Interview mit Teniente Coronel Insurgente Moisés: "Wir sind keine Anführer!" (2007)

Die EZLN bemüht sich neben der landesweiten außerparlamentarischen Organisierung antikapitalistischer Kräfte, die seit Sommer 2005 über die "Andere Kampagne" (span.: "La Otra Campaña") in ganz Mexiko mobilisiert werden, auch um die Schaffung internationaler Räume, um emanzipatorische Widerstände weltweit zu stärken. Im Sommer 2005 hat die EZLN die "Sechste Deklaration aus der Selva Lacandona" publiziert, die dem neoliberalen Wirtschaftssystem sowohl in Mexiko als auch weltweit massiven Widerstand ankündigte. Wie hat die internationale Öffentlichkeit reagiert, gibt es viele UnterstützerInnen des Aufrufs auf internationalem Niveau?

Es gibt viele. Auf dem Treffen der zapatistischen Gemeinden mit den Völkern der Welt im Januar 2007 in Oventic, Chiapas, waren mehr als 3.000 UnterstützerInnen anwesend. Und es schließen sich immer mehr Compañeros und Compañeras an. Auf dem amerikanischen Kontinent gibt es am meisten UnterstützerInnen in Argentinien und danach in den USA. Es gibt in Lateinamerika kein Land, in dem es keine UnterstützerInnen gibt. Manchmal sind es wenige, aber es gibt sie. In Europa gibt es ebenfalls viele UnterstützerInnen - auch in Afrika und Asien, doch hier müssen wir klar sagen, dass es sehr wenige sind.


Wie weit ist die konkrete Vorbereitung des neuen "Intergaláctico" - des weltweiten Treffens gegen Neoliberalismus und für die Menschheit - fortgeschritten? 1996 und 1997 hatte es ja bereits "Intergalaktische Treffen" gegeben.


Es fehlt noch immer an der Verbreitung der Sechsten Deklaration und vor allem der Idee des neuen "Intergaláctico". Dies ist uns noch mehr aufgefallen, als wir nach Oventic kamen. Die Erkenntnis, dass wir die Organisierung Schritt für Schritt voranbringen müssen, entnehmen wir der Mobilisierung der "Anderen Kampagne" in Mexiko. Wir sehen, dass das Zuhören, die Verbreitung, die Diskussion und die Organisierung noch fehlen. Das ist uns aufgefallen - weltweit. Es fehlt noch, dass wir alle mit unseren Geschwistern reden und ihnen zuhören. Themen wären z.B.: Wie lebt man in jedem Land? Was sind die Probleme? Was sollten wir unternehmen angesichts all der Probleme, unter denen wir in jedem Land und auf jedem Kontinent leiden? Welche Ideen gibt es? Wie werden wir uns organisieren? Wir denken, all das muss wirklich von den Brüdern und Schwestern von unten ausgehen.

Hier ist sehr interessant, dass wir sehen, was in Mexiko bei der Mobilisierung der "Anderen Kampagne" passiert. Diese Kampagne animiert die Leute, denn sie werden einbezogen - durch das, was sie sagen, wie sie die Dinge sehen und was sie spüren. Darum denken wir, dass für das Intergalaktischen Treffen viel auf diese Weise gearbeitet werden muss.


Eine Zusammenkunft dieser Größenordnung ist ja schwierig zu organisieren...

Viele der Compañeros, die uns unterstützen, haben gesagt, dass ein Netz aufgebaut werden muss. Doch es wurde nicht konkret diskutiert, was seine Arbeit ist. Es gibt die Idee Netzwerk - aber wie soll die Organisierung sein? Wer wird in den verschiedenen Kontinenten welche Aufgaben auf sich nehmen? Worin besteht die Arbeit? Ist es Video, Zeitung, ist es das gesprochene Wort oder was? Es muss darüber nachgedacht werden, was die konkrete Arbeit des Netzwerks ist. Die EZLN wird das nicht bestimmen. Wir müssen uns auf allen Kontinenten und in allen Ländern zuhören und das wirklich nach unten tragen. Denn uns dominieren die Medien. Daher müssen wir die Frage nach unten tragen, um zu verstehen, was wir unternehmen müssen.

Wir denken: Ja, im Kontext des Intergaláctico muss mehr gearbeitet werden, ja, es muss mehr nachgedacht werden, ja, es muss sich mehr organisiert werden.

Um ein anderes Beispiel zu geben: Was werden wir mit unseren Brüdern und Schwestern aus Afrika machen? Sie sind dermaßen am Arsch wie die Leute in Zentralamerika. Sie können nicht zu einem Treffen kommen. Wie kann ihr Denken, ihre Idee, ihr Wort ankommen? Wie können wir dafür sorgen, dass ein Unterstützer aus Afrika kommen und seine Idee präsentieren kann? Und dort in Afrika muss man sich auch organisieren, damit eine Person kommt und die Idee, das Denken und das Gefühl mitbringt. Wenn das Treffen dann irgendwann stattfindet, muss das Empfinden der Bevölkerung wirklich gut dort hineingetragen werden.


Was sind die Vorschläge der internationalen UnterstützerInnen?

Die Vorschläge hängen von den Diskussionen ab, die vor Ort geführt werden, in jedem Kontinent. Wie leben die Menschen, worunter leiden sie und was ist ihre Idee, wie wollen sie vor Ort kämpfen? Wie wollen sie dort auf Konfrontationskurs gehen? Und dabei wirklich zu bedenken, dass - wenn man anfängt, sich zu organisieren - der Feind nicht von einem ablässt. Auf unserer Internetseite gibt es eine lange Liste der konkreten Vorschläge.


Was unternimmt die EZLN im Kontext des neuen Intergalactico?


Es ist unsere Aufgabe, Mexiko und die Welt wachzurütteln. Dabei geht es keineswegs um ein Dirigieren. Denn wir sind der Überzeugung, dass die Bevölkerung und die Armen genauso zu denken wissen. In Mexiko gibt es viele Anführer, aber diese Leute sind von oben eingesetzt worden. Wir sagen, genau das ist das Problem. Wir wollen keine Anführer sein. Wir sind nur Repräsentanten. Und wenn wir Repräsentanten sagen, meinen wir, dass das, was ich z.B. jetzt sage, das ist, was unsere Compañeros sagen. Ich mache das nicht, weil ich ein Anführer bin.

Sehr oft sagen die Anführer "Meine Leute..." Aber wir sagen, das ist, als würden wir sagen, mein Pferd, mein Huhn, meine Kuh. Nein! Unsere Brüder und Compañeros sind Compañeros. Es sind diese Anführer, die es der Bevölkerung so beibringen. Diese Geschichte ist Jahrhunderte alt. Dadurch konnten sie dominieren und kontrollieren und all die Scheiße durchsetzen, die sie machen. Man darf nicht mehr auf das hören, was diese Anführer sagen.

Also sagen wir der Bevölkerung, macht euch die Lügen und die Betrügereien klar. Was sie wollen, ist lediglich Macht und Geld.

Es sollte weiter diskutiert und darüber nachgedacht werden, wie wir das intergalaktische Treffen gegen den Kapitalismus gestalten. Wir werden die verschiedenen Ideen respektieren, die sich gegen den Kapitalismus wenden. Es können verschiedene Vorstellungen dabei herauskommen. Es geht darum, viele Vorschläge zu präsentieren. Wenn wir uns alle untereinander zuhören, werden wir feststellen, welches die beste Idee die ist, die uns alle überzeugt.


Seit Jahren gibt es viele Gruppierungen, die sich mit den Zapatistas solidarisieren und sich tatsächlich international vernetzen. Was sind die bisherigen Errungenschaften, es gab ja durchaus einen Austausch bei den ersten beiden "Intergalácticos"...


Natürlich, das ist eine gute Erfahrung, die uns hilft zu verstehen, wie unser aller Leben ist. Dank dieser Erfahrungen verstehen wir, was wir tun müssen. Das nächste intergalaktische Treffen darf jedoch nicht nur einfach eine weitere Versammlung sein. Dort müssen wirkliche Vorschläge kommen und diese müssen dann alle wieder mitnehmen. Denn wir werden beim Intergalactico nichts entscheiden. Das müssen wir in unsere Gemeinden, an unsere Basis tragen, damit wirklich dort mit der Bevölkerung entschieden wird, was wir machen werden.
Wir glauben, wenn wir das machen, wird unser Volk das verstehen, es wird sagen - einverstanden -, denn sie kommen ja, um mich zu fragen, mich zu konsultieren.

Es gab viele Foren gegen die Globalisierung. Die ersten haben zu Ergebnissen geführt, denn es gab Bewegungen, die die Bevölkerung zu einer Erhebung gebracht haben. Aber später war das nicht mehr so. Es gab nur noch Versammlungen, mehr nicht. Und es wurde nicht nach unten vermittelt. Die Bevölkerung erhebt sich also nicht. Hier sagen wir, wir müssen nach unten gehen und mit der Bevölkerung sprechen, diskutieren und nachdenken, was wir unternehmen werden.

Wir müssen wirklich darüber reden, was passiert ist, damit sich diese Erfahrung nicht wiederholt. Wie können wir das verbessern? Wie können wir das reorganisieren, um es möglichst gut voranzutreiben? Darum geht es. Weil es nicht funktioniert hat.

Das ist dieselbe Problematik wie beim "Marsch von der Farbe der Erde" [eine mehrwöchige Mobilisierung der EZLN zur Durchsetzung der indigenen Rechte Anfang 2001 in Mexiko, Anm.d.A.]. Die Leute sind auf die Straße gegangen. Aber es fehlte die Organisierung - eben das, was wir jetzt machen. Und wir denken, dass wir das auch auf internationaler Ebene machen sollten.


Habt Ihr eine Botschaft an die internationalen UnterstützerInnen der Sechsten Deklaration?


Wir wollen unseren Compañeros und Compañeras, unseren solidarischen Brüdern und Schwestern, wirklich das sagen, was schon in Oventic gesagt wurde: Danke! Unsere Autonomie hätten wir in jedem Fall aufgebaut, trotz all der Paramilitärs, jedoch mit mehr Schwierigkeiten.

Was man verstehen muss, ist, dass es nicht ausreicht, sich nur zur solidarisieren, sondern dass es jetzt darum geht, sich politisch zu organisieren; um den Wechsel durchzuführen, den man ja will, wo unsere Welt so ungerecht lebt, und das ist, was wir wirklich machen müssen.

Jetzt geht es also nicht um Solidarität, sondern darum, gemeinsam daran zu arbeiten, was wir machen werden und wie wir es machen werden, ohne dabei die anderen Arbeiten zu unterlassen.

Wir hätten gerne, dass verstanden wird, dass das Intergalaktische Treffen immer noch nicht ausreichend vorbereitet ist. Das Treffen, das jetzt noch durchgeführt wird, ist das Treffen der zapatistischen Gemeinschaften mit den Völkern der Welt Ende Juli 2007 und das wir hoffentlich realisieren können. Dies wird vor allem dazu dienen, die Arbeit der Autonomen Rebellischen Landkreise und der Juntas der Guten Regierung zu demonstrieren.

Dies ist noch nicht das Intergalaktische Treffen. Es ist noch immer notwenig, dazu mehr zu arbeiten. Wir beharren sehr darauf, denn wir sprechen ja über die Welt, auf internationalem Niveau. Das ist ja nicht dasselbe, wie von einem einzigen Land zu sprechen.

Wir sagen das, weil wir sehen, dass hier in Mexiko zuwenig dazu gearbeitet wird und sich zugehört wird, daher denken wir, dass es in der Welt auch so ist. Es ist immer noch notwendig, die Information weiter nach unten zu vermitteln.


Was ist 2007 das Ziel der zapatistischen Bewegung?


Es ist unser Ziel, dass wir da hinkommen, uns wirklich zu organisieren, um uns vom Neoliberalismus zu befreien. Dazu müssen wir verstehen - wie es die Sechste Erklärung sagt -, dass z.B. das Land denen gehört, die es bearbeiten, genauso muss gesagt werden, dass die Fabriken denen gehören, die dort arbeiten.
Wenn dies nicht erreicht wird, wird es niemals die drei Worte geben: Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit. Es kann einige kleine Wechsel geben, aber mehr nicht. Es geht darum, zu verstehen, was die Demokratie ist. Soweit wir es verstanden haben, kommt es bei der Demokratie auf den Alltag an. Und es ist die Bevölkerung, die sie ausüben muss, nicht eine einzelne Gruppe.

Interview: Luz Kerkeling

Originaltext: http://www.chiapas.at/ezln/keine_anfuehrer.htm


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