Arthur Müller-Lehning - Der revolutionäre Antimilitarismus und die antiimperialistische Taktik

Rede Müller-Lehnings vor dem Frankfurter Kongress

Die Auffassung der Mehrheit dieses Kongresses hinsichtlich der chinesischen Frage und besonders des heutigen Konflikts mit Sowjet-Russland geht dahin, dass die Liga sich hinter die Sowjet-Regierung und die von ihr geführte Politik, auch im Falle eines Krieges, stellen soll.

Die Frage ist jedoch bis jetzt nicht berücksichtigt worden, ob der moderne Krieg für die Verteidigung eines Volkes noch brauchbar ist und inwieweit militärische Methoden für den Befreiungskampf der unterdrückten Völker noch geeignet sind.

Die Entwicklung der chinesischen Revolution berechtigt zu dieser Frage und hat bewiesen, dass das Volk sich nicht darauf verlassen soll, seine Befreiung von Generälen zu erwarten. Soeben hat der chinesische Genosse Chin Wito daran erinnert, dass in Brüssel mehrere Generäle anwesend waren, die jetzt zur Konterrevolution übergegangen sind.

In Brüssel - als die revolutionäre chinesische Armee siegreich vorrückte - haben wir auf diese Gefahr hingewiesen, und die Ereignisse haben unsere Furcht bestätigt. Die heutige chinesische Lage stellt dieses Problem - die Frage nach der Zweckmässigkeit der militärischen Methoden und des Krieges - in den Mittelpunkt einer Diskussion über die anti-imperialistische Taktik. Die missverständliche Polemik von Wijnkoop und Pollitt gegen DeLigt beweist, dass sie die Bedeutung dieser Frage nicht begriffen haben. Es ist nicht möglich, in einigen Minuten die Grundlinien dieser Taktik auch nur zu skizieren (1).

Wir wollen nur auf die unbestreitbare Tatsache hinweisen, dass jeder nationale Krieg heute zu einem neuen Weltkrieg zu führen droht, einem Weltkrieg, zu dem alle Staaten fieberhaft rüsten. Dieser moderne, wissenschaftliche, mechanisierte, chemische und bakteriologische Krieg ist nicht mehr ein Krieg von Volk gegen Volk. Der Zweck seiner satanischen Mittel, der Luftflotten und Giftgase, ist nicht mehr die feindliche Armee zu schlagen, sondern die politischen und ökonomischen Zentren des anderen Volkes zu vernichten, was die Ausrottung der Zivilbevölkerung bedeutet.

Würde es z.B. im heutigen russisch-chinesischen Konflikt zu einem Krieg kommen, dann würden davon nicht die Nankinger oder die russische Regierung und noch viel weniger die imperialistischen Intriganten und Interessenten getroffen werden, sondern das chinesische und russische Volk.

Die Aufgabe der Arbeiterschaft in allen Ländern muss es sein, den Krieg dadurch unmöglich zu machen, dass der Kriegsapparat zerstört wird durch Streik, durch Dienstverweigerung, durch Sabotage und die Stilllegung der Munitionsproduktion. Mit der Organisation des Krieges gegen den Krieg, des Konter-Krieges, muss nicht bis zum Kriegsausbruch gewartet werden, sondern es muss damit heute ein Anfang gemacht werden.

Die Rüstung der heutigen chinesischen Armee, die Zehntausende chinesischer Arbeiter und Bauern hingemordet hat, ist nur möglich gewesen durch die Mithilfe des weissen Proletariats, das die Waffen geschmiedet und transportiert und für den Wert vieler Millionen Dollar im Interesse der Rüstungskapitalisten in China importiert hat.

Deshalb muss von diesem Kongress die Forderung an die weisse Arbeiterschaft der ganzen Welt gehen, einen Anfang zu machen mit der Stillegung der Herstellung von Waffen und Munition und, wenn nötig, mit der Verhinderung ihres Transportes.

Dies wird die beste Hilfe sein, die die weisse Arbeiterschaft dem chinesischen Volk und allen farbigen Völkern, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen, zu leisten vermag. Ihr Ziel muss es sein, dem Krieg ein Ende zu machen durch Entwaffnung des Staates, welche nur erfolgen kann durch die revolutionäre direkte ökonomische Aktion des werktätigen Volkes.

Die Hauptstütze der imperialistischen Herrschaft wäre damit gestürzt.

Die Ereignisse haben bewiesen, dass die militärischen Methoden die freiheitliche Entwicklung der Revolution bedrohen. Es handelt sich doch nicht darum, dass einige Generäle "umgefallen" sind - Generäle, die noch in Brüssel laut bejubelt, später zur Konterrevolution übergingen - sondern darum, ob nicht bewiesen ist, dass der ganze militärische Apparat ungeeignet ist zur sozialen Befreiung.

Das Ziel der unterdrückten Völker soll doch sein, mittels der sozialen Revolution das ganze ökonomische Leben in ihre eigenen Hände zu nehmen und eine neue Gesellschaft aufzubauen auf der Basis eines wirklich freien Rätesystems, dessen Vorbedingungen die Vernichtung des politischen Staatsapparates ist. Denn wie die Emanzipation der Arbeiterklasse, so ist auch die Befreiung der unterdrückten Völker in erster Linie ein sozial-ökonomisches Problem, das nicht durch kriegerische Siege gelöst werden kann.

Mit grossem Interesse haben wir bei den Ausführungen des Genossen Gupta des All-Indischen National-Kongresses gehört, dass eine Erhebung gegen die englische Regierung mittels der ökonomischen Mittel des Boykotts, der Non-Co-operation und Steuerverweigerung vorbereitet wird. Der Genosse Pollitt hat sich scharf gegen diese Mittel gekehrt und sogar gesagt, sie seien die Ursache davon, dass Gelegenheiten, die Unabhängigkeit zu erobern verpasst worden seien, und sie hätten grosse Opfer gekostet. Haben aber die Methoden die Pollitt befürwortete, und die in China angewendet wurden, zu einem Erfolg geführt? Dort ist das Resultat: ein Faschismus der konterrevolutionären Generäle, der zu einer furchtbaren Hinmordung von Arbeitern und Bauern geführt hat wie in keinem anderen Lande der Welt. Wir glauben, dass gegen eine konsequente Durchführung der Non-Co-operation alle militärische Gewalt und sogar die Besetzung des Landes wirkungslos ist. Deshalb setzen wir mehr Hoffnung auf diese sozial-ökonomischen Mittel, und die Geschichte wird lehren, ob Indien nicht eher seine Ziele durchsetzen wird als China.

Wir sind keine Pazifisten und keine Anhänger irgendwelcher zweifelhaften Gewaltlosigkeit. Wir sind revolutionäre Sozialisten. Ohne Zweifel erkennen wir die historische Bedeutung der russischen Revolution, aber die russische Revolution ist für uns nicht identisch mit der heutigen Sowjet-Regierung. Dennoch fordern auch wir das Proletariat der kapitalistischen Staaten zur äussersten Wachsamkeit auf gegen ihre imperialistischen Regierungen und ihre sozialfaschistischen Handlanger der II. Internationale, um jeden Versuch Russland anzugreifen, zu verhindern.

Wir müssen es jedoch ablehnen, die Solidarität mit dem russischen Volke so abzufassen, dass wir die Politik der russischen Regierung unterstützen, und wir müssen es ablehnen, den Krieg mit Mitteln zu bekämpfen, die dazu führen, ihn erst richtig auf einer Weltbasis zu organisieren.

Unsere Haltung ist klar und kann nur absichtlich missverstanden werden. Wir wollen den äussersten Kampf gegen jede Kriegsvorbereitung, auch gegen Russland, aber mit Mitteln, die den Krieg unmöglich machen. In dem Kampf gegen den Imperialismus stehen wir Schulter an Schulter mit den unterdrückten Völkern.

Die Bewegung, die ich hier vertrete, hat sich bereits am Anfang dieses Jahrhunderts für die vollkommene Unabhängigkeit der Kolonialvölker erhoben. In Holland war sie die erste proletarische Organisation, die für die Unabhängigkeit Indonesiens eintrat. Das Internationale Antimilitaristische Büro arbeitet eng zusammen mit der Internationalen Arbeiter-Assoziation, der syndikalistischen Internationale von Berlin, in der mehrere Hunderttausende revolutionärer Arbeiter in zwei Weltteilen organisiert sind.

Auf diesem Kongress sind Organisationen, die Millionen Arbeiter und Bauern vertreten, die demselben Standpunkt huldigen.

Pollitt hat am Schluss seiner Rede erklärt, dass in der Liga für alle revolutionären antiimperialistischen Organisationen Platz ist. Es arbeiten in dieser Liga Kolonialvölker, die verschiede Methoden im Kampfe für ihre Unabhängigkeit benützen, zusammen mit weissen Arbeiterorganisationen, die verschiedene Mittel anwenden im Kampf gegen den Imperialismus.

Pollitt hat gesagt: Die Liga ist keine kommunistische Mache, sondern eine Vereinigung aller anti-imperialistischen Kräfte. - Wenn dies so ist, dann darf sie sich nicht unter die Diktatur einer parteipolitischen Richtung und unter die Diktatur einer bestimmten Regierungspolitik stellen... Dann muss der föderative Charakter in den Resolutionen und der prinzipiellen Basis zum Ausdruck kommen. Ich hoffe, dass man Richtlinien entwirft, die es auch denjenigen anti-imperialistischen Organisationen, die nicht der Moskauer Partei-Doktrin huldigen, ermöglichen, in der Liga zu bleiben. Dass man eine Basis findet

zum gemeinsamen Kampf für die vollkommene soziale Befreiung der unterdrückten Klassen und Rassen der ganzen Erde, zum gemeinsamen Kampf nicht nur gegen jeden Imperialismus, sondern auch gegen jedes kapitalistische System und gegen jeden Krieg.

Fußnote:
1) Die Redezeit in der Diskussion war auf zehn Minuten beschränkt.

Anmerkung www.anarchismus.at: Der Text wurde in "Der Syndikalist. Organ der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)", Berlin, Nr. 36, 7.9.1929 publiziert

Originaltext: http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a31.html


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