Arthur Müller-Lehning - Über Antimilitarismus, Revolution und Arbeiterbewegung (1924)

Die heutige Kommunistische Partei kann und will den Militarismus nicht bekämpfen, weil sie die meist militaristischsten und gewalttätigsten Methoden anwenden will, um ihr Ziel, die Eroberung der politischen Macht (die für sie die soziale Revolution bedeutet) zu verwirklichen. Sie will die Produktionsmittel des Todes, den ganzen militärischen Machtapparat nicht vernichten, sondern diese der herrschenden Klasse entreißen. Dies bedeutet, daß sie bei der Anwendung ihrer Gewaltmittel natürlich nicht hinter denen des Imperialismus zurückstehen kann.

Henriette Roland Holst hat bereits in einer Untersuchung über die Kampfmethoden der sozialen Revolution (1918) darauf hingewiesen und in unübertrefflicher Weise auseinandergesetzt, daß der revolutionäre Sozialismus die Ansicht überwinden muß, daß er mit allen Mitteln, welche es auch sein mögen, sein Ziel erreichen kann, daß mit diesen Methoden die soziale Revolution mit derselben Notwendigkeit versagen muß, als der Irrtum der Reformisten, die meinten, daß die Größe und die Vollkommenheit ihrer Organisationen das Proletariat unbedingt zum Siege führen würde.

Jede militärische Organisation wird unumgänglich ein Instrument, das die Freiheit der Masse bedroht oder angreift. Deshalb muß nicht nur der Militarismus tatkräftig bekämpft werden, sondern jede militärische Organisation muß verworfen werden. Es wird für das Proletariat keine Befreiung geben, solange es sich nicht vollkommen lossagt von dem Glauben, in der Waffengewalt eines der Mittel zu sehen, die die Volksmassen zum Siege führen müssen (Vergl. Henriette Roland Holst: "De strijdmiddelen der sociale revolutie, Verlag Bos & Co, Amsterdam).

Wort für Wort findet man hier eine Bestätigung für die Notwendigkeit der revolutionär-antimilitaristischen Taktik im Klassenkampf. Wort für Wort ist es eine Verurteilung der Politik, die die Sowjetregierung seit 1919 geführt hat, Wort für Wort ist es eine Verwerfung der heutigen Taktik der Kommunistischen Partei.

Die heutige Kommunistische Partei hat auch nichts mehr gemein mit dem Spartakusbund, noch mit seinen Gründern. Über die Einführung des Sozialismus durch die diktatorische Macht einer Regierung sagt Rosa Luxemburg in ihrer Programmrede auf dem Gründungsparteitag der K.P.D.:

"Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden durch Dekrete, auch nicht von einer noch so ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muß durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo sie an die Kette des Kapitalismus geschmiedet sind, dort muß die Kette zerbrochen werden."

Und in dem Spartakusprogramm heißt es: "Der Spartakusbund ist keine Partei, die über der Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will."

Ich weise auf dies alles nur mit einem Worte hin, weil sich auch hier wiederzeigt, wie sehr die revolutionär-antimilitaristische Taktik, die konsequente Kriegsbekämpfung unlöslich mit den Kampfmethoden der sozialen Revolution verbunden sind.

Der (1. Welt-) Krieg hat bewiesen, daß der Weg, den das Proletariat ging, nicht der Weg seiner Befreiung, nicht der Weg der Befreiung vom Kriege war. Es gibt für die Befreiung des Proletariats kein anderes Heil als die ökonomischen Kampforganisationen, als Selbstorganisation, als internationaler revolutionärer Klassenkampf. Es gibt auch keinen anderen Weg, den Krieg zu bekämpfen. Man muß sich von der Utopie befreien, daß der Staat "absterben" würde durch eine ungekannte zentralistische Staatsdiktatur. Man muß sich von der Utopie befreien, daß die Freiheit zu verwirklichen sein würde durch den Despotismus.

Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein - von keinem Staat, von keinem nationalen oder internationalen Parlament, von keiner politischen Partei kann die Arbeiterklasse die Befreiung erwarten. Sie wird sich auch nur selbst befreien können von der furchtbaren Geißel, die sie zu vernichten droht - von dem Krieg.

Und wer den Krieg wesentlich bekämpfen will, muß die prinzipielle Umwälzung dieses ganzen gesellschaftlichen Systems wollen, "in einem Wort, man muß die soziale Revolution akzeptieren in all ihren Konsequenzen."

Der August 1914 brachte den Bankrott des offiziellen Sozialismus. - Das war das Schlimmste nicht. Millionen starben für eine Lüge, auch das war vielleicht das Schlimmste nicht.

Am 15. August 1914 publizierte das schwedische Blatt "Brand" ein anarchistisches Manifest (Vergl. Die Internationale und der Weltkrieg. Materialien gesammelt von Carl Grünberg, S. 289), in dem gesagt wird, daß die Tausend, die mit gebeugtem Nacken den Tod jetzt erwarten, tausendmal gehört haben, wie der Krieg hätte verhindert werden können, und das mit den Worten endet:

"Einmal richten sich doch wohl noch die Arbeiter der ganzen Welt aus Blut und Tränen empor, aufs neue gedenken wir aus dem Chaos uns zu erheben, das die Gewaltpolitik geschaffen hat, und dann bringen wir eine teuer erkaufte, aus dem Schlünde der Hölle selbst geholte Erfahrung mit, eine Erfahrung, Genossen, die mit donnernder Stimme, doppelt gewaltig uns ruft zum Kampf wider die verbrecherische kapitalistische Gesellschaftsordnung, die erste und letzte Ursache dieses Weltunglücks ist. Mögen wir dann zeigen, was wir gelernt haben, und daß das Blut nicht vergebens geflossen ist."

Das ist das Schlimmste, das ist das unbegreiflich Fürchterlichste dieses Krieges. Dort stehen wir heute. Morgen vielleicht bricht die Hölle wieder los. Vielleicht war der Weltfriedenskongreß im Haag bereits ein zweites Basel. Man wird "Nieder mit dem König" rufen und gegen die "Kulturschande" protestieren - und dann werden wieder alle marschieren.

Herzen hat einmal das prophetische Wort gesprochen: "Ihr habt den Sozialismus nicht gewollt, nun gut, so werdet ihr den Krieg haben."

Der Weg, den die Arbeiterklasse heute geht, ist der Weg zu neuem Krieg und neuem Untergang.

Aus: Arthur Müller-Lehning: Die Sozialdemokratie und der Krieg. Der revolutionäre Antimilitarismus in der Arbeiterbewegung, Verlag "Der Syndikalist" Fritz Kater, Berlin 1924, S. 23- 24

Originaltext: Degen, Hans-Jürgen: „Tu was du willst“. Anarchismus – Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Verlag Schwarzer Nachtschatten 1987. Digitalisiert von www.anarchismus.at


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