich nun ändern. In der letzten Zeit sind neben Gablers lesenswerter Einführung weitere Bücher zu SouB erschienen: im Verlag Edition AV bereits drei Bände mit ausgewählten Schriften von Castoriadis, die die meisten der zentralen SouB-Texte enthalten; in den letzten Nummern vom Bochumer »Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit« überdies zahlreiche Dokumente und Analysen.

Andrea Gabler: Antizipierte Autonomie. Zur Theorie und Praxis der Gruppe Socialisme ou Barbarie (1949-1967), Offizin-Verlag, Hannover 2009, 294 Seiten, 28,80 Euro

Originaltext: http://www.neues-deutschland.de/artikel/148425.trueffelschwein-der-neuen-linken.html


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