Gottfried Mergner - Die Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands (1971)

1970 kennt die revolutionäre Arbeiterbewegung in der BRD nur „sektiererische Gruppen“. Die Massenorganisationen der „Arbeitnehmer“ wehren sich energisch, mit dem Klassenkampf nur im entferntesten in Verbindung gebracht zu werden. SPD und DGB sind über jeden Verdacht, sozialistisch zu sein, erhaben. Die DKP und der Rest der etwa 10 kommunistischen Parteiversuche sind von ihrem „revolutionären“ Anspruch her Tiger, von ihrer Verwurzelung im Proletariat her jedoch Papiertiger.

Der Sieg des Faschismus als Massenbewegung über die sozialistische Arbeiterbewegung forderte und zog nach sich die Zeit eines „Neuaufbaus“, die auch die Chance der Neuorientierung in sich barg. Dieser historische Tatbestand setzte aufs neue und eindringlichste die Grenze zwischen Dogmatismus und Resignation auf der einen Seite und der kritischen Überprüfung der tradierten Theorie auf der anderen Seite.

Mit der Jugendrevolte kam das Interesse für die Geschichte der Arbeiterbewegung und für sozialistische Theorien. Darin drückt sich einmal der Wunsch aus, in der Geschichte Identifikationsmöglichkeiten zu finden, zum anderen aber auch eine gewisse Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen.

Die DKP, aber auch einige andere der Parteineugründungen wollen dieses Interesse möglichst schnell in ihre Kanäle lenken und disziplinieren. Indem sie in der Geschichte nur das gelten lassen wollen, was „irgendwie relevant“ geworden ist, sei es quantitativ als mächtige Organisation (wie die KPD der Weimarer Zeit) oder qualitativ als neue geschichtliche Bedingung (wie die russische Revolution), negieren sie jede Kritik an der Erscheinung und am Ergebnis und damit auch die Reflexion über mögliche Alternativen. So werden die leninistischen Organisationsvorstellungen, geweiht durch die russische Revolution, zu der einzig möglichen, und der revolutionäre Weg scheint „gesetzmäßig“ vorgeschrieben als Eroberung des Staates durch die revolutionäre Partei.

Jeder, der dies bezweifelt, offenbart danach nur seinen fehlenden Klassenstandpunkt und wird daher mit Vokabeln der Vergangenheit bedacht (Anarchosyndikalist, Anarchist). Dabei wird aber nicht angegeben, wie das Wunder geschehen soll, daß zwar der historische Bedingungszusammenhang sich ändert, aber die Begriffe und ihre Inhalte konstant bleiben.

In der vorliegenden Publikation sollen die Arbeiten der GIC, einer winzigen Splittergruppe, neu zugänglich gemacht werden, einer Splittergruppe, deren Organisationsgeschichte schon längst abgeschlossen ist, die niemals auch nur im geringsten politisch relevant geworden ist.

Doch sind wir der Ansicht, daß die Lektüre dieser Schriften, die sich um die Alternative zum „Staatssozialismus“ Leninscher Art bemühen, ohne in den plumpen Fehler zu verfallen, historisch Bedingtes moralisch zu verurteilen, nicht nur wegen der Qualität sozialistischer Theorie heute noch mit Recht das Interesse wecken, sondern daß gerade die Kritik an einem „staatlichen Sozialismus“ heute das Ziel des Kommunismus wieder klarer werden läßt: nämlich die ausschließliche Verwaltung der Produktion durch die eigentlichen Produzenten, die arbeitende Bevölkerung.

1.1. Die organisatorischen und theoretischen Wurzeln der GIC

Die Geschichte der Gruppe Internationaler Kommunisten begann 1907, als der radikale Flügel der SDAP, deren Sprecher Gorter und Pannekoek waren, ein eigenes Blatt herausgab, „De Tribune“. Dies führte 1909 zur Abtrennung und zur Gründung einer eigenen Partei, der „Sociaal Democratische Partij“.

In keiner der Sozialdemokratischen Parteien Europas ist etwas Ähnliches vor dem ersten Weltkrieg passiert! Z. B. die Linksradikalen um Rosa Luxemburg, die in ihrer Grundtendenz mit den Tribunisten übereinstimmten, entschlossen sich zu einem solchen Schritt erst 1919. Die S.D.P. kam über den Status einer kleinen Intellektuellensekte, die bis zum Kriege in Holland nicht mehr als 500 Mitglieder organisieren konnte, nicht hinaus. Für Rosa Luxemburg war dies ein abschreckendes Beispiel. (1)

Ursache der Abtrennung war die Frage nach der Selbsttätigkeit der Massen, damals konkret die Frage nach dem Generalstreik als einem Mittel der direkten revolutionären Massenaktion. Pannekoek und Gorter als die Theoretiker dieser Richtung stellten dem Primat der Organisation (Deutsche Sozialdemokratie) das Primat der Aufklärungs- und Bewußtseinsarbeit entgegen. Die Aufgabe der Avantgarde sei die Aufgabe des mithelfenden Lehrers, sie habe aber nicht die Aufgabe, durch ihre Politik und durch ihre Organisation die Aktionen der Massen zu ersetzen.

Pannekoek und Gorter haben in der Auseinandersetzung mit Kautsky (2) und in der Auseinandersetzung mit dem Leninismus (3) das theoretische Fundament gelegt und die politischen Kategorien entwickelt, die bestimmend für die Arbeit der GIC blieben und in ihren Schriften die klarste und entschiedenste Ausprägung fanden.

Ihre Grundthese läßt sich vereinfacht folgendermaßen zusammenfassen: Das Proletariat in den hochindustrialisierten Ländern hat durch die Schule der kapitalistischen Produktion und durch die tägliche Erfahrung der abstrakten Möglichkeit in der gegebenen konkreten Unmöglichkeit ein Potential an revolutionärer Energie. Aufgabe der Avantgarde ist es, durch Initiierung der revolutionären Massenaktion und durch permanente Aufklärung (über das Mögliche) dieses Potential zu aktivieren. Den Sozialdemokratischen Parteien wurde vorgeworfen, daß sie durch die autoritäre Organisation die Aktivität des Proletariats um der Erhaltung der Organisation willen abwürgten. Den Bolschewiki dagegen wird vorgeworfen, durch die autoritäre Kaderorganisation die schöpferischen Kräfte des Proletariats ersetzen zu wollen.

Durch Pannekoek und Gorter waren die holländischen Linkskommunisten eng an die linkskommunistische Bewegung in Deutschland gebunden. Pannekoek arbeitete um 1913 in der Bremer Opposition innerhalb der SPD mit und redigierte mit Johann Knief die bekannte und berüchtigte „Bremer Bürgerzeitung“, an der auch Karl Radek eine Zeitung mitgearbeitet hatte. Pannekoek war daneben mit Rosa Luxemburg zusammen Lehrer an der Parteischule der SPD (1906—1908), er arbeitete mit den „Internationalen Kommunisten Deutschlands“ (4) zusammen, Gorter in Berlin mit den Kräften, die später bestimmend für die Gründer „Kommunistischen Arbeiterpartei“ wurden.

Nach 1919 traten Pannekoek und Gorter ein für das Zusammensehen von Vorhutorganisation (Avantgardeorganisation, die sie in der zu erkennen glaubten) und der revolutionären Massenorganisation, für die sie die Rätebewegung ansahen. Sie spalteten sich von der SDP ab, die später auf die Linie der 3. Internationalen einschwenkte und sich in KPH umbenannte.

1921 begründete Gorter die „Kommunistische Arbeiterpartei der Niederlande“ (KAPN), die dich als Schwesterorganisation der KAPD verstand. Als Organ brachten sie in Amsterdam „De Kommunistische Arbeider“ heraus. Auch die KAPN blieb eine kleine Splittergruppierung.

Mit der Spaltung der KAPD 1922 kam auch die Spaltung der KAPN. Pannekoek enthielt sich hierbei zwar einer direkten Parteinahme, arbeitete aber später mit dem Teil enger zusammen, welcher der „Berliner Richtung“ näher stand und aus dem später die GIC hervorging.

Gorter dagegen engagierte sich sehr auf der Seite der „Essener Richtung“. In Deutschland wie in Holland basierte die Spaltung eher auf den theoretisch überhöhten Animositäten der Wortführer in der revolutionären Depressionsphase nach dem März 1921 als auf wirklichen Unterschieden in der Theorie und Praxis. Heute kann man sagen, daß sich auf der einen Seite ein mehr pragmatischer Flügel herausgebildet hatte, der z. B. in der Widerstandszeit gegen die deutsche Besatzung zu einem taktischen Bündnis mit der bürgerlichen Resistancebewegung bereit war (Essener Richtung). Auf der anderen Seite bestand ein mehr theoretisierender Flügel, der sich hauptsächlich in der Gruppierung der GIC sammelte (Berliner Richtung). Dieser lehnte z. B. eine Beteiligung am „demokratischen“ Widerstand gegen den deutschen Faschismus ab, da der Faschismus eine historisch notwendige Voraussetzung der Weltrevolution sei. Statt Kampf allein gegen die Deutschen forderten sie die Wiederaufnahme des internationalen Klassenkampf es.

Zu einem effektiven Einfluß auf die Arbeiter kamen beide Gruppierungen nicht. Die Rest-KAPN bestand noch bis 1932 unter der Wortführung von Luteraan und Frits Knief weiter. Der ausgeschlossene Teil organisierte sich ab 1926 unter dem Namen „Internationaale Communisten“.

1.2. Die Geschichte der GIC im Spiegel ihrer Publikationstätigkeiten

Das Motto der Gruppe, das allen ihren Veröffentlichungen vorstand, war: «Die kapitalistische Entwicklung führt zu stets heftigeren Krisen, die in einer stets größeren Erwerbslosigkeit und einer immer tiefer gehenden Erschütterung der Wirtschaft zum Ausdruck kommen. Millionen Arbeiter werden dadurch von der Produktion ausgeschaltet und dem Hunger preisgegeben. Zugleich verschärfen sich die Gegensätze der verschiedenen kapitalistischen Länder so, daß die Konkurrenz, zum Wirtschaftskrieg geworden, ausmünden muß in einen neuen Weltkrieg.

Die fortschreitende Verarmung und die wachsende Unsicherheit der bloßen Existenz zwingen die Arbeiterklasse, für die kommunistische Produktionsweise zu kämpfen. Die Gruppen Internationaler Kommunisten fordern die Arbeiter in diesem Kampfe auf, Verwaltung und Leitung von ProduktiQn und Distribution nach allgemein geltenden, gesellschaftlichen Regeln selbst in die Hand zu nehmen, um so die „Association der freien und gleichen Produzenten“ zu verwirklichen.

Die G.I.K. sehen in der Entwicklung des Selbstbewußtseins der Arbeiter den wesentlichen Fortschritt der Arbeiterbewegung. Sie bekämpfen darum die Führerpolitik der, parlamentarischen Parteien und Gewerkschaften und erheben als Kampfeslosung: „Alle Macht den Arbeiterräten! Die Produktion in Händen der Betriebsorganisationen!“

1926 veröffentlichten die Linkskommunisten in Deutschland Enthüllungen über die Zusammenarbeit der Reichswehr und Sowjetrußlands. Deutsche Firmen stellten auf russischem Gebiet Waffen für die Reichswehr her. In Holland druckte eine Gruppe unter dem Namen „Gruppe Internationale Kommunisten“ mit eigenem Kommentar versehen dieses Material nach. Die Broschüre hieß: „Rußland bewaffnet Deutschland“. Der Name „Internationale Kommunisten“ sollte signalisieren, daß Rußland mehr und mehr aus nationalen Interessen die Weltrevolution verrate. Damit trat diese Gruppe das erste Mal als eigene Vereinigung auf. Mitglieder waren großenteils aus der KAPN als Anhänger der „Berliner Richtung“ hinausgedrängt worden. Sie hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht organisiert. Diese Schrift war der Beginn einer langjährigen Gruppenarbeit.

Henk Canne Meijer beschreibt auf der Vereinigungskonferenz der AAUD und der AAUE in Berlin im Dezember 1931 (siehe weiter unten) Arbeit der Gruppe folgendermaßen: «Die GIC ist nur eine kleine Gruppe, die aber beständig bemüht ist, ihre Erkenntnisse weiterzutragen. Die besonderen Verhältnisse Hollands haben auch besondere Arbeitsmethoden der Gruppe zur Folge. So ist es nicht unsere Absicht, vor allen Dingen die Organisation zu erweitern, sondern wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Grundprinzipien des Klassenkampfes und seiner Bedingungen in den breiten Massen zu verankern. Unsere Tätigkeit wirkt sich in einem großen Teil anderer Organisationen aus, und zwar so, daß wir nicht in diesen fraktionell arbeiten, sondern dadurch, daß ihnen unser Pressematerial zur Diskussion übermitteln, was sie auch verwenden. Das kommt am besten darin zum Ausdruck, daß diese Organisationen im Lauf der Zeit an uns herangetreten sind zwecks Auslegung unserer ideologischen Erkenntnisse in ihren organisatorischen Kreisen. Des weiteren haben wir Flugblätter mit den von uns erkannten notwendigen Wegen der Arbeiterklasse, wie Schaffung von Betriebsselbständiges Handeln der Arbeiterklasse usw., entworfen, deren Texte Gruppen der KPH vervielfältigen, mit ihrer Organisation zeichnen und verbreiten, so daß die Partei-Kommunisten für unsere Erkenntnisse Propaganda betreiben.» (Archiv Radebeweging, Mappe 236, 47/48 im IISG, Amsterdam)

Ob das erste öffentliche Auftreten der Gruppe seine Ursache in der Tatsache hatte, daß Jan Appel (siehe biographischer Abriß unten) zur Gruppe stieß oder ob das Zusammenfallen rein zufällig ist, ist heute zu klären. Tatsache ist, daß der deutsche Rätekommunist Jan Appel zweierlei Hinsicht für die GIC wichtig geworden ist:

Einmal brachte er aus seiner Gefängniszeit einen Manuskriptenentwurf mit, der bald zum wichtigsten theoretischen Werk der Gruppe werden sollte („Grundprinzipien der kommunistischen Produktion und Verteilung“).

Zum anderen stellte er die persönliche Verbindung her zu den verschiedenen Gruppen der AAU bzw. der AAU(E). Diese hatten sich vor allem in Berlin durch das Versagen der KAP von der Partei gänzlich getrennt, wurden – aber durch ihr eigenes Losgelöstsein von den Betrieben selber zu einer Art Partei, d. h. zu einer Interessenvereinigung für den Rätegedanken.

Höhepunkt und Abschluß der Entwicklung zu einer Partei war der Vereinigungskongreß 1931 in Berlin von AAUD und AAUE (der im folgenden noch zur Sprache kommen wird).

Die Geschichte der GIC ist die Geschichte ihrer Publikationen, d.h. die Geschichte ihrer theoretischen Arbeit. Sie läßt sich in drei Abschnitte einteilen, die sich zeitlich überlappen.

  1. Die Arbeit an den „Grundprinzipien“, die 1930 mit der deutschen Erstveröffentlichung abgeschlossen ist.
  2. Die theoretische Aufarbeitung der Zusammenbruchs- und Krisentheorien des Kapitalismus (von 1931 bis 1934).
  3. Die Auseinandersetzung mit dem Faktum Faschismus und dem russischen Staatskapitalismus, denen als Alternative die „neue Arbeiterbewegung“ gegenübergesetzt wird (von 1935 bis 1940).


Zu dieser Zeit bestand auch ein enger Kommunikationszusammenhang mit den verwandten Splitter-Gruppen in Deutschland, Dänemark, Frankreich und Amerika. Die Schriften, Agitationsbroschüren und Publikationsorgane sind in der Bibliographie zusammengestellt (s. S. 215 f).

Über das weitere Schicksal der Gruppe berichtete dem Herausgeber Herr Cajo Brendel, Amersfoort, ehemaliges Mitglied der GIC folgendes: Während der deutschen Besatzung arbeitete der größte Teil der GIC mit einem Teil der in der RSAP (s. Anm. 65) organisierten Trotzkisten zusammen. Dies führte zur Gründung des „Spartacusbundes“, der auch nach dem Kriege bestehenblieb. Sie verstanden sich im Kriege als die „Dritte Front“, die zugleich den deutschen wie den alliierten Kapitalismus angriff. 1942 (kurz vor Vereinigung) wurden sieben Mitglieder der RSAP von der deutschen Besatzungsmacht erschossen, darunter auch Hene Sneevliet, der 1920 unter dem Decknamen Maring für die III. Internationale in China tätig war. Die GIC ging im Spartacusbund völlig auf. Doch nach dem Kriege traten einige frühere Mitglieder der GIC aus, darunter Hene Canne Meijer und Jan Appel. Ende 1964 kam es dann zum endgültigen Bruch; alle früheren Mitglieder der GIC und deren neue Gesinnungsgenossen wurden ausgeschlossen. Sie schlossen sich zusammen unter dem Namen und in der Zeitschrift „Daad en Gedachte“ (Tat und Gedanke).

Die Broschüren waren als Unterstützung der Betriebsagitation gedacht und sollten die Fragen, die in den Flugblättern und Schulungsdiskussionen angesprochen worden waren, vertiefen. Aus der Themenauswahl läßt sich einigermaßen das Agitationsziel der Gruppe rekonstruieren: gegen den Parteikommunismus und gegen die bürgerliche antifaschistische Einheitsfrontbewegung die Arbeiter dazu zu bringen, sich selbst zu organisieren und den Kampf gegen den Kapitalismus, in welcher Form er auch auftritt, von den Betrieben aus zu führen. Die Perspektive war die Übernahme der Produktion nach kommunistischen Prinzipien durch die revolutionäre Betriebsorganisation, in der sich die größte Zahl aller Arbeiter sammeln würde. Da man sich die Revolution nur als eine kollektive Tat des weitaus größten Teils der Arbeiterschaft vorstellen konnte, verzichtete man auf jede politische Aktivität, die über die Aufklärung hinausging. Aufklärung und Bewußtseinsförderung – soweit kann die Avantgarde sich in den Geschichtsprozeß einschalten… Der Rest ist alleinige Aufgabe des erwachenden Proletariats.

1.2.1. GIC und die deutsche Rätebewegung nach 1927

Die GIC orientierte sich aus zwei Gründen eng am deutschen Rätekomunismus: einmal bestanden seit eh und je enge persönliche Beziehungen zu Deutschland; zum anderen gab es in Holland zu dieser Zeit so etwas wie ein Problem der deutschen „Gastarbeiter“. Die holländischen Unternehmer verwendeten zwar die Arbeitskraft der meist qualifizierte Arbeiter, taten aber nichts, um sie in die holländische Gesellschaft integrieren. Unter diesen Gruppen fand die GIC ihre relativ größte Resonanz. Der Verlauf der Vereinigungskonferenz (s. o.) zeigt den engen Diskussionszusammenhang mit dem deutschen Rätekommunismus.
Er beleuchtet den selbstkritischen Reflexionsprozeß innerhalb der Rätekommunisten und den Kommunikationszusammenhang zwischen den einzelnen Gruppierungen.

Es waren Vertreter aus Dresden, Berlin, Frankfurt, Bitterfeld, Pirna, Forst, Leipzig, Halle, Nürnberg, Ruhla, Chemnitz, Hasthau-Oberforhau, Dortmund, Groß-Hamburg, Cuxhaven, Magdeburg, Amsterdam (GIC).

Begrüßungsschreiben kamen von Paul Mattick aus Chicago im Namen der Gruppe des IWW; von der Gruppe Spartakus, Paris; den internationalen Kommunisten, Kopenhagen, und den Linken Kommunisten, Budapest.

Die alte trennende Beantwortung der Frage nach der Todeskrise des Kapitalismus verlor dort zum erstenmal ihre zentrale Bedeutung. War 1922 die Spaltung erfolgt, weil ein Teil die Todeskrise für den morgigen Tag erwartete und daher jegliche Arbeit an den Tagesfragen des Proletariats ablehnte (Nichtbeteiligung an den Streiks — Essener Richtung), so hatte der andere Teil angeblich die Notwendigkeit des Tageskampfes überschätzt. Auf der Konferenz einigte man sich auf folgendes: «Der Kapitalismus vergrößert sich ständig, damit aber auch gleichzeitig seine Widersprüche (Krise und Verelendung des Proletariats). Der Kapitalismus wird sich [jedoch] so lange weiterentwickeln, bis sein Widerspruch: das Proletariat, sich mit ihm auseinandersetzt und ihn durch die akute Revolution vernichtet.» (Auer…, Berlin, 24. 12. 1931 um 19.00 Uhr, Archiv Radebeweging, Mappe 236, Blatt 6) Mit dieser Formulierung wurde der theoretische Standpunkt der GIC Allgemeingut für die rätekommunistische Bewegung Deutschlands. Hierbei sei wichtig, daß der Faschismus «nicht als besondere Erscheinung gesehen werden kann, sondern als die Herrschaftsform des Monopolkapitalismus in der Krise». Mich. . ~‚ a. a. 0., Bl. 10)

Die Arbeiter hätten in den revolutionären Betriebs-Organisationen noch keine Alternative zu den Parteien und der Staatsgewalt erfahren können. «Wirkliche B. 0. in modernen Industriegebilden waren eigentlich nur die an der Wasserkante und im Ruhrgebiet. Allgemein betrachtet ist auch damals nach der Revolution nur eine geringe Zahl von Proletariern von uns beeinflußt worden. Unsere Ideologien waren keineswegs allgemein verankert. Die Massen der Arbeiter strömten nach dem Abflauen der Revolution wieder in die Gewerkschaften zurück. Und heute, was bedeutet schon die geeinte Unionsbewegung. Die ist eine Winzigkeit gegenüber dem Gesamtproletariat.» (Mich…, a. a. 0., Bl. 17 [2. Tag früh])

Daher war auch der Streit «um die Organisationsform (Spaltung mit den Einheitlern) damals sicherlich verfrüht. Sie haben die weitere Entwicklung nur schädigend beeinflußt.» (Bl. 18)

Folgende Konsequenzen seien daraus zu ziehen: «Die Rätebewegung ist selbständig. Sie erfaßt die Proletarier zunächst wie sie sind mit allen ihren Schwächen und Halbheiten. Die Räte sollen der Ausdrudc des Selbsthandelns der Arbeiter sein. Sie müssen folglich die verschiedenen unter den Arbeitern herrschenden Ansichten widerspiegeln. Trotzdem müssen wir (als Vorhut) in ihnen arbeiten. Nur müssen wir sie auch kritisieren und sogar gegen sie arbeiten, wenn sie die Vorwärtsentwicklung hemmen. Die Lösung unseres Verhältnisses zu den Räten liegt eben in dieser ständigen Mitarbeit und Kritik. Erst mit und in den Kämpfen kann die Steigerung der Bewegung zu revolutionären Zielen erfolgen». (Mich…, Bl. 20) «Der Widerspruch zwischen Vorhut und Massen ist doch aber auch nach unserer heutigen Meinung vom Wesen der Union geblieben.» (Bl. 21)

Am Abend des 3. Tages kommt man auf der oben beschriebenen Basis zur Vereinigung. Canne Meijer schließt sich für die GIC vollinhaltlich, doch nicht formal an. Der Name der Vereinigungsorganisation von AAU und AAUE ist:

Kommunistische Arbeiter Union (KAU). Gemeinsamer Verlag wird der Neue Arbeiter Verlag, ehemals Verlag der AAU, der bei der Übernahme folgenden Bestand ausweist: 1 206 Exempl. brosch. „Grundprinzipien der kommunistischen Produktion und Verteilung“ (716 geb.), 900 Exempl. „Ausgangspunkte der Kommunistischen Produktion und Verteilung“ (eine thesenartige Zusammenfassung, ebenfalls verfaßt von der GIC).

Der Verlag der AAUE bringt in diese Ehe Otto Rühles „Von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution“, 1500 Exemplare, neben vielen Einzeltiteln sozialistischer Erziehungsliteratur ein.

Am 4. Tag nach den Gruppenberichten gibt man sich eine Satzung, die geprägt ist vom Doppelcharakter der Union: einmal Vorhutorganisation zu sein, zum anderen der Keim für eine Massenorganisation zu werden.

Wir haben den Verlauf dieses Treffens deshalb so ausführlich beschrieben, weil vor dem Hintergrund und innerhalb der Grenzen der deutschen Unionsbewegung die Wirkung der theoretischen Arbeit der GIC beurteilt und gesehen werden muß. Es wurden nicht nur alle wichtigen theoretischen Arbeiten in Deutsch geschrieben und noch zu Beginn der Nazizeit sowohl unter den deutschen Emigranten als auch in Deutschland vertrieben und beeinflußten dadurch stark die Diskussion im deutschen Rätekommunismus, sondern es war auch das Bewußtsein unter der GIC lebendig, daß die holländische Arbeiterbewegung im Negativen wie im Positiven von der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der deutschen Arbeiterbewegung abhängig sei. Daß die deutschen Arbeiter nicht als solidarische Klassengenossen, sondern als faschistische Besatzungsmacht über die Grenze kamen, dieses Faktum setzte der Arbeit der GIC ein vorläufiges Ende.

1.2.2. Die Bedeutung der GIC

Die GIC blieb ein Schulungszirkel, der sich auf die Aufklärungs- und Bewußtwerdungsarbeit unter den Arbeitern beschränkte. Ihre theoretischen Arbeiten waren als Diskussionsbeiträge in der Auseinandersetztmg mit anderen linken Gruppen gedacht. Praktische Führung des Proletariats konnte und wollte man nicht leisten. Der schon dogmatisch übertriebene Glaube an die Selbsttätigkeit des Proletariats hinderte die Gruppe an jeder effektiven Aktion. Die GIC blieb ein Freundeskreis zur Erarbeitung der Theorie des Rätekommunismus. Darin liegt ihre heutige Aktualität begrenzt: die hier vorgelegten Schriften sind kritische Materialien zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Voraussetzung für eine Anleitung zum Handeln, nicht Anleitung zum Handeln selbst.

Fußnoten:
(1) R. L. in einem Brief an Roland Holst 1908: «Nichts wäre verhängnisvoller als ein Bruch zwischen den Marxisten. […] Man kann nicht außerhalb der Organisation bleiben, die Verbindung mit den Massen verlieren! Die schlechteste Arbeiterpartei ist noch besser als keine.» (J. P. NETTL, R. Luxemburg, Köln/Berlin 1967, S. 656)
(2) ANTON Pannekoek (1873—1960) und HERMAN Gorter (1864-1927). Die Auseinandersetzung mit Karl KAUTSKY führte vor allem ANTON Pannekoek in „Die Neue Zeit“ und zwar in folgender Reihenfolge: Karl KAUTSKY, „Die Aktion der Massen“, D.N.Z. 30. Jg. (1911), Bd. t; ANTON PANNEKOEK, „Massenaktion und Revolution“, D. N. Z. 30. Jg. (1912), Bd. 2; K. K., „Die neue Taktik“, D.N.Z., 30.Jg. (1912), Bd. 2; A. P., „Kautsky über „Die neue Taktik“", in: Leipziger Volkszeitung, 19. Jg. (1912), Nr. 209-211; A. P., „Marxistische Theorie und revolutionäre Taktik“, D.N.Z., 31. Jg. (1912), Bd. 1; K.K., „Der jüngste Radikalismus“, D. N. Z., 31. Jg. (1913), Bd. 1. Nach der sehr materialreichen Einleitung von Manfred Bock zu „A. Pannekoek, H. Gorter, ‚Organisation und Taktik der proletarischen Revolution“", Frankfurt o. J. (1969), S. 15.
(3) Vgl. zur Kritik des Leninismus: HERMAN Gorter, „Offener Brief an den Genossen Lenin. Eine Antwort auf Lenins Broschüre: Der Radikalismus, eine Kinderkrankheit des Kommunismus“, Berlin o. J. (1921).
(4) Die Bremer Linke um JohannES Knief und PAUL FRÖHLICH (Gruppe Arbeiterpolitik) und die Gruppierung um die in Berlin von Julian Borchardt herausgegebenen „Lichtstrahlen“ vereinigten sich Ende 1915 zu einer überregionalen Aktionseinheit unter dem Namen „Internationale Sozialisten Deutschlands“ (ISD), nachdem sie auf der Zimmerwalder Konferenz eine gemeinsame vom „Spartakus“ verschiedene Haltung zu der neu zu gründenden Internationalen eingenommen hatten. Die ISD wollten den Bruch mit der alten Sozialdemokratie und waren für die Gründung einer eigenen Partei. Pannekoek schrieb unter dem Pseudonym Karl Homer sowohl in den „Lichtstrahlen“ als auch in der „Arbeiterpolitik“. Im November 1918 benannten sich die IKD um.

Aus: Die Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands, Reinbeck bei Hamburg, Rowohlt, 1971, S. 7-15.

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2010/04/03/gottfried-mergner-die-gruppe-internationaler-kommunisten-hollands-1971/


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