Wobbly Rebell - Amerika feiert seine Verfassung; feiern wir mit ! - oder: Die Geschichte der wiederentdeckten "Schwarzen Katze"

Seit es in der BRD zu vermehrter Teilzeitarbeit, über 2 Millionen Arbeitslosen, entgarantierter Arbeit etc. kam, entwickelten sich auch erste Ansätze von Widerstand in Jobber-Initiativen und Arbeitslosenselbsthilfegruppen. Neben den politischen Konzepten der Anarchisten, Marxisten und italienischen Autonomen werden deshalb vermehrt die wirtschaftlichen Theorie- und Praxisansätze der "Wobblies" (IWW) - deren Unionistische Organisationsform zum Vorbild für z.B. die deutsche AAU und AAU-E wurden - in die aktuelle Diskussion über Arbeit aufgenommen. Ausgehend von der ehemaligen "Karlsruher Stadtzeitung" (heute WILDCAT mit Redaktion in Berlin) verbreitete sich seitdem das Symbol der "Schwarzen Katze" und gelangte inzwischen sogar in die Publikationen der anarcho-syndikalistischen FAU. Wer und Was waren die Wobblies? Was wollten sie? Wo stehen sie heute?

Parallel zu den Verfassungsfeiern in den USA suchen wir antiideologische Elemente und damit z.B. die Geschichte der IWW vorzustellen. Der zweite Teil in SF 28 wird die aktuellere Entwicklung der IWW nach 1945 bis heute nachzeichnen.

In memoriam Jack Miller - "Jack the Agitator" (1890 - 1986)

Mit diesem Land, das sie "Amerika" nennen, war schon von jeher etwas nicht in Ordnung. In diese ominöse "Unabhängigkeitserklärung" schrieben die Herren den Schmus von Freiheit und Gleichheit und Streben nach Glück nur hinein, um die Farmer und Arbeiter dazu zu bringen, dass sie im "Revolutionskrieg" für die Grundbesitzer und die wachsende Bourgeoisie kämpften. Und nach ihnen kamen andere, die für Amerikkka kämpften...

Amerika ist ein blutlechzender Moloch, der Menschen schindet, schändet, frisst. Amerika ist Karbolsäure und Giftvisage, tritt ein für Verbrechen an der Menschlichkeit und jegliche Form der Niedertracht und Schandtat. Amerika ist das Land der Halunken und Sklaventreiber und Spekulanten, die die unbegrenzten Möglichkeiten weidlich ausschöpfen, um auf ihrem Marmorthron zu kommen und dort zu bleiben.

Amerikas Sohn, Andrew Carnegie wurde 1835 als Sohn eines Webers in Schottland geboren, kam als dreizehnjähriger in die USA, arbeitete in einer Fabrik, war Botenjunge bei einer Telegraphenfirma, stieg in der Hierarchie auf, glaubte an das Evangelium des Dollars, erwarb durch Spekulationen und Verwertung fremder Erfindungen und Verminderung der Produktionskosten ein riesiges Vermögen und starb 1919 als millionenschwerer Mann. Wann immer er genug Arbeiter ausgebeutet hatte und sein Bankkonto überquoll, stiftete er Stipendien für Professoren und Bibliotheken für all jene, die Zeit zum lesen hatten.

Die amerikanischen Sirenen lockten viele Immigranten an, auf die Elend und Armut warteten. Ein Viertel aller Arbeiter verdiente weniger als zehn Dollar in der Woche; die Hälfte aller ArbeiterInnen musste sich für weniger als sechs Dollar wöchentlich verdingen. Männer, Frauen, Kinder wurden in den Fabriken ausgezehrt, verkrüppelt oder gar ermordet. Die Familien wurden in schmutzige, schäbige Mietskasernen gepfercht, mussten ihre dunklen, stickigen Zimmer mit Schaben, Termiten, Flöhen, Maden, Zecken und Schmeissfliegen teilen. Sie standen früh am Morgen auf, schufteten den ganzen Tag über, rackerten sich für ein bisschen Fleisch, Speck, Brot, Zucker, Tee ab, und hatten sie am Zahltag ihre Schulden beim Kaufmann beglichen, konnten sie ihre Taschen so oft drehen und wenden wie sie wollten: Kein Cent blieb ihnen mehr und die Schufterei begann von neuem. Die Geldtiger und Trustokraten, die in Amerika das Sagen hatten, kümmerte es nicht, wenn die Lohnsklaven hungerten, froren, starben. Der Profit wog die Menschenleben auf.

Amerikas Arbeiterfürst Samuel Gompers wurde 1850 in London geboren, fuhr als dreizehnjähriger mit seiner Familie auf einem Auswandererschiff nach New York, schloss sich der Zigarrenarbeiter-Gewerkschaft an, buckelte sich dort nach oben und gründete 1881 den Gewerkschaftsverband American Federation of Labor. Bis zu seinem Tod 1924 schwang er fast ununterbrochen das Zepter dort. Eine amerikanische Karriere.

In der AFL, dem exklusiven Club mit den hohen Aufnahmegebühren, organisierten sich nur die privilegiertesten Facharbeiter, für die Arbeitersolidarität ein Fremdwort war und die nur an den eigenen Vorteil und ein angenehmes Leben im Kapitalismus dachten. Die AFL wurde ein mächtiges Berufs-Syndikat, das mit den Unternehmen kollaborierte, um diesen die Facharbeit so teuer wie möglich zu verkaufen. Die ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen sollten von dieser Torte kein Stück abbekommen. Sammy Gompers wollte den Kapitalisten nichts Böses. Er wollte Harmonie, und sie dankten es ihm. Ein Aristokrat biss dem anderen nicht die Hand ab.

IWW

Am 27. Juni 1905 fanden sich etwa 200 Männer und Frauen aus der radikalen Arbeiterbewegung zu einer Konferenz in Chicago ein, um den revolutionären Gewerkschaftsverband Industrial Workers of the World (IWW) ins Leben zu rufen.

"Die Arbeiterklasse und die Unternehmerklasse haben nichts gemein", hiess es kategorisch in der IWW - Präambel, in der die Prinzipien ihres Handelns genannt wurden. "Es kann keinen Frieden geben, solange Hunger und Not unter Millionen von Arbeitern anzutreffen sind und die wenigen, die die Unternehmerklasse bilden alle guten Dinge des Lebens besitzen". Das System der Aufteilung der Arbeiterschaft nach Berufen, wie es von der AFL betrieben wurde, spaltete die Arbeiterklasse und arbeitete so den Ausbeutern mit ihren riesigen Trusts und Korporationen in die Hände. Industriegewerkschaften mussten gebildet werden, in denen alle Arbeiter und Arbeiterinnen gemeinsam kämpften, solidarisch handelten, den Klassenkampf vorantrieben (dies kennzeichnet das "unionistische" im Gegensatz zum "anarchosyndikalistischen" Organisationsmodell, der Betrieb z.B. wird zum Organisationsmassstab, nicht mehr der Beruf; Anm. SF Red.) mit dem Ziel, das Lohnsystem abzuschaffen, den Staat zu zerschlagen, denn er war eine kapitalistische Institution, die der Terrorisierung der Arbeiterklasse diente.

Eine neue Gesellschaft in der Schale der alten wollten die Revolutionäre erbauen. Dazu wollten sie weder auf Wahlstimmenfang noch auf die Barrikaden gehen. Die neue Gesellschaft wollten sie durch einen Generalstreik erreichen, der das öffentliche Leben gänzlich zum Erliegen brächte und die Ausbeuter zwänge, die Produktionsmittel an die Arbeiter und Arbeiterinnen zu übergeben, die forthin ihre Betriebe in Selbstverwaltung führten und die Produktion an den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen orientierten.

Sabotage

Die Wobblies - wie die Mitglieder der IWW genannt wurden - waren revolutionäre Syndikalisten. Sie propagierten und praktizierten die Direkte Aktion und die Sabotage. Damit verschafften sie sich nicht nur Freunde. Auch bei der Linken nicht. Bill Haywood hatte als Junge sein rechtes Auge verloren, als er beim schnitzen einer Schleuder mit dem Messer ausgerutscht war, hatte die Kämpfe der Bergarbeiter im Westen organisiert und hatte die IWW mitbegründet. Bill Haywood war ein Wobbly in der Sozialistischen Partei, aber allzu lange duldeten ihn die Parteisozialisten dort nicht, denn sie glaubten an die Magie des Stimmkastens, der für Wobblies nur ein Rasselkasten, ein Spielzeug für Kinder war. In einer Rede in New York sagte Bill Haywood: "Ich glaube an die direkte Aktion. Wenn ich wollte, dass etwas getan würde und ich es tun könnte, würde ich diesen Job nicht an irgend jemanden delegieren". Und er sagte, er kenne nichts, was den Arbeitern soviel Befriedigung bringen wie dem Boss Furcht einflössen könne als "ein wenig Sabotage am richtigen Ort zur passenden Zeit". Sie werde die Arbeiter nicht verletzen, lähme aber den Boss. Was er unter Sabotage verstand, führte er nicht aus. "Findet heraus, was sie bedeutet", sagte er. Das genügte und er wurde aus der Partei ausgeschlossen wie auch jedes andere Mitglied, "das gegen politische Aktion auftritt oder Sabotage oder andere Methoden der Gewalt als eine Waffe der Arbeiterklasse befürwortet", wie es in einem Parteitagsbeschluss hiess. Von der Gewalt der blutrünstigen Ausbeuter, die schon Kinder versklavten und Menschen, die nur für ihr Recht kämpften und streikten, von den Schergen der Polizei, Nationalgarde und Armee niedermetzeln liessen, sprachen sie nicht.

Eugene V. Debs war kein Syndikalist, aber ein revolutionärer Sozialist. Augustin Souchy nannte ihn einen "Sozialisten von altem Schrot und Korn", der "vom Parlament noch Vorteile für die Arbeiterschaft" erwartete. Debs war Mitbegründer der IWW, und er empfand den Ausschluss von Haywood und den anderen als zu hart, doch die direkte Aktion und die Sabotage schmeckten auch ihm nicht recht. Er glaubte darin den Geist John Mosts und dessen "Propaganda der Tat" zu entdecken. Wenn er an die "Doktrin der Gewalt und Zerstörung" glaubte, sagte Debs, würde er sich den Anarchisten anschliessen und solche Taktiken sowohl propagieren als auch praktizieren - Taktiken, die in den Augen des alten Eisenbahners nicht revolutionär, sondern reaktionär waren. "Wenn Sabotage und direkte Aktion, wie ich sie interpretiere, den Taktiken der Sozialistischen Partei einverleibt würden, wäre dies sofort das Signal für alle Agents provocateurs und Polizeispitzel im Lande, der Partei beizutreten und tätig zu werden". Überhaupt stosse die Sabotage "den amerikanischen Arbeiter" ab, meinte Debs.

Aber da irrte er sich ganz beträchtlich. Die Sabotage stiess keinen Arbeiter und keine Arbeiterin ab. Die Sabotage war nicht kriminell und verwerflich, sondern notwendig. Emma Goldmann sagte sie sei "ethisch im besten Sinne, denn sie hilft der Gesellschaft, ihren schlimmsten Feind, den schädlichsten Faktor des sozialen Lebens loszuwerden". "Der Streik ist die offene Schlacht des Klassenkampfes", schrieb Elizabeth Gurley Flynn, die die Wobblies das Rebel Girl nannten, "die Sabotage ist der Guerillakrieg zwischen sich zwei sich gegenüberstehenden Klassen". Sabotage bedeute einfach die Zurückhaltung der Produktionseffizienz: Bei der Arbeit wurde geschlampt, gepfuscht, das Arbeitstempo heruntergedrückt, die Qualität der Produkte beeinträchtigt. "Sabotage ist eine unfaire Tagesarbeit für einen unfairen Tageslohn. Sie ist der Versuch des Arbeiters, seine Produktion im Verhältnis zu seinem Lohn zu beschränken". Die Sabotage traf den Boss dort, wo er am verletzlichsten war, wo es um seine Profite ging. Und sie war weitaus ungefährlicher als ein Streik, der oft blutig verlief. Die Sabotage war eine defensive Taktik, die die Arbeiter und Arbeiterinnen vor den Rachegelüsten der Kapitalisten weitgehend schützte, denn sie verlief im Verborgenen.

Blackcat

Die Wobblies waren erstaunlich gewaltlos in einer überaus gewalttätigen Zeit. Obwohl die Hetzkampagnen der kapitalistischen Presse das Gegenteil behaupteten, strebte die IWW in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht danach, kapitalistisches Eigentum zu zerstören. Tom Scribner, ein IWW Aktivist aus dem Westen erzählte: "Es gab in der IWW eine Gruppe, die wir mit Schimpfnamen wie ‚Sabcats' und ‚Blackcats' und dergleichen belegten. Sie glaubten an das Zertrümmern von Maschinen. Wir stritten uns mit ihnen und sagten: Ihr Kerle seid verrückt. Ihr sprengt und zerstört Material, das wir wiederaufbauen müssen, wenn wir übernehmen. Wir wollen diese Arbeiter organisieren und die Produktionsmittel übernehmen, nicht sie zerstören".

Frauen - Farbige

Die IWW schloss niemanden wegen seiner Überzeugung, wegen seines Geschlechts, wegen seiner Sprache, wegen seiner Hautfarbe aus. Sie wollte die gesamte Arbeiterklasse organisieren, denn die "ökonomischen Interessen aller Arbeiter, seien sie weiss, schwarz, braun oder gelb, sind identisch, und alle sind im Programm der IWW einbezogen. Sie hat ein Programm für die gesamte Arbeiterklasse - die Abschaffung des Lohnsystems". Die niedrigen Beitrittsgebühren und Mitgliedsbeiträge erlaubtem jedem Arbeiter und jeder Arbeiterin, der IWW beizutreten. Das war ein wichtiger Grundsatz, denn jeder nichtorganisierte Arbeiter war ein potentieller, wenn nicht gar ein tatsächlicher Streikbrecher, der den Interessen der Arbeiterklasse wie auch seinen eigenen schadete.

Die Wobblies bemühten sich, auch Afro-Amerikaner zu organisieren. Nicht nur im "freien" Norden, auch im tiefsten rassistischen Süden warben sie für die One Big Union, und da sie von der Überzeugung erfüllt waren, dass alle Menschen die gleichen Rechte geniessen sollten, weigerten sie sich, segregierte Ortsgruppen zu bilden, in denen die Afro-Amerikaner von den Weissen fein säuberlich getrennt wurden. Mit dieser radikalen Opposition gegen weit verbreitete Rassenvorurteile waren die Wobblies ihrer Zeit weit voraus.

Aber auch sie - wie viele Radikale jener Zeit - erkannten die "Rassenfrage" nicht als eine besondere Frage an und scherten die Probleme der afro-amerikanischen Arbeiter mit denen aller Arbeiter über denselben ökonomischen Kamm. Sie redeten von der unterjochten Arbeiterklasse, aber nicht von den wegen ihrer Rassenzugehörigkeit unterdrückten Afro-Amerikanern, die in einer von Weissen dominierten Gesellschaft leben mussten. Die weissen männlichen Wobblies betrachteten die Afro-Amerikaner, ebenso wie die Frauen, lediglich als Ausgebeutete des kapitalistischen Systems, deren Probleme sich mit der Abschaffung des Lohnsystems in Nichts auflösen würden. Damit machten sie sich die Sache zu einfach. Rassismus und Sexismus waren nicht nur ökonomisch begründet, würden sich nicht einfach mir nichts, dir nichts verflüchtigen, wurde der Viper Kapitalismus der Kopf abgeschlagen. Die Sache war komplexer, als es sich die weissen, männlichen Wobblies vorstellten. Sie machten sich über diesen Punkt aber nur wenig Gedanken.

Jobber

Der IWW gelang es nicht, die konservativen Kollaborateure der AFL auszuschalten. Die Abwerbung einzelner Berufssyndikate führte zu nichts. So entschloss sich die IWW, sich den ungelernten Arbeitern, den umherziehenden Holzfällern, Bauarbeitern, Bergarbeitern und Erntearbeitern zuzuwenden, die von Job zu Job wanderten, zehn bis zwölf Stunden täglich für einige Tage hier und einige Tage dort schufteten und in primitiven, abscheulichen Lagern leben mussten, wo es oft kein Stroh, noch weniger Matratzen gab, wo das Essen erbärmlich, zuweilen ungeniessbar war, wo es keine Waschgelegenheiten, aber Läuse und Wanzen gab.

Die Bosse dachten nur an den Profit, und auch die Farmer interessierte nur, dass die Ernte rasch eingefahren wurde. Männer, Frauen und Kinder, die auf jeden Job angewiesen waren, arbeiteten oft zwölf Stunden am Tag auf den Erntefeldern in der prallen Sonne und wurden mit einem Hungerlohn abgespeist. Diese Arbeiter und Arbeiterinnen wurden nicht besser als das Vieh behandelt. Eher erging es ihnen noch schlechter.

Westlich des Mississippi schwärmten die Wobblies aus, um an den Strassenecken und vor den Personalbüros zu agitieren, um öffentlich zu machen, wie miserabel die Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Menschen waren. Von überall kamen die Wobblies mit den Güterzügen heran und klagten ihr vor der US-Verfassung garantiertes Recht auf freie Meinungsäusserung ein, das ihnen aber von den Kapitalisten streitig gemacht wurde. Sie wurden in die Gefängnisse geworfen, aber immer neue Wobblies eilten heran, die ihrerseits verhaftet wurden. Es dauerte nicht allzu lange, da waren die Gefängnisse überfüllt, zusätzliche Freunde der Kapitalisten in Polizeiuniformen mussten Dienst schieben, und immer mehr Gefängniskost musste herangekarrt werden, aber die meisten Städte konnten sich die steigenden Kosten nicht leisten, so dass die Wobblies entlassen wurden und in eine andere Stadt zogen.

Niemand sagte einem Wobbly, er müsse in eine bestimmte Stadt fahren. Er machte sich auf den Weg, weil das Unrecht, das einem Wobbly zugefügt wurde, ein Unrecht gegen alle Wobblies war. Wann immer sie gefragt wurden, wer ihre Rädelsführer seien, riefen sie, sie hätten keine Führer, sie alle seien Führer. "Wir meinten genau das", sagte Jack Miller. "Das bedeutete nicht, dass wir nicht anerkannten, dass jemand ein besserer Redner oder Organisator oder besser in diesem oder jenem sein könnte, aber sie hatten keine Autorität. Niemand schickte einen IWWler jemals irgendwohin, um irgend etwas zu tun". Mit bewundernswerter Hingabe widmeten sie sich ihrer Sache, nahmen viele Risiken in Kauf, und nicht selten waren sie mit der übelsten Gewalt jener konfrontiert, die von sich sagten, sie seien die wahren Amerikaner.

Vigilanten, von denen es in Amerika nicht wenige gab, überfielen, wie Emma Goldmann berichtete, im Jahre 1912 das IWW Quartier in San Diego, zerschlugen in einer beispiellosen Randale die ganze Einrichtung, zerrissen Broschüren und Zeitungen und griffen sich die Wobblies, die sich zu dieser Stunde dort aufhielten. Unter Flüchen und Schlägen wurden sie zu einem Platz getrieben, an dem ein Fahnenmast errichtet worden war. Die Wobblies mussten sich niederknien, den Sternenbanner küssen und die Nationalhymne singen, woran sich eine allgemeine Knüppelei anschloss. Danach wurden sie in Autos geladen und zu einem Rinderpferch gekarrt, wo sie achtzehn Stunden lang ohne ein Stück Brot und ohne einen Schluck Wasser ausharren mussten. Am nächsten Morgen wurden sie in Fünfer-Gruppen herausgeholt und mussten ein Spiessrutenlaufen über sich ergehen lassen. Knüppel und Totschläger sausten auf sie nieder, und sie mussten wieder den ‚Banner der Freiheit und Demokratie' küssen. Nach dieser Tortur sagten die Vigilanten ihnen, sie sollten verschwinden und sich hier nie wieder blicken lassen. Die Polizei stand ruhig daneben und feixte sich eins. So wurde mit uneinsichtigen, unamerikanischen Trotzköpfen umgesprungen, die an den kapitalistischen Segnungen des American Way of Life keinen Geschmack finden konnten.

Mobilität und Kampf

Die IWW kämpfte für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, und für die Revolution. Im Osten wie im Westen. Viele Taktiken, die die IWW erstmalig anwandte, fanden bald Einzug in das Arsenal der Arbeiterbewegung in den USA. Doch es gelang ihr nicht eine permanente Organisation im ganzen Land zu bilden. Die Wobblies "zeichneten sich in der Bildung von fliegenden Einsatzgruppen aus, sie improvisierten grossartig. Sie waren bessere Agitatoren und Propagandisten als Organisatoren. Sie unternahmen keine einzige systematische Organisierungskampagne, die doch das einzige Mittel war, in Basisindustrien wie die Eisenindustrie einzudringen. Die Streiks waren für sie vor allem Gelegenheiten, ihre revolutionären Gedanken zu verbreiten. Sobald der Kampf gewonnen war, wechselten sie den Ort, ohne bleibende Spuren zu hinterlassen. Die permanente Organisation interessierte sie nicht. Sie waren benachteiligt durch ihre Weigerung, Verträge zu unterzeichnen, beständige Beziehungen mit den Unternehmern zu unterhalten, einen Mechanismus zu schaffen, der erlaubte, die Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern in der Zeit zwischen zwei Auseinandersetzungen zu stabilisieren".(Daniel Guèrin)

1918 hatten 100.000 Menschen eine rote IWW-Mitgliedskarte. Die Bundesregierung fürchtete, es seien gar 250.000 Wobblies im Land.

I. Weltkrieg

In Europa tobte der Erste Weltkrieg, die Menschen schlachteten sich ab; - da durften die Yankees auch nicht fehlen. Das Haus Morgan, der riesige Geldtrust, hatte schon 1,5 Millionen Dollar für die Alliierten locker gemacht, damit sich die Soldaten für abgeschmackte Ideale zerfetzen und verstümmeln konnten. Im Juni 1917 landeten in San Nazaire in Frankreich die ersten Yankee-Truppen, um - wie ihnen Präsident Wilson und die Bande der Patrioten eingebleut hatten - einen Krieg zu führen, der alle Kriege beenden sollte, um die Welt sicher für die Demokratie zu machen. Derweil setzten die daheimgebliebenen Kapitalisten und staatlichen Würdenträgern alles daran, die Wirtschaft im "Land of the Free Inc." sicher für den Kapitalismus zu machen. Die IWW forderte ihre Mitglieder nicht dazu auf den Kriegsdienst zu verweigern; diese Entscheidung sollte jedem Wobbly allein überlassen bleiben. Ihr Bestreben lag eher darin, den Klassenkampf zu intensivieren, worin viele Wobblies die effektivste Anti-Kriegspropaganda sahen.

Die Kapitalisten schrien, die Wobblies seien des deutschen Kaisers Wilhelms Krieger, bezahlt von den "Hunnen", um das ganze Land durch Streiks, Bombenattentate und Brandstiftungen in die Anarchie zu stürzen, und die Regierung kam ihrer Aufgabe nach, das Eigentum und die Profite der Kapitalisten zu schützen.

Repressionswelle

Im Herbst 1917 wurden die IWW Quartiere und auch Privatwohnungen von staatlichen Agenten überfallen, die Tonnen von Mitgliederlisten, Büchern, Broschüren, Zeitungen, Briefkorrespondenzen wegkarrten und unter Anklage, die IWW sei eine "schädliche", "verräterische" und "kriminelle Verschwörerorganisation", die sich der Ausführung von US-Gesetzen und den Kriegsanstrengungen widersetzt habe, wurden 166 Wobblies vor Gericht gestellt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Verschiedene Bundesstaaten verabschiedeten die "Gesetze gegen den kriminellen Syndikalismus", um so jeden Störenfried hinter Gitter zu bringen, dessen einziges Vergehen es war, der IWW anzugehören. Jeder der eine IWW Red Card in der Tasche trug, wurde für vogelfrei erklärt. Ein Schmierfink einer Zeitung in Tulsa / Oklahoma geiferte in einem Editorial: "Tötet sie genauso wie ihr jede andere Art einer Schlange töten würdet. Verwundet sie nicht leicht, schiesst sie tot. Es ist keine Zeit, Geld für Prozesse und Vertagungen und all so was zu verschwenden. Alles was notwendig ist, ist der Beweis und ein Exekutionskommando". Und die aufrechten Yankee-Patrioten machten in der Tat nicht viel Federlesens mit einem Wobbly.

Frank Little war ein Bergarbeiter und einer der mutigsten und dynamischsten IWW Organisatoren, wie viele meinten. "Ich bin halb Indianer, halb Weisser und ganz IWW", pflegte er von sich zu sagen. Am 31. Juli 1917 hielt er eine Rede vor den streikenden Bergarbeitern in Butte / Montana, und nachdem er sich in seinem Hotelzimmer schlafen gelegt hatte, drangen in der Nacht sechs maskierte und schwer bewaffnete Männer bei ihm ein, verprügelten ihn brutal und schleiften ihn an einem Seil hinter ihrem Auto her, bis sie an einer Eisenbahnbrücke hielten und ihn dort ihm Scheinwerferlicht erhängten. An seinen Mantel hefteten sie ein Schild, auf dem zu lesen war: "Erste und letzte Warnung ! 3-7-77.D-D-C-S-S-W". Es heisst, die Zahlen bezögen sich auf die Abmessung eines Grabes, und die Initialen entsprächen den ersten Buchstaben anderer Streikführer in Butte, um sie vor ähnlicher Behandlung zu warnen, falls die Streikaktivitäten nicht beendet würden. Es wurde nie der Versuch unternommen, die Mörder Frank Littles ausfindig zu machen.

Die Kapitalisten waren Patrioten, weil mit dem Krieg schon immer gute Geschäfte zu machen waren. Die Unternehmer in Centralia / Washington verdienten gut am Holz, denn die Preise stiegen ständig. Allein die aufmüpfigen Wobblies störten. Die Waldarbeiter (Lumberjacks) hatten ihre Arbeit zu verrichten und sollten Abends ausgelaugt auf die verlausten Pritschen fallen. Amerika war ein grosses Land, wo jeder seinen Platz hatte.

Am 11. November 1919 wollten die Patrioten den Waffenstillstandstag feiern, hatten sie doch ihre Märkte in Europa gesichert. Darauf konnten sie doch stolz sein. Zur Feier des Tages wollten sie wieder einmal das IWW-Quartier stürmen und die Einrichtung zertrümmern, wie sie es schon des öfteren getan hatten. Die Wobblies bekamen Wind von der Sache, und diesmal wollten sie sich mit der Waffe in der Hand verteidigen. Ehe ihnen die Munition ausging und das Haus gestürmt wurde, gaben drei Reaktionäre ihren Geist auf. Einige Wobblies konnten flüchten, andere fielen den Patrioten in die Hände. Wesley Everest war gerade aus Europa zurückgekehrt und der Holzfäller-Gewerkschaft in Centralia beigetreten. "ich habe für die Demokratie in Frankreich gekämpft", sagte er, als er an diesem Tag noch einmal die Uniform anzog, "und ich werde für sie hier kämpfen". Er schoss das Magazin seines Gewehrs leer, warf es weg und lief in die Wälder. Der Mob hechelte ihm hinterher. Er versuchte durch den Skookumchuk-River ans andere Ufer zu waten, doch als das Wasser ihm bis an die Hüfte reichte, hatte ihn die Meute eingeholt und stürzte zu ihm heran. Viermal schoss er mit seiner Pistole, ehe sie Ladehemmung hatte. Es gelang ihm noch einen Schuss abzugeben, und er traf den Anführer tödlich. Es war der Neffe einer der grossen Bosse, die die Hetzjagd angezettelt hatten. Der Mob überwältigte Wesley Everest. Einer schlug ihm mit dem Gewehrkolben die Zähne aus, und sie schleiften ihn ins Gefängnis. In der Nacht holten sie ihn wieder aus seiner Zelle heraus und fuhren ihn in einem Wagen zu einer Brücke. Sie stachen ihm die Augen aus, rissen das Wangenfleisch mit den Fingern von den Augenhöhlen und schnitten ihm Penis und Hoden ab. Sie hängten ihn am Brückengeländer auf und durchsiebten ihn mit ihren Kugeln. Sieben Wobblies, die ihr Quartier verteidigt hatten, wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Mörder Wesley Everests mussten sich nie vor einem Gericht verantworten.

Knast

Die politischen Gefangenen hörten auch in den Kerkern nicht auf, als Wobblies zu handeln. Ebenso wie vor den Gefängnismauern klagten sie auch hier ihre Rechte ein. Direkte Aktionen wurden - soweit dies möglich war - auch drinnen durchgeführt, um bessere Haftbedingungen zu erlangen. Im Gefängnis von San Quentin weigerte sich ein Wobbly, auch nur einen Finger zu rühren, solange er nicht ein Bett erhielt, das er über einen Monat lang gefordert hatte. Als er in Einzelhaft gesperrt wurde, bestanden 13 andere Wobblies darauf, ihm Gesellschaft zu leisten. Nach vier Tagen des Protests fanden die Kerkermeister schliesslich ein Bett - nicht nur für den streikenden Wobbly, sondern auch für 39 andere bettlose Gefangene.

Es war eine auszehrende Zeit in den Gefängnissen. Jahre mit Schleimsuppe, fortwährende Schikanen und Misshandlungen durch die Wärter. Als die meisten Wobblies in den 20er Jahren aus den Knästen kamen, kehrten sie in eine veränderte Welt zurück. Hoffnung auf eine Revolution gab es kaum noch. Es war eine Zeit, die Scott Fitzgerald einmal das "Jazz-Zeitalter" nannte, in dem das "junge Amerika" einem hohlen und zynischen Hedonismus frönte; es war eine Periode der Prosperität, in der der Klassenkampf zum Erlahmen gekommen war.

Spaltung - Kommunistische Partei

Auch die IWW war nicht mehr die gleiche kämpfende Kraft wie in den Jahren vor 1919. In vielerlei Hinsicht wurde sie ein Opfer der sich verschärfenden Industrietechnologie nach dem Krieg. Im pazifischen Nordwesten brachte das Auto die Holzfällerlager der "Zivilisation" näher. Eine grössere Bevölkerungsdichte infolge der Migration aus dem Süden verminderte den Bedarf an Wanderarbeitern, die mehr und mehr von Ortsansässigen abgelöst wurden. In der Landwirtschaft wurden zunehmend Maschinen eingesetzt, die viele Erntearbeiter überflüssig machten. Diesen neuen Bedingungen konnte sich die IWW nicht anpassen. Zudem schlossen sich viele Wobblies der Kommunistischen Partei an, die vom Prestige der Oktoberrevolution zehren konnte, während die IWW - obwohl sie die Revolution zunächst begrüsst hatte - angesichts der Ereignisse in der Sowjetunion auf kritische Distanz zu den Kommunisten ging.

1924 war das Schicksalsjahr der IWW, die bis dahin trotz der staatlichen Repression und Anfeindungen der Kommunisten immer noch Mitglieder gewinnen konnte. Doch innerhalb der Organisation schwelte schon seit längerem ein Konflikt, bei dem es um die Frage ging, ob die IWW stärker zentralisiert oder dezentralisiert werden sollte. Schliesslich kam es zur offenen Auseinandersetzung. Als eine Gruppe um James Rowan, den die Wobblies den "Jesus von Nazareth der Holzfäller des Nordwestens" nannten, zur Lösung aller Probleme der IWW ein "Sofortprogramm" vorlegte, das eine radikale Dezentralisierung und eine weitaus grössere lokale Autonomie als bisher forderte und nationale Mitgliedsbeiträge ablehnte. John I. Turner zufolge hegte Rowan wohl auch einen persönlichen Groll gegen Vertreter des IWW - Hauptbüros und beschuldigte den General Secretary Treasurer, er habe tausende von Dollars aus dem Vermögen der Organisation gestohlen. Überhaupt würde das IWW Headquarter nur von Gangstern und Räubern geführt. Schliesslich kam es 1924 zur Spaltung, und es gab zwei IWWs. Rowan ging als Vertreter der "wahren IWW" sogar soweit, eine gerichtliche Verfügung zu erwirken, um die offiziellen in der IWW Hauptstelle in Chicago davon abzuhalten, weiterhin über die Geldmittel und das Eigentum der Gewerkschaft zu verfügen. Die Rowan - IWW bestand allerdings nur kurze Zeit und verschwand 1931 für immer von der Bildfläche. Die andere IWW dagegen setzte ihre Arbeit fort.

Fred Thompson, Wobbly aus Kanada und "Haus-Historiker" der IWW, meint, diese Spaltung sei das schlimmste, was der IWW in ihrer Geschichte widerfahren sei. Wäre dies nicht geschehen, hätte sie möglicherweise noch einmal ihre Kräfte sammeln können, um den Herausforderungen des Kapitalismus zu begegnen. Aber so nahm die Mitgliederzahl stetig ab. Die IWW verlor den grössten Teil ihrer Presse, und als im Jahre 1932 der neue General Secretary Treasurer sein Amt übernahm, fand er nur noch 29 Dollar Bargeld vor.

Resümee des ersten Teils

"Wenn wir die Geschichte der IWW betrachten", so Fred Thompson, "ist es wichtig zu verstehen, dass wir aufgebrochen sind, um etwas zu tun, was viel schwerer ist als irgend etwas, was von irgendeinem irgendwo jemals getan wurde. Dass es uns noch nicht gelungen ist, das kapitalistische System abzuschaffen, sollte keine Überraschung sein. Wir haben die Idee nicht erfunden, dass die Arbeiter der Welt zusammenhalten müssen, aber wir sind ihre Verfechter in einem weitaus grösseren Masse als andere Gewerkschaften gewesen". Die Wobblies waren keine Übermenschen. "Wir waren gewöhnliche Männer und Frauen", sagte Jack Miller. "Wir hatten die Schwächen und Verlangen, die alle anderen Männer und Frauen haben. Dass wir so gewöhnlich waren, ist, was wichtig ist. Gewöhnliche Menschen haben all diese bemerkenswerten Dinge getan, die - wie die Geschichte uns zeigt - die IWW erreichte".

Literatur:

  • Stewart Bird, Dan Georgakas, Deborah Shaffer: "Solidarity Forever". An oral History of the IWW. Chicago, Lake View Press 1985
  • Eugene V. Debs: "Sound Socialist Tactics". International Socialist Review No. 8 (1912)
  • Elizabeth Gurley Flynn: "Sabotage" Cleveland IWW Publishing 1915, Reprint 1978
  • Philipp S. Foner: "The IWW and the Black Worker" Journal of Negro History No. 1 (1970)
  • Emma Goldmann: "Syndicalism. Its Theory & Practice" in "Red Emma Speaks" Wildwood, London 1979
  • Daniel Guèrin: "Die amerikanische Arbeiterbewegung 1867-1967" Suhrkamp, Ffm. 1970
  • William D. Haywood: "Socialism, the Hope of the Working Class", International Socialist Review No. 8 (1912)
  • Joyce L. Kornbluh (Hrsg.) "Rebel Voices. An IWW Anthology", Ann Arbor 1968
  • Patrick Renshaw: "The Wobblies. The Story of Syndicalism in the USA", New York 1968
  • Augustin Souchy: "Schreckensherrschaft in Amerika" Vlg. Der Syndikalist, Berlin 1928
  • John I. Turner: "Why the IWW will not die" Industrial Pioneer No. 12 (1926)


Teil 1: Jörg Auberg, Schwarzer Faden # 26, 1987

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Wobbly Rebell - Amerika feiert seine Verfassung; feiern wir mit ! Die Geschichte der wiederentdeckten "Schwarzen Katze" - Teil 2

I. Der Weg in die Konsumgesellschaft

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in den USA einerseits von einer antikommunistischen Hysterie und Paranoia und einer gewaltigen staatlichen Repression geprägt, andererseits erleichterten Prosperität und Massenkonsum, bedingt durch eine effiziente Massenproduktion und ein erhöhtes Arbeitslohnniveau, den Rückzug ins Private und die Unterwerfung unter das totalitäre System. Von der Militanz der Gewerkschaftsbewegung, die sich in den 30er Jahren in solchen Aktionen wie "Sit-Down" Streiks und Fabrikbesetzungen ausgedrückt hatte, war keine Spur, da zum einen der Staat die Rechte der Gewerkschaften stark einschränkte und sich zum anderen das soziale Gefüge veränderte. Die Kinder der jüdischen Immigranten aus Ost-Europa, welche die militante Gewerkschaftsbewegung entscheidend mitgeprägt hatten, gingen im US-amerikanischen Mainstream auf. Viele Frauen, die als Union Maids gesungen hatten: "Oh you can't scare me, I'm sticking to the Union till the day I die", wurden im reaktionären Roll-Back wieder an den Herd zurückgedrängt, um im trauten Heim die ihnen zugewiesenen Rollen als treusorgende Ehefrauen und Mütter zu spielen. Viele Arbeiterfamilien, die in die Mittelschichten "aufgestiegen" waren, zogen aus den allmählich verschwindenden klassischen Arbeitervierteln der Vorkriegszeit in kleine, saubere Vorstädte, wo es nicht die Solidarität vergangener Tage gab, dafür aber das Fernsehen.

Die Prosperität und der Massenkonsum konnten aber nicht über die ungleiche Einkommensverteilung und die Macht der Wirtschaftsmonopole hinwegtäuschen: 1956 bezog beispielsweise 1% der Bevölkerung 26% alles zu versteuernden Einkommens. Nach dem Krieg hatte sich in den USA eine superrationale, ultrazentralisierte Gesellschaft entwickelt, die von einer bürokratischen und technokratischen Machtelite aus Politik, Wirtschaft und Militär beherrscht wurde, welche die übrige Bevölkerung vom Gestaltungsprozess der Gesellschaft ausschloss. So war (und ist) die US-amerikanische Gesellschaft nicht demokratisch, sondern zutiefst hierarchisch und totalitär.

Nicht anders verhielt es sich mit den grossen US-Gewerkschaftsverbänden American Federation of Labor und Congress for Industrial Organizations, die sich 1955 zur AFL-CIO zusammenschlossen. Auch sie verfügten in der Nachkriegszeit über einen aufgeblähten bürokratischen Apparat, der jegliche eigenständige Aktivität der Gewerkschaftsbasis im Keim zu ersticken versuchte. Die "Führer" bestimmten, was das Beste für die Arbeiterinnen war, und die Basis war lediglich Befehlsempfänger der gutbezahlten Funktionäre. Bis heute ist die AFL-CIO Führung eine weisse, männliche Gerontokratie, in der die Spitzenpositionen nur aus Gründen des plötzlichen Ablebens, der Unfähigkeit oder eines bewiesenen kriminellen Verhaltens geräumt werden. Es ist wohl ein Zeichen der Kontinuität, dass die AFL seit ihrer Gründung 1881 bisher mit nur 4 Präsidenten ausgekommen ist: "Ol Sell'em Out Sam Gompers, Bill Green, George Meany und Lane Kirkland, der ein Südstaatenaristokrat von Geburt ist und Sozialismus ebenso wie seine Vorgänger verabscheut. Diese Leute profitieren von jeher vom System, wie es ist.

II. Syndikalismus am Ende

Im repressiven Klima der Nachkriegszeit hatte die revolutionär-syndikalistische Gewerkschaft Industrial Workers of the World, die es immer noch gab, einen schweren Stand. 1946 berichtete die New York Times, dass sich die Mitgliederzahl auf 20.000 belaufe, aber schon bald sollte sie mehr und mehr Mitglieder verlieren. Zwar hiess es in einer Resolution des IWW Konvents von 1946: "Wir betrachten die Kommunistische Partei und ihre Grünschnäbel als eine grosse Gefahr für die Arbeiterklasse...den Interessen des Weltfriedens kann am besten durch Arbeiterbewegungen gedient werden, die klar die Interessen der Arbeiter und nicht die Interessen eines politischen Staates vertreten" (1), doch dies bewahrte sie nicht davor, dass sie vom Justizministerium auf die Liste subversiver Organisationen gesetzt wurde auf der sie bis zur Abschaffung dieser Liste 1974 verblieb. Kurze Zeit später entschied das Finanzministerium, dass die IWW der Zahlung einer Körperschaftseinkommenssteuer unterliege. In zusätzliche Bedrängnis kam sie, als sie sich weigerte, die nicht-kommunistische Eideserklärung zu unterzeichnen, wie es das gewerkschaftsfeindliche Taft-Hartley-Gesetz forderte, wonach die Vorsitzenden einer Gewerkschaft bestätigen mussten, dass sie weder Mitglieder der Kommunistischen Partei, noch dieser Partei verbunden seien und keine Beziehungen zu einer Organisation unterhielten, deren Ziel es sei, "die Regierung der Vereinigten Staaten durch Gewalt oder illegale oder sonstige mit der Verfassung nicht zu vereinbarende Methoden" zu stürzen (2). All diese Repressionsmassnahmen forderten ihren Tribut von der IWW, die ihren Tiefpunkt wohl 1961 erreichte, als nicht mehr als 115 Wobblies ihre vollen Mitgliedsbeiträge zahlten.

In den 50er Jahren organisierte die IWW vor allem Friedensmärsche und Demonstrationen, protestierte gegen die Erschiessung ungarischer Arbeiter 1956 und den Algerienkrieg und engagierte sich im Kampf der Bürgerrechtsbewegung gegen den alltäglichen Rassismus. Sie unternahmen auch immer wieder Versuche, Arbeiterinnen zu organisieren. 1959 begannen IWW Aktivisten in New York eine Kampagne gegen die üblen Praktiken der Personalbüros des Restaurantgewerbes, um bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Zunächst waren sie recht erfolgreich und erreichten eine weite Aufmerksamkeit, als sie vor den Betrieben Streikpostenketten bildeten und zum Boykott aufriefen, aber Übergriffe der Polizei und Einschüchterungen der Unternehmer führten schliesslich dazu, dass der Kampf verloren ging. Solche Frustrationen erlebten IWW Aktivisten des öfteren; der hohe Einsatz von zeit und Energie führte zu nichts, was für eine Revitalisierung der IWW nicht gerade förderlich war. 1964 versuchte die IWW zu neuer Stärke zu gelangen, indem sie sich wieder den unorganisierten, umherziehenden Farmarbeitern widmete. Junge Organisatoren begannen eine Kampagne in den Beerenfeldern von Michigan, und im Sommer gelang es ihnen, einen Streik auf einer Heidelbeerfarm zu organisieren, wobei es vor allem um die Verbesserung der katastrophalen Lebensbedingungen in den Camps ging. Doch die Unternehmer schüchterten einen Teil der Arbeiter ein, und Streikbrecher fuhren die Ernte ein. Aber immerhin hatte die IWW einen Teilerfolg erzielt, da ihre Aktivitäten in diesem Gebiet zu Lohnerhöhungen und sauberen Camps in einigen Fällen führten.

Neuanfang in den 60ern

Als sich Anfang der 60er Jahre eine radikale Oppositionsbewegung zu entwickeln begann, erlebte die IWW eine Renaissance und tauchte aus der Obskurität vergangener Jahre wieder in das Interesse eines grösseren Kreises von jungen Leuten auf, die sich von der libertären Tradition der IWW angezogen fühlten, während sie die Verbohrtheit und der Dogmatismus sowohl der alten kommunistischen Linken wie auch der antikommunistischen, sozialdemokratischen Linken gleichermassen abstiessen. 1967 sprachen sich die IWW Mitglieder dafür aus, auch Studenten, die sich nicht in einem Lohnabhängigkeitsverhältnis befanden, in die IWW aufzunehmen und sie in der neugegründeten "Education Workers Industrial Union 620" zu organisieren. So entstanden auf so manchem Campus IWW-Gruppen, die darum kämpften, dass die Arbeiter- und Studentenschaft ihre Institutionen selbst verwalten. Und im Zuge der heranwachsenden Gegenkultur bildeten sich Kooperativen und Kollektivbetriebe, die in irgendeiner Weise für das Movement (wie die radikale Opposition genannt wurde) arbeiteten und sich bald der IWW anschlossen. Die IWW betrachtete diese nicht-profitorientierten Betriebe als interessante moderne Experimente der Arbeiterselbstverwaltung, als eine neue Form, um "die neue Gesellschaft in der Schale der alten" aufzubauen, wie das alte IWW Motto lautete. 1970 waren mehr als zwei Dutzend solcher Betriebe in der IWW.

In den Jahren 1967-1968 wuchs die Zahl der IWW Mitglieder rasch an, was zum Teil auf die Radikalisierung innerhalb der Opposition gegen Rassismus, Imperialismus und den Vietnamkrieg zurückzuführen war. Aber die IWW profitierte in jener Zeit auch von der Selbstzerstörung der Studentenorganisation SDS (Students for a Democratic Society). Zwar hatten Paul Jacobs und Saul Landau 1966 noch geschrieben: "Für die neuen Radikalen sind die politischen Sekten der alten Linken der 30er und 40er Jahre zum grössten Teil irrelevant" (3), doch schon kurze Zeit später bildeten sich innerhalb von SDS autoritäre marxistisch-leninistische, trotzkistische und andere Sekten, die sich heftig befehdeten.

Die Progressive Labor Party (PL), eine maoistische Abspaltung der KP mit einer rigiden ML-Disziplin, versuchte, die Kontrolle über SDS an sich zu reissen. Diesem Vorhaben stellte sich eine in der Jugendbewegung verwurzelte Fraktion namens Revolutionary Youth Movement entgegen, die sich in die Weatherman und in die RYM-II-Fraktion spaltete. Während die einen "Mao, Mao; Mao-Tse-Tung !" riefen, schrien die anderen: "Ho-Ho-Ho Chi Minh - Dare to struggle - Dare to win!"

Auf dem SDS Konvent im Sommer 1969 in Chicago gelang es der Weatherman Fraktion durch einen Coup, die PL auszuschliessen - und zwar weil sie nicht die Nationale Befreiungsbewegung in Vietnam, Nordkorea, Kuba, die afroamerikanische Befreiungsbewegung und Albanien (!) unterstützte. Und damit war der SDS am Ende.

Im Frühjahr 1970 gingen, nachdem sich 3 Weathermans beim Bomben basteln mit einem Haus in Greenwich Village in die Luft gesprengt hatten, führende Weatherman-Kader in den Untergrund, um sich für den Rest der Dekade in symbolischen Bombenattentaten zu ergehen. Die PL löste sich auf, nachdem sich Mao die Hand von "Tricky Dicky" Nixon hatte schütteln lassen. RYM-II versuchte vergeblich, eine marxistisch-leninistische Avantgarde Partei auf zu bauen. Viele SDS'ler, die dieses Sektierertum nicht mitmachen wollten, traten der IWW bei, und der allgemeine Trend zum antiautoritären in der Linken zog auch andere an, die keine Studenten waren, so dass die IWW Mitgliederzahl 1969 um 44% anwuchs (4).

III. Die IWW heute

(Anmerkung: Diese Einschätzung bezieht sich auf die 80er-Jahre, bis heute hat sich da einiges geändert - siehe www.iwww.org, www.wobblies.de...)

In einer Studie Anfang der 70er Jahre kam Jerry Calvert zu dem Schluss, dass die Leute vor allem wegen der Reputation der Wobblies für Militanz, Mut und Selbstaufopferung der IWW beitraten. Die Wobblies von heute seien Träumer. Nicht vornehmlich als Gewerkschaft sei die IWW zu betrachten, meinte Calvert, sondern vielmehr als eine "anarchistische Föderation autonomer Gruppen und Individuen", die politisch nicht einer einheitlichen Linie zuzuordnen seien. "innerhalb der Organisation seien Marxisten, Vegetarier, Christen, Aussteiger der Gegenkultur, selbsterklärte Anarchisten, Pazifisten und Befürworter der Anwendung von Gewalt zu finden. Die IWW kann deshalb als eine Dachorganisation betrachtet werden, die verschiedene libertär-sozialistische Strömungen umfasst". (5)

Trotz allem betrachten die heutigen Wobblies die IWW als eine syndikalistische Gewerkschaftsorganisation und nicht als eine anarchistische oder anarcho-syndikalistische Organisation, wie es etwa die Internationale Arbeiter Assoziation (IAA) ist, von der sie meinen sie sei "politischer" als die IWW: "Die Anarcho-Syndikalisten wollen den Staat zerschlagen und verfechten deshalb eine quasi-insurrektionäre Auffassung der Revolution", meint Mike Hargis. "Die IWW möchte auf der anderen Seite eine Situation schaffen, in der sozusagen der Staat im Schlurfen verlorengeht. Das heisst nicht, dass die IWW recht hat und die Anarcho-Syndikalisten Unrecht haben. Überhaupt nicht; denn historische und soziale Bedingungen werden das bestimmen. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass die IAA politisch anarchistisch ist, während die IWW in ihrer Mitgliederschaft Anarchisten, Sozialisten oder nur einfach militante Gewerkschafter hat". (6)

Heute, im Sommer 1987 hat die IWW etwa 500 Mitglieder, deren Zahl kontinuierlich aber langsam steigt, und die monatlich erscheinende Zeitung der Organisation, der INDUSTRIAL WORKER hat eine Auflage von 2.600 Expl. Die Mitgliederschaft umfasst - wie Bob Rivera vom IWW Hauptbüro in Chicago schreibt - vier Generationen; die meisten Aktivisten sind Ende 20 oder Anfang 30. Also ist die IWW kein Haufen in Nostalgie schwelgender Greise, wie oft unterstellt wird. (Im Jahre 1968, als die Mitgliederzahl der IWW immerhin um 28% stieg, schrieb George Woodcock: "Der Arbeiterradikalismus ist tot, und seine eine grosse Manifestation in der amerikanischen Vergangenheit belebt sich jedes Jahr für einen grotesken und geisterhaften Sabbat wieder, wenn die wenigen Überlebenden Veteranen der IWW sich versammeln, um auf dem jährlichen Konvent in Chicago alte Slogans zu rufen und einer nicht zuhörenden Welt alte Lieder des Trotzes vorzusingen". (7)

Auch der 1979 entstandene Dokumentarfilm The Wobblies von Stewart Bird und Deborah Shaffer vermittelt das Bild, die IWW sei durch die staatliche Repressionswelle 1917-1920 ausgelöscht worden. Die Aktivitäten der IWW umfassen die Unterstützung von Streiks, internationale Solidaritätsarbeit, die Organisierung von Kooperativen & Kollektivbetrieben, Agitation und Schulung in der normalen US-amerikanischen Arbeiterbewegung und die Unterstützung der Forderungen der indianischen Völker.

Die Vision von Egalitarismus, Selbstverwaltung und einer dezentralisierten Gesellschaft habe noch immer Stehvermögen bei Arbeiterinnen, meint Bob Rivera. Auch heute halten die Wobblies Programm und Theorie der IWW für weiterhin relevant, sehen die Welt in zwei Klassen mit unvereinbaren Interessen geteilt, wollen die Produktionsmittel übernehmen und den Kapitalismus abschaffen und betrachten die Hauptaufgabe der IWW darin, die unorganisierten Arbeiterinnen, die etwa 80% der US-amerikanischen Arbeiterschaft ausmachen, zu organisieren. Einer der Gründe, warum sich die Arbeiterbewegung in den USA auf einer Talfahrt befinde, meint Mike Hargis, sei das Misstrauen der Arbeiterinnen (besonders in den Südstaaten) gegenüber den bürokratischen, antidemokratischen Praktiken der AFL-CIO. Diese Gewerkschaftsressentiments könne die IWW in eine pro-gewerkschaftliche Haltung umdrehen, da sie direkte Demokratie, direkte Aktion und Eigenverantwortung der Gewerkschaftsbasis praktiziere und die Vision einer besseren Welt anbieten könne. "Was wir als Vermächtnis von der Vergangenheit haben ist eine vernünftige Theorie und ein vernünftiges Programm. Die Aufgabe für die Zukunft ist, dies beides in die Praxis umzusetzen. Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel". (8)

IV. Reagans Wirtschaftspolitik -- Exemplarischer Widerstand und typische Repressalien

Die Arbeiterbewegung in Reagans Amerika befindet sich auf dem Rückzug. In den 80er Jahren haben die grossen Korporationen von ihrer gewerkschaftlich organisierten Belegschaft immer mehr "Zugeständnisse" gefordert: Kürzungen der Arbeitslöhne und Sozialleistungen; Beseitigung von gewerkschaftlichen Vertrauensleuten; Streikverbot für die Dauer von Tarifverträgen; Absenkungen der Renten; Abschaffung des Mutterschutzes. Die zunehmende Arbeitslosigkeit, die durch Fusionierung, Diversifikation, Kapitalexport und der Einführung technologischer Neuerungen gefördert wird, hat die Position der Unternehmen gestärkt. Die Reagan-Administration unterstützt diese Arbeiterfeindliche Politik: der "Soziallohn" wurde reduziert, die Körperschaftsbesteuerung wurde auf allen Ebenen (Profite, Einkommen, Besitz usw.) gesenkt; das National Labor Relation Board wurde mit reaktionären Ideologen besetzt; der Bundesgerichtshof wurde mit rechten Richtern bestückt. Zudem werden Produktionsanlagen zunehmend in Billiglohnländer verlagert. All diese Massnahmen haben die Gewerkschaftsbewegung immens geschwächt, die vielerorts die "Zugeständnisse" an die Bosse ohnmächtig hinnehmen musste. Doch trotz allem regte sich an der Gewerkschaftsbasis Widerstand.

Es blieb der kleinen Ortsgruppe P-9 der United Food and Commercial Workers Union (UFCW) überlassen, den Kampf gegen die "Zugeständnis-Politik" der Unternehmer aufzunehmen. P-9 hatte eine lange Tradition einer Gewerkschaft, deren Aktivitäten einzig und allein von ihren Mitgliedern bestimmt wurden. Zunächst als "Independent Union of All Workers" bekannt, wurde sie in einem "Sit-Down" Streik im November 1933 geboren. Mehrere erfahrene Wobblies und Sozialisten halfen, Struktur, Zielsetzung und Aktivitäten der Gewerkschaft zu entwickeln. "Sie sollte eine Industriegewerkschaft sein, eine Gewerkschaft für Alle Arbeiter, in der Tradition der IWW", erinnerte sich ein Veteran jener Jahre. Und P-9 wurde dieser Tradition gerecht. Als die Verantwortlichen der Fleischfabrik Hormel in Austin / Minnesota der Ortsgruppe ein unzumutbares Angebot machte, traten die P-9er im August 1985 in den Streik, der von der Arbeiterschaft im ganzen Land aufmerksam verfolgt wurde, da zum ersten Mal ArbeiterInnen gegen die "Zugeständnis-Politik" der Bosse aufbegehrten. Dementsprechend war auch die solidarische Unterstüt-zung für die Streikenden. Wie viele Ortsvereine der Gewerkschaften versorgte auch die IWW die P-9 mit Tonnen von Lebensmitteln und unterstützten sie mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Aber der Kampf der P-9 wurde auch von den Friedensaktivisten, Farmern, Arbeitslosen, Minoritäten, Feministinnen, Studenten und Bürgerrechtlern unterstützt, die Lebensmittel, Geld und Kleidung spendeten, sich an Massenversammlungen und Streikposten beteiligten. Hormel Produkte wurden boykottiert und von den Regalen in den Supermärkten geräumt.

Wie gewöhnlich fuhren die staatstragenden Kräfte harte Geschütze auf. Die Gerichte schränkten die Rechte in eklatanter Weise ein, indem sie verboten, vor den Fabriktoren Streikposten aufzustellen und Demonstrationen zu organisieren. Ein Streikführer wurde des Verstosses gegen die Gesetze gegen den "kriminellen Syndikalismus" angeklagt, die während des 1. Weltkriegs eingeführt worden waren, um die Aktivitäten der IWW zu unterbinden. Laut Augenzeugenberichten wurden Demonstranten von der Polizei brutal zu Boden gerissen und in Polizeiwannen geschleppt. Tränengas wurde in die Menge geschossen; flüchtende Demonstranten wurden verfolgt, mit Faustschlägen traktiert und verhaftet. Das Recht auf freie Meinungsäusserung wurde beschnitten: Flugblätter durften nicht verteilt, "Boycott Hormel" Buttons nicht getragen und Reden nicht gehalten werden. Die Nationalgarde eskortierte Streikbrecher durch die Streikpostenlinien. Solidaritätskonzerte mit Arlo Guthrie und David Bromberg wurden verhindert, da niemand in Austin der P-9 einen Saal vermieten wollte. Die AFL-CIO denunzierte die Streikenden als "gierige Arbeiteraristokraten", die nur höhere Löhne als andere Hormel Arbeiter, die die Konzessionen akzeptiert hatten, erreichen wollten.

Und UFCW Präsident Bill Wynn forderte die P-9 ständig zur Beendigung des Streiks auf und bezeichnete einen bekannten Streikführer als "Ayatollah von Austin", der Gewerkschaftsmitglieder als Geiseln nehme. Die Medien schlugen sich wie gewöhnlich auf die Seite des kapitalistischen Staates und schürten eine Anti P-9 Stimmung: "Die Leitartikel in den Zeitungen ermunterten P-9 immer wieder, ihre ‚Selbstmordmission' aufzugeben, während Schlagzeilen und Cartoons Gewalt mit Verzweiflung vermengten. Berichte über eine ,tiefe, düstere Stimmung', ein ,letztes aufbäumen' und ‚ernste Gewalt' kamen häufig vor. Streikbrecher wurden in ‚human interest' Geschichten porträtiert, während Berichte von Massenversammlungen und Lebensmittelkarawanen für die letzten Seiten bestimmt waren. Die Fernsehberichterstattung stützte sich auf montierte Ausschnitte mit viel Action und trug dadurch zum Eindruck exzessiver Gewalt bei. Auf diese Weise gaben die Medien der Basisbewegung ein verzerrtes Bild von sich selbst und verdrehten die Bilder von ihr, wie sie von der Aussenwelt gesehen wurde". (9) Und diese Berichterstattung diente natürlich auch der Legitimation der Repression gegen P-9 durch die kapitalistischen und staatlichen Kräfte. Schliesslich unterlief die UFCW vollends den Streik der P-9 und vereinbarte im August 1986 mit Hormel einen Vierjahresvertrag, der das Lohnniveau wieder auf jenes von 1982 anhob, aber weder eine Garantie zur Wiedereinstellung der 700 von Hormel entlassenen Arbeiter enthielt noch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen festschrieb. So versuchte die bürokratische Gewerkschaftszentrale wieder einmal, einer Basisbewegung die Kehle zuzuschnüren. Sie ging sogar soweit, ein revolutionäres Wandgemälde am "Labor Center" in Austin zu zerstören, das die P-9 Nelson Mandela gewidmet hatten. So sollte jede Spur des Widerstands der Basis ausgelöscht werden. Es ist wohl bezeichnend, dass UFCW Präsident Bill Wynn zur gleichen Zeit den Gompers-Murray-Meany Orden der AFL-CIO erhielt.

Der Kampf der P-9 hat gezeigt, dass es nötig ist, sich gegen die Konzessionen an die Korporationen zur Wehr zu setzen, zu kämpfen, um nicht noch weiter an die Wand gedrückt zu werden. Für viele war der Hormel-Streik ein Wendepunkt, die Hoffnung auf eine "alternative" Arbeiterbewegung, deren Aktivitäten allein von der Basis bestimmt werden, die sich im Klaren ist, dass sie von Lane Kirkland und Kumpanen nichts zu erwarten hat. "Die Schlacht von Austin hat einen Funken entzündet", schrieb Mike Hargis im INDUSTRIAL WORKER vom Oktober 1986. Wir müssen diesen Funken am Leben erhalten und die Flammen der Unzufriedenheit entfachen". Die grosse Solidaritätswelle, die zur Unterstützung der P-9 das ganze Land erfasste, lässt für die Zukunft hoffen. Die Aufgabe der IWW besteht darin, stets "dabei zu sein" und ihre Lösung der Probleme den ArbeiterInnen anzubieten: die internationale Solidarität und den unablässigen Kampf gegen alle Formen der Herrschaft. "Als Mitglieder der IWW spielen wir eine sehr kleine Rolle", meint Bill Culp von der IWW Vancouver, "aber wir tun weiterhin unser Bestes, die Arbeiter über die Vorzüge des Syndikalismus und einer libertären sozialen Organisation zu informieren". Sie hoffen, dass ihre Arbeit irgendwann fruchtet. Am Schluss des Buches The IWW: Ist First Seventy Years schreibt Patrick Murfin: "Die IWW lebt nicht nur, sie beginnt, in der Energie, Hingabe und Aktivität ihrer Mitgliederschaft zu gedeihen. Wir sehen den nächsten 70 Jahren mit Enthusiasmus entgegen".

Anmerkungen
:

  1. Joyce L. Kornbluh: Rebel Voices. An IWW Anthology. S. 355
  2. Daniel Guèrin: Die amerikanische Arbeiterbewegung 1867-1967 S. 105
  3. Paul Jacobs & Saul Landau: The New Radicals S. 42
  4. Die meisten Infos über die jüngere IWW Geschichte entstammten dem Buch: The IWW Ist First Seventy Years von Fred Thompson und Patrick Murfin
  5. Jerry Calvert: A changing Radical Political Organization. The Wobblies Today. S. 130
  6. Mike Hargis: Watcha Done Lately. The IWW since 1975 Industrial Worker Juni 1980
  7. George Woodcock: Anarchism Revisted in Contemporary Anarchism
  8. Mike Hargis: Wither the IWW Industrial Worker August 1979
  9. Peter Rachleff: The Hormel Strike. Turning Point of the Rank & File Labor Movement


Teil 2: Jörg Auberg, Schwarzer Faden # 28, 1988

Originaltext:
http://schwarze.katze.dk/texte/iww01.html


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