Paul Mattick - Weltwirtschaftskrise und Arbeiterbewegung

Vorbemerkungen der Herausgeber

Die immer deutlicher sich abzeichnenden Merkmale der gegenwärtigen kapitalistischen Krise und ihrer Tendenz, sich zu einer umfassenden Weltwirtschaftskrise auszudehnen, hat innerhalb der Linken erneut die Auseinandersetzung um Krisen und Krisentheorien in den Vordergrund gerückt. Die in der Nachkriegsprosperität längst überwunden geglaubte Krisengesetzlichkeit des Kapitals hat sich erneut empirisch bestätigt und nicht nur alle sozialdemokratischen „Optimisten“ und Gesundbeter Lügen gestraft, sondern auch all jene marxistischen Ökonomen, die von den veränderten und gewandelten Erscheinungen des Kapitalismus auf die Möglichkeit einer tendenziellen Überwindung der immer wieder auftretenden Krisen geschlossen haben.

Paul Mattick hält demgegenüber an der Marxschen Auffassung der kapitalistischen Krisengesetzlichkeit fest. Er weist in seinen zahlreichen Schriften überzeugend nach, daß eine immanente, rein ökonomische Krisenbekämpfung mittels induzierter öffentlicher Ausgaben in Bezug auf das Gesamtkapital auf unüberwindliche Grenzen stößt. Zwar lasse sich kurzfristig eine Belebung der Produktion erreichen, jedoch nur auf Kosten einer tendenziellen Expropriierung des Privatkapitals. Die Staatsintervention in der „gemischten Wirtschaft“ kann grundsätzlich keine „Stabilität“ erzielen, sondern allenfalls die Krisengesetzlichkeit abschwächen, da der darin bestehende Gegensatz zwischen privater Profitproduktion und unprofitabler staatlicher Produktion nur eine zeitliche Verschiebung darstellt, aber nicht die Wurzel der Krise, die immanente Tendenz der fallenden Profitrate auflöst.

Dennoch: Mattick ist kein „Ökonomist“. Er analysiert den kapitalistischen Akkumulationsprozeß immer im Zusammenhang mit den sozialen Verhältnissen, in denen er stattfindet. Was in seinen Erörterungen gelegentlich als Ökonomismus mißverstanden werden könnte, ist in Wahrheit nur die andere Seite der praktischen Einsicht, daß aus der von Marx analysierten Krisengesetzlichkeit die Emanzipation des Proletariats nur zu erreichen ist, wenn die Arbeiter ihren Kampf ausschließlich auf die Durchsetzung ihrer ökonomischen Interessen konzentrieren. Dieser Kampf nimmt notwendig die Formen des politischen Kampfes an, aber dient nicht der Erreichung politischer Ziele. Mattick betont, daß eine vom direkten ökonomischen Klassenkampf abgewandte politische Bewegung keine proletarisch politische Bewegung ist und den Arbeitern nichts nutzen kann. Denn das Proletariat erlangt seine Emanzipation nicht wie das Bürgertum durch die politische, sondern durch die soziale Revolution.

Der hier abgedruckte Vortrag wurde im Frühjahr 1975 in der Bundesrepublik vor Studenten gehalten und von Mattick überarbeitet. In der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und speziell in ihrer deutschen Variante gehört es bis zum heutigen Tag zur Ausnahme, daß ein Arbeiter der „akademischen Jugend“ Lektion erteilt. Insofern kann dieser Vortrag auch als ein exemplarischer Hinweis dafür gewertet werden, daß nicht die bürgerliche Intelligenz in das Proletariat Klassenbewußtsein hineinzutragen hat, sondern umgekehrt, wieviel die bürgerlichen Intellektuellen von einem Arbeiter-Intellektuellen lernen können: hier hat die abgedroschene Phrase vorn „Standpunkt des Proletariats“ noch seinen konkreten Sinn.

SOAK

Hannover, im November 1975

Ein Vortrag mit Diskussion

Die ganze kapitalistische Entwicklung war von Krisen begleitet und unterlag einer bestimmten Krisengesetzlichkeit, die sich von Zeit zu Zeit empirisch bemerkbar machte. Trotz der sich wiederholenden Krisen hat die bürgerliche Ökonomie bis auf den heutigen Tag keine den Tatsachen adäquate Krisentheorie entwickelt. Sie konnte dies nicht, weil ihre theoretischen Ausgangspunkte von vornherein falsch angelegt waren. Sie ging von der scheinbar naheliegenden Idee aus, daß die Produktion der Konsumtion zu dienen habe, und daß demzufolge Angebot und Nachfrage auf dem Markt übereinstimmen würden. Obwohl zugegeben wurde, daß dieser Gleichgewichtsmechanismus durch partielle Überproduktionen unterbrochen werden kann, so war man doch der Überzeugung, daß der Marktmechanismus diese Unebenheiten von selbst ausgleichen würde. Die Markttheorie als Gleichgewichtstheorie, in der das Angebot die Nachfrage und die Nachfrage das Angebot bestimmte, mit der die bürgerliche Ökonomie begann, ist, wenn auch in modifizierter Form, bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Bei der psychologisch begründeten Grenznutzentheorie des Neo-Klassizismus handelt es sich nur um eine Neuformulierung der alten Angebots- und Nachfragetheorie, die bis 1936 unangetastet blieb.

Die aktuellen Krisen ließen sich natürlich nicht ableugnen. Doch nahm man zu ihrer Erklärung an, daß sie von außen in das System hineingetragen würden, jedoch stets wieder durch den automatischen Gleichgewichtsmechanismus des Marktes überwunden werden könnten. Eine dem System immanente Krisengesetzlichkeit gäbe es nicht und demzufolge erübrigte es sich, ihr theoretisch nachzuspüren. Es lohnt sich nicht weiter darauf einzugehen. Ich möchte hier nur feststellen, daß die neoklassische Gleichgewichtstheorie, besonders durch ihre Mathematisierung, als Verwissenschaftlichung der politischen Ökonomie angesehen wurde und zu diesem Zweck ihres historischen Charakters entkleidet wurde. Sie bewegte sich allerdings auf einer Abstraktionsebene, die ihr einen rein ideologischen Charakter gab, und die keine praktischen Anwendungsmöglichkeiten zuließ. Ihre ideologische Funktion verlor sich zwangsläufig in der 1929 einsetzenden großen Krise, die das Vertrauen in den Gleichgewichtsmechanismus des Marktes erschütterte.

Die erste große Krise der kapitalistischen theoretischen Ökonomie war also die Folge einer wirklichen, lang andauernden und tiefgreifenden Krise. Ohne diese wäre die Gleichgewichtstheorie im neoklassischen Gewande wahrscheinlich bestehen geblieben. Aber der Widerspruch zwischen Theorie und Realität war zu groß, so daß es notwendig wurde, die alte Theorie den neuen Zuständen anzupassen. Diese Anpassung, die als Keynes'sche Revolution in die Ideengeschichte einging, ist nur eine Neuformulierung der Markttheorie, mit dem Unterschied, daß der angenommene, sich automatisch durchsetzende Gleichgewichtsmechanismus, als nicht mehr wirksam angesehen wurde und damit der Ersetzung durch ein bewußt herbeigeführtes Gleichgewicht bedarf, um aus dem Krisenzustand herauszukommen.

Keynes' Theorie ist genau so statisch und beruht ebenfalls auf einem eingebildeten Gleichgewichtsmechanismus wie dem der neoklassischen Theorie. Aber sie stellte fest, daß Veränderungen in der kapitalistischen Welt die Aufrechterhaltung eines ökonomischen Gleichgewichts durch den Markt stets mehr beeinträchtigten. Auf Grund des alten Prinzips, daß die Konsumtion die Produktion bestimme, ergab sich, durch ein Nachlassen der Konsumtion der Produktion gegenüber, daß unter solchen Bedingungen die Profitabilität von Neuinvestitionen abnehmen müsse und deshalb auch nicht unternommen werden. Die relative Konsumtionsübersättigung, als unzureichende Nachfrage, führte zu einem Abnehmen der Investitionen und damit wachsender Arbeitslosigkeit. Ein Gleichgewicht von Konsumtion und Produktion, von Angebot und Nachfrage, erforderte eine Erhöhung des Konsums durch „öffentlichen Konsum“, und eine Vermehrung der Investitionen durch „öffentliche Investitionen“, die durch den Staat zu realisieren wären. Das Instrumentarium zu diesen Zwecken sei in der staatlichen Geld- und Fiskalpolitik gegeben, die nicht nur die Wirtschaft als Ganzes, sondern auch die Profitabilität des privaten Kapitals positiv zu beeinflussen vermochte.

Diese Theorie war ein Ausdruck politischer Notwendigkeit, eine Reaktion auf die sozialen Auswirkungen der Krise. Aber sie war auch als Hilfsmaßnahme gedacht, um den Übergang zu einer neuen Konjunktur zu erleichtern, Obwohl als allgemeine Theorie auftretend, bezog sie sich doch nur auf die spezifischen Zustände der großen Krise, um vor allem die Möglichkeiten revolutionärer Ereignisse aus dem Weg zu räumen. Die vorgeschlagenen staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft sollten vor allem die Gefahren der großen Arbeitslosigkeit beseitigen, aber auch zugleich neue Anreize zu privaten Investitionen bieten, um den Charakter der staatlichen Eingriffe als kapitalerhaltende zu bewahren. Hier bezog man sich auf den sogenannten Multiplikationseffekt neuer Investitionen, d.h. auf die Annahme, daß Investitionen in einer Branche der Produktion Investitionen in anderen Branchen auslösten. Dieser Prozeß, analog zu dem der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes in der Zirkulation, könnte die Unprofitabilität staatlicher Ausgaben durch die Hebung der Profitabilität der Privatwirtschaft wieder ausgleichen.

Es stimmt natürlich, daß Neuinvestitionen, die nicht gleichzeitig durch Desinvestionen aufgewogen werden, ganz gleich ob sie vom Staat oder dem Privatkapital gemacht werden, die Gesamtwirtschaft beleben und damit die Arbeitslosigkeit vermindern. So haben die Keynesschen Forderungen nach zusätzlichen staatlichen „Ausgaben, auch wenn sie durch Defizitfinanzierung ermöglicht wurden, eine die Wirtschaft belebende Wirkung, was sich durch diesbezügliche Erfolge, wie z.B. im Arbeitsbeschaffungsprogramm des Hitlerregimes oder im American New Deal bestätigte. Allerdings waren es nur Erfolge im Rahmen der abstrakten und falschen Gleichgewichtstheorie, nicht aber mit Bezug auf die Notwendigkeiten kapitalistischer Produktion. Für diese geht es nicht darum, ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, von Konsumtion und Produktion, herzustellen, sondern um die Produktion von Profit und um die Verwertung des existierenden Kapitals und seiner weiteren Akkumulation. Ein in Geldform ausgedrücktes gegebenes Kapital muß durch den Reproduktionszyklus als ein größeres Kapital hervorgehen, um die Bedingungen kapitalistischer Produktion erfüllt zu haben. Jede Art von Produktion innerhalb des Kapitalismus, die keinen Mehrwert abwirft, ist Produktion ohne Akkumulation und steht irrt Gegensatz zur Bewegungsform des Kapitals.

Eine Produktion, die nicht von der Mehrwertschöpfung bestimmt ist, unterliegt im Kapitalismus bestimmten Begrenzungen. Dem Staat untersteht zwar von je ein Teil der gesellschaftlichen Produktion zur Betreuung der notwendigen öffentlichen Anlagen – oder der Infrastruktur – des Systems. Er hat auch in vielen Ländern Teile der Gesamtproduktion monopolisiert und tritt damit selbst als mehrwertproduzierendes Unternehmen auf. So untersteht dem Staat, in unterschiedlichem Maß, ein Teil der gesellschaftlichen Produktion. Im allgemeinen jedoch wird der Großteil der gesellschaftlichen Produktion vom Privatkapital bestimmt und damit ihr Charakter und ihre Entwicklung. Das Anwachsen staatlich determinierter Produktion, mit Bezug auf die allgemeinen Produktionsbedingungen, wird von der Akkumulation des Gesamtkapitals, also maßgeblich des Privatkapitals, bestimmt, und dieses Anwachsen hat nicht mit der Krisenbekämpfung mittels vermehrter staatlicher Ausgaben zu tun, sondern ist eine stets vorhandene Begleiterscheinung kapitalistischer Entwicklung. Bei der staatlichen ökonomischen Ausgleichungspolitik handelt es sich um zusätzliche, über die gewöhnlichen und notwendigen Ausgaben hinausgehende Eingriffe in die Wirtschaft, um staatlich induzierte Produktion, zur Anhebung der gesamtgesellschaftlichen Produktion.

Bei der Keynes'schen Krisenbekämpfung handelt es sich nicht um die Verdrängung des Privatkapitals zu Gunsten des staatlichen Wirtschaftsektors, sondern um die Vermehrung der allgemeinen Nachfrage im Rahmen der Kapitalproduktion. Da in dieser Theorie die Nachfrage von der Konsumtion abhängt, diese aber unzureichend ist, um die Vollbeschäftigung zu ermöglichen, muß sie durch die Vermehrung des „öffentlichen Konsums“, der nicht vom Markte hervorgebracht wird, erweitert werden. Um nicht die schon schwache Marktnachfrage noch mehr zu schwächen, und um nicht in Konkurrenz mit dem Privatkapital einzutreten, muß sich der Staat mit seiner induzierten Produktion auf den „öffentlichen Konsum“ beschränken, d.h. auf öffentliche Arbeiten, die Wehrwirtschaft, Raumforschung und ähnliche Dinge.

Um als Kapital aufzutreten, muß das Kapital akkumulieren, d.h. einen Teil des erzeugten Mehrwerts dem schon vorhandenen Kapital zusetzen. Vom Standpunkt der Akkumulation, der dem Kapital aufgezwungen ist, ist jede Vergrößerung des Konsums, gleich welcher Art, ob privat oder öffentlich, ein Abstrich von der der Akkumulation zur Verfügung stehenden Mehrwertsumme. Was konsumiert wird, kann nicht akkumuliert werden, d.h. in zusätzliche Produktionsmittel und Arbeitskräfte angelegt werden, die den Profit vermehren und das Kapital vergrößern. Allerdings bezog sich die Keynes'sche Politik auf einen vorübergehenden Zustand, in dem durch die einfache Vermehrung der Produktion ein wirtschaftliches Klima geschaffen wird, daß auch das Privatkapital zu Neuinvestitionen anreizt. Die neue private Marktproduktion sollte dann aus sich heraus eine Expansion entwickeln, innerhalb der die profitlose staatlich induzierte Produktion durch die vergrößerte Profitmasse der privaten Produktion aufgewogen wird. Defizite der staatlich induzierten Produktion könnten dann durch neu erzielte Überschüsse aus der Welt geschafft werden.

Ist das jedoch nicht der Fall, so erscheint die staatlich hervorgebrachte Produktion als wachsende Staatsverschuldung, als die Anhäufung privater Forderungen an den Staat. Erhöhte der Staat die Steuern, um so die öffentlichen Ausgaben zur Vermehrung der Nachfrage zu decken, so verminderte er damit einerseits die schon an sich niedrigen Akkumulationsmöglichkeiten des privaten Kapitals, und andererseits verschöbe er nur die Nachfrage des privaten Wirtschaftssektors in den öffentlichen Sektor, ohne am Ausmaß der Gesamtnachfrage etwas geändert zu haben. Um die Gesamtnachfrage anzuheben, muß zur Defizitfinanzierung gegriffen werden, zur Ausdehnung des staatlichen Kredits. Da aber die Produktion durch die Verminderung oder völlige Ausschaltung der Akkumulation eingeschränkt ist, liegen nicht nur Produktionskapazitäten still, sondern auch Kapital in Geldform, das nicht profitabel angelegt werden kann und damit den Übergang von der Geld- in die Kapitalform nicht zu vollziehen vermag. Dieses brachliegende Kapital in Geldform kann der Staat vom Privatkapital borgen, um seine Ausgaben über die ihm durch die Steuern zufließenden Mittel hinaus zu vergrößern. Diese Staatsanleihen stellen die Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben dar. Obwohl die Defizitfinanzierung vermehrter öffentlicher Ausgaben die Produktion zu vermehren vermag, so doch nicht die Produktion von Profit. Wäre das letztere möglich, so würden die Kapitalbesitzer ihr brachliegendes Geld selbst investieren. Zur staatlich induzierten Produktion wird gegriffen, um die Produktion ohne Rücksicht auf Profitabilität zu vermehren.

Obwohl die Gesamtproduktion durch die staatlichen Investitionen erweitert wird, bleibt die vom privaten Kapital gewonnene Mehrwertmasse hinter der Produktionsausdehnung zurück, so daß der vergrößerten Gesamtproduktion eine relativ verminderte Profitmasse zur Verfügung steht, die sich bei dauernder Erweiterung der unprofitablen staatlich induzierten Produktion fortlaufend vermindern muß. Wenn der Staat sich die brachliegenden Gelder des Privatkapitals borgt, so muß dafür Zins gezahlt werden. Da die staatlich induzierte Produktion keinen Profit abwirft, kann sie auch keinen Zins erringen, der ja nur einem Anteil des Profits entspricht. Dieser Zins muß durch Steuern oder weiteren staatlichen Anleihen aufgebracht werden. So wird nicht nur ohne Profit produziert, sondern auch die Verzinsung der Staatsschulden, die die zusätzliche Produktion ermöglichten, muß durch die Privatwirtschaft aufgebracht werden. Da aber die Staatsschulden stets neu fundiert werden können, sind es praktisch nur die Zinsen, die die Staatsanleihen belasten, so daß sich die zunehmende Produktion als wachsende Staatsverschuldung darstellt, der solange nichts im Wege steht, solange die Gesamtproduktion schneller wächst als die aus ihr entstehende Zinsenlast.

Jedoch handelt es sich bei der zunehmenden Staatsverschuldung um die Vernichtung von Kapital, da aus ihr keine kapitalistische, das heißt, profitbringende Produktion ermöglicht wird. Zum Beispiel erhöhte sich die Staatsverschuldung Amerikas während des Zweiten Weltkrieges um ungefähr 300 Milliarden Dollar, die aber nur auf dem Papier der Schuldverschreibungen zu finden sind. Das Äquivalent dieser Summe wurde im Kriege verbraucht, sozusagen „konsumiert“, und existiert demzufolge nicht mehr. Ein in früheren Zeiten gewonnener Mehrwert, der als Geldkapital brachlag, hatte sich in Kriegsausgaben verwandelt und ist damit aus der Welt geschafft. Hinter der Staatsschuld steckt nichts weiter als die weiter bestehende Möglichkeit des Staates, Steuern zu erheben und neue Anleihen zu machen. Obwohl das Äquivalent der Staatsschuld, nämlich die Kriegsausgaben, der Vergangenheit angehört, muß der Staat weiterhin die Zinsen dafür aufbringen und zugleich versuchen, die Verschuldung abzubauen, was sich jedoch nur aus neuer, zunehmender Profitproduktion des privaten Kapitals ermöglichen läßt.

Da aber mit der Entwicklung des Kapitals die Tendenz einer fallenden Profitrate verbunden ist, muß es fortlaufend schwieriger werden, den aus der Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben erwachsenden Verpflichtungen des Staates gerecht zu werden. Aus diesem Grund wird wohl die Staatsverschuldung niemals abgetragen werden, sondern – wie zum Beispiel 1923 in Deutschland – einfach durch eine galoppierende Inflation aus der Welt geschafft werden. Die außerordentliche Vermehrung der Staatsschuld stellt schon so eine Art der Expropriierung des privaten Kapitals dar, und man kann sozusagen die schleichende Expropriation des Kapitals an der Rate der Staatsverschuldung ablesen, die der weiteren Akkumulation des Kapitals im Wege steht. Aber das trifft nur dann zu, wenn sich das Kapital tatsächlich in einem permanenten Krisenzustand befindet, der von einem dauernden Anwachsen der öffentlichen Ausgaben begleitet ist. Diese Möglichkeit soll hier nur erwähnt werden, um anzudeuten, daß der Krisenbekämpfung mittels induzierter öffentlicher Ausgaben ganz bestimmte Grenzen gezogen sind, die nicht überschritten werden können, ohne das Kapital selbst zu gefährden. Fände eine Dauerkrise statt, so würde sich in ihrem Verlauf bemerkbar machen, daß die staatlichen Interventionen, obwohl die Wirtschaft sofort belebend, dies doch nur auf Kosten der langfristigen Zerstörung des Privatkapitals erreichen können.

Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen, muß noch bemerkt werden, daß dies nur vom Standpunkt des Gesamtkapitals zutrifft. Für das Einzelkapital, das durch die staatlichen Ausgaben seine Produktion zu vermehren vermag, ist die zusätzliche induzierte Produktion durchaus profitabel. Aber der diesen Kapitalen zufließende Mehrwert oder Profit, wird nicht durch die marktmäßige Gesamtproduktion realisiert, sondern stammt aus dem Mehrwert verflossener Produktionsperioden, aus schon vorhandenem, nicht aus neuem zusätzlichen Mehrwert. In anderen Worten, diese Kapitale „realisieren“ ihren Profit aus dem brachliegenden Geldkapital, das ihnen der Staat durch seine Investitionen zuspielt. Der Gewinn des begünstigten Einzelkapitals ist der Verlust des Gesamtkapitals, der sich als Verbrauch des akkumulierten Geldkapitals darstellt. Es ist dieses brachliegende Geldkapital, das stillgelegte Produktionsmittel und Arbeitskräfte erneut in Bewegung setzt und dessen Größe die Grenzen dieser Art der Vermehrung der Produktion bestimmt. Ist die Kreditausweitung durch das brachliegende Geldkapital erschöpft, dann läßt sich die weitere Vermehrung öffentlicher Ausgaben nur durch die offene Inflation, durch die Vermehrung und Entwertung des Geldes, ermöglichen. Ist auch die Defizitfinanzierung auf dem Wege der Staatsanleihen schon ein inflationärer Prozeß, so doch ein begrenzter und kontrollierbarer, während der reinen Papiergeldinflation keine objektiven Grenzen gezogen sind.

Ein sich dauernd vermehrender unprofitabler Sektor der Wirtschaft muß im Laufe der Zeit die kapitalistische Produktionsweise selbst in Frage stellen. Deshalb kann die Aufrechterhaltung einer erwünschten Produktions- und Beschäftigungshöhe nur als vorübergehende Möglichkeit gelten, als eine Hilfsmaßnahme, die früher oder später durch eine neue Konjunktur des Privatkapitals abgelöst werden muß. Da der Staat natürlich der Staat des Privatkapitals ist, wird die staatliche Krisenbekämpfungspolitik mittels der Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben an dem durch ihre Ausdehnung erreichten Punkt ihr Ende finden, wo sie von einem momentanen sozialökonomischen Stabilisierungselement in ihr Gegenteil umschlägt und zu einem krisenverschärfenden Mittel wird. An diesem Punkt muß sich die alte Krisengesetzlichkeit von neuem durchsetzen.

Um auf die aktuelle Wirtschaft zu sprechen zu kommen, muß zuerst festgestellt werden, daß die großen Krisen in diesem Jahrhundert, im Gegensatz zu denen des letzten Jahrhunderts, nicht durch „rein ökonomische“ Ereignisse bewältigt wurden. In den Krisen des 19. Jahrhunderts überließ man sich, mehr oder weniger, den Einwirkungen der Krise und Depression, ohne zu versuchen, sie durch bewußte Eingriffe abzuschwächen oder zu überwinden. Die erste große Krise des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde in dem ersten Weltkrieg aufgefangen. Das besagt nicht, daß der erste Weltkrieg aus der Krise resultierte, sondern nur, daß ein Krisenzustand bereits existierte, der sich nur deshalb nicht als solcher kennzeichnete, weil der imperialistische Krieg ihm ein anderes Gesicht verlieh. Die von Amerika ausgehende Krise von 1929 ergriff die ganze Welt und dies um so mehr, da die europäischen Nationen nicht aus der vorhergehenden Krise herausgekommen waren. Der durch den ersten Weltkrieg aufgefangene Krisenzustand setzte sich als Nachkriegskrise fort, obwohl diese Periode von Fluktuationen innerhalb depressiver Zustände begleitet war. Aber zu einer progressiven Akkumulation kam es nicht. Die relativ stagnierende Wirtschaft Europas mußte im Laufe der Zeit auch die nach dem Kriege einsetzende Prosperität des amerikanischen Kapitals beeinträchtigen. Vorerst allerdings entwickelte sich ein großer Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft, der aber nicht ausreichte, um die Weltwirtschaft miteinzubeziehen. Als die amerikanische Prosperität in sich zusammen brach, wurde die Krise zur allgemeinen Weltkrise.

Während dieser Krise wurde dann die Keynes'sche Modifikation der neuklassischen Theorie entwickelt, der allerdings in verschiedenen Ländern bereits durch praktische Regierungseingriffe in den Wirtschaftsablauf vorgegriffen worden war. Jedoch war diesen Eingriffen kein besonderer Erfolg beschieden, und demzufolge setzte sich auch die Keynes'sche Modifikation der klassischen Marktlehre nur langsam durch. Es stimmt allerdings, daß Hitlers Aufrüstungspolitik auf dem Wege der Defizitfinanzierung und anderer, zusätzlicher Mittel die Arbeitslosigkeit zu vermindern vermochte. Aber dieselben Umstände, die die Arbeitslosigkeit verminderten, verschärften zugleich den Krisenzustand in einem sichtbar zunehmendem Maße, um letzten Endes nur die Wahl zwischen einem weiteren Verfall der Wirtschaft – trotz der staatlichen Eingriffe – oder einer gewaltsamen imperialistischen Lösung durch den Krieg zuzulassen. Das deutsche Kapital riskierte den Krieg, um auf Kosten anderer Länder seine eigene Wirtschaft zu retten. In den Vereinigten Staaten wurde durch den sogenannten New Deal, der, obwohl unabhängig von den Keynes’schen Ideen, doch deren Prinzipien verfolgte, die Arbeitslosigkeit von 16 Millionen der Bevölkerung auf 9 Millionen reduzierte. Aber um das Jahr 1937 schienen sich die Möglichkeiten der Krisenbekämpfung erschöpft zu haben. Erst die große Aufrüstung für den zweiten Weltkrieg, die nach dem spanischen Bürgerkrieg einsetzte, brachte es mit sich, die Arbeitslosigkeit weiter herabzusetzen. Erst der Krieg selbst führte zur Vollbeschäftigung, nicht nur in Amerika, sondern in allen kriegführenden Ländern. In der Produktion für den Krieg realisierte sich das Keynes'sche Programm, das heißt, unter Umständen, die die kapitalistische Akkumulation ausschlossen. In Amerika zum Beispiel fiel die Akkumulationsrate unter 1 %, so daß sich das Kapital knapp zu reproduzieren vermochte. Ungefähr die Hälfte der Gesamtproduktion wurde zu Kriegszwecken verwandt, und was im Kriege vernichtet wird, kann nicht der Akkumulation dienen. Die Vollbeschäftigung war so mit der Abwesenheit kapitalistischer Akkumulation verbunden; mit anderen Worten, mit einer Produktion, die prinzipiell keine kapitalistische Produktion war.

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich allerdings ein neuer, unerwarteter Aufschwung des internationalen Kapitals, der mit der Keynes'schen Theorie nicht recht in Einklang gebracht werden konnte. Diese Theorie bezog sich auf einen Zustand ökonomischer Stagnation, dem durch die Vermehrung der öffentlichen Nachfrage abgeholfen werden sollte. Nichtsdestoweniger schrieben sich die Theoretiker Keynes' scher Prägung den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung als Nachweis der Gültigkeit ihrer Theorien zu. Sie schmückten sich hier allerdings nur mit fremden Federn. In Wirklichkeit war dieser Aufschwung, wie jeder vorherige, das Resultat der ihm vorhergehenden Krise. Die Stagnation des europäischen Kapitals während der Periode zwischen beiden Weltkriegen und die ungeheure Vernichtung von Kapital in wertmäßiger und physischer Hinsicht im Verlauf des Krieges, brachten eine allgemeine Änderung der Kapitalstruktur mit sich, welche die Profitraten, dem verminderten Kapital gegenüber, genügend anhoben, um zu einer neuen Akkumulation fortzuschreiten. Die Vernichtung von Kapital durch Krieg und Krise war das Geheimnis der Nachkriegskonjunktur. Nicht die Keynes'schen Methoden der Wirtschaftsbeeinflussung, sondern der Krisenmechanismus der Kapitalakkumulation war für den neuen Aufschwung verantwortlich.

Von einem marxistischen Standpunkt aus gesehen, bot der neue Aufschwung nichts Überraschendes. Die Höhe der durchschnittlichen Profitrate, und damit die Rate der Kapitalakkumulation, hängt von der jeweiligen Struktur des Gesamtkapitals, in Marx* scher Terminologie, von der organischen Zusammensetzung des Kapitals ab. Die Zerstörung von Kapital, in Verbindung mit einer Erhöhung der Produktivität der Arbeit, kann eine Profitrate ergeben, die aus der Depression in eine neue Prosperität führt. So setzt sich die Akkumulation des Kapitals trotz und mittels der Krisen durch, solange der Profit den Akkumulationsansprüchen gewachsen bleibt. Die allgemeine Reorganisation des Kapitals führte zu einem neuen Aufschwung; es sei denn, daß die Anpassung des Profits an die Akkumulation objektiv ausgeschlossen ist. Ein tatsächlicher Aufschwung bestätigt jedoch, daß dies nicht der Fall war.

Der Krisenmechanismus des Kapitals selbst, nicht die Keynesschen Manipulationen der Wirtschaft, erklärt die lange Konjunktur der Nachkriegsjahre. Allerdings war dieser Aufschwung kein ungetrübter, da er die Welt recht unterschiedlich erfaßte. So ergab es sich, daß in manchen Ländern und hier vornehmlich Amerika, der Staat auch weiterhin durch Geld- und Fiskalpolitik in die Wirtschaftsprozesse eingriff, um Rückgängen innerhalb der Aufschwungsperiode zu begegnen. Weiterhin erlaubte die fortgesetzte imperialistische Politik keinen Abbau der unproduktiven Staatsausgaben für Rüstungszwecke und erzwang damit die Erhaltung und Ausdehnung des unprofitablen Sektors der Gesamtproduktion. Dennoch war die Expansion des Kapitals groß genug, um den allgemeinen Aufschwung durchzusetzen, in dem die staatlich induzierte Produktion sich wohl relativ verminderte, aber doch ein bedeutender Faktor der Gesamtproduktion blieb. Die Tatsache, daß unter diesen Umständen ein als kapitalistische Prosperität angesehener Zustand im großen und ganzen bestehen blieb, führte dann zu der Illusion, daß es endlich gelungen sei, mittels Keynes'scher Methoden die zyklische Bewegung des Kapitals zu beenden. Die Zeit der Krisen schien für immer vorbei zu sein, da es angeblich gelungen war, durch zentrale Eingriffe in den Wirtschaftsprozeß ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu erreichen, das mit Vollbeschäftigung verbunden war. Die scheinbare Möglichkeit staatlicher Regulierung der Marktwirtschaft und der sich daraus ergebenden krisenfreien Entwicklung war auch für das antikapitalistische Lager eindrucksvoll genug, um die Ideen des Marxismus mit denen von Keynes zu verbinden und ebenfalls von einer neuen Periode kapitalistischer Entwicklung zu sprechen, die sich nicht mehr aus der Marxschen Krisengesetzlichkeit erklären ließ. Man braucht nur an Leute wie Marcuse, Baran und Sweezy zu denken, um den Einfluß der neu erstandenen kapitalistischen Illusionen auf ihre angeblichen Kritiker festzustellen.

War der in der Keynesschen Theorie vollzogene Übergang von der sogenannten Mikro- zur Makroökonomie, das heißt, von der Außerachtlassung gesellschaftlicher wirtschaftlicher Probleme zu deren Anerkennung, noch statischer Natur in dem Sinne, daß man sich nicht mit der Entwicklung des Kapitals beschäftigte, so hat der Ausbau der Keynesschen Theorie zu Versuchen geführt, ihr einen dynamischen Charakter zu verleihen; in anderen Worten, auf die Entwicklungs- und Bewegungsgesetze des Kapitals einzugehen. War dies für die bürgerliche Ökonomie ein Fortschritt, so war dieser selbst doch nur ein Zurückgreifen auf die Klassiker der politischen Ökonomie und hauptsächlich, wenn auch verschwiegen, auf die marxistische Theorie kapitalistischer Entwicklung. Man anerkannte nun die in der kapitalistischen Entwicklung enthaltenen inneren Schwierigkeiten und damit die Tendenz fortgesetzter Gleichgewichtsstörungen, um aber doch zu dem Schluß zu gelangen, daß die dem System immanenten Gegensätze durch ein dauerndes planmäßiges Eingreifen des Staates aufgehoben werden könnten. In den Worten der kapitalistischen Apologetik, ausgedrückt durch Paul Samuelson, neige die Entwicklung des Kapitals, die als Wachstum begriffen wird, zwar zur Instabilität, die aber durch die Lenkung der Wirtschaft beseitigt werden könnte, so wie ein Fahrrad zwar umfiele, sobald es allein gelassen wird, aber doch durch die Lenkung des Fahrers seine Balance erhält. Diese optimistische Auffassung wurde fast zum Allgemeingut der bürgerlichen theoretischen Ökonomie.

Was aber war in Wirklichkeit geschehen? Um zu wiederholen: Der Krieg hatte die europäische und japanische Wirtschaft in einem Maße zerstört, daß dessen Wiederbelebung sich nur als ein langwährender Prozeß vorstellen ließ. Mit den Produktivkräften des Kapitals waren auch seine destruktiven Kräfte gewachsen, die die kriegsbetroffenen Länder mehr zerrütteten als es im ersten Weltkrieg der Fall war. Nicht nur aus politischen Erwägungen, die sich aus dem neuen Widersacher des russischen Imperialismus ergaben, sondern auch aus den eigenen wirtschaftlichen Erwägungen heraus, versuchte das amerikanische Kapital, durch Anleihen und den Marshall-Plan, den Wiederaufbau des westlichen Kapitals zu beschleunigen. Damit diente man nicht nur dem Empfängern der amerikanischen Wirtschaftshilfe, sondern auch unmittelbar der amerikanischen Wirtschaft selbst, da der Import von Kapital anderer Länder sich notwendigerweise als Export amerikanischer Waren darzustellen hatte. So belebte sich die Wirtschaft auf beiden Seiten, den kapital importierenden und den warenexportierenden Ländern. Die Zerstörung kapitalistischer Werte in Europa und Japan, die Aufhebung der Verschuldungen durch Geldentwertungen, die Anwendungsmöglichkeit neuer Technologien und neuer Produktionsmethoden und eine hohe Ausbeutungsrate im Gefolge der Verelendung durch den Krieg, erlaubten hohe Profitraten und eine Akkumulationsrate von bis zu 25 % der Gesamtproduktion. Es war diese auf spezifische Zustände zurückführbare hohe Akkumulationsrate, die dann als Wirtschaftswunder in die Geschichte einging, und die die Konkurrenzfähigkeit Europas und Japans auf dem Weltmarkt progressiv verbesserte.

Die amerikanische Wirtschaft hingegen war durch eine sehr niedrige Akkumulationsrate gekennzeichnet, die während der ganzen Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hinter ihrem historischen Durchschnitt zurückblieb und niemals mehr als 3 bis 3 1/2 % betrug. Eben weil das amerikanische Kapital unter dem Zustand der Überakkumulation litt, einem Zustand, in dem sich die Profite nicht mit den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals vertragen, bot der amerikanische Kapitalexport die Teilnahme am sich in den Wiederaufbauländern einsetzenden Aufschwung an. Dazu kamen noch die neuen imperialistischen Verpflichtungen im Weltmaßstabe, das Eingreifen in das politische Geschehen in Asien, der Krieg in Korea und Indochina. Sowohl der Kapitalexport als auch die mit den imperialistischen Abenteuern verbundenen Ausgaben, die jährlich 20 bis 25 Milliarden Dollar in Anspruch nahmen, schlössen eine Verminderung des Staatsbudgets aus und erzwangen durch die relativ niedrige Profitrate die Finanzierung der wirtschaftlichen und imperialistischen Außenpolitik auf inflationären Wegen. Der Dollarstandard als Welt- und Reservewährung erlaubte es dem amerikanischen Kapital, durch die beschleunigte Geldschöpfung nicht nur einen tiefen Einbruch in die europäische Wirtschaft zu erzielen, sondern auch zugleich die eigene Produktion mittels staatlich induzierter Produktion anzuheben. Obwohl eine Vollbeschäftigung nicht erreicht wurde, erlaubte der hohe Grad der Beschäftigung doch das Aufkommen der schon erwähnten Illusion einer krisenfreien kapitalistischen Weiterentwicklung.

Ohne die staatlich induzierte Produktion wäre die Arbeitslosenzahl wohl größer gewesen als es tatsächlich der Fall war, denn die Akkumulationsrate reichte nicht aus, um zur Vollbeschäftigung zu kommen. Aber selbst in den letzten Jahren des Krieges in Indochina war die amerikanische Produktionskapazität nur bis zu 86% ausgenutzt und die Arbeitslosenzahl bewegte sich zwischen 4 1/2 bis 5 % der arbeitenden Bevölkerung. So unterschied sich der Nachkriegszustand Amerikas von dem in Europa und Japan, und der gesamtwirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegsperiode enthielt schon den Keim der Zersetzung in sich, der sich vorläufig in den unterschiedlichen Akkumulationsbedingungen der verschiedenen kapitalistischen Länder ausdrückte. Da aber Amerika ungefähr die Hälfte der Weltproduktion bestreitet, deutete die relative Stagnation des amerikanischen Kapitals auf eine sich auf die Profitansprüche des Weltkapitals beziehende unzureichende Profitabilität hin, die sich allerdings für längere Zeit durch die Anwendung profitvermehrender Geld- und Kreditmanipulationen verdecken ließ. Der Zustand der Prosperität wurde von dem der „schleichenden Inflation“ begleitet.

Da die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, insoweit sie sich mit der Ausdehnung der Produktion befassen, auf der staatlichen Kreditfähigkeit beruhen, so haben sie eine der privaten Kreditschöpfung ähnliche Wirkung. Nicht nur in der Marxschen Konzeption, sondern auch in den bürgerlichen Wirtschaftstheorien, wurde eine außerordentliche Beschleunigung der Kreditausdehnung stets als ein Zeichen einer sich nähernden Krise angesehen, als ein Ausdruck eines sich verschärfenden Konkurrenzkampfes um die sich bemerkbar machende Verminderung der Profite, der zu einer beschleunigten Konzentration und Zentralisation des Kapitals führte. Jeder kapitalistische Konzern versucht durch die auf dem Kreditwege ermöglichte Erweiterung und Verbilligung seiner Produktion einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprofit zu gewinnen, womit die sich bereits als Profitknappheit darstellende Überakkumulation des Kapitals weiter entwickelt wird. Trotzdem ist die erste Wirkung der Krediterweiterung, insoweit als sie die Produktion tatsächlich vermehrt, ein Vorgang, der den Ausbruch der Krise verzögert. Die wirtschaftliche Aktivität ist größer als sie es ohne die Kreditausweitung gewesen wäre. Aber diese vermehrte Produktion ist nicht notwendigerweise mit einer entsprechenden Vermehrung des Gesamtprofits verbunden. Ändert sich nichts Wesentliches an dem Verhältnis der Ausbeutungsrate zur Struktur des Gesamtkapitals, so folgt der vorläufigen Verzögerung der Krise eine desto tiefer einschneidende Krise, sobald sich die durch den Kredit ausgelöste Prosperität als eine falsche Prosperität herausstellt. Eine zu schnelle Ausdehnung des Kredits, dem über kurz oder lang sowieso eine Grenze durch die von der Profitrate abhängige Zinsrate gezogen ist, war stets ein Ausdruck der dem kapitalistischen System immanenten Widersprüche und wurde auch von der bürgerlichen Ökonomie mit großer Skepsis betrachtet.

Worauf es uns hier jedoch ankommt, ist, daß die Kreditausdehnung stets als inflationärer Prozeß auftrat. Die Preise steigen, um die vermehrte Anwendung von Kapital bei gleichbleibender oder langsamer anziehender Profitrate zu rechtfertigen, um innerhalb der Zirkulationssphäre zu gewinnen, was in der Produktion nicht in genügendem Maße zu erreichen ist. Da nicht alle Preise gleichmäßig steigen und besonders der Preis der Arbeitskraft sich nur schlecht der allgemeinen Preissteigerung anzupassen vermag, ergibt sich eine Verschiebung des Verhältnisses von Lohn und Profit zugunsten des kapitalistischen Profits. Darüber hinaus ergibt sich eine allgemeine Verlagerung der Einkommensstruktur zuungunsten sozialer Schichten, deren Einkommen hinter den ansteigenden Preisen zurückbleiben. Das Kapital versucht seine Profite auf Kosten der Gesamtgesellschaft zu sichern, und damit vornehmlich auf Kosten der Arbeiter, ohne damit schon seine Akkumulationsfähigkeit zu halten oder zurück zu gewinnen. Der Kredit hat bisher jedenfalls den Krisenzyklus des Kapitals nicht aufzuheben vermocht; es ist die Krise selbst, die den Kredit als Hebel der Produktionssteigerung aufhebt.

Da, vom gesamtgesellschaftlichen Rahmen aus gesehen, die auf den Kreditwege ermöglichte staatlich induzierte Produktion weder Profit noch Zins abwirft, besteht ihre objektive Grenze nur in der Menge des aktuell vorhandenen, aber brachliegenden Kapitals, das sich der Staat vom Privatkapital borgt. Dieser als Staatsschuld auftretende Teil des Privatkapitals finanziert auch die Zinsen, die den Staatsanleihen auferlegt sind. Ist die objektive Grenze staatlicher Verschuldung erreicht, dann hinge die Fortsetzung der staatlich induzierten Produktion vom Geldschöpfungsvermögen des Staates ab; in anderen Worten, der Finanzierung dieser Produktion mit Hilfe der Druckpressen oder der offenen Inflation mittels der Entwertung des Papiergeldes. Aber schon die staatliche Defizitfinanzierung mittels der Staatsanleihen ist ein inflationärer Prozeß, wenn auch ein langsamer, da sich der gesellschaftliche Profit nicht gleichmäßig mit der Gesamtproduktion vermehrt, und die sich weitende Spanne zwischen Produktion und Profit zu Preiserhöhungen zwingt. Aktuell geht die Defizitfinanzierung mittels der Staatsanleihen mit einer Beschleunigung der staatlichen Geldschöpfung Hand in Hand, um einerseits durch die Senkung des Zinsfußes die Privatinvestitionen zu fördern und andererseits die Zinsenlast der Staatsverschuldung herabzusetzen.

Daß die von Keynes vorgeschlagenen Methoden der Krisenbekämpfung inflationären Charakter haben, ist nicht bestritten worden, sondern wurde von ihm und seinen Anhängern für das Geheimnis der wirtschaftlichen Stabilität gehalten. Allerdings nahm man an, daß die inflationären Mittel zu einem neuen wirtschaftlichen Gleichgewicht führen würden und damit zum Abschluß der inflationären Vorgänge. Vollbeschäftigung mit Preisstabilität war das Ziel; die inflationären Methoden könnten, nach den jeweiligen Bedürfnissen, eingesetzt oder ausgesetzt werden. Solange Arbeitslosigkeit vorhanden ist, sei der inflationäre Kurs das einzige Mittel, sie abzumildern oder abzuschaffen. Mit erreichter Vollbeschäftigung könnte der Inflation Einhalt geboten werden, durch deflationäre Methoden und mittels des Ausgleichs der früheren Defizite durch neugeschaffene Überschüsse. Jedenfalls war man überzeugt, daß sich die Wirtschaft auf dem Wege einer klugen Geld- und Fiskalpolitik den Regierungsansprüchen entsprechend regulieren ließ. Daß die Aufhebung der Arbeitslosigkeit als ein soziales Problem mit schleichender Inflation verbunden war, erschien den Wirtschaftstheoretikern als ein sehr geringer Preis. Es sei besser, eine Vollbeschäftigung mit inflationärer Tendenz zu haben, als aus Angst vor der Inflation eine wachsende Arbeitslosigkeit zu akzeptieren. Zudem entdeckte man, daß nicht nur in der Neuzeit, sondern nach in der Vergangenheit jede Konjunktur inflationäre Merkmale hatte. Mit der Vollbeschäftigung, sowie der englische Ökonom Phillips historisch statistisch nachwies, war stets ein Steigen der Preise verbunden; ein Preissturz war stets das Ergebnis großer Arbeitslosigkeit. So schien es sich auch bei der heutigen Inflation um eine Art Naturgesetz zu handeln, daß mit der Vollbeschäftigung die Inflation verbunden sei. Die Inflation war damit nicht nur aus der Vollbeschäftigung erklärt, sondern auch auf das Konto der Arbeiter geschrieben, da es diese waren, die durch die Ausnutzung der Möglichkeit von Lohnerhöhungen bei Vollbeschäftigung für den Preisauftrieb verantwortlich gemacht wurden.

Eines Tages jedoch stand man vor der Tatsache, daß nicht nur die Vollbeschäftigung mit Inflation verbunden war, sondern die Inflation auch bei wachsender Arbeitslosigkeit weiter um sich griff. Der Niedergang der Wirtschaft schränkte die Inflation nicht ein, sondern beschleunigte ihren Gang; eine Tatsache, die sich nicht mit den gängigen Wirtschaftstheorien begreifen läßt. Das Keynes'sche Instrumentarium der Krisenbekämpfung stellte sich als Illusion heraus und man stand vor der neu einsetzenden Krise genauso ratlos wie vor jeder früheren Krise. Aber damit bestätigte sich nur erneut, was während der langen Konjunkturperiode in einigen westlichen Ländern vergessen worden war, nämlich, daß sich das kapitalistische System nicht regulieren läßt, und insoweit, als es einer Art Regulierung untersteht, diese in seiner Krisengesetzlichkeit zu finden ist. Wie im vorigen so auch im jetzigen Jahrhundert führt der Akkumulationsprozeß des Kapitals aus einer Periode der Expansion zu einer Krisensituation, die selbst eine notwendige Voraussetzung weiterer Akkumulation ist, und dies auch nur solange, als die Wiederherstellung einer verlorenen Profitabilität eine objektive Möglichkeit bleibt. Es stimmt natürlich, daß man durch staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen seinen Ablauf zu beeinflussen vermag, und durch die damit verbundene Ausdehnung der Produktion einen eingetretenen Krisenzustand zu mildern vermag, ohne jedoch damit an der sich aus dem Verwertungszwang des Kapitals ergebenden Tendenz zur Überakkumulation etwas zu ändern. Setzt sich die Krise der Überakkumulationen durch, dann stellt sich heraus, daß die krisenabschwächenden Mittel staatlicher Wirtschaftslenkung krisenverschärfenden Charakter annehmen. Unter diesen Umständen setzt sich die Krise in altbekannter Weise durch, nämlich durch den Zerfall der Produktion, der Massenarbeitslosigkeit, der Zerstörung von Kapital und Arbeitskräften und dem verschärften Konkurrenzkampf des Kapitals. Die sich aus den sozialen Klassenverhältnissen ergebende allgemeine Krise des Kapitals, die ihre letzte Ursache in der Kapitalproduktion selbst findet, läßt sich nicht mit den angeblich neuentdeckten Methoden kapitalistischer Wirtschaftslenkung beikommen, sondern – wenn überhaupt – nur mit den destruktiven Mitteln, die auch der Vergangenheit aus der Krise in einen neuen Aufschwung führten. Hatte sich die Bourgeoisie eingebildet, den Weg zu einer krisenfreien Entwicklung des Kapitals gefunden zu haben, so weist die neueintretende Krise noch einmal nach, daß die bürgerliche Ökonomie außerstande ist, ihr eigenes Wirtschaftssystem zu begreifen, geschweige denn es zu lenken. Was sich jetzt abzuspielen beginnt, ist der empirische Nachweis der Berechtigung der Marxschen Akkumulationstheorie als kapitalistische Krisentheorie.

Fragen und Antworten

F: Eine Theorie soll auch eine Prognose erlauben; wie ist Deine Prognose für die weitere Entwicklung der Krise?

A: Eine Prognose mit Bezug auf die sich entfaltende Krise bleibt notwendigerweise spekulativ, da sich die auf den Akkumulationsprozeß beziehenden Grundkategorien, nämlich das tatsächliche Verhältnis der Gesamtprofitmasse gegenüber den Verwertungsbedürfnissen des Gesamtkapitals, empirisch nicht erfassen läßt, eben weil die kapitalistische Entwicklung sich wie ein Naturgesetz, hinter dem Rücken der Produzenten, durchsetzt. Man kann die Tendenz der Entwicklung nur in analoger und ungenauer Form aus den in Marktkategorien gekleideten Daten ersehen, wie sie von den unzureichenden statistischen Ermittlungen der Bourgeoisie vorgelegt werden. Man kann sich so nur auf Symptome berufen, mit denen sich die bürgerliche Wirtschaftskunde beschäftigt, nicht mit den diesen Symptomen zugrundeliegenden wirklichen, aber nicht faßbaren Verhältnissen, die die Krise implizieren. Die Symptome deuten natürlich auf einen Krisenzustand-, oder sein Gegenteil hin, nicht aber auf das mögliche Ausmaß einer Krise, oder der Dauer einer Konjunkturperiode. Meiner Ansicht' nach ist die jetzige Krise eine dem kapitalistischen System immanente Krise, eine allgemeine, keine partielle Krise, die schon in den ihr entgegengesetzten antizyklischen Maßnahmen zum Ausdruck kam, obwohl diese Maßnahmen zugleich den wirklichen Zustand der Kapitalprofitabilität für eine geraume Zeit verschleierten. Jetzt aber sind die Symptome eines allgemeinen Niedergangs klar erkennbar und deuten auf eine Verschärfung der Krise und ihrer Ausdehnung zur Weltwirtschaftskrise hin. Doch zeigen sich heute noch unterschiedliche Auswirkungen in den verschiedenen Ländern. Die Depression ist tiefer in Amerika als z.B. in Deutschland, ist einschneidender in England als in Norwegen usw. Aber diese Unterschiede werden sich im Laufe der Zeit verwischen, erstens durch die vollzogene starke Integration der Weltwirtschaft und zweitens durch die ökonomische Vormachtstellung Amerikas, das ungefähr die Hälfte der Weltproduktion beherrscht. 5o haben auch die Reaktionen der verschiedenen Länder auf die Krise noch unterschiedliche Merkmale und Möglichkeiten, da die Staatsverschuldungen und die Möglichkeiten der Produktionsbelebung durch Defizitfinanzierung sehr verschieden liegen. Ich nehme an, daß sich die Krise im Weltmaßstab weiter verschärfen wird, ohne damit sagen zu wollen, daß sie katastrophale Formen annehmen muß, wie nach 1929. Wie schon hervorgehoben, ist es durchaus möglich, wenn auch auf Kosten der kapitalistischen Zukunft und der sofortigen Zersetzung des kapitalproduzierenden Charakters der Produktion, durch Interventionen des Staates die Arbeitslosigkeit zum Teil abzuschaffen in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen, um der anderen, auf Erfahrung basierenden Hoffnung zu genügen, daß diese Krise wie alle bisherigen auch wieder vorübergehen wird. Da die Interventionsmöglichkeiten weder völlig erschöpft sind, noch in den einzelnen Ländern gleichmäßig in Anspruch genommen wurden, ist es durchaus möglich, wenn auch nicht sicher, daß es nicht zu einem katastrophalen Zusammenbruch kommt, sondern zu einer langen Stagnationsperiode, die durch staatliche Eingriffe sozial tragbar gehalten wird. Da sich nicht feststellen läßt, inwieweit dies objektiv möglich ist, und da die objektive Möglichkeit durch die subjektiven Handlungen entweder der Bourgeoisie, des Proletariats oder beiden durchkreuzt werden kann, läßt sich nicht voraussagen, ob es auch weiterhin möglich ist, den Krisenzustand hinreichend zu beeinflussen, um ein schnelles Abgleiten der Wirtschaft aufzuhalten. Eben weil es sich hier um eine Weltkrise handelt, ihr Ausmaß jedoch gleichzeitig für die verschiedenen Länder unterschiedlich ist, kann die Krise an verschiedenen Stellen der Welt explosiven Charakter annehmen und damit den Effekt der Krisenbekämpfung in anderen Ländern aufheben. Wie die Dinge im Moment liegen, scheint sich der Verlauf der Krise anders zu äußern, als während der letzten großen Krise, obwohl die Ursachen jeder Krise dieselben sind. Da jedoch die Krise als ökonomisches Problem zugleich ein gesamtgesellschaftliches ist, das alle sozialen Vorgänge in sich einschließt, muß jede Prognose, die notwendigerweise spekulativ bleibt, auch die Gefahren berücksichtigen, die sich aus der nationalen und damit imperialistischen Form der Kapitalbildung ergeben. Wir müssen uns erinnern, daß die Krise von 1913 durch den ersten Weltkrieg aufgefangen wurde und daß, nach diesem Kriege, mit der Ausnahme Amerikas, die Welt nicht aus einem stagnierenden Krisenzustand herauskam, so daß die erste große Weltkrise des jetzigen Jahrhunderts erst durch den zweiten Weltkrieg überwunden wurde. Es ist mehr als nur wahrscheinlich, daß auch die heutige Krise zu politischen Situationen führen wird, die leicht in einen neuen Weltkrieg münden können. Wenn das Kapital die Kontrolle über seine Wirtschaft verliert, so verliert es damit auch die Kontrolle über seine Politik, ja eine kapitalistisch rationelle Politik setzt eine gewisse Kontrolle der Wirtschaft voraus. Aus der scheinbaren Ausweglosigkeit, die für eine gewisse Zeit tatsächlich eine aktuelle Ausweglosigkeit ist, entsteht das Bedürfnis, der wirtschaftlichen Konkurrenz und Kapitalkonzentration politisch-militärisch nachzuhelfen. Die Krise verschärft alle kapitalistischen Interessengegensätze, die in verstärkten Maße politische Formen annehmen und damit nach gewaltsamen Lösungen der ökonomischen Schwierigkeiten drängen. Die Tatsache, daß die Krisen des Zwanzigsten Jahrhunderts nur mittels des Krieges überwunden wurden, legt es nahe, daß die Möglichkeit des Versuchs einer kriegerischen Lösung der jetzigen Krise nicht aus der Luft gegriffen ist.


F: Bei Beurteilung der Krise kann man nicht nur die Verhältnisse der kapitalistischen Länder berücksichtigen. Die sozialistischen Länder sind ebenfalls am Weltmarkt beteiligt. Wie wirkt sich in dieser Situation die Beteiligung der sozialistischen Länder auf die Weltwirtschaft aus, z.B. die der Sowjetunion und der übrigen Comecon-Länder, und welche Bedeutung hat die ökonomische und politische Stabilität dieser Länder, der DDR und der UdSSR für den Verlauf der Weltwirtschaftskrise?

A: Es gibt heute nur unterschiedliche kapitalistische Länder, d.h. privatkapitalistische und staatskapitalistische Länder. Die privatkapitalistischen Länder sind – mehr oder weniger – gemischte Ökonomien, in denen der Staat weitreichende ökonomische Funktionen erhält. Aber all diese Länder sind den Produktionsverhältnissen nach kapitalistische Länder. Das Kapital-Arbeit-Verhältnis beherrscht sie alle gleichmäßig, wenn auch das Kapital entweder als Privateigentum oder als Eigentum des Staates auftritt. Ein sozialistisches System, in dem mit der Lohnarbeit auch das Kapitalverhältnis beseitigt ist, gibt es nirgendwo in der Welt. So bestimmen auch überall nicht die menschlichen Bedürfnisse, sondern die Bedürfnisse der Kapitalakkumulation die sozialen Verhältnisse und deren Entwicklung. Diese grundsätzliche Verwandtschaft hebt nicht die Konkurrenz zwischen den verschiedenen kapitalistischen Systemen auf, aber verbindet sie zugleich auch durch das gemeinsame Interesse an der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Ausbeutungssystems. Der Verwandtschaft der Systeme entspricht eine gemeinsame Abneigung gegenüber den möglichen sozialen Folgen einer tiefschürfenden Wirtschaftskrise. Deshalb bemühen sich die staatskapitalistischen Länder, soweit es in ihren Kräften steht, dem Kapital die Krisenüberwindung zu erleichtern. Die sozialen Folgen der Krise könnten auch den staatskapitalistischen Systemen gefährlich werden. Deshalb sind diese Länder am Status quo interessiert, an der Erhaltung des Privatkapitals oder, wie sie es selbst ausdrücken, an der Koexistenz der unterschiedlichen Systeme, um weltweiten Erschütterungen aus dem Wege zu gehen, die sich auch negativ auf das System staatskapitalistischer Ausbeutung auswirken könnten. Allerdings haben sie kaum die Möglichkeit, viel zur Stabilisierung der kapitalistischen Weltwirtschaft beizutragen. Der Weltmarkt untersteht noch der Beherrschung durch die privatkapitalistischen Systeme und wird damit auch von der kapitalistischen Krisengesetzlichkeit bestimmt. Umgekehrt jedoch, wirkt sich die Krise durch die Handelsbeziehungen der privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Länder auch auf die letzteren aus. Diese Länder können ja nur über den Handel in Verbindung mit der privatkapitalistischen Welt treten. Profite werden jedoch nicht im Handel, sondern in der Produktion gemacht. Wenn die Produktion aus Profitmangel rückgängig wird, kann auch der Handel die Wirtschaftslage nicht verbessern.

Auf dem Markt geht es um die Aufteilung, nicht die Vergrößerung der Profite, so daß der Handel von der Produktion abhängig ist, nicht umgekehrt. Der Krisenzustand der privatkapitalistischen Produktion überträgt sich auf die planmäßige staatskapitalistische Wirtschaft durch die Handelsbeziehungen. Damit wird, mehr oder weniger, die Planwirtschaft der Wirtschaftsanarchie des Weltmarktes unterworfen. Der durch die Krise verursachte Verfall des internationalen Handels beeinträchtigt auch die staatskapitalistischen Wirtschaften insoweit, als deren planmäßige Produktion mit den Weltmarktbeziehungen verbunden ist. So hat z.B. die weltweite Inflation und die sich damit verbindenden Preisrelationen auch die Preispolitik der staatskapitalistischen Länder in sich einbezogen. Hier steigen die Preise ebenfalls schneller als die Löhne, um die Profitabilität der staatskapitalistischen Wirtschaften zu erhalten. Die Krise erfährt durch den Einfluß der staatskapitalistischen Länder auf die Weltwirtschaftskrise keine Abmilderung, sondern sie führt zu zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in diesen Ländern und dies umsomehr, als deren Produktivität und Konkurrenzfähigkeit noch hinter denen der hochentwickelten privatkapitalistischen Länder zurückstehen.


F: Welche Bedeutung haben die multinationalen Konzerne für die Krisensituation? Das Einkommen mancher dieser Konzerne übersteigt das der kleineren Nationalstaaten. Ihre wirtschaftliche Tätigkeit ist auch eine planmäßige. Kann man diese Art Planung mit der Krisenpolitik des Staates, vergleichen? Und welche Auswirkung hat die Existenz der multinationalen Gesellschaften auf die Inflation?

A: Die multinationalen Konzerne sind nur der moderne Ausdruck des sich von Anbeginn des Kapitals vollziehenden kapitalistischen Konzentrations- und Zentralisationsprozesses. Die Entwicklung des Weltmarktes fällt mit der des Kapitals zusammen. Die Erschließung des Weltmarktes impliziert jedoch keinen globalen Industrialisierungsprozeß, eben weil der Kapitalbildungsprozeß auch ein Prozeß der Konzentration ist. So teilt sich die Welt in hochentwickelte und unterentwickelte Länder und diese ungleichmäßige Entwicklung ermöglicht die Ausbeutung der ökonomisch schwächeren durch die ökonomisch stärkeren Länder. Die Besonderheiten,, die sich aus dem Ausgang des zweiten Weltkrieges ergaben, d.h. die Vormachtstellung Amerikas, erlaubte eine große Ausbreitung direkter amerikanischer Investitionen in anderen Ländern, und hier vornehmlich in den kapitalistischen Wiederaufbauländern, die zu einer großen Vermehrung multinationaler Gesellschaften führten. Prinzipiell jedoch liegt die Bildung multinationaler Konzerne im Wesen des Kapitals selbst, als Kapitalkonzentration auf internationaler Basis, die der auf nationaler Basis folgt. Die multinationalen Gesellschaften sind der Krise genauso verhaftet wie das Kapital im allgemeinen. Ihre Existenz weist schon auf die zunehmenden Schwierigkeiten der Kapitalverwertung hin. Sie werden gebildet um den angewachsenen Kapitalmassen eine ihr entsprechende Profitbasis zu geben, die sich nur durch die Internationalisierung der Ausbeutung finden läßt. Ihr „planmäßiges“ Auftreten ist grundsätzlich nicht unterschieden von der jedem Einzelkapital auferlegten Notwendigkeit, Kosten zu senken, um den höchstmöglichen Profit zu erzielen. Ihre angeblich planmäßige Aktivität ist nicht mehr oder weniger als das allgemeine Prinzip des Profits, um einem gegebenen Kapital den höchsten Profit zuzuspielen, ohne Rücksicht auf andere Kapitale oder der Gesellschaft als ganzes.

Sie sind deshalb keine Institution, die die Krisenüberwindung erleichtern könnten; im Gegenteil, ihre Existenz erschwert zumindest die Bekämpfung der Krise auf dem Wege staatlicher Eingriffe. Da es keine Weltregierung gibt, kann die staatliche Intervention sich nur auf nationale Gebiete beziehen und kommt so in Konflikt mit Interessen der multinationalen Gesellschaften. Sie können nur solche bleiben, wenn sie wenigstens einen Teil des international gewonnenen Profits in die Nation der Muttergesellschaft überführen. Hörte das auf, so wären sie keine multinationalen Gesellschaften mehr, sondern Unternehmen der Länder, wo ihre Profite gemacht und neu investiert werden. Aber der Export der Profite vertieft die Krise in den Ländern, in denen sie gemacht wurden, und führt zu Gegenmaßnahmen, denen die multinationalen Gesellschaften nicht gewachsen sind, es sei denn, sie beherrschten die Regierungen der Gastländer. Verschärft sich die Krise, dann werden auch multinationale Gesellschaften an ihr zugrunde gehen, da auch ihre Profitansprüche unbefriedigt bleiben. Wie ihre schnelle Ausbreitung sich nur im Rahmen eines allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs vollziehen ließ, so wird die Krise nicht nur ihre weitere Verbreitung unterbinden, sondern auch einen weitgehenden Verfall mit sich bringen, auch wenn der Konflikt zwischen nationaler Wirtschaftspolitik und internationalen Profitinteressen beigelegt werden könnte.

Die Inflation, um auf die letzte Frage einzugehen, hat mit der Existenz multinationaler Konzerne nur insofern etwas zu tun, als – wie für das Monopolkapital im allgemeinen – die Preispolitik und die Selbstfinanzierung der Investitionen durch willkürliche Preisbestimmung den schon an sich vorhandenen inflationären Prozeß beschleunigen.


F: Stellen die multinationalen Konzerne nicht eine große Gefahr für die Planung dar?

A: Da es keine Planung der privatkapitalistischen Wirtschaft gibt oder geben kann, besteht auch nicht die Gefahr ihrer Sabotage durch die multinationalen Konzerne. Bei den staatlichen Wirtschaftseingriffen handelt es sich nicht um kapitalistische Planung, sondern um staatliche Reaktionen auf unkontrollierbare Wirtschaftsvorgänge, deren Resultate durch die Unkontrollierbarkeit der Wirtschaft wieder aufgehoben werden.


F: Was ist eigentlich die Konsequenz Deiner Analyse?

A: Dieselbe Konsequenz, die die Arbeiterschaft stets zu ziehen hatte: Die Beseitigung des Kapitalismus. Damit sieht es allerdings schlecht aus. Marx sagte einmal, das Proletariat ist revolutionär oder es ist nichts. Im Moment ist es nichts, womit nicht gesagt ist, daß es nicht was werden kann. Aber heute anzunehmen, daß aus der Krisensituation heraus die Arbeiter dazu übergehen werden, das Kapital abzuschaffen, erscheint mir als illusionär. Dies umsomehr, da die Wahrscheinlichkeit politischer Umwälzungen nur in wenigen Ländern vorhanden ist, die aber nicht auf eine sozialistische Revolution deuten, es sei denn, daß die Arbeiter imstande sein werden, die in diesen Ländern existierenden Arbeiterorganisationen zu überrennen und unschädlich zu machen. Frankreich und Italien sind heute die einzigen europäischen Länder, in denen starke kommunistische Parteien existieren, durch die die Arbeiter ins politische Leben eingreifen könnten. Aber diese Parteien haben ihr ursprüngliches programmatisches Interesse am Sturz des Kapitals völlig aufgegeben. War dieses Interesse nur auf den Staatskapitalismus russischen Musters zugeschnitten, so haben sie jetzt sogar dieses aufgegeben und sind bereit, dem Kapitalismus unter die Arme zu greifen, um die Wirtschaftskrise überwinden zu helfen. Ihre Reformprogramme, die sie in die Regierungen bringen sollen, sind nicht darauf gerichtet, den Kapitalismus zu beseitigen, sondern ihn mehr erträglich zu machen; nicht nur für die Arbeiter, sondern für alle sozialen Schichten, mit Ausnahme des Monopolkapitals. Dies ist nicht nur reine Bauernfängerei, um die Stimmen der Kleinbürger und Kleinkapitalisten für die Parteien zu gewinnen, sondern für die, nächste Zukunft das tatsächliche Ziel dieser Organisationen. Nicht der Kapitalismus soll beseitigt werden, sondern nur die Herrschaft der kapitalistischen Monopole, denen die jetzigen Regierungen zur Verfügung stehen. Man will andere Regierungen an deren Stelle setzen, die nicht länger den Monopolen sondern der Allgemeinheit dienen, als ob die Klassenwidersprüche des Kapitals durch eine über den Klassen stehende Regierung beseitigt werden könnten. Was man jedoch praktisch will, ist die Rettung des Kapitals für den Preis der Teilnahme an der Regierung, um jeden radikalen Umschwung des kapitalistischen Systems zu verhindern. Die Idee des staatsmonopolistischen Kapitalismus, den man zu bekämpfen angibt, ist nicht neu, sondern stammt aus der Hilferding-Lenin'schen Vorstellung des Finanzkapitals, d.h. der Verschmelzung des Staates mit dem integrierten Bank- und Industriekapital. Diese Form des Kapitals wäre in zunehmendem Maße imstande, die kapitalistische Entwicklung zu einer bewußten, zu einer geplanten zu machen, wenn auch nur im Interesse des konsolidierten Kapitals. Aber unter solchen Umständen würde es genügen, die Regierungsgewalt in die Hände zu bekommen, um die geplante Wirtschaft der Gesamtgesellschaft zugute kommen zu lassen. Vom Monopolkapitalismus zum Staatskapitalismus wäre es nur ein Schritt, ein politischer Schritt, der es dem Staat ermöglichen würde, die Wirtschaft im Interesse der Allgemeinheit zu lenken. Im Moment sei es allerdings noch nicht so weit, so daß die nächste Aufgabe darin bestände, die kommunistischen Parteien in die Regierungen zu bringen, die aber, als Regierungen kapitalistischer Systeme, die Krisensituation auch nur auf Kosten der Arbeiter bewältigen könnten.

So muß vorerst das Kapital gerettet werden, um die Voraussetzungen eines späteren Staatskapitalismus zu schaffen. Vom Sozialismus ist nirgendwo die Rede, sieht man von der falschen Identifikation von Staatskapitalismus und Sozialismus ab. Die Existenz starker kommunistischer Parteien, die dieses Programm vertreten, deutet auf die außerordentlich große Gefahr hin, daß Erhebungen in Ländern wie Italien und Frankreich schon die Gegenrevolution in sich enthalten. Der Einfluß dieser Parteien ist noch groß genug, um spontan ausbrechende revolutionäre Bewegungen in Richtungen abzulenken, die ergebnislos bleiben. Auch die Tatsache des jahrzehntelangen Bestehens staatskapitalistischer Systeme, die – aus der Ferne betrachtet – als Alternative zum Kapitalismus erscheinen, mag dazu beitragen, daß sich neue revolutionäre Bewegungen in staatskapitalistischen Bestrebungen auslaufen. Aber da selbst dieses falsche und begrenzte Ziel von den kommunistischen Parteien heute nicht angestrebt wird, mag es nicht einmal dazu kommen, sondern nur zu einer weiteren Niederlage des Proletariats, sei es mit der gleichzeitigen Vernichtung seiner Organisationen, oder der Vernichtung der Bewegung durch diese Organisationen. Allerdings ergibt sich eine solche Perspektive nur vom Standpunkt der momentanen Situation. Es ist nicht ausgeschlossen, daß in einer sich lang hinziehenden Krise und durch die die Krise begleitenden Arbeiterkämpfe, sich neue Kampf- und Organisationsformen herausbilden, die das jetzige Monopol der Parteien und Gewerkschaften brechen und in ihren Aktionen über diese hinausgehen. Die Tatsache, daß die offizielle Arbeiterbewegung nicht den Kapitalismus zu beseitigen trachtet, sondern ihn zu stützen versucht, um ihm aus seiner Krisenlage herauszuhelfen, kann zu Situationen führen, in denen sich die rebellierenden Arbeiter eigene Organisations- und Aktionsformen schaffen und sich damit Ziele stecken, die weit über ihr heutiges Bewußtsein hinausgehen. Ein Revolutionär muß jedenfalls auch mit dieser Perspektive rechnen und ihr entsprechend handeln.


F: Ich war etwas überrascht über Deine Behauptung, daß es heute nur kapitalistische Länder gibt. Aber ich will jetzt nicht darauf eingehen. Was mich im Moment mehr interessiert, ist die Lage in den Vereinigten Staaten. Die Zeitungen berichten, daß die Arbeitslosigkeit in Amerika 7 Millionen oder 6 % beträgt, womit zum ersten Mal die Ziffern von 1940 erreicht werden, die dann durch die Rüstungsindustrie erheblich vermindert wurden. Handelt es sich um zuverlässige Zahlen? Und was bedeutet die Arbeitslosigkeit für die Arbeitslosen selbst? Machen sich schon Konsequenzen bemerkbar, wie die, von denen Du in Deinem Buch über die Arbeitslosigkeit der Dreißiger Jahre berichtet hast?

A: Zunächst zur Arbeitslosenstatistik. Sie ist nicht zuverlässig, was auch von bürgerlicher Seite nicht bestritten wird. Es handelt sich dabei um von Zeit zu Zeit gemachte Stichproben, die keinen wahren Aufschluß über die tatsächliche Arbeitslosigkeit vermitteln. Die Mangelhaftigkeit dieser Ermittlungen und die ihrer methodischen Voraussetzungen werden allgemein beklagt. Bemühungen sind im Gange, bessere Methoden zu finden. Es wird zugegeben, daß die wirkliche Arbeitslosenzahl weit über die offiziell angegebenen hinausgeht. Man kann natürlich die Zahl der Arbeitslosen von der Zahl der Arbeitslosenversicherungsempfänger ablesen. Aber da nicht alle Arbeitslosen Unterstützung beziehen und auch die Jugendlichen nicht, die noch keine Arbeitserfahrungen haben, und da weiterhin die Zeit der Arbeitslosenunterstützung begrenzt ist, läßt sich von den Unterstützungsbeziehern die wirkliche Arbeitslosigkeit auch nicht feststellen. Ist die Unterstützungszeit abgelaufen, so bleibt dem Arbeiter nur die Zuflucht bei der öffentlichen Wohlfahrt, deren Bezieher nicht mehr als arbeitslos gezählt werden. Alles in allem ist sicher, daß die aktuelle Arbeitslosigkeit größer ist als die offiziell angegebene. In den ersten Jahren der letzten großen Krise gab es noch keine Arbeitslosenversicherung. Mit dem Verbrauch seiner Ersparnisse oder der Unmöglichkeit, private Hilfe zu finden, war der Arbeitslose und seine Familie buchstäblich dem Hungertode ausgeliefert, da die öffentliche Wohlfahrt der Städte und bald der Staaten schnell zusammenbrach.

Daraus ergab sich eine potentiell revolutionäre Situation, die nur durch Maßnahmen der amerikanischen Bundesregierung überwunden werden konnte. Es war dann die Arbeitslosenbewegung, die die verschiedenen Maßnahmen zur Abmilderung des Arbeitslosenelends mit sich brachte. Unter anderem durch Wohlfahrtszuschüsse für die einzelnen Staaten, durch öffentliche Arbeiten und die Einführung des Arbeitslosenversicherung, die allerdings erst in der weiteren Zukunft von Wirkung sein konnte. Die Kosten der Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosennot wurden auf dem Wege der Defizitfinanzierung aufgebracht.

Heute liegen die Dinge anders. Selbst bei einer Arbeitslosigkeit von 10% bleibt das Problem das einer Minorität. Und diese Minorität sieht sich nicht denselben Umständen ausgesetzt wie es um 1930 der Fall war. 5o wird es auch länger dauern als damals, bis die Arbeitslosigkeit zu einer Arbeitslosenbewegung wird und den Anstoß zu einer allgemeinen Protestbewegung gibt. Mit der Verschärfung der Krise wächst jedoch nicht nur die Arbeitslosigkeit, sondern zersetzt sich auch die objektive Möglichkeit, ihr mit staatlichen Mitteln beizukommen. Schon jetzt versucht man, den Standard der öffentlichen Hilfe herabzusetzen. Unzweifelhaft werden sich aus der zunehmenden Verelendung immer breiterer Schichten der Bevölkerung neue soziale Bewegungen entwickeln. Die Tatsache der Abwesenheit bemerkenswerter sozialistischer und kommunistischer Parteien steht dem nicht entgegen, da es in dieser Beziehung auch in den Dreißiger Jahren nicht anders war und sich dennoch eine aus der Arbeitslosenbewegung entstehende Radikalisierung und Politisierung der Arbeiter ergab.


F: Wenn neue Kampf- und Organisationsformen nicht den Charakter der Partei annehmen, wie werden sie sich dann darstellen? Werden sie unmittelbar aus den Betriebskämpfen hervorgehen, in der Form von Aktionsausschüssen und Arbeiterräten? Von den italienischen Arbeitskämpfen ausgehend, nimmt z.B. Sohn-Rethel an, daß sich die Räte als Organisationsform aus den betrieblichen Arbeitskämpfen entwickeln. Was denkst Du darüber?

A: Revolutionen sind bisher nicht von Parteien und Gewerkschaften gemacht worden. Die deutsche politische Revolution wie auch die soziale Revolution in Rußland, waren Produkte von Massenbewegungen, die sich im Rätesystem ihren organisatorischen Ausdruck schufen. Allerdings kann eine Organisationsform verschiedenen Inhalten dienen. Da die existierenden Arbeiterorganisationen in Deutschland – die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften – trotz ihrer ursprünglichen Klassenkampfideologien auf Gedeih und Verderb mit dem deutschen Imperialismus verwachsen waren, konnte sich die politische Revolution nur gegen sie, nicht mit ihnen, durchsetzen. Die kriegsmüden Arbeiter und Soldaten hatten sich neue, eigene Organisationsformen zu schaffen, um das bestehende politische System anzugreifen und zu überwältigen. Die Fabrik und die verschiedenen militärischen Formationen waren der naturgemäße Ausgangspunkt des revolutionären Organisationsprozesses. Die Ausweitung und die Koordinierung der Führung der revolutionären Kämpfe erforderten die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, da es keine anderen, auf die Revolution eingestellten Organisationen gab. Damit war aber der Einfluß der traditionellen Sozialdemokratie noch nicht gebrochen. Die sozialreformerischen Organisationen verstanden es, ihr eigenes Fortbestehen zu sichern, indem sie sich scheinbar der Rätebewegung unterwarfen, um sie als Mittel des Umsturzes, aber nicht der sozialen Veränderung, anzuerkennen. Die sich spontan bildenden Räte hatten sich nur ein Ziel gesetzt, die Beendigung des Krieges und den dazu notwendigen Sturz der Regierung. Und dieses Ziel erreichten sie auch. Ohne sie hätte es keine Revolution gegeben. Aber abgesehen von einer radikalen Minorität erschöpften sich ihre politischen Forderungen in dem alten Reformprogramm der Vorkriegssozialdemokratie, in der Illusion, daß eine sich aus dem demokratischparlamentarischen Entwicklungsprozeß ergebende sozialistische Regierung den Sozialisierungsprozeß leiten und zum Abschluß bringen würde. Wenn auch mit einigem Widerspruch machten die Räte doch ihrer eigenen Macht ein Ende durch die Bejahung der bürgerlichen Demokratie in der Nationalversammlung. Aber ich weise auf diese alte Geschichte nur deshalb hin, ' um zu sagen, daß selbst diese Art von Revolution und ihre Selbstentleibung das Rätesystem erforderte und nicht von Parteien oder Gewerkschaften gemacht wurde.

Es war im wesentlichen nicht viel anders in der russischen Revolution von 1905 und 1917. Nur waren die Parteien und Gewerkschaften hier verhältnismäßig kleine, illegal existierende Organisationen, die als solche keinen großen Einfluß auf die Massen ausüben konnten. Um sich zu erheben, mußten die Massen sich ihre eigenen Organisationsformen schaffen, in denen allerdings, nach ihrer Formation, auch die verschiedenen politischen Parteien um Einfluß kämpften. Die Februarrevolution, die den Zarismus beseitigte, wurde von Arbeitern, Bauern und Soldaten gemacht, die sich in den Sowjets oder Räten die Organisationsformen schufen, die sich schon notwendigerweise aus der Abwesenheit politischer oder gewerkschaftlicher Organisation ergab. Auch die Ziele der russischen Räte waren begrenzt: die Beendigung des Krieges, Land für die Bauern, höhere Löhne, der Acht-Stunden-Tag und die Errichtung einer demokratischen Verfassung.

Erst im Verlauf der Revolution vollzog sich ihre Radikalisierung, da das neue bürgerliche Regime den Krieg fortzusetzen versuchte, die Landfrage auf die weitere Zukunft verschob und auch nicht imstande war, die nächsten konkreten Forderungen der Bevölkerung zu befriedigen. Die politische Zusammensetzung in den Sowjets änderte sich; der Einfluß der Reformisten ging zurück, der der Bolschewisten nahm zu. Mit der Parole „Alle Macht den Räten“ und der Verwirklichung der Forderung nach Frieden und Land gelang es den Bolschewisten die Mehrheit der Sowjets in den ausschlaggebenden Städten für sich zu gewinnen und gleichzeitig, durch einen Zustrom neuer Mitglieder, ihre Wirkungskraft in den Betrieben zu erweitern. Aber die Oktoberrevolution war nicht wie die Februarrevolution das Resultat kämpfender Arbeitermassen, sondern ein Staatsstreich der bolschewistischen Partei, der zum Sturz der Regierung führte und zur Bildung einer neuen, in der die Bolschewisten die Macht ausübten. Es steht dahin, ob die Bolschewisten einer zweiten Revolution vorgegriffen hatten, die auch ohne sie zum Ausbruch gekommen wäre. Fest steht nur, daß die Oktoberrevolution aus einem gelungenem Putsch resultierte, von dem die Masse der Bevölkerung erst am nächsten Tag durch die Zeitungen erfuhr. Der geglückte Staatsstreich führte jedoch nicht zur Verwirklichung der Rätemacht, sondern zur bolschewistischen Diktatur und der Vernichtung der Rätebewegung in dem System des aufkommenden Staatskapitalismus. Aber auch dieser bolschewistische Staatsstreich hatte die Februarrevolution zur Voraussetzung, und diese war nicht von den Parteien und Gewerkschaften gemacht worden, sondern entsprang der Eigeninitiative der revolutionären Masse. Betrachtet man heute die Situation in Rußland oder den Charakter der westlichen Arbeiterparteien und Gewerkschaften, so läßt sich nur sagen, daß neue revolutionäre Bewegungen nur als Rätebewegungen denkbar sind, daß die proletarische Revolution, der Räte bedarf, nicht nur um sich durchzusetzen, sondern auch um die Umgestaltung der Gesellschaft in die eigenen Hände nehmen zu können.


F: Worin besteht der Unterschied zwischen dem heutigen Kapitalismus und dem Staatskapitalismus?

A: Nehmen wir uns von den verschiedenen staatskapitalistischen Systemen Rußland zum Beispiel, das es das erste und mächtigste staatskapitalistische Land ist. Es unterscheidet sich grundsätzlich nicht nur vom alten Konkurrenzkapitalismus, sondern auch von der heutigen gemischten kapitalistischen Wirtschaft. Von einem kapitalistischen Standpunkt aus gesehen, stellt der Staatskapitalismus eine neue Produktionsweise dar, da er das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufgehoben hat. Für die Kapitalisten, die der Staat expropriiert hat, erscheint der Staatskapitalismus als Sozialismus; das eine wie das andere bedeutet für sie dasselbe. In beiden Fällen finden sie sich ihres kapitalistischen Besitzes enteignet. Vom Standpunkt der Arbeiter sieht es jedoch anders aus. An ihrer Lage ändert sich nichts. Sie unterstehen nach wie vor dem Lohnsystem und damit der Ausbeutung; sie haben keinerlei Bestimmung über ihre Arbeitsbedingungen, über ihre Produktion und deren Verteilung. Eine über sie verfügende privilegierte Schicht, die sich auf die Staatsbürokratie stützt und ein Teil dieser ist, tritt ihnen genauso gegenüber wie die früheren kapitalistischen Unternehmer. An ihrer sozialen Lage hat sich nichts verändert. Trotzdem ist der Unterschied zwischen Staats- und Privatkapital fundamental, da die Enteignung des Kapitals die kapitalistische Marktkonkurrenz aufhebt und die Planung der Wirtschaft, recht oder schlecht, erlaubt. Die geplante Produktion, wie früher die ungeplante, dient der Reproduktion der bestehenden sozialen Verhältnisse. Da sich aus der Ausschaltung der Arbeiter von der Bestimmung der Produktion notwendigerweise eine neue Klasse herausbildet, die eben die Bestimmung der Produktion hat, reproduzieren sich die neuen Klassenverhältnisse als Reproduktion der Produktionsverhältnisse. Die Planung dient damit an erster Stelle der Sicherung und Erhaltung der gesellschaftlichen Position der neuentstandenen Klasse. Den Bedürfnissen der Arbeiter dient sie nur insofern, als deren Befriedigung notwendig ist, um die gegebenen Produktionsverhältnisse nicht zu gefährden. Die zunehmende Produktivität der Arbeit drückt sich auch weiterhin als Kapitalakkumulation aus, wenigstens dem Gebrauchswerte nach, aber ihre Resultate kommen nicht den Arbeitern zugute, sondern dienen der Verstärkung der Macht der neuen Klasse, die sich, wie jede andere herrschende Klasse von innen und außen bedroht sieht.

Es muß doch jedem klar sein, daß weder die Arbeiter noch die Bauern an dem ungeheuren militärischen Apparat interessiert sein können, der nur auf ihre Kosten erhalten werden kann. Oder an der kostspieligen Raumforschung, den Reisen zum Mond und den Vorbereitungen für einen Atomkrieg. Das sind nicht die Programme, die von den Arbeitern ausgehen, sondern von Leuten, die Prestigebedürfnisse und die Sicherheit des Systems, das ihnen ihre Privilegien sichert, mehr am Herzen liegt, als die Verbesserung des Lebensstandards der Produzenten. Da dieses System ein nationales ist, steht es notwendigerweise im imperialistischen Konkurrenzkampf mit den herrschenden Klassen anderer Länder, aber nicht um die Arbeiter vor fremder Ausbeutung zu schützen, sondern um sich das eigene Recht zur Ausbeutung der Arbeit zu erhalten. Um dies auch für alle Zukunft sicher zu stellen, muß die Planung auch die der Ausbeutung in sich einbeziehen, die stete Reproduktion der Arbeit als Lohnarbeit. So stellt den Arbeitern gegenüber der Staatskapitalismus nur eine historisch neu aufgetauchte Modifikation kapitalistischer Ausbeutung dar und unterscheidet sich in dieser Beziehung von keiner der bisherigen kapitalistischen Ausbeutungsformen, wie unterschiedlich diese auch sonst untereinander sein mögen.


F: Was würdest Du unter den heutigen Verhältnissen den Arbeitern empfehlen?

A: Im Moment nur eins: die ausschließliche Bezugnahme auf ihre eigenen direkten Interessen, ohne Rücksicht auf den Stand der kapitalistischen Wirtschaft. Durch Streik und direkte Aktion sollten die Arbeiter in der Krise wie in der Prosperität versuchen, ihre Lebenslage auf Kosten des Mehrwerts zu verbessern oder wenigstens versuchen, es dem Kapital unmöglich zu machen, die Krise auf Kosten der Arbeiter zu überwinden. Der Klassenkampf, der das Kapital an seinem Lebensnerv, dem Profit, bedroht, wird notwendigerweise zu einem politischen Kampf. Die Arbeiterschaft tritt schon politisch auf, ja tritt nur dann wirklich politisch auf, wenn sie sich um ihre eigenen konkreten Interessen bemüht und damit die Mehrwertproduktion selbst in Frage stellt. Eine vom direkten ökonomischen Klassenkampf abgewandte politische Bewegung ist keine proletarische politische Bewegung und kann den Arbeitern nichts nutzen, was sonst auch immer zu erreichen ist.


F: Worin besteht der Unterschied zwischen rein politischem Handeln und der direkten Vertretung der Arbeiterinteressen?

A: Ich will dies an einem geschichtlichen Beispiel klarzumachen versuchen Es war für das deutsche Proletariat nach 1918 eine Lebensnotwendigkeit, den Kapitalismus zu stürzen, um ihre direkten Interessen wahrnehmen zu können. Nur der unablässige Klassenkampf gegen die fortschreitende Verelendung konnte zu einer politischen Revolution führen. Aber nach 1921 war es der Leninschen Auffassung zufolge nicht mehr die nächste Aufgabe der deutschen Arbeiter, das Kapital zu beseitigen, sondern den Sowjetstaat zu schützen, um wenigstens diesen Ausgangspunkt der auf die Zukunft verschobenen Weltrevolution zu erhalten. Dies ging soweit, daß man den deutschen Arbeitern empfahl, mit ihrer Bourgeoisie zusammenzuarbeiten, sollte diese bereit sein, mit Rußland ein Bündnis gegen einen dritten gemeinsamen Feind abzuschließen. Schon in diesem frühen Stadium wurden die eigenen Interessen der Arbeiter den politischen Notwendigkeiten der russischen Außenpolitik untergeordnet. Und dabei blieb es bis zur völligen Vernichtung der Arbeiterbewegung in der Hitler-Diktatur. Die Arbeiter kämpften für alle möglichen politischen Forderungen, nur nicht für die, die sich aus ihrer eigenen Klassenlage ergaben, und die direkt auf die kapitalistischen Verhältnisse einwirken; Die politischen Auseinandersetzungen waren Scheinkämpfe, die nichts an der ökonomischen und damit politischen Macht der Bourgeoisie änderten und sich in leeren Demonstrationen verliefen. Es ist diese Art von Politik – Politik als Ablenkungsmittel, Politik für Interessen, die mit den Klasseninteressen der Arbeiter nichts gemein haben – gegen die ich mich wende und die nur verschwinden kann, ' wenn die Arbeiter sich auf ihre eigenen konkreten Bedürfnisse besinnen und sie zum Ausgangspunkt ihrer Aktionen machen.


F: Kann das Beharren auf den Klassenkampf, auf die konkreten Interessen der Arbeiter, in der heutigen Situation nicht leicht faschistische Reaktionen hervorrufen?

A: Die Reaktion der Bourgeoisie auf ihr schädliche Arbeiterkämpfe kann alle möglichen Formen annehmen, auch die faschistische. Die Diktatur des Kapitals hat viele Gesichter und kann auch bei formaler Beibehaltung der bürgerlichen Demokratie ausgeübt werden. Aber der Faschismus als Massenbewegung, wie er sich in Deutschland und Italien durchsetzte, hatte sich nicht nur zur Aufgabe gesetzt, der Arbeiterbewegung ihre relative Unabhängigkeit zu nehmen, sondern die Massen für neue imperialistische Bestrebungen zu mobilisieren und die dafür notwendige totalitäre nationale Einheit herzustellen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß erneut versucht werden wird, mit faschistischen Ideologien und Organisations-Formen die Voraussetzungen neuer imperialistischer Kriege zu schaffen, wo diese Voraussetzungen nicht schon unter den Bedingungen formaler bürgerlicher Demokratie vorhanden sind. Auch zur Unterdrückung von Arbeiterkämpfen werden faschistische Mittel angewandt, und nicht nur in den existierenden faschistischen Ländern. Der Klassenkampf wird eben auch von der Bourgeoisie geführt, und es ist eben dieser Tatbestand, der den Kampf der Arbeiter für ihre direkten Interessen zu einem politischen macht.

Aber man kann nicht aus Furcht vor kapitalistischen Reaktionen auf die Arbeiterkämpfe verzichten, nur um dem Faschismus aus dem Wege zu gehen, Damit wäre ja durch die Passivität der Arbeiter nur erreicht, was das Ziel der kapitalistischen Unterdrückung ist, nämlich die völlige Unterordnung der Arbeiterinteressen unter die des Kapitals. Man liefert sich dieser Art von Faschismus aus, indem man ihn nicht bekämpft. Es kommt darauf an, den Klassenkampf „so zu führen, daß er auch die faschistische Reaktion des Kapitals im Keim erstickt.


F: Welche Aufgaben fallen den Kopfarbeitern zu?

A: Der Begriff des Kopfarbeiters ist eine Illusion der Kopfarbeiter. Es gibt überhaupt keine Arbeit, die nicht auch Kopfarbeit ist. Es gibt allerdings eine kapitalistische Arbeitsteilung, die zu der Einbildung verleitet, daß sich die Kopfarbeit wesentlich von der Handarbeit unterscheidet und die eine höher zu bewerten ist als die andere. Und tatsächlich gibt es innerhalb und außerhalb der Produktion Spezialisten, deren Leistungen als besondere hervortreten, obwohl sie sich nur aus dem Gesamtprozeß gesellschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Produktion ergeben, die alle Arbeit, gleich welcher Art, in sich einschließt. Aber auch unter den Handarbeitern gibt es solche Spitzenleistungen, ohne daß sie damit zu den Kopfarbeitern gerechnet werden. Abgesehen von den Spezialgebieten der kapitalistischen Arbeitsteilung und insoweit als es sich um das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge handelt, hört die Besonderheit der Kopfarbeiter auf; sie sind nicht klüger oder ebenso dumm wie die Handarbeiter. Es ist die soziale Position der Arbeiter, nicht ihre besondere Funktion im Produktionsprozeß, die ihre Bewußtseinsentwicklung bestimmt und alle Art von Arbeit gegen das Kapital setzt.


F: Welche Bedeutung verbleibt dem politischen Handeln und der sozialistischen Theorie in den ausschließlich von direkten Arbeiterinteressen bestimmten Klassenkämpfen?

A: Es gibt historische Situationen, in denen man politisch revolutionär handeln kann und andere, wo man es nicht kann. Das eine wie das andere hängt von den jeweiligen Machtverhältnissen ab, die wieder von der wirtschaftlichen Situation abhängen. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist keine direkte. Erst eine objektiv revolutionäre Situation erlaubt eine revolutionäre Praxis. Die objektiv revolutionäre Situation muß sich aus den Widersprüchen kapitalistischer Entwicklung, aus der Krisengesetzlichkeit des Kapitals ergeben, ist also eine zyklische Erscheinung, in der die revolutionäre Theorie nur für die Krise zutrifft. Die Theorie existiert auch dann, wenn sie sich nicht in Praxis umsetzen läßt. Sie greift einer noch zu erwartenden revolutionären Praxis vor und findet mittlerweile ihre Berechtigung in der tatsächlichen Entwicklung des Kapitals und der sie begleitenden Zuspitzung der Klassengegensätze. Die revolutionäre Theorie beschäftigt sich mit der Abschaffung des Kapitals und findet erst durch dies ihre volle Bestätigung. Sie gibt keine Antwort auf die Einzelheiten, die der revolutionären Praxis zu einem gegebenen Zeitpunkt gesetzt sind, da die sich dauernd verändernden Zustände zu Situationen führen, die nicht voraussagbar sind. Die Theorie kann sich so nur allgemein mit der Wahrscheinlichkeit kommender revolutionärer Situationen befassen, nicht mit den besonderen Maßnahmen, die einer aktuellen revolutionären Situation angemessen sind. Die ergeben sich erst aus der spontan einsetzenden revolutionären Situation, so daß man sagen kann, daß erst die Aktion selbst der Theorie die Form gibt, in der sie der Praxis entspricht.


F: Wie entsteht aus der Situation heraus ein revolutionäres Bewußtsein?

A: Vielleicht hilft hier wieder ein Beispiel aus der Vergangenheit. Das nackte Lebensinteresse der russischen Arbeiter und Bauern, ohne Rücksicht auf den Stand ihres Bewußtseins, zwang sie zu revolutionärem Handeln und machte dieses Handeln möglich, da sich das zaristische System wirtschaftlich, politisch und militärisch im Zusammenbruch befand. Das System der Unterdrückung verlor seine Wirkung, da es nicht mehr die materiellen Bedingungen seiner eigenen Existenz zu wahren vermochte. Wollten die Massen der Bevölkerung nicht buchstäblich verhungern, mußten sie zu eigenen Maßnahmen greifen. Durch Demonstrationen, Streiks, Plünderungen und Desertionen versuchten sie sich ihrer Haut zu wehren und kamen in offenen Konflikt mit den sich zersetzenden Machtinstrumenten der herrschenden Klasse. Erst aus der direkten Aktion selbst, aus der spontanen Empörung heraus, bildeten sich das oppositionelle Bewußtsein und die massenhafte Aufnahmefähigkeit für revolutionäre Ideen.

Um ein weiteres Beispiel zu geben: In den Ruhrkämpfen 1920 waren Arbeiter beteiligt, die durchaus nicht als klassenbewußt bezeichnet werden konnten. Nichtsdestoweniger kämpften viele von ihnen Seite an Seite mit den klassenbewußten Arbeitern, den Sozialisten, Kommunisten, KAP-isten, Syndikalisten und Anarchisten. Die Reichswehr ließ ihnen einfach keine Wahl. Für sie war unter den gegebenen Umständen der Arbeiter als Arbeiter der Feind. Sie schossen auf sie, ohne sich um deren politische Einstellungen zu bemühen. So waren viele durchaus noch nicht revolutionär eingestellten Arbeiter schon dazu gezwungen, sich der Roten Armee anzuschließen, um ihr Leben zu verteidigen. Der Kampf selbst verwandelte sie in klassenbewußte Arbeiter, unbeschadet ihrer sonstigen ideologischen Rückständigkeit. So ist es die revolutionäre Situation selbst, die auf das Bewußtsein einwirkt und es in Klassenbewußtsein verwandelt. Damit ist nicht gesagt, daß dies für alle Arbeiter zutrifft. Schon die Existenz der Klassengesellschaft und die mit ihr verbundenen Klassenkämpfe führen bei einem Teil der Arbeiterschaft zum revolutionären Klassenbewußtsein lange vor der Herausbildung der objektiven Möglichkeit einer sozialen Umwälzung. In ihnen verkörpert sich die revolutionäre Theorie, die ihnen nicht nur Richtlinien für ihr Verhalten im allgemeinen gibt, sondern auch Einsicht in die Voraussetzungen der proletarischen Revolution und damit Aufschluß über Mittel und Wege, ihr entgegenzuarbeiten und sie bewußt zu fördern. Aber die Revolution muß die breiten Massen erfassen, um sich durchzusetzen, und aus der Erfahrung heraus läßt sich nur sagen, daß diese breiten Massen ein revolutionäres Bewußtsein nur dann entwickeln, wenn es ihnen durch die Umstände aufgezwungen wird. Die revolutionäre Tat kommt nicht von der Theorie, sondern von der revolutionären Situation.


F: Aufgrund der Erfahrungen, die 1968/69 in Italien gemacht wurden, scheint es, daß die Aktion sich von der Straße und den Wohnbezirken in die Großbetriebe verlagert hat, was wahrscheinlich mit der Entwicklung der neuen Technologie des 20. Jahrhunderts zusammenhängt. Bestimmt diese Technologie neue Kampfformen, die zu neuen Resultaten des Klassenkampfes führen?

A: Die existierende Technologie ist die kapitalistische Technologie, die als einzige Funktion die Erhaltung oder Vermehrung des Profits zur Aufgabe hat. Läßt sich der Profit auf diesem Wege nicht vergrößern, so hört auch die technologische Entfaltung mit der Beendigung der Kapitalakkumulation auf. Wenn man vom Klassenkampf spricht, kann man nicht von der Technologie ausgehen. Das Kapital-Arbeit-Verhältnis ist kein technologisches, sondern ein Klassen- oder Produktionsverhältnis. Der Kapitalist, der die Arbeiter kontrolliert, bestimmt auch den Gang der Technik. Eine Einwirkung seitens der Arbeiter auf die Technologie setzt die Zerstörung des Kapitalverhältnisses voraus. Auch herrschen die Kapitalisten über die Arbeiter nicht mittels der Technologie, sondern durch ihre Beherrschung der Produktionsmittel, was immer deren technologische Komposition sein mag; weiterhin mittels der direkten Gewaltanwendung, der Polizei, der Armee, der Justiz und nicht zuletzt mittels der Bestimmung der herrschenden Ideologie. Allerdings ist auch die Technologie als Instrument der Mehrwerterzeugung im technologischen Sinne eine die Arbeiter bedrückende und sie zermürbende Ausbeutungsform und damit Ausdruck des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit. Aber dadurch entstehen für das Proletariat keine neuen Aufgaben und keine neuen Klassenkampffunktionen; der Feind ist nicht die Technologie sondern das Kapital. Auch bezieht sieh die Technologie nur auf die dem Ausbeutungsprozeß unterworfenen Arbeiter. Sie hat keinen Einfluß auf die Arbeitslosen, die das Hauptmerkmal der kapitalistischen Krise sind und von denen die ersten revolutionären Impulse ausgehen. So verschiebt sich die Aktion vorerst wieder auf die Straße, die allerdings nichts zu erreichen vermag, da es darum geht, die Betriebe zu erobern, um das Kapital wirklich zu beseitigen.


F: Du sprachst von Stadien der Entwicklung, von revolutionären und nichtrevolutionären Situationen. Du sagst aber auch, daß man einer revolutionären Situation vorzuarbeiten hat. Wie tut man das? Was haben Sozialisten und Kommunisten in einer nichtrevolutionären Situation wie der heutigen zu tun? Haben da nicht die vielen radikalen Gruppen, die sich aus Abspaltungen der großen Parteien, wie z.B. in Frankreich und Italien ergaben und damit diese selbst im dialektischen Entwicklungsprozeß die Funktion von Verbindungsgliedern, die aus einer nichtrevolutionären in eine revolutionäre überleiten?

A: Ich kann hier nur wiederholen, daß es bisher nur zwei Revolutionen gab, die deutsche und die russische und daß in beiden Fällen es weder die damals existierenden Parteien noch Absplitterungen von ihnen waren, die für die Revolution verantwortlich zeichneten. Die Revolutionen wurden durch die sich spontan bildenden Arbeiter- und Soldatenräte gemacht, obwohl es den Parteien später gelang, die Macht an sich zu reißen, um entweder die Parteidiktatur zu errichten oder die Revolution in der bürgerlichen Demokratie aufzuheben. Die heute existierenden Parteien sind nicht revolutionär. Eine Revolution kann nur gegen sie gemacht werden. Auch von ihren scheinbar radikaleren Absplitterungen ist nichts zu erwarten, da sie noch mit den alten Organisationen ideologisch zu eng verbunden sind. Sie sind nicht für die Selbstbestimmung der Arbeiter durch das Rätesystem, obwohl sie oft von Räten und von direkter Aktion sprechen, um sich von den alten Parteien abzugrenzen. Aber sie blieben im Banne des Marxismus-Leninismus, dessen Programm sich im Staatskapitalismus erschöpft. Deshalb stehen sie dem Parlamentarismus und den Gewerkschaften positiv gegenüber, in dem angeblichen Bestreben, aus diesen Institutionen des Kapitalismus Klassenkampfinstrumente zu machen.

Nehmen wir die „neue Linke“ Italiens als Beispiel, die sich aus der reformistischen kommunistischen Partei herauslöste, um nur – nach einem kleinen Umweg über den Maoismus – wieder in die alten bekannten Aktions- und Organisationsformen zurückzufallen. Die momentane Abwesenheit von revolutionären Organisationen, die den Anforderungen einer proletarischen Revolution entsprechen, ist allerdings kein Grund dafür anzunehmen, daß solche Organisationen überhaupt nicht geschaffen werden können. Mit dem Wiederaufleben der Arbeiterbewegung in der sich verschärfenden Krisensituation werden auch neue Anstrengungen gemacht werden, eine den revolutionären Klassenkampf fördernde anstatt ihn hemmende Theorie zu vermitteln. Und auf dem Boden der Theorie werden sich klassenbewußte Arbeiter organisieren, um auf die revolutionäre Entwicklung einwirken zu können. Aber, nach den Erfahrungen der Vergangenheit, nicht mehr, um die Revolution für die Massen zu machen, sondern um den Arbeitermassen in ihrer Revolution den größten Beistand zu leisten. Da sich die Arbeiter in Bezug auf das Klassenbewußtsein nicht gleichmäßig entwickeln, wird es stets eine Gruppe von Arbeitern geben, die nicht nur aus der Notwendigkeit heraus, sondern auch aufgrund ihres revolutionären Bewußtseins, in den revolutionären Prozeß einzugreifen versucht. Aber nicht als Partei, die im Leninschen Sinne die revolutionäre Bewegung zu beherrschen sucht, um sich selbst zur Staatsmacht zu verhelfen, sondern im Sinne Rosa Luxemburgs, um als Teil der Arbeiterschaft die Interessen des Gesamtproletariats wahrzunehmen: Die Organisation der Revolution und der neuen Gesellschaft durch die Eigeninitiative und die Selbstbestimmung der arbeitenden Bevölkerung.

(1975)

Weltwirtschaftskrise und Arbeiterbewegung: ein Vortrag mit Diskussion, Hannover, SOAK Verlag, 1975. Transkription/HTML-Markierung: Thomas Schmidt für das Marxists’ Internet Archive.

Originaltext: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/mattick/1975/xx/krisearb.htm


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