Die anarchistische Organisation des Klassenkampfes

Es ist ein oft gebrauchter Einwand zugunsten der zentralorganisierten Gewerkschaften, dass im wirtschaftlichen Kampfe die weiteste, einheitliche Zusammenfassung der Arbeiter eine Notwendigkeit sei; besonders richtet sich dieser Einwand gegen die Lokalorganisationen, denen gleichzeitig daraus der Vorwurf erwächst, dass sie durch Verläpperung der Kräfte das gewerkschaftlich organisierte Proletariat in seinem Vorwärtsschreiten hemmen und schädigen.

Ganz abgesehen davon, dass dies schon deshalb nicht zutrifft, weil gerade die in ihrer Wirksamkeit auf bestimmten engen Raum konzentrierte Lokalorganisation die Einzelnen stärker heranholt und intensiver zu energischem Kampfe erzieht, - verlohnt es, die praktische Tätigkeit der zentralen Organisationen daraufhin anzusehen, wie weit das gerühmte einheitliche Zusammenfassen zur Tatsache wird, wenn es für die Arbeiter gilt, dem Unternehmertum entgegenzutreten.

Das Gros der gewerkschaftlich organisierten deutschen Arbeiter ist bekanntlich in den Zentralverbänden vereinigt. Aber wir sehen gerade in Deutschland die Verläpperung des wirtschaftlichen Kampfes am weitesten gediehen. Ja, man kann sagen: es gebricht dem Proletariat nirgends mehr an einheitlicher Aktionsfähigkeit, als in jenen Ländern, in denen die Zentralisation der Arbeiterbewegung die grössten Fortschritte gemacht hat, und braucht dabei ausser auf Deutschland nur noch auf England hinzuweisen.

In voriger Nummer haben wir an den augenblicklichen Kämpfen der Berliner Metallarbeiter und Möbeltischler gezeigt, wie weit die Kämpfe der Gewerkschaften entfernt sind vom Charakter des ernsten sozialistischen Klassenkampfes, dass sie kleinen und kleinlichen Nörgeleien immer ähnlicher geworden sind. Wir haben auf die anarchistische Gewerkschaftstaktik hingewiesen, die dem wirtschaftlichen Kampf seinen revolutionären sozialistischen Charakter wieder gibt, und die aus stumpfen unselbständigen Mitläufern begeisterte, zielbewusste Kämpfer machen will.

Ausser Metallarbeitern und Möbeltischlern stehen in Berlin augenblicklich auch noch andere Arbeiterkategorien im Kampf, so die Klavierarbeiter und die Müllkutscher. Wie denn überhaupt kleine Streiks und Aussperrungen in den letzten Jahren immer häufiger geworden sind, so dass zu jeder Zeit eine ganze Reihe solcher Kämpfe die Berliner Arbeiterbewegung beschäftigen.

Wie naheliegend ist hier der Gedanke einer Vereinheitlichung des Gewerkschaftskampfes. Aber hier, wo die Verläpperung der Kräfte zur greifbaren Tatsache geworden ist, wo sich die etwa vorhandene Begeisterung organisierter Arbeiter in geradezu fruchtlosem Kleinkampf aufreibt, verhindern die Vorstände der Zentralverbände jeden Versuch, die Kämpfe zu vereinheitlichen. Alle Mittel sind ihnen recht zur Vereitelunng unserer Agitation, die auf das Zusammenballen der kämpfenden Arbeiterscharen zu umfassendem, wuchtigem Gewerkschaftskampf abzielt.

In einer Richtung hat die zunehmende zentrale Organisation der deutschen Arbeiter allerdings zu einer Vereinheitlichung geführt: Das ist in Bezug auf die Entschliessung, auf den Willen zum Kämpfen. Da haben die Zentralverbände ihren Leitern alle Initiative gewissermassen in eine Hand gegeben. Da herrscht rücksichtslos ein Wille, nämlich der des Zentralvorstandes, dem gegenüber nichts anderes aufzukommen vermag. Diese Vereinheitlichung ist aber ein Kardinalübel der Arbeiterbewegung. Denn die Erfahrung zeigt, dass die damit Hand in Hand gehende Bürokratie des Führertums der Begeisterung totfeind ist.

Bedächtigkeit, ja Ängstlichkeit sind an ihre Stelle getreten, so dass entscheidende Aktionen immer seltener geworden sind. Seltener in demselben Masse, wie ein richtiges Führer - Protzentum aufgekommen ist. Im Gegensatz zu den leitenden Prinzipien solcher Arbeiterorganisationen verlangen wir die Auflösung der zentralen Erstarrung und die Beschlussmündigkeit kleiner Organisationsgruppen.

Die Vereinheitlichung des Kampfes ist abhängig von der Solidarität, die die vorhandenen Gewerkschaftsgruppen zusammenschweisst. Solidarität, aber ist kein Produkt organisatorischer Gebundenheit, sondern einzig die Frucht freiesten Zusammenschlusses.

Wir wissen sehr wohl, dass die Aktionsfähigkeit, deren die Arbeiterschaft zu ihrer Befreiung von Lohnknechtschaft und Staatsbeherrschung bedarf, nicht über Nacht in sie fährt. Kein sozialdemokratischer Parteispiess kann mehr gelacht haben wie wir, als vor kurzem jener famose Karl Wiesenthal, jenes Musterexemplar eines unfähigen Arbeiterführers, in einem plötzlichen Anfall revolutionärer Raserei (oder war es ein Rückfall?) gegen die Streikposten sistierende Berliner Polizei einen kleinen Generalstreik
empfahl.

Aber eben weil der wirtschaftliche Klassenkampf, wie wir Anarchisten ihn wollen, eine Reorganisation der gesamten Gewerkschaftsbewegung voraussetzt, ist unsere Agitation eine so dringende. Wer uns Utopisten, haltlose Träumer nennt, weiss nicht, was wir wollen. Die an-archistische Taktik ist die wahrhaft praktische. Utopisten sind diejenigen, die glauben, mit einer entmündigten, begeisterungslosen Masse, wie sie die gegenwärtigen Gewerkschaftsverbände erzogen haben, zum Be- freiungswerk der arbeitenden Klasse schreiten zu können. Utopisten sind sie — wie gesagt — wenn sie das ernsthaft glauben.

Sagen sie es nur, und glauben sie es selbst nicht, dann sind sie Schlimmeres: nämlich Betrüger. Wir sind überzeugt, dass beide, Zentristen, Utopisten und dito Demagogen in nicht allzu ferner Zeit abgewirtschaftet haben werden, und wollen unser Bestes tun, das zu beschleunigen, und damit die Wiedergeburt einer revolutionären Arbeiterbewegung herbeizuführen.

Aus: Der freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 41, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.


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