Flausch und Schmerzen - Wochenendreflektion

Hinter mir liegt ein aufregendes Wochenende in St. Georgen. Die Falken Stuttgart und Pforzheim hatten gemeinsam ein Seminarwochenende zum Thema Körper – Geschlecht – Kapitalismus organisiert. Ich war Teil der Vorbereitungsgruppe und hielt selbst einen Workshop. Wir haben versucht, eine Infrastruktur zu schaffen, in der möglichst vielen Teilnehmer_innen möglichst viel (sicherer) Raum gegeben werden konnte: Es gab ein Medienzimmer mit Büchern, Podcasts und Zines, in das man sich zurückziehen konnte, wenn man ein bisschen Ruhe wollte, es gab einen Frauen_Lesben_Trans*-Raum, der von der Gruppe als solcher respektiert wurde und ein Awarenessteam1. Eine Gruppe hatte am Freitag das meist warme, vegane Essen vorbereitet und vorgekocht, sodass im Laufe des Wochenendes nicht mehr ganz soviel Küchenarbeit anfiel. Für die nichtvegane Ernährung gab es morgens Käse und Wurst aufs Brötchen. Aufgaben wie Spülen, Putzen, Wischen oder Tisch decken übernahmen die Teilnehmer_innen gemeinsam und ich hatte den Eindruck, dass sich alle dafür verantwortlich fühlten und jede_r da anpackte, wo sie_er konnte. Gleich zur Begrüßung stellten wir das Definitionsmacht-Konzept vor und erklärten, warum wir uns vorab dafür entschieden hatten. Es gab viel Arbeit in Kleingruppen, um einen Wettstreit der Theoriemacker_innen zu verhindern, wir klärten vorher Handzeichen und Moderationsweisen und schafften dadurch eine (für mich überraschend) hohe Qualität der Gesprächskultur.

Inhaltlich hatten wir ein dichtes Programm vorbereitet: Vorträge und Workshops und ein Forumtheater zu Alltagssexismus & Vorschläge, wie wir damit umgehen können, den Geschlechterverhältnissen bei Produktion und Reproduktion und deren Notwendigkeit für einen funktionierenden Kapitalismus, Texte zu Körper und Staat, Polyamorie und Kritik der polysexuellen Ökonomie sowie Thesen zur Romantischen Zweierbeziehung. Draußen regnete es, dadurch hielten sich die 21 Teilnehmer_innen hauptsächlich in der kleinen Hütte auf und diskutierten in der knappen Pausenzeit oder Abends bei einem Bier noch weiter.

Im Nachhinein denke ich, es ist wichtig, viel weniger Input anzubieten und viel mehr Zeit und Platz für Entspannung, Austausch und die (antisexistische) Praxis zur Theorie einzuplanen. Inhaltlich würde ich für einen nächsten Workshop (falls es ihn geben wird) auch zu Trans_Identitäten, queerer Politik, Rassismus/Whiteness und hegemonialer Männlichkeit im Alltag arbeiten wollen.

In privaten Gesprächen mit Teilnehmer_innen kam nicht nur ich zu der Feststellung, dass mehr Zeit zum Nachdenken über die vielen frisch gelernten Inhalte manche Anspannung in der Gruppe verringern könnte: Gerade wenn es um so sehr mit der eigenen Identität verschwurbelte Themen wie Geschlechterrollen und Sexismus geht, sind viele Gefühle im Spiel. Viele wollen sich äußern und ihre Erfahrungen austauschen. Wenn Zeitdruck herrscht, reagieren manche mit dominantem Verhalten, um auf jeden Fall noch gehört zu werden, andere hingegen ziehen sich zurück, weil sie die knappe Zeit nicht für sich beanspruchen wollen.

Für mich war es das erste Mal, dass ich so explizit mit Definitionsmacht gearbeitet habe. Ich habe in den (zum Glück wenigen) Situationen, in denen Grenzverletzungen verhandelt wurden, wahnsinnig viel gelernt und die Rückmeldung, die ich von den jeweils Betroffenen bekommen habe, ist sehr ermutigend, mich weiter damit auseinander zu setzen.

Alles in allem hatte ich ein wahnsinnig ermutigendes, erhellendes, lehrreiches, anstrengendes, aufwühlendes, schönes und verheißungsvolles Wochenende. Ich habe viele tolle Frauen*, Männer* und Menschen jenseits davon kennen gelernt, mich vernetzt, Erfahrungen und wertvolles Wissen ausgetauscht und Perspektiven für weitere Arbeit gewonnen.

Aber jetzt kommt noch ein Aber, das ich euch nicht ersparen möchte. Wer keine alten Erinnerungen an nicht ernst genommene Übergriffe und ähnliches triggern möchte, liest ab hier lieber nicht weiter!

Schmerzensboys reloaded?

In der gemeinsamen Reflektionsrunde am Sonntag, außerdem in Gesprächen unter vier Augen und in einer Feedback-Email äußerten sich mehrere Teilnehmer über die Atmosphäre am Wochenende. Männer* schilderten: Sie haben sich angespannt gefühlt, hatten Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun, fühlten sich durch das als aggressiv empfundene Vorstellen des Definitionsmacht-Verfahrens vorverurteilt oder als Mann unter Generalverdacht gestellt. Die Definitionsmacht am ersten Abend und während der Begrüßung zu erklären, habe einen negativen Ausblick hergestellt, stattdessen hätte man sich vorfreudig auf die schöne gemeinsame Zeit berufen sollen. Dass der Umgang mit einer Grenzüberschreitung teilweise innerhalb der ganzen Gruppe stattfand, wurde als störend und bedrückend für das Gruppenklima empfunden. Manche Männer* und eine Frau* äußerten, dass sie das gesamte Wochenende über einen Zwang zu Political correctness und zu Harmonie empfunden haben und sich dadurch nicht frei fühlen konnten.

Ein Genosse antwortete zum Ende der Reflektionsrunde auf die Schmerzensschmerzen, worüber ich sehr froh war. Er sagte (sinngemäß), dass es ein Unwohlgefühl ist, wenn das eigene Geschlecht/Gender sichtbar gemacht wird, wenn das Verhalten in der eigenen Geschlechterrolle diskutiert wird, wenn Unterdrückungsmechanismen, an denen man selbst aktiv beteiligt ist, aufgezeigt und kritisiert werden. Dass das ein Gefühl von Unfreiheit, Anspannung, Unsicherheit und vielleicht sogar Angst hervorruft, ist normal. Frauen* und genderqueere Menschen sind fast immer und fast überall in genau dieser Situation. Sie müssen jederzeit damit rechnen, dass ihr Verhalten als Geschlechterrolle wahrgenommen und ggfs. abgewertet wird. Ich füge hinzu: „Willkommen in unserer Welt.“

Wenn du mackerisch bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dein Mackerverhalten angreifen. Wenn du sexistisch handelst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere deinen Sexismus thematisieren. Wenn du Grenzen verletzt, muss es sich scheiße anfühlen, wenn die andere Person dir deine Grenzverletzung spiegelt. Wenn du ein Mann* bist, muss es sich scheiße anfühlen, wenn dir die nichtmännlichen Leute um dich rum erklären, welche Privilegien du besitzt. Wenn du breitbeinig dasitzt und mit deiner Stimme einen Raum beherrschst, muss es sich scheiße anfühlen, wenn andere dir schildern, wie ohnmächtig und verloren sie deine Dominanz machen kann.

Ich sehe keinen Sinn in der Theorie ohne die Praxis. Wenn du 8 Stunden lang zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass das Patriarchat ein fieser Misthaufen ist, dich aber freust, dass du Abends beim Bier endlich wieder normal und entspannt sein, also deine alltäglichen Privilegien wieder in Anspruch nehmen kannst, dann hast du die ganzen 8 Stunden lang kein Wort verstanden.

Wenn du zuhörst und nickst und zustimmst und diskutierst, dass radikale Solidarität mit Betroffenen ein Weg ist, Vergewaltigungsverharmlosung, Victim Blaming2 und Täterschutz zu verhindern, diesem Konzept aber im gleichen Atemzug unterstellst, dass es dich von vorneherein als Vergewaltiger abstempelt, dann hast du genauso aufmerksam zugehört wie ein Wackeldackel.

Du unterstellst, noch bevor überhaupt irgendwer irgendeiner Grenzverletzung oder eines Übergriffs beschuldigt wurde, dass die (fiktive) betroffene Person diese Beschuldigung zu Unrecht ausgesprochen haben wird. Dein Abwehrverhalten gegen die Definitionsmacht der Betroffenen zeigt vor allem dies: Du hast Angst, dass jemand dein Verhalten ihm_ihr gegenüber als Grenzverletzung einstufen könnte, ohne dass du dies geplant oder gewollt hast. Und eine Grenzverletzung, die du nicht gewollt hast, ist deiner Meinung nach gar keine Grenzverletzung, weil du nur Gutes im Sinn hast und weil du kein Vergewaltiger bist. Du glaubst, das selbst am besten zu wissen. Du sprichst der_dem Betroffenen ihre_seine Definitionsmacht, die du ihm_ihr vor ein paar Minuten noch großzügig zugestanden hast, wieder ab.

Was du stattdessen tun könntest: Dein Unwohlgefühl und deine Unsicherheit als Erfahrung wahrnehmen – du hast nun einen kleinen Blick durchs Schlüsselloch erhaschen können, wie für nicht männlich Privilegierte der Alltag aussehen kann. Dein Verhalten ganz genau überprüfen – frag dich doch mal, wie oft du Leute berührst, ohne zu wissen, ob du das darfst; wie oft du sie beschimpfst, ohne zu merken, dass du sie beschimpft hast; wie oft du ihnen ihre Subjektivität absprichst; wie oft du ihnen Raum und Zeit nimmst; wie oft du dich ihnen zu Lasten ausbreiten darfst. Deinen Umgang mit anderen radikal verändern – wenn du nicht mehr weißt, was du noch sagen kannst, ohne dass es eine_n verletzt, halt doch einfach mal die Klappe. Wenn du Angst hast, Grenzen zu überschreiten, dann hör doch einfach mal auf, Leute anzufassen. Du wirst mit der Zeit lernen, was es bedeutet, Grenzen zu respektieren.

Die Erfahrung zu machen Ich werde nicht gehört, ich bin unwichtig, meine Meinung zählt nicht soviel wie sonst, meine Sicht der Dinge ist nicht die einzige wahre, objektive Sicht, nach der sich alle richten hat noch keinem Mann* geschadet. Wir anderen haben sie schon tausendmal gemacht und machen sie jeden Tag aus Neue.

Wenn es dir ernst ist mit der Patriarchatsbekämpfung und diesem ganzen Feminismus, wenn du bis hierher gelesen hast und noch nicht vor Wut an die Decke gegangen bist, dann habe ich noch einen Ratschlag für dich: Gründe eine Männer*gruppe.

Reflektionen wie die, die ich hier geschildert habe, sind schwer. Neue Perspektiven auf den eigenen Alltag können belastend sein. Unsicherheit und Angst sind keine schönen Gefühle. Es kann sein, dass du dich nach Austausch sehnst, nach anderen, die ähnliche Erfahrungen machen wie du, und die deine Anstrengungen werschätzen. Mach nicht den Fehler, diese Austauschpartner_innen bei deinen feministischen Freundinnen oder Bekannten weiblicher Sozialisierung zu suchen. Klar bieten die sich an, sehen die doch aus erster Hand, wie toll du seit neustem deine geschlechterinkludierende3 Sprache benutzt und wie vorbildlich du dich nun um den Abwasch nach dem Plenum kümmerst. Da können die ja auch ruhig mal ein bisschen dankbar reagieren und dich beglückwünschen, denkst du. Schließlich tust du das ja um ihretwillen, oder nicht?

Nein, nicht ganz. Antisexistisches Verhalten ist eine Selbstverständlichkeit, für die sich keine Feministin der Welt bedanken muss. Wieso soll ich dankbar dafür sein, dass du mir neuerdings nicht mehr ungefragt in die Nase kneifst, mir nicht mehr das Wort abschneidest, mir nicht mehr deinen dreckigen Teller zum spülen stehen lässt? Es ist fucking selbstverständlich, mich wie einen Menschen zu behandeln.

Also, sprich mit den anderen Jungs* über deine neuen Probleme. Gemeinsam könnt ihr Strategien entwickeln, wie ihr die Feministinnen um euch herum unterstützt, wie ihr sexistische Macker in eurer Umgebung platt macht, wie ihr in euren (heterosexuellen) Zweierbeziehungen darauf achten könnt, keine beschissenen Mechanismen aus den 1950er Jahren zu wiederholen und euch ab und zu gegenseitig auf die Schulter klopfen für die ganze Mühe, die ihr euch gebt.

Ich freue mich auf euch als feministische Verbündete.

Anmerkungen:
1.) Personen, die auf diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten achten und Ansprechpartner_innen sind.
2.) Den Betroffenen die Schuld für eine Vergewaltigung geben (zB:“Du warst betrunken“,“Deine Kleidung war zu sexy.“,“Du hast doch schon vorher mit ihm Sex gehabt.“ usw.)
3.) Sprache, die versucht, alle Geschlechter mitzudenken und einzuschließen. Auch bekannt als „gendern“.

Originaltext: http://anarchieundlihbe.blogsport.de/2012/04/24/flausch-und-schmerzen-wochenendreflektion/


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