Wobblies im Aufwind (2004)

In Portland, USA, wenden sich immer mehr Arbeiter an die Industrial Workers of the World, IWW

Die IWW (Industrial Workers of the World) nehmen in den USA einen ähnlichen Status ein wie die FAU in Deutschland. Nun ist es den IWW in Portland gelungen, über den Zustand einer Propagandagruppe hinaus zu wachsen. In den letzten Monaten schlossen sich einige hundert Arbeiter den Wobblies an. Im folgenden Interview, das für das englischsprachige Blatt „Bread &Roses“ geführt wurde, erklärt ein Mitglied der IWW Portland, wie es dazu gekommen ist.


Kannst du uns ein bißchen über Portland erzählen?

Portland ist eine Binnenhafenstadt an den Flüssen Willamette und Columbia, mit etwa 525.000 Einwohnern. Industrielle Schwerpunkte sind Holzproduktion und -verarbeitung (Oregon ist der Bundesstaat mit der höchsten Holzproduktion) und Verschiffung von Argarprodukten aus Oregon, dem Yakimatal in Washington und Kartoffeln aus Idaho. ist High-Tech-Industrie (Intel) ist auch sehr wichtig. Darüber hinaus haben mehrere Sportbekleidungsfirmen ihren Sitz in Portland, wie z.B. Nike, Adidas USA, Reebok USA und Columbia Sportswear. Portland ist als eine fortschrittliche, liberale Stadt bekannt, die anderen us-amerikanischen Städten voraus ist, wenn es etwa um Stadtplanung, öffentliche Verkehrsmittel und Umweltschutz geht. Die IWW hat hier eine lange Geschichte, die zurückreicht bis zu den Sägewerkstreiks von 1907, durch die sich die IWW an der Westküste etablierten.


Welche Bedeutung haben die IWW heutzutage in Portland?


Die IWW haben z. Z. vier Branchengruppen, drei weitere sind im Aufbau. Zu den vier bestehenden gehören eine Allgemeine Branchengruppe, eine Baubranchengruppe (IU 330), eine Hotel- und Gastronomiebranchengruppe (IU 640) und eine für Arbeiter im Öffentlichen Dienst (IU 650). Aus derzeit laufenden Kampagnen könnten Branchengruppen in den Bereichen Transport, Logistik und Druckwesen entstehen. In vier Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes sind wir offiziell als Gewerkschaft anerkannt. Während ihr das hier lest, werden wir das in drei davon sogar schriftlich garantiert haben. In einer Pizzeria mit 16 Arbeitern wird demnächst darüber abgestimmt, ob die IWW auch dort als Gewerkschaft anerkannt werden. Wir haben mehrere Kollektivbetriebe (Chartered Job Shops), darunter eine Druckerei und eine Siebdruckerei. Im Aufbau sind eine Kaffeerösterei, eine Pizzeria und mein Arbeitsplatz, das kollektive „Red and Black Café“.


Wieso wart ihr beim Organisieren im Öffentlichen Sektor erfolgreich?

Wir hatten Erfolg, weil wir tatsächlich die Arbeiter vertreten konnten, auch wenn wir nicht legal anerkannt waren. Die Besonderheit am amerikanischen Arbeitsrecht besteht darin, daß man wenig Rechte als Einzelner hat, etwas mehr als nicht offizielle „Kollektiv-aktion“, und noch andere als legale Gewerkschaft. Es war erfolgreich, kaum bekannte Gesetze zu nutzen, um Mitglieder an nicht organisierten Arbeitsplätzen zu schützen. Kürzlich wurde z.B. ein Restaurantarbeiter illegal gefeuert. Obwohl die IWW dort nicht als offizielle Gewerkschaft anerkannt waren, schickten wir einen Repräsentanten, der eine Abfindung und die Abschaffung dieser illegalen Praktik aushandeln konnte.


Haben die IWW Streiks in Portland organisiert?

Mehrere. Der erste Arbeitskampf, an dem wir beteiligt waren, war ein Streik in einer Plattenfirma. Wir gewannen zwar keine neuen Mitglieder, lernten aber eine Menge. Unser größter Streik war im Mallory Hotel, wo wir wahrscheinlich den einzigen legalen „sit-down“-Streik (die Leute gehen zwar zur Arbeit, arbeiten dann aber nicht) in den USA seit Jahren durchführten. Unsere Mitglieder wurden zwar ausgesperrt, hielten dann aber für vier Monate die Streikposten besetzt. Die IU 650 führt seit letztem Monat sogenannte Kurzstreiks in der „Janus Social Service“-Agentur durch.


Mit welchen Problemen wurdet ihr beim Organisieren konfrontiert?


Hier ein paar Anregungen, die für „fellow workers“ in Europa nützlich sein könnten: 1. Anfangs fehlte es uns auf allen Ebenen an Infrastruktur. In Portland gab es die IWW vor fünf Jahren gar nicht. Wie soll man eine Gewerkschaft organisieren, wenn keiner damit Erfahrung hat? Wie integriert man große Belegschaften in eine kleine Gewerkschaft?

1. Man nahm uns nicht ernst. In Portland hatten wir mit dem Image zu kämpfen, daß wir eine kleine anarchistische Gruppe wären, die Gewerkschaft spielt. Wir sind keine anarchistische Organisation. Tatsächlich sind die Mehrzahl unserer Mitglieder in Portland keine Anarchisten. Was wir taten war, bei Arbeitskämpfen als IWW aufzutreten. Oft waren 25-50% der Anwesenden Wobblies (IWW-Mitglieder). Wir sind auch fast jeder Anfrage nachgegangen. Dadurch konnten wir Leute davon überzeugen, daß wir es ernst meinen. Am wichtigsten war es aber, uns selbst ernst zu nehmen, und an die IWW zu glauben!

2. Die Entwicklung von einer Kleinstgruppe zur gegliederten Gewerkschaft: Am Anfang waren wir schon stolz, wenn die Mehrheit unserer Mitglieder an den Treffen teilnahm. Aber das waren ideologisch gefestigte Leute, die die IWW aufbauen wollten. Als wir begannen, Branchengewerkschaften aufzubauen, fand die praktische Arbeit am Arbeitsplatz bei Kaffee oder Bier statt. Die branchenweiten Treffen wurden dann spärlicher besucht, aber sie sind nicht so wichtig wie die Entscheidungen im Betrieb.


Sind die IWW offen radikal aufgetreten?


Ja. Aber wir sind auch keine fanatischen Revolutionäre, die die Barrikaden stürmen. Wir beschreiben das Ziel der IWW damit, die Demokratie in die Wirtschaft zu bringen.


Warum bevorzugen Arbeiter die IWW vor traditionellen Gewerkschaften?


Weil wir tatsächlich ihre Ideale und Wünsche vertreten. Wir verteidigen sie auch dann, wenn wir nicht die offizielle Gewerkschaft sind. Aus demselben Grund sind die Einzelhandelsarbeiter in Dorset (GB) auch Wobblies!


Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, die für andere IWW-Mitglieder nützlich sein könnten?

1. Organisieren um zu wachsen. Seid keine politische Kleingruppe. Tretet auf, als wärt ihr eine große Gewerkschaft.
2. Seid Gewerkschaft. Schmiedet nicht nur Pläne, sondern verteidigt die Arbeiter.
3. Konzentriert euch nicht nur darauf, Aktivisten zu rekrutieren, die dieselbe intellektuelle Basis haben wie ihr.
4. Seid die IWW, beschränkt euch nicht auf Unterstützung anderer Gewerkschaften oder politischer Gruppen.


Welche Fehler sollte vermeiden, wer den Erfolgen der IWW Portland nacheifern will?


Am wichtigsten ist es, würde ich sagen, das Modell von GMBs (General Membership Branches, in etwa vergleichbar dem Ortsgruppenmodell in der FAU) zu vermeiden, soweit das möglich ist. GMBs sind eine Art Aktivisten-Sackgasse und führen nicht zur Gewerkschaft. Eine viel bessere Strategie ist es, Branchengruppen (Industrial Union Branches, IUBs) aufzubauen. IUBs können anderen IUBs beim Aufbau helfen, weil sie darin erfahren sind, Gewerkschaften in den Betrieben aufzubauen. Desweiteren haltet „Politik“ aus der Gewerkschaftsarbeit raus. Jeder Wobbly hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Aber wartet mit ideologischen Diskussionen bis nach dem Treffen beim Bier in der Kneipe. Und schließlich, sorgt für klare Strukturen auf den Treffen. Die meisten Leute, die zu den IWW kommen, sind strukturierte Treffen nicht gewöhnt. Sie verstehen nicht warum es so wichtig ist, die Statuten und Prinzipien genau einzuhalten. Die meisten Probleme entstehen aber, wenn solche Regeln gebrochen werden.


Wie wird es in Portland weitergehen?

Wir scheinen sprunghaft zu wachsen. Gestern abend auf der Arbeit im Café hörte ich einen älteren Mann sagen, daß er eine IUB für „non-profits“ (gemeinnützige Unternehmen) in der IWW organisieren wolle. Er ist zwar kein Wobbly, aber er hat von uns gehört. Er scheint auch verläßlich zu sein.

Es gibt viele andere Themen, mit denen wir uns beschäftigen. Kriegen wir einen Versammlungssaal? Ein Büro? Wie koordinieren wir unsere Aktivitäten von verschiedenen Mitgliedern und Branchengruppen? Wie verwalten wir Datenbanken? Kommunikation? Bekommt jedes Mitglied den IWW-Newsletter?

Wir haben auch unsere Schwachpunkte. Wir müssen an Bildung arbeiten. Vor allem aber müssen wir klären, worin unser revolutionärer Charakter besteht und wie er innerhalb der Arbeiterklasse entstehen kann. Es gibt vieles, worauf wir aufbauen können (die Geschichte der IWW), aber wir müssen es erneuern, damit jeder alltägliche Arbeiter es verstehen kann.

[Übersetzung aus „Bread & Roses“ (England): Mark Willard, Matthias Seiffert]

Aus: "Direkte Aktion" Nr. 163 (Mai / Juni 2004)

Originaltext: http://www.fau.org/fau_medien/da/DA_163/art_040425-094827


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