Konsens gegen sexuelle Gewalt

„Bei einem One-Night-Stand habe ich einmal einen asthmatischen Anfall gekriegt, weil mein Bettpartner eine Katze hatte und ich allergisch bin. Er dachte ich wäre so angetörnt – dabei bin ich fast erstickt.“

Dies stand vor ein paar Wochen in einer Kolumne im Blick am Abend. Ein doofer Unfall? Die allergische Reaktion sicher, alles weitere nicht. Wie ist das überhaupt passiert? Zwei finden sich und einigen sich auf einen One-Night-Stand, sie gehen zu ihm, wo sie einen allergischen Anfall bekommt. Er denkt nicht weiter darüber nach und denkt sie sei einfach angetörnt – während sie daneben fast erstickt. Was jetzt folgt geht definitiv unter die Kategorie Grenzüberschreitung: Ohne dass sie ihre Zustimmung gegeben hat, fährt er mit dem One-Night-Stand-Prozedere weiter. Im Interesse am guten Sex stellt sich hier folgende Frage: Wie können solche Grenzüberschreitungen vermieden werden, bevor sie passiert sind? So dass es nicht erst danach (also zu spät) heisst: „Oh, sorry, das habe ich nicht gewusst/gespürt/gemerkt!“?

Die Antwort führt hier über einen positiven Sexualitätsbegriff. Und hier kommt der Konsens ins Spiel – Was für viele selbstverständlich in der Politarbeit ist, sollte auch zwischen zwei Menschen im Privaten selbstverständlich werden: Es geschieht nichts ohne das freiwillige und ausdrückliche Einverständnis aller Beteiligten.

Informierter Konsens ist der einzige Weg, damit keine Situation entsteht über die eine der beteiligten Personen nachher sagen muss, dass ihr dies nicht gefallen hat / dass dies gegen ihren Willen geschehen ist / dass sie dies als sexualisierte Gewalt erfahren hat. Die Grundüberlegung dazu ist folgende: Nicht die Person, für die die Situation irgendwie nicht stimmt (im schlimmsten Fall: das Opfer), muss sich rechtfertigen, sondern diejenige die „einfach“ gemacht hat. Es geht also von „Nein heisst Nein“, eine eindeutige Botschaft die immer (auch ohne Erklärungen) zu akzeptieren ist, zu „Nur Ja heisst Ja.“ Wie das Beispiel am Anfang zeigt sind rein körperliche Signale extrem unzuverlässig, denn nicht nur eine allergische Reaktion kann gleich aussehen, sondern auch eine stress- oder angstbedingte Reaktion – und hier wird es richtig übel!

Das heisst aber auch, dass nur eine klare gesprochene Zustimmung als Ja gilt. Kein Ja (also Nein) ist z.B.:

  • „Nicht jetzt!“
  • „Vielleicht später“
  • „Ich bin nicht sicher“
  • „Ich wäre jetzt lieber alleine“
  • „Fass mich nicht an!“
  • „Ich mag dich wirklich, aber...“
  • „Lass uns einfach schlafen“
  • „Du bist / ich bin betrunken“


Ebenfalls nicht als Ja gelten z.B. folgende Situationen:

  • Gestern war es auch okay
  • Ich darf ihr/ihm unter die Kleider, da er/sie mit mir rumknutscht


Bei solchen Situationen einfach nachfragen und du weisst woran du bist... Die ganze Situation kann mit einer Am-pel beschrieben werden: Grün und rot ist klar: „Los!“ und „Stop!“ Was aber ist wenn die Ampel orange ist? Oder wenn die Ampel ausfällt? Heisst „nicht rot“ dann „einfach über die Kreuzung rasen“? Oder die Situation überprüfen und sicher gehen?

Einwände gegen diese Umgangsform sind – neben „Ich verstehe ihn/sie auch ohne Worte“ (siehe oben...) – „Reden macht alles kaputt“ und „Der Mann muss immer fragen“.

Macht Reden wirklich alles kaputt? Ist es wirklich schlecht für guten Sex wenn beide wissen, was der/die andere will, wo seine/ihre Grenzen und Ängste sind? Wenn du darüber nachdenkst: Nimmst du eine mehr oder weniger üble Grenzüberschreitung in Kauf, nur dass du dann (wenn überhaupt) schlechten Sex hast? Verdirbst du es dir lieber mit der Person mit der du gerade rummachst, bekommst du lieber eine Ohrfeige, statt vielleicht „nur“ rumzuknutschen?

Dass der Mann immer fragen muss, ist auch nicht richtig, es sollte diejenige Person fragen, die den nächsten Schritt machen will. Auch Männer haben schon Situationen erlebt, in denen sie sich nicht wohl gefühlt haben, in denen es zu schnell ging / es irgendwie nicht gepasst hat. Nur fällt es vielen Männern wahrscheinlich noch schwerer darüber zu sprechen, als vielen Frauen, da im Männerbild unserer Gesellschaft ein „richtiger“ Mann sowieso immer Sex wollen muss.

Die ganze Konsensgeschichte richtet sich also überhaupt nicht gegen Sex als solches, im Gegenteil! Es geht darum, vielen – Männern und Frauen – schlechte oder gar übelste Erfahrungen zu ersparen; Es geht darum, dass der Sex für beide gut ist.

Frei nach dem Motto: Love Sex – Have Sex – Hate Sexism!

Aus: di schwarzi chatz Nr. 3, Nov. / Dez. 2009 (FAU Bern)


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