Cajo Brendel - Die »Gruppe Internationale Kommunisten« in Holland

Vorbemerkung der Redaktion

Cajo Brendels Bericht über die GIK ( »Groep van Internationale Kommunisten«) bezieht sich ausdrücklich auf die Periode von 1934 bis 1939; vor 1934 war er noch nicht mit dieser 1927 in Holland gegründeten rätekommunistischen Gruppe in Berührung gekommen. Seit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges liefert diese Gruppe keinen neuen theoretischen Beitrag. Ihre Stärke, die Diskussion um Grundfragen der revolutionären Theorie im Zusammenhang mit einer entscheidenden Kritik der traditionellen Arbeiterbewegung, findet sich nur in den Diskussionen der dreißiger Jahre wieder (vgl. Brendels Literaturangaben). Daher die zeitliche Einschränkung, wenngleich die Gruppe auch während der deutschen Besatzung aktiv war.

Von Cajo Brendel (Amersfoort) erschienen auf deutsch: die Einleitung zu H. Roland-Holst, Die Revolutionäre Partei, Berlin 1972, und das Buch Autonome Klassenkämpfe in England 1945—72, Berlin 1974. In holländischer Sprache veröffentlichte Brendel, neben mehreren Aufsätzen und Broschüren, eine umfangreiche Biographie Anton Pannekoeks: Anton Pannekoek, Theoretikus van het Socialisme, Nijmegen 1970.

Persönliche Erinnerungen aus den Jahren 1934 - 1939

Der witzige holländische Trotzkist Sneevliet1 (1) war es, der die Gruppe Internationale Kommunisten Hollands in den dreißiger Jahren einmal mit jener ihn auszeichnenden Prägnanz, als »die Klosterbrüder des Marxismus« bezeichnete. Die Charakteristik war, selbstverständlich, eine Karikatur, aber eine geistreiche, und darum wurde sie gerade im Kreis der Gruppe gebührend geschätzt. Wie jede Karikatur enthielt sie einen gewissen Prozentsatz einer Wahrheit, die für Sneevliet politisch unannehmbar, für die Gruppe selbst jedoch historisch unabweisbar war.

Es handelt sich dabei um einen Punkt, an dem es - u.a. - zwischen Sneevliet und der GIK eine klare Trennung gab. Er erstrebte als Führer einer parlamentarischen und dazu eng mit einer gewissen Gewerkschaftsbewegung zusammenarbeitenden Partei an erster Stelle eine politische Wirkung. Eine sich inmitten der damaligen Arbeiterbewegung ganz anders verhaltende Gruppe, für die es darauf gar nicht ankam, sondern die sich bemühte, aus den Erfahrungen der zurückliegenden Kämpfe und somit aus der aktuellen ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus das theoretische Fazit zu ziehen, konnte Sneevliet eigentlich nicht placieren. Er konnte das noch um so Weniger, als jene theoretische Bilanz eben die politische Tätigkeit als solche, und damit unmittelbar auch die sie voraussetzenden herkömmlichen Organisationsformen, in Frage stellte.

Die Internationalen Kommunisten bildeten nicht nur ohne weiteres eine Gruppe, welche dem Bedürfnis einer theoretischen Analyse der Revolutionsperiode 1917—1923 entgegenkam. Sie waren zugleich mittelbar das Produkt jener Periode. Jeder Versuch a la Sneevliet, sie als irgendeinen »Studienverein« hinzustellen oder ihre Entstehung auf Gegensätze innerhalb der Sozialdemokratie vor 1914 zurückzuführen (2), ging an dieser Tatsache, d. h. an dem Zusammenhang ihres Auftretens mit den proletarischen Kämpfen nach dem Ende des 1. Weltkrieges, rücksichtslos vorbei.

In Deutschland, worauf ich mich hier, ohne die russische, die ungarische oder die italienische Erfahrung auch nur im geringsten herabzusetzen, bequemlichkeitshalber beschränken möchte, zeigten sich November 1918 und in den folgenden Jahren bei nicht unbeträchtlichen Teilen der Arbeiterschaft antiparlamentarische und antigewerkschaftliche Tendenzen, zu denen es übrigens schon längst Ansätze gegeben hatte. Die deutschen Arbeiter hatten sich in der Form ihrer Räte neue Werkzeuge geschaffen, mit denen verglichen die traditionellen Organisationen sich auf einmal als unzulänglich, ja sogar als untauglich erwiesen. Auf der organisatorischen Ebene führte das bekanntlich zu der Entstehung der KAPD und der AAU, auf theoretischem Gebiet zu dem erstmalig von Otto Rühle erhobenen Satz, »die proletarische Revolution (sei) keine Parteisache« (3).

Jedoch, zu Rühles konsequenter historisch-dialektischer Logik stand die Praxis der KAPD (und die ihrer in den Niederlanden gegründeten Schwesterpartei KAPN) noch durchaus im Widerspruch, was dann auch seinen Austritt veranlaßte. So sehr sie sich auch immer wieder anstrengen mochte, ihren von den üblichen Parteien wie SPD, USP, KPD usw. wirklich verschiedenen Charakter in den Vordergrund zu stellen, ihr struktureller Aufbau war trotzdem mit der organisatorischen Tradition der Vergangenheit belastet. Obwohl eine Partei neuen Typus, war sie nichtdestoweniger noch immer eine Partei, und das wollte sie auch sein. Das Beispiel ihrer Geschichte belegt eindrucksvoll die Bedeutung von Rühles These. Die KAPD wollte die Vergangenheit ausstreichen, ohne daß sie - den reellen Erfordernissen der kommenden Arbeiterrevolution gemäß - grundsätzlich mit ihr gebrochen hatte. Sie kam somit zwischen die Mühlsteine und wurde zermürbt. Bevor sie formell von der Bildfläche verschwand, führte ihr innerer Widerspruch bereits zu ihrem faktischen Untergang. Die GIK, die auf ihren Trümmern entstand, hatte eine ganz andere Position inne. Weit davon entfernt, daß sie dem theoretischen Studium eine politische Wirkung opferte oder seinetwegen darauf verzichtete, war es im Gegenteil so, daß sie grundsätzlich sich davon enthielt. Indem sie gerade über die KAPD und die KAPN hinausging, faßte sie nicht nur die Befreiung der Arbeiterklasse als das Werk der Arbeiterklasse selbst auf, sondern sie war gleichfalls überzeugt, daß es zu diesem Werk keiner, sei es auch nur rein-propagandistischen Vorhut bedürfe, sondern einer neuen, von der herkömmlichen Arbeiterbewegung grundverschiedenen Bewegung der Arbeiter, welche die politische Hülle und die traditionellen Formen einer Avantgarde abstreife.

Die GIK konnte weder erneut die Widersprüche der KAP und der AAU reproduzieren, noch sich selbst als die neue Arbeiterbewegung proklamieren, von der sie nur allzu genau wußte, daß sie erst im Laufe langfristiger Kämpfe und der dabei gesammelten Erfahrungen entstehen konnte. Den geistreichen Spott Sneevliets nahm sie gelassen hin in der Überzeugung, daß er letzten Endes mit seiner Partei und mit seinen Revolutionsauffassungen auf einem Boden fußte, der mit dem Befreiungskampf der westeuropäischen Arbeiterklasse nichts zu tun hatte.

Im Frühsommer 1934 kam ich mit der G.I.K. zum erstenmal in Berührung. Die 1929 in den USA ausgebrochene Wirtschaftskrise hatte sich über den alten Kontinent ausgedehnt und vertiefte sich noch immer. Vor den Stempellokalen standen die Arbeitslosen Schlange. Ihr Glaube an Kapitalismus und Prosperität schrumpfte im gleichen Verhältnis, wie sich tagaus, tagein ihre Existenzmöglichkeiten verringerten. Zugleich gab ihnen ihre Lage außerhalb des Produktionsprozesses ein niederschmetterndes Gefühl der Machtlosigkeit, das durch die Ereignisse in Mitteleuropa noch verstärkt wurde. Im Februar 1934 hatten Dollfuß' Geschütze die österreichische Sozialdemokratie niedergerungen. Genau ein Jahr zuvor war die deutsche ruhmlos untergegangen. Hitlers Machtergreifung lag damals schon fast anderthalb Jahre zurück. Jenseits der holländischen Ostgrenze war der Faschismus "wie ein furchtbarer Tank über Schädel und Wirbelsäulen" der Arbeiter hinweggegangen.

Ich kannte die Broschüre Trotzkis, worin er die Katastrophe buchstäblich vorausgesagt hatte, gesetzt, die KPD und deren Drahtzieher im Kreml verharrten bei ihrer verhängnisvollen, die Arbeiter zersplitternden Politik. (4) Ich hatte damals - ohne Zweifel verschwommene - trotzkistische Sympathien. In einer öffentlichen Versammlung ließ ich mich mit irgendeinem stalinistischen Bürokraten auf eine Debatte ein. Hinter mir saßen zufällig ein Molkerei- und ein Metallarbeiter, die mich nachher anredeten und die sich zum Rätekommunismus bekannten. Es stellte sich später heraus, daß einer von den beiden Verbindungen hatte zu jener Gruppe, die uns hier beschäftigt. Den ganzen Sommer und Herbst hindurch fuhr ich fast jeden Abend in seine Wohnung. Die Diskussionen dauerten meistens bis Mitternacht und waren sehr gründlich. Was dabei nicht gesagt wurde, das erarbeitete ich mir zu Hause aus den Schriften der GIK, die mir in die Hand gedrückt wurden. Ich hatte das Gefühl, daß ich aus einem politischen Kinderladen in eine Art Hochschule versetzt worden war. Die GIK legte überhaupt keinen Wert auf dummes Nachplaudern. Sie förderte das selbständige Denken. Sie verbreitete keine Losungen, sondern Kenntnis der Marxschen Gesellschaftslehre. Das geschah keineswegs aus rein wissenschaftlicher Leidenschaft und erst recht nicht von ungefähr. Die Erfahrungen der bolschewistischen Revolution in Rußland zwangen die Gruppe einfach, sich von vorne an mit dem Marxismus zu beschäftigen. Eine derartige Beschäftigung betrachtete sie als eine Frage des Seins oder Nichtseins der Arbeiterbewegung überhaupt.

Schon zehn Jahre früher hatte Gorter die russische Revolution als eine bäuerlich-bürgerliche charakterisiert. Die Charakteristik wurde von der GIK fortwährend geprüft und vertieft. Gerade in jener Zeit, als ich die Gruppe kennenlernte, gab sie die »Thesen über den Bolschewismus« (5) heraus. Bald folgte eine holländische Übersetzung der früher schon in Deutschland veröffentlichten Schrift »Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung« (6), worin abermals die russische Revolution im allgemeinen und dazu die bolschewistische Wirtschaftspolitik insbesondere einer grundlegenden marxistischen Analyse unterzogen wurde.

Abgerundet und abgeschlossen wurde diese theoretische Arbeit sodann mit einer prinzipiellen Darlegung der Differenzen zwischen Rosa Luxemburg und Lenin und mit Harpers Arbeit »Lenin als Philisoph« (7). Daß der Verfasser der letzteren kein anderer war als Anton Pannekoek, wurde damals schon im Kreis der Gruppe nicht verheimlicht. Daß die »Thesen« - wenn ich mich nicht irre - von Alexander Schwab stammten, der Aufsatz über Lenin und Luxemburg von Paul Mattick, erfuhr ich erst viele Jahre später.

Matticks Schrift war nicht nur wichtig, weil sie die gesellschaftlichen Hintergründe der Leninschen Organisationsgrundsätze aufdeckte. Sie befaßte sich auch mit dem fundamentalen Unterschied der proletarischen von der bürgerlichen Revolution. Indem Mattick nachwies, daß Lenin, der "sich eine proletarische Revolution ohne ein Intellekt-Bewußtsein nicht vorstellen (könne), der die ganze Revolution zu einer Frage des bewußten Eingreifens der >Wissenden< oder der Leninschen »Berufsrevolutionäre« (mache), zum bürgerlichen Revolutionär (herabsinke)" (8), kritisierte er zugleich Lenins "Überbetonung des subjektiven, politischen Momentes", welche für ihn (Lenin) "die Organisierung des Sozialismus zum politischen Akt werden (ließe)".

Der Auffassung von der proletarischen Revolution als einem politischen Akt stellte Mattick das Verständnis ihres sozialen Charakters gegenüber. Im Gegensatz zu Lenin, der das politische Bewußtsein - das die Arbeiterklasse außerstande zu entwickeln sei - als die Voraussetzung der rein politischen Umwälzung betrachtet, wies Mattick darauf hin, daß gerade die Arbeiterrevolution solch ein von einer politischen Vorhut entwickeltes Bewußtsein nach der Einsicht von Marx gar nicht braucht.

So wurden die Avantgardisten jeder politischen Farbe belehrt, daß die proletarische Revolution etwas ganz anderes sei als jene bürgerliche des 19. Jahrhunderts, von der sie noch immer träumten. Die Frage, weshalb die GIK keine politische Arbeit machte und nicht machen wollte, weshalb sie keine "Vorhut" im traditionellen Sinne sein könne, wurde da nochmals in klarer Sprache beantwortet.

Die theoretische Höhe derartiger Auseinandersetzungen empfand ich damals als charakteristisch für die GIK, die sich damit deutlich von allen Richtungen der traditionellen Arbeiterbewegung unterschied. Sie tat es auch noch in anderer Hinsicht, nämlich durch ihre Krisenauffassung. Auf allen damaligen politischen Versammlungen und in allen linken Wochenzeitungen oder sonstigen Publikationen war die kapitalistische Wirtschaftskrise selbstverständlich ein immer wiederkehrender Gegenstand. Ob es sich nun um Eröterungen von sozialdemokratischer, linkssozialistischer, anarcho-syndikalistischer, trotzkistischer oder stalinistischer Seite handelte, sie wurde fast ohne Ausnahme entweder in irgendeiner Weise im Kielwasser der bürgerlichen Ökonomen als eine Folge von Überproduktion interpretiert oder (mehr oder weniger metaphysisch) für eine Todeskrise des Systems gehalten, freilich nicht ohne daß der Wunsch zum Vater des Gedankens gemacht wurde. Das eine wie das andere führte unmittelbar oder mittelbar zur völligen Mißachtung des proletarischen Klassenkampfs, sei es im reformistischen, sei es im durchaus fatalistischen Sinne.

Die GIK dagegen vertrat Auffassungen, welche die Krise aus den eigentümlichen Tendenzen der kapitalistischen Akkumulation erklärten, eine Erklärung, welche die Gruppe nicht nur der "Krisentheorie" des Reformismus, sondern auch den Illusionen, an welche sich in ihrer damaligen Machtlosigkeit die Massen klammerten, gegenüberstellte. Letzteres war zum Beispiel sehr deutlich der Fall in ihrer Schrift über die "Bewegungsgesetze des kapitalistischen Wirtschaftslebens" worin anhand wirtschaftlichen Tatsachenmaterials auch gegen jene Täuschung, die Krise sei aus Überproduktion entstanden, angekämpft wurde.

Mit alledem will nicht besagt sein, daß die GIK über die Krise eine ganz einheitliche Auffassung gehabt hätte. Ich erinnere mich lebhaft, wie heftig auch innerhalb der Gruppe über Krise und Zusammenbruch diskutiert wurde und wie diese Diskussion in ihren Veröffentlichungen ihren Widerhall fand. (9) Im Mittelpunkt stand dabei das Grossmannsche Werk "Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems" (10), das sich anfangs bei der GIK einer großen Autorität erfreute. Als Pannekoek das Buch - sowohl schriftlich wie in einem Vortrag - äußerst scharf kritisierte, wurde die Beurteilung differenzierter. Einzelne hielten den Angriff Pannekoeks für verfehlt, andere für nur zu berechtigt, wieder andere teilten in vielem seine Ansichten, hielten aber trotzdem die Grossmannschen Darlegungen für "eindrücklich" und blieben dabei, daß ihnen "seine außerordentliche Bedeutung" beikomme. So buchstäblich hat sich einmal mir gegenüber der 1962 gestorbene Henk Canne Meijer geäußert, den man mit Recht die Seele der GIK nennen darf. (11)

Nur sehr, sehr wenigen Leuten bin ich in meinem Leben begegnet, die so wie er im Stande waren, die schwierigsten Probleme derart zu erläutern, daß sie wirklich jedem verständlich wurden. Ursprünglich Metallarbeiter, wurde er später Volksschullehrer, zeichnete sich aber auch in der Gruppe durch seine didaktische Begabung aus, von welcher unzählige Genossen Nutzen gezogen haben. Aus seiner Feder stammten u. a. aufschlußreiche Artikel, die auf der Philosophie Josef Dietzgens basierten und wesentlich zu einem besseren Verständnis der Marxschen Methode beitrugen.

Nichts wäre indes unrichtiger, als nun zu folgern, daß die GIK sich nur mit rein theoretischen Untersuchungen beschäftigte. Was die Gruppe sich theoretisch aneignete, wurde täglich praktisch angewandt. Die Tagesereignisse forderten dazu auch ständig heraus. In Frankreich wurde ab 1934 die Volksfrontpolitik erprobt, die 1936 die - sich alsbald arbeiterfeindlich zeigende - Regierung des Reformisten Leon Blum ans Ruder zu kommen half. Es waren die Jahre der spanischen Revolution, der Betriebsbesetzungen in Frankreich, Belgien und in den amerikanischen Automobilwerken, der Moskauer Prozesse, der planwirtschaftlichen Versuche Roosevelts, der aufflammenden "wilden" Streiks, des zunehmenden Verfalls der herkömmlichen Arbeiterbewegung, der rassischen Stachanowbewegung, der internationalen Goldwährungskonferenz, des Rüstungswettlaufs zum 2. Weltkrieg. Zu all diesen Dingen nahm die GIK eine Stellung ein, dessen Kern immer wieder dieser war, daß die Führerpolitik der parlamentarischen Parteien und Gewerkschaften zu bekämpfen sei und daß zur Verwirklichung einer kommunistischen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Lohnarbeit, d. h. einer Assoziation freier und gleicher Produzenten, die Arbeiter Verwaltung und Leitung von Produktion und Distribution selbst in die Hand zu nehmen hätten; daß die Kampflosung weder Volksfrontpolitik noch Planwirtschaft sei, sondern: "Alle Macht den Arbeiterräten". So auch stand es am Kopf ihres Pressedienstes.

Nicht nur in Wohnzimmern saßen wir damals in leidenschaftlichen Diskussionen beisammen. Die "Brüder" begaben sich auch außerhalb dieser "Klostermauern" in öffentliche Versammlungen, vor die Zeitungsgebäude und Stempellokale, wo die Arbeiter ihren Widerspruch gegen die Gewerkschaftsbürokratie artikulierten oder die Frage diskutierten, ob denn die UdSSR, allen entgegengesetzten Angaben zum Trotz, noch immer ein Arbeiterstaat sei. Da bildete die Erkenntnis, daß der russische Bolschewismus mit dem proletarischen Klassenkampf und mit dem Sozialismus nie etwas zu tun hatte, einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung der Gehirne, die übrigens vor allem darauf gerichtet war, das Selbstdenken und die Selbsttätigkeit zu fördern, wie es von den Parteien und Gewerkschaften systematisch unterlassen wurde. Verschiedene kurzgefaßte Protokolle derartiger Debatten habe ich aufbewahrt. Sie zeigen unzweideutig den prinzipiellen Charakter dieser mündlichen Propaganda. Pannekoek hatte seine Grossmann-Kritik mit der These beschlossen, daß der Zusammenbruch des Kapitalismus die Selbstbefreiung des Proletariats bedeute, daß die Arbeiter selbst, als Masse, den Kampf zu führen hätten und sich dazu in neuen Kampfformen zurechtfinden müßten. Die Aktionsausschüsse der "wilden" Streiks boten sich der GIK als die wirklichen Ansätze zu solchen neuen Kampf- und Organisationsformen dar. Sie entstanden damals im Laufe fast aller Arbeiterkonflikte und hatten ihre eigene Geschichte. Nur ganz primitiv zuerst, bildeten sie in dem Maße, wie sich die "wilden" Streiks notwendigerweise vermehrten, immer deutlicher auf selten der Arbeiter das Mittel, mit dessen Hilfe sie sich - so wie sie es wollten, aber von ihren "Führern" vergeblich verlangten - gegen Lohnabbau oder gegen Verschlechterung des Arbeitsklimas wehren konnten. Auch wenn dies öfters ohne Erfolg geschah, so zeigten die Ausschüsse trotzdem in der Praxis Wege zu einer Machtbildung, zu der die Gewerkschaften unfähig waren. Je häufiger sie auftraten, je besser sie sich organisierten, je rücksichtsloser sie vorgingen - bei extremer Gewährleistung einer "proletarischen Demokratie von unten" -, um so mehr drang ihre Wesensgleichheit mit den Räten der Revolutionszeit zum Bewußtsein durch. Die GIK verfolgte diese Entwicklung mit Aufmerksamkeit, stellte immer wieder deren Bedeutung zur Diskussion und verband dabei aufs engste diese Praxis der Werktätigen mit dem von ihr für unvermeidlich gehaltenen Aufstieg einer kommenden neuen Organisationsform der proletarischen Klasse. Ihr widmete Henk Canne Meijer Mitte der dreißiger Jahre seinen Aufsatz "Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung" (12). Die Schrift zeichnete sich von vorneherein schon dadurch aus, daß der Verfasser für die Machtlosigkeit der Arbeiterbewegung jener Zeit nicht deren Verwirrung verantwortlich machte, sondern umgekehrt die Verwirrung als die Folge ihrer Machtlosigkeit verstand. Die von ihm entwickelten Hauptlinien, namentlich jene, daß die Arbeiterbewegung der Zukunft sich durch die Selbsttätigkeit aller Angehörigen der proletarischen Klasse von der früheren wesentlich unterscheiden und abheben würde, kehrte in verschiedenen Streikanalysen oder Kommentaren zu den täglichen Kämpfen wieder.

Die Aktivitäten der GIK umfaßten viele Bereiche. Die Gruppe organisierte - hauptsächlich an Sonntagmorgen - Kurse. Sie verbreitete, außer ihrem monatlichen Pressedienst und außer ihren unzähligen Broschüren, an einem Amsterdamer Stempellokal auch wöchentlich eine kleine, äußerst volkstümliche, von Anfang bis Ende in der Sprache der Arbeiter verfaßte Schablonenzeitung: Proletenstemmen ("Proletenstimmen"). Sie erschien über etwa zwei Jahre ununterbrochen in fortwährend steigender Auflage, wurde von einem kleinen Kern hergestellt und erweckte - nicht ohne Grund - die furchtbare Wut der Stalinisten und Reformisten, da sie mit einfacher Logik und mit glänzendem Sarkasmus die verheerenden Folgen und den arbeiterfeindlichen Charakter ihrer Politik ins Licht rückte.

Geschrieben wurde sie hauptsächlich von einem überaus geistreichen und tüchtigen Amsterdamer Genossen, der als geborener Pamphletist mühelos und treffsicher Ausdrücke oder Beispiele zu finden vermochte, die am direktesten überzeugten und im Gedächtnis blieben.

Der Genösse, von dem hier die Rede ist, war damals - fast möchte ich sagen: selbstverständlich - arbeitslos. Er widmete Proletenstemmen all seine Kraft und Zeit. Vor demselben Stempellokal, wo am Freitag das Blättchen verteilt wurde, stand er auch einen beträchtlichen Teil der anderen Tage. Er hörte den Diskussionen zu und bekam Informationen aus erster Hand, die sich direkt auf das Leben der Arbeiter bezogen. Er versäumte nicht, sie beim Schreiben dankbar zu benutzen. Nicht zuletzt diesem Umstand verdankte die bescheidene Zeitung eine große Wirkung. Sie trug nicht wenig dazu bei, die Auffassungen der GIK in weiteren Kreisen bekanntzumachen. Meiner Meinung nach trug dazu besonders eine in Proletenstemmen veröffentlichte Artikelfolge unter dem Titel "Die Kampfausschüsse der wilden Streiks" bei. Es handelte sich dabei tatsächlich um eine Vermittlung von Erfahrungen in jenem Sinne, wie es der GIK immer vorschwebte. Die Anstrengungen der Genossen von Proletenstemmen waren eigentlich eine, übrigens wohl unbeabsichtigte, Antwort auf eine Frage, die ein paar Jahre früher in der Gruppe erhoben worden war. Im Sommer 1935 nämlich warfen Genossen im Haag, in Leiden und in Groningen ihren Amsterdamer Gesinngsfreunden vor, sie hätten für das Problem der praktischen Tätigkeit keine genügend passende Lösung. In einer "Resolution" stellten sie fest, die GIK habe bislang nur Informationsarbeit geleistet. Ihre Funktion im Prozeß der revolutionären Entwicklung sei die gewesen, daß sie theoretisch, aus den Erfahrungen der vorangegangenen Revolutionen, die notwendigen Voraussetzungen künftiger Umwälzungen destilliert habe. Solange eine theoretische Neuorientierung noch das Wichtigste war, habe es bei der GIK ein Gleichgewicht gegeben. Der theoretischen Arbeit habe daher die praktische Organisation entsprochen. Aber, so fuhr jene Resolution fort, von der gesellschaftlichen Entwicklung werde jetzt "die Praxis" in den Vordergrund geschoben. Daraus ergebe sich eine Konfliktsituation, denn die Gruppe sei darauf nicht eingestellt. Sie versuche zwar, theoretische Formeln für eine neue Arbeiterbewegung zu entwickeln (gemeint war natürlich die Canne Meijersche Schrift), verstehe aber nicht, daß die Arbeiterklasse ihre Schritte zur Praxis völlig unabhängig von den Studiengruppen machen werde.

Die Verfasser der "Resolution" zogen aus ihren Feststellungen den Schluß, die CIK sei faktisch "gestorben". Das führte dann dazu, daß die Gruppen Den Haag, Leiden (13) und Groningen sich von der Amsterdamer Gruppe lossagten. Sie teilten zwar, schrieben sie, deren theoretische Auffassungen, könnten aber mit deren praktischen Methoden nicht übereinstimmen. Nennenswerte Konsequenzen hatte das alles kaum. Die persönlichen Beziehungen dürften sich etwas gelockert haben, dennoch wurden sie aufrecht erhalten. Wie zuvor boten die Genossen im Haag und in Leiden die Schriften der Amsterdamer Gruppe feil. Die Amsterdamer haben wohl die Achseln gezuckt und dann mit ihrer Arbeit weitergemacht. Nur ein wenig später gaben sie mit der Herausgabe von Proletenstemmen ein Beispiel, das die in der Resolution enthaltene Kritik zunichtemachte. Die Haager Genossen taten das Ihrige es nachzuahmen. Was sie herausbrachten, konnte den Vergleich mit Proletenstemmen nicht aushalten. Es fehlten ihnen dazu nicht nur die Kräfte, sondern auch die Fähigkeiten und Kenntnisse. Damals gehörte ich zu denjenigen, die für die Resolution verantwortlich waren. Nach fast vierzig Jahren lassen sich deren Hintergründe nur schwer ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe eine schattenhafte Vorstellung von persönlichen Gegensätzen, die der GIK natürlich ebensowenig wie anderen Gruppen erspart blieben. Darauf gibt es an einer gewissen Stelle der Resolution ja auch Hinweise.

Wenn ich sie heute durchlese, so mit ziemlich gemischten Gefühlen. Worauf zielten wir eigentlich, als wir die Forderung erhoben, die GIK solle sich der Praxis anpassen, welche - wie es von uns gesagt wurde - die Gruppe "lediglich zu formulieren wußte"? Ich befürchte - und dies mit Grund -, es war uns noch ungenügend klar, daß die GIK sich zwar von der alten Arbeiterbewegung grundsätzlich unterschied, aber zu gleicher Zeit auf keinen Fall die neue Arbeiterbewegung war, noch sein konnte, da deren Entstehung nur als ein langwieriger Prozeß aufgefaßt werden konnte. Wenn es richtig war, daß die Revolutionserfahrung den Beweis erbracht hatte, die Befreiung der Arbeiterklasse könne nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein, dann sollte das nicht nur so verstanden werden, daß der Sozialismus nicht von einer Partei oder von einer Gewerkschaft herbeigeführt werden konnte, sondern auch so, daß diese Befreiung ebensowenig das Werk der GIK sein konnte. Der Vorwurf einer mangelnden revolutionären Praxis war in diesem Sinn so wenig berechtigt wie jener, daß die Gruppe sich hinter "Klostermauern" zurückziehe. Das tat sie nicht. Sie arbeitete inmitten ihrer damaligen Welt.

Was man ihr vielleicht hätte vorwerfen können: sie hielt die Entwicklung des Selbstbewußtseins der Arbeiter zu sehr für eine Voraussetzung des künftigen Klassenkampfes, statt für eine seiner Begleiterscheinungen. Das aber war eine Erwägung, die seinerzeit kaum in Betracht gezogen wurde, weder außerhalb, noch - soviel mir bekannt - innerhalb der Amsterdamer Gruppe.

Wie dem aber auch gewesen sein dürfte, die GIK hat sich jedenfalls einer "Praxis" enthalten, die darauf hinausgelaufen wäre, daß sie sich Aufgaben gestellt hätte, die von einer Gruppe nicht erfüllt werden können. Und wenn sie so verfahren wäre - ihre theoretische Leistung wäre sofort herabgesunken. Ihre Aktivität nach außen war keineswegs zu gering, wie es bestimmte Kritiker behaupteten. Im Gegenteil! Diese aber hatte mit einem Voluntarismus nichts zu tun. Wenn sie sich tatsächlich innerhalb gewisser Schranken bewegte, so nur deshalb, weil diese Schranken nun einmal zeitbestimmt vorgefunden wurden.

Daran sollte erinnert werden in einer Zeit, in der es derartige Schranken noch immer gibt, viele Gruppen jedoch sich deren weniger bewußt sind, als es die GIK war, und die nach meiner Meinung gerade darin ihre Bedeutung für die Arbeiterbewegung von morgen hat.

Amersfoort, im März 1974

Anmerkungen:

(1) Henk Sneevliet (1883—1942), Mitglied der holländischen Sozialdemokratie (SDAP) ab 1900; Gewerkschaftsführer und Publizist. Schloß sich 1912 der damaligen weiter links stehenden, 1909 gebildeten SDP an. Beteiligte sich nachher in Indonesien am Antikolonialkampf und war einer der Gründer des Indonesischen Sozialdemokratischen Vereins. Ab 1919 Bolschewist. War unter dem Namen Maring als Kominternvertreter in China tätig und war Mitgründer der chinesischen KP. Stand ab 1927 auf seiten der russischen Opposition. Gründete dann in Holland die kleine Revolutionär-Sozialistische Partei, die sich 1935 mit dem schon 1932 aus der SDAP getretenen linken Flügel der Sozialdemokratie vereinte. Hatte etwa 1937 Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki, der ihn alsdann nicht länger als den offiziellen Vertreter des Trotzkismus in Holland anerkennen wollte. Wurde am 13. April 1942 aufgrund illegaler revolutionär-sozialistischer Tätigkeit von einem Kommando der deutschen Besatzungsmacht erschossen.
(2) So z. B. Gottfried Mergner (Hg.), Gruppe Internationale Kommunisten Hollands, Reinbek 1971, S. 8.
(3) Otto Rühle, Die Revolution ist keine Parteisache', Berlin-Wilmersdorf 1920. Als Artikel unter dem Titel "Eine neue kommunistische Partei?", in: Die Aktion, 17-18/1920. Neuveröffentlichung in: Dokumente der Weltrevolution, Sonderband: Die Linke gegen die Parteiherrschaft. Ölten und Breisgau 1970, S. 329 ff.
(4) L. Trotzki, Soll der Faschismus wirklich siegen? Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?, Berlin-Neukölln -1932, S. 23.
(5) Neuauflage Berlin, o. J.
(6) Neuauflage Berlin-Wilmersdorf 1970.
(7) Neuauflage Frankfurt 1969.
(8) Paul Mattick, Die Gegensätze zwischen Luxemburg und Lenin, in: Partei und Revolution, Berlin o. )., S. 152/53.
(9) S. Korsch-Mattick-Fannekoek, Zusammenbnichstheorie des Kapitalismus oder Revolutionärer Subjekt, Berlin 1973, S. 20-45 und 47-70.
(10) Erstveröffentlichung 1929; Neuauflage: Frankfurt 1967.
(11) So z. B. das ehemalige GIK-Mitglied dr. Ben Seijes in einem Lebensbericht Canne Meijers. S. Mergner, Internationale Kommunisten, S. 209 ff.
(12) Neuauflage in: Partei und Revolution, Berlin o. J.
(13) Nur ein Genosse aus Leiden stimmte damals gegen die betreffende Resolution.

Originaltext: http://www.infopartisan.net/archive/brendel/gik.html (Scanbedingte Fehler bereinigt)


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