Die anarchistische Auffassung des gewerkschaftlichen Kampfes

Zwei Konflikte mit dem Unternehmertum erschüttern zur Zeit zwei der bedeutendsten Organisationen der Berliner Gewerkschaftsbewegung. Möbeltischler und Metallarbeiter sind von dem organisierten Kapital durch Aussperrungen angegriffen worden und haben versucht, diese Angriffe durch Streiks zu parieren, d.h. sie haben zum Teil mit den ausgesperrten Mitgliedern auch die nichtausgesperrten aus den Fabriken zu ziehen versucht.

Der Kampf ist also ein solcher, wie er in neuerer Zeit dort sich gestaltet hat, wo die Unternehmer sich zusammengeschlossen haben, um in gemeinsamer Aktion die Forderungen der Arbeiter abzuwehren und deren Organisation zu vernichten. Es ist die schärfste Art des Klassenkampfes: die Unternehmer haben aus den Aktionen der Arbeiter gelernt und, alle Konkurrenzbedenken bei Seite schiebend, schliessen auch sie sich solidarisch zusammen gegen den gemeinsamen Gegner, die Arbeiter, die immer dringender und nachdrücklicher ihre Forderungen stellen und zu erzwingen suchen.

Der wirtschaftliche Kampf ist damit in ein Stadium getreten, das die höchsten Anforderungen an den Ernst und die Klarheit der Kämpfenden stellt: die Gegner kennen gegenseitig ihre Kräfte, sie wissen, was sie wollen, und sie verlieren keinen Moment ihr Ziel aus dem Auge. Das wenigstens verlangt der Kampf.

Nun ist es interessant, zu beobachten, wie weit in jedem einzelnen Falle die kämpfenden Parteien den Anforderungen desselben sich gewachsen zeigen, wie weit von ihnen der Ernst der Situation erfasst, und mit wie viel Energie dem Ziele zugestrebt wird, dem Ziele, das für die Unternehmer die Vernichtung der Arbeiterorganisation ist, für die Arbeiter aber die Befreiung von dem Joch der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Man braucht diese Sachlage nur festzustellen, um für die erwähnten gegenwärtigen Kämpfe der Metallarbeiter und Möbeltischler einen Massstab zu haben. Und man braucht diesen Massstab an jene Kämpfe nur anzulegen, um zu begreifen, dass auf seiten der Arbeiterorganisationen nicht der klare Blick und die zielsichere Energie vorhanden ist, die allein vermag, für die Arbeiterbewegung fruchtbare Folgen aus solchen Kämpfen zu ziehen, sei es, dass sie mit einem Siege, oder sei es, dass sie mit einer Niederlage enden. Das alte bequeme Schema der Herren Gewerkschaftsführer kommt auch diesmal zur Anwendung: die Unternehmer werden einfach als dumme Kerle hingestellt, mit denen die Neunmalweisen von der Verbandsleitung natürlich spielend leicht fertig werden, — ja es wird sogar vor den Arbeitern höhnend behauptet, es mangle den „Kühnemännern", d.h. den organisierten Metallindustriellen, an „Kleingeld"!

Gibt es etwas, was törichter ist als eine solche Täuschung der Arbeiter über die Kräfte des Gegners? Die  Führung dieser gegenwärtigen Kämpfe drückt sie auf eine Stufe herunter, auf der die Tiefe und die Tragweite des gewerkschaftlichen Kampfes nicht mehr zu verspüren und an seine Stelle eine kleinliche Politik des Nörgelns und der Verdrehung der Tatsachen tritt.

„Das aussprechen, was ist! " — lautete ein Grundsatz Lassalles. Die kleinlichen Arbeiterführer von heute haben ihn vergessen. In voriger Nummer konnten wir hinweisen auf die Bedeutung, welche der anarchistischen Gewerkschaftstaktik, wie sie bei der Leitung der französischen Gewerkschaften zur Geltung gelangt ist, selbst von sozialdemokratischer Seite zugestanden wird. Nun, wir halten es für das grösste Erfordernis in der deutschen Arbeiterbewegung, dass diese Taktik auch
hier bei uns sich Bahnbricht. Dazu aber gehört zuerst und vor allem, dass jeder gewerkschaftliche Kampf das Gepräge des sozialistischen Klassenkampfes trägt, d.h. dass, gleichgültig, welcher Art die jeweiligen Forderungen der Arbeiter auch sein mögen, dieselben ausgesprochenermassen für Notbehelfe erklärt und die Verwirklichung einer freien sozialistischen Produktionsweise angestrebt wird.

Mit diesem Ziel vor Augen lernt der Arbeiter die Macht des Kapitalismus erst richtig würdigen und begreift, wie sehr er seine und die Kräfte seiner Klasse noch zu verstärken habe, um zur endgültig siegreichen Aktion reif zu sein. An nichts krankt die deutsche Arbeiterbewegung mehr als an der Unterschätzung der Festigkeit des kapitalistischen Systems und der Überschätzung der eigenen Kräfte. Sind doch die bestehenden Gewerkschaftsverbände bisher weiter nichts als Anhäufungen träger, lebloser Massen.

Es gilt erst Leben in sie zu bringen. Verkleinerung der feindlichen Mächte, der Wahn, die eigene Organisation sei bereits ein glänzender Faktor im wirtschaftlichen Kampf, — das beides mag so manchem Gewerkschaftsführerchen zum Nimbus einer Grösse verhelfen, dem Interesse der Arbeiter schadet es, denn es wiegt sie in den verhängnisvollen Dusel, als sei die Hauptarbeit schon geleistet und als könne das übrige der Weisheit der Führer überlassen bleiben.

Die anarchistische Gewerkschaftstaktik will jeden Einzelnen zum Bewusstsein der Wichtigkeit jedes wirtschaftlichen Kampfes erzogen wissen. Nur eine aus so erzogenen Kämpfern bestehende Gewerkschaftsarmee vermag die Ziele der Freiheit und des Sozialismus zu verwirklichen.

Aus: Der freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 40, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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