Anton Pannekoek - Die Arbeiterräte (über die russische Revolution)

«Sie hat die Einsicht der Arbeiter verdunkelt und ihr Gefühlsleben vergiftet »

Der Weltkrieg bedeutete der Zusammenbruch der alten Arbeiterbewegung und ihrer Ideologie. Tief enttäuscht, ja verzweifelt sahen die Arbeiter, daß sie selbst, daß ihre Klasse machtlos war, gezwungen, wie willfährige Sklaven ihren Herren zur Schlachtbank zu folgen. Alle so laut verkündeten Prinzipien des Klassenkampfes und der internationalen Solidarität waren vergessen und verraten. Alle Macht des Klassenbewusstseins und der Organisation, deren man sich gerühmt hatte und die sich jetzt als blosser Schein erwies, war dahin. Das Klassenbewusstein wurde vom Nationalismus überspielt. Die von den Arbeitern für den Kampf gegen das Kapital aufgebaute Organisation war zum Werkzeug des Kapitals geworden, die Arbeiter völlig zu knebeln.

Nur kleine Gruppen hüben und hüben hielten an der Überzeugung fest, der Klassenkampf der Arbeiter werde als Arbeiterrevolution die Bourgeoisie besiegen und den Kapitalismus vernichten. Sie sahen in diesem Krieg die Keime einer neuen Entwicklung entspriessen. Was im Weltkrieg unterging, das waren vor allem Illusionen: die Illusion von der friedlichen Entwicklung zu einer besseren Weltordnung, die Illusion von der Erringung der Macht durch sanfte Mittel. Schwer und ernst stand jetzt überall die Wahrheit vor den Arbeitern: die Wahrheit nämlich, daß die Arbeiterklasse nur durch harten Kampf die Freiheit, die Herrschaft über die Produktion erobern könne. Diese Wahrheit war aber auch verheissungsvoll. Denn die Unerträglichkeit des Kapitalismus wurde gerade durch den Krieg mit heftigen Schlägen den Massen eingehämmert. Im Krieg wurde die Ausbeutung auf den höchsten Grad, die Rechtlosigkeit auf die Spitze getrieben. Alle erworbenen Rechte und Freiheiten wurden zunichte gemacht. Die Arbeiter waren zu Sklaven geworden, die nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihr Leben herzugeben hatten, damit ihre Herren grossere Profite machten. Durch den Krieg wurden alle Produktivkräfte restlos für die Vernichtung verbraucht. Demnächst werde die Welt — so glaubte man — verarmt und verwüstet, mit einem zerrütteten Produktionsapparat vor Hunger und Elend stehen. Dann müssten die Massen aufstehen, dann wurden die Arbeiter gezwungen sein, die Leitung der Produktion in ihre Hände zu nehmen. Dann werde der Weltkrieg statt zu einer Katastrophe des Sozialismus zu einer Katastrophe des Kapitalismus führen.

So wuchsen die neuen Gedanken heran. Wie nach dem Weichen eines Nebels lag die Welt jetzt für die Arbeiter offen da — das Ziel nunmehr klar sichtbar, gleichsam in greifbarer Nähe. Die Revolution kam in Sicht. Was oft wie ein unwirkliches und fernes Traumbild erschienen war, wurde handgreifliche Wirklichkeit — jedoch in Gestalt einer ernsten Aufgabe, eines zu führenden gewaltigen Kampfes. Schon zeigten sich unter den Arbeitern in Deutschland und Frankreich in Form von Streiks in der Rüstungsindustrie Anfänge eines Widerstandes: Spontan, gegen den Willen der Führer und der Partei, und wenn auch mit Gewalt unterdrückt, so war dieser Kampf doch Beginn einer neuen Orientierung. Neue Begeisterung flammte auf, eine neue geistige Entwicklung setzte ein.

Die Gruppen, die während des Krieges am Klassenkampf und an dem Gedanken einer proletarischen Revolution festgehalten hatten und sich als die kleine Vorhut einer zukünftigen Massenbewegung sammelten, hatten den geschändeten Namen «Sozialisten» abgelegt. Im Anschluss an die Frühzeit, die Zeit des Kommunistischen Manifestes, nannten sie sich Kommunisten. Erneut, wie in Marx’ Anfangszeit, standen sich Kommunismus als eine revolutionäre, proletarische und Sozialismus als eine bürgerliche Reformbewegung gegenüber; freilich mit dem Unterschied, daß jetzt die Träger des Sozialismus verbürgerlichte Arbeiterführer waren, die sich auf grosse Organisationen stützten.

Die kämpfenden imperialistischen Fronten zerbrachen an ihren schwächsten Stellen: zuerst in Rußland, ein Jahr später in Deutschland. Und bei Kriegsende brachen in zahlreichen Ländern Kämpfe und Streikbewegungen unter den Arbeitern aus. In Rußland, wo die Revolution den Zarismus vernichtet hatte, waren die Bolschewiki (früher offiziell Sozialistische Partei geheissen) ans Ruder gekommen. Sie verkündeten die Herrschaft der Arbeiterklasse und riefen die Arbeiter aller Länder zur Beendigung des Krieges, zur Weltrevolution, zum Sturz des Kapitalismus auf. Wie ein helles Licht strahlte die russische Revolution über die dunkle Erde, aus Zerstörung und Sklaverei des Krieges den Weg zur kommunistischen Zukunft weisend. Und überall fand ihre Stimme Widerhall, vor allem auch unter den Jüngeren. Überall organisierten sich kleinere oder grössere Gruppen zu Kommunistischen Parteien; die grossen Massen aber blieben, noch zögernd und ungläubig, unsicher angesichts des breiten Schmähfeldzuges der bürgerlichen und sozialistischen Presse, im Gefühl der eigenen Schwäche sich an ihre alten Organisationen festklammernd, passiv — in leiser Erwartung eines «vielleicht doch».

Es war eine neue Lehre, ein neues Ideensystem, eine neue Taktik, die von Rußland aus, das die Führung der Weltrevolution antrat, als Kommunismus propagiert und mit der Propagandamacht einer Regierung (damals etwas Neues) in die Welt getragen wurde. Sie [die russische Regierung] berief sich auf die Marxsche Theorie über den Klassenkampf der Arbeiter als Hebel der Revolution zum Umsturz des Kapitalismus. Nach aussen dokumentierte sie dies zum Beispiel durch die Errichtung eines Marx-Engels-Instituts in Moskau, eines Instituts, das sorgfältig und voller Pietät alle Schriften und Traditionen jener Vorläufer sammelte und veröffentlichte. Der Kampf, zu dem man aufrief, war ein Kampf gegen das Weltkapital, das vor allem in England und Amerika konzentriert war und alle Völker in allen Erdteilen ausbeutete. Das war nicht nur ein Anliegen der Industriearbeiter Europas, sondern ebensosehr der unterdrückten Vöiker in Asien und anderen Kolonialländern. Es war ein Krieg, der wie jeder Krieg nur durch Organisation, Konzentration der Kräfte und gute Disziplin gewonnen werden konnte. In den — bald zur Dritten Internationale vereinigten — Kommunistischen Parteien, die die besten Kräfte, die fähigsten Köpfe und feurigsten Kämpfer umfassten, waren die Kerntruppen und der Generalstab fur diesen Krieg vereinigt. Wie sie [die Kommunistische Partei] in Rußland die Macht erobert hatte, so sollte es auch in anderen Ländern geschehen, nämlich indem die Massen ihr vertrauen und folgen, auf ihren Aufruf sich erheben und unter ihrer Führung die kapitalistischen Regierungen angreifen. Wenn die Krise, das heisst die Katastrophe des Kapitalismus, drängt, kann man nicht zuwarten, bis alle Arbeiter bewusste Kommunisten geworden sind, denn das hiesse die Revolution um noch eine Generation hinauszögern. Es ist dies auch nicht nötig. Wenn die Massen nur überzeugt werden, daß der Kommunismus die Rettung ist, und wenn sie die Kommunistische Partei ans Ruder bringen, wird diese die neue Ordnung schon herstellen, wie sie es auch in Rußland gemacht habe. Dafur war neben einer völligen Hingabe bei den einen eine strikte Disziplin bei den anderen notwendig: sowohl innerhalb der Partei seitens der Mitglieder gegenüber den Führern als auch ausserhalb der Partei seitens der Massen gegenüber der Partei. Die Diktatur des Proletariats, von der Marx seinerzeit als von einem Übergangsstadium gesprochen hatte, konnte nur in Form der Diktatur der Kommunistischen Partei als Vertreterin und Führerin der Arbeiterklasse zur Wirklichkeit werden.

Diese Abart der kommunistischen Lehre zeigt deutlich ihren Ursprung aus den russischen Verhältnissen. Es gab dort nur schwache Ansätze einer Industrie sowie einer Bourgeoisie, und die kleine, noch unentwickelte Arbeiterklasse hatte einen verrotteten asiatischen Despotismus zu stürzen. In Westeuropa und Amerika aber stand eine zahlenmässig starke, gereifte Arbeiterklasse, die durch eine hochentwickelte Industrie geschuit war, einer mächtigen Bourgeoisie gegenüber, die über alle Hilfsquellen der Weit verfügte. So ist es verständlich, daß unter den kommunistischen Gruppen im übrigen Europa diese Lehre der Parteidiktatur und des blinden Gehorsams einen starken Widerstand hervorrief. Aber diese Gruppen hatten keine Macht: in Deutschland wurde die Revolution niedergeschlagen. Sie [die linken Kommunisten] wurden aus der Partei ausgestoßen. An ihre Stelle traten sozialistische Kontingente. Diese wurden dadurch zum Anschluß gewonnen, daß die Kommunistische Partei den Parlamentarismus, die Beteiligung an den Wahlen und die Unterstützung der Gewerkschaften in ihr Programm aufnahm, um den herrschenden Auffassungen der Arbeiter entgegenzukommen. Auch die Bedrohung des bolschewistischen Rußlands durch die kapitalistischen Sieger des Weltkrieges veranlaßte die bolschewistischen Führer, in den westeuropäischen Arbeiterorganisationen durch eine in radikale Parolen gehüllte opportunistische Politik Unterstützung zu suchen.

Auf diese Weise wurde die Losung "Weltrevolution" zu einer Phrase. Die russischen Führer stellten sich die Weltrevolution auf Grund ihrer eigenen Erfahrung als eine Ausbreitung der russischen Revolution vor. Sie kannten den Kapitalismus nur so, wie er in Rußland aufgetreten war, als eine Art Kolonialkapitalismus, als ausländisches Kapital, das die Profite fortschleppt und das Land verarmen läßt. Sie kannten den Kapitalismus nicht so, wie man ihn in Westeuropa und Amerika erlebt: als die große organisierende Macht, die Reichtümer produziert und die Keime einer neuen, reicheren Welt bildet. Sie kannten nicht die gewaltige, in der Gesellschaft selbst verwurzelte Macht der Bourgeoisie, gegen welche alle taktische Fähigkeit einer disziplinierten Partei von hingebungsvollen Revolutionären machtlos ist. Sie kannten ebensowenig die Kraftquellen, die im modernen Proletariat liegen, in der Verbindung von selbständiger Individualität und Massen-organisation. Es war somit ein unnatürlicher Zustand, daß in der kommunistischen Dritten Internationale Rußland die Führung über die Arbeiter der großkapitalistischen Länder übernahm. Das soeben aus asiatisch-bäurischer Barbarei erwachende Rußland stand erst am Beginn einer industriellen Entwicklung. Westeuropa hingegen stand an deren Ende und vor der Frage des Übergangs zu einer höheren Produktionsweise. In Rußland kannte man weder die Probleme noch das Denken und das Gefühlsleben der modernen Arbeiterklasse, wie sich diese unter dem Großkapitalismus gebildet hatten. Daher die groben Formen massiver, lärmender Propaganda, die primitiv-barbarischen Methoden der Parteidiktatur mit ihrem geistigen, mitunter auch physischen Terror.

Das Wesen der russischen Revolution wird darum von Asien her betrachtet noch deutlicher erkennbar als aus europäischer Sicht. Das alte Rußland, ein Riesenvolk von hundert Millionen Bauern, denen ihr Dorf die Welt, denen der Staat nur ein entfernter, sich um ihre Höfe wenig kümmernder Despotismus war, hatte der asiatischen Welt wirtschaftlich immer nähergestanden als dem bürgerlichen Europa. Die russische Revolution bedeutete die Befreiung dieser Bauernmasse von der Ausbeutung durch das westeuropäische Kapital. So wurde sie ein Vorbild für alle asiatischen Völker, die, entweder unmittelbar in den Kolonien oder mittelbar (nämlich wenn sie quasi unabhängigen Herrschern unterstanden) durch dasselbe Kapital ausgebeutet wurden. Der russische Kommunismus ergriff denn auch bewusst die Führung im Befreiungskampf der orientalischen Völker. Seine Aufrufe zur Weltrevolution waren hier somit Appelle zum Kampf gegen den räuberischen westlichen, insbesondere den englischen Kapitalismus, um diesem von zwei Seiten zugleich einzuheizen und ihn zu schwächen. Und weit und breit, in China und in Persien, in Britisch- und Niederländisch-Indien, bis hin nach Afrika fanden diese Anrufe ein Echo. Überall bildeten sich dort Kommunistische Parteien aus radikalen Intellektuellen zusammen mit gegen die Grundbesitzer revoltierenden Bauern sowie Kulis und Fabrikarbeitern in den Städten, die in Streiks zur Organisation gelangten. Für diese Hunderte von Millionen Asiaten wurde der Kommunismus zur Botschaft der Befreiung aus Unterdrückung und Elend. Denn Wesen und Bedeutung des Kampfes waren in allen diesen Ländern die gleichen wie in Rußland: Es galt, den Weg zu bereiten für eine moderne Entwicklung, für Industrialisierung, unter Umständen (zum Beispiel in China) Hand in Hand mit einer emporsteigenden Bourgeoisie.

So übernahm der Kampf der Dritten Internationale die Aufgaben einer bürgerlichen Revolution und erhieit auch in vieler Hinsicht den Charakter einer bürgerlichen Revolution. Daher auch die Wichtigkeit der grossen Führer, die Taktik der Verschwörung, der Anschläge und bewaffneten Aufstände, daher auch so viel — die kommunistischen Grundsätze verletzender — Opportunismus; alles das in völligem Gegensatz zum Charakter des modernen Proletariats und der proletarischen Revolution. Doch fanden auch jene Züge bei den europäischen und amerikanischen Arbeitern ein Echo. Denn sie appellierten an die Tradition der alten bürgerlichen Revolutionen: Namen und Losungen der Französischen Revolution wurden ins Gedätchtnis gerufen als Erinnerungen an die grossen kraftvollen Zeiten, die sich so sehr von der späteren schlappen Passivität abhoben. Aber dadurch wurde die kleinbürgerliche Denkweise bei den Arbeitern stark gefördert. Der Parteikommunismus wurde auf solche Weise noch mehr zu einen venalteten Ideologie, die mit scheinbar kräftiger revolutionärer Sprache die Arbeiterklasse für ihre wirkliche Aufgabe machtlos machte.

Entscheidend für diese Entartung war aber die Entwicklung in Rußland selbst. Schon 1918-1919, während den ersten grossen Aufrufe zur Weltrevolution der Befreiung der Arbeiter, war — was man in Westeuropa nicht wusste — als erster Schritt jener Entwicklung in den russischen Fabriken die Herrschaft der Direktoren über die Arbeiter wiederhergestellt worden. Noch grössen wurde der Gegensatz, als in den folgenden Jahren den Staatskapitalismus festere Gestalt annahm und als in den schnellen planpolitischen Entwicklung eine Bürokratie technischen und politischen Führer zu einer neuen herrschenden Klasse, der Herrin über den gesamten Produktionsapparat, heranwuchs. Während die Propaganda noch immer mit dem «Vaterland der Arbeiter» hausierte und man nach wie von den Kommunismus im Munde führte, waren die Arbeiter in Rußland zu einer unterworfenen, ausgebeuteten Klasse geworden. Wie in Westeuropa vor einem Jahnhundert, als dort die Industrie aufkam, seufzten die Arbeiter im bolschewistischen Rußland unter dem Joch niedriger Löhne, schlechten Arbeits-bedingungen und miserablen Lebensumstände. Sie hatten ausserdem keine Bewegungs-freiheit, keine Möglichkeit einer Organisation, kein Recht den freien Meinungsäusserung, keine eigene Presse, somit keine Möglichkeit, sich durch Kampf gegen die neuen Herren emporzuarbeiten. Der Staatskapitalismus in Rußland bedeutete für die Arbeiter eine schwerere Sklaverei als der alte Kapitalismus in Westeuropa.

Das ganze Wirken der Kommunistischen Parteien wurde darum von einer inneren Lüge beherrscht. Diese Parteien waren zu Werkzeugen geworden, denen sich der russische Staat gegenüber anderen Regierungen bediente. Wohl konnten sie durch ihre heftigen Maulfechtereien gegen das Kapital, anders als die zu wülfährigen Dienern des Kapitals gewordenen Sozialdemokraten, aufständische Massen und von allem die junge Generation mitreissen, um so mehr, als sie uber einen grosszügigen Apparat organisierten Propaganda verfügten, den sich auf ansehnliche Geldmittel stützte. Alles was in dem durch Krisen erschütterten Westeuropa, von allem in Deutschland, an spontanem Widerstand in den Massen aufkam, alle revolutionäre Begeisterung jungen Kämpfer verstand die KP durch solchen Gebrauch kräftigen Losungen aufzufangen und an sich zu reissen. Aber nur, um jene Begeisterung in opportunistischem parlamentarischem Schwindel zu vergeuden, manchmal im Bunde mit anderen Parteien, manchmal gegen sie, in zwecklosen und ergebnislosen Parteiaktionen, mit denen immer wieder zahllose Anhänger ernüchtert, enttäuscht und tief entmutigt abgestossen wurden. Die Lehren, welche die KP unter dem Namen des Marxismus verbreitete, waren eine Parodie auf den wirklichen Marxismus — ähnlich, wie diese [auf dem Boden eines hochentwickelten Kapitalismus und eines entwickelten Kampfes den Arbeiterklasse entstandene] Wissenschaft in den dem asiatischen Despotismus unterworfenen Steppe nun verzernt in Erscheinung treten konnte. Bürgerlicher Atheismus war Hauptbestandteil der Doktrin, Parteiherrschaft das Ziel, blinder Gehorsam gegenüber den Diktatur von oben höchstes Gebot. Ziel der Propaganda war nicht, die Arbeiter zu selbständig denkenden Menschen zu erziehen, die fähig wären, durch eigene Einsicht ihne Welt zu bauen, sondern sie zu gläubigen Gefolgsleuten zu machen, die bereit sein sollten, die Parteiführer zur Herrschaft zu bringen.

So verlosch das Licht, das einen Augenblick lang über den Welt gestrahlt hatte. Die Zahllosen, die es zuerst jubelnd begrüsst hatten, blieben verzweifelt in einen durch die zeitweise Blendung noch schwarzer wirkenden Dunkelheit zurück. Entweder wandten sie sich entmutigt von jedem Kampf ab oder sie nangen, nach einem neuen Ausweg suchend, weiten. Wie den Ausbruch der russischen Revolution zunächst den Kräften den Arbeiter einen starken Auftrieb gegeben hatte, so ist ihre weitere Entwicklung zum Staatskapitalismus unten Parteidiktatur — mittels den von der russischen Partei beherrschten anderen Kommunistischen Parteien — für die Arbeiterbewegung verhängnisvoll geworden. Alle ihre Anhänger, die, statt sich selbst geistig anzustrengen, den leichteren Weg des gedankenlosen Nachbetens wählten, die sich nicht durch kritische Einsicht, sondern durch das Strohfeuer leidenschaftlichen Losungen leiten liessen — oft aus Machtgier, um den kleinen Führer zu spielen — haben dazu [zu der verhängnisvollen Entwicklung] beigetragen. Sie hat den Namen des Kommunismus geschändet, dadurch daß dieser Name, den fur die Arbeiter das Höchste eines Zukunftsideals bedeutete, mit einem despotischen Regierungssystem und seinen grausamen Unterdrückungsmethoden verbunden wurde. Allen Feinden der Arbeiterklasse, folglich auch des Kommunismus, wurden so bequeme Argumente und Gründe zu ihren Bekämpfung verschafft. Der Name Kommunismus wurde auch zahllosen Arbeitern verhasst, die sich nunmehr dem Ruf der Befreiung verschlossen.

Aus einer begeisternden Idee ist der Kommunismus in den Händen der Kommunistischen Partei zu einer verderblichen Ideologie gewurden. Weil die Partei in den Jahren schlimmster kapitalistischen Entartung diesen Namen für sich beanspruchte, verhinderte sie die notwendige Neuorientierung der Arbeiterklasse. Indem sie das eigene Denken und das selbständige Wachsen organisierter Selbsttätigkeit unterdrückte, indem sie sklavische Unterwerfung zum Vorbild enhob, indem sie die besten Kämpfer, sobald sich diese um eigenes, von dem ihnigen abweichendes Urteil bildeten, hinauswarf und verfolgte, hat die Partei in den paar Dutzend Jahren nach dem Weltkrieg jedes Wachstum einen wirklich selbständigen Arbeitermacht verhindert. Indem sie zur Krankheit, zum Laster den Unselbständigkeit erzog, die abzuschütteln unumgänglich ist, damit sich die Arbeiter befreien, ist sie zu denen schlimmstem Feind geworden. Sie hat die Einsicht der Arbeiter verdunkelt und ihr Gefühlsleben vergiftet, indem sie alle für einen revolutionären Klassenkampf der Arbeiter natürlichen und notwendigen Impulse in ihn Gegenteil verkehrte: die neue Erkenntnis des Selbstdenkens in das Nachplappern von klangvollen Losungen, in Autoritätsgläubigkeit; die Einheit des Handelns und die Disziplin gegenüber der Gemeinschaft in einen gedankenlosen Gehorsam gegenüber Befehlen von oben; die starke, auf kritischer Erkenntnis beruhende Überzeugung in blinden Fanatismus; den geistigen Kampf von Klassengenossen, den zur Klärung notwendig ist, in vernunftwidrigen Parteihass und Parteihader. Sie hat den Arbeitern eingeprägt, die Partei über die Klasse zu stellen und höher zu bewerten, sie hat ihnen eingeprägt, ihre Klassengenossen als Feinde anzusehen, die unterworfen oder unschädlich gemacht werden müssen — oft mittels physischen Gewalt durch eigens dafür gebildete Kampfverbände, für die der Kommunismus kaum mehr bedeutete als die Pflicht, auf Befehl ihrer Führer den Feinden diesen Führen, selbständig denkenden Arbeitern, den Schädel einzuschlagen und sich mit konkurrierenden anderen Parteiverbänden, von allem nationalistischen, in Strassen-kämpfen herumzuschlagen — und die, als sich die anderen als die stärkeren erwiesen, vielfach zu diesen überliefen. Durch ihre eigenen Taten, ihre eigene Praxis hat die Kommunistische Partei einen sehr erheblichen Beitrag zur Vorbereitung des Sieges der faschistischen Diktatur geliefert.

Anmerkungen:

Aus:
P. Aartsz [Pseudonym von A. Pannekoek], De Arbeidersraden, Amsterdam 1946, S. 155-162. — Der ausgewählte Text, dessen Titel der Hrsg. des vorliegenden Bandes einem Satz Pannekoeks entlehnte, bildet den Schlussteil des 3. Kapitels des Buches. — In einer Ausgabe in zwei Banden, die übrigens mit der hier gebrauchten identisch ist, steht der Text in Bd. II auf S. 61ff. — Infolge des fahrlässigen Stils des Originals waren einige Erläuterungen (in eckigen Klammern) notwendig.

Wie im Vorwort mitgeteilt wird, wurde das Buch in den Jahren 1941-1942 geschrieben (mit Ausnahme des 5. Kapitels, das 1944 entstand). Dieser Umstand macht es verständlich, daß Pannekoek, wenn er vom «Weltkrieg» spricht, den Ersten meint. — Eine englische Übersetzung («Workers’ Councils») erschien unter dem Namen des Verfassers 1950 in Melbourne.

Originaltext: http://www.left-dis.nl/d/aprurev.htm


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