Anarchismus und Klassenkampf

Es ist alter Brauch in der sozialdemokratischen Presse, den Anarchismus in den Geruch zu setzen, er sei nichts als ein übler Auswuchs des kapitalistischen Liberalismus. Diese Marxisten, die sich mit ebenso viel Stolz wie Unrecht als die „wissenschaftlichen Sozialisten" bezeichnen, tun von jeher so, als sei der Klassenkampf ihre Domäne, und als sei ihre Theorie dem Klassenbewusstsein des Proletariats unmittelbar entsprungen. Der Klerus kann nicht ängstlicher die Vorherrschaft seiner alleinseeligmachenden Kirche verteidigen als die Sozialdemokraten ihr Monopol des Klassenkampfes.

Da ist von besonderer Bedeutung das, was das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie über den französischen Gewerkschaftskongress zu berichten gezwungen ist, der dieser Tage in Bourges tagte. Auf diesem Kongress wie in der französischen Arbeiterbewegung überhaupt fällt die ausschlaggebende Rolle den Anarchisten zu.

Ihrem unablässigen Wirken, ihrer Agitation und Organisation ist es gelungen, die Elite des französischen Proletariats aus den Klauen der politischen Parteibewegung emporzureissen, in der es nichts weiter war als ein willenloser Spielball der bürgerlichen Interessengruppen der Republik.

Während die sozialdemokratische Richtung durch ihre politsche Taktik sich total korrumpiert und zersprengt sieht, haben die Anarchisten es vermocht, dem revolutionären Klassenkampf in der französischen Gewerkschaftsbewegung einen festen, von Tag zu Tag wachsenden Boden zu schaffen. Nichts anderes als das wollen aber wir in Deutschland. Deshalb können wir mit Genugtuung darauf hinweisen, wenn der sozialdemokratische Pariser Korrespondent des sozialdemokratischen „Vorwärts" berichten muss: „Wie die Leitung der Konföderation*) in den Händen der Gewerkschafts-Anarchisten ruht, so gehörte ihnen auch die Führung des revolutionären Flügels in Bourges."

„In Bourges konnte man den Pulsschlag des kämpfenden Proletariats von ganz Frankreich deutlicher vernehmen, seine Gedanken, Gefühle und Bestrebungen allseitiger und gründlicher kennen lernen als auf irgendeinem anderen Arbeiterkongress. Bei der Zerklüftung der politischen Arbeiterbewegung bieten die Parteitage der einzelnen Organisationen sozusagen nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtbilde des Proletariats. Anders auf den Gewerkschaftstagen, wo alle Richtungen und Schattierungen vertreten sind. Und in Bourges war diese Vertretung vollständiger und zahlreicher denn je."

„Hier wurde am wenigsten um diese oder jene spezifisch gewerkschaftliche Frage gestritten. Das gewerkschaftliche Gebiet und die gewerkschaftlichen Argumente dienten vielmehr dem Kampfe um die grossen Richtungs1inien der proletarischen Bewegung, einem Kampfe, der — mutatis mutandis — dem Konflikt zwischen den Hauptrichtungen des französischen und weiterhin des internationalen Sozialismus entspricht."

„Die Kongressschlacht und ihr Ausgang haben ... die klare Bedeutung einer scharfen Absage an die gewerkschaftliche Harmonieduselei alter und neu modischer Art, einer gründlichen Zurückweisung des Versuches, die Konföderation in das reformistische, regierungsfreundliche Fahrwasser hinüberzuleiten. Ungeachtet der anarchistischen oder antipolitischen Sonderüberzeugungen der leitenden Elemente der Konföderation, bedeutet die erdrückende, mehr als Zweidrittelmehrheit der Mandate, die sich um den konföderalen Vorstand geschart ... hat, vor allem einen Sieg des proletarischen Klassenbewusstseins über die Bestrebungen, den wirtschaftlichen Kampf des Proletariats in ähnlicher Weise zu verbürgerlichen, wie der ministerielle Sozialismus den politischen Kampf des Proletariats zu verbürgerlichen sucht."

Als ein grundlegender Irrtum im letzten Satze dieses Ausschnitts ist zu berichtigen, dass nicht „der ministerielle Sozialismus den politischen Kampf des Proletariats verbürgerlicht", sondern dass vielmehr der politische Kampf den Sozialismus bis ins ministerielle Fahrwasser verbürgerlicht.

Der alte Lug und Trug sozialdemokratischer Arbeiterführer bricht zusammen.  Seit den Tagen der Internationalen Arbeiter-Assoziation hat er die besten Kräfte der Arbeiterbewegung miteinander verhetzt, den verderblichsten Bruderkrieg im Lager der kämpfenden Arbeiterklasse entfacht. Nun muss er doch an der Macht der  Wahrheit, vor dem Druck der Tatsachen zu schänden werden.

Der Anarchismus d. i. der anti-politische, freie Sozialismus ist nicht nur auch ein Träger des Klassenkampfes, nein, er vielmehr der alleinige echte Träger desselben.

„Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein" - wer anders als der Anarchismus steht heute noch so unerschütterlich wie nur je bei diesem Leitsatz des revolutionären Sozialismus.

„Das Streben der Konföderation, die politische Organisation des Proletariats zu verdrängen oder überflüssig zu machen, findet seinen schärfsten Ausdruck in jener Zentralidee, die den Generalstreik an Stelle der Eroberung der politischen Macht setzt" sagt der oben zitierte „Vorwärts"-Korrespondent sehr richtig. In diesem Streben sind die Anarchisten aller Länder einig.

Wenige Tage früher hat der „Vorwärts" den Berichten aus Italien Raum geben müssen, in denen die Generalstreik-Aktion der italienischen Arbeiterklasse gebührend verherrlicht, und so die Bedeutung der „anarchistischen Zentralidee" des wirtschaftlichen Kampfes anerkannt wurde.

Man denke nun daran, in welch wütender, vor ärgster Unwahrheit nicht zurückschreckender Weise derselbe „Vorwärts" und mit ihm die ganze deutsche sozialdemokratische Presse unser Bestreben angeifert, die deutsche Arbeiterbewegung auf den Weg des sozialistischen Klassenkampfes zu weisen. Nur die unerhörte Dreistigkeit, mit welcher diese Doppelzüngigkeit verübt wird, vermag die Arbeiter über die Erkenntnis derselben hinweg zu verblüffen. Doch auch das wird nicht mehr lange ziehen.

Die Entwickelung der Dinge in der internationalen Arbeiterbewegung ist zur Zeit eine so lebhafte, dass es den deutschen Arbeitern erspart bleiben wird, erst im Sumpfe bürgerlicher Politik völlig zu versinken, um die Wiedergeburt einer revolutionären Arbeiterbewegung zu erleben.

Es fehlt vielleicht nur ein verhältnismässig kleiner Anstoss, um diese Wiedergeburt unmittelbar herbeizuführen. Der Anarchismus wird die politische Bewegung der Sozialdemokratie in das Hintertreffen drängen.

Den Anarchisten Deutschlands hat nie grössere Arbeit, aber auch nie so sicherer Erfolg gewinkt als jetzt, wo die Notwendigkeit wirtschaftlichen Klassenkampfes überall Verständnis zu finden beginnt.

*) Die "Allgemeine Konföderation der Arbeit" ist die gewerkschaftliche Landesorganisation der französischen Arbeiterklasse.

Aus: Der freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 39, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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